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PANAMERICANA


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 14.10.2020

Die Panamericana gilt als die längste Straße der Welt. Vor Mulget Amaru liegen im Februar 2019 immerhin 26.000 Kilometer, 13 Länder und fünf Zeitzonen. Sein damaliger Plan: Innerhalb von drei Jahren von Argentinien bis nach Alaska zu laufen – nur begleitet von einem Babyjogger. Bis zum Sommer 2020 hat es der äthiopische Athlet bis nach Panama geschafft.


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Bildquelle: Laufzeit, Ausgabe 6/2020

Nicht in seinen kühnsten Träumen hätte sich Mulget Amaru ausmalen mögen, dass ihn eine weltweite Pandemie an der Erfüllung seines Traums hindert. Doch so ist es gekommen. Gelaufen ist der Ultraläufer bisher von Argentinien, genauer gesagt, von Ushuaia bis ...

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... nach Panama ins Dörfchen Gamboa. Dort endete Mulgets Trip für den Moment und das schon seit Monaten. Schuld daran ist der Lockdown, der über die Welt gekommen ist. Doch Mulget nimmt die Sache heiter und sagt: „Ich habe hier wirklich viel Glück mit den Menschen, denn sie haben mich aufgenommen, aber ich habe auch große Lust, weiterzulaufen.“ Erst kam er beim polnischen Forscher Chris unter, der für das „Smithsonian Tropical Research Institute“ arbeitet und sich mit der Population lokaler Schmetterlinge beschäftigt. Heute wohnt er beim netten Ehepaar Negbour, die ihm ihr Haus zur Pflege übergaben, da sie es noch bis nach Deutschland schafften. Mulget malt dort nun in Seelenruhe seine kraftvollen, bunten Bilder und hält sich mit einer täglichen Sport- und Trainingsrunde durch den nahen Regenwald fit. Mit Grausen erinnert er sich an das letzte Stück seiner Reise, den „Tapón del Darién“. Dieses 70 Kilometer breite Dschungelstück an der Grenze von Kolumbien nach Panama gilt als einer der gefährlichsten Orte der Erde. Die heikle Stelle existiert, weil die Panamericana nie fertig gebaut wurde. Dort lauern, neben der kaum durchdringbaren Pflanzenwand, Menschenschmuggler und Drogenkuriere. Oder Flüchtende, die in den Norden wollen. Es ist ein hochgefährliches Terrain, und nicht jeder kommt auf einer der drei Routen durch. Mulget schaffte es, wenn auch nur knapp. Er sagt dazu per WhatsApp-Audio: „Zweimal haben mich Männer mit Pistolen bedroht und wollten mich ausrauben. Ich war gerade dabei, meine Karre über den Fluss zu tragen.“ Der Äthiopier spricht kaum spanisch und taktierte sich dennoch aus der kniffligen Situation. „Ich konnte ihnen mit Händen und Füßen erklären, wer ich bin und was ich vorhabe. Dann ließen sie von mir ab.“

Doch wie ist das für einen Intensivläufer, der plötzlich strandet? Für einen Mann, der in 14 Monaten täglich mehr als einen Marathon lief? „Als ich aus dem Dschungel kam, war kein Mensch auf der Straße, kein Auto, einfach niemand. Es war schlimm, denn ich wusste nicht, was geschehen war.“ Bevor er den Dschungel betrat, war die Lage noch normal gewesen. Sie änderte sich erst, als sich Mulget 10 Tagen durch den Urwald kämpfte. Die Soldaten, die ihn dort aufgegriffen, hielten ihn für einen illegalen Flüchtling ohne gültige Papiere. Doch der Sportler zückte cool seinen Pass mit dem passenden Visum, was die Kinnladen der Soldaten nach unten rauschen ließ. Sie mochten nicht glauben, dass da einer durch dieses irre Terrain läuft. Warum er denn bitte nicht geflogen sei? Nein, erwiderte Mulget, er laufe doch die gesamte Strecke. Das sei sein Plan!

