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Patrick Fehling: Entwicklungsstand der gegenwärtigen und künftigen technischen Assistenzsysteme


Pflege & Gesellschaft - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 30.07.2019

lt@State of development of current and future technical assistance systems


The integration of technical assistance systems in the care sector has outgrown the question of „whether or whether not“. The upcoming questions can only be answered in a multidisciplinary manner: „Which technical assistance is practical and reliable in various care settings and how comprehensively does it facilitate care practitioners? Despite which hurdles, when will it be introduced across Germany? Is the negative attitude of nursing practitioners an hurdle? How extensively will „Pflege 4.0“ change the practical discipline?“ ...

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... Their teachers, who often do not know the existing technological possibilities, have a great influence on the knowledge process and the development of acceptance of the technologies by nursing practitioners. This paper will look into these questions and summarize which technical assistance systems have been and are being developed for which ATL.

Keywords

Technical assistance systems, Pflege 4.0, nursing care robots, qualification, technology and care, ethics, digitization, sensor technology

Technische Assistenzsysteme im Pflegesektor zu integrieren sind der a priori-Fragestel- lung „ob oder ob nicht“ entwachsen. Die anstehenden Fragen sind nur multidisziplinär zu beantworten: „Welche technische Assistenz erweist sich in variablen Pflegesettings als praktikabel, reliabel und wie umfassend erleichtert sie Pflegende? Trotz welcher Hürden wird sie wann flächendeckend implementiert? Stellt die ablehnende Haltung Pflegender eine Hürde dar? Wie extensiv wird „Pflege 4.0“ die Praxisdisziplin verändern?“ Potenten Einfluss auf den Erkenntnisprozess und die konsekutive Anbahnung der Akzeptanz der Technologien durch Pflegende haben ihre Lehrenden, die sich der existierenden technologischen Möglichkeiten oft nicht bewusst sind. Der vorliegende Beitrag soll diesen Fragen nachgehen und resümieren, welche technischen Assistenzsysteme für welche ATL entwickelt wurden und werden.

Schlüsselwörter

Technische Assistenzsysteme, Pflege 4.0, Pflegeroboter, Qualifikation, Technologie und Pflege, Ethik, Digitalisierung, Sensortechnologie

„Pflege 4.0“, das angelehnt an „Industrie 4.0“ die Digitalisierung als vierte industriellen Revolutionen nach der (1) Mechanisierung, der (2) Elektrotechnik und des (3) Computereinsatzes bezeichnet, umfasst den Einsatz zahlreicher digitaler Applikationen und technischer Assistenzsysteme im Pflegesektor. Technische Assistenzsysteme (TAS) im beruflichen Alltag der Pflege stellen nicht nur in näherer Zukunft, sondern bereits heute eine unumgängliche Verzahnung zweier vermeintlich antithetischer Disziplinen dar: Technik und Pflege. Dabei darf diese Unvereinbarkeit und die verzögerte Einführung von TAS in der Pflegebranche (Merda et al. 2017) weniger den Entwicklern dieser Technologien angelastet werden. Sie haben die Notwendigkeit und das Marktpotenzial pflegeunterstützender Technologien längst erkannt. Auf Messen, Kongressen, in den öffentlichen Medien und im pflegerischen Alltag sind es vornehmlich professionell Pflegende, die der Pflege 4.0 gegenüber ihre eigene oder die bei zu Pflegenden antizipierte Skepsis zum Ausdruck bringen. Häufig genannte Sorgen wurden unlängst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und damit öffentlichkeitswirksam ausgestrahlt (Deutschlandfunk 2018): Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzes, stetiger Verlust zwischenmenschlicher Beziehungs-, Berührungs- und der kommunikativen Kompetenz zugunsten einer Rationalisierung und Mechanisierung der Pflege, folglich der Abbau von Arbeitsplätzen. Dass die Pflege im Branchenvergleich als Nachzügler beim Einsatz von TAS gilt (Merda et al. 2017), mag u. a. in dieser Skepsis begründet sein und gleichermaßen zu ihr führen.

