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Ostseeurlaub mit Gänsehaut


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Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 23.12.2022
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Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 1/2023

Als Simone an diesem kalten Januarmorgen die Augen aufschlug, blinzelte sie kurz verwirrt. Dann erst wurde ihr klar, wo sie sich befand – und wer im Nebenzimmer lag. Am Vorabend war die Enddreißigerin mit ihrer Mutter Gerda in dem gemütlichen kleinen Hotel „Sturmmöwe“ in Binz angekommen. Während der Autofahrt auf die Insel Rügen hatten beide Frauen ziemlich schlechte Laune gehabt, und auch jetzt war sich die Kindergartenleiterin nicht sicher, ob die anstehende Urlaubswoche mit Mama eine besonders gute Idee gewesen war. „Die gemütliche Auszeit wird euch beiden guttun“, hatte sie noch die Worte ihres Vaters im Ohr, als er sich gestern vor der Reise von seinen „zwei Mädels“ verabschiedet hatte. „Du bist doch nur froh, dass du jetzt deine Ruhe hast, Papa“, hätte Simone ihm am liebsten an den Kopf geworfen.

Ob der gemeinsame Urlaub wohl eine gute Idee war?

So ganz verübeln konnte sie ihm seine ...

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... Erleichterung nicht: Gerda, die etliche Jahrzehnte als Kriminalkommissarin im Morddezernat gearbeitet hatte, war einige Monate zuvor in Rente gegangen. Schweren Herzens – oder wie Gerda in ihrer Abschiedsrede im Kollegenkreis erklärt hatte: „Die Leichen und Mörder werden mir fehlen.“

Bei diesem Gedanken musste Simone unwillkürlich grinsen. Mamas Worte klangen für Fremde womöglich hart, und natürlich freute sich Gerda keineswegs über Gewalttaten. Doch wenn ein Verbrechen passiert war, bereitete es ihr eine riesige Freude, den Mord aufzuklären. „Ich bin eben ein Trüffelschwein“, pflegte sie vergnügt zu sagen, wenn sie für die Aufklärung eines Falls gefeiert wurde. Doch nun war alles vorbei und Gerda absolut ungenießbar …

Seufzend schwang sich Simone aus dem Bett. Am liebsten hätte sie sich die Decke über den Kopf gezogen und wäre niemals aufgestanden. Diese Stimmung begleitete sie schon seit knapp zwei Jahren. Seit dem Tag, an dem Thorsten nach fünfzehn gemeinsamen Jahren beschlossen hatte, einen Neuanfang zu wagen. Natürlich ohne sie, stattdessen mit seiner um einiges jüngeren Kollegin aus der Werbeagentur. Leonie! Wenn Simone diesen Namen schon hörte, geriet ihr Blut in Wallung. Allerdings hatte ihre Mama recht, wenn sie sagte: „Thorsten hat sich von dir getrennt, auf ihn solltest du sauer sein.“ Rasch blinzelte Simone die aufsteigenden Tränen weg, zwang sich sogar zu einem Lächeln. Es war noch früh, ihre Mutter schlief bestimmt noch – vielleicht würde ihr ein kleiner Strandspaziergang guttun.

Schnell putzte sie sich die Zähne, zog sich an, band ihre schulterlangen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und schlüpfte in ihren blauen Winterparka. In diesem Moment klopfte es an ihre Zimmertür. Nicht vorsichtig, sondern so resolut, als ob ihr die Polizei einen Besuch abstatten wollte. Oh, so falsch lag sie mit diesem Vergleich gar nicht: Als sie öffnete, stand Gerda mit dicker Jacke und Wollmütze auf dem praktischen grauen Kurzhaarschnitt vor ihr. „Guten Morgen, mein Kind“, sagte sie aufgeräumt, und fügte mit einem Blick auf den Aufzug ihrer Tochter hinzu: „Wir beide hatten wohl die gleiche Idee.“

