Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 15 Min.

Partizipation in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit


deutsche jugend - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.02.2020

Eine qualitative Studie zur Sicht der Nutzer/innen offener Einrichtungen in Hamburg-Eimsbüttel


Jana Neumann/Julia Riedel/Benedikt Sturzenhecker

Die Aufgabe der Ermöglichung von Partizipation der Besucher/innen von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ergibt sich schon aus § 11 SGB VIII sowie aus konzeptionellen Ansätzen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Der Forschungsstand zur Frage, wie diese fachliche Forderung in der Praxis umgesetzt wird und besonders, wie die jugendlichen Nutzer/innen selbst ihre Partizipationsmöglichkeiten in der OKJA bewerten, ist dünn. Hier wird nun eine ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von deutsche jugend. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Überblick. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Überblick
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Vorgänge. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vorgänge
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Teilhabe für alle!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Teilhabe für alle!
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Marc Witzel Wir!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Marc Witzel Wir!
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Stichwort. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stichwort
Titelbild der Ausgabe 2/2020 von Hinweise. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hinweise
Vorheriger Artikel
Vorgänge
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Teilhabe für alle!
aus dieser Ausgabe

... kleine qualitative Studie aus Hamburg von 2018 vorgestellt, in der in zwölf Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Bezirk Eimsbüttel qualitative Interviews mit Besucher/innen durchgeführt wurden. Ziel der Studie war es herauszufinden, wie die Nutzer/innen die Partizipationschancen in den Einrichtungen sehen und bewerten. Die Studie wurde im Auftrag des Bezirks Eimsbüttel durchgeführt, der sich insgesamt stark für die Jugendpartizipation einsetzt. Der Bezirk hatte den Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Universität Hamburg darum gebeten, zu untersuchen, ob die bezirkseigenen Qualitätsansprüche an Partizipation aus Sicht der Kinder und Jugendlichen in der OKJA umgesetzt würden. Die Studie wurde im Rahmen einer Lehrforschung im Masterstudiengang Erziehungs- und Bildungswissenschaft von Studierenden durchgeführt. Die Ergebnisse werden hier berichtet und kommentiert.

Konzeptionelle Forderung: Demokratiebildung in der OKJA

Die Forderung nach einer Gestaltung von Offener Kinder- und Jugendarbeit durch demokratische Partizipation ergibt sich aus dem § 11 SGB VIII, der festlegt, dass die Kinder- und Jugendarbeit an den Interessen der Kinder und Jugendlichen ansetzen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden soll. Dieser Auftrag ist verbunden mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen Subjektbildung zu eröffnen und sie zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und sozialem Engagement anzuregen. Offene Kinder- und Jugendarbeit hat also das Ziel, Kinder und Jugendliche in der Entwicklung von Selbstbestimmung zu fördern. Diese ist allerdings immer eingebunden in Mitbestimmung und Mitverantwortung für das Gemeinwohl in der Einrichtung und in der Gesellschaft.

Dieser Auftrag ist immer wieder unter dem konzeptionellen Stichwort der „Partizipation“ diskutiert worden, so auch in den Qualitätsstandards des Bezirks Eimsbüttel, die hier weiter unten noch eingeführt werden. Der Begriff Partizipation wurde jedoch in der Fachdebatte der letzten Jahre zunehmend entgrenzt und reicht von einem allgemeinen Mitmachen in (pädagogischen) Institutionen und Gesellschaft bis hin zu differenzierteren Konzepten einer demokratischen Partizipation (zu einer sozialpädagogisch präziseren Definition vgl. Schnurr 2018), die dieser Artikel zugrunde legt. In sozialpädagogischen Einrichtungen gibt es keine komplette Autonomie der Mitbestimmung der jugendlichen Mitglieder der Einrichtung (wie sie etwa die Bürger/innen demokratischer Staaten haben), sondern diese haben als Erziehungsinstitutionen immer auch Grenzen des Mitentscheidungsrechts der Teilnehmer/innen, die sich aus Entscheidungsrechten ableiten, die den Trägern und den Fachkräften vorbehalten bleiben. Insofern geht es nicht um eine volle demokratische Selbstbestimmung der Einrichtung durch die Kinder und Jugendlichen, sondern um eine Maximierung des demokratischen Charakters von Partizipation als Teilnahme an Entscheidungen, die das eigene und gemeinsame Handeln in der Einrichtung betreffen.