Dabei sind technologische Unterstützungen im Kontext des demografischen Wandels, der fehlenden Attraktivität des Pflegeberufs (insbesondere in der Langzeitpflege), des damit einhergehenden Fachkräftemangels, der trotzdem steigenden Personalkosten und der wachsenden Qualitätsansprüche der Stakeholder bereits heute nicht mehr wegzudenken. Unter diesen Prämissen stellt eine technologische Assistenz nicht nur in der stationären (Langzeit-)Pflege das viel zitierte „alternativlose“ Zukunftsszenario dar. Das Ziel, welches etwa die Bundesinitiative „Daheim statt Heim“ (www.bi-da-heim.de) resümiert, scheint durch TAS, unter so kryptische Begriffen wie Ambient Assisted Living oder Smart Home subsumiert, erreichbar. Ein Ziel, das nicht allein subjektiver Wunsch ist, sondern gesellschaftspolitisch verfolgt wird (Weiß et al. 2017).

Die bundesweit intensive, ja enthusiastische Nutzung technologischer Innovationen im Alltag, gepaart mit einem wachsenden Autonomiebestreben der Bundesbürger bis ins hohe Alter sowie die medial unterstützte Vergegenwärtigung des „Pflegenotstandes“ münden in die rasant zunehmende Akzeptanz von Hightech als Ergänzung oder als Ersatz professionell oder informell Pflegender. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) konnte in einer repräsentativen Umfrage zeigen, dass knapp zwei Drittel (64%) der Befragten eher Chancen als Risiken in der digitalen Technik im Pflegekontext sehen. Zwei Jahre zuvor waren es 55% (Fehling et al. 2017a). Sogar die Akzeptanz eines „Pflegeroboters“ (ein Terminus, der nicht in der deutschsprachigen Fachliteratur (Initiative Neue Qualität der Arbeit 2018), wohl aber in diesem Artikel genutzt wird, um die explizite Anwendung der Robotik in genuin pflegerischen Belangen zu unterstreichen) steigt kontinuierlich. Konnten sich 2015 immerhin 26% der bundesdeutschen Bevölkerung einen Pflegeroboter im eigenen Haushalt gut vorstellen (ZukunftsForum 2015), so waren zwei Jahre später bereits 36% bereit, den Pflegeroboter einzusetzen, um selbst bei Pflegebedürftigkeit in den „eigenen vier Wänden“ verbleiben zu können (Hipp et al. 2017). In der just erschienen Umfrage des ZQP befürworten sogar 51% der Befragten den Einsatz eines Pflegeroboters (Lenz 2018).

Die dargelegte Inkonsistenz zwischen der mehrheitlichen Befürwortung von Technik im Pflegekontext bei der Bundesbevölkerung und der diesbezüglichen Skepsis gerade professionell Pflegender gilt es aufzulösen. In der Fachpresse werden insbesondere den Pädagogen im Aus-, Fort- und Weiterbildungsbereich wiederholt nahegelegt, sich mit Pflege 4.0 resp. TAS zu befassen und sie den Lernenden nahe zu bringen (Koubek et al. 2017; Fehling et al. 2017b; BAuA 2015; Evans et al. 2018). Zwar würden neuerdings vereinzelt die Akzeptanz und ethischen Implikationen der TAS in der Pflege thematisiert, eine konkrete Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen derTAS fände jedoch kaum statt. Daher mag es aufschlussreich sein, den Entwicklungs- und Forschungsstand der TAS zumindest im deutschsprachigen Raum zu kennen, um Lernenden die Chance zu offerieren, sich sachkundig und objektiv mit diesen und ähnlichen, künftig im pflegepraktischen Alltag eingesetzten Technologien arrangieren zu können.

Forschungsprojekte des BMBF

Zum Schutz von Geschäftsideen und der Gewährleistung des Daten- und Patentschutzes werden aktuelle, öffentlich geförderte Forschungsprojekte nicht umfassend offengelegt. Es ist evident, dass bei privaten Unternehmen dieser Protektionismus noch extensiver ausfällt. Das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie wirken bei Forschungsprojekten auch im Gesundheitsund Pflegebereich mit. Selbstverständlich werden ähnlich gelagerte Projekte auch durch weitere Fördertöpfe wie SILQUA-FH oder aktuell FH-Sozial supported. Dominiert werden die durch öffentliche Fördergelder unterstützten Forschungsprojekte im Gesundheits- und Pflegebereich jedoch durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). In seinem Forschungsprogramm zur „Mensch-Technik- Interaktion“ wurden in den vergangenen zehn Jahren und werden aktuell 307 multidisziplinäre Forschungsprojekte gefördert (www.technik-zum-menschen-bringen.de/ projekte, Stand 6/2018). Auf Ergebnisse dieses Forschungsprogramms soll im Folgenden näher eingegangen werden, womit auch die Limitation dieser Arbeit bereits angedeutet sei. Forschungspartner, die sich die Forschungsarbeit, -verantwortung und -gelder zu Projekten aus dem Bereich Gesundheit und Pflege teilen, sind Hochschulen (bspw. die TU Berlin), Forschungsinstitute (bspw. das Fraunhofer-Institut), Kliniken (bspw. die Charité), Wohlfahrtsverbände/kirchliche Träger und kleine und mittlere Unternehmen. Als Ansprechpartner für Detailfragen zu diesen Forschungsprojekten führt das BMBF die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des VDI/VDE-IT an.

