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Pellworm und Spiekeroog


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Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 12.11.2021

BEOBACHTUNGEN

Gute Aussichten

Trotz einzelner künstlicher Lichtquellen ermöglicht das Wattenmeer mit seiner einmaligen Natur noch das Erlebnis einer dunklen Nacht. Der Leuchtturm der Insel Pellworm beeinträchtigt die Sichtbarkeit des Sternenhimmels nur in unmittelbarer Nähe.

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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 12/2021

Gemäß der aktuellen Studie eines Forschungsteams der University of Exeter hat die weltweite Lichtverschmutzung – also die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Beleuchtungen – in den zurückliegenden 25 Jahren um 49 Prozent zugenommen. Wird dieser Entwicklung kein Einhalt geboten, dann dürfte es zukünftig kaum noch möglich sein, ungetrübt auf den Sternenhimmel zu blicken oder die natürliche Dunkelheit der Nacht zu erfahren. Und derlei Einschränkungen betreffen nicht nur das unmittelbare Naturerlebnis, sondern auch den Tag- Nacht-Rhythmus von Menschen, Tieren und Pflanzen. Umso bedeutender ist das sehr große Interesse an ...

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... offiziell anerkannten Sternenparks in Deutschland – obwohl die für die Zertifizierung geschützter Gebiete zu erfüllenden Kriterien von der zuständigen International Dark Sky Association (IDA) inzwischen verschärft wurden.

Eine unserer dunkelsten Regionen, das Wattenmeer, erstreckt sich über 450 Kilometer entlang der Nordseeküste, von den Niederlanden über Deutschland bis nach Dänemark, und ist damit das größte derartige Gebiet der Erde. Es wird durch den dauernden Einfluss der Gezeiten geprägt und steht als Weltnaturerbe der UNESCO unter Schutz: in Deutschland als niedersächsischer, hamburgischer und schleswig-holsteinischer Nationalpark. Bis auf die Häfen ist die Nutzung des Bereichs primär durch Fischfang und Tourismus geprägt; der Einfluss der künstlichen Beleuchtung ist daher oft gering (siehe »Licht und Dunkelheit über der Nordsee«).

Besonders für die Niederlande ist das Wattenmeer die dunkelste Region im Land; deshalb wurden dort bereits im Jahr 2015 das Naturreservat De Boschplaat auf der Insel Terschelling und 2016 der Nationalpark um das Lauwersmeer von der IDA als Sternenparks anerkannt. In beiden Schutzgebieten gibt es nur wenige künstliche Lichtquellen. Einige umliegende Kommunen und eine Kaserne haben ihre Lichtemissionen reduziert. Darauf aufbauend wurde im Rahmen der alle fünf Jahre stattfindenden Regierungskonferenz der Umweltminister der Anrainerstaaten im Jahr 2018 die Reduzierung der Lichtemissionen im UNESCO-Welterbe Wattenmeer gefordert (Leeuwarden Declaration). Auch in Deutschland sollen nun zwei Inseln den dunklen Himmel durch entsprechende Beleuchtung schützen und damit Best-Practice-Beispiele zur Reduzierung der Lichtverschmutzung geben.

www.sterne-und-weltraum.de

Licht und Dunkelheit über der Nordsee

Unter www.lightpollutionmap.info lassen sich Karten der Lichtverschmutzung für beliebige Regionen erzeugen. Das dargestellte Beispiel zeigt die Himmelsaufhellung im Wattenmeer auf der Grundlage von Satellitendaten aus dem Jahr 2015. Die Orte stärkster Lichtverschmutzung sind rot, violett und weiß dargestellt.

