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PETER BEARD


Wohn!Design - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 26.06.2020

IST EINE KÜNSTLERLEGENDE. POSTHUM FEIERT IHN NUN EIN GROSSARTIGES BUCH AUS DEM TASCHEN VERLAG.


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Bildquelle: Wohn!Design, Ausgabe 4/2020

© Alle Fotos 2020 Peter Beard

Das Selbstporträt knipste Beard 1975 in einem Spiegel des Bristol Hotels. Darüber: „Astrid Heeren and Veruschka“ von 1988. Linke Seite: „Peter Beard and Giraffes, Hog Ranch“, 1985.

Peter Beard gab sich nicht mit einem Leben zufrieden. Es mussten mindestens zwei sein. Leben eins fand in Afrika statt, auf der „Hog Ranch“, die er in der Nähe von Tania Blixens Kaffeeplantagen gekauft hatte.

Beards zweites Leben: im Herzen des New Yorker Jetset. Beard galt als fester Teil der Clique um ...

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... Andy Warhol und Jackie Onassis, er selbst hätte keine dieser „Cliquen“ gründen wollen. Er musste frei bleiben, um jeden Moment wieder in Leben eins zu verschwinden, Fotos von Elefanten und Raubtieren zu machen, niemandem Rechenschaft geben zu müssen. Das fand Beard unerträglich.

Beard raste letztendlich 82 Jahre zwischen Leben eins und zwei hin und her. Wer der Mann wirklich war, ist schwer zu sagen, schwer zu fassen. Er wollte nie für eine Sache „stehen“. Er liebte es, sich selbst zu hinterfragen, und das 24 Stunden am Tag. Falls man doch einen Versuch startet, könnte man Peter Beard mit gefühlt fünfzig Begriffen beschreiben, hier nur einige davon: Verschwörungstheoretiker, Zoologe, Playboy, laut eigenen Aussagen Amateur, Künstler, Fotograf. Sich auf ein Leben, eine Frau oder ein Land zu konzentrieren, für Beard nicht möglich. Das besondere an Beard: Er trug keinen inneren Konflikt spazieren, er hatte sich einfach entschlossen, all diese Begriffe, diese Menschen in einer Person zu sein und daher bürdete er auch seinem Umfeld nicht auf, ihn zu definieren. Er war auf eine Art extrem ego-los, gleichzeitig eine männliche Zicke, wenn es darauf ankam. In einem Artikel für den „Rolling Stone“ konnte sich Beard zum Beispiel seitenweise darüber beschweren, dass die Lufthansa sein Gepäck verschlampt hatte. Einige Leute in seinem Umfeld liebten jedoch eine partytaugliche Definition von Beard, so wie Autor und Warhol-Supporter Bob Colacello. Beard sei ein „Tarzan mit Gehirn“. Tarzan, wegen Afrika und seinem guten Aussehen und Körper. Gehirn, weil Beard Smalltalk und dummen Klatsch hasste, aber extrem gut darin war, Verschwörungstheorien zu entwerfen, aber niemals dumme. Immer solche, die mindestens drei bis vier gute Gedanken enthielten. Als ich Beard 2006 für den Spiegel treffen wollte, war es genau das, was mich an ihm interessiert hatte. Beard selbst ließ durch seine Managerin und Ex-Frau Nejma Beard ausrichten, er sei nicht an den üblichen Fragen zum Thema Jet-Set und super aussehen interessiert. Ich bräuchte mir nicht die Mühe zu machen, mit den falschen Fragen nach New York zu kommen. Ich sollte sie vorher schicken, am besten ganz genau formuliert, damit Peter entscheiden könne. Das war zunächst nicht ungewöhnlich, oftmals schickte ich die Fragen an Stars und Hollywood-Leute an deren PR-Person, doch die Fragen wurden während des Interviews nie mehr angesprochen, sie interessierten niemanden.

„Jacki O. Photo Lesson, Skorpios“ von 1971/2003 oben. Linke Seite oben: Kurz nachdem eine Böe ein riesiges Elefantenposter zerfetzte, mit dem Beard das International Center of Photography umwickelt hatte. Darunter „Snows of Kilimanjaro“ (1984/2008).

Meine Fragen schienen nicht zu dumm für Beard, ich flog nach New York, doch Peter war an unserem Termin nicht da. Sein Assistent bedauerte: Ich sollte mal im Restaurant „Luncheonette“nachsehen, da esse er immer zu Mittag. Es war 18 Uhr, was könnte das bedeuten? Ich hatte einen Overall angezogen, dazu trug ich hohe Schuhe, war das übertrieben? Wäre es eine schlechte Idee Peter Beard gefallen zu wollen, weil er das doch total verabscheute? Gefallen, Nettsein, Vorhersehbarkeit?

Ich trat an den Tisch mit circa 15 Leuten und reichte Peter Beard die Hand: Wir seien doch verabredet gewesen? Die Hand war vertrocknet, zerklüftet, das schien der beste Ausdruck für diese Hand zu sein, genau wie für die Füße von Beard, seine Gliedmaßen, sein Körper sprach von den extrem langen Zeiträumen, die er unter einer sehr harten Sonne verbracht hatte. Die Falten um seinen Mund saßen tiefer als bei allen anderen Männern seines Alters, doch energetisch befand sich der damals 68-jährige Peter Beard auf dem Level eines 25-jährigen.

