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PEOPLE: TRADING AUF ALLEN ZEITEBENEN: Orkan Kuyas


Traders - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 17.12.2020

Orkan Kuyas war bereits in TRADERS´ 10.2013 im Interview. Damals handelte er (fast) alles und war der „Dieter Bohlen des Tradings“, der überall seinen Senf dazugibt. Seitdem hat sich einiges getan: Inzwischen ist er verheiratet und stolzer Vater eines Sohns. Aber nicht nur in seinem Privatleben, sondern auch im Trading gab es Veränderungen. Im Interview sprechen wir darüber, wie er die Märkte heute handelt, und stellen einige seiner neuen Strategien genauer vor. Am Ende landen wir sogar bei einem Thema, dass wir bei einem Trader, der tagtäglich auf Fünf-Minuten-Charts schaut, gar nicht erwartet hätten: ...

Artikelbild für den Artikel "PEOPLE: TRADING AUF ALLEN ZEITEBENEN: Orkan Kuyas" aus der Ausgabe 1/2021 von Traders. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Traders, Ausgabe 1/2021

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... der langfristigen Altersvorsorge … Sie können sich also auf ein Interview freuen, das einen Rundumschlag über alle Zeitebenen des Börsenhandels bietet.


Mehr von Orkan Kuyas finden Sie auf www.facebook.com/groups/trader.orkankuyas

TRADERS´: WAS HAT SICH IN IHREM TRADING SEIT UNSEREM LETZTEN INTERVIEW GETAN?

Kuyas: Insgesamt hat sich der Markt extrem weiterentwickelt. Das hat natürlich auch mich dazu gezwungen, mein Trading anzupassen. Zum Beispiel bin ich seit dem Jahr 2017 verstärkt im Orderflow-Trading aktiv und habe speziell dafür eigene Tools für den MetaTrader entwickelt (unter anderem das Volume Profile by Orkan Kuyas, kurz VPOK). Aber ich habe auch eine weitere Art des Handels begonnen, das saisonale und statistisch basierte Trading, wofür ich eine Menge Zeit in die verschiedenen manuellen Auswertungen investiert habe. Und dann habe ich im November 2019 mein erstes Buch veröffentlicht, das sich sehr gut verkauft hat und deshalb recht bald darauf in der zweiten, überarbeiteten Auflage erschienen ist.


„Viele statistische Handelsansätze erscheinen unglaublich simpel.“


TRADERS´: WAS MEINEN SIE MIT „MANUELLE AUSWERTUNGEN“? HABEN SIE DAZU KEINE BACKTESTS PROGRAMMIERT?

Kuyas: Nein, ich habe es wirklich manuell getestet. Wenn man einen Backtest programmiert und ihn automatisch durch die Zeitreihen laufen lässt, können alle möglichen Fehler oder Ungenauigkeiten passieren. Da sind zum Beispiel manchmal Eröffnungskurse drin, die in Wirklichkeit überhaupt nicht handelbar waren und wovon der Kurs in der ersten Minute schon meilenweit entfernt war. Das würde eine enorme Slippage bedeuten, ohne deren Anpassung der Backtest unrealistisch sein kann. Indem ich die Charts aber manuell durchgehe und dabei auch zwischen den verschiedenen Zeitebenen wechsle, kann ich solche Effekte gleich mit einbeziehen. Ich sehe dabei die tatsächlichen Verlä der Trades und kann zum Beispiel beurteilen, wie tief ein späterer Gewinn-Trade zwischenzeitlich mal im Verlust lag. Außerdem bekomme ich auf diese Weise ein sehr gutes Gefühl dafür, wann einzelne Strategien ihre Ein- und Ausstiegssignale haben. Das hilft mir, kleine Details anzupassen und zu verbessern oder aber die Idee zu verwerfen, wenn es zu viele praktische Komplikationen gibt. Und besonders wichtig: Am Ende habe ich ein höheres Vertrauen in die Ansätze, die ich auf diese Weise für gut befunden habe, als wenn es nur irgendwelche Zahlen aus einem Backtest wären.

Mit Stern* markierte Begriffe siehe Schlüsselkonzepte.


