Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Partnerschaft: DATES? Bitte wie früher!


emotion - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 02.12.2020

Tinder ist zeitgemäß, klar, aber hat sich analoges Flirten nicht viel leichter angefühlt? Ein Plädoyer fürs Retro-Dating – von Buchclub bis Partnervermittlung


Artikelbild für den Artikel "Partnerschaft: DATES? Bitte wie früher!" aus der Ausgabe 1/2021 von emotion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: emotion, Ausgabe 1/2021

Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Diese Frage habe ich kürzlich den Paaren in meinem Freundeskreis gestellt. Die häufigsten Antworten: auf Privatpartys, über Hobbys oder die Arbeit. Drei Paare wurden von Freund*innen verkuppelt, nur eins lernte sich über die Dating-App Tinder kennen. Besonders erstaunt war ich, dass eine Bekannte, Mitte dreißig, sich nach vielen Jahren als Single bei einer klassischen Partnervermittlungsagentur ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von emotion. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Neuland. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neuland
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Begegnung: „Ich will die Dinge selbst in die Hand nehmen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Begegnung: „Ich will die Dinge selbst in die Hand nehmen“
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von #jetzterstrecht: Das fordern wir für 2021. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
#jetzterstrecht: Das fordern wir für 2021
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Gesundheit: Du bist, was du isst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gesundheit: Du bist, was du isst
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Porträt: MRS „ARSOHIN DER HOSE“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Porträt: MRS „ARSOHIN DER HOSE“
Titelbild der Ausgabe 1/2021 von Gesellschaft: Wartet das Glück im Warenkorb?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gesellschaft: Wartet das Glück im Warenkorb?
Vorheriger Artikel
Porträt: MRS „ARSOHIN DER HOSE“
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Gesellschaft: Wartet das Glück im Warenkorb?
aus dieser Ausgabe

... angemeldet hatte, was ich bislang für einen Service hielt, der ausschließlich Reichen, Prominenten und Rentnern vorbehalten war. Sie erzählte, wie die erfahrene Vermittlerin nach einem persönlichen Gespräch gesagt hat: „Ich hätte da jemanden, der zu ihnen passen würde.“ Skeptisch und gespannt ging sie auf genau ein Date. Es funkte tatsächlich. Vier Monate später zog sie mit diesem Mann zusammen, der nur ein paar Jahre älter ist, wie sie Tennis spielt und im selben Stadtteil lebt.

Eigentlich habe ich gedacht, es wäre zeitgemäß und effizient, wenn ich bequem in Leggings vom Sofa aus auf Online-Partnerbörsen wie Parship oder kostenlosen Apps wie Tinder oder Bumble nach einem Mann stöbere. Man sollte doch meinen, dass der Online-Weg gerade in diesen kontaktbeschränkten Zeiten der beste sei, um jemanden kennenzulernen. Aber was früher im lockeren Flirt auf einer Party nebenbei entstand, fühlte sich plötzlich wie Online-Shopping oder Arbeit an. Völlig unromantisch habe ich stundenlang immer dieselben Antworten auf ähnliche Fragen („Wie lange bist du schon Single?“) in mein Handy getippt. Mit dem gefühlten Druck, in den wenigen Chat-Sätzen so authentisch rüberzukommen, dass mich der andere auf Anhieb versteht – und ich ihn. Oft löschte mein Gegenüber mich allerdings mitten in der Konversation, nur weil ich schrieb, dass ich Vegetarierin bin oder was Festes suche. Warum? Keine Ahnung! Online kann man eben einfach ohne Erklärung verschwinden.

Natürlich hatte ich zwischendurch auch Spaß und nette Begegnungen, aber mehrheitlich verlor ich beim Online-Daten Energie, Zeit und Vertrauen. Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, welchen der filtergeschönten Männerfotos ich eine Chance geben sollte. Das Ganze in Dates im Leben zu verwandeln, war ebenfalls schwieriger als gedacht, weil die Männer oft doch keine Zeit hatten oder woanders lebten. Jemanden zu finden, der ungebunden und beziehungsfähig war, erschien mir zunehmend wie Perlentauchen. Hatte ich etwa bei dem Versuch, besonders modern zu sein, den wahren Trend verpasst? Entschleunigung, Fokus auf das persönliche Umfeld, authentische Begegnungen? Verbindlichkeit und echte Nähe erscheinen mir jedenfalls wertvoller denn je. Bei persönlichen Treffen weiß ich nach fünf Minuten, ob ich den anderen näher kennenlernen möchte. Und habe ich nicht alle meine bisherigen Partner im nahen, privaten Umfeld kennengelernt? Warum hatte ich aufgehört, darauf zu vertrauen?

Bei der Hamburger Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Christine Geschke hole ich mir Rat. Sie bestätigt mich: „Online zu daten erscheint verführerisch, denn ich muss nicht rausgehen und mich zurechtmachen. Online ist es aber viel schwieriger, zu deuten, ob jemand wirklich ein gutes Gefühl bei mir auslöst.“

Dazu gehört nun mal die Ausstrahlung und wie sich jemand bewegt oder verhält. „Wenn ich einen Menschen in meinem bekannten Umfeld kennenlerne, kann ich besser einschätzen, wie seriös oder umgänglich er ist. Ich werde nicht von einem perfekten Profilfoto oder falschen Versprechungen geblendet und kann viel früher ein Gefühl entwickeln, ob es wirklich passt. Damit vermeide ich Enttäuschungen, die mein Selbstwertgefühl schwächen.“

Schon denke ich erleichtert: Gut, dann lasse ich mich in Zukunft eben finden. Aber Christine Geschke sagt auch, dass sich Paare nur sehr selten zufällig im Supermarkt kennenlernen, weswegen man als Single unbedingt proaktiv sein solle. Zum Beispiel, indem man Freund*innen zum Abendessen einlädt und sie bittet, noch einen Single mitzubringen, oder man sich einer Freizeitgruppe anschließt. Auch eine Offline-Partnervermittlung mit viel Erfahrung hält Geschke für eine gute Option, denn „kein Algorithmus kann eine gute Intuition ersetzen“.

