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Out of the Light, into the Dark


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 16.09.2021

DIE ÄRZTE

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Warum wir hier nur Bela B zeigen? Weil er der einzige Arzt ist, dem die Alben HELL und DUNKEL zu Kopf gestiegen sind

Einmal hätte er sich fast veplappert.

Im Interview mit „MDR Jump“ antwortete Farin Urlaub am Erscheinungstag des Comebackalbums der Ärzte HELL auf die Frage „Habt ihr eigentlich noch Songs übrig?“ nach einer Kunstpause: „Nächste Frage!“, um nach etwas Gegacker zu ergänzen: „Alles, was ich jetzt hätte sagen können, wäre entmystifizierend gewesen.“ Am 12. April dieses Jahres stellte dann das neue Maskottchen der Band, „Schnecki“, auf deren Homepage die Frage: „Was hat 19 neue die ärzte-lieder & erscheint im Herbst?“ und schenkte uns so einen Lichtblick durch die grauen Wolken des verregneten Frühlings wie den figurativen des x-ten Corona-Lockdowns: Da kommt noch was! Die Ärzte haben ihre lange Schaffenspause nach dem mau aufgenommenen AUCH von 2012 und den vielleicht überambitionierten und daher in multiplen Zerwürfnissen geendeten „Ärztivals“ im Jahr darauf doch tatsächlich genutzt, um ...

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... Material für zwei Alben aufzunehmen – und ganze drei Touren vorzubereiten. Da wäre zum einen „In The Ä Tonight“, mit der die Band – hoffentlich! – von Ende Oktober bis Weihnachten durch die großen Hallen tourt, zum anderen die folgenden 13 (die Glückszahl der Ärzte) Gastspiele in Berlin vom winzigen „Schokoladen“ bis gleich zweimal zum gigantischen Tempelhofer Feld unter dem Namen „Berlin Tour MMXXII“ und zum dritten 14 hanebüchen „Buffalo Bill in Rom“ betitelte Open-air- Shows im Sommer 2022. Maximale Präsentationsflächen für maximales Material: 37 neue Songs gilt es vorzustellen.

Dass das Pendant zu HELL, irgendwie Ärzte-untypisch erwartungsgemäß DUN- KEl genannt, angekündigt wird, bevor der Vorgänger abgefrühstückt ist – noch Mitte Mai erschien mit „Ich, am Strand“ die vierte Single aus der Platte (wie alle anderen ein Top-5-Erfolg in Deutschland), erinnert an die hochkreative Phase der Band Mitte der 90er. Nur acht Monate nach ihrem „Lieblingsalbum“ PLANET PUNK erschien damals im Mai 1996 der bizarre, aber absolut unterschätzte Nachfolger LE FRISUR, ein Konzeptalbum über Haare. Zur gleichen Zeit entstand auch noch die nur als Vinyl-EP bei Konzerten vertriebene EP „1, 2, 3, 4 – Bullenstaat!“. Diese Ideenexplosionen mag man auf die neugewonnene Kraft und Zuversicht der Band nach ihrer spektakulär geglückten Rückkehr 1993 zurückführen. Mit „Schrei nach Liebe“ hatten sie die ultimative Anti-Rechts-Hymne dieses Landes vorund mit DIE BESTIE IN MENSCHENGESTALT den Grundstein für ihre Mutation zu stadionfüllenden Rock’n’Roll-Übermenschen gelegt. Dass sie auch heute noch – alle Ärzte sind in ihren späten 50ern angekommen, Bela B überschreitet nächstes Jahr als erster die Grenze in seine 60er – zu so einem Output in der Lage sind, belegt ums andere Mal die Einzigartigkeit dieser Band, die mit keiner anderen hierzulande vergleichbar ist. Und selbst international muss man schon sehr gründlich suchen, um auf eine Band mit überschaubar vielen Mitgliedern zu stoßen, die im 40. Jahr ihres Brutto-Bestehens ein Album veröffentlicht, das sich nicht nur wie bescheuert verkaufen wird, sondern auch kulturelle Relevanz besitzt – und dazu noch etwas Neues wagt. Denn so wenig wie auf DUNKEL gab es noch nie zu lachen bei den Ärzten. Und das nicht, weil ihre Gags nicht zünden würden. Auf DUNKEL gibt es schlicht kaum welche. Ihr 14. Album ist vor allem eine selbstreflexive Analyse der männlichen Natur – und ja, da sieht’s natürlich oft düster aus.