Abgeschlossene Forschungsprojekte des BMBF „Mensch-Technik-Interaktion“

Durch öffentliche Medien und Gesundheitsmessen wurde das nach mehreren Jahren der subventionierten Forschungsarbeit bereits im Einsatz befindliche SensFloor promotet. Mit im Boden integrierten Sensoren detektiert SensFloor, wo sich ein zu Pflegender befindet und ob die Veränderung der Schrittlänge, der Gehgeschwindigkeit und eines eventuellen „Schlurfens“ auf ein just erhöhtes Sturzrisiko hinweist (Weiß et al. 2013).

Zahlreiche Projekte haben sich um die Vernetzung von Dienstleistungen für zu Pflegende in ländlichen und urbanen Regionen verdient gemacht. Mobile Applikationen, die Senioren navigieren oder bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel begleiten, wurden entwickelt und getestet. Bereits vor zwei Jahren komplettiert und damit keine Zukunftsmusik mehr, ist der in Fachartikeln häufiger thematisierte robotische Reha- Assistent ROREAS. Aktuell begleitet das Unikat, der in der Schlaganfallnachsorge in der Nähe von Eisenach eingesetzt ist und eher einem fahrenden Wasserspender als einem Hollywood-Terminator (so wurden Pflegeroboter im Pflegekontext häufiger besorgt beschrieben (Fehling et al. 2017b)) gleicht, das Lauftraining zu Pflegender.

Nur partiell bekannt dürften hingegen der vom BMBF geförderte und bereits verfügbare, implantierbare Glucosesensor zur Diabetesdiagnostik sowie die implantierbare Infusionspumpe z. B. zur Langzeit-Schmerztherapie sein. Gar futuristisch anmutend, aber tatsächlich bereits als vom BMBF gefördertes Forschungsprojekt komplettiert, seien willkürlich und wertfrei ausgewählte, divergierenden ATL zuordenbare, insbesondere die Langzeitpflege unterstützende Innovationen umrissen:

- „INSYDE“, eine intelligente und adaptive Matratze, die die aktuelle Liegeposition des zu Pflegenden erkennt, entlastende Positionen vorschlägt und selbständig lagern kann;
- „TrinkTracker“ nutzt eine Tasse, die die trinkende Person identifiziert, die Trinkmenge dokumentiert und die optimale Flüssigkeitsmenge errechnet;
- „SensOdor“ analysiert die Geruchsbildung bei Harn- und Stuhlinkontinenz und meldet eventuellen Pflegebedarf diskret;
- Hinter „Bundschuh“ versteckt sich ein Schuh, über den demente zu Pflegende geortet werden können und der sie über integrierte Vibratoren navigiert;
- „CareJack“ bezeichnet eine Weste, die beim Heben oder Lagern eines zu Pflegenden mittels Kraftunterstützung den Oberkörper der Pflegenden stabilisiert.

So skurril die eine oder andere Erfindung beim Lesen anmutet, so erleichternd sind sie bei näherer Betrachtung für alle Beteiligten, wenn diese Technologien mögliche pflegepraktische Passungsprobleme überwinden, über dauerhafte Inanspruchnahme reliabel funktionieren und hinlänglich supportet werden. Weil diese und ähnliche Voraussetzungen nicht immer erfüllt sind, verschwinden nach Ablauf der Projektlaufzeit viele Prototypen der TAS „in der Schublade“ (Endter 2017) und es gelangen bedauerlicherweise nur wenige auf den Markt (Krings et al. 2017).

