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Osteopathie einfach erklärt


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 120/2021 vom 05.11.2021

LEBEN IST BEWEGUNG

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 120/2021

Mithilfe der Osteopathie können Pferde gesund und leistungsfähig erhalten werden. Dabei sind Osteotherapeuten in der Lage, Probleme und Störungen durch Ertasten zu diagnostizieren und Blockaden mit den Händen zu lösen

Eine Maschine funktioniert nur dann einwandfrei, wenn jede Schraube, jedes Zahnrad und jedes Teil der Mechanik sich entsprechend bewegen kann. Ist nur ein Rädchen blockiert, blockiert die gesamte Funktion. Diese Beschreibung aus der Mechanik lässt sich auch auf den Körper des Pferdes übertragen – schließlich sprechen wir, wenn es um Bewegungsabläufe geht, ja auch von „Biomechanik“. Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit den Bewegungsabläufen in biologischen Systemen sowie den Funktionen des Bewegungsapparates. Treten beim Pferd gesundheitliche Probleme auf, wird die Ursache nicht immer richtig erkannt. Das liegt unter anderem auch daran, dass das gesamte System Pferd zu wenig Beachtung findet und lediglich Symptome behandelt werden. Welche Folgen das haben kann, zeigt die Geschichte von Don Nico.

Das blockierte Rädchen finden

Im Alter von viereinhalb Jahren zeigt der Oldenburger ...

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... plötzlich erste Lahmheitserscheinungen am rechten Vorderbein. Seine Besitzerin denkt zunächst an eine Weideverletzung. Als das Lahmen schlimmer wird, ruft sie den Tierarzt. Weder Ultraschall- noch Röntgenuntersuchungen sind auffällig. Das Bein ist auch nicht geschwollen oder warm. Der Tierarzt verordnet eine Pause, und Don Nico bekommt Schmerzmittel. Die Beschwerden bessern sich –allerdings nur für eine kurze Zeit. Denn auf einmal atmet der junge Wallach bereits nach geringer Belastung schwer. Eine Untersuchung der Lunge bleibt ohne Befund. Eine Stallkollegin rät Don Nicos Besitzerin dazu, eine Osteopathin zu rufen. Dieser fällt sofort eine schiefe Hufstellung auf. „Ein Fohlen wird in der Regel mit vier gleich großen Hufen geboren. Die Asymmetrien ergeben sich meistens durch Einflüsse wie einen einseitig einwirkenden Reiter, durch häufig einseitigen Satteldruck oder durch einen Sturz, Unfall oder Ähnliches“, sagt Beatrix Schulte Wien, die das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) im westfälischen Dülmen leitet. Sie erklärt: „Dadurch kommt es zu Verspannungen oder Blockierungen im Rücken und damit zu einseitig verstärkten Kraftübertragungen auf die Vordergliedmaße, die dann natürlich zur Veränderung im Huf führen. Bei Don Nico hat das nicht nur die Atmung, sondern auch die Bewegung beeinträchtigt. Bei der Therapie ist es wichtig, nicht nur lokal zu behandeln, sondern das Pferd im Gesamten und als funktionelle Einheit zu betrachten. So lässt sich das blockierte Rädchen im System finden, das Auswirkungen auf den ganzen Organismus haben kann.

Den Präsidenten geheilt

Osteopathie ist eine ganzheitliche Heilmethode, die auf den amerikanische Arzt Andrew Taylor Still zurückgeht. Sein Vater übernahm nicht nur die seelsorgerische, sondern auch die medizinische Versorgung indigener Völker in einem Reservat. Bei dieser Arbeit half Andrew ihm. Er interessierte sich besonders für Anatomie und beendete 1860 seine Arbeit an der Schule für Medizin und Chirurgie in Kansas. Ein Osteotherapeut muss bei der Behandlung des Patienten jede einzelne anatomische Struktur mit seinen Händen erfühlen und sie auf ihre Funktion hin überprüfen. Andrew Taylor Still wurde für seine Arbeit sogar von seiner Familie angefeindet. Doch er ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Da er eine Abneigung gegen Arzneimittel hatte und es zur damaligen Zeit sowieso nur wenige davon gab, beschäftigte er sich mit der Weiterentwicklung seiner Heilmethode. Ihm wurde klar, dass viele Beschwerden und Krankheiten durch eine eingeschränkte Beweglichkeit verursacht wurden. Nicht nur in Bezug auf Muskeln und Gelenke, sondern auch durch Bewegungsverluste von inneren Organen und anderen Geweben. Schließlich gelang es Still, den amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt erfolgreich zu behandeln und seine „Osteopathie-Methode“ wurde nach dem Ersten Weltkrieg offiziell als Heilmethode anerkannt. Über England und Frankreich erreichte sie auch Deutschland.

