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opthema: Die Zauberkraft der Elternliebe


Baby & Co. - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 18.03.2020

Geborgenheit, Sicherheit und Zärtlichkeit machen kleine Leute stark fürs Leben - und ihre Mamas und Papas glücklich. So gelingt von Beginn an eine stabile Bindung


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Es ist 15 Uhr. Meine Tochter ruft mich im Büro an. Sie brauche ein neues Deutschheft. Mit Rand und Lochung. „Schatz, sag mir das doch heute Abend zu Hause“, antworte ich ihr. Darauf meint sie: „Okay. Tschüs, Mamilein. Ich wollte ja auch nur mal deine Stimme hören. Wir gehen jetzt sowieso gleich los zum Fussi-Training.“ Ein Gespräch von kaum einer Minute. Und doch so schön. Ich kann meiner fast dreizehnjährigen und bereits sehr coolen Tochter („Mama, chill mal!“) offenbar noch immer das Gefühl von Geborgenheit und Aufgehobensein geben. Das fühlt sich gut an.

SICHERER RÜCKHALT

Ich muss an die Zeit denken, als sie noch klein war. Sechs Monate hat sie bei uns im Familienbett geschlafen. Und in den Babygruppen wollte meine kleine Dame immer am liebsten bei mir auf dem Schoß sitzen bleiben und erst mal gucken. Sie war ein besonders vorsichtiges Kind, aber ich bin gern und ausdauernd ihr sicherer Hafen gewesen. Heute braucht sie mich nur noch ein paar Minuten am Tag. Eine gelungene Bindung fühlt sich nicht nur gut an. Entwicklungspsychologen haben herausgefunden, dass sie für ein Kind eine ganz wichtige Voraussetzung ist, um sich gut zu entwickeln und seine Glücks- und Leistungspotenziale auszuschöpfen. Auf vielfältige Weise sorgt eine sichere Bindung in den ersten Lebensjahren dafür, dass ein Mensch in seinem Leben gut seinen Weg findet.

„Urvertrauen“ hat der deutsch-amerikanische Kinderpsychologe Erik H. Erikson dieses Gefühl genannt. Es entsteht, wenn ein Kind in den ersten zwei Lebensjahren die Erfahrung macht, dass seine Eltern angemessen und zeitnah auf seine Signale reagieren und seine Bedürfnisse nach Nähe, Nahrung und Anregung feinfühlig erfüllen. Dann entwickelt sich das Baby zu einem zufriedenen Menschen, der später im Leben Krisen und Schwierigkeiten souverän bewältigen kann.

BINDUNG ALS BASIS

Sicher gebundene Kinder können ihre Gefühle gut wahrnehmen und regulieren. Und sie lernen oft auch leichter. Entwicklungspsychologen sagen deshalb auch: „Bindung geht der Bildung voraus.“ Die schönsten Förder- oder Lernprogramme nützen wenig, wenn sie nicht in eine vertrauensvolle, stabile Beziehung zu den Eltern eingebettet sind.

Studien belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Feinfühligkeit der Eltern in der Babyzeit und der Intelligenz des Kindes im Vorschulalter gibt. Je nachdem, welche Sinneseindrücke ein Baby hat und welche Erfahrungen es sammelt, werden im Gehirn bestimmte Neuronen genutzt und neuronale Netzwerke ausgebildet, die im späteren Leben mitbestimmen, wie dieser Mensch denkt und sich verhält. „Die gesammelten Bindungserfahrungen der ersten Lebensjahre formen das Weltbild eines Kindes“, sagt die Humanethnologin Evelin Kirkilionis.

LIEBE MACHT STARK

Menschen, die sich als Babys und Kleinkinder der Liebe und Fürsorge ihrer Eltern nicht sicher sein konnten, haben es deshalb im Leben oft schwerer als andere. Sie sind vielleicht schneller gereizt, haben eine niedrigere Frustrationsschwelle, haben mitunter Schwierigkeiten, eine erfüllende Partnerschaft zu führen, und ruhen weniger in sich selbst. Die Liebe und Fürsorge, die Eltern ihren Kindern in der ersten Zeit schenken, ist also ein wahrer Schatz fürs Leben.