Laufende Forschungsprojekte des BMBF „Mensch-Technik- Interaktion“

Das BMBF fördert innovative Forschungsprojekte überwiegend über ein bis drei Jahre und subventioniert die Etats der Forschungsvorhaben mehrheitlich zu 60% bis 100%. Im Forschungsprogramm „Mensch-Technik-Interaktion“ des BMBF ist auch die Fahrzeugindustrie ein entscheidender Akteur. Autonome resp. assistierende Mobilität wird etwa bei der Dienstleistung Car-On-Demand letztendlich die Mobilität und die soziale Teilhabe auch zu Pflegender nachhaltig verändern. Die 17 aktuellen Forschungsprojekte technisch unterstützter Mobilität, die mit insgesamt 18,1 Mio. EUR gefördert werden, werden jedoch durch fast 70 Projekte aus dem Gesundheits- und Pflegesektor, die insgesamt mit 148,7 Mio. EUR gefördert werden, in den Schatten gestellt. Dieser Paradigmenwechsel der Förderungsvolumina des Bundesministeriums sowie die Pflegestärkungsgesetze der vergangenen Legislaturperiode zeigen recht deutlich, dass die Bundesregierung die prekäre Situation der Pflegeprofession nicht nur wahr-, sondern auch ernst nimmt und den demografischen Wandel als Innovations- und Investitionsmotor versteht.

Um es bei der Vorstellung konkreter Forschungsprojekte gleich vorwegzunehmen: für den Pflegeroboter fehlt zwar nicht die Lobby, denn er wird gegenwärtig in zwölf Projekten mit insgesamt 25,7 Mio. EUR gefördert. Allerdings attestieren diese Forschungsprojekte eher die umfassende Unvollkommenheit der Mensch-Roboter-Inter- aktion des „Schreckgespenstes Roboter“ (Hielscher 2014). Geforscht wird an der noch insuffizienten sozio-emotionalen Kommunikation, der Erfassung von Gesichtsdynamik/Körperhaltung, der Wahrnehmung der Aufmerksamkeit des zu Pflegenden und an mechanischen Prozessen wie dem Greifen, dem mundgerechten Anreichen von Essen, dem Einkaufen und der Bewegung im komplexen häuslichen Setting. Der durch die Modell- und Forschungsprojekte verifizierte Entwicklungsstand plausibilisiert, dass robotische Systeme gegenwärtig weder marktreif sind (Initiative Neue Qualität der Arbeit 2018), noch einen pflegepraktischen Mehrwert darstellen (Merda et al. 2017), ergo in der kommenden Dekade nicht im pflegerischen Alltag integriert werden.

Zurzeit werden in den Forschungsproj ekten des BMBF mehrere Applikationen und Portale entwickelt, die sich der nachbarschaftlichen und regionalen Interaktion annehmen. Da diese Entwicklungen für andere Zielgruppen bereits kommerziell genutzt werden und die Ausdehnung auf zu Pflegende nicht überraschen dürfte, soll im Folgenden nicht näher darauf eingegangen werden. Selbiges trifft auf die zahlreichen Forschungsprojekte zu Exergaming und Gamification zu. Gamification soll zu Pflegende durch interaktive Erlebniswelten oder Computerspiele über Virtual-Reality- (VR-) Brillen begeistern oder wie im Forschungsprojekt ViRST chronische Schmerzen durch Einsatz von VR-Brillen psychotherapeutisch behandeln. In Exergaming wird die eigene Körperbewegung oder -reaktion via Flatscreen nachgeahmt und in sportliche/spielerische Szenarien eingebunden, um die Rehabilitation resp. Mobilisation zu fördern.

Auch auf die Explikation zweier weiterer Forschungsfelder, die klinische und außerklinische Beatmung sowie die Entwicklung intelligenter Orthesen und Prothesen, die immerhin mit 22,4 Mio. EUR gefördert werden, soll zunächst verzichtet werden.

Das weitaus größere Fördervolumen des BMBF Programms „Mensch-Technik-Inter- aktion“ entfällt auf eher unbekannte Technologieforschungsprojekte, die das Monitoring, die Kommunikation, die Beratung, sowie die Navigation zu Pflegender im Fokus haben.

Projekte zum Monitoring

Fast die Hälfte der aktuell laufenden, pflegespezifischen Förderprojekte des BMBF mit einem Gesamtforschungsetat von 30,7 Mio. EUR erfassen Status und Verlauf mehrerer ATL der zu Pflegenden und bieten diese Informationen Pflegenden, Angehörigen usw. an. Der größte Etat hierin entfällt auf die Bestimmung von Verhaltensänderungen Demenzerkrankter. Paradigmatisch soll hier I-CARE erwähnt werden, in der über eine sensorielle Erfassung der Mimik, der Stimme und der Bewegung der zu Pflegenden Freude, Ärger, Angst usw. abgelesen und der Bedarf an Aktivierung durch Pflegende ermittelt wird. Auch depressive zu Pflegende sollen durch TAS unterstützt werden. MITASSIST misst über ein Gerät am Unterarm das Bewegungsmuster, das Schlafprofil, den Stresslevel und den Stoffwechsel und informiert ggf. über depressionsbedingte Inaktivität.