Wir hören dieses Album unmittelbar vor dem Interview-Termin im Außenbereich des Hauptquartiers der Band am Berliner Columbiadamm. Farin Urlaub erscheint als Erster, wie stets komplett in Schwarz gekleidet und wie nicht anders möglich und dennoch immer wieder überraschend: hoch wie ein Baum. Bela grüßt mit einem lakonischen „So sieht man sich wieder!“, noch fehlt Rodrigo González, den die erste Rush Hour des Tages im Stau gefangen hält. Unweigerlich stellt man sich ihn in seiner Rolle als schlecht gelaunten, weil in einem engen Lieferwagen eingepferchten, Paketboten aus dem „Morgens pauken“-Video vor. Er erscheint dennoch pünktlich. Bela sitzt in der Mitte, die schwarze Hälfte seiner sau- ber getrennt gefärbten Haare dem hellblonden Farin zugewandt, die weiße Seite grenzt an den immer noch schwarzhaarigen Rod. Schwarz und Weiß, HELL und DUNKEL, brauchen einander.

Ich wage mich gleich mal an eine Interpretation von DUNKEL: HELL wirkte auf mich wie ein Manifest der Band. Mit Rückblenden auf die eigene Vergangenheit, mit dick unterstrichenen politischen Positionierungen und vor allem mit Ärzte-Humor. Ein Album, das nach der Wartezeit vielleicht die besorgten Fans beruhigen sollte: Wir sind immer noch wir. Auf diesem neu gesicherten Fundament lässt sich nun die Zukunft der Die Ärzte aufbauen: Auf DUNKEL gibt’s kaum was zu lachen.

BELA: Heißt nicht umsonst DUNKEL!

Zunächst war ich davon sogar etwas enttäuscht – der Titel ist nach HELL ja nun erwartbar. Und wenn Die Ärzte eins nie waren oder sein wollten, war es berechenbar zu sein. Die Überraschung liegt diesmal im Inhalt: sebstreflektiert, ernst, eine große Abrechnung mit Männlichkeit, kein Raum für Geblödel.

BELA: Lass uns das mal aufdröseln: Das ist natürlich nicht bewusst so gemacht. Das mag schon so sein, wie du sagst. Und das ist ja auch das Interessante an Interviews für uns, weil wir hier zum ersten Mal Reaktionen auf eine Platte hören.

FARIN: Die Songs sind zum großen Teil zusammen entstanden. Wir hatten bei 40 Songs Basics aufgenommen ...

BELA: ... Bass, Schlagzeug, Gitarre ...

FARIN: ... und aus diesen 40 Basics haben wir HELL zusammengestellt – und dann auch gleich DUNKEL. Wir hatten also zwei Alben, jeweils mit 18 Songs. Wie gesagt, noch nicht ganz aufgenommen, aber die Songs waren fertig, die Reihenfolge war fertig.

BELA: Wir hatten also zwei perfekte Kopplungen. Es gab dann auch Überlegungen, diese zwei Alben gleichzeitig herauszubringen, eins analog, eins digital. Das war aber alles nicht ausgereift. Dazu kamen dann auch Corona-bedingte Zwangslagen, dass etwa Presswerke im Schichtdienst arbeiten mussten und gar nicht so viele Platten hätten herstellen können. Dann hat der große, weise Mann neben mir vorgeschlagen: „Lasst uns jetzt erst mal eine Platte machen und dann in Ruhe überlegen, was wir mit der zweiten anstellen.“ Dann war uns schnell klar, dass wir in einem Jahr nachlegen. Das ist immer noch eine total unerwartete Sache, dass Die Ärzte nach einem Jahr schon wieder ein Album rausbringen ...

