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Patienteninterview: Cannabis bei Schmerzsymptomen und Herzinsuffizienz


grow! Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 29.04.2020
Artikelbild für den Artikel "Patienteninterview: Cannabis bei Schmerzsymptomen und Herzinsuffizienz" aus der Ausgabe 3/2020 von grow! Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: grow! Magazin, Ausgabe 3/2020

Nach einer US-weiten Studie, in der mehr als 6 Millionen Krankenhausaufenthalte (2007 bis 2014) aufgrund von Herzinsuffizienz untersucht worden waren, erwies sich, dass Cannabiskonsum miteinem reduzierten Risiko verbunden ist, im Krankenhaus zu sterben. D i e Studienergebnisse wurden in der Zeitschrift Circulation veroffentlicht. Demnach wiesen Cannabiskonsumenten seltener ein Vorhofflimmern (unregelmaRiger, aus dem Takt geratener Herzschlag) auf (Quelle: www. cannabis-med.org). Wir haben uns mit Russell Langhammer getroffen, der uns uber seine Erfahrung mit Cannabis bei einer Herzinsuffizienz und ...

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... Schmerzen berichtet. Russell ist 55 Jahre jung, deutscher Staatsburger und in den USA geboren. Er lebt seit vielen Jahren in Dallas (Texas). Wir haben uns vor wenigen Wochen in Wurzburg kennengelernt, wo er mit seiner Frau Familie und Freunde besucht hat. Er ist Schmerzpatient und hat zusatzlich noch ernste Probleme mit dem Herzen.

grow! Hallo, Russell, danke, dass du dich bereit erklärt hast, unseren Lesern über deine Erfahrungen mit Cannabis als Medizin zu berichten.

Russell: Hallo, zusammen. Wenn meine Erfahrung anderen helfen kann, tue ich das gerne

grow! Du leidest seit vielen Jahren an einem Herzleiden und bist überdies noch Schmerzpatient. Kannst du uns deine Geschichte etwas erläutern?

Russell: Ich versuche, das alles kurz zu machen. Im November 2000 arbeitete ich draußen auf der Rampe für die American Airlines. An diesem Tag wehte ein ungewöhnlich starker Eissturm der mich von der Rampe stieß. Ich fiel mit dem Rücken auf einen Betonboden und war wie gelähmt, mein Rücken war gebrochen, und die Schmerzen waren unerträglich. Ich hatte Angst, dass ich nie wieder laufen kann. Seit November 2001 wurde ich insgesamt fünfmal am Rücken operiert. Meine Versicherungsgesellschaft hasst mich mittlerweile (grinst). Aber ich leide noch immer unter sehr starken bis zu unerträglich starken Rückenschmerzen. Meine Ärzte verschrieben mir gegen die Schmerzen Oxycodon und Dilaudid (stark wirkende Opioide). Später kam noch Valium hinzu, auch unter dem Namen Diazepam bekannt, um mit der Situation auch psychisch klar zu kommen.

Das war nicht leicht. Ich habe mein Leben lang Hochleistungssport betrieben und liebte viel Action. Sport war mein Leben und den konnte ich nicht mehr machen. 2009 bekam ich dann die Diagnose Zungenkrebs. Der Grund für den Krebs war der fucking Kautabak, den ich sehr viele Jahre gekaut habe. Nach dieser Diagnose habe ich für neun Wochen eine Chemotherapie machen müssen, das hat mein Herz komplett zerstört. Ende 2009 bekam ich einen Herzschrittmacher eingesetzt. Mittlerweile ist das jetzt schon der vierte Herzschrittmacher, den ich bekommen habe. Der erste war nach drei Jahren defekt, ein Draht bohrte sich in meine Haut. Den zweiten habe ich fast sechs Jahre gehabt, bevor ich den dritten bekam. Der hat nur ein Jahr gehalten, weil mein Herz aufgrund einer Herzinsuffizienz immer wieder stehenblieb und mein Schrittmacher mir an einem Tag 64 elektrische Impulse gab, um mein Herz wieder zum Pumpen zu bringen. Letzten August wurde ich dann nochmal am offenen Herzen operiert. Insgesamt bin ich 2019 ganze 25 Mal ins Krankenhaus eingeliefert worden, immer wegen meinem Herz.

grow!Unglaublich, dass du noch unter uns bist.

