Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Perfektes Höllenszenario


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 24.05.2018

»Welcome to Hell« uraufgeführt in Berlin


Artikelbild für den Artikel "Perfektes Höllenszenario" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bloggerin Sabine (Mira Keller, l.) verlässt ihre Komfortzone nicht, kommuniziert über die Medien, lässt niemanden an sich heran


Foto: Matthias Heyde

Welcome to hell, welcome to hell, willkommen in der Hölle/welcome to hell, welcome to hell, wo ist die Hölle?/Welcome to hell, welcome to hell, die Hölle sind wir alle/welcome to hell, welcome to hell, und alle spielen mit.« Diese im Laufe des Stücks mehr-mals gesungenen und sehr einprägsamen Zeilen geben kurz und wirklich knackig wieder, worum es in dem neuen Musical von Peter Lund (Buch und Liedtexte) und Peter ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von blickpunkt musical. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2018 von … kurz vorweg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… kurz vorweg
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ausgesprochen gute Inszenierung eines in der Vergangenheit steckengebliebenen Stückes
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Gefühlsachterbahn in Hamburg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gefühlsachterbahn in Hamburg
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Unterha ltsame Suche im Märchenwald. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Unterha ltsame Suche im Märchenwald
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Das Fußball-Wunder von Darmstadt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Fußball-Wunder von Darmstadt
Vorheriger Artikel
Gefühlsachterbahn in Hamburg
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau
aus dieser Ausgabe

... Michael von der Nahmer (Musik) geht. Der G20 Gipfel im Juni 2017 fand mitten in der multikul-turellen Großstadt Hamburg statt. Das allseits belieb-te Reiseziel wurde in der Zeit vor, während und nach dem Gipfeltreffen »20 reicher Länder« zu Themen wie Terrorismus, Klimaübereinkommen, Handel und Welt-hungerhilfe zur nervlichen Zerreißprobe für Polizei, Demonstranten und die Bewohner sowie Touristen der Elbcity. Dass dieser Gipfel nicht nur politisch wirksam war, sondern vielmehr aufgrund von Politik, Ideologie und Egoismus die gegenwärtigen Lebensbedingungen der verschiedenen Menschen beeinflusste, zeigt die Uraufführung »Welcome to Hell« in einer äußerst ge-lungenen Koproduktion der Neuköllner Oper mit der Universität der Künste Berlin.

Peter Lund, der bereits 2015 mit »Grimm!« und 2016 mit »Stella« den Deutschen Musical Theater Preis erhielt, muss zu Stück und Inszenierung in hohem Maße gratuliert werden, »Welcome to Hell« ist hitverdächtig.

Die Aufführung zeichnet sich durch die unterhalt-same Behandlung eines brisanten politischen Themas aus, gekonnt inszeniert mit treibender, energiegeladener Musik in dem für ein kleines, gefördertes Theater wie die Neuköllner Oper aufwendigen, passenden Bühnen-bild. Das Libretto von Peter Lund lädt die Zuschauer mit seinen gesellschaftskritischen, dennoch humorvol-len Dialogen zum Lachen und zum gleichzeitigen, stil-len Nachdenken über die Missstände der heutigen Zeit ein. Bei den unterschiedlichen Charakteren mit ihren Identitäten, Berufsalltag und Ansichten ist viel Platz zum Wiedererkennen aus dem ein oder anderen per-sönlichen Umfeld, wenn nicht sogar bei sich selbst. Da muss nicht erst der G20 kommen, um das zu erkennen, aber dieser lässt mit lautstarken Auseinandersetzungen und heimlichen, privaten Einblicken die Individuen aufeinandertreffen, die doch nur eins wollen: leben. Jeder von ihnen hat Sehnsüchte und Ängste

Zu Beginn des Stücks lernen wir die Bloggerin Sabi-ne (Mira Keller) kennen. ›Die Schanze im Sommer ist ein friedlicher Ort‹, berichtet sie. Sie kommuniziert mit ihren Followern online, bestellt ihr Essen beim Liefer-service und regelt alles andere ebenso über die Medien. Die Wohnung verlässt sie nicht, hat Angst vor dem Leben da draußen und davor, Beziehungen einzugehen. Die Journalistin Kata hat ihr das Herz gebrochen. Während des Stücks wagt sie sich aus ihrer Komfortzone und wird durch eine Tanzdemonstration (›Alles tanzt‹) mit der Welt da draußen konfrontiert. Mira Keller stattet sie mit viel Körperlichkeit aus: Sie wirkt vor ihrem Computer souverän, bei Kontakt mit Menschen nervös, am ganzen Körper zitternd.

