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Perfekte Gegnerin


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 15.02.2019

USA Der Präsidentschaftswahlkampf 2020 hat bereits begonnen. Eine Rekordzahl von demokratischen Bewerberinnen will gegen Donald Trump antreten. Die besten Aussichten von ihnen hat zurzeit eine schwarze Senatorin aus Kalifornien: Kamala Harris.


Schon ihre erste Rede als Kan di - datin wirkte wie ein Popkonzert. Vor der Bühne hatten sich Tau - sende Unterstützer versammelt, lachend, singend, über den Köpfen schwenkten sie Schilder mit dem Namen der Senatorin. Es ist Ende Januar, als Kamala Harris auf einer Bühne in Oakland in das Rennen um die Präsidentschaftswahl eintritt, im Bundesstaat Kalifornien. Aus ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 8/2019

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... den Lautsprechern dröhnt eines ihrer Lieblingslieder, »Work That« von Mary J. Blige, die Hymne einer schwarzen Sängerin auf Mädchen und Frauen, das Leben, den Glamour. Die Botschaft lautet: Hier kommt keine Politikerin, sondern ein Star.

Trump-Kritikerin Harris: Sehr scharfe, sehr unangenehme Fragen


Kandidatinnen der Demokraten*
»Sie müssen sich voneinander unterscheiden, um aufzufallen«


Es war Juni 2017 und Sessions erst wenige Monate als Justizminister im Amt, als er im Geheimdienstausschuss zur Russlandaffäre aussagen sollte. Harris wollte wissen, welche Kontakte er während des Wahlkampfs zu Russen hatte. Könne er Gesprächsnotizen bereitstellen? Warum sei er so schlecht vorbereitet? Sessions sagte kleinlaut: »Das macht mich nervös.« Auf YouTube erhielt die Szene Hunderttausende Klicks. Es war der Beweis dafür, dass eine Staatsanwältin eine gute Waffe gegen eine Regierung sein kann, die Halbwahrheiten verbreitet. Inzwischen nutzen auch andere Frauen den Kongress als Bühne, darunter die neue Star-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez.

Der Präsident ist verwundbar, seine Zustimmungsrate liegt bei nur rund 41 Prozent. Laut Umfragen will die Mehrheit der Demokraten einen Kandidaten aufstellen, der gegen Trump gewinnen kann, nicht unbedingt jemanden, der die perfekte ideologische Färbung aufweist. Die Statistiker von FiveThirtyEight listen fünf Gruppen innerhalb der Partei auf, die entscheidend sind: ältere Loyalisten, Millennials, Afroamerikaner, Latinos und asiatischstämmige Wähler sowie Linke. Kamala Harris erfährt von allen Kandidaten den meisten Zuspruch von allen Gruppen.

Die Demokraten sind in den vergan - genen Jahren unter Donald Trump nach links gerückt, politisch unterscheiden sich die Kandidatinnen nur wenig. Sie treten für einen Ausbau des Gesundheitswesens ein, kämpfen gegen hohe Studiengebühren und für besseren Umweltschutz, lehnen eine Mauer an der Grenze zu Mexiko ab und machen sich für Minderheiten stark.

Die Senatorin Elizabeth Warren steht links von Harris, eine Kämpferin gegen den Einfluss von Konzernen. Sie greift insbesondere Regierungsmitarbeiter an, die Geld von Lobbyisten genommen haben sollen, unter ihnen Mick Mulvaney, derzeit Trumps Stabschef, oder Gary Cohn, einst oberster Wirtschaftsberater der Regierung. Ihre Beliebtheitswerte liegen derzeit allerdings bei 30 Prozent, weit unter Trump.

»Das Problem ist, dass sich die Kandidaten der Demokraten voneinander unterscheiden müssen, um aufzufallen«, sagt Debbie Walsh, Chefin des »Zentrums für Amerikanische Frauen und Politik« an der Rutgers University. Die Frauen, die gegen Trump antreten, hätten den Vorteil, dass sie von Hillary Clinton und deren Fehlern lernen können, die Trump schlecht auswich. »Amy Klobuchar spricht offen darü- ber, dass sie strategisch entscheidet, wann sie auf Trumps Äußerungen reagiert und wann nicht und ob sie ihm damit mehr Aufmerksamkeit verschaffen soll.«

Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, stellt sich als Frau der Mitte dar, eine Politi - kerin aus dem unverstellten Amerika. Bei ihrem Wahlkampfauftakt am vergangenen Sonntag stand sie auf einer Bühne in dichtem Schneetreiben und redete mehr als zwanzig Minuten lang über ihre Heimat. Sie spricht Wähler abseits der Städte an und könnte auch für Unentschiedene wählbar sein. Kirsten Gillibrand dagegen aus dem Bundesstaat New York führt einen betont feministischen Wahlkampf, was ihr in Zeiten von #MeToo Aufmerksamkeit sichert. Zudem sind fast 60 Prozent der demokratischen Wähler in Vorwahlen weiblich.

Kamala Harris schließlich geht auf Polizeigewalt gegen schwarze Männer ein und kritisiert Sexismus und Homophobie, was im ländlichen Amerika eher Schulterzucken hervorruft. Vergangenen Montag gab sie in einer Radiosendung zu, als Studentin gekifft zu haben. »Wir brauchen dringend mehr Freude im Leben«, sagte sie.

Harris steht für ein Amerika, das sich wandelt, von einer mehrheitlich weißen zu einer bunteren, heterogenen Gesellschaft. Auf den Straßen Kaliforniens ist Englisch eine Sprache unter vielen. Schon jetzt ist in den gesamten USA mehr als jeder vierte Bürger im Ausland geboren oder hat Eltern mit Wurzeln im Ausland.

Doch Amerika ist nicht überall so, und das ist wohl Harris’ größte Schwäche. Sie sagt gern, Kalifornien sei ein Mikrokosmos von Amerika, aber sie drückt damit mehr ihre eigene Hoffnung aus als die Sehnsucht des Landes. Viele Amerikaner sehen in Kalifornien ein abschreckendes Beispiel: zu hohe Steuern, zu viele Milliardäre und eine linke Kulturelite, die sich in ihren Villen abschottet. Sollte Harris als Kandidatin nominiert werden, braucht sie für einen Sieg gegen Trump auch Staaten wie Iowa, Michigan oder Ohio.

Die Vorwahlen der Demokraten beginnen in weniger als einem Jahr, bis dahin werden die Kandidatinnen durch das Land reisen und um Stimmen werben. Die Voraussetzung für die Opposition ist nicht schlecht, ihre Basis ist dank Trump aufgepeitscht. Die Kongresswahlen haben gezeigt, dass Frauen in allen denkbaren Gegenden eine Chance auf die Macht haben, wenn sie nur danach greifen.

Ein Problem sind die Männer. Bis jetzt liegt in Kalifornien, der Heimat von Kamala Harris, in Umfragen ein alter Parteifreund vorn, der noch gar nicht angekündigt hat, ob er überhaupt antreten möchte: der frühere Vizepräsident Joe Biden.

Twitter: @chrischeuermann

* Elizabeth Warren, Tulsi Gabbard, Amy Klobuchar, Kirsten Gillibrand.


SCOTT STRAZZANTE / SAN FRANCISCO CHRONICLE / POLARIS

POLARIS / LAIF

MARCO GARCIA / AP

ERIC MILLER / REUTERS

CJ GUNTHER / EPA-EFE / REX