„Die Blödelei auf dem neuen Album ist vielleicht nicht so offenkundig.“

FARIN: ... wie früher! Und dann haben wir uns in der Pause nach der HELL-Veröffentlichung selbst ins Knie geschossen und 14 neue Songs geschrieben. Aus denen haben wir dann acht ausgesucht, sieben von der bestehenden Tracklist runtergeworfen – deswegen hat DUN-KEL auch 19 Songs, also einen mehr als HELL. Bei all dem gab’s aber nie den einen konzeptionellen Gedanken, den du grade rüberstülpst – wobei er sich mit meiner Wahrnehmung deckt, dass auf HELL erst mal alles raus musste.

BELA: Gegen Ende der Aufnahmen von HELL haben wir auch noch mal drei Songs runtergenommen, zum Beispiel „Gegen alles“ ...

FARIN: ... der jetzt „Anti“ heißt ...

BELA: ... und haben dafür „Plan B“ raufgenommen; mein Argument war, das sei die positivere Botschaft nach acht Jahren: Wir sind zurück, das sind wir. Das war essenziell, damit nach außen zu gehen. „Gegen alles“ ist dagegen ziemlich heftig, nicht negativ, aber doch nihilistisch ...

FARIN: ... ein Brett!

BELA: In jedem Fall nicht zum Lachen. Als wir dann ungefähr zehn der 14 neuen Songs beisammenhatten, ist uns aufgefallen: Das könnte ganz schön ernst werden. Dann hat Farin noch den „Anastasia“-Song geschrieben, auch im Hinblick darauf, dass wir vielleicht doch noch so ’nen Quatschsong brauchen.

FARIN: Ein Lied über toxische Männlich- keit, worüber es zu dem Thema ja mehrere Songs auf dem Album gibt. Die Hoffnung ist, dass man auch über diesen Typen lachen kann, der sich selbst überhaupt nicht hinterfragt. Ich finde solche Leute natürlich traurig und bestürzend, ich kann mich aber auch über sie lustig machen.

BELA: … aber auch nicht so traurig und bestürzend, dass du nicht seit Jahren mit ihnen in einer Band spielen würdest.

FARIN: Der Song war also mit dieser Absicht geschrieben, weil ich dachte, das Album könnte sonst einen Hauch zu schwer werden. Es gibt ja auch das Intro, „Karnickelfickmusik“, das hat ja auch keine Gravitas, es gibt schon auch solche Momente.

BELA: Bei meinen Beiträgen auf HELL muss man nach der Gravitas schon suchen: „Alle auf Brille“, „Einmal ein Bier“ – über den es übrigens in einem der wenigen Verrisse zur Platte hieß: „Noch nicht mal ’nen anständigen Saufsong können die schreiben, blödeln da rum wie bekiffte Hippies!“ Und jetzt ist halt mein lustigstes Lied auf der Platte der Anti-Nazi-Song „Doof“, schon ein bisschen schräg.

Ich hatte beim Hören sogar den Gedanken – sorry für das Scheißwort: Alterswerk? So könnte es weitergehen, vom Spaßzwang befreit.

FARIN: Davon haben wir uns, glaube ich, schon mit der JAZZ IST ANDERS freigeschwommen.

BELA: Die Blödelei auf dem neuen Album ist vielleicht nicht so offenkundig, ich empfinde ja auch den letzten Song als wahnsinnig lustig. Was für ein Tabubruch im Ärztekosmos – nicht umsonst heißt das Stück ja „Our Bass Player Hates This Song“ (ein konkreter Aufruf zur konkreten Partizipation an Demokratie – Anm.). Das ist ja die Wahrheit. Rod lässt sich vom Schneider grade so Puschelohren machen – falls wir ihn live spielen sollten.

FARIN: Die Musik findet er ja gut, einen halben Punkt gibt’s für den Song.

Ist dir der Song zu belehrend, Rod?