100 US-Dollar in der Tasche

In dieser Geschichte werden wir von einem Ausnahmeläufer hören, von seinem Lebenstraum und einer gewaltigen Tour über die gesamte Panamericana. Die will er bis nach Kanada bezwingen, wenn die Grenzen wieder öffnen. Rückblick: Mulget Amaru steht gut 12.300 Kilometer von seiner äthiopischen Heimatstadt Addis Abeba entfernt auf einem Berg. Der heißt Cerro San Cristóbal und findet sich in Santiago de Chile. Er blickt auf den Höhenzug der Anden, dann auf die Lichter der Stadt und sagt: „Ich liebe das Szenario. Es erinnert mich an zu Hause.“ Mulget, 36 Jahre, ist ein wenig dürr und durchtrainiert. Wie ein Marathonläufer halt. Er trägt einen gestutzten Bart und zarte Falten um die Augen. Der Oberkörper steckt in einer rotschwarzen Fleecejacke, um die Beine schlackert die blaue Jogginghose – und auf dem Kopf sitzt eine Wollmütze. Die ist schwarz, grün, gelb und rot, und an der Seite ist ein Löwe aufgestickt. Es sind die Farben Äthiopiens und der Rastafari. Für seine „Lebensreise“ hat sich Mulget die legendäre Panamericana ausgesucht, von Patagonien bis hinauf nach Alaska. Je nach Lesart zieht sich die legendäre Piste mehr als 26.000 Kilometer von Chile über Peru, Ecuador, Kolumbien bis nach Panama. Dann windet sie sich durch die mittelamerikanischen Dauerkrisenstaaten Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Der Crack will es bis nach Mexiko und durch die Vereinigten Staaten schaffen. Kein Team begleitet ihn auf seinem titanischen Lauf gen Norden. Geld und Sponsoren fehlen, wie auch Ärzte oder ein Backoffice. Zudem weiß er nie, wo er am Abend landet.

Ein paar Snacks, eine Landkarte, etwas Wechselklamotten, das Tagebuch. Viel mehr trägt Mulget nicht in seinem Laufrucksack.