DIE DREI BEHANDLUNGSEBENEN

Die osteotherapeutische Untersuchung und Behandlung vollzieht sich im Gegensatz zur Physiotherapie oder Chiropraxis auf drei Ebenen:

1. Parietale Behandlung – Muskeln und Gelenke Im Mittelpunkt stehen die Untersuchung und Mobilisation von Faszien, Muskeln, Bindegewebe, Gelenken, Gliedmaßen und Wirbelsäule. Spannungen können über die Faszien weitergeleitet werden.

2. Viszerale Behandlung – Innere Organe Mittels viszeraler Handgriffe können die inneren Organe mobilisiert werden. „In den Anfängen der Pferdeosteopathie wurde gelehrt, dass die inneren Organe mit Handgrifftechniken nicht erreicht werden können“, schreiben Beatrix Schulte Wien und Irina Keller in ihrem Buch „Osteopathie für Pferde“. Die intensive Auseinandersetzung mit osteotherapeutischen Handgriffen habe jedoch gezeigt, dass mittlerweile sehr wohl über indirekte Techniken mobilisierende Impulse auf die inneren Organe ausgeübt werden könnten.

3. Kraniosakrale Behandlung – Verbindung durch Hirnhäute vom Schädel bis zum Kreuzbein Die kraniosakrale Ebene ist die Verbindung vom Kopf (Kranium) zum Kreuzbein (Sakrum), wobei die Hirnhaut die verbindende Struktur ist. Sie kleidet nicht nur den Schädel von innen aus, sondern tritt am Hinterkopf mit dem Rückenmarksstrang aus, den sie auch ummantelt, und zieht sich mit ihm durch den gesamten Wirbelkanal bis hinunter zum Kreuzbein. Der Schädel besteht aus 29 einzelnen Knochen. Diese sind zahnradartig miteinander verbunden und bewegen sich in einem bestimmten Rhythmus. Unter anderem ist er für die Bewegung der Gehirnflüssigkeit von essentieller Bedeutung. „Setzen sich zum Beispiel bedingt durch einen Sturz und ein Aufschlagen mit dem Kopf Schädelknochen fest, kann es durch die beschriebene Verbindung zu Kreuz-Darmbein-Gelenkproblemen kommen, erklären Beatrix Schulte Wien und Irina Keller. Zur Wiederherstellung der natürlichen Rhythmen im Körper sei es unerlässlich, auch die kraniosakralen Strukturen in die osteotherapeutische Behandlung einzubeziehen.

Auch Pferde profitieren

Vom Menschen auf das Pferd übertragen wurde das Konzept der Osteopathie erstmals durch den französischen Tierarzt Dominique Giniaux. Durch die Zusammenarbeit der beiden Physio- und Osteotherapeuten Beatrix Schulte Wien und Pascal Evrard kam die Pferde-Osteopathie nach Deutschland. Beatrix Schulte Wien gründete im Jahr 1997 die erste Fortbildungsstätte für Pferde-Osteotherapeuten auf dem Hof ihrer Eltern im westfälischen Dülmen. Dort entstand das „Deutsche Institut für Pferde-Osteopathie – DIPO“. Ob Mensch oder Pferd, der Organismus besteht aus un zähligen Strukturen, die alle direkt oder indirekt miteinander zusammenhängen. Durch die Faszien wird eine wichtige Verbindung geschaffen. Die dünnen Bindegewebshüllen umgeben jede Struktur und bilden gemeinsam eine große Körperfaszie. In der Schulmedizin finden die Faszien jedoch meist kaum Beachtung. Für die Osteopathie sind sie hingegen von großer Bedeutung. Da Faszien auch solche Strukturen verbinden, die funktionell nichts miteinander zu tun haben, können sie aus Sicht der Osteopathie Veränderungen übertragen. Das erklärt, warum Beschwerden oft an anderer Stelle auftreten als dort, wo die Ursache zu finden ist.