TRADERS´: DAS KLINGT NACH VIEL ARBEIT – ABER AUCH NACH BESONDEREN STRATEGIEN, DIE FÜR NORMALE BACKTESTS GAR NICHT ZUGÄNGLICH SIND. KÖNNEN SIE UNS VIELLEICHT EIN BEISPIEL VERRATEN?

Kuyas: Bei meinem statistischen Handelsansatz geht es darum, eine Strategie mit klar definierten Ein- und Ausstiegssignalen zu traden, die man auch automatisieren könnte. Die menschliche Komponente bleibt also vollkommen außen vor. Wichtig ist dabei – wie bei den allermeisten statistischen Strategien –, dass ein fundamental schlüssiger Zusammenhang besteht, demzufolge mehrere Institutionen zu einem bestimmten Zeitpunkt kaufen oder verkaufen. In der Folge treten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit entsprechende Bewegungen und Muster am Markt auf. Zum Beispiel ist es so, dass die Aktienkurse über den Monatswechsel hinweg eher steigen als fallen. Das liegt unter anderem daran, dass viele Sparpläne und andere regelmäßige Investments zum Monatsbeginn umgesetzt werden und entsprechende Geldzuflüsse in den Markt stattfinden. Und es gibt vermutlich noch weitere Gründe für diesen Effekt. Aber wichtig ist letztlich, dieses Phänomen zu kennen und für sich zu nutzen – und zwar durch die statistische Auswertung umfangreicher Datensätze, um die idealen Ein- und Ausstiegszeitpunkte herauszufinden

TRADERS´: WIE SETZEN SIE DIESE STRATEGIE KONKRET UM?

Kuyas: Ich handle den Ansatz im S&P 500, da meinen Untersuchungen zufolge hier die besten Ergebnisse möglich sind. Der entsprechende Long-Trade wird am 26. eines Monats zur Eröffnung eingegangen und bis zum Schlusskurs des fünften Tags des Folgemonats gehalten. Sollte der Ein- oder Ausstiegstag auf einen Tag fallen, an dem die Börse geschlossen ist, wird der darauffolgende genommen. Einen Stopp-Loss gibt es nicht. Und ich lasse zwei Monate aus, den Januar und den Juli – denn in meinen Auswertungen bin ich darauf gekommen, dass die Strategie in diesen Monaten nicht profitabel war. Die Positionsgröße bleibt natürlich jedem selbst überlassen, aber ich empfehle ein Maximum von einem US-Dollar je Punkt pro 1000 Euro Kontowert. Der S&P 500 E-Mini Future (Kürzel ES) hat einen Punktwert von 50 US-Dollar, sodass Sie ein Konto mit 50.000 US-Dollar bräuchten, um diese Strategie mit einem Future umzusetzen.

TRADERS´: DAS KLINGT NACH EINEM SEHR EINFACHEN HANDELSANSATZ. WARUM MACHT DAS NICHT JEDER, SODASS DIE GEWINNMÖGLICHKEIT MIT DER ZEIT VERSCHWINDET?

Kuyas: Ja, viele statistische Handelsansätze erscheinen unglaublich simpel. Und durch die festen Vorgaben bleibt kein Spielraum für Interpretationen. Das macht es möglich, diese Strategien fehlerfrei umzusetzen oder sogar zu automatisieren. Allerdings sollten Trader solche Ansätze stets auch noch mal für sich selbst auswerten – zum Beispiel so, wie ich es mittels manueller Backtests mache. Nur so gewinnt man tatsächlich genügend viel Vertrauen in ein statistisches System, um auch nach Verlust-Trades und sogar Serien von Verlusten, die garantiert früher oder später auftreten, unbeirrt weiterzumachen. Genau das ist nämlich die Schwierigkeit bei dieser Art des Handelns! Ich kenne Trader, die ein nachweislich profitables System handeln und dennoch kontinuierlich Geld verlieren. Aber wenn Vertrauen und Verständnis fehlen, nützt die beste Strategie nichts. Es gibt aber noch eine andere Erklärung dafür, warum die Gewinnmöglichkeit der Strategie nach wie vor besteht: Die Kapitalflüsse in den Markt um den Monatsbeginn herum sind einfach viel größer als die gegenläufigen Handelsstrategien, die dieses Muster auszunutzen versuchen – zumindes t bisher.