Noch vor ein, zwei Generationen wurde all dem viel weniger Bedeutung beigemessen. In Geburtsvorbereitungskursen waren vor allem Hygiene und die korrekte Babypflege Thema. War das Kleine auf der Welt, wurde es zunächst gewaschen, in einen Strampler verpackt und dann erst der frischgebackenen Mutter überreicht. Das ist heute zum Glück anders. Das Neugeborene darf auf Mamas Bauch liegen; Papa, Mama und Kind können sich direkt nach der Geburt in Ruhe kennenlernen. Denn heute weiß man: Bei diesem allerersten Blickkontakt, dem Kuscheln und Saugen an der Brust wird das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet, das die emotionale Nähe fördert und die körperliche und seelische Entwicklung des Babys positiv beeinflusst. Neugeborene sind dadurch nachweislich ruhiger, entspannter und schreien weniger.

Das sogenannte „Bonding“ (englisch für „Verbindung“) fördert auch die Kompetenz der Eltern. Die Erfahrung, „Ich kann mein Baby beruhigen. Es fühlt sich wohl bei mir“, macht sie selbstbewusst, gelassen und geduldig.

Ganz wichtig: Niemand sollte sich Sorgen machen, wenn diese erste Kontaktaufnahme nicht völlig harmonisch abläuft oder ganz ausfällt, etwa, weil eine Vollnarkose bei einem Kaiserschnitt sie unmöglich gemacht hat. Manche Frauen sind so kurz nach der Geburt gar nicht in der Lage, sich auf ihr Baby einzulassen, weil sie zu erschöpft sind. Ein schlechtes Gewissen braucht deshalb niemand zu haben. Das intime Kennenlernen kann später auf der Entbindungsstation oder sogar zu Hause nachgeholt werden. Es gilt: Das Bonding direkt nach der Geburt ist ein wunderbarer, stärkender Anfang. Aber für eine gute Eltern-Kind-Bindung sind die unzähligen Stunden, die nun folgen und in denen Eltern und Kind lernen, ihr Verhalten aufeinander abzustimmen, genauso wichtig und prägend.

Studien zeigen: Eltern, die den „magischen ersten Augenblick“ nicht erleben konnten, holen auf. „Nach wenigen Wochen und Monaten waren die zuerst beobachteten Unterschiede im Verhalten und Empfinden verschwunden“, berichten die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Rose Riecke-Niklewski und die Verhaltensbiologin Dr. Elke Brüser.

PROBLEME ERKENNEN

Zu einer Bindungsstörung kann es kommen, wenn Eltern in der ersten Zeit nach der Geburt schmerzliche Trennungen oder starken Stress verarbeiten müssen. Dann kann es sein, dass ihre Ressourcen so erschöpft sind, dass es ihnen schwerfällt, angemessen auf ihr Kind einzugehen. Auch Eltern, die selbst eine schwierige Kindheit hatten, können Probleme haben, sich liebevoll auf ihr Baby einzulassen. Und man schätzt, dass hierzulande zehn bis 15 Prozent aller Mütter nach der Geburt an einer postnatalen Depression leiden, die es ihnen fast unmöglich macht, sich zugewandt um ihr Baby zu kümmern. Babys brauchen aber von ihren Eltern unbedingt Reaktionen auf ihre Äußerungen und die Erfahrung: „Ich werde verstanden!“

Wenn ein Baby von seinen Eltern die richtige Antwort bekommt, ist das Stressabfuhr pur. Der kleine Mensch entspannt sich und fühlt sich sicher und geborgen. Wenn seine Mama aber auf sein Lächeln und freudiges Ärmchenrudern gar nicht eingeht, sondern es mit unbewegter Miene versorgt, „verstummt“ das Baby nach und nach - die Kommunikation wird schwächer, das Baby ist verunsichert. Stresshormone durchfluten seinen Körper, der Herzschlag bleibt hoch, der Stressabbau findet nicht statt. Langfristig bildet sich das Stressregulationssystem in seinem Körper anders aus. Man hat herausgefunden, dass solche Kinder später in der Schule oft leichter erregbar sind und schon auf kleine Reize instabil reagieren.