Wie Osteopathie wirkt

Krankheiten und Störungen entstehen oftmals dadurch, dass der Körper die Fähigkeit zur Selbstregulierung verliert. Daher baut Osteopathie auf den körpereigenen Selbstheilungs- und Selbstregulationskräften auf. Jedes Organ und jedes Körperteil kann nur optimal funktionieren, wenn es ausreichend Bewegungsfreiheit hat. Bewegungseinschränkungen führen zu Störungen und Krankheiten. Osteotherapeutische Behandlungen haben das Ziel, Verspannungen und Blockaden zu lösen und Beweglichkeit wiederherzustellen. Dabei ist es wichtig, nach den jeweiligen Ursachen von Beschwerden zu suchen und sich nicht nur auf die Behandlung einzelner Symptome zu beschränken. Ganzheitliche Medizin, wie Osteopathie, möchte immer Balance herstellen. Zum Beispiel zwischen den inneren Organen und dem die Muskulatur und das Skelett betreffenden System. Osteopathie kann je nach Beschwerdebild als erste und einzige medizinische Maßnahme angewendet werden oder aber auch begleiten und interdisziplinär zu anderen medizinischen Behandlungen zum Einsatz kommen.

BUCHTIPP

Beatrix Schulte Wien und Irina Keller zeigen in ihrem Buch Osteopathie für Pferde, wie Pferde mithilfe der Osteopathie gesund und leistungsfähig erhalten werden. Sie führen auf, welche Probleme im Bewegungsapparat auftreten können, wie sie durch Ertasten zuverlässig diagnostiziert und die Blockaden schließlich mit den Händen gelöst werden. Im Praxisteil wird erklärt, wie Reiter einfache Behandlungen mit speziellen Handgriffen selbst durchführen können. Kosmos Verlag, 176 Seiten, 38 Euro, EAN: 9783440155950

UNSERE EXPERTINNEN

BEATRIX SCHULTE WIEN leitet das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) im westfälischen Dülmen. Die Physiotherapeutin und Osteopathin für Mensch und Pferd besitzt selbst eine Reitanlage und ist aktive Reiterin.

IRINA KELLER ist Physio therapeutin und Osteopathin für Mensch, Pferd und Hund. Die erfolgreiche Voltigiererin hält Fortbildungen und Vorträge. Zudem ist sie Dozentin am DIPO.

Ablauf einer Behandlung

Am Anfang steht immer eine gründliche Anamnese, in der die Vorgeschichte des Pferdes aufgenommen wird. Gute Osteotherapeuten nehmen sich Zeit für ihre tierischen Patienten. „Da die zu behandelnden Pferde in der Regel nicht von Fohlenbeinen an im Besitz des Reiters sind, liegen erlittene Verletzungen und traumatische Verletzungen des Pferdes aus frühen Jahren oft im Dunkeln“, geben Beatrix Schulte Wien und Irina Keller zu bedenken und erklären: „Während der Untersuchung und Behandlung stößt man häufig auf zahlreiche Bewegungseinschränkungen, vornehmlich am Hals und im Brustbereich sowie am Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein.“ Hinzu kämen auch deutliche Narben, Gewebeverquellungen oder Gewebeeinziehungen, die dem Reiter beziehungsweise Besitzer vorher nicht bewusst gewesen seien. Auch diese könnten die Bewegung einschränken und die gesunde Balance des Organismus stören. Als Nächstes wird das Pferd aufgehalftert und auf hartem, ebenem Boden im Schritt und anschließend im Trab vorgeführt. So kann der Therapeut den Bewegungsablauf beurteilen und anschließend Bewegungstests durchführen. Dabei stellt sich der Pferdeosteotherapeut so auf den Vierbeiner ein, dass dieser sich vertrauensvoll entspannen kann. Erst dann folgt die eigentliche Behandlung, die individuell erfolgt. Bewegungseinschränkungen und Spannungen zu diagnostiziert sowie körperliche Dysfunktion durch Berührungen mit den Händen festzustellen setzt ein jahrelanges und intensives Training des Tast vermögens sowie eine entsprechend gute Ausbildung voraus.