Russell:Ja, das verdanke ich den guten Ärzten und natürlich meinem Cannabis.

grow!Durftest du offiziell Cannabis als Medizin verwenden?

Russell:Nein, ich durfte die schulmedizinischen Medikamente, die stärker als Heroin sind, einnehmen und sogar damit Flugzeuge verschieben, schwere und auch gefährliche Maschinen betätigen. Aber Cannabis durfte ich nicht nehmen. Das hätten die Behörden nie erlaubt. Als ich bei der American Airlines eingestellt wurde, wurde ich nach dem Zufallsprinzip auf Drogen wie Cannabis getestet. Ich hätte Cannabis heimlich verwenden müssen, also beschloss ich, es für ein paar Jahre nicht mehr zu nehmen.

grow! Arbeitest du noch?

Russell:In meiner Schulzeit habe ich Baseball gespielt. Das ging aber nach einem Unfall nicht mehr. Also beschloss ich, Kraftsport zu betreiben und habe ihn schließlich zum Beruf gemacht. Dann war es aber vorbei mit dem Sport, ich fühlte mich körperlich und geistig kraftlos.

grow!Warum konnte die Schulmedizin dir nicht helfen?

Russell:Die üblichen Nebenwirkungen der opioidhaltigen Medikamente eben.

Ich fühlte mich immer sehr schwach und müde im Kopf. Übelkeit, schlechter Stuhlgang, sehr schlechte Leberwerte und mein Blutdruck war sehr niedrig. Ich litt unter ständigem Schwindel. Ich war immer stark, aber zu der Zeit nicht mehr. Ich war nicht mehr ich selbst. Natürlich wurde ich mit der Zeit auch depressiv. Bleibt ja nicht aus, wenn man überlegt, wie frei und kräftig ich mich mein Leben lang fühlte.

grow!Wie bist du auf Cannabis gestoßen?

Russell:Ich musste aufhören, diese Medikamente zu nehmen, um am Leben zu bleiben. Deshalb habe ich für mich beschlossen, Cannabis als Medikament zu verwenden. Das kannte ich von früher und habe mich auch viel über Cannabis-Medizin informiert. Ich kann ehrlich sagen, dass Cannabis mein Leben gerettet hat. Als ich anfing, Gras zu rauchen, wurde mein ganzes Leben wieder besser. Ich hatte wieder Freude am Leben, der Appetit kam zurück. Ich fing wieder mit etwas Sport an und wurde täglich kräftiger, mental und physisch. Die dunklen Gedanken im Kopf waren verschwunden. Nach einigen Monaten stellte ich fest, dass Cannabis anstelle der Arzneimittel ehrlich besser für mich ist. Ohne diese starken Nebenwirkungen, die ich immer mit den Pillen hatte. Ich fing an, mehr Cannabis als normal zu konsumieren und bemerkte, dass ich mich jeden Tag besser fühlte, wenn ich mehr Cannabis mit viel THC konsumierte. Ich habe mein Cannabis hier in Texas aufgrund des Gesetzes immer illegal erhalten. Habe oft viel riskiert, um bei den Straßendealern zu kaufen, deswegen habe ich mich dazu entschlossen, meine Medizin in Oregon zu kaufen. Dort bekam ich stärkere Cannabis-Produkte - und dazu noch legal.

Ich entdeckte dort das Dabben von Cannabis-Extrakten, verschiedene Edibles, wie zum Beispiel Kekse, Bonbons, Getränke und andere Produkte mit hohem THC- bzw. CBD-Gehalt. Auch die verschiedensten Sorten von Cannabis. Jetzt bin ich dank Cannabis seit dem 9. Oktober 2017 opiat- und benzodiazepinfrei. Ich bin mir sicher, dass, wenn meine Ärzte mir von Anfang an Cannabis verschrieben hätten, ich hätte weniger leiden müssen.

grow!Fährst du noch immer regelmäßig nach Oregon, um dort deine Medizin zu kaufen?