Das alles bedeutet nicht, dass es schicksalhafte, unabwendbare Verläufe gibt. Wichtig ist, Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und sich beraten und unterstützen zu lassen. Der Psychologe Prof. Matthias Franz etwa hat an der Uni Düsseldorf das Elterntraining „wir zwei“ entwickelt, das sich speziell an Alleinerziehende wendet (www.wir2-bindungstraining.de). Im Mittelpunkt stehen dabei Bindung, Beziehung, Gefühle.

Der Münchner Bindungsforscher Prof. Karl Heinz Brisch hat den Elternkurs SAFE® (www.safe-programm.de) ins Leben gerufen, in dem schon werdende Eltern lernen, die Signale ihres Babys zu deuten und feinfühlig darauf zu reagieren. Beide Programme werden deutschlandweit angeboten. Aber auch lokale Beratungsstellen helfen mit Rat und Tat weiter.

AKTIVE SÄUGLINGE

Interessant ist: Babys sind mitnichten nur passive Empfänger von Liebe und Zuwendung. Obwohl sie nicht sprechen oder bewusst und planvoll agieren können, verfügen sie doch von Anfang an über ein Verhaltensrepertoire, das ihnen dabei hilft, die überlebenswichtige Fürsorge und Aufmerksamkeit von ihrer Umwelt zu erhalten. Dazu animieren Babys uns, indem sie schreien, glucksen oder den Blick abwenden. Und mit ihrem bezaubernden Säuglingslachen vermitteln sie uns, dass wir unseren „Job“ gut machen. Ein Gefühl der Bestätigung, das Eltern dringend brauchen, um trotz aller Anstrengungen und Schwierigkeiten in der ersten Zeit geduldig, zugewandt und liebevoll zu bleiben.

Und Babys „verführen“ uns mit ihren Kulleraugen, den niedlichen Backen, der Stupsnase und der weichen Babyhaut. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz prägte hierfür bereits 1943 den Begriff Kindchenschema. Das ist ein cleverer „Trick“ der Natur: Diese Merkmale signalisieren Hilfsbedürftigkeit und motivieren besonders die Eltern, aber auch andere Menschen dazu, auf dieses Wesen zu reagieren, es zu beschützen und zu umsorgen. Und je besser das klappt, je feinfühliger die Eltern auf die Signale ihres Babys reagieren, desto mehr fühlt sich das Kind angenommen, aufgehoben und verstanden.

INTUITIVE KOMPETENZ

Um die Signale seines Babys zu verstehen, braucht aber niemand Vokabeln zu pauken, in einem Lexikon nachzuschlagen oder am Rechner zu googeln. „Feinfühligkeit bedeutet zunächst einmal nichts anderes, als sich Zeit zu nehmen, sich einzulassen auf den kleinen, unbekannten Erdenbürger. Augen und Ohren zu öffnen und mit allen Sinnen das neugeborene Baby wahrzunehmen“, sagen die Expertinnen Riecke-Niklewski und Brüser. Es sind im Grunde Kleinigkeiten: Zum Beispiel, dass man ein Baby, das gerade ganz versunken einen Löffel betastet und betrachtet, nicht jäh unterbricht, um es zu wickeln.

