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Paloma Picasso und die Frage, wer wen verließ


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 13.04.2022

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„Einen Stift habe ich jahrelang nur zum Schreiben in die Hand genommen, aus Angst, dass aus mir eine Künstlerin werden könnte.“

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PALOMAS MÄNNER FRAU, TOCHTER, MUSE

1 Sie hatte die „Zirkonflex-Brauen“ ihrer Mutter, die schwarzen Augen ihres Vaters – und den Mund von Dora Maar. Mode-Ikone Paloma Picasso mit ihrem ersten Mann, dem argentinischen Unternehmer Rafael Lopez-Cambil 2 Küsschen! Picasso war 69, als seine Tochter drei Jahre wurde 3 Ziemlich beste Freunde: 1971 widmete Yves Saint Laurent seiner Muse eine skandalumwitterte Kollektion

Schwarz, Weiß, Rot. Die Augen, dunkel und kajalumflort, die schwarze Masse ihres Haars, der Mund – rot. Wie die Handschuhfinger, die an ihrem unergründlichen Gesicht plötzlich etwas so Wollüstiges bekommen. 1993 ist das Foto bei einem Shooting für ihre Lippenstiftfarbe „Mon Rouge“ entstanden. „Ich bin Designerin“, sagte sie einmal, „aber eigentlich habe ...

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... ich immer nur mein eigenes Bild entworfen.“ Mit jedem Stück, egal ob Sonnenbrillen oder Lippenstifte und Parfums für L’Oréal, Gläser und Porzellan für Villeroy & Boch oder Schmuck für Tiffany & Co. Der Platinring mit dem blauen Saphir etwa, der an ihrem Handschuh wie ein magisches Auge sitzt, oder ihre Colliers mit den fast unanständig großen Farbsteinen, so prächtig, dass sie an byzantinische Kirchenschätze erinnern, aber auch fragile Olivenzweige, die zu goldenen Ringen und Armbändern verflochten sind, das Herzkettchen „A loving heart“, das schüchtern, fast ein bisschen verzagt aussieht, schließlich ihre Taube, ein Anhänger, der an die Silhouette eines Engels erinnert. „Mein Schutzengel“ nannte sie ihn.

Ganz anders als jene Taube, die ihr Vater 1949 für das Plakat des Weltfriedenskongresses in Paris zeichnet und die zur Ikone wird. Zur Friedenstaube schlechthin. Es ist der 19. April, der Tag ihrer Geburt, abends kommt er in die Klinik in Vallauris, zu Françoise Gilot, seiner jungen Geliebten, und nimmt das kleine Mädchen in Augenschein. Sie soll Paloma heißen. Das spanische Wort für Taube. Er ist selig. Noch am Morgen hat er Françoise, die schon Wehen hatte, den Wagen für die Klinik verweigert, er brauche ihn selbst, für den Kongress in Paris.

„Die Sphinx“ nannte ihre Mutter das kleine Mädchen mit den großen ernsten Augen, das in Dinge und Menschen hineinsehen konnte. Bis dahin, wo sie dunkel und traurig wurden. Bei ihrer Geburt ist Picasso 67, ein später Vater, aber was bedeutet das schon, bei einem wie ihm. Im Ringelshirt tanzt er mit seinen Kindern durch das Atelier im südfranzösischen Vallauris. Entzückt und ein bisschen verwirrt von diesem forschenden Blick des kleinen Mädchens – so sieht er auf den meisten Fotografien mit Paloma aus. Manchmal lächelt sie zurück. Picasso malt sie oft, sie und ihren zwei Jahre älteren Bruder Claude, und immer spürt man in diesen Bildern, wie sie von ihrem Spielzeug, von der Orange in ihren Händen oder dem Plastikfisch, aufschaut, fasziniert davon, was auf der Leinwand ihres Vaters entsteht – eine zweite, andere Paloma – bevor sie wieder zu ihren Spielen und kleinen Vergnügungen zurückkehrt, durch das Atelier und den Garten hüpft, singt und malt. Welche Macht diese Bilder hatten! Als sie älter wird, malt sie nicht mehr. Auch ihren Vater sieht sie lange nicht, denn ihre Mutter verlässt ihn, nimmt 1953 die Kinder und fährt mit ihnen zurück nach Paris. Françoise Gilot, selbst Malerin, ist die Frau, die Nein sagt. Nein zu Picasso. Das hatte noch keine gewagt. Es sei die einzige Chance gewesen zu überleben, meint Gilot später, die über ihr Leben mit Picasso 1963 ein „Enthüllungsbuch“ schreibt. Picasso tobt – und will auch „die Kinder dieser Mutter“ nicht mehr sehen.