Erkundungstour auf Pellworm

Schon im Jahr 2015 interessierte sich der damalige Kurdirektor der nordfriesischen Insel Pellworm für die Möglichkeiten einer Anerkennung der Insel als Sternenpark. Die Insel ist etwa 6 7 Kilometer groß. Da sie einen Meter unter dem Meeresspiegel liegt, ist sie vollständig von einem acht Meter hohen Schutzdeich umgeben. Im Unterschied zu anderen Inseln bietet Pellworm weder Dünen noch Sandstrände, weswegen es hier kaum den typischen Sommerbadeurlaub gibt. Von der Halbinsel Nordstrand aus verbindet eine Autofähre die Insel vier bis sechs Mal täglich durch eine rund 40 Minuten dauern de Überfahrt mit dem Festland. Durch einen Tiefwasseranleger, der über einen zwei Kilometer langen Deich erreichbar ist, bleibt die Fähre gezeitenunabhängig. Die Insel selbst ist durch Landwirtschaft geprägt: Überall gibt es Gehöfte, die oft auch mit Lichtemissionen verbunden sind. Auf der Insel leben rund 1160 Personen, die im Jahr 2019 von 23 390 Gästen besucht wurden. Dafür stehen etwa 2000 Gästebetten bei überwiegend kleineren Anbietern zur Verfügung, zudem gibt es eine größere Ferienhausanlage und zwei Hotels.

Ein kleines, handliches Gerät, das Sky Quality Meter (SQM-L) ermöglicht auf einfache Weise Messungen der nächt lichen Himmelshelligkeit (siehe »Die Dunkelheit der Nacht: Messungen der Himmelshelligkeit«, S. 82). Die ersten auf Pellworm durchgeführten Messungen ergaben eine nahezu natürliche Himmelshelligkeit von etwa 21,75 Magnituden pro Quadratbogensekunde (mag/arcsec 2 ). Auf dem Autodach angebracht, lassen sich mit dem SQM-L entlang von Straßen und auf Plätzen umfassende Messprogramme realisieren. Auf der gesamten Insel wurden in dieser »Roadrunner-Konfiguration« einige hundert Messungen durchgeführt. Überall bestätigten die Daten die ersten Eindrücke – lediglich in der Siedlung Tammensiel im Ostteil der Insel war der Himmel heller; jedoch wird dort die öffentliche Beleuchtung um 22 Uhr vollständig abgeschaltet.

Der im Süden Pellworms stehende Leuchtturm beeinflusst nächtliche Beobachtungen nur in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, da sein Licht stark gebündelt abgestrahlt wird (siehe »Gute Aussichten«, S. 78). Jedoch sieht man ferne Leuchttürme als blendende Lichtquellen, im Süden etwa den Leuchtturm Westerheversand in 13 Kilometer Entfernung, oder im Nordwesten den Leuchtturm auf der Insel Amrum. Ansonsten fällt hier nur die Lichtglocke über der Stadt Husum auf, die mit rund 23 000 Einwohnern 25 Kilometer östlich liegt.

Der Südwesten Pellworms am Angelteich ist das Gebiet, das am wenigsten durch künstliche lokale Lichtquellen beeinträchtigt wird. Ein helles Polarlicht in der Nacht vom 16. auf den 17. April 2015 fiel zunächst über den Leuchten des alten Hafens nicht auf (siehe »Verblassendes Naturschauspiel«). Es verriet sich jedoch auf Fotos und war später vom westlichen Deich aus visuell gut sichtbar.

Verblassendes Naturschauspiel

Das Polarlicht vom 16. April 2015 war über den hellen Leuchten des alten Hafens auf Pellworm kaum zu erkennen.

Faszinierendes Tierkreislicht

Das Zodiakallicht leuchtet hier über dem Wattenmeer westlich der Insel Pellworm. Der Wüstenplanet Mars, der kürzlich als eine Quelle der Staubpartikel des Zodiakallichts identifiziert wurde, stand am 15. März 2021 im »Goldenen Tor der Ekliptik«, das von den offenen Sternhaufen der Plejaden und Hyaden gebildet wird. Darüber spannt sich die Milchstraße.

Zunächst wurde das Projekt Sternenpark nicht weiterverfolgt, doch im Hinblick darauf, dass sich die Insel Pellworm als Entwicklungszone im UNESCO-Biosphärenreservat Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer bewerben wollte, wurde die Idee des Sternenparks einige Jahre später wieder als Projekt aufgenommen. Dies bot den Anlass zu weiteren Messungen der Himmelshelligkeit während der Neumondphasen im Mai 2020 und März 2021.