Do it yourself

HANDGRIFFTECHNIKEN

Beatrix Schulte Wien und Irina Keller haben verschiedene mobilisierende Handgrifftechniken zur Lockerung verspannter oder verkürzter Gewebe zusammengestellt, die Sie bei Ihrem Pferd selbst anwenden können.

Eine größere Auswahl finden Sie im Buch „Osteopathie für Pferde“ der beiden Expertinnen. In Bezug auf die Ausführung sollten Sie folgendes wissen und beachten:

• Die Griffe sollten immer so erfolgen, dass sich das Pferd entspannen und sie genießen kann. Deshalb müssen Sie entsprechend feinfühlig vorgehen.

• Sorgen Sie für eine ruhige Umgebung.

• Ihr Pferd sollte auf einem rutschfesten Untergrund stehen.

• Binden Sie Ihr Pferd am Anfang nicht an, sondern lassen Sie es von einem Helfer am Halfter mit lockerem Strick festhalten.

• Reagiert Ihr Pferd mit Abwehrverhalten, ziehen Sie einen guten Therapeuten hinzu.

• Es kann sein, dass Ihr Pferd nach der ersten Anwendung Muskelkater bekommt. Dieser macht sich jedoch nicht immer deutlich bemerkbar. Gönnen Sie Ihrem Pferd daher die ersten beiden Tage nach der Erstbehandlung entsprechenden Freilauf auf der Weide, einem großen Paddock oder in der Reithalle. Schließlich wissen Sie nicht, ob die Muskulatur schmerzt.

• Bei den weiteren Behandlungen ist es vorteilhaft, die Lockerungsgriffe vor dem Reiten anzuwenden oder dem Pferd nach dem Reiten eine Wohlfühlphase zu gönnen.

• Wenn Sie die Handgrifftechniken anwenden, kann sich der positive Effekt dieser Art der Kontaktaufnahme auch auf das Reiten auswirken. Sie werden sensibler gegenüber der Befindlichkeit Ihres Vierbeiners und spüren womöglich eher, wenn es sich verspannt oder auf die Vorhand kommt.

MOBILISATION DES ARMKOPFMUSKELS

„Der Armkopfmuskel ist der wichtigste Vorführer des Vorderbeins. Aus unterschiedlichen Gründen kommt es hier häufig zu Verspannungen“, erklären Beatrix Schulte Wien und Irina Keller. Überprüfen Sie regelmäßig, ob Ihr Pferd beim Griff in diesen Muskel willig den Hals dehnt.

• Beginnen Sie auf der linken Seite mit der Mobilisierung des linken Armkopfmuskels. Dazu stellen Sie sich seitlich in Höhe des Vorderbeins an Ihr Pferd.

• Legen Sie die rechte Hand auf den Widerrist und greifen Sie mit der linken, weit geöffneten Hand direkt oberhalb der Drosselrinne in die Muskelmasse des Armkopfmuskels.

• Schließen Sie die Hand vorsichtig und ziehen Sie die Hand langsam zur Seite, bis Ihr Pferd den Hals vorwärts-abwärts dehnt. Dabei umfassen und halten Sie die ganze Zeit das Muskelpaket.

• Führen Sie die Grifftechnik zwei- bis dreimal durch, sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite.

• Es kann sein, dass der Armkopfmuskel so verspannt ist, dass Ihr Pferd den Hals nicht dehnt, nach Ihnen schnappt oder den Kopf hochnimmt. Dann sollten Sie erst mal nur ganz vorsichtig versuchen, die Hautfalten in diesem Bereich zu dehnen.

FASZIENTECHNIK AN SCHULTER UND UNTERARM

Auch in der Schulter- und Unterarmregion kann die Technik des Faszienabhebens angewandt werden.

• Greifen Sie mit einer oder beiden Händen gefühlvoll in die Haut im Bereich des Schulterblatts. Ziehen Sie die Hand sanft zur Seite.

• Ihr Pferd soll sich dabei immer mehr entspannen.

• Wiederholen Sie das Ganze auf jeder Seite zwei- bis dreimal.

• Es kann sein, dass Ihr Pferd auf einer Seite empfindlicher reagiert als auf der anderen.

MASSAGE DER KAUMUSKULATUR

Zu eng verschnallte Reithalfter, Zahnprobleme oder ein Schlag gegen die Wange von einem Artgenossen auf der Weide – all das können Ursachen für Verspannungen im Bereich der Kaumuskulatur sein.