„Ja“, stammelte Simone, die sich von der Tatkraft ihrer Mutter immer wieder überrumpelt fühlte, „aber ich dachte, du schläfst noch. Da wollte ich dich nicht wecken.“ „Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin“, erwiderte Gerda und stapfte bereits den Flur entlang. Simone schnappte sich noch schnell Handschuhe und Mütze, dann hastete sie ihrer Mutter hinterher. Kurz darauf liefen die beiden über den schneeweißen Sandstrand, der nicht mal hundert Meter von der „Sturmmöwe“ entfernt begann. „Herrlich, diese salzige Seeluft“, rief Gerda laut aus, atmete übertrieben tief ein und aus. Dabei verlangsamte sie ihren Schritt ein wenig, was Simone angenehm fand. Sie wusste ohnehin nicht, was es bringen sollte, wie auf der Flucht über den Strand zu jagen. Sie hielt ihre Mutter an der Schulter fest, deutete auf das tiefblaue Meer, dessen Oberfläche sich durch den leichten Wind kräuselte. „Wirklich schön, hier kann man richtig seine Akkus aufladen.“ Wieder traten ihr Tränen in die Augen. Dummerweise bemerkte Gerda das, strich ihr sanft über die Wange. Simone schluckte. So etwas kam bei ihrer energischen Mutter nicht eben häufig vor, umso mehr brachte sie das zum Heulen.

Ein lauter Streit am Strand weckte ihre Aufmerksamkeit

„Kindchen, es gibt noch andere tolle Männer, glaub mir das“, raunte Gerda ihr zu, während sich Simone wie ein kleines Mädchen an ihrer Brust ausweinte. Sie zog ihre Handschuhe aus, um besser ein Taschentuch aus der Packung holen zu können. Ihr Gefühlsausbruch war aber auch zu peinlich! Nur gut, dass zu dieser frühen Stunde kaum Menschen auf dem Strand unterwegs waren. Ein ganzes Stück vor ihnen tollte ein großer Mann mit fast weißblonden Locken mit einem schwarzen Pudel über den Sand, offenbar hieß der Vierbeiner Charlie.

In einiger Entfernung hinter ihnen erblickte sie eine Frau und einen Mann, beide in blauen Anoraks. Sie konnte nicht verstehen, was die beiden miteinander sprachen. Doch die lauten Stimmen und heftigen Bewegungen deuteten auf einen handfesten Krach hin. Gerda hatte die zwei ebenfalls bemerkt, runzelte die Stirn. „Auch bei Verliebten herrscht nicht immer eitel Wonne.“ Ohne es zu wollen, musste Simone lachen. „Das weiß ich. Oder denkst du, Thorsten und ich hatten nie Streit miteinander?“ Tatsächlich hatte sie im ersten großen Liebeskummer nur an die schönen Momente mit ihrem nunmehr Ex-Mann gedacht. Aber es war nicht immer einfach gewesen mit ihm. Meist hatte er seinen Willen durchgesetzt. Vielleicht würde ihr ein Neuanfang besser tun, als sie die letzten zwei Jahre gedacht hatte …