Jeden Tag legt er mindestens einen Marathon zurück, manchmal lässt er 70 Kilometer hinter sich. Erst 2022 erreicht er sein Ziel – wenn alles gut geht. Aber weshalb läuft Mulget Amaru diese irre Distanz? Und lässt dafür sogar seine sechsjährige Tochter bei der Ex-Freundin zurück? An der Tour ist auch der frühe Tod seiner Mutter schuld. Die starb vor sechs Jahren, und ihr zur Ehre läuft er. Als Bild im Handyspeicher ist sie ständig bei ihm. „Sie betete immer für den Weltfrieden, wenn sie uns ins Bett brachte, und glaubte stets an mich. Aber ich machte ihr das Leben schwer“, sagt er. Auch seine Schwester Megdes ist verantwortlich für diese Reise. In ihrem Zimmer hing die Weltkarte, die den jüngeren Bruder so faszinierte. „Als kleiner Junge studierte ich alle Länder“, erinnert er sich. Das entzündete die Neugier. Und dann wäre da noch die Sache mit den Pferden. „Mit 12 Jahren war ich bei meiner Tante zu Besuch und half auf der Farm. Dort sah ich drei Pferde, wie sie frei über die Wiese liefen, und mir war klar: So will ich leben. In der folgenden Nacht schlief ich nicht und wollte sofort los.“ Es dauert dann doch bis zum Frühjahr 2019. Mulget bucht einen Flug, der ihn in drei Tagen von Äthiopien bis nach Argentinien bringt. Ein Hotelier lässt ihn vor Ort kostenlos wohnen. „Der Besitzer hörte sich meine Geschichte an, glaubte an mich und half.“ Am 14. Februar 2019 rennt Mulget bei 12 Grad Celsius im Städtchen Ushuaia los. Sein Besitz? 100 US-Dollar, die in seiner rechten Hosentasche stecken. Der Start ist schwierig, denn mehr als 30 Kilogramm lasten im Rucksack auf den Schultern. Dann hilft ihm „die Straße“, wie er es nennt. Ein aufmerksamer Passant schenkt ihm einen Kinderwagen der Marke „Baby Trend“, Double Jogger. Amaru funktioniert ihn zur Gepäckkarre um. Nicht das einzige Souvenir, denn auch das Essen und die Getränke kommen von den Menschen, die seinen Weg kreuzen. „Fast alles gibt mir der Weg.“ Auch ein Paar Asics hat Mulget schon geschenkt bekommen. Aber er mag keine Sportschuhe. „Ich habe jeden einzelnen Stein damit gespürt“, sagt er. Stattdessen liebt er einfache Arbeitsschuhe. Die geben ihm Halt. Seine „Merrells“ kaufte er sich beim Start im Süden. Nun ist deren Sohle außen abgelaufen. Seinen Laufstil nennt er „WRAJing“, eine Abkürzung für „Walking, Running And Jogging“. Mulget erklärt: „Als Erstes spaziere ich ein kurzes Stück. Dann laufe ich langsam los und sammle Energie, denn das hier ist kein Wettbewerb.“ Manchmal übernachtet der Sportler auf der Couch einer Polizeiwache oder im Vorgarten einer Familie, in Scheunen, auf Wiesen oder in Höhlen. Bleibt ihm bei Tagesende nur das Zelt, wechselt er dort seine Laufkleidung gegen trockene Klamotten und schreibt Tagebuch. Seit dem Februartag 2019 in Ushuaia ist er in 102 Etappen exakt 3991 Kilometer bis nach Santiago de Chile gerannt. Er kehrt auf der Wegstrecke in Schulen ein und hält dort Vorträge auf Englisch. Dann sagt er Sachen wie: „Ehrt eure Mutter und den Vater.“ Oder: „Ihr seid reich und habt Schuhe. Ich hatte keine.“ Das sorgt nicht überall für Begeisterung, denn Chile ist ein armes Land. Aber eben nicht so arm wie Äthiopien. Manchmal toben Kindergruppen mit ihm den Highway entlang und Erwachsene messen sich an der Menschmaschine. Sein nächstes großes Ziel hieß damals: Peru. Doch ein Visum dafür hatte er nicht. Wie auch kein anderes für die Staatenperlenschnur, durch die die Panamericana führt. Vor Ort will er das erledigen, an den Grenzen. Und die skeptischen Zöllner und Grenzbeamten davon überzeugen, dass das in Ordnung geht, wenn einer ohne Team oder Sponsor mit dickem Portemonnaie durchs Land hastet. Als ich den Abenteurer damals auf den „Tapón del Darién“ anspreche, wiegelt der Läufer ab. Das werde „schon klappen“. Keine schlechten Nachrichten bitte, das ziehe die Gedanken runter. „Gott ist immer bei mir.“ Er wird es für ihn richten.


”Ich komme aus Äthiopien und laufe bis nach Alaska.“


Zurück in Santiago. Mulget hat Glück mit seiner Bleibe und schlüpft bei der Familie von Enrique und Marcela unter. Die räumen ihm flugs das Zimmer des Sohns frei. Als Dank hilft er seinen beiden Gastgebern am Abend in deren Café und stapelt die gelben und braunen Stühle in den Lagerraum. Am nächsten Tag möchte er ein gutes Stück in Richtung des Skiörtchens Valle Nevado laufen. Eigentlich legt er in Santiago gerade eine Pause ein, aber die Stadt macht ihn unruhig. Er fragt, ob ich mitkommen will.

