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Partydroge gegen das Trauma


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 03.09.2021

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 10/2021

MDMA ALS DROGE | In der Technoszene waren kleine bunte Ecstasy-Pillen in den 1990er Jahren überaus beliebt. Im Rausch konnten die Konsumenten die ganze Nacht durchtanzen.

UNSERE AUTORIN

Corinna Hartmann ist Psychologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Saarbrücken.

Auf einen Blick: Seele öffne dich

1 Menschen, die ein schweres Trauma erlebt haben, müssen die so entstandenen Ängste überwinden, um ihre verletzte Psyche zu heilen.

2 Das ist oft langwierig, schmerzhaft und in manchen Fällen mit den üblichen therapeutischen Strategien kaum zu bewältigen.

3 Eine begleitende Gabe von MDMA könnte den Prozess erleichtern. Die Droge agiert als soziales »Schmiermittel« und hilft, sich der Furcht zu stellen.

Fenster zur Seele – so nannte der Chemiker Alexander Shulgin die Substanz, nachdem er sie in seinem Labor hergestellt und ihre Wirkung ausführlich an sich selbst sowie an seinen Freunden getestet hatte. Der Wirkstoff namens 3,4-Methylendioxymetham-phetamin, kurz MDMA, wurde sein Lieblingsrauschmittel. Bekannt war er zwar schon seit 1912, aber damit begann in den ...

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... 1960er Jahren seine Karriere als Droge. Bald darauf bürgerte sich der Name Ecstasy für Pillen mit MDMA als Hauptzutat ein.

Bereits ab den späten 1970er Jahren nutzten einige Fachleute die Substanz zur Unterstützung der Psychotherapie. Anhänger dieser psycholytischen Psychotherapie waren und sind bis heute überzeugt davon, dass psychoaktive Substanzen einen Bewusstseinszustand hervor rufen, der Menschen empfänglicher für die therapeutische Arbeit macht. Einige hatten mit LSD bis zu dessen Verbot experimentiert und sahen MDMA als Alternative. 1986 war aber auch damit Schluss: Noch bevor man das Potenzial des Wirkstoffs wissenschaftlich erforschen konnte, wurde er fast weltweit verboten.

Bekanntermaßen endet die Geschichte nicht hier. Ecstasy avancierte in den 1990er Jahren zur bevorzugten Droge der Technokultur. MDMA wirkt Müdigkeit entgegen und erlaubte es den Ravern damit, die ganze Nacht durchzutanzen. Der aufputschende Effekt der Substanz ähnelt der von Amphetamin. In anderen Punkten unterscheiden sich die beiden Wirkstoffe allerdings: MDMA zählt zu den Entaktogenen, was wörtlich übersetzt so viel wie »das Innere berührend« bedeutet. Seine Wirkung setzt etwa 30 Minuten nach der Einnahme ein und hält vier bis sechs Stunden an. Neben einem beschleunigten Herzschlag intensiviert es die Emotionen des Konsumierenden und löst ein Gefühl der Euphorie aus.

Zudem steigert MDMA die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Innenleben zu beschäftigen und mit anderen in Kontakt zu treten. Viele Nutzerinnen und Nutzer berichten von besonders vertrauensvollen und tiefgründigen Gesprächen, nachdem sie die Droge eingenommen hatten. Sie fühlen sich außerdem gelöster als im nüchternen Zustand. In einer Studie einer Arbeitsgruppe um Gillinder Bedi von der University of Melbourne zeigten Testpersonen nach MDMA-Konsum etwa mehr Zuneigung. Zugleich konnten sie ängstliche Gesichtsausdrücke bei anderen schlechter deuten als jene, die ein Placebo erhalten hatten. Einem Team um Cédric Hyek, damals an der Universität Basel, zufolge waren sie auch besser als üblich darin, positive Emotionen wie »freundlich« oder »amüsiert« in Bildern von Augenpartien zu erkennen. Feindselige Blicke nahmen sie hingegen weniger stark wahr. Ecstasy setzt uns offenbar eine rosarote Brille auf.