Der Demokratieanspruch besteht zunächst prinzipiell darin, dass gleichermaßen zum Zugang berechtigte Mitglieder einer Entscheidungsgemeinschaft gleichrangig die sie betreffenden Themen, Fragen und Probleme der gemeinsamen Lebensführung bestimmen, öffentlich diskursiv Lösungsvarianten aushandeln und sie gemeinsam umsetzen und möglicherweise revidieren (vgl. Richter 2016, S. 23). Die gesellschaftliche Norm der Demokratie lässt sich auf sozialpädagogische Einrichtungen übertragen, wenn man diese mit John Dewey (1907, S. 31 f.) als „a miniature community, an embryonic society“, als ein Gemeinwesen/eine Gesellschaft im Kleinen, versteht. Die miteinander geteilte ,Gesellschaft‘ der Offenen Kinder- und Jugendarbeit müsste also im Sinne einer demokratischen Partizipation so weitgehend wie möglich durch die Beteiligten bzw. Betroffenen, also vorrangig durch die Kinder und Jugendlichen und ihre Fachkräfte bestimmt werden. Dabei kann von Demokratiebildung gesprochen werden, weil hier Demokratie konkret durch ihre Ausübung erfahrbar wird. Kinder und Jugendliche haben die Möglichkeit, sich Demokratie aktiv handelnd anzueignen; und da selbsttätige Aneignung als Bildung bezeichnet wird, entsteht so der Zusammenhang der Demokratiebildung.

Forschungsstand: Partizipation in der OKJA

Holger Schmidt hat 2010 die bis dahin vorliegenden empirischen Studien zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit seit den fünfziger Jahren inhaltlich ausgewertet, und Benedikt Sturzenhecker hat diese Ergebnisse in dem gleichen Band mit Blick auf den Entwicklungsstand der Partizipation in der OKJA (ab 2002) diskutiert. Die Sekundärstudie erkennt, dass eine rechtlich verankerte und strukturierte Mitentscheidungspraxis der Kinder und Jugendlichen in der OKJA selten anzutreffen ist. Stattdessen hängt die Chance auf Mitbestimmung häufig davon ab, ob einzelne Teilnehmende eingebunden sind in die informellen Gruppen der Hauptbesucher/innen, die in durchaus freundschaftlich-familiärer Verbundenheit mit den Fachkräften die Angelegenheiten ihrer Community in der Einrichtung regeln. Wer nicht zu solchen Freundschaftsgruppen bzw. Cliquen der Stammbesucher/innen gehört bzw. sozial kulturell zu ihnen passt, dem oder der gelingt weniger eine Integration in die Einrichtung und ihre informellen Entscheidungsprozesse.

Innerhalb solcher unterschiedlicher Teilgruppen der Besucher/innen besteht allerdings durchaus eine Anerkennung von Unterschiedlichkeit, Orientierung an gewaltfreier Konfliktbearbeitung, Übernahme von Mitverantwortung für Angebote und Umsetzung von eigenen Interessen in der Einrichtung. Insofern handelt es sich nicht um undemokratische Verhältnisse, sondern die OKJA zeigt sich im Allgemeinen grundsätzlich als prodemokratisch: Die Kinder und Jugendlichen, die Zugang und Integration in die Subgruppen erreichen, praktizieren kommunikative Aushandlung von Interessen und Konflikten und eignen sich da mit grundsätzliche Praktiken demokratischer Verhältnisse an. Diese sind selten in Form von rechtlich klar festgeschriebenen und für alle Interessenten zugänglichen Verfahren der demokratischen Öffentlichkeit und Mitentscheidung gestaltet. Aber erst wenn solche Rechte des Zugangs und der Mitentscheidung und Mitverantwortung für alle Interessenten strukturell gewährleistet wären, könnte von einer Struktur demokratischer Partizipation in den Einrichtungen gesprochen werden.

