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Pelle bleibt am Ball


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segeln - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 15.06.2022

SEGELN Porträt: Pelle Petterson

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Bildquelle: segeln, Ausgabe 7/2022

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1. Den Volvo P 1800 entwarf Pelle Petterson 1957 als Mitarbeiter des italienischen Autodesigners Pietro Frua. Der Sportwagen wurde eine Ikone der 1960er-Jahre

2. Die Exclusive Competition war eine Variante der Maxi Mixer 35 von 1981. Ein wesentlicher Unterschied zum Urmodell lag in dem flachen Deck ohne Aufbau.

3. Für die schwedische Zweiradmarke Crescent entwarf Pelle Petterson Mopeds.

4. Die Exclusive Competition wurde 4-5 Jahre lang gebaut. Neben dem Deck war auch das Kieldesign anders als bei der Maxi Mixer 35.

5. Die Maxi 77 war Pelle Pettersons meistgebautes Segelboot und legte den Grundstein für seinen Erfolg auf diesem Gebiet. Das Boot gilt heute als GFK-Klassiker.

6. Vor einigen Jahren entwarf der passionierte Golfschläger einen Putter mit austauschbaren Gewichten und Ballaufnahme.

Pelle Petterson ist schwer erreichbar. Den Großteil seiner Zeit verbringt er jetzt ...

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... auf dem Golfplatz. Als wir ihn vor wenigen Jahren zuletzt in seinem Haus in den schwedischen Westschären besucht haben, lagen Schreibtisch und Ablagen noch voll mit Zeichnungen, Plänen, Bleistiften und Kurvenlinealen. Skizzen waren an die Dachbalken gepinnt. Von seinem Fenster aus kann der Schwede das Inselmeer überblicken. Ein Fernglas auf einem Stativ schärfte den Blick auf die Felseninseln.

In Kullavik, etwas südlich von Göteborg, hat Petterson fast sein ganzes Leben verbracht. 1942, da war er zehn Jahre alt, mieteten seine Eltern hier das Haus eines Bauern als Sommerfrische. Noch einen Ort weiter südlich, in Särö, logierte der König, und alle, die es sich leisten konnten und etwas auf sich hielten, zogen mit. Viele der Sommergäste an der Westküste tummelten sich auf Booten, oft auf geklinkerten Doppelendern, den traditionellen Arbeitsbooten der Fischer in der Gegend.

Segeln war zunächst nur ein Hobby

Auf dem Sommergrundstück fand der junge Pelle Petterson eines Tages ein Segelboot, riggte es auf und segelte damit los. Umtriebig und sportlich war er schon immer gewesen. Mit seinem Vater, der als technischer Berater für Volvo arbeitete, hatte er Seifenkisten gebaut. Im Winter trieb die Familie Skisport. Nun segelte er jeden Sommer, und bald fand er zum Stjärnbåt, dem damaligen Jugendboot in Schweden. Der König hatte einen Pokal dafür gestiftet, und Pelle gewann ihn Ende der 1940er viermal hintereinander.

Doch das Segeln war zunächst nur ein Hobby, keine Berufsperspektive. In dieser Hinsicht wollte Petterson in die Fußstapfen seines Vaters Helmer treten und für die Autoindustrie arbeiten. Nach Militärdienst und Ingenieurschule ging der junge Schwede 1955 nach New York ans Pratt Institute, eine der führenden Kunsthochschulen der USA, wo unter anderem auch der Fotograf Robert Mapplethorpe, der Schauspieler Robert Redford und der Regisseur Robert Wilson ausgebildet wurden.

Petterson wollte dort lernen Autos zu entwerfen: „Das war meine Leidenschaft.“ Kurz vor Ende seines Studiums 1957 sollte sein Vater einen neuen Sportwagen für Volvo entwerfen. Pelle arbeitete bei dem italienischen Autobauer Pietro Frua, reichte ein Konzept ein und durfte den Prototypen dort bauen lassen. Der P 1800 wurde ein Riesenerfolg.