Sabines Verflossene Kata (Anastasia Troska) muss sich derweil mit Sexismus und Chauvinismus in Form des französischen Referenten Henry sowie mit polizeiicher Ausweiskontrolle während eines Interviews her-umschlagen. Sie bangt stets um ihren Job in dieser kurz-lebigen, leistungsorientierten Welt und hat schlechte Erfahrung mit Männern gemacht. Anastasia Troska hat eine wunderbare Stimme und zeigt gekonnte Tanzeinla-gen in ›Tanzen‹.

Der französische Referent Henry wird vom aus Lu-xemburg stammenden Loïc Damien Schlentz herrlich mit authentischem Akzent, schleimiger und selbstver-liebter Körperlichkeit dargestellt. Er trifft unerwartet auf den spanischen Callboy Jesus und verfällt diesem. Mit Polizist Stefan liefert er sich ein stimmgewaltiges Duett. Dieser tanzt hinreißend mit amüsant doppel-bödiger Texteinlage den Paso doble mit Jesus, eins der Highlights des Abends (›Der Paso doble der EU‹). Es beginnt mit den Worten: »Da steht er, der Vertreter der großen EU/Ich bin nur ein Land, er greift gerne zu/er kennt keine Grenzen, dringt in mich ein/und will dann nicht zahlen.« Solche politische Kritik wird humorvoll verpackt, so beispielsweise in Dialogen wie: »Europas Stärke ist und bleibt unsere gegenseitige Solidarität.« – »Sag doch einmal die Wahrheit.« Jesus (Pablo Martinez) legt einen äußerst charmanten, sympathischen Callboy vor, der stimmlich überzeugt und optisch mit sexy Out-fits inklusive Langhaarperücke, kurzem Rock und High Heels einer Frau wirklich Konkurrenz macht. Er bietet Mina seine Dienste der »Erlösung« zum »Studententa-rif« an. Sein Konkurrent ist der Pseudo-Zuhälter und -Fotograf Ricky (Didier Borel) – mit schmieriger Fri-sur und noch schmierigerem Auftreten. Dieser macht sich an die koreanische Schülerin Mina ran (Tae-Eun Hyun), die aus Husum in die Großstadt Hamburg kommt und total überfordert mit der Situation ist. Stän-dig ruft ihre Mutter an, vor der sie Angst hat und der sie selbst während des Angriffs auf den Supermarkt noch am Handy versichert, dass es ihr gut ginge und sie bei einem Filmabend wäre. Hyun ist ein Energiebündel und sorgt für Lacher mit ihrem überdrehten Jammern oder einer Imitation des koreanischen Akzents mit gespielt verschüchtertem Kichern. Zusammen mit Lily (Katia Scheherazade Bischoff), der Freundin von Stefan, bildet sie die weibliche Fraktion mit Migrationshintergrund. Beide singen und tanzen mit geballter Kraft ›Deutsch wie Brot‹ (gesprochen »Brood«, pseudo-plattdeutsch für Brot, angelehnt an die deutsche Kartoffel und in Berli-ner Mundart »dumm wie Stulle sein«).

Lily ist mit dem Medizinstudenten und überzeug-ten Christen Friedrich (Nikko Andres Forteza-Rumpf) befreundet. Er schwingt begeisterte Reden über Gott, singt über die Liebe zu Gott (›Gottgewollt‹), ist bieder gekleidet und über seine mit hoher Stimme und voller bravem Enthusiasmus vorgetragenen Worte muss man einfach schmunzeln.

Lilys Freund Stefan (Alexander Auler) hat ebenfalls ein traumatisches Erlebnis hinter sich und Angst davor, beim G20 eingreifen zu müssen. Es kommt dann zu ei-ner Konfrontation zwischen ihm und dem Autonomen Andi (Mathias Mihai Reiser), der einen superreichen Va-ter hat und Gewalt für die Lösung des Problems hält. Er führt »Krieg gegen ein menschenverachtendes System«, das er für ›Krank‹ hält. Seine Freundin Frieda (Lucille-Mareen Mayr) ist Pazifistin. Andi greift mit seiner Gang den Su-permarkt von Krissy (Andrea Wesenberg) an. Diese ist immer auf der Hut vor ihrem Chef, macht Überstunden und kommt geradeso über die Runden. Sie meint: »Manchmal muss man zurückschlagen, sonst kriegen die dich klein.« Sie alle treffen zwischen Polizeirazzia, Bericht-erstattung, Ausweiskontrolle und Tanzdemo aufeinander.