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FEINES WECHSELSPIEL

Die Wissenschaft geht davon aus, dass eine bestimmte Feinfühligkeit im Umgang mit kleinen Kindern dem Menschen angeboren ist. „Im Prinzip können sich alle Eltern auf ihre intuitive Elternkompetenz verlassen“, sagt der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther. Eltern betätigen sich zum Beispiel ganz selbstverständlich als Spiegel und Echo des Babys: Sie (und auch andere Erwachsene) imitieren den Gesichtsausdruck des Säuglings, lächeln zurück, wiederholen Gurrlaute. Ohne es zu wollen, verfallen sie in eine Art melodischen Singsang in einer höheren Tonlage, wenn sie mit ihren Babys sprechen. Und vermuten sie ein leichtes Lächeln der Zufriedenheit auf dem Gesicht ihres Babys, reagieren sie darauf mit einem Lächeln, was das Baby wiederum nachahmt. Nach und nach entsteht so ein immer feineres Wechselspiel. In der Regel gilt also: Wenn Eltern ihr Baby lieben und umsorgen und angemessen auf seine Bedürfnisse reagieren, kann gar nicht viel schiefgehen. Und wenn es mit der Verständigung mal nicht klappt, ist das kein Grund zur Sorge. Selbst die besten Eltern der Welt können nicht immer sofort wissen, was mit ihrem Baby los ist. Im Gegenteil.

SCHÖN LOCKER BLEIBEN

Manchmal kann man seinem weinenden Baby nur ruhig und liebevoll beistehen, weil man in dem Moment einfach nicht herausbekommt, was die Ursache seines Kummers ist. Oft löst sich das Rätsel einen Tag später, wenn der neue Zahn da ist oder die Erkältung ausbricht. Manchmal bleibt es auch unerklärlich, was das Baby schreien ließ. Und natürlich hat man auch selbst schlechte Tage, an denen man weniger Geduld und Einfühlsamkeit aufbringen kann. Aber Babys „verzeihen“ Fehler. Sie bilden gewissermaßen den Mittelwert ihrer Erfahrungen. Überwiegen die Momente, in denen sie sich verstanden fühlen, ist alles gut.

1. ZUVERLÄSSIGKEIT Das Bedürfnis nach Nahrung und Nähe muss zeitnah und angemessen befriedigt werden

2. RITUALE Babys sind kleine „Beamte“ in Strampelanzügen: Sie lieben Vertrautes und Wiederholungen

3. GELASSENHEIT Entspannte Eltern, die auf ihre Intuition vertrauen, strahlen Ruhe aus und vermitteln Sicherheit

4. FEINFÜHLIGKEIT Müde? Hungrig? Je besser Eltern die Signale ihres Babys deuten, desto sicherer fühlt es sich

5. WENIG STRESS Säuglinge haben einen Sensor für Stimmungen. Nichts brauchen sie so sehr wie Verlässlichkeit

6. WENIGER IST MEHR Viel Spielzeug und ein umfangreiches Unterhaltungs- oder Förderprogramm sind unnötig

7. GEDULD Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Die allerbeste Unterstützung dabei sind Liebe und Achtsamkeit

DAS UNGEBORENE FÜHLT MIT MAMA MIT

Aufs Engste verbunden mit dem mütterlichen Organismus, macht ein Kind bereits im Mutterleib seine ersten prägenden Bindungserfahrungen

1. NAHRUNG UND EMOTIONEN

Heute weiß man, dass das Kind über die Nabelschnur nicht nur mit Ernährung und Sauerstoff versorgt wird, sondern über Hormone und andere Botenstoffe auch am emotionalen Erleben der Mutter teilnimmt.

2. STRESS-TEST

Normale Belastungen in der Schwangerschaft wirken sich jedoch nicht negativ aus. Im Gegenteil: Ärger und Unmut gehören zum Leben dazu wie Liebe und Freude. „Eine Mutter, die sich erlaubt, die ganze Palette menschlicher Gefühle in sich zu fühlen, und sie in erwachsener Weise für sich nutzt, fördert die emotionale Entwicklung ihres ungeborenen Kindes“, beschreibt der Neurobiologe Professor Gerald Hüther diese Vorgänge.

3. LIEBESGEFÜHLE

Ein Ungeborenes bekommt auch mit, wenn es uns besonders gut geht. Liebevolle Zuneigung und Vorfreude übertragen sich positiv auf das Kind und befördern seine Entwicklung. Erlebt die Mutter etwas Schönes, strömen die Endorphine zum Ungeborenen.
G. Hüther: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Beltz, 18,95 €


FOTOS: ISTOCK ( 2); TITEL: ISTOCK

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