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PAPAS LETZTE AUSFAHRT


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 28.07.2022

EXTRATOUR

ZU GUTER LETZT WILL Jürgen noch einmal alles abfahren, was ihn durch sein Leben begleitet hat. Auf eine kleine, gemächliche Abschiedstour gehen. Zwölf Kilometer, nie schneller als 70. Ein kurzer Stopp an der 1000-jährigen Kirche in Kirchwahlingen, in der er getauft und konfirmiert wurde. An der alten Dorfschule in Groß Häuslingen, die er mit 14 Jahren verließ.

Tschüs sagen bei Werner, seinem älteren Bruder. Und zum Schluss noch einmal Luftdruck prüfen lassen bei Michael Leibner, seinem Kfz-Meister. Bei Jürgens Autos musste immer alles akkurat sein.

Zum Arzt ging er nie, in die Werkstatt fuhr er regelmäßig. Hauptsache, der Motor lief rund.

Jürgen ist mein Vater. Geboren am 24. Juli 1941. Führerscheinprüfung am 19. August 1959. Und heute wird er seinen Lappen, der inzwischen wirklich ein Lappen ist,

74 einmotten. Nach 62 Jahren, 10 Monaten, 13 Tagen. Und Hunderttausenden Kilometern. ...

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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 30/2022

Den ?grauen Lappen?, ausgestellt am 19. August 1959, hat Papa nie erneuern lassen. Lkw-Führerschein machte er später bei der Bundeswehr
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Aber aufhören mit einem dreckigen Auto? Das kommt nicht infrage. Und so greift er auch an diesem 1. Juli 2022 ein letztes Mal zu meinem alten Kinder-Handfeger, der sich mit seiner schmalen Form gut für die Ablagefächer des betagten Opel Meriva eignet. Fegt die Mittelkonsole, in der die Batterien für Mamas Hörgeräte liegen. Und wischt Staub aus dem Motorraum, wo bescheidene 90 PS seit fast 20 Jahren zuverlässig vor sich hin werkeln.

Das Ende kam schleichend.

Irgendwann im vergangenen Jahr merkte Papa, dass er sich unsicher fühlte. Obwohl er die niedersächsische Provinz, wo die Straßen „Im Tiefen Horn“ oder L 159 heißen, aus dem Effeff kannte.

In Portugal muss man bereits ab 50 Jahren regelmäßig zum Fahreignungstest, in der Schweiz ab 75

Er hatte im Laufe der Jahrzehnte erlebt, wie sich die Bundesrepublik mauserte und aus Kopfsteinpflaster-Wegen solide Landstraßen wurden. Wie sich links und rechts davon kleine Birken zu mächtigen Bäumen entwickelten.

Und wie unsere Autos erst FAL für Fallingbostel trugen, dann nach der Gebietsreform SFA (Soltau-Fallingbostel bzw. aus Sicht der benachbarten VER-dener „Schweine fahren Auto“). Den Wechsel zu HK (Heidekreis) machte Papa gar nicht mehr mit, sein letztes Auto hatte er schon vorher gekauft. Dafür mit HK in der Mitte des Kennzeichens, was für „Holger Karkheck“ stand, also mich. Andere wählten ihre eigenen Initialien, Papa meine – vermutlich aus Stolz auf mich, ich habe ihn das nie gefragt.

Zeit seines Lebens war er besorgt um meine Schwester und mich gewesen, vor allem beim Autofahren. Fuhren wir, warnte er an neuralgischen Punkten mehr oder weniger subtil: „Hier hab ich ja neulich ein Reh gesehen.“

Papa gehört zur Generation der Wirtschaftswunderkinder. Und wie bei so vielen, ließ sich auch Papas Aufstieg an Komfort und Leistung seiner Fahrzeuge ablesen.

Bei Papa begann alles mit einer DKW, einer gebrauchten 175er für 400 Mark, gekauft gleich nach der Führerscheinprüfung („Die Klassen eins und drei habe ich an einem Tag gemacht. Mit dem Motorrad bin ich vielleicht 50 Meter gefahren. Die Verkehrsschilder waren ja die gleichen.“). Autos hatte zu der Zeit kaum jemand. Gerade einmal 3,5 Millionen gab es in Deutschland, heute sind es 48,5 Millionen.

Die DKW hatte verchromte Felgen, und auf dem Sozius saß Mama. „Mit Kopftuch, und ihr breiter Rock wehte im Wind, das sah ganz schön aus“, sagt Papa.

Und seine alten Augen leuchten für einen kurzen Moment. Papa selbst trug Hut. Ein Helm kam erst viel später. Und noch viel später wieder ein Hut, siehe oben.

Mit dem Motorrad reisten sie bis nach Holland zur Tulpenblüte.

Bei ihrer Hochzeit 1962 fuhren sie im Käfer vor, chauffiert von Papas Bruder Friedel. Mit ihm und Tante Else ging es dann auch auf Hochzeitsreise. Zu viert zum Campen an den Bodensee. Zwei schliefen im Zelt, zwei im Volkswagen.