1. Polizist Stefan (Alexander Auler, l.) trifft auf Ricky (Didier Borel, Mitte) und seine Mädchen


2. Verkehrte Welt: Verschiedenste Charaktere und Identitäten treffen aufeinander


3. Jesus (Pablo Martinez) und Stefan (Alexander Auler) tanzen auf dem Poli-zeirevier einen länderpolitischen Tango


4. Journalistin Kata (AnastasiaTroska, Mitte) singt über ihre Jugend und ihre Sehnsüchte


Fotos (4): Matthias Heyde

Das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Wel-ten wird bereits durch das Bühnenbild dargestellt, wenn etwa die verschiedenen Charaktere in ihren Lebensräu-men gezeigt werden und auf der Bühne gleichzeitig agie-ren. Dabei ergeben sich tiefsinnige Dialoge und Duette, Solos und Ensembleszenen. Jede Bewegung einzeln oder im Ensemble sitzt (Choreographie: Neva Howard). Die Spielfreude der Darsteller entlädt sich in Tanz, Gesang und Schauspielszenen.

Die Orte des Geschehens wechseln flüssig. Ein dreh-barer Kasten dient als Wohnung, eine von dessen ande-ren Seiten als einschlägig bekanntes Lokal (vermutlich) an der Reeperbahn. Oben auf dem Kasten erreicht man über eine Leiter ein Apartment. Eine weitere Wand bie-tet Sitzgelegenheiten auf einer Polizeiwache, auf der die Gruppe nach einer Tanzdemo und Flucht in den Super-markt landen. Letzterer wird durch einen tresenartigen Bau als Kasse und Getränkekisten räumlich verortet. Das allgemeine Straßenbild Hamburgs wird ebenfalls durch einen quietschorangen Mülleimer, wie an jeder Bushaltestelle zu sehen, und durch Projektionen an Gerüsten suggeriert (Ausstattung und Video: Zoe Aga-thos). Manchmal reicht nur eine Matratze als Anzeiger für die verschiedenen (privaten Lebens-)Räume auf der Bühne, in denen wir uns bewegen (Bühnenbau: Pat Bartl-Zuba, Tim Bohnwagner und Enno Tammena). Das Lichtdesign von Moritz Meyer schafft helles Ta-geslicht und bedrohliche Dunkelheit. Am Ton (Holger Schwark) könnte man noch etwas drehen, doch nur die Gruppenchöre waren nicht immer klar verständlich.

Eins der vielen feinen Details in Choreographie und Regie ist das Aufpiepen der Scanner-Kasse, als die an den Haaren herbeigezogene Journalistin Kata von Krissy im Supermarkt frech und lässig zum Bezahlen über das Kassenband geschoben wird. Hier stimmt wirklich alles, ist dynamisch, spannend und macht Spaß.

Peter Michael von der Nahmer hat ein schwungvol-les, abwechslungsreiches Musik-Set komponiert, das von spannender Violine und Violincello auf wabernde, elektronische Musik wechselt, welche Gefahr ankün-digt. Schlagwerk gibt dabei den Beat an und der ist stark und kampfbereit. Amüsant ist ›Blöder Bulle‹, eine Art Kinderlied, das dem Polizisten respektlos entgegenge-sungen wird, deren Melodie im Stück noch gelegentlich wiederaufgegriffen wird und wie eine kleine Hommage an das Berlin-Musical »Linie 1« mit seinem ›U-Bahn-Dschungelkrieg‹ klingt. Die Songs bauen aufeinander auf, im Sinne von Reaktion beziehungsweise Gegenreaktion. Wenn etwa Frieda darüber singt, sich von Andi zu trennen, weil sie ›Nicht gut füreinander‹ sind, ist der nächste Schritt, dass Stefan sich von Lily trennt, nachdem diese besungen hat, dass er und sie zusammen-gehören. Zu allem Überfluss (jedoch nicht im gelang-weilten, negativen Sinne) erklärt ihr Friedrich, dass er besser für sie wäre. Das stellt wieder einmal die Paare und Räume gegenüber, ohne ein Urteil fällen zu wollen. Stimmlich, charakterlich und optisch sind die Charak-tere klar voneinander unterschieden.

»Welcome to Hell« gehört eindeutig bereits jetzt zu den besten (Ur-)Aufführungen 2018 und könnte nicht aktueller sein. Die Neuköllner Oper nimmt das Stück ab November wieder in den Spielplan auf: Hingehen!

Callboy Jesus (Pablo Martinez, l.) auf der Suche nach Kunden und Glück, rechts Konkurrent Ricky (Didier Borel)


Foto: Matthias Heyde