Da war sie wieder, die vermeintlich spießigste aller Möglichkeiten. Also rufe ich schließlich bei einer Agentur an. Seit rund dreißig Jahren verkuppelt Christa Appelt Menschen – schon zu Beginn des Gesprächs merke ich an ihrer einfühlsamen Stimme, dass sie ein Profi ist. Wir quatschen fast zwei Stunden, ich fühle mich verstanden. „Zu mir kommen viele Frauen zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig, die keine Zeit mehr online vertrödeln wollen“, sagt Appelt. Ich berichte von meinen Online-Enttäuschungen. „Liebe kennt kein Raster“, sagt sie. „Viele Singles haben ein Schema im Kopf, wie der perfekte Partner sein soll. Das wird durch das Internet noch geschürt. Aber oft kommt dann alles anders, denn es geht vor allem darum, dass Sie und Ihr Traummann denselben Intellekt und ähnliche Vorstellungen vom Leben teilen.“ Sie erzählt mir, dass sowohl Frauen als auch Männer oft jemand Jüngeres suchen. Appelt nimmt aber nur bedingt Rücksicht bei Wünschen zum Aussehen, dem Beruf oder dem Alter. In persönlichen Gesprächen fragt sie die Singles eher, wie sie sich eine Beziehung und ihr Leben vorstellen. „Ob sich zwei Menschen verlieben, hängt nicht von ‚Eckdaten‘ ab, oder wo jemand wohnt, sondern von der Chemie oder von Mustern der einzelnen, die bedient werden wollen.“

Während man im Internet auf sich allein gestellt ist, berät Appelt ihre Klient* innen vor und nach den Dates von der Kleidungswahl bis zur Verarbeitung vergangener Beziehungserlebnisse. Sie empfiehlt etwa, nicht zu lange zu chatten, weil dies die Romantik töte und für Verwirrung sorge. Besser sei es, sich altmodisch übers Telefon zu verabreden und nicht länger als zwanzig Minuten zu sprechen. Vor dem Telefonat solle ich mich positiv „mit schöner Musik und gern, sofern Sie es vertragen, einem Glas Wein“ einstimmen, um für Entspannung zu sorgen: „Stress, Hektik oder Sorgen haben bei der ersten Kontaktaufnahme keinen Platz.“ Dieser individuelle Service hat jedoch seinen Preis, je nach Vertragsdauer mehrere Tausend Euro. Als ich hörbar schlucke, sagt die Vermittlerin: „Es geht schließlich nicht um wenig, sondern darum, ein Leben und eventuell auch das Erbgut zu teilen.“ Das stimmt mich nachdenklich: Vermutlich habe ich mich online in sinn- und respektlosen Chats zu oft unter Wert verkauft.

Ich werde dennoch weiter selbst probieren, Begegnungen in meinem Lebensumfeld zu schaffen – offline. Meine Freund*innen haben nun die Erlaubnis, mich zu verkuppeln (Ende offen!) und über meetup.com suche ich nach Events mit Gleichgesinnten. Mein erstes Gruppendate: ein Leseclub für Bücher über Meditation. Wer sich dafür interessiert, könnte in mein Leben passen, denke ich – und schon beim ersten Treffen im Café sind zwei Männer dabei, die mir gefallen. Wir kommen ins Gespräch und da ich weiß, dass ich sie nun alle zwei Wochen sehen werde, bin ich entspannter – bei Dates habe ich sonst immer das Gefühl, mich sofort entscheiden zu müssen. Nach dem dritten Treffen schlendere ich mit einem der Männer zum Bus. Er fragt nach meiner Handynummer, um sich mal zu zweit zu treffen, auch wegen des drohenden Lockdowns. Ich bin erleichtert – weil es sich so leicht anfühlt wie früher.

Stimmt die Chemie? Das ließ sich beim handfesten Flirt früher leichter herausfinden als heute beim virtuellen Dating

3 TIPPS FÜRS OFFLINE-DATING

NEUE FREUNDSCHAFTEN

Freunde wissen oft besser, wer zu einem passt und können z. B. Dates aus ihrem Arbeitsumfeld vermitteln. Wer seinen Freundeskreis erweitert, vergrößert also den Dating-Pool. Deshalb auch Freundschaften aus Schule oder Uni einfach mal wieder aufleben lassen.

OFFEN SEIN

Auch Dinge allein tun, die man sonst eher zu zweit macht: ins Café oder auf eine Bank setzen, spazieren gehen, Kurztrips unternehmen. Dabei mutig Blickkontakte suchen und Gespräche beginnen.

TU, WAS DU LIEBST …

… und treffe Leute beim Sport (sportpartner.com/de), Fotografieren (knipsakademie.de) oder Tanzen (partnertanz.de).


Fotos Jean F. R. Raclet