Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

Performing Art


Logo von Die Deutsche Bühne
Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 01.11.2021

MEHR MUT!

Corona hat das Theater nicht nur verhindert, sondern auch verändert. Genauer: Die Pandemie hat das Theater durch Verhinderung verändert. Sie hat die IRL-Kontakte zwischen Publikum und Bühnenkünstlern unterbunden und die künstlerische Kommunikation dadurch dorthin gelenkt, wo die schöne Abkürzung für In Real Life auch herkommt: in die digitale Welt der sozialen Medien und Onlineportale. Jetzt aber, wo IRL-Theater wieder möglich wird und hoffentlich auch bleibt, stellt sich die Frage: War diese „Digitalisierung“ der Bühnenkunst ausschließlich eine Notlösung? Oder hat das Theater auf diesem Umweg etwas lernen müssen, was sich vielleicht auch nach der Pandemie bei der Kommunikation mit seinem Publikum als hilfreich erweisen könnte? Anders gefragt: War die Krise nur ein Unglück, das man am besten schnell vergessen sollte? Oder ist sie auch eine Chance, aus der das Theater gestärkt, diverser, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Die Deutsche Bühne. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2021 von STATE OF THE ART. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STATE OF THE ART
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von MEIN THEATERTAGEBUCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MEIN THEATERTAGEBUCH
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von WER KOMMT, WER GEHT?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WER KOMMT, WER GEHT?
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von BESTUHLUNGSSPAGAT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BESTUHLUNGSSPAGAT
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Im Katastrophenmodus
Vorheriger Artikel
Im Katastrophenmodus
Das Opernhaus als Sendeanstalt oder Everybody is a radio
Nächster Artikel
Das Opernhaus als Sendeanstalt oder Everybody is a radio
Mehr Lesetipps

... mit neuen Kompetenzen hervorgeht?

In unserer jährlichen Autorenumfrage zur Saisonbilanz (DdB 8/2021) haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diese Frage klar beantwortet: Das digitale Theater ist mit seinem innovativen Reservoire an Spiel-und Distributionsformen nach ihrer Ansicht auch in Zukunft eine Riesenchance, um neues Publikum auf neue Weise anzusprechen, um Wege auch zu denen zu finden, die man mit den traditionellen Mitteln nicht erreicht und in den traditionsaufgeladenen Musentempel nicht zu locken vermag. Deshalb sollten die Bühnen, so die Mehrheit unserer Autorinnen und Autoren, neben ihrem analogen Angebot auch diesen digitalen Output weiterentwickeln. In der Einleitung zum Themenschwerpunkt Saisonbilanz hatten wir, ausgehend von diesem Votum, aber auch darauf hingewiesen, dass das Theater sich damit auf eine hybride Verfassung einließe, die ihm neue Reflexions-, Konzeptions-und nicht zuletzt auch Selbstorganisationsaufgaben stellt. Der Schwerpunkt Performing Art soll dazu einen Beitrag leisten.

THEATERKUNST DER NEUEN ART

Denn diese neue, hybride Verfassung eines Theaters der Zukunft (so der Titel unserer Artikelserie zum Theater nach Corona) betrifft ja nicht nur die Kommunikation. Da sind die Theater schon längst divers aufgestellt, es gibt in dieser Hinsicht alles: vom guten alten Spielzeitheft über die IRL-Einführungsveranstaltungen und -Publikumsgespräche bis hin zu Homepages, Mailings, Instagram-, Facebook- oder Twitter-Kanälen und noch viel, viel mehr. Corona aber hat auch die Theaterkunst selbst „digitalisiert“ und damit nicht nur einen neuen Distributionsweg erzwungen, nämlich das digitale Netz, sondern ganz nebenbei auch eine große Zahl neuer digitaler Kunstformate hervorgebracht, eine Theaterkunst der neuen Art. Denn das jeweils gewählte Medium ist eben nicht nur ein Transportmittel, das in der Art eines sorgfältigen Spediteurs den Inhalt möglichst unbeschadet ans Ziel bringt. Sondern es greift durch die digital präformierten strukturellen Ressourcen und Algorithmen gestaltend ein in diesen Inhalt – und damit in die Kunst: Videofilmer überformen den Blick auf Inszenierungen ästhetisch; Facebook, Instagram, Twitch oder WhatsApp führen die Theater zu Kunstwerken, die mit dem Takt, dem Erscheinungsbild, der Kommunikationsstruktur dieser Medien arbeiten.

