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OVER AND OUT


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petra - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 05.05.2022

Scheiden tut weh – auch dem, der sich trennt

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Bildquelle: petra, Ausgabe 6/2022

Es gibt nichts zu beschönigen: Eine Trennung ist verdammt hart. Der Traum, zusammen alt zu werden: ausgeträumt. Plötzlich gibt es kein „Wir“ mehr und keine gemeinsame Zukunft. Stattdessen müssen wir Abschied nehmen von einer gemeinsamen Vergangenheit, in der wir Seite an Seite mit dem Partner gekämpft, gelacht und geweint haben. Bis uns die Liebe abhanden gekommen ist. Und schließlich auch die Hoffnung, dass sie eines Tages zurückkehrt.

Verbundenheit und Schuldgefühle

Verdammt hart ist es nicht nur für den, der verlassen wird, sondern auch für den, der verlässt. Eine langjährige Beziehung gibt schließlich niemand leichtfertig auf. Und: „Anders als der verlassene Partner, der Mitgefühl von seinem Umfeld erfährt, steht der, der die Beziehung beendet hat, häufig alleine da. Noch dazu schlagen ihm vielleicht Unverständnis und Vorwürfe entgegen“, sagt der ...

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... Trennungs-Coach Torsten Geiling (trenndich.info) aus Bayreuth. Mit seinem Team begleitet er Menschen, die im Begriff sind, sich von ihrem Partner zu trennen, und hilft ihnen, mit ihren Zweifeln, Ängsten und Schuldgefühlen umzugehen.

Gerade in lang jährigen Partnerschaften spielen Schuldgefühle eine große Rolle und können Betroffene sehr hartnäckig von einer Trennung abhalten. Der Mensch, mit dem wir so viele Krisen gemeinsam durchgestanden, mit dem zusammen wir uns so viel aufgebaut haben, ist uns schließlich noch wichtig. Hat sich die körperliche Nähe auch unwiederbringlich verabschiedet, bleibt doch häufig ein tiefes Gefühl der Verbundenheit. Dieses Gefühl kennt auch Diana: „Mein Mann und ich sind ein Paar, seit ich 16 Jahre alt war. Er ist mir immer ein guter Partner gewesen, und wenn ich mir vorstelle, ihn zu verlassen, dann fühlt es sich an, als verliere ich meine Wurzeln und falle ins Nichts.“ Diana kann und will ihre Ehe nicht ganz aufgeben – und das, obwohl es schon seit fünf Jahren einen anderen Mann in ihrem Leben gibt.

44% der Frauen haben laut einer Umfrage ihre letzte Beziehung selbst beendet. (Quelle: ElitePartner)

Ich schaffe den Absprung nicht

Diana Kaufmann, 52:

„Seit fünf Jahren gibt es neben meinem Mann einen anderen in meinem Leben. Beide wissen voneinander. Sie wollen trotzdem mit mir zusammen sein.

Schon lange will ich diese ZERMÜRBENDE SITUATION endlich auflösen. Ich glaube, ich muss beide Beziehungen beenden und erst einmal zu mir selbst finden, aber ich schaffe es nicht. Beide Männer sind mir wichtig, und bei der Vorstellung, mich zu trennen, fühle ich mich verloren, so als hätte ich dann keinen Platz mehr in der Welt.“

Die Entscheidung, sich zu trennen, wird häufig einseitig getroffen – wenn der Partner emotional nicht am selben Punkt steht und die Beziehung von sich aus nicht beenden möchte.

Auch daraus ergeben sich große Schuldgefühle. Und wie gehen wir mit ihnen um? „Indem wir uns bewusst machen, dass diese Emotionen erst einmal nichts Negatives sind. Im Gegenteil: Sie zeugen davon, dass wir Verantwortung übernehmen und nicht einfach die Tür hinter uns zuschlagen“, sagt der Trennungs-Coach.

Familie und Sicherheit

Für den größten Teil seiner Klienten ist der gemeinsame Nachwuchs der Hauptgrund, sich nicht zu trennen.

12% der Befragten hielt die Angst vor Einsamkeit von einer Trennung während der Corona-Pandemie ab. (Quelle: Parship)

Denn auch den Kindern gegenüber haben viele Betroffene Schuldgefühle.

Hinzu kommt der lähmende Schmerz beim Gedanken daran, das gewohnte Familienleben für immer zu verlieren.

Eine Trennung kann darüber hinaus gerade für Frauen finanzielle Unsicherheit bedeuten: Viele Mütter haben wegen der Kinder jahrelang beruflich zurückgesteckt oder ihren Job ganz aufgegeben. So wie Heike, die ihren Beruf als Bauzeichnerin nach der Geburt ihrer ersten Tochter an den Nagel hängte. Als ihr Mann sie überraschend verließ, hatte sie nicht nur mit Trennungsschmerz, sondern auch mit finanziellen Nöten zu kämpfen. Natürlich macht das Angst. Und dennoch: „Wenn wir die Beziehung auf Biegen und Brechen aufrechterhalten und uns dabei selbst verleugnen, funktionierten wir nur noch.