Die Gehirn&Geist-Serie »Therapeutische Drogen« im Überblick:

Teil 1: Heilsamer Hanf (Gehirn&Geist 09/2021)

Teil 2: Partydroge gegen das Trauma (dieses Heft)

Teil 3: Trip aus der Depression (Gehirn&Geist 11/2021)

Genau diese Eigenschaften machen den Wirkstoff für psychotherapeutisch Tätige so interessant. Schon früh hat er sich in Untersuchungen mit Traumapatienten als viel versprechend erwiesen. MDMA dient hier nicht als alleinige Behandlung, sondern als Katalysator für das therapeutische Gespräch. Unter seinem Einfluss soll es besonders gut wirken. Die öffnende und angstlösende Wirkung könnte Betroffenen nämlich dabei helfen, Erlebtes zu verarbeiten und wieder Vertrauen zu sich selbst und anderen zu fassen.

Wenn das Trauma nicht heilt

Die Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, entsteht in Folge eines einschneidenden Erlebnisses, das eine Person nachhaltig traumatisiert. In Deutschland entwickeln knapp zwei Prozent der Bevölkerung im Lauf ihres Lebens die Störung – Frauen häufiger als Männer. Allerdings gilt nicht alles, was wir in der Umgangssprache als Trauma bezeichnen, unter Psychiatern als solches. Als Auslöser kommen gemäß dem aktuellen Diagnostischen und Statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM-5) eine Bedrohung mit dem Tod, eine ernsthafte Verletzung oder sexuelle Gewalt in Frage. Das kann der betroffenen Person selbst zugestoßen sein, sie kann es als Zeuge miterlebt oder im Nachhinein erfahren haben, dass es einer Bezugsperson widerfahren ist. Handelt es sich um die Nachricht vom Tod eines Angehörigen, kann die Traumadiagnose laut DSM-5 nur dann gestellt werden, wenn dieser durch einen Unfall oder gewaltsam ums Leben gekommen ist. Darüber hinaus gilt eine wiederholte Konfrontation mit erschreckenden Details als potenziell traumatisches Ereignis.

Das betrifft beispielsweise Notfallhelfer, die Leichenteile einsammeln müssen, oder Polizeibeamte, die immer wieder mit Fällen von Kindesmissbrauch zu tun haben.

Menschen, die an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden, haben in der Regel Albträume. Selbst in wachem Zustand bahnen sich Erinnerungen und Eindrücke des traumatischen Ereignisses immer wieder den Weg in ihr Bewusstsein. Dieses Wiedererleben wird von der gleichen Angst und Verzweiflung begleitet wie das ursprüngliche Trauma selbst. Es wirkt real und genauso bedrohlich wie damals. Dabei kann es auch zu Flashbacks kommen, bei denen die Betroffenen dissoziieren; ihr Selbst wird vorübergehend brüchig, und sie verlieren den Bezug zur Realität. In solchen Momenten handeln sie, als befänden sie sich wieder in der traumatischen Situation. Die Auslöser – in der Fachsprache »Trigger« genannt – sind meist Gerüche, Bilder, Geräusche oder Berührungen, die mit der Erinnerung an das Trauma verknüpft sind.

Typischerweise meiden Betroffene daher alles, was mit dem Ereignis zu tun hat – bestimmte Orte, Personen oder Tätigkeiten. Auch innerlich versuchen sie, bewusst wie unbewusst, Abstand zum Geschehenen zu halten, indem sie entsprechende Erinnerungen, Gefühle und Gedanken unterdrücken. Das schränkt aber ihren Handlungsspielraum ein und verhindert, dass die Angst mit der Zeit nachlässt. Oft können sich Traumatisierte an bestimmte Aspekte des Auslösers gar nicht mehr erinnern. Diese Amnesien sind Zeichen der gestörten Verarbeitung des Erlebten: Das Trauma wird auf Grund der extremen Anspannung im Moment des Geschehens nur bruchstückhaft abgespeichert und lässt sich nicht als normale Erinnerung in das Gedächtnis und die eigene Biografie integrieren. Stattdessen bricht es sich immer wieder unkontrolliert Bahn. Mitunter stellt das Erlebte alles in Frage, was der Mensch bisher zu wissen glaubte. Er bekommt einen negativeren Blick auf sich selbst und die Außenwelt: Die Welt ist kein sicherer Ort, ich kann mich nicht verteidigen, und andere sind mir nicht wohlgesinnt. Oft bedingt das eine depressive Grundstimmung und ein Gefühl der Entfremdung von anderen Menschen.