Ich setzte mich, musste einen Gin Tonic trinken, musste krachende Langusten testen, alles essen, was Peter essen würde, erst dann könnten wir ins Gespräch kommen. Beard musste eine Regel haben, eine die sagte, dass er sich für den Rest seines Lebens in Konversationen oder Interviews nicht mehr langweilen wollte. Es schien, als müsse er vorher klarstellen, dass sein Interviewpartner ihm widersprechen würde. Um das sicherzustellen machte Beard klar, dass man sich gleich auf einen Konflikt einstellen sollte, doch nur des Themas wegen, nicht aus persönlichen Gründen. Peter Beard hatte etwas Warmherziges, Offenes, Einladendes, er war nicht an Kultur-Elite-Snobismus interessiert, er wollte sich eben nur nicht mit anderen langweilen, eine Art Menschenrecht für ihn. Wir wechselten an seinen Lieblingsort: sein Studio in Chelsea, in dem Beard wohl seine Milliarden Fotos aufhob, die er immer wieder als Collagen in seinen Bildern verwendete. Frauen, wilde Tiere, Afrika, seine grobe Schrift, all das verschmolz in einer wahnwitzigen, unkontrollierten Fülle, heute würde man sagen, der Mann litt unter ADD, Attention-Deficit Disorder, doch das Resulat ergab eine magische Welt, in seinen Büchern durchblätterbar.

Es regnete leicht, als wir das Interview begannen, doch Beard interessierte das nicht. Er hatte sich meine Fragen vorgenommen, jede einzelne. Er hatte Notizen zu den Fragen gemacht, er hatte sich vorher mit den Fragen ganz genau beschäftigt. Jetzt, wo ich Beard gegenübersaß, wusste ich, es würde keines der üblichen Interviews werden.

Auch „Spitting Cobra“ von 1960/2004 ist ein Werk aus dem grandiosen Prachtband, der über den New Yorker Fotografen erschienen ist: „Peter Beard“ im Extra-Large-Format, 100 €; Hardcover, 770 Seiten, fünf Kilogramm schwer, Taschen Verlag.

Es konnte an Beards langem Konsum von Anti-Malaria-Mitteln liegen, die eine bestimmte Person in ihm herausbrachte, ihn, wie man so sagt, „egdy“ machte, also ab und zu ungehalten, zickig. Angeblich, laut Vanity Fair 1996 schien Beard Marihuana, Alkohol, Magic Mushrooms und Kokain gegenüber durchaus aufgeschlossen. Vielleicht würde das Interview auch anders werden, weil Beard schon Dinge in seinen Zwanzigern geklärt, die andere mit Mitte Vierzig erst angehen: alle inneren Konflikte zu bereinigen und dann richtig loszulaufen, ohne Zögern, ab und zu ohne Rücksicht.

Beard stammte aus einer sehr reichen Familie, er war ein sogennantes Trust Fund Baby, sein Urgroßvater gründete die „Great Northern Railway“, sein Großvater erfand den Smoking, den amerikanischen „Tuxedo“, was Beard nur „lächerlich“ fand und Peter hätte problemlos eine klassische Trustfund-Baby-Karriere einschlagen können und als privilegierter, reicher und weißer Mann ein problemloses Leben führen können. Doch Beard warf das alles weg, bevor er es kennengelernt hatte. „Ich war ein Roboter”, sagt Beard über seine Kindheit. Also reiste er als Teenager zum ersten Mal nach Afrika, kontaktierte Tania Blixen und veröffentlichte schon 1963 das Buch „End of the Game“. Ein von heute aus merkwürdig weitsichtiges Fotobuch, in dem Beard wilde Elefanten fotografierte, aber schon damals verstand, wie sich Stress auf eine Herde auswirkt. „Elefanten sterben am Herzinfarkt wegen Stress, wenn sie in ihrer Herde gejagt werden“, sagte Beard auf der Terrasse in Chelsea. „Sie sterben auch wegen Platzmangel und Stress am Herzinfarkt. Wie wir“, sagte Beard, der in unserem Gespräch über Afrika und dessen Nöte kein gutes Wort an Bono oder Bob Geldof wegen ihrer Live Aid Entwicklungshilfe ließ. Die beiden würden alles ruinieren, falsch machen, sie würden das Land, ja den Kontinent nicht ernst nehmen, Beard hatte sich in Rage geredet, für circa zwanzig Minuten. Er forderte von mir, ihn in seiner Rage zu stoppen, das Mindeste, was ich für ihn tun könne. Denn wir waren doch hier oben auf dem Dach, um nicht alles als gegeben und klar hinzunehmen. So war unser Deal. Das war es, was ich an Peter Beard wirklich liebte.

Die Aufforderung zu einem Denk-Tanz, bei Nieselregen, oben auf einem Dach in New York - ehrlich gesagt, hab ich so ein Interview nicht mehr geführt. Der Spiegel schmiss Beards Anschuldigungen gegenüber Bono und Geldof raus. Ohne Kommentar, doch Beard hatte so weit ausgeholt, weil er Afrika und seine Bedeutung wirklich ernst nahm. So ernst, dass er sich mit jedem System anlegen würde. Genau das war das unfassbar Attraktive an Peter Beard. The world he comes from is over.

ap