TRADERS´: WELCHE ZEITEBENEN HANDELN SIE ABSEITS DES GERADE BESPROCHENEN STATISTISCHEN TRADINGS?

Kuyas: Ich habe im Trading heute drei große Säulen. Neben dem statistisch- saisonalen Handel betreibe ich schon immer Daytrading sowie Swing Trading.

TRADERS´: UND WELCHE MÄRKTE HANDELN SIE?

Kuyas: Ich trade wie schon früher den DAX und die großen US-Indizes über Futures und CFDs, aber auch DAX-Aktien und die großen US-Einzeltitel. Dabei kaufe ich bei Aktien bevorzugt Stärke, also zuletzt im Oktober etwa Titel wie Delivery Hero oder Merck, statt auf optisch günstige Werte wie Lufthansa zu setzen. Ab und zu handle ich aber auch Optionsscheine.

TRADERS´: SIND SIE IM DAYTRADING NOCH GENAUSO AKTIV WIE BEI UNSEREM ERSTEN INTERVIEW?

Kuyas: Nicht ganz. Den Ein-Minuten-Chart schaue ich nur noch zur Information an, aber treffe dort keine Entscheidungen mehr. Mein Tagesgeschäft läuft auf dem Fünf-Minuten-Chart. Dabei bin ich inzwischen viel effizienter geworden. Das heißt, dass ich kurzzeitige Scalping Trades innerhalb von Sekunden bis Minuten jetzt weniger oft mache. Das waren früher manchmal zehn bis zwölf Trades am Tag. Da aber wie bei jedem Menschen auch bei mir die mentale Kapazität begrenzt ist und ich inzwischen auch „schon“ 43 Jahre alt bin, habe ich mich entschieden, das wegzulassen.

TRADERS´: KÖNNEN SIE UNS EINE IHRER AKTUELLEN DAYTRADINGSTRATEGIEN ERKLÄREN?

Kuyas: Ja, gern. Ein Beispiel ist meine selbst entwickelte Orkan-Re-Break-out (ORBO) Strategie, also zu Deutsch ein „Wiederausbruchsansatz“. Die Strategie ermöglicht es mir, mit kleinem Risiko in den Markt einzusteigen, wenn die Wahrscheinlichkeit für eine Richtung – also für einen erfolgreichen Long oder Short Trade – sehr hoch ist. Hintergrund ist die Tatsache, dass ich Ausbrüche nur unter ganz bestimmten Umständen direkt handle. Früher war der direkte Ausbruchshandel zwar sehr effektiv, aber der Markt hat sich mit der Zeit verändert – und ich mich mit ihm. Wer heutzutage Ausbrüche immer direkt handelt, muss mit relativ vielen Fehltrades rechnen und hat es schwer, langfristig einen guten Gewinn zu erzielen. Meine ORBO-Strategie ermöglicht es dagegen, auch im heutigen Marktumfeld Ausbrüche zu handeln, aber dabei eine wesentlich höhere Trefferquote bei geringerem Risiko zu erzielen. Das funktioniert, wie der Name schon sagt, indem man sich auf einen möglichen Wiederausbruch fokussiert.

TRADERS´: DAS KLINGT INTERESSANT. WIE SIEHT DAS GANZE IM DETAIL AUS?