ROD: Ja, Tabubruch trifft’s ganz gut – Die Ärzte als Erklärband. Im Juso-Style! Im JuLi-Style!

FARIN: (lacht) Scheiße!

BELA: Was er scheiße findet, finde ich halt unfassbar lustig. Musikalisch ist der Song natürlich über alle Zweifel erhaben, er ist gut gereimt, aber ... wir haben mit „Woodburger“ am Ende von HELL einen Song mit einem Refrain, den man in der derzeitigen Debatte um Homophobie, Transgender und Gendersprech nicht machen kann. Und deshalb haben wir’s gemacht. Weil wir Die Ärzte sind. Und dann kommt die nächste Platte mit einem Song, den man innerhalb der Gesetze, die wir für uns aufgestellt haben, nicht machen kann. Also machen wir es! Der Song selbst ist nicht lustig, aber dass er da ist, das hat viel mit Humor zu tun ...

FARIN: Meta-Humor. Jetzt geht alles.

BELA: Rod sieht uns drei da eher wie Mönche mit der fünfschwänzigen Geißel, Autoflagellation.

ROD: Ist ja auch richtig so! Ich sehe halt eher die Gefahr, dass wir uns später drüber aufregen werden, dass manche Leute, mit denen wir politisch überhaupt nichts zu tun haben wollen, das als Erklärsong für ihre Sache nutzen werden. Es sei denn, diese Leute verstehen den Humor.

BELA: Oder aber, Rod – wir sind auch älter geworden und tatsächlich vielleicht auch politisch ein bisschen mehr in die Mitte gerückt

ROD: ... oder vielleicht sogar in die ganz andere Richtung ... (alle lachen)

BELA: Und als wohlhabender Popstar ist die FDP jetzt nicht die schlechteste Partei. (alle lachen)

ROD: Wir hätten das Album in Magenta färben sollen und nicht in Schwarz.

Es wäre auch nicht zum ersten Mal, dass eure Songs von den falschen Leuten gesungen wurden. Nazis zeigten den Hitlergruß bei „Eva Braun“; „Deine Schuld“ lief zwar auf den „Fridays For Future“, wurde aber auch schon von rechts skandiert, in grenzenloser Blödheit.

FARIN: Da passt ja auch wieder Belas Song: „Doof“.

BELA: Wir haben da aber auch ’n bisschen was machen können, mit Anwälten gegensteuern. Andererseits hat das auch einfach aufgehört – das war ja nicht nur blöd, sondern auch ein bewusstes Verwirrspiel, mit Songs von uns, von Wir sind Helden, von ZSK – das ist aber nicht so ganz aufgegangen.

FARIN: Jetzt sind wir halt die Zentrumsband!

„Dein Kreuz gegen Hakenkreuze“ ist natürlich eine schöne Zeile.

FARIN: Ja, oder? Ich sehe sie schon auf T-Shirts.

BELA: Nicht, wenn’s nach Rod geht! Bei der Zeile zucke ich auch am meisten. Man muss bei dem Song um die Ecke denken. Bei „Woodburger“ ging’s mir auch so: Zuerst fand ich das natürlich lustig, dachte mir dann aber auch: Na ja, man wird ja nicht schwul, das arbeitet schon mit homophoben Ansichten, bis mir auffiel, dass der Song genau die mit den eigenen Waffen schlagen will.

FARIN: Na klar! Noch offensichtlicher wollte ich’s nicht machen.

BELA: Es gab da auch ein paar Anfeindungen, vor allem aber von Fremdbetroffenen aus dem Political-Correctness-Lager. Von der LGBTQ+-Gemeinde sind wir eher in Schutz genommen worden. Die Ärzte sind nicht homophob, das wussten die, das passt nicht in deren Kosmos ... genauso wenig wie sie Politlieder singen und Demokratie anpreisen!