Diese Ergebnisse von Sturzenhecker (2010) lassen sich auch in aktuellen Studien belegen. Die quantitative Untersuchung von Seckinger et al. (2016, S. 232) ergibt zum Beispiel, dass Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen Einfluss auf das Geschehen im Wesentlichen informell nehmen; 96 % tun das im direkten Gespräch mit den Fachkräften, während verfass te Formen wie Vollversammlung mit 35 % dazu seltener genutzt werden. Ergebnisse von Bröckling et al. (2011) weisen darauf hin, dass die Beteiligungschancen mit der Besuchsdauer und dem Alter zunehmen. Es bestätigt sich also, dass Insidergruppen mehr Partizipationsmöglichkeiten haben. Man kann aufgrund dieser Ergebnisse die These aufstellen, dass Partizipation in der OKJA eher durch familienähnliche Zusammenhänge der Insider in informeller Verbindung und Aushandlung mit ihren Fachkräften gekennzeichnet ist. Denn es zeigt sich empirisch auch deutlich, dass die Bestimmungsmacht sehr stark bei den Fachkräften bleibt. Moser (2010, S. 304) konnte zeigen, dass Stammbesucher/innen in der OKJA zu 60 % meinen, dass über ihre Ideen gesprochen würde, aber nur 6 % den Eindruck haben, dass diese auch umgesetzt würden. Auch die neueren empirischen Ergebnisse verdeutlichen,

„dass OKJA insgesamt eher von einer informellen Partizipationskultur geprägt ist, die nicht hinreichend transparent für ihre Adressat/innen ist und dass Ausmaß und Konsequenz der Beteiligung in starkem Maß von (Einzel-)Entscheidungen der Fachkräfte und ihren Normvorstellungen abhängen. Partizipationsmöglichkeiten werden demnach nicht als ein grundlegendes, strukturell verankertes Recht gesehen, welches junge Menschen im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention (§ 12) als Rechtssubjekte adressiert“

(v. Schwanenflügel/Schwerthelm 2020).

Der Jugendhilfeausschuss des Bezirks Eimsbüttel hatte Benedikt Sturzenhecker gebeten, eine exemplarische empirische Studie über die Umsetzung von Partizipation in Einrichtungen der OKJA im Bezirk durchzuführen. Das geschah durch ein Lehrforschungsseminar im Masterstudiengang Erziehungs- und Bildungswissenschaft. In Absprache mit dem Koordinator für die Weiterentwicklung der Bürgerbeteiligung im Bezirk Eimsbüttel, Dr. Michael Freitag, wurde die Forschungsfrage entwickelt: Wie bewerten die Kinder und Jugendlichen die Beteiligung in den Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Bezirk Eimsbüttel? Inwieweit werden die Qualitätsstandards des Bezirks erfüllt? Der Bezirk hat Qualitätsstandards für die Partizipation der Bürger/innen allgemein (Freitag 2006) und für die Jugendbeteiligung speziell entwickelt; letztere orientieren sich an den Qualitätsstandards des Bundesjugendministeriums von 2010. Die Auswertung der Forschungsergebnisse geschah orientiert an diesen Qualitätsvorgaben.

In zwölf Einrichtungen der OKJA im Bezirk mit sehr unterschiedlichem Charakter (freie und kommunaler Träger, kleine und große Einrichtungen, Mädchentreff, Jugendclub, Aben teurspielplatz) wurden insgesamt 68 Besucher/innen interviewt, pro Einrichtung zwischen zwei bis zehn Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 19 Jahren. Die Geschlechter waren etwa gleich verteilt. Die Interviewgespräche wurden transkribiert und pro Einrichtung ausgewertet (die jeweils auch eine Rückmeldung ihrer studentischen Forschungsteams erhielten). Dann wurden im Seminar zusammenfassende Deutungen in Bezug auf die Standards des Bezirks erstellt. Diese Ergebnisse wurden dem Jugendhilfeausschuss und den Fachkräften der Einrichtungen in einer gemeinsamen Sondersitzung präsentiert und mit ihnen diskutiert.