Kuyas: Das Prinzip ist in Bild 2 dargestellt. Sie sehen einen Markt mit klarer Abwärtstendenz, der zunächst in eine Seitwärtsphase übergeht. Nach mehrmaligem Test der Hochund Tiefpunkte bricht der Kurs nach unten aus und bestätigt damit den Abwärtstrend. Viele Händler, die an dieser Stelle short gegangen sind, setzen den Stopp in Nähe des letzten markanten Hochs. Allerdings kommt der Markt nach dem Ausbruch deutlich nach oben zurück und übersteigt das vorherige Ausbruchslevel, sodass sich das Ganze als Fehlausbruch herausstellen könnte. Deshalb kommen zunächst neue Käufer in den Markt und stützen die Kurse, sodass zunehmend umgeschichtet wird: Händler drehen ihre Positionen auf die Long-Seite oder stellen ihre vorherigen Short-Positionen zumindest glatt, da der Ausbruch infrage gestellt wurde. Aber genau in dieser Situation könnte sich nun auch eine gute Chance bieten, denn technisch ist der Abwärtstrend noch intakt. Sollte der Markt nun also doch wieder unter die bisherige Unterstützung rutschen, müssten die jetzt dazugekommenen Long-Positionen wiederum glattgestellt werden. Deshalb ist beim Bruch dieses Bereichs mit einer größeren, schnellen Bewegung zu rechnen – und genau aus diesem Grund warte ich auf dieses Szenario. Die großen Vorteile sind dabei das deutlich kleinere Risiko im Vergleich zum direkten Ausbruchshandel, in den Markt einzusteigen, und die hohe Wahrscheinlichkeit einer Fortsetzung der Bewegung nach unten – und damit eines Gewinn-Trade.

TRADERS´: WELCHES GEWINNZIEL PEILEN SIE BEI DIESEM SETUP AN?

Kuyas: Ich möchte bei dieser Strategie mindestens das verdienen, was ich pro Trade riskiere. Besser ist es aber, das Doppelte dessen zu erzielen, also ein Rendite/Risiko-Verhältnis von 2:1. Diesen Idealfall sehen Sie ebenfalls in Bild 2: Nach dem Wiederausbruch nach unten setzt ein starker Abverkauf ein, der den Trade schnell weit in den Gewinn bringt. Natürlich wissen wir im Einzelfall nie genau, ob ein Trade funktionieren wird oder nicht. Deshalb setzte ich immer auch einen Stopp. Alles, was wir also tun können, ist, mit Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten und uns so langfristig einen Vorteil zu verschaffen, der über eine Vielzahl an Trades entsteht. Die ORBOStrategie ist dabei besonders attraktiv, weil mit kleinen Risiken auf eine recht hohe Gewinnwahrscheinlichkeit gesetzt wird.

TRADERS´: LÄSST SICH DIE STRATEGIE AUCH AUF HÖHEREN ZEITEBENEN PROFITABEL HANDELN?

Kuyas: Durchaus. Wie bei vielen Strategien ist die Trefferquote auf höheren Zeitebenen auch etwas besser. Allerdings gibt es natürlich im gleichen Zeitraum deutlich weniger Signale, sodass der Gesamtgewinn dann eher kleiner ausfällt.

TRADERS´: WORIN SEHEN SIE ÜBER DIE REINEN STRATEGIEN HINAUS IHREN PERSÖNLICHEN VORTEIL IM DAYTRADING?

Kuyas: Ich denke, es ist die Art und Weise, wie ich sowohl Orderflow-Trading als auch Charttechnik anwende. Manche Trader nutzen nur das eine und können mit dem anderen nichts anfangen, aber gerade die Kombination macht meinen Handelsstil erfolgreich. Ich setze also zum Beispiel auf Instrumente der Charttechnik wie klassische Indikatoren und Fibonacci-Retracements*, aber nutze gleichzeitig Instrumente aus dem Orderflow-Trading wie den Volume Weighted Average Price (VWAP) und den Point of Control (POC).

TRADERS´: IHRE ERSTEN BEIDEN SÄULEN HABEN WIR BESPROCHEN, DEN STATISTISCHSAISONALEN HANDEL SOWIE DAS DAYTRADING. WIE SIEHT IHRE STRATEGIE IN DER DRITTEN SÄULE AUS, DEM SWING TRADING?

Kuyas: Hier liegt meine Zeitebene im Bereich von Tagen bis Wochen. Ich gehe händisch viele verschiedene Charts durch, angefangen beim Tageschart. Wenn es dort ein interessantes Level gibt, das mir sofort ins Auge sticht, schaue ich auf dem Wochen- und Monatschart nach weiteren Gründen, um einen Trade zu platzieren. Wichtig ist dabei, dass mindestens drei, im Idealfall fünf verschiedene Gründe gleichzeitig vorliegen, damit es wirklich eine gute Gelegenheit ist und ich den Trade mache.