Und davon werden wir irgendwann krank“, so Torsten Geiling.

Frauen müssen sich nach einer Trennung oft auch beruflich neu orientieren. Heike ist das inzwischen gelungen. Sie arbeitet jetzt als Lehrkraft an einer Berufsschule. Es hat mehrere Jahre gebraucht, aber heute ist sie glücklich mit ihrem Leben und mit sich selbst endlich im Reinen.

Die Angst vor dem Unbekannten

Heikes Beispiel zeigt: Eine Trennung ist immer auch die Chance für einen Neustart. Doch gerade zu Beginn fällt es uns ungeheuer schwer, die neuen Möglichkeiten überhaupt zu erkennen. Menschen, die sich trennen wollen oder sich gerade getrennt haben, quält häufig die Angst vor dem Unbekannten. Da ist zum einen die bedrückende Leere, die ein langjähriger Partner hinterlässt. Da ist zum anderen auch die Befürchtung, ab jetzt womöglich für immer Single zu bleiben.

Beides halten viele frisch Getrennte nur schwer aus – und stürzen sich deshalb direkt in die nächste Beziehung.

Torsten Geiling rät seinen Klienten, sich erst einmal mit sich selbst zu beschäftigen, bevor sie sich auf eine andere Person einlassen – auch wenn sie diesen Schritt gern einfach überspringen würden: „Viele frisch Getrennte suchen lieber einen neuen Partner als sich selbst.“

Trauer und Schmerz zulassen

Uns zunächst auf uns selbst zu konzentrieren ist aus vielen Gründen die bessere Idee. Zu dieser Phase gehört auch, dass wir Trauer und Schmerz zulassen. Menschen, die eine Partnerschaft selbst beendet haben, gestehen sich diese Gefühle häufig gar nicht zu, weil sie glauben, sie seien die Bösen, die etwas Schönes kaputtgemacht haben, weiß der Trennungs-Coach. Dabei erleben auch sie einen Verlust. Und in vielen Fällen haben sie sich aufgeopfert und lange um ihre Beziehung gekämpft. Sie dürfen genauso trauern, dürfen sich auch mal selbst bemitleiden, so wie Barbara es tut: Ihr Mann hatte sie betrogen, ihr seinen Seitensprung sofort gestanden und ihn fortan zutiefst bereut. Vier Jahre lang blieb das Paar danach zusammen, vier Jahre, in denen Barbara versuchte, das Vertrauen und die Nähe zu ihrem Partner wiederherzustellen.

Doch am Ende musste sie sich eingestehen, dass nichts je wieder so geworden ist wie zuvor. Und dass sie sich innerlich von ihm entfernt hat. Barbara hat ihren Mann erst vor Kurzem verlassen, und der Schmerz und die Bitterkeit sitzen auch bei ihr tief.

”Niemals hätte ich mich getrennt

Heike Petersen, 59:

„Mein Mann sprach nicht über das, was ihn bewegte, und schon lange war da dieses unfassbare EINSAMKEITSGEFÜHL in mir.

Trotzdem brach für mich eine Welt zusammen, als er sich von mir trennte. Ich hatte versagt: Wir waren keine Familie mehr.

Ich fühlte mich schuldig und litt zudem an Existenzängsten.

Stück für Stück habe ich Angst und Schuldgefühle aufgearbeitet und mich beruflich neu orientiert. Erst heute, sechs Jahre später, fühle ich mich in meinem Leben angekommen.“

Letzlich gilt für beide, den Verlassenen und den, der die Beziehung beendet hat: Es bringt nichts, die Gefühle zu unterdrücken und die Trauerphase mit aller Macht abkürzen zu wollen. Im Gegenteil: „Sie ganz bewusst zu durchleben ist wichtig, denn nur so können wir wertschätzend Abschied vom Ex-Partner nehmen.“

Reflexion und der Blick nach vorn

Wer das Alte nicht abschließt, bevor er etwas anderes beginnt, läuft außerdem Gefahr, sich in der neuen Beziehung früher oder später mit denselben Problemen konfrontiert zu sehen.

Auch deshalb ist es so wichtig, sich die Zeit zu nehmen, das Vergangene zu verarbeiten.

Und gegebenenfalls ein paar Weichen neu zu stellen. Wenn wir frisch getrennt sind, sollten wir die zerbrochene Beziehung und unsere eigene Rolle darin reflektieren.

Dabei kann es uns helfen, uns die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die uns Zugang zu dem verschaffen, was hinter uns liegt, und unseren Blick allmählich in die Zukunft lenken:

Warum hat diese Beziehung nicht funktioniert? Welche Gefühle hatte ich gegenüber meinem Partner? Wie habe ich mich ihm und mir selbst gegenüber verhalten? Und was habe ich aus all diesen Dingen gelernt?