„Ich laufe für den Weltfrieden“

Über 30 Serpentinen warten auf dem Weg, der auf mehr als 3.400 Meter Höhe endet. Er sitzt auf dem Bett des Kinderzimmers und bandagiert sich die Unterschenkel. Taufrisch sehen die Stoffstreifen nicht mehr aus. Das könnte am Staub der 1200 Wüstenkilometer liegen, die in ihnen stecken. Denn als Vorbereitung für seinen 26.000 Kilometer- Trip halfen sie dem 36-Jährigen in der Nilwüste gegen Krämpfe und das Umknicken der Beine. Die Durchquerung gelang ihm in 45 Tagen – bei bis zu 58 Grad Celsius. Dann folgen ein rotes, ein blaues und zuletzt ein grünes Laufshirt. Darauf prangt auf Spanisch und Englisch: „Ich laufe für den Weltfrieden und den Respekt für alle Menschen.“ Zwei Warnwesten sorgen fürs „Gesehenwerden“. Die eine streift er sich über den Oberkörper, die zweite über die Transportkarre. In ihr ruht all sein Besitz: das Notizbuch mit der Gummihülle und schwarze Stifte. Ein Zelt, die Isomatte und der Schlafsack. Es finden sich weiße Tennissocken, ölabweisende Gummihandschuhe und zwei Riegel Schokolade. Dann 400 Gramm Kürbiskernsamen, zwei Cookies, ein Bananenbrotriegel. Und vier Flaschen Gatorade. Die reichte ihm ein netter Chilene aus dem Auto. „Gracias!“, ruft er dem Mann freundlich zu. Doch der ahnt nicht, dass Mulget am liebsten Wasser aus dem See trinkt. Endlich geht es raus aus Santiago. Rund um den Sieben-Millionen-Einwohner- Moloch, der von der Corona-Pandemie schwer gebeutelt wurde, steht der Smog aus tausenden Holzöfen in der Luft. Das hindert die Chilenen nicht daran, munter über die innerstädtischen

Steile Serpentinen schlängeln sich den Berg hinauf. Unermüdlich schiebt Mulget seinen bepackten Kinderjogger vor sich her.


Den Moment lässt er sich nicht nehmen. Mulget läuft ein paar extra Meter ohne Rucksack zu einem Aussichtspunkt.


Autobahnen zu brettern. Nur wenige haben den Blick für die Schönheit der Anden oder die nahen Avocadoplantagen, auf denen immerfort Früchte für den Exportmarkt reifen. Wir plaudern und gehen langsam los. Dann der Trab. Das hier ist nicht mein Tagesgeschäft. Hundertkilometerläufe? Bisher Fehlanzeige. Selbst der Marathon ist mir fremd. Mal sehen, wie lange ich mithalten kann. Der Athlet spielt mit der Geschwindigkeit, schraubt sich stoisch den Weg hinauf. Wie schafft er das? Die erste Minikrise erreicht mich nach neunzig Minuten, aber nach anderthalb Stunden sind wir immer noch im Plan. Nur noch zwölf Kilometer. Die Gehpausen retten mich. Bin mir nicht sicher, ob der Ausnahmesportler Rücksicht nimmt, denn bei ihm sehen die Schritte so leicht und behände aus. Jetzt zweigt ein steiniger Pfad von der Teerstraße ab und plötzlich beschleunigt Mulget und ruft: „Hier will ich den Ausblick genießen!“ Jener liegt auf 1839 Metern Höhe und heißt „Mirador Tres Valles“. Sein Wandertrolley bleibt stehen und der Körper fällt einfach auf den Boden. Dampf wabert, und er erzählt: „Mit 12 Jahren lief ich in zwei Tagen 98 Kilometer bis zum Haus meiner Oma. Sie stand im Garten und rief: ,Wie schön, dass du da bist – und wo sind die anderen?‘ Als sie verstand, dass ich allein gekommen war, schrieb sie schockiert einen Brief an meine Mutter. Der erreichte die erst nach vier Tagen mit der Post. Mama und meine sechs Geschwister waren krank vor Sorge und suchten nach mir in jedem Krankenhaus, den Leichenhallen und Gefängnissen. Sie dachten alle: Der Junge ist tot.“

Die Panamericana ist ein System von Schnellstraßen, das sich fast über den gesamten amerikanischen Kontinent erstreckt.