FARIN: Das Problem mit dem lyrischen Ich ist auch, dass damit ganz wenige Leute umgehen können. Ich bin gespannt, wann mir jemand „Anastasia“ vorwirft. „Du Schwein! Ist richtig, dass sie dir in die Eier getreten hat!“

BELA: „Schwanz ab“ ist ja eine sehr frühe

Vorform von dem Song. Wie handhabt ihr Songs wie „Elke“, die heute als Fatshaming durchgehen würden? Zuletzt habt ihr den nicht mehr live gespielt, trotz Forderungen des Publikums. Farin hat das damit begründet, dass ihr den Song einfach nicht mehr hören könnt – ein eleganter Ausweg?

BELA: „Elke“ ist natürlich ein Klassiker – zu dem Zeitpunkt haben wir alle viel Metallica gehört …

FARIN: … du mehr als ich …

BELA: … aber da ging es schon los, dass wir alle so Zeug wie Anthrax gehört haben und dann wollten wir eben auch mal so was machen. Mit dem Ergebnis, dass das der meistgecoverte Ärzte-Song von Metalbands ist. Weil Metalbands …

FARIN: … haben jetzt nicht so viel Fantasie. (lacht)

BELA: Der Song ist halt auch ein ganz platter Witz, geschrieben unter dem Einfluss von Telefonterror zweier Damen, die uns dann noch ein Foto von sich geschickt hatten. Das Foto – ich schmeiß’ ja nix weg – habe ich vor Kurzem wiedergefunden und für uns auf T-Shirts drucken lassen, mit der Aufschrift „Fuck you, I have enough friends“ und das zu einem Meeting mitgebracht, bei dem wir über die Zukunft der Band sprechen wollten.

FARIN: Nee, das Lied ist müde gespielt.

BELA: Das macht uns einfach keinen Spaß mehr. Früher haben wir das dann noch mit so Sodom-Grunzen aufgefrischt …

„ Als wohlhabender Popstar ist die FDP jetzt nicht die schlechteste Partei.“

ROD: Wir haben verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, als Ballade, als Reggae-Nummer …

FARIN: Wir haben sogar mal ein Beatles-Zitat eingebaut, aus „I Want You (She’s So Heavy)“.

Auch eine Metal-ähnliche Nummer der Beatles.

BELA: Wir dachten auch, dass es in Zeiten, in denen Homophobie und Bodyshaming viel diskutiert wird, für eine Band wie uns, die in die Richtung immer provoziert hat, schwer werden würde, aber nee, uns wird fast alles verziehen.

Eine politisch korrekte Band, die wenig Wert auf Political Correctness legt.

FARIN: Ja, genau. Gut formuliert! DUNKEL dürfte euer bisher härtestes Album sein. Richtig durchatmen lässt sich erst zur Albummitte mit „Tristesse“. Der erste Song beginnt auch mit einem ins Deutsche übersetzten Zitat aus „Bullet In The Head“ von Rage Against The Machine – das gibt die Stoßrichtung vor. Dann gibt es mit „Einschlag“ und „Nachmittag“ zwei Songs, in denen jeweils ein Mensch ermordet wird. Den Letzteren hast du, Farin, geschrieben, aber du, Bela, singst ihn. Ein Novum in der Bandgeschichte, oder? Abgesehen von „Schrei nach Liebe“, wo Farin die von Bela geschriebenen Strophen singt und Bela Farins Refrain.

FARIN: Ich habe „Nachmittag“ tatsächlich für Belas Stimme geschrieben.

BELA: Live hat es sich so ergeben, dass ich „Schopenhauer“ singe, auf Platte aber Farin.

FARIN: Bela hat tatsächlich vor Kurzem ein Demo von mir umgebaut, textlich verbessert, die Strophen neu geschrieben und das ist jetzt die neue Single geworden: „Noise“. Da kam er dann an und meinte, er stelle sich das so Mephisto/Faust-mäßig vor – wir singen das zusammen. Das ist jetzt auch so die neue Altersmilde: Man denkt auch mal an die anderen.

BELA: Erst als wir den Mix bekamen, fiel mir auf, was das für ein Fan-Pleaser ist: ein 50/50-Song von uns beiden, zum ersten Mal, abgesehen von B-Seiten, seit „Schrei nach Liebe“. Deswegen haben wir uns auch für den Song als erste Single entschieden: Weil das ein fast schon völlig erwartbarer Ärzte-Song ist – was man ja wiederum überhaupt nicht von uns erwartet.

