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Partizipation als Baustein gelingender Schutzkonzepte


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.10.2022

In jeder Klasse befinden sich statistisch gesehen mindestens ein bis zwei Kinder, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Dabei reicht das Spektrum von sexuellen Übergriffen wie anzüglicher sexualisierter Sprache über strafbare sexuelle Handlungen wie das Anfassen der Genitalien bis zu schwerem sexuellem Missbrauch durch orale, vaginale oder anale Penetration (Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs 2022). Es wird deutlich, dass sexualisierte Gewalt ein Thema ist, mit dem sich Schulen intensiv befassen müssen, um Kinder und Jugendliche adäquat schützen und unterstützen zu können.

SCHULE GEGEN SEXUELLE GEWALT

In vielen Schulen hat inzwischen eine systematische Entwicklung von Schutzkonzepten begonnen. Gestartet durch die bundesweite Initiative »Schule gegen sexuelle Gewalt« schule-gegen-sexuelle-gewalt.de) motivierte der damalige Unabhängige Beauftragte für Fragen des ...

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Schulen sind Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten, daher kommt ihnen bei der Prävention und Intervention von sexualisierter Gewalt eine besondere Rolle zu. Als institutioneller Schutzraum müsse die Institution Schule präventiv gegen sexualisierte Gewalt arbeiten, positioniert sich beispielsweise der hessische Kultusminister Alexander Lorz zur schulischen Schutzkonzeptentwicklung. Wenn es bedauerlicherweise dennoch zu einem Übergriff komme, müsse sie in der Lage sein, Opfer zu schützen und ihnen fachkundige Unterstützung zu vermitteln (Poitzmann 2018, S. 16). Mittlerweile sind schulische Schutzkonzepte in manchen Bundesländern bereits verpflichtend (z. B. in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen). Andere Bundesländer werden dieser Entwicklung vermutlich bald folgen.

INTENTIONEN SCHULISCHER SCHUTZKONZEPTE

Unter einem Schutzkonzept wird ein passendes System von Maßnahmen verstanden, die für den besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt in einer Institution sorgen. Es schränkt Handlungsspielräume von Täter:innen ein und vermittelt Fachkräften Handlungssicherheit.

Ein Schutzkonzept verfolgt folgende Ziele:

1. Die Schule soll nicht zum Tatort werden: Schüler:innen sollen vor sexueller Gewalt durch Erwachsene oder Mitschüler:innen geschützt werden.

2. Die Schule soll ein Kompetenzort sein: Schule erreicht nahezu alle Kinder und Jugendlichen. Hier finden sie Hilfe, wenn sie im schulischen, aber auch im privaten Umfeld sexualisierte Gewalt erleben.

➊ Zentrale Elemente eines Schutzkonzepts

Leitbild: Der Schutz von Schüler:innen vor sexueller Gewalt sollte im Leitbild der Schule oder im Schulprogramm verankert werden.

Interventionsplan: Der Interventionsplan ist das Kernstück eines schulischen Schutzkonzepts. Er regelt das Vorgehen beim Verdacht auf sexualisierte Gewalt.

Kooperation: Es ist wichtig zu recherchieren, welche Fachleute (aus der Region) mit ihrer Expertise unterstützen können, z. B. Schulpsychologie, Fachberatungsstellen, die »Insoweit erfahrene Fachkraft«* etc.

Personalverantwortung: Die Schulleitung kann ihre Personalverantwortung schon bei Einstellungen nutzen (Hinweis auf Verhaltenskodex, Schutzkonzept, Beschwerdemanagement etc.).

Fortbildung: Grundlagenwissen über sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen sollte allen schulischen Beschäftigten angeboten werden. Fortbildungen tragen zur Sensibilisierung bei und sind der richtige Ort, um Verunsicherungen und Fragen anzusprechen.

Verhaltenskodex: Der Verhaltenskodex ist von zentraler Bedeutung, denn die Einhaltung der formulierten Vereinbarungen bietet beiden Seiten Schutz. Er dient z. B. als Orientierung für den grenzachtenden Umgang mit Schüler:innen in einem angemessenen Verhältnis von Nähe und Distanz.

Partizipation: Mitbestimmung stärkt die Position von Schüler:innen und verringert das Machtgefälle gegenüber schulischen Beschäftigten. Eine beteiligungsorientierte Schule erleichtert Schüler:innen, sich bei Problemen Hilfe zu holen.

Präventionsangebote: Neben konkreten Präventionsprojekten kommt es auf die präventive Erziehungshaltung im Schulalltag an und auf die Umsetzung eines sexualpädagogischen Konzepts.