Sie ergaben sogar besonders geringe Werte um 22 mag/ arcsec 2 , was vermutlich auf die niedrige Sonnenaktivität während des Minimums zurückzuführen ist. Der Zusammenhang eines helleren Himmels bei höherer Sonnenaktivität ist schon länger bekannt, da zu diesen Zeiten die Hochatmosphäre von elektrisch geladenen Partikeln des Sonnenwinds stärker angeregt wird und damit nachts heller leuchtet.

Von der Westküste Pellworms lässt sich im Frühjahr am Abendhimmel das Zodiakallicht beobachten wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland (siehe »Faszinierendes Tierkreislicht«). Dieser pyramidenförmige Schein ist nach Ende der Abenddämmerung am west lichen Horizont zu sehen und wird durch den von der Sonne angestrahlten Staub in unserem Planetensystem verursacht (siehe SuW 10/2021, S. 68). Das Tierkreislicht ist von Pellworm aus so eindrucksvoll sichtbar, weil westlich, in der Nordsee, nur Schutzgebiete liegen und damit störende Lichtquellen, beispielsweise durch vorbeifahrende hell erleuchtete Schiffe, fehlen. Trotzdem sind der Lichtschein des Leuchtturms von Helgoland und die roten Warnblinklichter von Windparks in 50 bis 60 Kilometer Entfernung noch zu erkennen. Später in der Nacht ist dann der Gegenschein zu sehen und kann auch foto grafisch erfasst werden: derjenige Teil des Zodiakallichtbands, welcher der Sonne am Himmel genau gegenüberliegt. Zudem sind dank des dunklen Himmels sogar Uranus und der Kleinplanet Vesta zur Zeit seiner Opposition mit bloßem Auge zu sehen.

Auf der nördlichen geografischen Breite von 54,5 Grad beeinträchtigt allerdings die Mitternachtsdämmerung zwischen Anfang Mai und Anfang August die Dunkelheit, da hier die astronomische Däm-merung nicht endet. Als Reiseziel für Astrotouristen eignet sich die Insel daher eher außerhalb dieser Zeit, die ja zugleich zur Hochsaison gehört.

Pellworm: Sternenfreundliche Beleuchtung

Auf Grund der Struktur von Pellworm lag es nahe, dass sich die Insel bei der IDA als International Dark-Sky Community bewirbt. Eine der wichtigsten Bedingungen, die bei der Antragstellung erfüllt werden müssen, ist das Etablieren einer Richt linie der Kommune, die regelt, auf welche Weise die Beleuchtung den Anforderungen der IDA genügt. Leuchten im öffentlichen Raum mit einem Lichtstrom von mehr als 1000 Lumen müssen demnach voll abgeschirmt sein und dürfen kein Licht oberhalb der Horizontalen abstrahlen. Zudem soll der Lichtstrom nicht zu hoch sein, und das Licht muss eine warmweiße Farbtemperatur von 3000 Kelvin oder weniger aufweisen. Lichtstrom und Farbtemperatur müssen inzwischen laut einer EU-Verordnung auf der Verpackung der Leuchtmittel angegeben werden.

Ein Inventar der auf der Insel installierten Leuchten ergab, dass 92 von ihnen so genannte Kofferleuchten waren, die etwa drei Prozent des Lichts oberhalb der Horizontalen abstrahlen und somit ausgetauscht werden mussten (siehe »Einfach und wirkungsvoll«). Einige dieser Leuchten enthielten gelbe Natriumdampflampen; in vielen waren noch alte Quecksilberdampflampen installiert, die wegen ihres Quecksilbergehalts und ihrer geringen Effizienz nicht mehr verkauft werden dürfen, so dass in diesen Fällen ohnehin ein Umtausch notwendig gewesen wäre.