FARIN: Wir hatten als erste Single eigentlich „Kraft“ im Kopf, dachten dann aber, dass die Leute nach Corona mehr Lust auf so ’n Wohlfühl-Song haben. Rods Antwort kann man sich vorstellen: „Macht doch! Ihr wollt die erste Single tauschen – du, ich hab’ grad was auf dem Herd.“

ROD: Die Milch kocht über!

BELA: Jedenfalls war keine der Singles aus HELL ein erwartbarer Ärzte-Song.

Alle diese Singles stiegen in die Top 5 der deutschen Charts ein – „True Romance“ sogar auf Platz 1 –, waren aber in der Folgewoche aus den Top 100 verschwunden. Das liegt daran, dass die Vinylfans gleich losgezogen sind und sich die Single gekauft haben, sich aber nur in den Charts hält, was auch permanent gestreamt wird. Wie ging’s euch mit diesen „Rekorden“?

BELA: Die Songs wurden schon gut gestreamt, aber …

FARIN: … wir haben halt keine Klickfarm angestellt.

ROD: Wir hätten diese Chartsläufe verlängern können, indem wir Special Editions herausbringen. Für 300 €, inklusive gebrauchtem Auto. Da gibt’s ja Möglichkeiten. … etwa eine Girlande beilegen, wie im Vinylschuber zu HELL und DUN-KEL.

FARIN: HELL läuft ja sehr gut, das ist grade irgendwo in den 50er-Plätzen in den Charts – und darum geht’s ja auch bei den Singles, die sollen ja eine Aufmerksamkeit fürs Album schaffen. Charts waren uns aber, obwohl das natürlich nie jemand glaubt, nie so wichtig. Wisst ihr aber, was hart ist? Wir waren in fünf aufeinanderfolgenden Jahrzehnten mit mindestens einem Album auf Platz eins. Wie alt sind wir denn? Ist doch unfassbar! Mit dem nächsten Jahr wird der deutsche Synchrontitel des Films „Soylent Green“, nach dem ihr eure Vorgängerband Soilent Grün benannt habt, erreicht: „… Jahr 2022 … die überleben wollen“.

FARIN: Das haben wir echt verpasst!

BELA: Das wäre das perfekte Tourmotto gewesen! Da hätte sich ein Kreis geschlossen, aber jetzt heißt die Tour „Buffalo Bill in Rom“… So viel zum Thema Quatsch.

FARIN: Das ist übrigens was, womit Journalist*innen seit jeher nicht so gut umgehen können: Dass wir, offensichtlich für viele Leute, ’ne totale Quatschband sind, und dann spielen wir auf Konzerten auch mal total ernste Nummern und die werden geradezu kirchenandächtig mitgesungen und danach machen wir ’ne Ansage, die die Stimmung komplett zerstört. Das ist für Medienleute oft schwer zu verstehen, dass eben beides geht. Die Fans verstehen das hingegen total: Dit sind halt Die Ärzte.

Jede Regel braucht ihre Ausnahme: Vielleicht seid ihr diese notwendige Ausnahme in der Kultur eines Landes, in dem man alles am liebsten schön geordnet hat.

FARIN: Mit so vielen Gefällen wie wir arbeitet jedenfalls niemand. Ein Wechselbad der Gefühle!

BELA: Leute misstrauen auch der guten Laune, die wir haben, die wir versprühen. Hab’ da neulich auch ein Interview mit Sammy Amara, dem Sänger der Broilers gelesen, wo er sagt, dass der Quatsch, den wir verkörpern, nicht seins sei. Dann meinte der Interviewer, dass wir ja auch ernste Songs haben. In Sammys Weltbild sind wir halt die Blödelkombo.

Im normalen Leben ist man ja auch nicht nur entweder oder. Selbst Ian Curtis wird ja mal zu seiner Tochter Dutzi-Dutzi gesagt haben.