Ansprechstellen und Beschwerdestrukturen: Schulische Ansprechpersonen bei sexualisierter Gewalt, Vertrauens- und Beratungslehrkräfte, Angebote der Schulsozialarbeit und andere Ansprechstellen sind ein wichtiges Signal an Schüler:innen in Notlagen. Funktionierende Beschwerdestrukturen sorgen dafür, dass problematische Vorgänge frühzeitig bekannt werden und entsprechend gehandelt werden kann.

(vgl. Materialien der Initiative Schule gegen sexuelle Gewalt:

* Gesetzlich festgelegte Bezeichnung für Personen, die bei der Einschätzung einer vermuteten Kindeswohlgefährdung beratend hinzugezogen werden müssen.

Ein Schutzkonzept kann nie als abgeschlossen betrachtet werden. Ständige Anpassung und Reflexion sind nötig. Es handelt sich daher um eine langfristige Aufgabe, die einer klaren Haltung auf Leitungsebene und entsprechender Ressourcen bedarf.

Kasten 1 benennt zentrale Elemente eines Schutzkonzepts, die jedoch keinem festen chronologischen Aufbau entsprechen. Vielmehr kann dort begonnen werden, wo bereits Strukturen vorhanden sind. Keine Schule fängt bei null an, sondern kann an bereits bestehenden Programmen oder Maßnahmen zum Kinderschutz oder gegen Gewalt ansetzen. Jeder noch so kleine Schritt bei der Entwicklung von Schutzkonzepten ist ein wichtiger Schritt für den Kinderschutz. Der Leitungsebene kommt dabei die elementare Rolle zu, das Vorhaben als wichtige Aufgabe anzuerkennen und eine entsprechende – und sichtbare – Haltung einzunehmen.

ENTSCHEIDUNGSKOMPETENZEN UND -MACHT ABGEBEN

Damit sich ein Schutzkonzept nicht als Papiertiger entpuppt, sondern von allen geteilt und gelebt wird, muss jede Schule ihr Konzept individuell und passgenau entwickeln. Das bedeutet, dass sich die gesamte Schulgemeinde – Leitungskräfte, sozialpädagogische Fachkräfte, Mitarbeitende, Eltern, aber vor allem auch die Kinder und Jugendlichen selbst – aktiv am Entwicklungsprozess beteiligen sollte. Partizipation bedeutet, »an Entscheidungen mitzuwirken und damit Einfluss auf das Ergebnis nehmen zu können. (Sie) basiert auf klaren Vereinbarungen, die regeln, wie eine Entscheidung gefällt wird und wie weit das Recht auf Mitbestimmung reicht« (Straßburger/ Rieger 2014, S. 230). Es genügt also nicht, nur Perspektiven, Erfahrungen und Meinungen von Schüler:innen einzuholen, sondern es geht konkret darum, Entscheidungskompetenzen und -macht einzuräumen.

Kinder und Jugendliche haben nach der UN-Kinderrechtskonvention das Recht auf körperliche Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung, Gleichbehandlung, Beteiligung, Beschwerde und Anhörung. Artikel 12 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention gibt jungen Menschen ein Mitspracherecht in allen Angelegenheiten, die sie berühren. Doch Partizipation ist nicht nur aus rechtlichen Gründen nötig, sondern ebenso aus pädagogischen, denn sie

■ fördert soziale und zum Teil fachliche Kompetenzen,

■ liefert einen wichtigen Beitrag zur Zufriedenheit aller Beteiligten,

■ ist ein Schlüssel für gelingende Aneignungs- und Bildungsprozesse,

■ versteht Kinder und Jugendliche als Expert:innen in eigener Sache und verschafft unverfälschte Einblicke in ihre Lebenswelten,

■ ist ein Erfahrungsgewinn,

■ bedeutet eine Erweiterung des Handlungsrepertoires,

■ ermöglicht die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. (Lisa Thoben, Landesfachstelle Prävention sexualisierte Gewalt NRW 2022)

Kasten 2 zeigt, welche Anforderungen für Partizipation erfüllt sein sollten.

➋ Gelingensbedingungen für Partizipation

► Beteiligung ist gewollt und wird unterstützt.

► Beteiligung ist für alle Kinder und Jugendlichen möglich.

► Die Ziele und Entscheidungen sind transparent.

► Die Informationen sind verständlich und die Kommunikation ist gleichberechtigt.

► Kinder und Jugendliche wählen die für sich relevanten Themen aus.

► Die Methoden sind attraktiv und zielgruppenorientiert (siehe dazu auch den Abschnitt zu Partizipationsformen).