Russell:Nicht mehr so oft, ich darf jetzt aufgrund der jüngsten Gesetzesänderungen meine eigenen Pflanzen anbauen. Das tue ich natürlich auch. In Texas darf Patienten nur Dronabinol oder CBD verschrieben werden. Das ist natürlich viel zu wenig, um mich anständig zu medikamentieren. Aus meinen Pflanzen machen ich hauptsächlich Wax, ein Konzentrat, welches mithilfe von Butangas gelöst wird. I love DABs! Aber auch Tinkturen und das sogenannte Rick-Simson-Öl.

grow!Weiß dein Arzt mittlerweile, dass du Cannabis verwendest?

Russell:Ja, nach meiner letzten Operation am Herzen fragte mich mein Arzt, welche Art von Medikamenten ich auf der Intensivstation bevorzuge, ich schrie laut „Ich will DABs!“

Seitdem bekomme ich Dronabinol mit fünf Prozent THC in Kapseln verschrieben. Er sagte auch, dass ich nicht länger als sechs Monate zu leben habe, weil mein Herz einfach nicht mehr kann, es sei kaputt. Jetzt wundert er sich jeden Monat, wenn ich zur Blutkontrolle gehe, wie gut es mir geht. Er fragt mich ständig, wie ich das mache. Ich bin für ihn ein kleines Wunder. Als Antwort sage ich immer “CANNABIS“. Mein Herzschrittmacher schickt meine Daten jetzt täglich an meinen Arzt, damit im Falle, wenn etwas nicht stimmt, er das sofort sieht und wir reagieren können. Alle diese Informationen, die das Krankenhaus von mir erhält, unter anderem auch die Infos über meinen Konsum von THC und CBD, können in Zukunft anderen Patienten mit Herzproblemen helfen.

grow!Hast du schon vor deinen Erkrankungen Cannabis konsumiert?

Russell:Verschieden. Kommt immer darauf an, wie ich mich fühle. An schlechten Tagen rauche ich drei Joints á 0,5 Gramm und ungefähr 0,3 Gramm Konzentrat über den Tag verteilt. Das Gras hat etwa 18 bis 20 Prozent THC und das Konzentrat ungefähr 60 Prozent. Hinzu kommen noch etwa 100 mg CBD-Tropfen, die sind gut für mein Herz. Das THC ist mehr gegen die Schmerzsymptome gedacht.

grow!Was ist besser für dich, Indica- oder Sativa-Sorten?

Russell:Sativa ist besser für tagsüber. Abends ist eine starke Indica mit hohem CBD-Anteil besser für mich.

grow!Redest du öffentlich über deine Erfahrung mit Cannabis?

Russell:Oh ja. Ich versuche jetzt Schmerzpatienten und Menschen mit Herzproblemen, wie ich sie habe, zu helfen, um an die richtigen Informationen zu kommen. Es gibt sehr viele Menschen, die sich bei mir informieren wollen, wie ich mit Cannabis lebe und warum ich mich dafür entschieden habe.

Ich habe in Texas auch für die Legalisierung von Cannabis gekämpft und letztes Jahr haben wir endlich gewonnen. Jetzt bin ich wieder ein glücklicher Mensch dank Cannabis und meiner Frau, die immer für mich da war und zum Glück noch immer ist. Jetzt werde ich das Leben wieder genießen und härter als je zuvor für die Legalisierung von Cannabis hier und weltweit kämpfen!

grow!Das ist schon eine heftige Krankengeschichte. Schön, dass du dich wieder soweit erholt hast. Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Russell:Ich möchte mit diesem Interview niemanden animieren, sein Medikament abzusetzen, aber den Personen, welche über die Alternative Cannabis nachdenken, meine Erfahrungen schildern. Jeder Mensch ist anders und jeder sollte für sich entscheiden, was gut oder schlecht für ihn ist. Bleibt alle gesund!