Weitere 69 Leuchten waren Glockenleuchten, die gut abgeschirmt sind und bei denen es ausreichte, lediglich das Leuchtmittel auszutauschen. Nach einer Bemusterung verschiedener Ersatzmodelle im Mai 2020 wurde schließlich entschieden, die Leuchtmittel der Glockenleuchten durch warmweiße LED-Retrofitlampen mit einer Farbtemperatur von 2200 Kelvin und einem niedrigen Lichtstrom von 1200 Lumen auszutauschen. Mit Hilfe von europäischen Fördermitteln konnten zudem 66 der Kofferleuchten durch moderne, voll abgeschirmte Leuchtenköpfe mit einer Farbtemperatur von 2200 Kelvin und einem Lichtstrom von 1000 Lumen beziehungsweise im alten Hafen der Insel von 5000 Lumen umgerüstet werden. Mit einigen anderen Leuchten konnte so die Vorgabe der IDA erfüllt werden, dass mindestens 67 Prozent der Leuchten den Anforderungen der Organisation entsprechen müssen.

Eine vollständige Umrüstung aller restlichen Leuchten muss innerhalb von fünf Jahren erfolgen; Neuinstallationen müssen ohnehin gemäß den Vorgaben der Lichtrichtlinie erfolgen. Zudem wird die Abschaltung zwischen 22 und 5 Uhr beibehalten. Des Weiteren muss die dominante nächtliche Beleuchtung der Insel – diejenige des Tiefwasseranlegers – in wenigen Jahren ohnehin vollständig saniert werden. Hierbei wird auch diese Beleuchtung sternenparkfreund lich umgerüstet.

Spiekeroog: Rekordverdächtige Dunkelheit

Während meiner Dienstzeit als Leiter des Osnabrücker Planetariums fragten mich Besucher häufig, warum es an der ostfriesischen Nordseeküste oder auf den Inseln noch keinen Sternenpark gebe, obwohl dort ein eindrucksvoller Sternenhimmel zu beobachten sei. Erst als die niedersächsische Nationalparkverwaltung eine Umsetzung der in der Leeuwarden Declaration geforderten Reduzierung der Lichtemissionen anstrebte, kam die Idee auf, für eine der ostfriesischen Inseln den Status eines Sternenparks bei der IDA zu beantragen. Ziel sollte es dabei sein, die Insel als Musterbeispiel für eine nachhaltige Beleuchtung zu präsentieren, die den Gemeinden der Nachbarinseln sowie an der Küste – oder auch den zahlreichen Sommerurlaubern – Anregungen zur Nachahmung gibt. Nach dem Studium der Lichtverschmutzungskarten auf der Website http://lightpollutionmap.info und gemäß dem Selbstverständnis der Inselkommunen fiel die Wahl auf Spiekeroog, wo sich gerade eine Nachhaltigkeitsinitiative gebildet hatte.

Die Insel erstreckt sich in sieben Kilometer Entfernung vor der ostfriesischen Küste. Sie ist zehn Kilometer lang und maximal zwei Kilometer breit. Der größte Teil ihrer Fläche ist ein Schutzgebiet des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, während die bewohnte Ortschaft weniger als zehn Prozent einnimmt. Dort leben 800 Einwohner, hinzu kommen jährlich rund 96 000 Übernachtungsgäste.

Einfach und wirkungsvoll

Die auf Pellworm installierten kompakten Kofferleuchten (links) wurden durch neue, voll abgeschirmte Leuchtenköpfe mit 2200-Kelvin-LEDs (Mitte) e rsetzt, während in den Glockenleuchten (rechts) nur das Leuchtmittel ausgetauscht wurde.

Himmlische und irdische Lichter

Der nördliche Horizont Spiekeroogs bleibt im Hochsommer durch die Mitternachtsdämmerung aufgehellt. Lichtemissionen (in der Mitte und rechts) verraten die Positionen, an denen Schiffe vor der Küste parken. Unterhalb der Sternfigur des Großen Wagens leuchtete am 21. Juli 2020 der Komet C/2020 F3 (NEOWISE).

Eini ge Häuser und Kurheime liegen über die Insel verstreut. In ihrer Mitte befindet sich ein Internat mit Geschichte: die Hermann-Lietz-Schule, an der 1930 der Raketenpionier Wernher von Braun sein Abitur machte. Als Schüler baute er dort eine Sternwarte auf, die mit einem 95-Millimeter-Refraktor ausgerüstet war, und schwärmte in einer Ver öffentlichung vom Sternenhimmel vor Ort.