Wie funktioniert die Traumatherapie?

Der Schlüssel zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung ist die so genannte Angstextinktion: Die überschießende Furcht gegen alles, was an das Trauma erinnert, muss Stück für Stück verlernt werden. Verschiedene Verfahren können diesen Prozess anstoßen und begleiten. Eine klassische Methode ist die Konfrontationstherapie. Dabei setzt sich ein Betroffener unter fachlicher Anleitung schrittweise immer stärker Furcht auslösenden Reizen aus. Statt sie zu vermeiden, lernt er, mit ihnen umzugehen. In der Folge gewöhnt er sich an die entsprechenden Situationen, und der Angstpegel sinkt. Ein neueres Verfahren ist das Eye Movement Desensitization and Reprocessing, kurz EMDR. Bei dieser in den USA entwickelten Methode führt der Behandelnde regelmäßige Handbewegungen aus. Der Patient soll ihnen mit den Augen folgen, während er sich an die das Trauma auslösende Situation erinnert. In Studien wirkte dies ähnlich gut wie die Standardtherapien – der Wirkmechanismus ist allerdings noch unklar.

Der Körper der Betroffenen befindet sich gewissermaßen ständig unter Strom. Dieses so genannte Hyperarousal entsteht in Folge eines überaktiven vegetativen Nervensystems. Dabei ist die Erregungsschwelle so weit herabgesetzt, dass selbst kleinste Störungen gereiztes Verhalten oder Wutausbrüche bedingen können. Die gesteigerte Alarmbereitschaft ist evolutionsbiologisch betrachtet in Gefahrensituationen sinnvoll. Sie bereitet einen darauf vor, auf mögliche Bedrohungen schnell und bestimmt zu reagieren. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung läuft dieser Mechanismus jedoch aus dem Ruder. Patienten gelingt es nicht mehr, zwischen gefährlichen und harmlosen Reizen zu unterscheiden. Sie erschrecken leicht und sind übertrieben wachsam gegenüber ihrem Umfeld. Zudem leiden sie häufig unter Konzentrations- und Schlafstörungen und neigen zu rücksichtslosem oder selbstzerstörerischem Verhalten.

Mit Überwindung zur Besserung

Um das Trauma zu überwinden, müssen sich Betroffene – wenn auch nur in Gedanken – dem Erlebten stellen. Bei speziellen psychotherapeutischen Methoden versetzt sich der Patient unter Anleitung des Therapeuten immer wieder zurück in die traumatische Situation, bis die körperliche und emotionale Reaktion langsam schwächer wird (siehe »Wie funktioniert die Traumatherapie?«). Ist die Angst jedoch so überwältigend, dass eine Auseinandersetzung mit dem Erlebten nicht möglich ist, stoßen solche Methoden an ihre Grenzen.

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Angstgedächtnisses spielt die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems. Dabei ist Serotonin ein entscheidender Botenstoff, dessen Ausschüttung durch MDMA verstärkt wird. Aus Experimenten an Mäusen weiß man: Die Droge hilft angstbesetzte Erinnerungen zu löschen, indem sie Umbaumaßnahmen in der Amygdala anregt. Sie kann damit offenbar hartnäckige Angsterinnerungen verändern, was bei Erwachsenen sonst nur schwer zu erreichen ist. Neurowissenschaftler sprechen von einer gesteigerten Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, sich flexibel neu zu organisieren.

Gepaart mit einer Psychotherapie eröffne MDMA ein »Fenster der Toleranz«, mit dessen Hilfe es Traumatisierten leichter fällt, sich dem Erlebten zu stellen, postulieren Verfechter der Methode. Das soziale Schmiermittel könnte zudem die Beziehung zum Therapeuten verbessern. »Mit MDMA lässt sich kurzfristig eine Art Supervertrauen hervorrufen, das Menschen, die in ihrem Leben schlimme Erfahrungen gemacht haben, hilft, sich in der Psychotherapie zu öffnen«, meint Torsten Passie. Der Psychiater beschäftigt sich mit veränderten Bewusstseinszuständen und arbeitete in der Schweiz schon mit dem Ecstasy-Wirkstoff. Aber hilft die Droge tatsächlich dabei, das Trauma hinter sich zu lassen?