FRANÇOISE GILOT & DORA MAAR

1 1946 am Strand: Das Foto von Robert Capa zeigt, was sieben Jahre später geschah: Françoise Gilot läuft Picasso davon 2 Die surrealistische Fotografin und Malerin Dora Maar, hier 1935, flüchtete sich nach der Trennung von Picasso in religiösen Wahn

„Ich war sehr schüchtern mit 14, 15“, erzählt Paloma, „den Namen Picasso zu tragen bedeutete, dass ich nicht mehr ich selbst sein konnte. Ich hatte eine solche Angst, dass aus mir eine Künstlerin werden könnte, dass ich Bleistifte jahrelang nur zum Schreiben in die Hand nahm.“ Irgendwann, sagt sie, „habe ich beschlossen, mich zu verkleiden.“ Mode wird zu ihrem Schutzschild. Auf Flohmärkten entdeckt sie Kleider aus den 40er­Jahren, Plateausandaletten, Pelzjäckchen, windet sich Turbane ums Haar. Ihr Stil wird kopiert, die Pariser Jeunesse dorée hat ein neues Idol, Retro wird schick. Ihr Schmuck, Engelsflügel und Sternschnuppen aus Glitzersteinchen, die sie von alten Variété­Bikinis pflückt, begeistert Yves Saint Laurent. Er ist hingerissen von ihrem „Gloria Swanson Look“ und widmet ihr 1971 eine Kollektion, die das konservative Couture­Publikum empört. Was soll das, dieser rotzige Talmi­Style, aber vor allem: dieser unverhohlene Sex­Appeal! Wie unfein. „Kleinliche, von Tabus gelähmte Menschen“, schießt er zurück. Erst mit Paloma ist ihm klar geworden, wie engstirnig sie sind. Sie wird seine Muse, aber auch die seines Rivalen Karl Lagerfeld. 1978, auf ihrer Hochzeit mit dem argentinischen Unternehmer Rafael Lopez­Cambil, trägt sie zwei Outfits: Blumenkranz, YSL­Jackett, rote Handschuhe fürs Standesamt und ein Abendkleid aus scharlachrotem Satin von Lagerfeld, der ihre Hochzeit ausrichtet. Spätnachts, in einem Boxring, der wie eine riesige Torte aussieht, tanzt er für Paloma Flamenco – mit Yves. Längst ist sie nicht mehr „Tochter von“, sondern Paloma Picasso. Sie hat all den Bildern ihr eigenes Bild entgegengesetzt. Ihrem Vater zum Trotz.

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Als Pablo Picasso am 8. April 1973 stirbt, verbietet ihr seine Witwe Jacqueline Roque, zu seiner Beerdigung zu kommen. Picassos Familie ist nur noch ein Scherbenhaufen; sein Drang, Menschen gegeneinander auszuspielen, teilt sie in Überlebende und solche, die an ihm zugrunde gingen. Besonders die Frauen, die er liebte. Die erste ist Fernande Olivier, die schöne Fernande, Malermodell, bitterarm und süchtig nach seiner Aufmerksamkeit. Sie teilt seine Hungerjahre und erlebt seine ersten Erfolge; er malt sie, in seiner rosa Periode, ganz zart, dann bananenfingrig und hässlich in seinem „barbarischen“, von der Kritik verhöhnten Prostituiertenbild „Les Demoiselles d’Avignon“ von 1907, das die moderne Kunst auf den Kopf stellen wird. Die nächste „Madame“, so nennt Gertrude Stein Picassos Gefährtinnen, ist Eva Gouel. 30­jährig stirbt sie 1915 an Krebs, bis zuletzt sitzt er an ihrem Krankenbett, hält ihre Hand. „Ma jolie“, meine Hübsche, lautet der Titel eines kubistischen Collagenbilds aus dieser Zeit.