Überwacht werden in weiteren Forschungsprojekten automatisch Schmerzzustände, Sturzneigung, Dekubitusrisiko, Schlafqualität, Vitalzeichen (aus mehreren Metern Entfernung durch elektromagnetische Hochfrequenzsensorik) und Wunden. Zu Letzterem forschen zwei Teams, die beide über Wundauflagen mit integrierter Sensortechnik den Wundheilungsverlauf ermitteln, ohne dass dazu die Wundauflage entfernt werden muss. Forschungsetat: 2,4 bzw. 2,3 Mio. EUR.

Projekte zur Kommunikation

Die Kommunikation mit zu Pflegenden im Syndrom reaktionsloser Wachheit anzubahnen, wird gegenwärtig in drei Forschungsprojekten mit insgesamt 5,3 Mio. EUR durch das BMBF unterstützt. Eine Forschungsgruppe versucht dies über eine Sensorkappe und der Stimulation der zu Pflegenden über akustische Reize zu erwirken. Eine andere Gruppe setzt den Sensorhandball BIRDY ein, der auch minimalste Fingerbewegungen aufnehmen sowie Impulse zurückgeben kann.

Projekte zur Navigation

Um sich im öffentlichen Raum zurecht zu finden und die Teilhabe am sozialen Leben zu verbessern, unterstützt das BMBF vier Forschungsprojekte, mit denen zu Pflegende ihre Umgebung explorieren können. FANS etwa integriert Sensoren u. a. in einen intelligenten Rollator, um beim Überqueren von Straßen vor dem fließenden Straßenverkehr zu warnen und damit sowohl die Unfallgefahr als auch die Angst davor zu mindern (Forschungsvolumen: 2,5 Mio. EUR). Bei TERRAIN werden Sehbeeinträchtigte über akustische und haptische Hinweise auf Hindernisse, Ampeln, Straßenübergänge und andere Objekte hingewiesen. ASSIST schließlich versucht Sehbeeinträchtigte durch den Einsatz von akustischen und Bluetooth-Empfängern innerhalb unbekannter Gebäude zu navigieren und vor Treppen o. ä. zu warnen.

Projekte zur Beratung

Bedarfsgerecht und in Echtzeit Informationen zu pflegerischen Fragestellungen anzubieten, ist das Ziel von vier laufenden Forschungsprojekten. Zwei davon setzen auf die technische Unterstützung mittels Augmented Reality, also die Ergänzung der realen Umwelt mit computergenerierten Zusatzinformationen durch Einblendungen in einer „intelligenten“ Brille (BMBF 2015). Pflegende oder zu Pflegende könnten so konkrete Objekte mit imaginären Merkzetteln ausstatten oder sich zur Bedienung medizinisch-pflegerischer Geräte Anleitungen einblenden lassen. KOMPASS hingegen entwickelt einen einfühlsamen, virtuellen Assistenten, der kognitiv beeinträchtigte zu Pflegende durch den Alltag begleitet und diesen strukturiert.

Die Variabilität der Praxisnähe und die heterogene Progressivität des subventionierten Forschungsportfolios, die das Erkenntnisinteresse der Entwickler_innen, Forscherinnen und des BMBF offenbart, sollen abschließend die folgenden drei, ebenfalls willkürlich ausgewählten Projekte veranschaulichen.

Diskret und eingängig wird im Projekt SILVERlighting (Forschungsvolumen 1,25 Mio. EUR) eine stationär und ambulant einsetzbare Beleuchtungslösung entwickelt, die den Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützen und zu einer Verstetigung des Tagesablaufes Demenzerkrankter führen sollen. Zunächst amüsant, aber perspektivisch lehrreich mutet PräBea an, ein Händedesinfektionsgerät mit integrierter Qualitätskontrolle und interaktivem Feedback (Forschungsvolumen 2,2 Mio. EUR). Progressiver präsentiert sich INTAKT, die Entwicklung einer neuen Generation von multiplen Implantaten, die aktiv miteinander vernetzt sind, die die Überwachung der Organe in ihrer Gesamtheit ermöglichen und die ansteuerbar sind. Das vom BMBF angegebene Forschungsvolumen von 13,5 Mio. EUR manifestiert, wie ernsthaft das Ziel des aktiven Austausches von Körperimplantaten untereinander verfolgt wird.