„Wir waren in fünfJahrzehnten mit mindestens je einem Album auf Platz eins.“

FARIN: Nä! Love will tear us apart, Alter!

BELA: Oh, hat es vielleicht Hunger? Egal, es weint – schön! Ich glaube allerdings schon, dass das authentische Musik war.

FARIN: Da muss ich mal kurz reingrätschen, weil ich so ein Riesenfan bin: In dem Buch von Peter Hook (Bassist von Joy Division – Anm.) beschreibt der auch, wie die, damit die Show besser wird, diese Lichter auf der Bühne eingesetzt haben, die Curtis’ epileptische Anfälle verursacht haben. Ganz, ganz, ganz, ganz hart! Er gibt auch zu, dass sie sich viel mehr um ihn hätten kümmern müssen, auch medikamentös. Jedenfalls sagt er, dass zwar jeder dieses ernste Bild von ihrem Sänger gehabt hätte, dass der eben aber auch ein totaler Lad war. Mein Weltbild war am Bröckeln: Der war natürlich gar nicht so dunkel und voller Schmerz.

Jetzt mal Kehrtwende zurück zu eurem Album: Ein Ebow-Feature auf „Kerngeschäft“ – wie kam es wohl dazu?

BELA: Unser erstes Rap-Feature überhaupt! Es gab ja noch den nicht mehr so zitierungsfähigen „Radio Rap“ auf der „Radio brennt“-Maxi (in dem das N-Wort vorkommt – Anm.) …

FARIN: … der war ja extra schlecht.

BELA: Damit haben wir ja quasi Deutschrap begründet. 1988, was gab’s denn da sonst schon?

FARIN: Na, die Hosen hatten 1983 eine Rapsingle. Falco gab’s, die EAV hatte schon einen Rapsong – und nicht vergessen: G.L.S.-United!

„Rappers Deutsch“, der erste deutschsprachige Rapsong, 1980.

FARIN: Wenn du dir das heute anhörst, da ist überhaupt kein Flow drin. Die lesen das einfach nur schlecht vor. Unfassbar!

Wurde, zur Verteidigung der Interpreten, auch nicht von denen geschrieben.

BELA: Ich hab’ diese grandiose Single natürlich, aber ja, Ebow ist unser erstes Rap-Feature. Als ich den Song geschrieben hatte, wollte ich von Anfang an einen Rap-Part drin haben, warum auch immer. Ich dachte ursprünglich an jemanden aus der Vergangenheit, der über jeden Zweifel erhaben ist. Torch hatte ich im Kopf … aber als das Lied fertig war, habe ich mir gedacht: „Nee, da muss was Krasseres drauf.“ Dann habe ich überlegt, welche Rap-Platten ich in den letzten Jahren gekauft hatte: Felix Kummer zum Beispiel, aber der wäre zu erwartbar gewesen.

ROD: Es hätte auch Schwester S sein können.

BELA: Ich hätte mir sogar eine Schwester-S-Platte gekauft, aber aus anderen Gründen, so: „Ach, das passt noch in meine Shabby-Sammlung!“ Und dann habe ich mich an Ebow erinnert, deren zweites Album fand ich sehr gut. Die fand die Idee auch gleich super, obwohl sie kaum Verbindungen zur Rockmusik hat. Leider haben wir uns bis heute nicht getroffen, wir haben nur telefoniert und gemailt. Gestern hat einer, dem wir die Platte gezeigt haben, gemeint: „Na, dann habt ihr ja wenigstens noch was Junges auf der Platte!“ Ich hoffe, dass das nicht von allen so gesehen wird. Von manchen bestimmt. Aber schön ist eben auch, dass der Song mit einem Diss auf Auto-Tune-Rap beginnt – dass alle klingen wollen wie Cher. Bevor man euch aber vorwerfen könnte, dass ihr für dieses Genre halt zu alt seid, präsentiert ihr eben gekonnten Rap. Es ist ja ohnehin reichlich seltsam, dass so viele dieser homophoben Machorapper einen Effekt benutzen, der auf eine Queer-Ikone wie Cher zurückgeht.