Stars wie Schauspieler Roger Moore in der TV-Serie „Simon Templar“ und der Leadsänger der Who Roger Daltrey machten das Auto zu einer der Stilikonen der 1960er Jahre.

„Danach war es einfach für mich, Aufträge zu erhalten“, sagt Pelle Petterson über seinen Start ins Berufsleben. „Industriedesigner war damals kein bekannter Beruf.“ Aber mit dem P 1800 als Referenz konnte der junge Designer auch als kleiner Selbstständiger einiges an Aufträgen an Land ziehen. Zunächst vor allem viele motorgetriebene Geräte: Rasenmäher, Außenborder, Kettensägen, Mopeds.

Petterson war nicht wählerisch: „Ich mag es, Dinge zu zeichnen.“

Zunächst zeichnete er Motorboote

Relativ bald kamen Boote hinzu, zunächst Motorboote. Denn der Außenborderhersteller Crescent wünschte sich neue Rümpfe, die zu seinen Motoren passten. So entstand die Marke Monark, für die Pelle Petterson kleine offene Motorboote zeichnete.

Dabei war ihm die Erfahrung, die er unterdessen mit dem Zeichnen seiner eigenen Segelboote gemacht hatte, eine große Hilfe. Schon 1953 war Pelle Petterson mit einem gebrauchten Boot in die internationale Starboot-Klasse umgestiegen.

Das Starboot ist zwar eine Einheitsklasse, aber damals waren die Toleranzen noch sehr groß. Begabte Designer unter den Seglern konnten sich dadurch ihre eigenen Rümpfe auf dem Leib schneidern. Und so zeichnete sich auch Pelle Petterson seine Starboote selbst. Die Perfektionerung des Starboots ersetzte bei ihm die fehlende formale Ausbildung in Sachen Booten. Die Risse gab Petterson dann befreundeten Bootsbauern, so entstand auch ein Starboot auf der damals neuen Werft von Christoph Rassy.

Über die Jahre wurden die Ergebnisse immer besser. Schließlich konnte Pelle in der internationalen Spitzengruppe mithalten. Damals war das Starboot die Klasse, in der sich die Besten maßen. 1964 startete Petterson für Schweden bei den Olympischen Spielen in Tokio und errang die Bronzemedaille. Ab 1966 reiste er auch zu den Weltmeisterschaften, die zum Teil auf der Kieler Woche ausgetragen wurden. Damit stiegen auch die Kosten.

Als Pelle Petterson 1969 die Maxi 77 auf den Markt brachte, hatte er schon einige Jahre lang mit einem Freund zusammen Zubehör verkauft, um seinen Sport zu finanzieren: Segel, Masten, Spibäume. Das hatte nicht so recht geklappt. „Wir waren am Puls der Zeit und hatten ein Gefühl für den aufstrebenden Sport, wir haben bloß nichts verdient. Unsere Segelfreunde haben versucht, unsere Produkte zu promoten, haben die Teile kostenlos bekommen, aber dann kaum etwas verkauft.“

Das Familienboot Maxi 77

In dieser Situation entstand der Gedanke, ein massentaugliches Segelboot zu entwerfen: die Maxi 77.

Der Name war Programm: Es ging um die bestmögliche Raumausnutzung unter Deck. Die kleine Yacht bot Platz für eine Familie und war leicht zu bauen, die Kosten somit niedrig. Außerdem segelte sie auch noch gut. Pelle Petterson hatte der Spantkurve einen Knick in Höhe der Wasserlinie versehen.

Dadurch verringerte sich schon bei wenig Lage die benetzte Fläche und damit der Widerstand.

Die eigenwillige Ästhetik der Maxi 77 mit dem charakteristischen Backdeck fanden damals nicht alle hübsch. Heute gilt das Boot als GFK-Klassiker.