”Wir waren nicht mehr unbeschwert

Barbara Schwertfeger, 47:

„Mit keinem anderen Menschen habe ich mich so wohl gefühlt, konnte ich so lachen wie mit meinem Mann. Bis er mich mit einer Kollegin betrog.

Den SEITENSPRUNG bereute er bitter, ich glaubte ihm. Wir gingen zur Paartherapie. Wir taten alles, um unsere Ehe zu retten. Jahrelang hielt ich an dem Glauben fest, dass es uns gelungen sei. Doch irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr mit ihm lachen konnte wie früher, dass ich mit ihm nicht mehr so unbeschwert war. Erst kürzlich hab ich mich von ihm getrennt.“

29% der Frauen nannten in einer Umfrage die Untreue des Partners als Trennungsgrund. (Quelle: NextLove)

So gewinnen wir Klarheit darüber, was wir in einer neuen Partnerschaft wollen – und was nicht. Für Torsten Geiling kommt es vor allem darauf an, dass wir zunächst das „Was“ und erst danach das „Mit wem“ klären. „Stellen Sie sich Ihr Leben vor wie eine Autofahrt“, rät der Experte. „Sie sitzen am Steuer und schauen auf der Landkarte erst einmal, wo Sie überhaupt hinwollen. Dann kann gern jemand zusteigen, der in dieselbe Richtung will und dasselbe Ziel hat.“

In dieser Phase sollten wir aber nicht nur unsere Werte und Vorstellungen in Bezug auf Beziehungen hinterfragen, sondern uns selbst auch richtig gut kennenlernen. „Wir können ja immer nur das geben, was wir haben. Dazu müssen wir aber erst einmal wissen, was wir haben.“ Uns selbst gut kennenzulernen gibt uns zudem die Möglichkeit, in Einklang mit unserem Innersten zu kommen, und bewahrt uns vor schlechten Entscheidungen. Wieder sind es die richtigen Fragen, die uns weiterhelfen:

Was ist mir wichtig im Leben? Was möchte ich unbedingt noch erreichen, was gern endlich einmal ausprobieren? Wer diese Fragen ehrlich für sich klärt, macht sich auf den Weg in ein neues, zufriedenes Leben.

Akzeptanz und Loslassen

Zugegeben: Für Menschen, die verlassen worden sind, ist dieser Weg in der Regel etwas länger. „Sie brauchen mehr Zeit, um sich nach dem Schock wieder zu fangen und neu zu orientieren. Häufig kommt es auch erst mal darauf an, ihr Selbstbewusstsein wiederaufzubauen.“ Das Durchleiden, das Nicht-Wahrhaben-Wollen, das Hadern, das Heilen kostet Zeit. Verheulte Nächte, zu viel Alkohol, Tage im Bett – das alles kann dazugehören.

Doch dann gilt: „Ist die akute Phase vorüber, müssen Menschen, die verlassen wurden, auch wirklich loslassen. Sie müssen die Entscheidung des anderen akzeptieren und dann unbedingt Verantwortung für sich übernehmen“, sagt der Experte.

Häufiger erlebt er in seinen Beratungen, wie schwer dieser Schritt vielen frisch Getrennten fällt. Sie flüchten sich noch lange intensiv in die Vergangenheit. Sie denken immer und immer wieder darüber nach, wie schön es doch früher einmal war. Über die offensichtlichen Probleme, die letztlich auch zur Trennung geführt haben, sehen sie dabei hinweg.

Kein Ende, sondern ein Neuanfang

Von verlassenen Frauen hört Torsten Geiling öfter: „Aber ich wollte doch mit ihm alt werden!“ Ein sehr trauriger Satz. Und einer, der leider niemandem hilft. „So bitter es auch ist: Der Mann stellt sich seine Zukunft jetzt leider anders vor. Und die Frau, die verlassen wurde, sollte all ihre Energie darauf verwenden, selbst auch wieder ein zufriedenes Leben zu führen“, sagt der Trennungs-Coach.

Es kommt vor, dass jemandem das alleine nicht gelingen will. Dass die Trennung ihm den Boden unter den Füßen weggerissen hat und dass an Zukunftspläne und Zuversicht sehr lange nicht zu denken ist. Geht der Trennungsschmerz in eine Depression über, empfiehlt Torsten Geiling, sich Hilfe zu suchen. „Man kann Tage, Wochen oder sogar Monate trauern, okay, aber wenn man sich gar nicht mehr aufraffen kann und auch keinen Sinn darin sieht, dann sollte man sich an einen Psychologen wenden.“

Trennungen zählen zu unseren härtesten Prüfungen. „Im Extremfall fühlt sie sich an, als ob das Leben zu Ende ist“, sagt der Experte. „Das ist es aber nicht. Man kann es von hier aus vielmehr ganz neu starten.“