BELA: Das wissen die meisten von denen bestimmt gar nicht. Aber du bist so ’n wandelndes Musiklexikon, du hast das gleich kapiert.

Ich interessiere mich halt sonst für nichts. Hab’ ebenfalls keinen Plan B.

BELA: Es wird immer schwieriger, echte Musikjournalisten zu treffen. Danke, dass du Zeit hattest!

Das mag daran liegen, dass es so viele nicht mehr gibt. Ihr hingegen tragt mit den Flexi- Discs, die ihr der „Visions“ und uns beilegt, aber bestimmt dazu bei, dass ich nicht gleich umschulen muss. Was könnt ihr mir über die zwei Songs auf den Schallfolien sagen?

BELA: Wir haben „Morgens pauken“ genommen, die erste Single aus HELL und haben, frei nach einer Ärztetypischen Theorie, gesagt: Ein Song ist gut, wenn er als Ska-und als Rockabilly-Nummer funktioniert. Deswegen gibt’s jetzt „Abends skanken“ und „Abends Billy“. Sind beide super! Wir haben die live im Studio einge- spielt, hat uns einen Heidenspaß gemacht.

FARIN: Ich hab’ Rod in den letzten zehn Jahren nicht so viel gackern gesehen wie bei diesen Aufnahmen.

BELA: Ich hasse dieses Wort, aber die beiden Versionen sind einfach in so ’ner – Achtung – Jamsession entstanden. Das ging ab wie bei ’ner Band kurz vor ihrem Debüt. Megaspaß und eben ein Bonus für den Zeitschriftenmarkt und die Fans.

Wir fühlen uns sehr geehrt. Wir stehen da ja auch in jahrzehntelanger Tradition zusammen. Im Oktober 1986 lag dem Musikexpress schon eine Flexi-Disc von euch bei, mit einem kurzen Intro und drei angespielten Songs, darunter das später indizierte „Geschwisterliebe“.

BELA: Genau, war damals kein Aufreger. Erst zwei Monate später hat sich eine besorgte Mutter aus Witten beim Jugendamt Essen beschwert, was dann zu einer ausufernden Indizierungsorgie geführt hat. Aber beim Thema Kinder: Was ist denn das für ein Kinderchor in „Doof“?

BELA: Das ist leider gar kein Kinderchor. Ich hätte gern den WDR-Kinderchor, der von „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“, gehabt, aber die Öffentlich-Rechtlichen stellten sich da quer. Dann haben wir einfach alle Kinder aus unserem Umfeld, derer wir habhaft werden konnten, zusammengesammelt …

FARIN: Das große Kinderstehlen in Berlin.

BELA: Peta Devlin, meine musikalische Partnerin der letzten Jahre, kann sehr gut Kinderstimmen nachmachen, die hat dann auch noch ein paar Spuren beigesteuert. Ich bin großer Fan von Kinderchören, nicht erst seit dieser Platte von Dead Man’s Bones, dem Projekt von Ryan Gosling. In Verbindung mit Rockmusik klingt das immer auch düster. Siehe auch „Another Brick In The Wall“, von Pink Floyd. Die Anmoderation des letzten Songs mit dem legendären „Klingt komisch, is’ aber so“ – ist das Christoph Biemann von der „Sendung mit der Maus“?

BELA: Nee, aber der soll es sein. Der Satz wurde ja auch nie so gesagt, weder von Peter Lustig noch in der „Sendung mit der Maus“, das ist so ein Mythos wie „Harry, fahr den Wagen vor!“ Aber der Satz hat halt zu dem Song gepasst wie die Faust aufs Auge. Ein Freund von mir, Stefan Kaminski, hat den eingesprochen. Für die drei anstehenden Touren, die hoffentlich bald Realität werden, viel Spaß dabei und danke fürs Gespräch! Und, sollte das jetzt so weitergehen: Bis in einem Jahr beim nächsten Album!

Albumkritik S. 78