Einst angetreten, um auf der Bühne Geschichten zu erzählen, Figuren zu verkörpern und ihr Spiel an leibhaftig präsente Zuschauer zu adressieren, haben sich die Theaterkünstler auf diese neue Spielregeln eingelassen. Das Abfilmen einer Inszenierung mag der alltäglichen Theaterpraxis noch am nächsten sein. Aber man darf sich nicht täuschen: Es ist ein kategorialer Unterschied, ob ein Schauspieler, eine Opernsängerin oder ein Tänzer für eine anonyme, aber in ihrer Präsenz durchaus spürbare Vielzahl von Zuschauern in der Dunkelheit des Parketts spielt, singt und tanzt oder aber für eine Kamera und vor Mikrophonen, die ihnen ein anderes Agieren, Sprechen, Singen und eben auch ein anderes Adressieren abverlangen. Im Interview mit dem Videofilmer Lukas Raber haben wir das im Augustheft (im erwähnten Schwerpunkt) detailliert herausgearbeitet.

Und dazu gibt es jetzt all die neuen Formate: Die Storys aus dem „Homeoffice“ der Künstler; die Animationsvideos, in denen Tänzerinnen die Zuschauer zum Mittanzen, Sänger sie zum Singen, Schauspieler sie zum Rezitieren animieren; die vor der PC-Kamera oder mit dem Handy erzählten, vielleicht auf dem Schreibtisch inszenierten kleinen Geschichten, deren Schöpfer oder Schöpferinnen Akteure, Bühnenbildner und Regisseure in einer Person sind; die VR-Produktionen, bei denen die User sich mitten im „Bühnengeschehen“ (das keines ist) wähnen; die rein digitalen Videoformate, die sich zu hybriden Serien mit Anleihen bei Comedy, Telenovela, Kino, Talkshow und was nicht sonst noch allem auswachsen. Hier, im digitalen Medium, fanden sich die Schauspielerinnen, Sänger, Tänzerinnen vor neue Herausforderungen gestellt: Ungeschützt von einer Rolle, jenseits der Repräsentation einer anderen Person in einer vorgegebenen Geschichte lassen sie uns an ihren Lieblingsgeschichten teilhaben, nehmen uns mit in die Welt von Marlowes „Edward II“ oder nach Hogwarts.

PERFORMANCE FÜR VR-BRILLEN

Aber wer ist das eigentlich, der uns mit auf die Exkursionen zu Harry Potter nimmt? Ist es die Schauspielerin Gro Swantje Kohlhof, die von Harry Potter erzählt? Oder ist es die Schauspielerin Gro Swantje Kohlhof, die eine fiktionale Gro Swantje Kohlhof spielt, wie sie von Harry Potter erzählt? Das Theater Augsburg hat zu Beginn dieser Saison einen Pas de deux mit einer Tänzerin und einem Industrieroboter realisiert – ist das noch Tanz? Ja, vielleicht. Aber es ist auch eine Performance par excellence – vom Theater im Medium von VR-Brillen angeboten, die man sich in Augsburg bestellen kann.