In jedem Fall hatte Pelle Petterson eine neue und eigene Linie gewählt. Größer hätte der Bruch mit den typisch schwedischen langen schmalen Schärenkreuzern mit wenig Platz unter Deck gar nicht ausfallen können. Aber es passte: Bis 1982 verkaufte Maxi fast 4000 Stück. Pelle Petterson bescheiden: „Wir hatten nur Glück mit dem Timing.“

Schweden und der America‘s Cup

Pelle Petterson war jedoch nicht nur geschäftlich erfolgreich, sondern segelte auch weiterhin ganz vorne mit. 1972 vor Kiel gewann er die Silbermedaille im Starboot. Das Selbstbewusstsein wuchs und Petterson wollte zum America’s Cup. Es gelang ihm tatsächlich, im kleinen Schweden zwei Mal Sponsoren für eine Kampagne zu gewinnen und 1977 und 1980 in den Ausscheidungsregatten mitzumischen – allerdings ohne sich jemals durchzusetzen.

Göran Rutgerson, Gründer eines der führenden Unternehmen für Segel- und Decksbeschläge, war damals dabei und erinnert sich in seiner Firmengeschichte an 1977: „Das Boot war mit seinen pedalbetriebenen Coffeegrinder-Winschen und der Pinnensteuerung in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Damals waren wir alle jung und ehrgeizig, hatten aber im Vergleich zu vielen anderen Teilnehmern noch nicht viel Erfahrung. In Anbetracht dessen schlugen wir uns bei den Challenger Trials gut und besiegten „Gretel II“ und „France“, verloren aber schließlich im Finale gegen „Australien“ mit nur wenigen Metern nach einer extrem intensiven Regatta.

1980 stellten wir uns erneut der Herausforderung, mit einer erfahreneren Mannschaft und einem umgebauten Boot. Leider schafften wir es auch dieses Mal nicht. Aber wir hatten auf jeden Fall eine Menge Spaß.“

In den goldenen 1970er-Jahren ging Pettersons Rechnung noch auf: Die Marke Maxi finanzierte seinen Segelsport. Der erfolgreichen Maxi 77 folgte 1974 die Maxi 95. Zeitweise verkaufte Maxi 800-900 Boote im Jahr. Doch schon in den 1980ern begann langsam, aber sicher der Niedergang des schwedischen Bootsbaus. In größeren Nationen wie Frankreich oder Deutschland hatte man zunächst noch über die Stückzahlen gestaunt, die in Schweden abgesetzt wurden. Schon bald begannen deutsche und französische Werften jedoch, den schwedischen den Rang abzulaufen.

Pelle Petterson sah die Lösung darin, das Maxi-Image etwas aufzumotzen. Waren die Maxi 77 und 95 noch eindeutig auf den inzwischen schon gesättigten Massenmarkt gerichtet, wollte er nun mit höheren Standards auf ein etwas besser situiertes Publikum setzen.

Mit höheren Preisen ließe sich auch bei niedrigeren Stückzahlen noch genug Geld verdienen, so die Überlegung. Dafür sollten die Eigner einen höherwertigen Ausbau und eine bessere Ausrüstung bekommen.

Ein Beispiel dafür ist die Maxi Mixer 35, die 1981 auf den Markt kam. Die Maxi Mixer 35 zeichnete sich durch eine moderate Verdrängung und gute Segeleigenschaften aus. Das machte das Modell bei Fahrtenseglern und Regattaseglern gleichermaßen beliebt.

Auf den Regattamarkt zielte auch eine Sonderversion namens Exclusive Competition, die sich durch ein flaches Deck ohne Aufbau und einen anderen Kiel vom Ur-Modell unterschied. Mit der Maxi Mixer 35 erreichte Maxi Yachts eine Stückzahl von 200. Im gleichen Jahr kam die Maxi Fenix.