► Es werden ausreichend Ressourcen für die Selbstorganisation zur Verfügung gestellt.

► Die Ergebnisse werden zeitnah umgesetzt.

► Es werden Netzwerke für Beteiligung aufgebaut.

► Die Beteiligten werden für Partizipation qualifiziert. (BMFSFJ 2015, S. 10 ff.)

PARTIZIPATION ZUR PRÄVENTION

Alle Formen von Partizipation – auch die, die nicht direkt mit dem Thema sexualisierte Gewalt in Verbindung stehen – unterstützen den Kinderschutz. Wenn junge Menschen die Erfahrung machen, mit ihren Anliegen, Wünschen, Beschwerden und Ideen gesehen und gehört zu werden, wenn sie spüren, dass sie ernst genommen werden und sich durch ihre Stimme und ihr Engagement etwas bewegt, dann werden sie auch in schwierigen Situationen mehr Zutrauen zu sich selbst und mehr Vertrauen zu anderen haben. Empfehlenswert sind z. B. ein regelmäßig durchgeführter Klassenrat, das Wissen über Kinderrechte, eine aktive Schüler:innenvertretung oder ein Schüler:innenparlament. Auch Projekte aus dem Bereich Service Learning, in denen sich junge Menschen aktiv in die Gesellschaft einbringen, führen zu mehr Selbstwirksamkeitserfahrung (Poitzmann 2020, S. 54). Kasten 3 zeigt weitere Beispiele für schüler:innengerechte Partizipationsformen und -themen.

Selbstwirksamkeitserfahrungen durch Partizipation garantieren zwar nicht, erhöhen aber die Chance, dass sich Kinder und Jugendliche bei Gewalterfahrungen Hilfe suchen. Partizipation als gelebte Haltung stärkt Kinder und Jugend- liche in ihrer Position, macht sie kritikfähig und verringert das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Minderjährigen wie auch innerhalb der Mitarbeitenden. Partizipation sorgt für Transparenz und Fehlerfreundlichkeit und wirkt Täter:innenstrategien entgegen.

➌ Beispiele für schüler:innengerechte Partizipationsformen und -themen

(zusammengestellt von Lisa Thoben, Landesfachstelle Prävention sexualisierte Gewalt NRW 2022) Individuumsbezogene Formen: z. B. Lernpläne, Krisenkonferenz, Kanzler:in der Woche

Mediation (auf der Ebene von Personen und Gruppen): z. B. Pausenkonfliktlotsen, Kinderanwalt, Mediationsinsel

Basisdemokratie (auf Klassen- und Gruppenebene): z. B. Klassenrat, Montagsrunde, Berichte aus Gremien, Spaßkomitee

Repräsentativdemokratie (und öffentliche Kontrolle) für die ganze Einrichtung: z. B. offen gewähltes Kinderparlament, Finanzausschuss, Personalausschuss

Punktuelle Formen von Partizipation im Alltag: z. B. alternatives Tagesangebot, Anhörung/Dialog, offene Teamsitzung, Meckerkasten, Ideenwände, offene Raumnutzung, Angebotsevaluation

Offene Versammlungsformen: z. B. Schulversammlung, Altersstufenplenum

Projektorientierte Formen: z. B. Mitbestimmungsaktionen, Raumgestaltung, Verfassungsgebung etc.

Mediengestützte Artikulation: z. B. Zeitungen, Videoporträts, Interviews

Advokatorische (stellvertretende) Entscheidungen durch pädagogisches Personal: z. B. öffentliche Begründung zu Verletzungsprävention, Minderheitenschutz oder Personalentscheidungen Die möglichen Themen für Partizipation sind ebenfalls vielfältig und dürften von der Raumgestaltung über Mahlzeiten und Material bis zur Mitwirkung an Leitbildern und Hausordnungen jeden erdenklichen Lebensbereich betreffen.

➍ Partizipation bei der Schutzkonzeptentwicklung – Checkliste und Fragebogen

► Wer darf jeweils Wünsche, Einschätzungen und Ideen einbringen?

► Wer hat letztlich die Entscheidungsbefugnis?

► Wessen Wünsche müssen in Entscheidungen berücksichtigt werden?

► Über wessen Einspruch darf man sich hinwegsetzen? (vgl. Lisa Thoben, Landesfachstelle Prävention sexualisierte Gewalt NRW 2022)

Über (anonyme) Fragebögen und andere Tools, etwa eine Fotorallye, kann die Perspektive der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt werden. Folgende Fragen bieten sich dafür beispielhaft an:

► Hast du schon Situationen in der Schule erlebt, in denen du dich nicht sicher gefühlt hast? Zum Beispiel in Einzelsituationen, bei Klassenfahrten, im Sportunterricht oder in der Pause?