Beim Frühstück wirkte Gerda immer noch optimistisch, fast kam es Simone gespenstisch vor. Sollte so ein wenig Ostseefeeling bereits nach einer Nacht den Rentenschock geheilt haben? Gerda, die eben ihr gekochtes Ei geköpft hatte, sah sie lächelnd an. Offen- bar konnte ihre Mutter, gegen die Miss Marple blass aussah, sogar Gedanken lesen. „Ich denke, es reicht mit meinem Selbstmitleid“, sagte sie, „über vierzig Jahre war ich auf Verbrecherjagd, das muss reichen.“ Sie tätschelte die Hand ihrer Tochter. „Ab jetzt möchte ich mich mehr um dich kümmern.“ „Das musst du nicht“, murmelte diese fast erschrocken. „Langsam komme ich über Thorsten hinweg. Wer weiß, vielleicht lerne ich sogar wieder wen kennen …“ Ups, das war jetzt aber sehr aufgesetzt optimistisch gewesen. Zumindest lächelte ihre Mutter zufrieden, und das war immerhin etwas. Nach dem Frühstück planten die zwei Frauen eine Wanderung von Binz zum Küstenstädtchen Sellin. „Wir laufen über den Hochuferweg etwa zehn Kilometer, dann sind wir bei der berühmten Seebrücke von Sellin“, erklärte Gerda aufgekratzt. „Klingt fantastisch“, pflichtete Simone ihr bei. Ärgerlicherweise fand sie ihre Wollhandschuhe nicht mehr. „Die müssen mir am Strand aus der Tasche gefallen sein“, erklärte sie, „da muss ich noch mal hin.“ „Ist nur ein kleiner Umweg“, meinte Gerda und lief voraus. Kaum waren die beiden am Strand angekommen, trauten sie ihren Augen nicht. Überall war Polizei, ein Teil der Dünen war mit Polizeiband, wie man es aus Fernsehkrimis kannte, abgetrennt. „Was ist denn passiert?“, fragte Gerda einen Polizisten, der eben einige Spaziergänger anwies, weiterzugehen. Auch zu ihr sagte er, dass es absolut nichts zu sehen gab. „Außer vermutlich einer Leiche“, gab Gerda trocken zurück, „meine Tochter und ich waren vorhin am Strand, vielleicht sind wir wichtige Zeuginnen.“ „Mama, wir haben doch gar nichts gesehen“, mischte sich Simone mit heißen Wangen ein, die Sache war ihr zu peinlich. Gerda beachtete ihren Einwand nicht, erklärte dem Polizisten, dass sie bis vor Kurzem noch Kriminalkommissarin gewesen war. „Ich habe einen guten Blick, wenn es um wichtige Beobachtungen geht.“ „Aber sicher doch“, sagte der junge Polizist erkennbar genervt, „Sie können mir Ihre Nummer dalassen.“ Da mischte sich ein etwa vierzigjähriger Mann in dunkler Windjacke und Jeans ein. „Kommissar Tobias Möller. Habe ich das richtig verstanden, wir sind Kollegen?“ Dabei strahlte er mit seinen blauen Augen zuerst Gerda, dann Simone an. Ihre Blicke verhakten sich ein wenig länger ineinander. Huch, plötzlich kribbelte es in ihrer Magengegend. Woher kam das denn?

Überall in den Dünen war Polizei. Was war passiert?

Gleich darauf erklärte der Kommissar, dass in den Dünen ein Mann mit einem Stein erschlagen worden war. „Hm“, machte Gerda, so als ob sie bereits an dem Fall arbeiten würde. „Mama, wir wollten doch nach Sellin“, zischte Simone, „du bist nicht im Dienst.“ Tobias Möller sah sie freundlich an. „Natürlich möchte ich nicht den Urlaub Ihrer Mutter stören, aber zwei Spürnasen schaffen mehr als eine. Und Ihre Mutter ist nun wirklich eine Koryphäe auf diesem Gebiet.“ Simone sah, wie Gerda den Rücken straffte.

Dankbar lächelte sie den Kommissar an. Seine einfühlsame Art war wirklich entzückend. Ein anderer hätte ihrer Mutter wohl erklärt, dass sie schleunigst verschwinden sollte. Doch dann erhaschte sie einen Blick auf die Leiche, die eben abtransportiert wurde, und schnappte aufgeregt nach Luft. Ein Mann im blauen Anorak! „Den haben wir vorhin gesehen! Er hat mit einer Frau gestritten!“ „Ganz meine Tochter“, sagte Gerda sichtlich stolz, „diese Frau sollten Sie ausfindig machen. Sie trug ebenfalls einen blauen Anorak.“ „Danke für die Hinweise“, sagte er, nickte den zwei Frauen zu und stapfte davon. Simone starrte ihm einige Sekunden lang nach. Zu schade, dass sie diesen Mann wohl kaum wiedersehen würde.

