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PERFEKTER SCHNITT FÜR EINEN WINZLING


Professor Dietrich Grönemeyer - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 09.10.2020

Wenn die Schilddrüse Ärger macht, geht es manchmal nicht ohne Operation. Aber die neuen Methoden sind sanfter denn je. Und hinterlassen keine sichtbaren Narben mehr


Artikelbild für den Artikel "PERFEKTER SCHNITT FÜR EINEN WINZLING" aus der Ausgabe 4/2020 von Professor Dietrich Grönemeyer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Professor Dietrich Grönemeyer, Ausgabe 4/2020

Im Fokus Die Schilddrüse ist genauso wichtig wie das Herz. Deshalb sollte man sie regelmäßig kontrollieren lassen


Mini-OPs Drei neue endoskopische Verfahren – keine sichtbaren Narben


ENTZÜNDUNG DER SCHILDDRÜSE

HASHIMOTO-THYREOIDITIS

Die Autoimmunerkrankung ist die häufigste Ursache für eine Unterfunktion des Organs, bei der das Immunsystem die Schilddrüse zerstört. Anfangs kann es dabei zu einer vorübergehenden Überfunktion kommen. Als Ursache ...

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... werden neben genetischer Veranlagung auch Umweltfaktoren wie Selenmangel und Viren diskutiert. Vor allem Frauen sind betroffen.

THERAPIE

Hashimoto ist nicht heilbar, lässt sich aber gut therapieren. Zur Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion verschreibt der Arzt L-Thyroxin (T4). Einige Patienten brauchen noch zusätzlich das stoffwechselaktive Trijodthyronin (T3). Daneben können eine ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel, Stressreduktion und ausreichend Schlaf helfen, die Symptome in den Griff zu bekommen. Regelmäßige Kontrollen der Hormonwerte im Blut sind wichtig.

AUFBAU DES ORGANS

Nicht größer als eine Walnuss, kaum schwerer als ein Esslöffel Mehl - aber so wichtig wie unser Herz: die Schilddrüse. Trotzdem wird das Miniorgan von uns oft wenig beachtet. Ein Fehler, denn jeder dritte Deutsche hat in seinem Leben irgendwann mal Probleme mit der Schilddrüse. Das Tückische ist, dass sich eine Erkrankung dort meist unbemerkt entwickelt - und dabei ungeheure Veränderungen auslöst. Denn das Organ produziert aus Jod und Eiweißbausteinen die Hormone Trijodthyronin (T3) und Tetrajodthyronin (T4), die im ganzen Körper zum Einsatz kommen: Sie steuern Herz, Kreislauf, Muskeln, Verdauung, Nerven und sexuelles Verlangen. Es hat also Folgen, wenn die kleine Drüse aus dem Tritt gerät.

STOPPSCHILD FÜR WUCHERUNGEN

Besonders häufig ist die vergrößerte Schilddrüse, auch Kropf (Struma) genannt. In dem vergrößerten Organ bilden sich dann häufig weitere Gewebeveränderungen: heiße oder kalte Knoten. Die können sich aber auch in einer normal großen Schilddrüse bilden. Während heiße Knoten unkontrolliert Hormone bilden und ausschütten, sind kalte Knoten funktionslose, inaktive Gewebeveränderungen. Jedoch kann sich in fünf bis zehn Prozent der Fälle daraus ein Schilddrüsenkrebs entwickeln.

Ein Hormonüberschuss lässt sich mit Medikamenten kontrollieren, Knoten werden mit einer Radiojodbehandlung oder der Thermoablation (siehe Kasten S. 67) entfernt. Greifen diese Methoden aber nicht, liegt ein Krebsverdacht oder ein unerträgliches Druckgefühl vor, raten Mediziner zu einem chirurgischen Eingriff. Jährlich werden in Deutschland 80.000 Patienten an dem nur walnussgroßen Organ operiert

Jährlich werden in Deutschland 80.000 Patienten an dem nur walnussgroßen Organ operiert