Viel versprechende Befunde aus Pilotstudien reichen bis ins Jahr 2001 zurück. Doch erst 2021 wurde die erste umfangreiche klinische Phase-III-Studie zum Einsatz von MDMA in der Traumatherapie veröffentlicht. Eine solche Untersuchung testet ein potenzielles Medikament systematisch an einer größeren Patientengruppe. Bei positiven Resultaten kann dann eine Marktzulassung beantragt werden. Ein Team von US-amerikanischen, kanadischen und israelischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern um Jennifer Mitchell von der University of California in San Francisco führte die Tests mit 90 Patienten durch, die an schwerer PTBS litten – im Schnitt seit 13 Jahren. Ein Teil der Probanden erhielt vor drei von zwölf Therapiesitzungen MDMA. Der Rest bekam die gleiche psychologische Behandlung, schluckte aber statt dem echten Wirkstoff ein Placebo. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Unter MDMA wirkte die Traumatherapie mehr als doppelt so gut. 67 Prozent der Patienten aus der Behandlungsgruppe erfüllten zwei Monate nach Abschluss der Psychotherapie nicht länger die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung. In der Placebogruppe traf dies nur auf 32 Prozent zu – immerhin hat auch die konventionelle Traumabehandlung einen gewissen Effekt.

»Die Studie ist sehr überzeugend«, meint Ulrike Schmidt. Die stellvertretende Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn leitet dort die Forschungsgruppe Translationale Psychotraumatologie. Sie glaubt zwar nicht, dass es je eine Substanz geben wird, die Psychotherapie in der Behandlung eines Traumas gänzlich entbehrlich macht. Allein schon die Entstehung von Gefühlen wie Scham und Ekel in unserem Gehirn sei so komplex, dass es eine Fülle von Stoffen bräuchte, um sie zu beeinflussen. Was sie sich aber vorstellen kann, sind Medikamente, welche die Wirkung der Therapie deutlich verstärken und deren Dauer verkürzen. »MDMA zeigt hier bislang die vielversprechendsten Effekte«, so Schmidt.

Wie sicher ist MDMA?

Verglichen mit anderen Drogen gilt MDMA zudem als eher ungefährlich. Zu den Nebenwirkungen zählen etwa Übelkeit, Unruhe und Kreislaufprobleme. Viele Konsumentinnen und Konsumenten berichten von einem »Ecstasy-Kater« am nächsten Tag: Auf die Euphorie folgen Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. Bei Überdosierung oder gemischt mit Alkohol und anderen Substanzen kann die Einnahme allerdings mitunter lebensgefährlich werden. Selbiges gilt, wenn eine Person unter Einfluss der Droge körperliche Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Ruhe unterdrückt. MDMA ist also keinesfalls harmlos und sollte von Traumapatienten nicht auf eigene Faust konsumiert werden. Unter den Bedingungen der klinischen Studie und in der dort genutzten Dosierung traten jedoch keine ernsthaften Nebenwirkungen auf.

Die Autoren bewerten den Stoff deshalb als ebenso sicher wie konventionelle Antidepressiva, die traumatisierten Menschen oft verschrieben werden. Sie kommen sogar zu dem Schluss, MDMA sei wirksamer als gängige Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Sertralin und Paroxetin. »Um das beurteilen zu können, gibt es noch zu wenig wissenschaftliche Evidenz«, wendet Ulrike Schmidt ein. Direkte Vergleiche zwischen den Stoffen fehlen nämlich bislang. Sollen Antidepressiva zu Gunsten von MDMA abgesetzt werden, könnte das die Wirksamkeit von Letzterem sogar verringern.