Während der Wanderung nach Sellin ging ihr der sympathische Kommissar gar nicht mehr aus dem Kopf. Bei jedem Blick aufs Meer musste sie an seine blauen Augen denken, sein einnehmendes Lächeln. Er hatte ausgesprochen attraktiv ausgesehen, schien das Herz an der richtigen Stelle zu haben. „Passabler Typ, dieser Möller, nicht wahr?“, meinte da ihre Mutter wie nebenbei. Simone winkte betont lässig ab. „Ich habe gar nicht darauf geachtet …“ Ihre Mutter kicherte, doch sie tat so, als ob sie es nicht merken würde. Offensichtlich stand ihr tatsächlich auf der Stirn geschrieben, wie beeindruckt sie von dem Kommissar war. „Er trägt auch keinen Ehering“, ließ Gerda nicht locker. „Jetzt ist aber gut“, rief Simone entrüstet aus, konnte jedoch ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Bei der Seebrücke angekommen blickten beide Frauen aufs Meer. Gerda legte den Arm um ihre Tochter. „Schön ist es hier mit dir“, sagte sie schlicht. „Mit dir auch, Mama“, erwiderte Simone mit einem Lächeln. Sie hatte beschlossen, sich darüber zu freuen, dass sie einen anderen Mann als Thorsten interessant gefunden hatte. Das war zumindest ein Anfang …

Nachdem sie und ihre Mutter von der ausgedehnten Wanderung in ihr kleines Hotel zurückgekommen waren, staunte sie nicht schlecht. An einem Tisch im zur Lobby offenen Speisezimmer saß Kommissar Möller und winkte ihnen lächelnd zu. Völlig unpassend machte Simones Herz einen Satz. Gerda meinte mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Das ist ja eine nette Überraschung.“ Möller nickte. „Kann ich nur zurückgeben …“ Dann zwinkerte er den beiden Frauen zu. „Aber ehrlich gesagt ist es keine Überraschung, dass ich hier bin.“ Gerdas Augen blitzten. „Geht es um den Toten?“

„Allerdings“, gab Tobias Möller zurück, sah dabei jedoch unverwandt Simone an, die sich wie ihre Mutter bereits zu ihm an den Tisch gesetzt hatte. „Wir haben die Frau des Opfers verhört. Sie hat zugegeben, einen handfesten Streit mit ihrem Mann gehabt zu haben, will von dem Mord aber nichts wissen. Er wollte sie wegen einer anderen verlassen …“

War die Frau am Strand eine Mörderin?

„Oh, da kann man schon wütend werden“, rutschte es Simo- ne heraus, hektisch fügte sie hinzu: „Ich habe meinen Ex aber deshalb nicht umgebracht.“ Wieder trafen sich Möllers und ihr Blick.

„So ein Verbrechen traue ich Ihnen auch nicht zu. Ich habe meiner Ex übrigens auch nichts getan, obwohl sie jetzt mit meinem besten Freund zusammen ist …“ Ups, wollte er ihr damit sagen, dass er Single war? Sie spürte, wie sich ihre Wangen knallrot färbten. Verlegen lächelnd schlüpfte sie aus ihrer Jacke. „Warum sollte die Frau ihren Mann umgebracht haben?“, fragte sie, um abzulenken. Ihre Mutter sah sie stolz an. „Gute Frage. Reicht es in diesem Fall, verlassen zu werden, um einen Mord zu begehen?“ Möller zuckte mit den Schultern. „Der Bruder des Opfers, der eben erst mit seinem Hund aus Dänemark zurückgekommen ist, hat mir von einer sehr hohen Lebensversicherung erzählt …“ „Die natürlich die Witwe bekommt, stimmt’s?“, hakte Gerda nach. „Großteils. Doch die Frau hat eine noch nicht ausgeheilte Schulterverletzung. Eher fraglich, ob sie so fest hätte zuschlagen können. Das lassen wir noch von Experten überprüfen.“ Gerda schnalzte mit der Zunge. „Zorn und Gier zusammen ergeben ein explosives Motiv, das riesige Kräfte freisetzt …“ „Wir werden alles überprüfen“, sagte Tobias Möller im Aufstehen, „morgen werde ich noch mal mit dem Bruder des Opfers sprechen. Vielleicht bei einem Spaziergang mit seinem schwarzen Pudel.“ An Simone gewandt, setzte er nach: „Gehen Sie auch gern am Strand spazieren?“ „Sehr gern“, sagte sie und hielt den Atem an. Würde er sie jetzt um ein Date bitten? Stattdessen verabschiedete er sich bloß höflich, gab den Frauen seine Visitenkarte, falls ihnen noch etwas einfallen würde. Simone murmelte ebenfalls einen kurzen Gruß, kam sich wie die größte Idiotin der Welt vor.