Im Folgenden werden die Qualitätsstandards für die Partizipation in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Eimsbüttel dargestellt. Sie wurden vom Lehrforschungsseminar für die Gesamtauswertung wie folgt zusammenfassend sortiert:

Qualitätsstandard 1: Beteiligung ist für alle möglich, Entscheidungsspielräume sind klar und transparent; Partizipationsprozesse werden dokumentiert und evaluiert. Dieser Standard fasst folgende Aspekte zusammen: Beteiligung ist gewollt und wird unterstützt – eine Partizipationskultur entsteht; Beteiligung ist für alle Kinder und Jugendlichen möglich; die Ziele und Entscheidungen sind transparent – von Anfang an; es gibt Klarheit über Entscheidungsspielräume; die Informationen sind verständlich und die Kommunikation ist gleichberechtigt; Partizipation wird evaluiert und dokumentiert.

Qualitätsstandard 2: Kinder und Jugendliche bestimmen die Themen. Beteiligung und Selbstorganisation werden durch attraktive Methoden gestärkt. Entscheidungen werden zeitnah umgesetzt. Dieser Standard hat folgende Subkategorien: Kinder und Jugendliche wählen für sie relevante Themen aus; die Methoden sind attraktiv und zielgruppenorientiert; es werden ausreichende Ressourcen zur Stärkung der Selbstorganisationsfähigkeit zur Verfügung gestellt; die Ergebnisse werden zeitnah umgesetzt.

Qualitätsstandard 3: Partizipationsprozesse erbringen Anerkennung und persönlichen Zugewinn. Sie werden unterstützt und qualifiziert. Dazu gehören: Es werden Netzwerke für Beteiligung aufgebaut. Die Beteiligten werden für Partizipation qualifiziert. Partizipationsprozesse werden so gestaltet, dass sie persönlichen Zugewinn ermöglichen; das Engagement wird durch Anerkennung gestärkt.

Neben den Qualitätsstandards als Kriterien für die Partizipation in der OKJA wurde ein eigenes Modell des Seminars zur Interpretation entwickelt. Im Rahmen des Lehrforschungsprojektes sollten auch die Grade demokratischer Partizipation in den Einrichtungen ermittelt werden. Das Interpretationsschema zur Partizipation in der OKJA setzt sich aus zwei modellhaft-fiktiven Polen (einem autoritären und einem ,demokratischen‘ Pol) auf einer horizontalen Achse und deren Mittelfeld zusammen.

Angenommene abstrakte Kriterien für den autoritären Pol waren: Fachkräfte haben die alleinige Macht und bestimmen alles in der Einrichtung. Dazu existieren keine geregelten Partizipationsrechte oder -verfahren. Die Kinder und Jugendlichen trauen sich daher selten bis gar nicht, eigene Vorschläge einzubringen, um ihren Alltag in ihrer Einrichtung der OKJA mitzugestalten. Wenn sie sich doch einbringen, werden sie nicht ernstgenommen.

Die im Modell angenommenen Kriterien des demokratischen Pols lauteten: Es existiert eine strukturelle Verankerung von Rechten und Verfahren der Beteiligung für die Kinder und Jugendlichen in ihren Einrichtungen der OKJA. Die Macht wird geteilt, anstatt allein bei den Fachkräften zu liegen. Die Kinder und Jugendlichen bringen ihre Themen ein und entscheiden mit, wodurch Aushandlungsprozesse entstehen. Die Verantwortung für getroffene Entscheidungen tragen alle gemeinsam.

Ergebnisse

Zunächst werden die Interpretationen der Daten zu den Qualitätsstandards des Bezirks zusammengefasst. Dazu gestellt wird jeweils ein typisches Zitat, das verdeutlicht, welche Sorte von Aussagen zur Deutung herangezogen wurden. Die Ergebnisse nach Kategorien der Qualitätsstandards sind:

Qualitätsstandard 1: Beteiligung ist für die meisten Stammbesucher/innen immer wieder möglich, findet aber seltener in strukturell verankerten Rahmungen mit regelmäßigen Gremien, Wahlen dazu und allgemein bekannten und genutzten Entscheidungsverfahren statt. Beteiligungsprozesse passieren eher beziehungsbasiert und informell. Wie in freundlichen „Verhandlungsfamilien“ wissen die Kinder und Jugendlichen erfahrungsgemäß um die Entscheidungsspielräume, die ihnen die Fachkräfte zur Verfügung stellen. In einigen wenigen Einrichtungen gibt es formalisierte demokratische Gremien, diese zeigen aber gelegentlich den Charakter einer ,Scheindemokratie‘ (letztlich entscheiden doch die Fachkräfte) und werden eher nur sporadisch genutzt. Eine öffentliche Dokumentation von Diskussionsprozessen und Entscheidungsergebnissen findet teilweise statt, aber Evaluation der Gremienpraxis nie. Damit lässt sich die Umsetzung des ersten Qualitätsstandards zwischen den modellhaft konstruierten autoritären und demokratischen Polen eher mittig, jedoch mit einer Tendenz zum autoritären Pol einordnen. Ein typisches Zitat von Nutzer/innen lautet:

„Also der allgemeine Chef ist ja eigentlich [Name der Leitung], aber dann gibt es noch diese Arbeiter [Name der Mitarbeitenden], die können meistens auch bestimmen, was hier passiert. Meistens sagen wir auch ein paar Ideen, jetzt zum Beispiel mit den Computern oder so, dass nicht so viele rangehen sollen und drum rumstehen sollen, dann wird es auch, wenn es nicht so eine gute Idee ist, nicht berücksichtigt oder manchmal wird das auch berücksichtigt.“

Qualitätsstandard 2: Themen der „Mitbestimmung“ sind meistens Entscheidungen über Angebote und Anschaffungen; sie beschränken sich häufig auf Konsumentscheidungen. In den als informell zu kennzeichnenden Varianten der Entscheidungsfindung werden kaum Methoden genutzt, man spricht eher nebenbei darüber. Selbstorganisation der Besucher/innen ist selten. Die Fachkräfte und die Kinder und Jugendlichen benennen Probleme bei einer zeitnahen Umsetzung von Entscheidungen (die den Fachkräften obliegt); in manchen Einrichtungen machen die Fachkräfte die Gründe für Verzögerungen transparent. Auf der polaren Skala wurde die Qualität der Umsetzung des Q-Standards eher in Richtung des autoritären Pols eingeordnet, mit leichter Tendenz zum Mittelfeld. Ein exemplarisches Zitat:

„Also, wenn wir hier etwas machen möchten, dann organisieren die Fachkräfte das und wir machen mit. Also, nicht wir organisieren es und die helfen uns. Oder wir kochen sehr oft hier und auch da organisieren die das und wir können mitmachen.“

Qualitätsstandard 3: Es herrschen überwiegend von den Nutzer/innen wahrgenommene (sehr) positive Beziehungen zwischen ihnen und den Fachkräften; dadurch fühlen die Kinder und Jugendlichen sich klar wahrgenommen und anerkannt. Sie empfinden sich als Teil einer positiven familienähnlichen Gemeinschaft der Einrichtung. Diese Anerkennung führt zu einer von den Nutzer/innen wahrgenommenen Stärkung ihrer Person, auch im Blick auf die Möglichkeit, sich mit Meinungen und Wünschen einbringen zu können. So werden wichtige Voraussetzungen für Beteiligung geschaffen. Formal strukturierte Prozesse demokratischer Mitentscheidung sind eher selten. Damit lässt sich die dritte Kategorie der Qualitätsstandards auf der polaren Skala zwischen autoritär und demokratisch mittig einordnen, mit einer stärkeren Tendenz zum demokratischen Pol. Originalton:

„…da wurde mir halt schon beigebracht, dass ich meine Meinung durchsetzen soll und mich jetzt nicht verstecken soll und wenn ich eine Meinung hab, die auch also sagen kann, ohne dass ich irgendwie beleidigt werde oder Sonstiges. Und jeder hier ist eigentlich schon echt stark, würde ich sagen, was seine Meinung angeht, und keiner schämt sich jetzt oder traut sich jetzt seine Meinung nicht zu sagen.“

In diesem und anderen Jugendhäusern kam es zu Aussagen wie: „…und [Name des Mitarbeitenden] ist echt wie so’n zweiter Vater für uns.“

Die Einordnung der Umsetzung der Standards auf der polaren Skala wurde von der Seminargruppe so in drei abstrahierten Typen der Demokratipraxis zusammengefasst:

Typ A: Dominanz der Fachkräfte

In wenigen einzelnen Einrichtungen herrscht eine hierarchische Dominanz der Fachkräfte, sodass die Kinder und Jugendlichen sich selten trauen, Meinungen und Vorschläge einzubringen. Die Besucher/innen fühlen sich jedoch auf die Angebote und Treffmöglichkeiten angewiesen und besuchen weiter die Einrichtung. Beispielhaftes Zitat:

„Also, man sagt ihr [der Mitarbeiterin] die Meinung, aber es ändert sich irgendwie nichts. Sie bleibt auf ihrer Meinung bestehen, so als ob wir nie was gesagt haben.“

Typ B: Konsum- und Verhandlungsgemeinschaft unter wohlwollender Leitung

Für den Großteil der Einrichtungen gilt, dass positive Beziehungen zwischen Fachkräften und Nutzer/innen bestehen. Die Kindern und Jugendlichen dürfen Meinungen und Vorschläge einbringen (dabei geht es besonders um Anschaffungen oder Angebote, die sich die Kids von den Fachkräften wünschen) und diese werden informell wohlwollend besprochen. Aber die Fachkräfte haben das letzte Wort. Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich dabei durchaus oft wertgeschätzt und beteiligt im Rahmen der familienähnlichen Hierarchien. Eine dafür typische Aussage lautete:

„Ja, meistens darf man mitbestimmen, welche Spiele man spielen möchte. Aber wenn es so um andere Sachen geht, wie z. B. Spiele, die man nicht spielen darf, dann sagen sie: Nein. Und das ist auch gut so, finde ich.“

Typ C: Auf dem Weg zur demokratischen Partizipation

Einige Einrichtungen erproben die Nutzung formaler, demokratischer Gremien (z. B. Vollversammlung oder Jugendhausrat mit offener, freiwilliger Teilnahme), teilweise mit Protokoll und Transparenz von Entscheidungen, teilweise nur in Form von sporadischen Sitzungen. Aber oft wissen die Nutzer/innen nicht, wie mit ihren Entscheidungen weiter verfahren wird. Das schwächt manchmal ihre Motivation. Demokratie beschränkt sich auf Mitbestimmungsprozesse und gilt nicht auch für Mithandeln und Mitverantworten in der Entscheidungsum setzung. Immerhin gibt es bei diesem Typus strukturell vorgesehene Entscheidungsgremien und entsprechende (öffentliche) Verhandlungen und Entscheidungen. So wird ein Gremium in einer Einrichtung beschrieben:

„Wir warten, bis alle ankommen. Und dann halt das Thema sprechen wir an und dann gibt es immer einen Mitschreiber oder Mitschreiberin. Die schreibt dann auf, was alles gesagt worden ist, und später hat man das halt als Protokoll so da stehen. Und dann weiß man Bescheid. Und jeder darf halt sagen, was er möchte und nicht möchte. Und dann gibt es Diskussionen.“

Fazit

Zusammenfassend konnte das Lehrforschungsprojekt feststellen, dass in vielen Einrichtungen gute Ansätze der partizipativen Arbeit vorhanden sind. Die in den meisten Einrichtungen anzutreffende Konsum- und Verhandlungsgemeinschaft unter wohlwollender Leitung wird von den Nutzer/innen positiv bewertet: Hier werden sie in Entscheidungen mit einbezogen, sehen sich anerkannt und in positive Beziehungsgemeinschaften eingebunden (Zitat: „Wir sind wie eine Familie“). Man könnte die an Konsumwünschen orientierte Möglichkeit des Mitsprechens auch als Dienstleitungs- bzw. Kundenorientierung bezeichnen. Die Fachkräfte erfragen Kundenwünsche und handeln responsiv, ohne allerdings die Hintergründe ihrer Entscheidungen offenzulegen. Insgesamt werden mit dieser positiven sozialen Integration und an Aushandlung orientierten Kommunikation prodemokratisch Vorrausetzungen für eine demokratische Mitgliedschaft und potenziell rechtlich verankerte und nutzbare Entscheidungsstrukturen geschaffen. Jedoch bleibt die Entscheidungsmacht bei den Fachkräften; und trotz eines wertschätzenden Umgangs herrscht eine generationelle und pädagogische Hierarchiestruktur, wie z. B. in Familien. So sehen sich die Jugendlichen nicht mit gleichen oder mindestens rechtlich geklärten Machtpotenzialen ausgestattet, sie können sich zwar einbringen und ihre Meinung sagen, aber die Entscheidung und deren Umsetzung obliegt den Fachkräften. Entscheidungen werden informell ausgehandelt und sind teilweise für die Teilnehmenden in der Umsetzung durch die Fachkräfte nicht transparent.