Die Fährverbindung mit dem Festland ist gezeitenabhängig. Drei Fähren bieten täglich bis zu fünf Überfahrten in jeder Richtung. Auf der Insel gibt es keinen Autoverkehr, und selbst Fahrräder sind wegen der schmalen Wege nur geduldet. Im Westen und Norden ist die Ortschaft durch einen hohen natürlichen Dünengürtel gegen die Kräfte des Meeres geschützt, im Süden und Osten durch einen Deich. Einige Dünen sind so hoch, dass sie als Aussichtsplattformen genutzt werden, und in Dünentälern kann der Sternenhimmel unbeeinträchtigt von direkten künstlichen Lichtquellen beobachtet werden.

Nach einem Vortrag über neue Sternenparkprojekte, den ich im Osnabrücker Naturkundemuseum hielt, sprach mich ein Ehepaar an, das Ferienunterkünfte auf Spiekeroog vermietet und diese für das Projekt anbot. So konnte ich am 1. April 2019 erste Beobachtungen auf der Insel durchführen. Nach dem Ende der Dämmerung war das Zodiakallicht bereits deutlich am west lichen Himmel zu sehen, doch später, insbesondere nach Abschalten der öffentlichen Beleuchtung um 00:30 Uhr, war die Himmelshelligkeit geringer als von mir jemals zuvor registriert – obwohl ich bereits auf Hunderte von Messungen, teils in sehr entlegenen Gegenden, zurückblicken kann: 22,1 mag/arcsec 2 .

Diese ungewöhnlich niedrigen Helligkeitswerte konnte ich im März 2021 wiederum messen, und sie sind, ebenso wie auf Pellworm, auf die geringe Sonnenaktivität zurückzuführen. Wegen der nördlichen Lage kann auch auf Spiekeroog in den Sommermonaten die Dunkelheit nicht erlebt werden, da der nördliche Himmel durch die Mitternachtsdämmerung aufgehellt bleibt (siehe »Himmlische und irdi sche Lichter«).

Wissenschaft auf Rädern

Bei den über die Inseln verteilten Messungen nutzte ich ein Fahrrad, um die Instrumente zu transportieren. Himmelsaufnahmen mit einem Fisheye-Objektiv zeigen, dass in südöstlicher Richtung der Himmel vor allem durch Wilhelmshaven und die nördlich davon liegende Industrie am JadeWeserPort aufgehellt wird. Schwächer sind die Lichtglocken der Städte Aurich, Wittmund und Emden in südwestlicher Richtung. Wie auf Spiekeroog, schalten einige Orte an der Küste nachts ihre Beleuchtung ab; dann fallen vor allem die roten Blinklichter der Windkraftanlagen auf.

Spiekeroog hat keinen eigenen Leuchtturm, jedoch ist derjenige der östlich gelegenen Nachbarinsel Wangerooge zu sehen, ebenso wie der rund 50 Kilometer entfernte Leuchtturm von Helgoland. Der nördliche Himmel weist zwar keine dominanten Lichtglocken auf, aber überall sind die hellen Lichter der Schiffe sichtbar, da die stark befahrenen Routen nach Bremen und Bremerhaven sowie nach Hamburg hier entlang führen. Auffällig ist eine Häufung von Lichtquellen nordöstlich von Spiekeroog, wo Schiffe vor ihrer Weiterfahrt auf der Reede warten.

Zwei Monate nach den ersten Beobachtungen wurden dem Bürgermeister der Inselgemeinde, Matthias Piszczan, und dem Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Peter Südbeck, die Messungen präsentiert und die Möglichkeiten einer Anerkennung als Sternenpark bei der IDA vorgeschlagen. Es wurde beschlossen, gemeinsam einen Antrag für die IDA vorzubereiten. Hierbei stellte sich die Frage, ob die Antragstellung als International Dark Sky Park für die Nationalparkfläche und als International Dark Sky Community für die Gemeinde erfolgen soll. Da aber die Lichtquellen, deren Einfluss beschränkt werden soll, überwiegend innerhalb der Gemeinde liegen, wurde beschlossen, den Antrag als Dark Sky Community für die gesamte Insel zu stellen. Finanziell unterstützt wurde die Antragstellung durch das deutsch-niederländische Projekt »Wattenagenda 2.0«, das im Rahmen eines europäischen Programms gefördert wird.