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PICASSOS FRAUEN

1 Die Tänzerin Olga Khokhlova („Olga in einem Sessel“, 1917) wird 1918 „Madame Picasso“ – und inspiriert ihn zu neuem Klassizismus 2 In Dora Maars Porträt („Dora Maar“, 1937) entdeckt er den Surrealismus für sich 3 Mit Marie-Thérèse Walter („Der Traum“, 1932) betrügt er Olga und Dora 4 1961 heiratet er die 46 Jahre jüngere Jacqueline Roque („Jacqueline mit gekreuzten Händen“, 1954), die er „mein Fels“ nennt

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Wenig später fällt ihm Olga Kokhlova auf, Tochter eines zaristischen Obersten, die mit den Ballets Russes nach Paris gekommen ist. „Russinnen wollen geheiratet werden“, warnt ihn Sergei Djagilew. Picasso lacht. Und doch. Ihre Unschuld reizt ihn; er heiratet sie, 1921 wird sein erster Sohn Paulo geboren. Jean Cocteaus „Rappel à l’ordre“ gerinnt ihm zur Rückbesinnung auf die Antike, eine neue klassizistische Harmonie. Derweil ärgern ihn Olgas Ansprüche, ihre Sucht nach gesellschaftlicher Anerkennung. 1927 spricht er vor dem Kaufhaus Lafayette ein großes, hellblondes Mädchen an. Sie ist gerade 17 geworden und hat eine Haut wie Milch. „Ich möchte Sie malen. Wir werden große Dinge miteinander tun.“ Etwas plump, aber inzwischen genügt es. Meint er. Marie­Thérèse Walter, die von einem Maler namens Picasso noch nie gehört hat, sagt trotzdem Ja. „Seine Krawatte war lustig.“ Er quartiert sie in einem Vorort von Paris ein, malt sie, ihren weichen Körper, belauscht jeden ihrer Atemzüge, kriecht in ihre Träume. 1935 bekommt sie eine Tochter, Maya. Er will heiraten, seine kleine Familie legalisieren. Aber Olga lehnt die Scheidung ab, spielt in der Öffentlichkeit weiterhin „Madame Picasso“.

Da lernt er Dora Maar kennen, eine von den Surrealisten umschwärmte Fotografin, kultiviert, geistreich, kompliziert. Das genaue Gegenteil der sanften Marie­Thérèse. Sie teilt sich eine Dunkelkammer mit Brassai, Paul Éluard und Man Ray zählen zu ihren Freunden, Georges Bataille ist ihr Geliebter. Schlangengrüne Augen, rot lackierte Fingernägel. Bei ihrer ersten Begegnung im Café spielt sie mit einem Federmesser, ritzt sich die Hand blutig. Sie gibt ihre Kunst für ihn auf, nimmt die Kamera nur noch in die Hand, um 1937 die Entstehung von „Guernica“, seines monumentalen Antikriegsbilds, zu dokumentieren. Seine Porträts von Dora sind wie Gedichte, grausame und sehr zärtliche. Gleichzeitig malt er sie en face und im Profil, ihr Ohr klebt am Auge, „und ihr Mund ist wie eine zerrissene Blume“, schreibt Cocteau. Picasso hebt Dora in den Himmel seiner Bilder und schickt gleichzeitig Liebesbriefe an Marie­Thérèse. Er ist der Fixstern, alles dreht sich um ihn. Olga, Marie­Thérèse, Dora.