► Gibt es Orte inner- oder außerhalb des Schulgebäudes, an denen du dich nicht sicher fühlst?

► Was erlebst du in der Schule als respektloses Verhalten?

► Was erlebst du in der Schule als übergriffiges Verhalten?

► Welche körperlichen Berührungen empfindest du im Kontext Schule als grenzverletzend?

► Wie empfindest du die Sprache anderer Kinder und Jugendlicher?

► Wie empfindest du die Sprache der Lehrer:innen?

► Wie ist die Atmosphäre an der Schule?

► Wie empfindest du das Klima in der Klasse?

► Was beeinträchtigt dich vonseiten der Lehrkräfte, ein sicheres Verhalten zu haben?

► Was beeinträchtigt dich vonseiten der Schüler:innen, ein sicheres Verhalten zu haben?

► Welche Möglichkeiten gibt es, über private Probleme zu sprechen?

► Gibt es Vertrauenspersonen, an die du dich wenden kannst, wenn dich etwas beunruhigt?

►Wie wird mit Fehlverhalten, Konflikten oder besonderen Situationen umgegangen?

► Wie werden Regeln festgelegt und wie ist der Umgang damit?

► Was darfst du in der Schule mitgestalten? Wo würdest du gerne mehr Mitspracherecht haben?

► Welche Orte oder Gremien für Partizipation gibt es an deiner Schule?

► Wie sprechen Lehrkräfte über Schüler:innen?

► Wie wird über Lehrkräfte auf dem Schulhof gesprochen?

► Wie wird in der Schule Diskriminierung thematisiert?

► Welche Zuschreibungen oder Stereotype nimmst du von Erwachsenen wahr?

►Welche sexualpädagogischen Angebote gibt es an deiner Schule?

► Welche Möglichkeiten des Beschwerdemanagements sind dir bekannt?

► Was würdest du dir für den gemeinsamen Umgang wünschen? Wie könnten die Zusammenarbeit und das Miteinander in der Schule gefördert werden?

CHOICE, VOICE UND EXIT Inwieweit die persönlichen Rechte junger Menschen in Organisationen geschützt sind, lässt sich auch daran ablesen, ob ihnen die Optionen Choice, Voice und Exit offenstehen (Hirschmann 1970; Kampert et al. 2020, S. 94). Im BMBF-Verbundprojekt »SchutzNorm« der Fachhochschule Kiel, der Stiftung Universität Hildesheim, der Hochschule Landshut und der Universität Kassel werden die partizipativen Optionen Choice, Voice und Exit näher erläutert und mit Beispielen unterlegt:

Choice (Wahl) bedeutet, dass Kinder, Jugendliche und junge Volljährige stets die Wahl haben sollten, ob sie sich in einer Situation befinden möchten oder nicht. Das heißt zum Beispiel, ob sie sich in einem bestimmten Raum mit bestimmten Personen aufhalten wollen, ob sie im Sportunterricht eine Übung ausführen möchten, bei der die Hilfestellung der Lehrkraft nötig ist, sie das aber nicht wollen etc. Das bedeutet auch, ihnen die Möglichkeit einzuräumen, Situationen zu verändern. Voraussetzung dafür ist, dass die Kinder, Jugendlichen und jungen Volljährigen über ihre Rechte informiert und aufgeklärt sind und ihnen vertrauensvolle Ansprechpersonen zur Verfügung stehen, die ihre Interessen vertreten, wenn sie sich nicht gehört fühlen oder keinen Einfluss auf Situationen nehmen können.

Voice (Stimme) bedeutet, dass Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen das Recht zusteht, ihre Stimme zu erheben, wenn sie sich in ihren persönlichen Rechten beschnitten oder verletzt sehen oder Veränderungswünsche und -vorschläge für die Einrichtung haben. Hierfür sollten Erwachsene signalisieren, dass sie über die Verletzung von persönlichen Rechten Bescheid wissen möchten. Dies kann z. B. über die Implementierung eines Beschwerdeverfahrens gewährleistet werden.

Durch ein gelebtes und gemeinsam entwickeltes Schutzkonzept entsteht eine Kultur der Achtsamkeit, der Verantwortung, der Machtsensibilität und der Wertschätzung.

LITERATUR

BMFSFJ (2015): Qualitätsstandards für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, c49d4097174e67464b56a5365bc8602f/kindergerechtesdeutschland-broschuere-qualitaetsstandards-data.pdf (Abruf: 21.06.2022).