Auch ihre Mutter schaffte es nicht, sie aufzuheitern. „Sieh es als gutes Zeichen an, dass du ein wenig enttäuscht bist. Das heißt doch, Thorsten ist dir inzwischen schnuppe.“ Simone musste über die flapsige Ausdrucksweise ihrer Mutter lachen, fühlte sich zumindest ein kleines bisschen besser. Obwohl etwas in ihrem Hinterkopf herumspukte – und das hatte ausnahmsweise nicht mit Liebeskummer zu tun. Auch später beim Einschlafen war da noch was, doch der Gedankenfetzen flatterte rasch davon. Und dank der ausgedehnten Wanderung in der Winterluft war sie so müde, dass ihr schnell die Augen zufielen. Mitten in der Nacht wachte sie verwirrt auf, im Traum war sie über den Strand gelaufen, die Wellen hatten sie verfolgt – und ein schwarzer Pudel. Plötzlich war sie hellwach. Der schwarze Pudel, von dem Kommissar Möller erzählt hatte. So einen hatte sie am Tag des Mordes am Strand gesehen! Ohne lang zu überlegen tippte sie die Nummer von Tobias Möller in ihr Smartphone. Erst als er ranging, wurde ihr bewusst, dass es kurz nach drei Uhr in der Nacht war. Sie wollte sich schnell entschuldigen und gleich wieder auflegen, da sagte der Kommissar: „Sind Sie es, Simone?“ „Ja, verzeihen Sie bitte …“ „Da gibt es nichts zu verzeihen, ich kann auch nicht aufhören, dauernd an Sie äh ... an dich zu denken. Ich Idiot war gestern zu feige, um ein Date zu bitten.“

Die Mutter schaffte es nicht, Simone aufzuheitern

Ein heißer Schauer lief ihr über den Rücken. „Das freut mich sehr“, sagte sie leise, „aber ich muss dich etwas Wichtiges fragen: „Ist der Bruder des Opfers groß und hat weißblonde Locken? Und heißt sein Pudel Charlie?‘ „Dreimal ja.“ „Dann hat er gelogen und war zur Tatzeit gar nicht in Dänemark.“ In kurzen Worten schilderte sie Tobias Möller ihre Beobachtung am Strand vom letzten Morgen. „Das bringt uns gut voran, danke“, meinte er, sprach davon, dass er auch schon ein seltsames Gefühl bei dem hoch verschuldeten Mann gehabt hatte. „Er wusste von der Lebensversicherung, hätte auch einen Anteil davon erhalten. Offenbar gab es häufig Streit, weil das Opfer seinem Bruder schon oft Geld geliehen, es jedoch nie zurückbekommen hatte.“ „Klingt äußerst verdächtig.“ „Absolut, deshalb werden wir den Mann in ein paar Stunden noch mal ordentlich in die Mangel nehmen.“

Eine Weile sagte keiner von beiden etwas, dann flüsterte Tobias: „Darf ich dich morgen Abend zum Essen einladen?“ „Sehr gern!“, rief Simone laut aus, ohne auch nur eine Sekunde überlegen zu müssen. Sie hatte keine Ahnung, was aus dieser Begegnung mit Tobias werden würde. Aber im Moment fühlte sich dieser prickelnde Flirt, aus dem sich durchaus mehr entwickeln durfte, mordsmäßig gut an …