Eine Lektion in Sachen Kraft und Ausdauer

Schnell ziehen die Wolken nach der Pause in den Bergen bei Lo Barnechea über die Andenwipfel. In der Ferne liegt Schnee, es ist vier Grad Celsius kalt. Die Vegetation ist trocken, hier und da verkümmern ein paar Büsche. Mulgets Kraft und Fitness zeigen sich immer dann, wenn er in den Haarnadelkurven seinen dreirädrigen Wagen leicht wie eine Feder nach oben schiebt. Bei ihm sieht das so einfach aus. Als ich es versuche, läuft der Kopf knallrot an. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr machen sich Unlustgefühle bei mir breit. Die verlangen nach einem schnellen Abbruch der Schinderei. Ich als Mitläufer, weiche mental dem zähen Schlankwüchsigen, der wohl im stillen Selbstgespräch die Qual überwindet. Denn laut spricht der Marathonmann fast nie über Schmerzen, Malaisen oder leise Zweifel. Er scheint keine zu kennen. Nur einmal fallen klagende Worte über den rechten Zeh, der schmerzt. Doch den Rest vertraut er nur den Gedanken und dem Tagebuch an. In der nächsten Kurve kommt uns ein Rennradfahrer entgegen. Der stutzt, bremst und kehrt um. „Hallo, wer bist du? Was machst du hier?“ – „Ich komme aus Äthiopien und laufe bis nach Alaska“, ruft Mulget. Die Reaktion ist bei allen, die seine Geschichte hören, dieselbe: erst ein lautes, ungläubiges Lachen. Dann prasseln die Fragen nieder: Wo bist du gestartet? Wann? Woher stammt das Geld? Wie hast du dich vorbereitet? Bist du sicher, dass du es schaffst? Der Afrikaner hat inzwischen die passenden Antworten parat. Die Zeit verfliegt, und flugs verblasst die Sonne. Das Licht wird fad. Noch schimmern die Bäume am Rand rötlich, dann schwärzt sich deren Schein. Eben war es noch frisch, jetzt lässt uns die Luft frösteln. Wind zieht auf, die Nacht beginnt. Wir kehren langsam in die Megalopolis zurück, was bei den leicht irren Auto- und Motorradverkehr lebensgefährlich scheint. Denn der nimmt wenig bis keine Rücksicht auf Läufer. Meine Beine werden wattig, es geht bergab. Immer weiter, bitte ohne Krampf. Und mein Begleiter? Bleibt stehen und fischt in der Lebensmittelsammlung seines Babyjoggers. Er gibt ab, isst, trinkt, lacht und ist selbst nach 4.000 Straßenkilometern dankbar für eine Spritztour. Endlich tauchen in der Ferne die ersten Lichter Santiagos auf. Gott sei Dank. Mulgets Augen lachen am Ende dieses Parforceritts. Mein Lohn fällt mächtig aus. Es ist eine Lektion in Sachen Kraft und Ausdauer. Ein letzter Blick fällt auf die Straße, dann folgt die Verabschiedung in der Straße Suecia. Wir lachen, umarmen uns und ratschen, es will nicht enden. So, als ob er doch ahnt, was ihm da noch alles bevorsteht. „Bye, Matti“, ruft der Abenteurer dann im Hausflur und bugsiert sein Wägelchen in den engen Aufzug. Morgen geht es in Richtung Calera, der Stopp für die Nacht ist im Weiler Montenegro geplant. Das liegt gut 50 Kilometer nördlich der chilenischen Hauptstadt. Hunderte solcher Abschiede wird es für Mulget Amaru noch geben, bis er sein Ziel in Alaska erreicht. Mal wird er im Zelt schlafen und mal in Kinderzimmern. Regen, Hitze, Kälte, Wind und extreme Strapazen warten auf ihn. Heute weiß er, dass er sich auch vor dem „Tapón del Darién“ nicht so richtig fürchten musste.

Mulget blickt auf den Häuserdschungel von Santiago. Er sagt, die Stadt mache ihn unruhig.