Trotz nur mittelstarker Möglichkeiten demokratischer Partizipation werden die Einrichtungen regelmäßig besucht, die Kinder und Jugendlichen fühlen sich wohl dort und sehen sich wertgeschätzt und berücksichtigt. Gerade für benachteiligte Kinder und Jugendliche sind solche Erfahrungen selten und insgesamt als förderlich einzuschätzen. Einschränkend ist hier zu bemerken, dass die Lehrforschung nur Nutzer/innen befragen konnte, die regelmäßig kommen, der (möglicherweise kritischere Blick) von unregelmäßigen Nichtnutzer/ innen konnte nicht erhoben werden. Es konnte so auch nicht erkannt werden, ob die familienähnlichen Gemeinschaftsstrukturen zum Ausschluss bzw. zur Abschreckung möglicher Besuchsinteressent/innen führen.

In sehr wenigen Einrichtungen waren nur geringe Ansätze demokratischer Partizipation vorhanden. Hier finden keine Aushandlungen auf Augenhöhe statt und die Kinder/Jugendlichen üben nicht, sich eine eigene Meinung zu bilden, sie zu benennen und für diese einzustehen. Die Dominanz der Fachkräfte unterdrückt diese und Demokratiebildung ist hier kaum möglich. Die Nutzer/innen in solchen Einrichtungen bedürfen aber der Ressourcen der Jugendarbeit und nehmen deshalb die autoritären Verhältnisse hin.

Im Sinne der Erfüllung der Qualitätsansprüche ist positiv zu bewerten, dass in einigen Einrichtungen doch ein guter Weg in Richtung verankerter Demokratiestrukturen zu erkennen war. Mit Hilfe von Gremien finden Aushandlungen in diesen Einrichtungen statt und es wird versucht, mit großer Transparenz die Entscheidungsprozesse und Beschlüsse allen Besucher/innen sichtbar zu machen. Sie sollen so an den Prozessen teilhaben und in aktivere Beteiligung einbezogen werden.

Ausblick

Die Ergebnisse der Lehrforschung von 2018 bestätigen die bisherigen empirischen Befunde früherer Studien (s. o.). Insgesamt hat die überwiegende Anzahl der zwölf untersuchten Einrichtungen gute Voraussetzung für mehr demokratische Partizipation oder hat sich schon auf den Weg gemacht, diese zu realisieren. Es wird nach Einschätzung des Lehrforschungsseminars darum gehen, sich auf der Basis schon geleisteter positiver Anerkennung und gemeinschaftlicher Beziehungen sowie kommunikativer Anhörungs- und Aushandlungspraxen stärker demokratische Strukturen der Mitentscheidung und Mitverantwortung zu schaffen. Dazu gehört zunächst, sich neben den positiven Effekten der familiären Gemeinschaftlichkeit auch deren potenzieller Ausgrenzungsgefahren bewusst zu werden. Dann geht es um die Klärung konkreter Rechte der Mitentscheidung und Mitverantwortung in den Einrichtungen. Solche Rechte sind aber nur dann etwas wert, wenn die Besucher/innen sie auch mit allen bekannten demokratischen Verfahren umsetzen können, und wenn diese Umsetzung allen unterschiedlichen Besucher/innen gleichermaßen möglich ist.

