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Perfekt gebaut


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 30.09.2019

Seit Jahrmilliarden konstruieren Tiere erstaunliche Behausungen. Können wir Menschen von den tierischen Architekten lernen?


Artikelbild für den Artikel "Perfekt gebaut" aus der Ausgabe 10/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 10/2019

Australische Weberameisen bauen ihre Nester aus Blättern. Die Arbeiterinnen ziehen mit ihren Greifzangen Blätter zusammen und verweben diese anschließend mit Seidenfäden, die von ihren Larven produziert werden


Steinkorallen wachsen aus dem Kalk, den Korallenpolypen absondern. Diese Tiere leben in Kolonien mit mehreren Hundert Millionen Individuen


DREI KOMMA ZWEI Kilometer hoch, an seiner Basis mehr als 1,8 Kilometer breit, 500 Stock werke, eine Million Bewohner. Komplett aus ...

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DREI KOMMA ZWEI Kilometer hoch, an seiner Basis mehr als 1,8 Kilometer breit, 500 Stock werke, eine Million Bewohner. Komplett aus Recyclingmaterial errichtet, konsequent ressourcenschonend und auf Selbstversorgung ausgerichtet. So soll er sein, derUltima Tower , den der US-amerikanische Architekt Eugene Tsui in San Francisco errichten will. Baukosten? 150 Milliarden Dollar.

Nur der Mensch entwickelt derlei Visionen – sollte man denken. Tsui weiß es besser: Seine Vorbilder sind zentimetergroße Termiten, die bis zu zwölf Meter hohe Bauten errichten. Bauten Menschen sie proportional nach, würden die Konstruktionen bis zu 1,4 Kilometer in die Höhe wachsen, zudem mit eingebauten Pilzgärten die Ernährung ihrer Bewohner sichern und perfekt der Ökologie ihrer Umgebung angepasst sein.

„Die Natur hatte fünf Milliarden Jahre Zeit zur Erprobung, Entwicklung und Perfektionierung ihres Designs“, schreibt Eugene Tsui. „Die menschengemachte Architektur steckt im Vergleich dazu noch in den Anfängen.“

Man braucht nicht bis zu den Termitenbauten in den Tropen und Subtropen zu reisen, um Meisterleistungen der Insekten zu bewundern. Die bis zu drei Meter hohen Siedlungshügel der europäischen Waldameisen besitzen ebenfalls ein ausgeklügeltes flexibles Lüftungssystem zur Regulierung von Temperatur und Feuchtigkeit – wirksam bis in die untersten Stockwerke des bis zu zwei Meter in den Boden führenden Baus.

Außerdem nutzen die Tiere die Flora der Umgebung: Eine Fichtennadel, von den Ameisen auf den Bau gelegt, sinkt binnen eines Monats 40 Zentimeter ein, gibt ihre Feuchtigkeit ab und wird, bevor sie zu verrotten beginnt, zwecks Vermeidung brutgefährdender Schimmelpilze wieder aus dem Bau befördert.

„Die Natur war schon immer bestrebt, effektiv mit einer begrenzten Menge an Ressourcen auszukommen“, schreibt der britische Ingenieur Rupert Soar, der sich an der Nottingham Trent University mit Tierarchitektur beschäftigt. Die Menschheit ist nun ebenfalls mit dieser Herausforderung konfrontiert. Wassermangel ist in vielen Gegenden ein enormes Problem.

Nahrung suchen, Bäume fällen, Dämme bauen – das Tagwerk des Bibers. Den Wasserstand und die Größe der Wasserfläche in ihrem Revier regeln die Tiere mit Dämmen. Dabei stellen sie sicher, dass der Zugang zu ihrer Wohnkammer immer unter Wasser liegt. Für den Dammbau verwenden sie vor allem Äste, Stämme und Schlamm


Köcherfliegenlarven tarnen ihre Seidengehäuse, indem sie sie mit Material aus der Umgebung bekleben


Die Larvengänge des Borkenkäfers hinterlassen ein deutliches Fraßbild


Die australische Kompasstermite richtet ihre Bauten so aus, dass die Sonne morgens und abends die flachen Seiten trifft und wärmt. Mittags treffen die Strahlen nur die obere schmale Kante


So einiges ließe sich dazu von dem SchwarzkäferLepidochora kahani lernen, dem es nie an Wasser mangelt – in der Namib, einer der trockensten Wüsten der Welt. Er schaufelt meterlange Rinnen in den Sand. In ihnen sammelt sich nachts kondensierter Küstennebel. Inzwischen kopieren die dort lebenden Nomaden den Käfer: In drei Gebieten wurden Polypropylen-Netze in zwei Lagen so aufgespannt, dass sich in ihnen verwert bares, kondensiertes Nebelwasser fängt.

Tierbauten beherbergen nicht nur, sie atmen auch, sie helfen, Nahrung zu verarbeiten und zu konservieren – der US-Biologe J. Scott Turner argumentiert sogar, dass die Bauten als Erweiterungen des Tierkörpers verstanden werden müssten: „Sie übernehmen die Rolle eines eigenen Organs, unverzichtbarer Teil ihres Körpers wie Nieren oder Lungen“, schreibt er. Die meisten Tierbauten verfolgen das evolutionäre Ziel jedes Organismus: den Schutz des eigenen Lebens und den der Nachkommen.

Bei Vögeln bringt dieses Streben erstaunliche Bauwerke hervor, wie die mit ausgefeilten Knüpf- und Webtechniken errichteten Bruthäuser der Webervögel. Gebaut von den Männchen, die so Weibchen zur Paarung animieren, ist jedes Nest extrem filigran und zugleich stabil. Mitunter brüten Weber vögel so dicht in Bäumen, dass ihre Bauten einem einzigen Nest mit Hunderten Eingängen gleichen. Das Gewirr langer Eingangsröhren schützt vor plündernden Baumschlangen. Zudem residieren die Vögel oft in der Nähe von Hornissennestern – weil diese Feinde abschrecken. Kein menschliches Gebäude aber ist so nachhaltig und effektiv konstruiert wie der Gießkannenschwamm.

Sein rautenförmiges Exoskelett filtert Nährstoffe aus dem Wasser, schützt vor Fressfeinden und bietet dazu anderen Tieren Herberge: In den Schwämmen siedeln sich oft Garnelen pärchen an, eine Art, deren äußerer Panzer so fragil ist, dass erwachsene Tiere außerhalb der schwammigen Behausung kaum überleben könnten. Die Tiere quetschen sich als Jungtiere ins Exoskelett und leben fortan geschützt.

Der britische Architekt Norman Foster imitierte den faszinierenden Schwamm-Bau: Von den Menschen „Die Gurke“ genannt, ragt der Nachbau 180 Meter hoch aus der Londoner City. Dieses Haus filtert die Außenluft: Deckplatten und eckige Fenster öffnen und schließen sich je nach Außenwitterung, es gibt Atrien über sechs Stockwerke, die für eine naturähnliche Ventilation sorgen.

Die Klimatechnik muss nur bei extremen Wetterverhältnissen aktiv werden. So spart das Gebäude 50 Prozent der Energiekosten, die für solche Häuser normalerweise anfallen – wenn das Design vom Menschen kommt.


FOTOS: Ingo Arndt

(HINTERGRUND) © GETTY IMAGES/ JENNIFER A SMITH

AUS: P.M. (10/2018); © HOLGER DIEDRICH/P.M./ PICTURE PRESS