Fegert, Jörg M./Schröer, Wolfgang/Wolff, Mechthild (2017): Persönliche Rechte von Kindern und Jugendlichen. Schutzkonzepte als organisationale Herausforderung. In: Wolff, Mechthild/ Schröer, Wolfgang/Fegert, Jörg M. (Hrsg.): Schutzkonzepte in Theorie und Praxis. Ein beteiligungsorientiertes Werkbuch. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 14–24.

Hennigsen, Anja/Herz, Andreas/Fixemer, Tom u. a. (2021): Qualitätsstandards für Schutzkonzepte in der Kinder- und Jugendarbeit, Projektleitung: Prof. Dr. Elisabeth Tuider, Landshut, Downloadmöglichkeit unter:

Hirschmann, Albert O. (1970): Exit, Voice and Loyality. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge.

Kampert, Meike/Wolff, Mechthild/Schröer, Wolfgang (2020): Schutzkonzepte und Gefährdungsanalysen zur Herstellung einer Kultur der Achtsamkeit in Organisationen. In: Kampert, Meike/Rusack, Tanja/Schröer, Wolfgang/Wolff, Mechthild (Hrsg.): Lehrbuch Schutzkonzepte und Diversität in Organisationen gestalten. Fokus: Junge Menschen mit Fluchterfahrungen. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 90–104.

Landesfachstelle Prävention sexualisierte Gewalt NRW (2022): Partizipation von Kindern und Jugendlichen als Baustein gelingender Schutzkonzepte,

Poitzmann, Nikola (2018): Schule als sicherer Ort, in: Zeitschrift für Erziehung, Bildung, Forschung HLZ 1–2, S. 16.

Straßburger, Gaby/Rieger, Judith (2014): Partizipation kompakt. Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe (2. Auflage). Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs (Hrsg.): Zahlen und Fakten zu sexueller Gewalt, aufarbeitungskommission.de/wp-content/uploads/2017/01/ PM_3101Zahlen-und-Fakten_sexuelle-Gewalt.pdf (Abruf: 21.06.2022).

Exit (Ausweg) bedeutet, dass Kinder, Jugendliche und junge Volljährige aus jeglichen Situationen, in denen sie sich (im Einrichtungsalltag) befinden, stets aussteigen können (z. B. durch ein händisches Stopp-Zeichen als Zeichen der persönlichen Grenzsetzung, durch eine »Kultur der geöffneten Tür« für Büros oder Grupperäume). Exit-Optionen haben eine deeskalierende Funktion und dienen der Artikulation von Nähe-Distanz-Bedürfnissen (Fegert u. a. 2017, S. 18 f.).

Gelebte Choice-, Voice- und Exit-Optionen für alle Akteur:innen einer Schule erhöhen den Schutz und die Einhaltung der persönlichen Rechte von jungen Menschen und garantieren ihnen Partizipationsmöglichkeiten (Hennigsen/Herz u. a. 2021, S. 8). Kinder und Jugendliche können als Expert:innen in eigener Sache bei der Risiko- und Potenzialanalyse ihrer Schule eingebunden werden. Kasten 4 zeigt, worauf dabei im Vorfeld zu achten ist.

SCHUTZ DURCH EINE DEMOKRATISCHE SCHULKULTUR

Durch ein gelebtes und gemeinsam entwickeltes Schutzkonzept entsteht eine Kultur der Achtsamkeit, der Verantwortung, der Machtsensibilität und der Wertschätzung. Nur da, wo alle die Inhalte kennen und mit ihnen einverstanden sind, kann ein solches Konzept tatsächlich schützend wirken. Die Schule kann nicht jeden gesellschaftlichen Mangel ausgleichen. Doch ihren Bildungsauftrag kann sie nur erfüllen, wenn sie Kindern und Jugendlichen ein möglichst unbelastetes Lernen ermöglicht. Der Schutz vor sexualisierter Gewalt ist dafür eine Grundvoraussetzung. Mit einem Schutzkonzept, das auf partizipativen Strukturen aller in der Schulgemeinde fußt, unterstreichen Schulleitung und Kollegium, dass ihre Schule dem Schutz der ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen höchste Bedeutung beimisst. Das ist ein hervorzuhebendes Qualitätsmerkmal in der (demokratischen) Schulentwicklung.

NIKOLA POITZMANN ist Lehrerin, Landeskoordinatorin und Themenbeauftragte für schulische Schutzkonzeptentwicklung im Projekt Gewaltprävention und Demokratielernen des Hessischen Kultusministeriums, Fachkraft zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt (inmedio), Sexualpädagogin (isp) und Diversity-Trainerin (Eine Welt der Vielfalt). nikola.poitzmann@web.de