Einheitliches Beleuchtungskonzept

Entsprechend der Nutzung überwiegend durch Fußgänger sind die Wege auf Spiekeroog nicht sehr hell beleuchtet, und die Leuchten stehen teilweise sehr weit auseinander, so dass sie eher zur Orientierung dienen. Beim ersten Besuch konnten die Beleuchtungsstärken der alten Leuchtmittel, die noch aus Quecksilberdampflampen, Kompaktleuchtstofflampen, einer Induktionslampe und vereinzelt aus LED-Retrofitlampen bestanden, gemessen werden. Sie lagen bei Werten von 10 bis 20 Lux.

Mit Fördermitteln waren für 68 Leuchten im Ort bereits LED-Umrüstmodule bestellt worden, die im Lauf des Jahres 2019 eingebaut wurden. Nach dem Einbau zeigte sich, dass sie eine Farbtemperatur von 3000 Kelvin aufwiesen und damit den Anforderungen der IDA entsprachen. Zudem waren sie im Dach der Laternen verbaut. Allerdings strahlten sie teilweise seitlich ab; viel Licht wird im Laternenglas reflektiert und gestreut, weshalb sie nach den IDA-Kriterien nicht als voll abgeschirmt gelten konnten. Ihr hoher Lichtstrom von 3300 Lumen erzeugte eine Beleuchtungsstärke von 40 bis 60 Lux, dreimal so viel wie vorher. Zudem wurde ihr Licht als sehr blendend empfunden, weshalb versucht werden sollte, den Lichtstrom zu verringern.

Glücklicherweise waren die Vorschaltgeräte programmierbar, so dass der Lichtstrom auf 30 Prozent reduziert werden konnte (siehe »Moderne Methoden«). Damit lagen sie knapp unter der Grenze von 1000 Lumen für nicht voll abgeschirmte Leuchten und erfüllen somit die IDA-Kriterien. Die resultierende Beleuchtungsstärke war sogar geringfügig höher als die alte, doch die Stromkosten wurden erheblich reduziert. Zugleich haben die LEDs eine wesentlich längere Lebensdauer, wenn sie mit weniger Strom betrieben werden. Leuchten an der Strandpromenade und längs der Zugangswege liegen im Nationalpark und wurden daher auf voll abgeschirmte Leuchten mit einer Farbtemperatur von 2200 Kelvin umgerüstet, um den Einfluss auf die Schutzgebiete möglichst gering zu halten.

Die hellste Lichtquelle Spiekeroogs bleibt während der ganzen Nacht der Hafen, der beleuchtet ist, obwohl dann keine Fähre unterwegs ist. Teilweise sind die Leuchten sehr alt und schlecht abgeschirmt; einige 4000-Kelvin-LEDs wurden nachträglich installiert. Gemeinsam mit einem Hersteller wurde ein Beleuchtungskonzept erarbeitet, das während der Nacht eine Reduzierung der Helligkeit und eine Änderung der Lichtfarbe vorsieht. Es soll realisiert werden, sobald die dafür nötigen Finanzmittel zur Verfügung stehen. Die Beleuchtung des Spiekerooger Hafens ist kein Einzelfall: Viele Fährhäfen der ostfriesischen Küste und Inseln sind nachts hell beleuchtet, obwohl kein Fährverkehr herrscht, und nur wenige Häfen reduzieren das Licht oder schalten es gar vollständig aus.

Da die Häfen Eigentum der landeseigenen Gesellschaft NiedersachsenPorts sind, wurde vorgeschlagen, ein einheitliches Beleuchtungskonzept zu erarbeiten und umzusetzen. Die Nichtnutzung während der Nacht soll durch eine stark verminderte Sicherheitsbeleuchtung berücksichtigt werden – in der Hoffnung, dass die Hafenbeleuchtung von Spiekeroog als Musterbeispiel gelten könnte.