Eine wichtige Basis solcher Demokratiestrukturen liegt in der Schaffung einer demokratischen Öffentlichkeit in den Einrichtungen, in der alle Besucher/innen sich als Mitbetroffene, Mitsprechende und Mitentscheidende erkennen können, sie also auch in ihrer Differenz gleichberechtigten und gleichmächtigen Zugang zu den demokratischen Prozessen erhalten. In den alltäglichen Handlungen und Konflikten entstehende Themen und Fragen der Regelung der gemeinsamen Lebensverhältnisse der Einrichtungen müssen (auch und gerade mit Hilfe der Fachkräfte) aufgegriffen werden; daraus können Inhalte der Ausstreitung und Entscheidungsfindung in den „kleinen Gesellschaften“ der OKJA entstehen (vgl. dazu die GEBe-Methode, die kleinschrittig zeigt, wie das gehen kann [Sturzenhecker/Schwerthelm 2016]). Das verlangt auch, dass Fachkräfte den Kindern und Jugendlichen mehr Chancen eröffnen, selbst Entscheidungen umzusetzen, also mehr mitzuhandeln und Mitverantwortung zu übernehmen.

Die Lehrforschung zeigt allerdings auch, dass Fachkräfte weiterhin nicht nur die Entscheidungen monopolisieren, sondern sich auch als (gute) Dienstleister verstehen, die Kunden ihre Konsumwünsche erfüllen. Dadurch werden die Besucher/innen zu passiven Empfänger/ innen der von anderen erbrachten Angebote und können diese nicht ausreichend mitbestimmen und mitgestalten, wie es § 11 SGB VIII fordert.

Literatur

Bröckling, Björn/Schmidt, Holger (2012): Partizipation in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: neue praxis, H. 1, S. 44-59.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2010): Qualitätsstandards für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Allgemeine Qualitätsstandards und Empfehlungen für die Praxisfelder Kindertageseinrichtungen, Schule, Kommune, Kinder- und Jugendarbeit und Erzieherische Hilfen. Online verfügbar unter: www.bmfsfj.de/blob/94118/c49d4097174e67464b56a5365bc8602f/kindergerechtes-deutschland-broschuere-qualitaetsstandards-data.pdf (letzter Zugriff 15.9.2019).

@Dewey, John (1907): The School and Society. Chicago. www.brocku.ca/MeadProject/Dewey/Dewey_1907/Dewey_1907a.html (letzter 15.9.2019).
Freitag, Michael (2006): Stufen der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Entscheidungen in Politik und Verwaltung.www.hamburg.de/eimsbuettel/eimsbuettel-fachamt-sozialraummanagement/3949424/leitprojekt-buergerbeteiligung-eimsbuettel/(letzterZugriff15.9.2019). Moser, Sonja (2010): Beteiligt sein. Partizipation aus Sicht von Jugendlichen, Wiesbaden. Richter, Emmanuel (2016). Demokratischer Symbolismus. Eine Theorie der Demokratie, Berlin. Schwanenflügel, Larissa von/Schwerthelm, Moritz (2020): Partizipation – ein Handlungskonzept für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. In: Deinet, Ulrich/Sturzenhecker, Benedikt/v. Schwanenflügel, Larissa/Schwerthelm, Moritz (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 5., völlig ern. und erw. Aufl., Wiesbaden (i. E.).
Schnurr, Stefan (2018): Partizipation. In: Hans-Uwe Otto/Hans Thiersch/RainerTreptow/Holger Ziegler (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit: Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, 6. Aufl., München, S. 1126-1137.
Seckinger, Mike/Pluto, Liane/Peucker, Christian/van Santen, Eric (2016): Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Eine empirische Bestandsaufnahme, Weinheim/Basel.
Schwerthelm, Moritz/Sturzenhecker, Benedikt (2016): Die Kinder- und Jugendarbeit nach § 11 SGB VIII. Erfahrungsraum für Subjekt- und Demokratiebildung. www.ew.uni-hamburg.de/einrichtungen/ew2/sozialpaedagogik/files/schwerthelm-sturzenhecker-2016-jugendarbeit-nach-p11.pdf (letzter Zugriff 15.9.2019)
Sturzenhecker, Benedikt (2011): Demokratiebildung: Auftrag und Realität in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Schmidt, Holger (Hrsg.): Empirie der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden, S. 131-146.
Sturzenhecker, Benedikt/Schwerthelm, Moritz: Demokratie ist machbar – gerade in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Knauer, Raingard/Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.) (2016): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim, S. 187-203.
Sturzenhecker, Benedikt/Schwerthelm, Moritz (2016): Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 2: Methodische Anregungen und Praxisbeispiele für die Offene Kinder- und Jugendarbeit, 2. Aufl., Gütersloh.