Papa kaufte sich als erstes Auto einen DKW, einen gebrauchten mit Revolverschaltung. Als er die Fußmatten zum Saubermachen rausnahm, entdeckte er, dass der Boden völlig durchrostet war. „Da hatten die Verkäufer einfach Bretter quer drübergelegt.“

Mit ihm fuhr er zum Bund, was einen gewissen Vorteil hatte: „Mein Freund Dieter wurde zeitgleich mit mir eingezogen. Ich war in der Küche und habe ihn mit gutem Essen versorgt. Und er war in der Instandsetzungskompanie und hat mir Ersatzteile für meinen DKW besorgt.“ Denn das damalige Geländefahrzeug der Bundeswehr war der DKW Munga – da passte vieles …

Beim Bund machte Papa seinen Lkw-Führerschein, als Fleischer wurde er Küchenbulle, fuhr im Februar 1962 Feldküchen zur Flutkatastrophe in Hamburg. Und übte kurz danach während der Kuba-Krise den Ernstfall mit seinem MAN-13-Tonner.

Später, zurück im Zivilisten-Leben, wechselte Papa zu Opel. Er blieb der Marke bis zuletzt treu.

Kaufte Rekord um Rekord, im-mer große Maschinen mit ordentlich Hubraum. Insgeheim träumte er von einem Mercedes.

„Meine Autos habe ich immer bar bezahlt. Was denn sonst? Ich nahm immer das, was Erwin gerade dahatte.“

Jürgen Karkheck

Aber erfüllt hat er sich diesen Traum nie, dafür war er dann doch zu sparsam. „Auf Abstottern haben wir nie etwas gekauft“, sagt Papa. Das Geld wurde immer in bar von der Kreissparkasse geholt und bei Opel-Händler Erwin Leibner auf den Tisch gelegt. Für seine eigenen Autos, die meiner Schwester, meine eigenen. Kleidung war meinem Vater stets egal, das Auto nie.

Die Kühler verzierte er mit Hufeisen, alte Nummernschilder hängte er wie Trophäen in die Garage. Er hatte zeit seines Lebens weder Punkte, noch erhielt er jemals „Strafmandate“, wie er sagt, obwohl der Rekord mit der 2,2-Liter-Maschine problemlos über 200 km/h lief.

Als Kind wurde ich samstags zum Autowaschen verdonnert. Ich weiß bis heute, wie es sich anfühlt, mit einem Lederlappen den nassen Lack streifenfrei zu trocknen.

Später fuhr mich Papa mit dem Auto am Wochenende in die Disco, das „Studio 78“ oder das „Allerlei“. Er blieb dann davor stehen, stülpte sich die Kapuze seines Bundeswehrparkas über, kurbelte den Sitz herunter – und schlief, bis ich vom Feiern zurückkam, um mich sicher nach Hause zu bringen. Busse gab’s ja nicht. Nicht mal tagsüber.

Einmal hat er sogar einen Verbrecher mitgenommen. Unwissend und aus Nächstenliebe, wenn man so will. „Der stand als Anhalter an der Straße“, sagt Papa.

Während der Fahrt habe der Mann immer wieder gefragt, ob er ihn vielleicht kennen würde. Papa hatte verneint, vielleicht hat das sein Leben gerettet. Jedenfalls war der Typ ein entflohener Sträfling, wie sich später herausstellte.

Geschichten eines Autolebens.

Viele Fahrzeuge, viele Anekdoten.

Und das Ende? Fällt das schwer?

Papa überlegt kurz, sagt dann: „Nein, ich merke, dass es nicht vernünftig wäre, noch weiter Auto zu fahren. Und für Mama gilt das Gleiche.“

Das Leben geht dem Ende zu, da helfen weder eine große Inspektion beim Internisten noch Ersatzteile vom Zahnarzt auf Dauer.

Zum Schluss seiner Abschiedstour nimmt Papa noch einmal die Gummifußmatten heraus. Er hat darauf etwas Sand entdeckt, greift erneut zum Kinder-Handfeger, klopft sorgsam den Schmutz ab.

Und dann ist Feierabend. Motor aus, Schlüssel raus, Tür zu. Der letzte Vorhang fällt mit dem lauten „Klack“ der Zentralverriegelung.

Es klingt fast so, als würde der alte Opel seinem alten Besitzer noch einen Salutschuss mit auf den Weg geben.

Papa dreht sich nicht noch einmal um. Er drückt mir nur den altmodischen Schlüssel mit dem feststehenden Bart in die Hand – und sagt: „Aber nicht zu billig verkaufen. Der fährt doch noch schön.“ Dann geht er zu Fuß mit leicht gebeugtem Rücken in sein neues Zuhause. Eine Seniorenwohnung fernab der Heimat.

Aber nur 200 Meter entfernt von seinem neuen Chauffeur. Seine Initialien lauten HK.

„Autos gewaschen haben wir jeden Samstag auf dem unbebauten Nachbargrundstück, damit unser Hof nicht schmutzig wurde.“

Holger Karkheck, Redakteur