Für Torsten Passie decken sich die Befunde der klinischen Studie mit seinen Erfahrungen. »MDMA macht, dass sich in den Patienten etwas löst. Es bewirkt eine Art psychische Entkrampfung«, erläutert er. »Das neuronale Furchtnetzwerk wird heruntergefahren, anders als bei Beruhigungsmitteln wie Valium bleibt der Patient dabei aber geistig fit.« Die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt MDMA nämlich kaum. Diese Kombination aus Entspannung und Klarheit ermögliche es, besonders gut mit Traumapatienten zu arbeiten, so Passie. Anders als bei Halluzinogenen wie LSD und dem Magic- Mushroom-Wirkstoff Psilocybin, über deren Einsatz in der Psychotherapie Fachleute ebenfalls debattieren (siehe Teil 3 der Serie in Gehirn&Geist 11/2021), kommt es beim MDMA-Trip nicht zu Denkstörungen, Trugwahrnehmungen oder Dissoziation. Die Effekte sind subtiler und damit therapeutisch leichter zu handhaben.

Behandlung bisher nur mit Sondergenehmigung in der Schweiz

Im Gegensatz zu anderen Ländern können in der Schweiz erfahrene Psychotherapeutinnen und -therapeuten inzwischen eine Sondergenehmigung für die Behandlung mit MDMA erhalten. Wer die Substanzen ohne eine solche einsetzt, macht sich allerdings strafbar. Warum eine strenge Regelung notwendig ist, zeigt folgender Fall eindrücklich: Ein Berliner Arzt hatte im September 2009 während einer Gruppentherapiesitzung zwölf Patienten ein Drogengemisch verabreicht, das MDMA enthielt. Der Wirkstoff war jedoch viel zu hoch dosiert; zwei Menschen starben. Die Ermittlungen ergaben, dass der Arzt beim Abwiegen des Stoffs bereits selbst high gewesen war.

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Wissenschaftliche Studien mit MDMA können in Deutschland, Österreich und der Schweiz trotz einiger bürokratischer Hürden genehmigt werden. In den ersten beiden Ländern führen Universitäten aber aktuell keine solchen Untersuchungen durch. Dafür wird an der Universität Basel intensiv zum medizinischen Einsatz des Wirkstoffs geforscht.

Die abgeschlossenen klinischen Studien konzentrierten sich vor allem auf die Posttraumatische Belastungsstörung. Ob MDMA auch bei anderen psychischen Erkrankungen helfen könnte, ist unklar. Torsten Passie hält es dennoch für möglich: »Der Einsatz könnte sich vor allem bei Störungen lohnen, die durch ungünstige biografische Prägungen entstanden sind und zwischenmenschliche Beziehungen erschweren – etwa Persönlichkeitsstörungen oder Angststörungen.« Psychosomatische Beschwerden und manche Fälle von Depressionen seien weitere mögliche Einsatzbereiche. »Bei Psychosen ist MDMA aber zum Beispiel nicht hilfreich«, gibt er zu bedenken. Neurologisch bedingte Erkrankungen wie Demenz eignen sich ebenfalls nicht als Anwendungsgebiete.

Und auch noch auf eine weitere mögliche Gefahr weist Passie hin: »Es kann theoretisch passieren, dass Patienten unter dem Einfluss von MDMA ihren Therapeuten oder ihre Therapeutin idealisieren oder sich sogar in sie oder ihn verlieben.« Generell sieht er den Stoff nicht in Händen von niedergelassenen Psychotherapeuten oder Praxisärztinnen, die nicht darauf spezialisiert sind. Er fände es hingegen sinnvoll, die Behandlung in Kliniken anzubieten, wo interdisziplinäre Teams zusammenarbeiten, die für diese Therapie ausgebildet sind. »Das könnte in Deutschland schon in fünf Jahren so weit sein«, betont er. ★

QUELLEN

Feduccia, A. A. et al.: Discontinuation of medications classified as reuptake inhibitors affects treatment response of MDMA-assisted psychotherapy. Psychopharmacology 238, 2021

Hysek, C. M. et al.: MDMA enhances »mind reading« of positive emotions and impairs »mind reading« of negative emotions. Psychopharmacology 222, 2012

Mitchell, J. M. et al.: MDMA-assisted therapy for severe PTSD: A randomized, double-blind, placebo-controlled phase 3 study. Nature Medicine 27, 2021

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1910149