Für jede seiner Frauen erfand Picasso einen neuen Stil – und eine Methode, sie zu manipulieren

1943 tritt Françoise Gilot an seinen Tisch im Pariser Restaurant „Catalan“. Sie ist 40 Jahre jünger als er, Tochter aus gutem Haus; gegen den Willen ihrer Eltern will sie Malerin werden. „Die Gegenwart hat immer den Vorrang vor der Vergangenheit.“ Picasso zuckt nur die Achseln, als er Dora 1944 für Françoise verlässt. Nach der Trennung flüchtet sie sich in einen obskuren Katholizismus. Gott, wer sollte es nach Picasso auch sonst sein? Mit Françoise will er Kinder. Eine Familie, die sie aufhält, denn schon 1946 auf Robert Capas Foto, läuft sie ihm davon. Sonnenschein liegt auf ihrem Gesicht. Er hält den Schirm über sie und schaut in die Kamera, als ob er es schon wüsste. „Wir sind mehr oder weniger Tiere“, sagt Picasso zu ihr. „Aber du nicht. Du bist wie eine Pflanze im Wachstum.“ Er malt sie als „Femme Fleur“, die Blumenfrau. Wachsen lässt er sie nicht, nach neun Jahren nimmt sie die Kinder und geht. 1970 heiratet sie in New York den Entdecker des Polio­Impfstoffs Jonas Salk, ihre zweite große Liebe. Heute ist Françoise über 100 und malt immer noch.

Picasso tröstet sich mit der Keramikverkäuferin Jacqueline Roque über diese „Niederlage“ hinweg. Von ihrer Kraft lebt er in seinen letzten Jahren. Sie unterwirft sich seinen Launen und beherrscht ihn doch, still und mit leisem Humor. 1961, an seinem 80. Geburtstag, heiratet er die 34­Jährige. Einige seiner heitersten Stücke, die Keramiken, entstehen. Sein Tod nimmt ihr den Lebensmut. Als sie alles geordnet hat, Familienstreitigkeiten und die Katalogisierung seiner Bilder, am Eröffnungsabend vor der Retrospektive 1986 in Madrid, erschießt sie sich. Jacquelines Tochter aus erster Ehe, Catherine Hutin­Blay, tritt ihr Erbe an. Dora stirbt 1997, nach 50 Jahren Einsamkeit, da sind Olga, ihr Sohn Paulo, der sich vor der Kälte seines Vaters in den Alkohol geflüchtet hat, und ihr Enkel Pablito, der sich mit Bleichmittel umbringt, längst begraben. Auch Marie­Thérèse hat sich 1977 erhängt.

Picasso hat mehr als 45 000 Werke hinterlassen, ein Milliardenvermögen, das selbst nach der Abgeltung der Erbschaftssteuer und der Schenkung des Musée Picasso an den französischen Staat, ständig wächst, und fünf Erben, die seinen Namen tragen: Claude und Paloma, Maya, inzwischen 87, die den Schiffsmagnaten Pierre Widmaier geheiratet und drei Kinder bekommen hat; dazu Paulos Kinder, Marina, Mutter von fünf Kindern, und Bernard, der mit der Kunsthändlerin Almine Rech verheiratet ist. Claude ist zum Nachlassverwalter seines Vaters geworden, er entscheidet, was ein echter Picasso ist und was nicht. Zuweilen im Zwist mit seiner Halbschwester Maya. Paloma hat ihr eigenes Bild entworfen, das bis in die 1990er­Jahre in geradezu unheimlicher Weise Dora Maar gleicht. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Mann in Lausanne und Marrakesch, eine elegante Dame, die sich längst nichts mehr beweisen muss. Ihr Rot trägt sie nur noch selten, aber ihr Vorname steht neben dem ihres Vaters. Die Taube war ihr Schutzengel.

DIE FAMILIE HEUTE

Erbengemeinschaft: Françoise Gilot (inzwischen 101, ganz links), daneben Sohn Claude und Tochter Paloma, hinten deren zweitem Mann Eric Thévenet. Rechts die erste Picasso-Tochter Maya Widmaier-Picasso (in Rot) mit ihren Kindern Olivier, Richard und Diana, die ihren Großvater kaum erlebten

Simone Herrmann hat am Anfang ihres Studiums ein Seminar besucht, das der Frage auf den Grund gehen sollte, warum Menschen Künstler werden. Weil sie geliebt werden wollen, war die banale Antwort. In Picassos Bildern, sagt die Kunsthistorikerin, sieht man, wie groß, schrecklich und schön dieser Wunsch sein kann.“