„Was ich dagegen gar nicht nutze, sind fundamentale Daten.“


TRADERS´: WAS SIND SOLCHE GRÜNDE, NACH DENEN SIE SUCHEN?

Kuyas: Im Wesentlichen achte ich auf die Charttechnik und bestimmte Indikatoren. Beispiele sind Trendlinien und Trendkanäle, Widerstände und Unterstützungen, Kurslücken und Fibonacci-Retracements. Bei den „Fibos“ schaue ich bei Aktien mit starkem Momentum vor allem auf Korrekturen in Höhe von rund 38,2 Prozent – ein klassisches, viel beachtetes Fibonacci-Retracement –, da das hin und wieder einen guten Bereich für eine Kehrtwende darstellt. Was ich dagegen gar nicht nutze, sind fundamentale Daten, und auch das Volumen spielt seltene eine Rolle.

TRADERS´: NUTZEN SIE AUCH SCREENER, UM DIE VIELZAHL AN AKTIEN ERST MAL ANHAND FESTER KRITERIEN ZU REDUZIEREN?

Kuyas: Nein, ich arbeite hier tatsächlich noch händisch. Das liegt auch daran, dass mit Screenern zwar vieles, aber nicht alles möglich ist. Um die Tausenden Aktien weltweit einzugrenzen, habe ich feste Märkte und Titel, die ich immer wieder betrachte, vor allem deutsche Bluechips und die großen US-Aktien.

TRADERS´: KÖNNEN SIE UNS EIN BEISPIEL AUS IHREM SWING TRADING ZEIGEN?

Kuyas: Am 16. März konnte ich SAP, einen klassischen Momentumtitel aus dem DAX, nach dem extremen Ausverkauf einsammeln (siehe Bild 3). Ich erkannte, dass die Aktie intraday deutlich vom Tief hochgekauft wurde. Gleichzeitig notierte sie auf Höhe einer langfristigen Unterstützung. Auch der Gleitende Durchschnitt über 300 Tage lag in diesem Cluster. Ich habe die Position knapp einen Monat gehalten und mit Erreichen des 61,8-Prozent-Fibonacci-Retracements wieder geschlossen – im Tageschart wurde dort auch gleichzeitig noch eine vorherige Kurslücke geschlossen.

TRADERS´: SETZEN SIE NEBEN DEM TRADING AUCH AUF LANGFRISTIGE INVESTMENTS?

Kuyas: Absolut. Für meine Altersvorsorge setze ich auf Buy and Hold in langfristig soliden Werten. Welche dafür infrage kommen, ändert sich natürlich von Zeit zu Zeit. Momentan schaue ich zum Beispiel auf Titel wie Bayer, SAP oder Shell. Ich sammle sie möglichst günstig ein und lasse sie dann einfach liegen. Wenn der Kurs weiter fällt, kaufe ich sogar noch zu, statt über einen Stopp auszusteigen – genau umgekehrt zum Trading also. Allerdings habe ich hier auch keinen Hebel und einen langen Zeithorizont, in dem sich die Kurse auch mal verdoppeln oder verdreifachen können. Wenn es eine Verdopplung gibt, verkaufe ich die Hälfte und habe die restlichen Aktien für immer „umsonst“. Übrigens habe ich auch für meinen Sohn eine langfristige Anlagestrategie aufgesetzt: einen Sparplan in ETFs und soliden Einzelaktien. Ich hoffe, dass er dann später zu denjenigen gehört, die Aktien und der Aktienkultur grundsätzlich positiv gegenüber stehen.

Das Interview führte Marko Gränitz

VWAP / POC

VWAP: Volume-Weighted Average Price (volumengewichteter Durchschnittspreis). Diese Durchschnittslinie wird besonders von institutionellen Marktteilnehmern beobachtet, die hohe Volumina an den Märkten handeln.

POC: Sogenannter „Point of Control“, der das Kursniveau mit dem höchsten Handelsvolumen eines Tages bezeichnet.