Natürlich gab und gibt es im digitalen Theater auch viele rein narrative und darin „repräsentative“ Formate, die aber nicht mehr theatral, sondern filmisch strukturiert sind. Aber auch das ist ja eine Weitung des ästhetischen Spektrums der Theater, siehe oben. Und natürlich sind die Grundlagen für das, was die Theater plötzlich alles digital aus dem Boden gestampft haben, schon vor Jahrzehnten geschaffen worden. Wir wollen keineswegs behaupten, dass das Fräulein Corona das performative Theater erfunden hätte. Das entstand vor mehr als 60 Jahren aus der New Yorker Szene der bildenden Kunst und war über die freie Theaterszene schon längst auch im Stadttheater angekommen. Castorfs Schauspieler zum Beispiel waren nie nur Darsteller ihrer Figuren, sondern auch Performer ihrer selbst, die Volksbühne hat eine ganze Generation von Schauspielern und Regisseuren inspiriert. Und selbst Opernregisseure wie Florian Lutz oder Benedikt von Peter haben durch ihre partizipativen, die Vierte Wand durchbrechenden Arbeitsweisen Opernsänger dazu gebracht, ihre „Rolle“ neu zu definieren. Wer als Zuschauer der Aida-Sängerin direkt gegenübersitzt, für den wird der reine Vorgang des Singens, das Erlebnis der Präsenz der Künstlerin womöglich wichtiger als die fiktive Figur, die sie verkörpert.

Die Pandemie hat all dem noch mal einen enormen Schub und eine neue Auffächerung gegeben. Und dieser Schub ist mit dem Schlagwort einer neuen Technik, nämlich der viel beschworenen, aber selten genau beschriebene „Digitalisierung“ des Theaters, keineswegs erschöpfend beschrieben. Die Technik mit ihrem ganz anderen Zeittakt, der viel artifizielleren Form von Fiktionalität, dem begrenzten, dafür aber genau gesteuerten Blick einer Digicam: Sie gab nur den Anstoß. Und die online sendenden Theaterkünstler verstanden sich auch weniger als Avantgardisten, sie suchten einfach einen Weg zu ihrem Publikum – genau wie die um eine gute Performance bemühten TikTok-Performer auch. Aber aus dieser Zwangslage, aus dem Sich-Einlassen auf die Spielregeln digitaler Technik, ohne die es keinen Weg in die Öffentlichkeit gab, sind dennoch neue Theaterformen entstanden, neue Fähigkeiten der Theatermacher – und vielleicht auch ein neues Selbstverständnis. Das wäre der Gewinn, wenn man denn von der „Pandemie als Chance“ reden möchte.

VOR CORONA WAR NICHT ALLES GUT

Einfacher formuliert: Die Theater haben künstlerisch und medial enorm dazugelernt. Und dieser Zuwachs, der so entstandene Reichtum an Kompetenzen, könnte auch postpandemisch bereichernd sein. Und zwar keineswegs nur für die digitalen Formate selbst. Auch für die Bühnenpraxis könnten sich aus dem digitalen Innovationsschub bereichernde Rückkopplungen ergeben. Und es wäre fatal, wenn der „Wir dürfen endlich wieder spielen!“-Modus der beginnenden Saison dazu führte, dass die Theaterkünstler all das Neue gleich wieder verlernten. Denn in diesem „Wieder“ steckt ein restauratives Moment. Das Gewesene war aber keineswegs so ideal, dass man es jetzt bloß wieder restaurieren müsste. Im Gegenteil: Die Theater hatten schon länger Anlass, ihre Ästhetik und Kommunikation zu überdenken. Corona hat sie dazu gezwungen, und sie sind diesem Zwang kreativ und erfolgreich begegnet. Das sollte auf keinen Fall wieder verspielt werden.

Allerdings wird die Erhaltung dieser neuen ästhetischen Diversität den Theatern auch enorme Konzeptionsleistungen abverlangen. Denn das „alte“ Theater wird mit dem Aufkommen des „neuen“ ja keineswegs obsolet. Das wäre auch nicht wünschenswert. Bei Betrachtung der neuen Formate scheint es vielmehr, dass die „Erdung“ der Akteure in der traditionellen Kunst des Spiels vor leibhaftigen Menschen auch ihrer Präsenz als digital inspirierte Performer eine besondere Aura gibt, eine hybride Spannung, die gerade das Unverwechselbare dieser neuen Theaterkunst ausmachen könnte. Aber wie soll man das darstellerische und das performative Spiel, das filmische und das theatrale Agieren, die analogen und die digitalen Spielregeln, das Theater in real life und das Theater in media zueinander ins Verhältnis setzen: kommunikativ, ästhetisch und auch betriebsorganisatorisch? Unser Schwerpunkt Mehr Mut! beschäftigt sich mit all diesen Fragen.