Aus dieser Region heraus können infolgedessen Kopfschmerzen entstehen. Die Kaumuskulatur können Sie selbst massieren:

• Sie stehen links neben Ihrem Pferd.

• Legen Sie die Fingerspitzen beider Hände von beiden Seiten auf die Kaumuskeln und üben Sie einen leichten Druck aus.

• Führen Sie langsame und sanft kreisende Bewegungen mit den Fingern aus.

• Bleibt Ihr Pferd ruhig, können Sie den Druck allmählich erhöhen. Achten Sie immer auf die individuelle Toleranzgrenze Ihres Pferdes.

• Diese Technik wenden Sie etwa ein bis zwei Minuten an.

MASSAGE DES LANGEN RÜCKENMUSKELS

Der Rücken ist bei vielen Pferden eine „Problemzone“. Gleichzeitig genießen die meisten Vierbeiner eine Massage im Bereich der Rückenmuskulatur. Durch eine Massage vom hinteren Sattelrand zum Hüfthöcker können Sie den langen Rückenmuskel lockern.

• Sie stehen seitlich am Pferd in Höhe der Lendenwirbelsäule.

• Legen Sie nun die Fingerkuppen Ihrer beiden Hände aufeinander.

• Drücken Sie die Finger vorsichtig in den Muskel. Sie dringen langsam immer tiefer ein.

• Dabei führen Sie kleine, kreisende Bewegungen aus. Sie kreisen nicht auf der Haut hin und her, sondern in der Tiefe des Muskels.

• Die Intensität der Massage muss immer dem Pferd angepasst werden. Beginnen Sie immer vorsichtig und erhöhen Sie dann wenn möglich den Druck.

• Ob Sie das richtige Druckmaß anwenden, können Sie an den Reaktionen Ihres Pferdes ablesen.

• Genießt das Pferd die Massage, dann dehnt es sich häufig genussvoll.

MASSAGE DES KRUPPENMUSKELS

Der Kruppenmuskel des Pferdes ist ebenso häufig verspannt wie der lange Rückenmuskel. „Die Verspannung ist in der Regel auf einer Seite deutlich stärker ausgeprägt“, sagen Beatrix Schulte Wien und Irina Keller und fügen hinzu, dass viele Pferde diese Art der Massage sehr genießen.

• Sie wenden die gleiche Technik wie bei der Massage des langen Rückenmuskels an, allerdings beginnen Sie dort, wo die Kruppe schräg nach hinten abfällt.

• Nun setzten Sie von der Mittellinie aus gesehen die Fingerkuppen etwa eine Handbreit nach außen mit Druck auf den Kruppenmuskel auf.

• Bewegen Sie die Hände von dort mit kreisenden Bewegungen langsam Richtung Schweif.

• Dabei können Sie spüren, wo die Verspannung sitzt und wie locker das Gewebe neben der Verspannung im Vergleich ist.

• Massieren Sie auf jeder Seite der Kruppe etwa zwei bis drei Minuten.

• Viele Pferde dehnen sich während der Massage und machen sich immer länger.

• Es kann auch sein, dass sich Ihr Pferd umdreht oder sich mit der Kruppe gegen Sie drücken will.

PROBIEREN SIE ES AUS

Sie entwickeln ein besseres Gefühl für Gewebespannung und Beweglichkeit, wenn Sie die Fasziengriffe an Ihrem eigenen Körper ausprobieren:

• Greifen Sie mit zwei Fingern die Haut Ihres Handrückens und ziehen Sie die Haut nach oben.

• Als nächstes greifen Sie Ihren Oberarmmuskel (Bizeps) und heben auch hier die Haut an.

• Wenn das Gewebe des Oberarms abgezogen wird, können Sie spüren, dass sich mehr Masse zwischen Ihren Fingern befindet.

• Narbengewebe lässt ich nicht so leicht anheben.

• Es kann sein, dass das Gefühl des Abhebens an manchen Stellen schmerzhaft ist.

• Lernen Sie, die Intensität der Grifftechnik zu dosieren.

• Manchmal dauert es bei Mensch beziehungsweise Pferd mehrere Sitzungen, bis die Anwendungen genossen werden können.