Fazit

Die sich naturgemäß aufdrängenden ethischen Implikationen wurden in exzellenten Artikeln von Dr. Heiner Friesacher (Friesacher 2010), Prof. Dr. Manfred Hülsken- Giesler (Hülsken-Giesler 2010) und Thomas Foth / Christine Steiner (Foth et al. 2007) diskutiert und sollen in diesem Beitrag für die vorgestellten Forschungsprojekte nicht durchdekliniert werden. Die neuen Technologien müssen „befähigen und ermöglichen, nicht entmündigen und ersetzen“, so pointiert Dr. Bruno Gransche, Technikphilosoph des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung das ethische Fundament der Forschungsprojekte innerhalb des Forschungsprogramms „Mensch-Technik-Interaktion“ (BMBF 2016).

Die eingangs erwähnte, polarisierende Aversion technischer Assistenzsysteme durch Pflegende brandmarkt die bundesdeutsche Pflegeprofession als Hemmschuh technologischer Innovationen. Ein Stigma, das im Verblassen begriffen ist. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales konnte im Dialogprozess „Wertewelten Arbeiten 4.0“ in 1200 Tiefeninterviews zeigen, dass Pflegende unabhängig von Alter und der Einrichtungsart weitaus neugieriger auf die kommenden Technologien und sie zu akzeptieren bereit waren, als dass sie diesen skeptisch oder ablehnend gegenüberstanden (BMAS 2016). Diese Ergebnisse werden durch das IGES-Institut des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (Braeseke et al. 2017) und die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege (BGW) bestätigt (Merda et al. 2017). Die BGW publizierte, dass eine der vermeintlich professionsimmanenten Sorgen, die neuen Technologien würden den eigenen Arbeitsplatz gefährden, von 73% der Befragten negiert und nur von unter 1% bestätigt wurden. Die Pflegeprofession stellt sich damit weniger technikskeptisch dar, als öffentliche Äußerungen glauben machen wollen. Faktisch sind viele Einrichtungen, insbesondere die der Langzeitpflege, technisch schlechter ausgestattet, als es die Pflegenden privat sind (ebd.). Aussagen wie „wir sind doch Pflegekräfte geworden, weil wir mit Menschen arbeiten wollen und nicht mit technischen Geräten“ (Evans et al. 2018) sind damit sicherlich nicht obsolet, jedoch quantitativ und in ihrer Nachhaltigkeit relativierbar. Die Erwartung der Autoren des Artikels „Technikeinsatz in der Altenpflege“ an die Pflegeprofession, den neuen Technologien „ohne voreingenommene Skepsis oder gutgläubigen Technikoptimismus“ zu begegnen (Hielscher et al. 2015) scheint damit en gros erfüllt.

Auf diesem Fundament können Pflege 4.0/TAS etwa bei Kontroll- und Routinetätigkeiten Pflegende entlasten, ihnen neue Tätigkeitsfelder eröffnen (Merda et al. 2017) und damit eine Aufwertung der Kompetenzprofile der Pflegenden und des Pflegeberufs insgesamt nach sich ziehen. Gemäß der Hans-Böckler-Stiftung kann Pflege 4.0 und damit die Akzeptanz innerhalb der Pflegeprofession und ihren Akteuren flächendeckend gelingen, wenn die TAS einige drängende Probleme des Arbeitsalltags zu lösen vermag, wenn die Entwicklung und Implementierung von TAS durch Pflegende mitgestaltet wird und diese im Hinblick auf TAS qualifiziert werden (Evans et al. 2018). Letzteres gilt insbesondere für Lernende in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, um sie aufTAS und konsekutiv auf ihre Rolle als Change Agents in Pflege 4.0 vorzubereiten.

Literatur

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ZukunftsForum, Informationsbüro (2015): ZukunftsMonitor „Gesundheit neu denken,, - Ergebnisse.
In: BMBF 2015

Prof. Dr. rer. cur. Patrick Fehling
Dozent an der IUBH, Professur für Pflegemanagement
IUBH Internationale Hochschule — IUBH Fernstudium, Kaiserplatz 1,
83435 Bad Reichenhall, P.Fehling@iubh-fernstudium.de