Hier und auf Pellworm soll die nichtöffentliche Beleuchtung durch Informationsmaterial, -veranstaltungen und Beratungen verringert werden. Einige vorbildhafte Umrüstungen können die Bevölkerung zur Installation weiterer sternenparkfreundlicher Beleuchtung anregen. Ziel soll es dabei sein, einen möglichst geringen Lichtstrom einzusetzen, das Licht nur auf das zu beleuchtende Objekt zu richten, Licht nur einzuschalten, wenn es wirklich benötigt wird, und warmweiße Lichtfarben mit geringer Farbtemperatur einzusetzen.

Moderne Methoden

In den Laternen auf Spiekeroog wurden LED-Leuchtriegel montiert, deren Helligkeit vom Bürgermeister Matthias Piszczan durch Umprogrammierung des Netzgeräts an jedem einzelnen Standort reduziert wurde.

PR ist unverzichtbar

Allerdings genügt es nicht, Anforderungen zu formulieren: Begleitend muss auch Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Leider erwies sich hierbei Corona in den Jahren 2020/2021 als stark beschränkendes Element. Immerhin fanden noch vor Ausbruch der Pandemie auf beiden Inseln Auftaktvorträge in Kinos statt, die Bewohnern und Gästen das Thema »Lichtverschmutzung und ihre Vermeidung« in den Sternenparks nahebrachten.

Des Weiteren sollten interessierte lokale Touristenführer auch als Sternenführer ausgebildet werden. Entsprechende Veranstaltungen wurden auf beiden Inseln mehrfach angesetzt; sie mussten jedoch wegen der sich laufend ändernden Corona- Bestimmungen abgesagt werden. Letztlich vermittelten dann Online-Kurse einführende Grundlagen. Diese können aber keineswegs eine Präsenzveranstaltung unter einem natürlichen Himmel ersetzen. Auch Arbeitsgruppen auf beiden Inseln, welche die Antragstellung unterstützen sollten, konnten sich meist nicht persönlich treffen, sondern mussten stattdessen Videokonferenzen abhalten.

Belege für einen dunklen Himmel

Am Ort der Aussichtsdüne Utkieker auf Spiekeroog ist das Zodiakalband deutlich sichtbar. Das kontrastverstärkte Bild vom 6. März 2021 (oben) lässt rechts neben der Skulptur den Gegenschein erkennen.

Am oberen Bildrand erstreckt sich die Milchstraße entlang des nördlichen Horizonts. Eine Auswertung dieser Aufnahme mit der Software »Sky Quality Camera« zeigt links die Verteilung der Himmelshelligkeit. Im Zenit ist sie geringer als 22 mag/arcsec 2 . Dies ist einer der niedrigsten Werte, die bislang vom Autor gemessen wurden. Rechts ist die Verteilung der Farb tem peratur über den Himmel dargestellt. Für einen natürlich dunklen Himmel liegt sie bei rund 4800 Kelvin.

In Zusammenarbeit mit der niedersächsischen Nationalparkverwaltung und dem Nationalparkhaus Wittbülten wurden auf Spiekeroog drei Beobachtungsplätze ausgewählt: Ein »Lichtort« auf der Aussichtsdüne Utkieker, von wo sich die Lichtquellen vom Festland, dem Hafen, dem Inselort, den Nachbarinseln und auf dem Meer gut verfolgen lassen. Nicht weit davon entfernt befindet sich in einem Dünental ein »Dunkelort«, von dem aus keine künstliche Lichtquelle unmittelbar zu sehen ist. Und nochmals wenige hundert Meter weiter gibt es einen »Sternkieker- Ort«, der eine freie Sicht, vor allem in südliche Richtung, bietet und nur geringfügig von künstlichen Lichtquellen beeinträchtigt ist. Hier wurde eine Holzplattform errichtet, mit zwei Wellenliegen, die zum Beobachten des Himmels einladen (siehe »Natürliches Planetarium«). Die hohen Geländer der Plattform eignen sich zum Aufstützen der Arme während der Himmelsbeobachtung mit Ferngläsern. Auf Pellworm wurden zwei Orte für Beobachtungen ausgewählt; die Ausstattung mit Liegen und Informationstafeln ist ebenfalls vorgesehen.