KAMERA IM MUSKELWALD

Normalerweise läuft solch eine Operation immer gleich ab. Der Zugang erfolgt über einen Schnitt am Hals - den sogenannten „Kocher’schen Kragenschnitt“. Diese Methode hat sich seit über hundert Jahren bewährt. Einziges Problem: die Narbe. Um diesen Schönheitsfehler zu vermeiden, wurde von Hans Martin Schardey und seinem damaligen Kollegen Dr. Stefan Schopf am Lehrkrankenhaus Agatharied in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der LMU München die minimalinvasive Operationsmethode EndoCATS (Endoscopic Cephalic Access Thyroid Surgery) entwickelt. „Diese Methode kommt mit einem einzigen Schnitt in der behaarten Kopfhaut hinter dem Ohr aus“, erklärt Prof. Schardey. „Die Narbe wird später durch das nachwachsende Haupthaar vollständig verdeckt und bleibt damit unsichtbar.“ Durch die Öffnung von nur drei Zentimetern führt der Chirurg das Endoskop ein, das mit einer Kamera ausgestattet ist. Die sorgt dafür, dass er das Einsatzgebiet in mehrfacher Vergrößerung auf dem Bildschirm sieht. Konzentration und äußerstes Fingerspitzengefühl sind gefordert. „Man muss sich zurechtfinden in dem Wald aus lauter Muskeln“, berichtet der Chefarzt der Chirurgie im Krankenhaus Agatharied. Außerdem erschweren Nerven, die den Kehlkopf und die Stimmbänder durchziehen, und die Nebendrüsen, die den Kalziumhaushalt regulieren, den Zugang zur Schilddrüse und dürfen auf keinen Fall verletzt werden. Ziel der Operation ist die Entfernung der veränderten Schilddrüsenanteile unter Erhalt des restlichen Organs.

Unsichtbare Schnitte an sensibler Stelle Minimalinvasiv, aber vor allem bei jungen Frauen unbeliebt: die ABBA-Methode mit Schnitten an den Brustwarzen. Narben bleiben aber auch dabei nicht zurück


Prof. Dr. Hans Martin Schardey Der Facharzt für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie ist Chefarzt am Krankenhaus Agatharied in Bayern und entwickelte das OP-Verfahren EndoCATS für Schilddrüsenerkrankungen


MEHRERE WEGE FÜHREN ZUM ZIEL

Seit elf Jahren wird das sehr anspruchsvolle Endo- CATS-Verfahren nun im Schilddrüsenzentrum Agatharied angewandt. „Inzwischen haben wir gut 500 Patienten operiert“, sagt der Mediziner. Bei unkompliziertem Verlauf müssen Betroffene mit einem stationärem Aufenthalt von etwa drei bis vier Tagen nach der Operation rechnen.

Die Methode eignet sich bei einseitigen Erkrankungen des sensiblen Organs. Doch auch wenn ein Zugang auf beiden Seiten der Schilddrüse notwendig ist, setzt Prof. Schardey seine Schlüssellochtechnik ein. In diesem Fall kombiniert er das EndoCATS-Verfahren mit einer ebenfalls endoskopischen Methode, der TOETVA (Transoral Endoscopic Thyroidectomy Vestibular Approach). Damit verschafft sich der Arzt einen weiteren Zugang über einen kleinen Schnitt auf der Innenseite der Lippe. Da bei die-sem OP-Verfahren jedoch nur kleine Teile der Schilddrüse - bis zu einer Größe von einem Zentimeter - entnommen werden können, entfernt der Chirurg größere Schilddrüsenlappen dann über den Zugang hinter dem Ohr. „Damit haben wir ein Hybridverfahren an der Hand, das nahezu perfekt ist“, so der Arzt. „Wir denken, dass das die Zukunft ist.“

Eine Alternative zur Kombination der beiden OP-Methoden stellt die minimalinvasive Technik Axillo-Bilateral-Breast Approach - kurz ABBA - dar. Der Hauptzugang erfolgt über einen nur 1,5 Zentimeter kleinen Schnitt in der Achselhöhle. Um das Endoskop zu platzieren, legen die Operateure zusätzlich winzige Hilfsschnitte (fünf Millimeter) am Rand der beiden Brustwarzen an. Alle Narben verheilen später unsichtbar. Diese Methode wurde in Japan entwickelt und ist weltweit verbreitet. Vorteil: „Mit ihr lassen sich auch zweiseitige Schilddrüsenerkrankungen operieren und relativ große Präparate bergen“, sagt Prof. Schardey. „Jedoch lehnen gerade junge Frauen dieses Operationsverfahren meistens ab.“ Sicher auch aus psychologischen Vorbehalten.

Egal für welche Eingriffsmethode an der Schilddrüse man sich entscheidet: Alle gelten als genauso zuverlässig wie die herkömmlichen OP-Methoden und punkten zudem mit schnellerer Erholung des Patienten, weniger Schmerzen und einer nahezu unsichtbaren Narbe.


Foto: Getty Images/View Stock RF

Foto: Getty Images/View Stock RF; Illustration: Shutterstock

Fotos: Getty Images/View Stock RF, Krankenhaus Agatharied; Illustrationen: Shutterstock (2)