Maxi wechselt den Besitzer

Es folgte einige Jahre später die Maxi Magic. Es gelang Petterson, die Marke zu erneuern. Die alte Größe erreichte Maxi jedoch nicht wieder. In den 90ern und 2000ern wechselte die Marke oft den Besitzer, innerhalb Schwedens von einer Werft zur anderen. 2013 gehörte sie zusammen mit Najad der Oruster Motorbootwerft Nord-West, als diese Pleite ging.

Pelle Petterson wollte das als Signal nehmen, sich von Maxi in den wohl verdienten Ruhestand zu verabschieden.

Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht – in diesem Fall ohne die neuen Besitzer Delphia Yachts aus Polen. Delphia hatte gezielt eine Marke für qualitätsbewusste Kunden erworben, die skandinavischen Bootsbau schätzen.

Mit der Maxi 1300 hatten sie eine Yacht als jüngstes Modell im Portfolio, die schon 2006 vorgestellt worden war. Als neue Eigentümer der beliebten Marke wollten sie unbedingt mit einem neuen Modell auf den Markt – und das sollte ein Petterson-Design werden.

So ließ sich Pelle Petterson überzeugen, eine weitere Maxi zu zeichnen: die Maxi 1200. Das Modell wurde 2015 vorgestellt. Auf den ersten Blick steckte in den neuen Maxis nicht mehr viel alte Maxi-DNA. Dafür steckte eine Menge Pelle Petterson darin: „Ich habe bei allen Booten immer zuerst an meine Bedürfnisse gedacht. In jungen Jahren bin ich Starboot gesegelt, als Vater brauchte ich Platz für meine Familie und jetzt möchte ich ein Boot, mit dem ich im Alter alleine unterwegs sein kann.“

Boote bauen für sich selbst

Besonders deutlich wurde das im Cockpit der Maxi 1200, das konsequent aufs Einhandsegeln ausgerichtet war. Kernstück waren die elektrischen Schotwinschen und ihre Positionen. Die beiden Genuawinschen befanden sich auf Podesten direkt vor den Steuerrädern, so dass sie im Sitzen und Stehen bequem erreichbar waren. Die Großschotwinsch saß auf einem Podest in der Mitte des Cockpits, das achtern an den Tisch anschloss – ebenfalls gut erreichbar.

Alle drei Winschen waren serienmäßig Revo-Winschen, d.h. sie holten und fierten per Elektromotor.

Auch die Ruderanlage selbst war ergonomisch gut gelöst. Mit einem doppelten Steuerrad ermöglichte sie dem Rudergänger auf beiden Seiten einen bequemen Sitz in Luv wie auch in Lee und war im Stehen ebenso gut zu bedienen wie im Sitzen. Die Sitzbänke selbst waren längsschiffs ausgerichtet, so dass der Rudergänger sich immer ein bisschen wie auf einer Jolle fühlen konnte.

Segeln im Alter

Neben dem Anliegen der unbedingten Einhandtauglichkeit stand Pettersons Wunsch nach einem aufgeräumten Cockpit; ohne Wuhlinggefahr und Stolperfallen. Diese Linie setzte sich auch an Deck der Maxi 1200 fort. Luken und Fenster waren bündig eingebaut, Durchstiege mit Pelikanhaken machten Kletterpartien über den Seezaun überflüssig. Alles in allem also eine Yacht, die es ermöglichte, trotz nachlassender Kräfte weiterhin segeln zu gehen.

Doch inzwischen ist die Firma Delphia, für die Petterson die Maxi 1200 entwickelte, selbst Geschichte. 2018 kaufte die französische Beneteau-Gruppe Standorte und Rechte. Beneteau verwandelte Delphia in eine reine Motorbootmarke mit Schwerpunkt auf Binnenrevieren und Elektromotoren. Die Rechte an der Marke Maxi verblieben bei Familie Kot. Vielleicht erlebt sie irgendwann einen dritten Frühling.

Pelle Petterson allerdings hat damit abgeschlossen. Er genießt jetzt seinen Ruhestand auf dem Golfplatz.

Jan Maas