Für beide Inseln wurde bei der IDA eine Anerkennung nach den Kriterien der International Dark Sky Community bean-tragt. Wie auch andere anerkannte Inseln, beispielsweise die Kanalinsel Sark und die Hebrideninsel Coll, tragen sie im Deutschen die Bezeichnung »Sternen insel«. Die Planungen der Inseln stießen bereits im Vorfeld auf ein breites Medieninteresse; weitere Informationen bieten die Inseln auf eigenen Internetseiten. Für die im Juli 2021 eingereichten Anträge lag schon im August der positive Bescheid von der IDA vor.

Neben dem Schutz der Nacht verbinden beide Inseln durch die Anerkennung auch die Hoffnung auf einen verstärkten Tourismus in der Nebensaison, da im Sommer die Beobachtungsverhältnisse wegen der Mitternachtsdämmerung nicht optimal sind. In Ostfriesland sollen entsprechende Aktivitäten entwickelt werden, die den Gästen auf den Inseln und an der Küste angeboten werden können.

Beispielhaft für andere Regionen

Als Folge der Forderung in der Leeuwarden Declaration hatte sich beim Wattenmeer- Forum eine internationale Arbeitsgruppe gebildet, die das Ziel der Reduzierung der Lichtemissionen voranbringen soll. Neben den beiden deutschen Inseln plant auch die dänische Insel Mandø eine Anerkennung als Sternenpark, womit es in allen drei Anrainerstaaten des Wattenmeers entsprechende Einrichtungen gäbe. Am 23. April 2021 wurde zudem die Reduzierung der Lichtverschmutzung auf dem internationalen Webinar »Erlebe die Finsternis« mit mehr als hundert Teilnehmern diskutiert.

Natürliches Planetarium

Dieser »Sternkieker-Ort« in den Dünen Spiekeroogs bietet den vom Stadtlicht geplagten Naturliebhabern eine Zuflucht.

ANDREAS HÄNEL studierte in Bonn Physik u nd Astronomie. Von 1 986 bis 2019 leitete er das Planetarium in Osnabrück. Weiterh in arbeitet er bei der astronomischen Arbeitsgemeinschaft des Naturwissenschaftlichen Vereins m it und ist Sprecher der Fachgruppe Dark Sky der Vereinigung der Sternfreunde e. V. (VdS) sowie der Kommission Lichtverschmutzung der Astronomischen Gesellschaft. Für sein Enga gement zum Schutz des Sternenhimmels wurde er im August 2021 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Literaturhinweise

Binnewies, S., Sparenberg, R.: Geheimnisvolles Leuchten:

Das Zodiakallicht-Phänomen. Sterne und Weltraum 10/2021, S. 68 – 74

De Miguel, A. S. et al.: First estimation of global trends in nocturnal power estimations reveals acceleration of light pollution. Remote Sensing 13, 2021

Hänel, A.: Messung der Himmelshelligkeit mit dem Sky Quality Meter. Sterne und Weltraum 3/2009, S. 74 – 77

Hänel, A., Bardenhagen, H.: Die ersten Sternenparks in Deutschland. Sterne und Weltraum 6/2014, S. 80 – 85

Hattenbach, J.: Die gescheiterte LED-Revolution. Sterne und Weltraum 4/2018, S. 16 – 18

Hattenbach, J.: Fahndung nach den Lichtverschmutzern. Sterne und Weltraum 2/2021, S. 72 – 75

Kolláth, Z. et al.: Introducing the dark sky unit for multi-spectral measurement of the night sky quality with commercial digital cameras. Journal of Quantitative Spectroscopy and Radiative Transfer 253, 2020

Schröder, K.-P.: Astronomietag 2019:Wie dunkel ist mein Nachthimmel?

Sterne und Weltraum 3/2019, S. 72 – 77

Stoyan, R. et al.: Sky Quality Map Deutschland. Karte der Lichtverschmutzung für Planung, Umweltschutz und Astronomie. Oculum-Verlag, Erlangen 2020

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