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PFERDE ALS LANDSCHAFTSPFLEGER: Wilde Herden


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 20/2019 vom 11.01.2019

In Deutschland gibt es zahlreicheBeweidungsprojekte mit wild lebenden Pferden. Konik, Dülmener, Prezwalski und Co. sorgen für ein aktives Ökosystem und öffnen uns einFenster in die Vergangenheit


Artikelbild für den Artikel "PFERDE ALS LANDSCHAFTSPFLEGER: Wilde Herden" aus der Ausgabe 20/2019 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 20/2019

Immer mehr wild lebende Pferdeherden haben in deutschen Naturschutzgebieten ein Zuhause gefunden


Wenn man an wilde Pferde denkt, fallen den meisten zuerst die Mustangs in den USA ein. Doch auch vor der eigenen Haustür gibt es wilde Pferde. Von der Geltinger Birk im Norden bis zum Tennenloher Forst im Süden Deutschlands haben autark lebende Vierbeiner ein Zuhause gefunden und räumen als Landschaftspfleger ...

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... ordentlich auf. Sie zeigen uns in vielen unterschiedlichen Beweidungsprojekten, wie unsere Landschaft ohne Einfluss des Menschen aussehen kann.

Früher zogen wildlebende Herden von Waldelefanten, Wollnashörnern, Riesenhirschen, Wildpferden und Auerochsen durchs Land und schufen weite halboffene Weideflächen. Viele Jahrtausende waren sie es, die die Landschaft maßgeblich prägten. Doch große Pflanzenfresser gibt es bei uns nicht mehr. Hier tragen unsere Steinzeit-Vorfahren eine erhebliche Mitschuld, die sie jagten und für ihr Aussterben sorgten. Das belegen vor allem Knochenfunde an den Lagerplätzen steinzeitlicher Jäger. Später veränderten Viehwirtschaft und Ackerbau das Land. Unter den Pflügen verschwanden viele Arten von Flora und Fauna der ursprünglichen Weidelandschaften.

Große Pflanzenfresser

Um eine vom Menschen unbeeinflusste Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt zu finden, muss man deshalb etwa 100.000 Jahre zurück in die letzte Warmzeit gehen. In dieser Zeit befanden sich die besten Futterplätze auf fruchtbaren Böden der Auen oder des Flachlandes. Dort wären die Landschaften von großen Pflanzenfressern offengehalten worden. Im Hügelland und im Gebirge würde hingegen der Waldanteil dominieren. Die heute noch vorhandenen Wildtiere wie z. B. Hirsche und Wildschweine leben es den wilden Pferden in den Freigehegen vor. Aber sie stellen nur einen geringen Teil der Tierwelt dar. Um ursprünglichen Landschaften näher zu kommen, müssten große Pflanzenfresser ebenso wild leben dürfen. Dann ließe sich konkret nachverfolgen, wie sie ohne den Einfluss des Menschen entstanden sind. Dennoch können die Weidetiere ihren Beitrag zur Erhaltung von Flora und Fauna beitragen.

Um zu bewahren, was fast verloren scheint, haben zahlreiche Städte, Gemeinden und Naturschutzverbände Beweidungsprojekte mit großen Pflanzenfressern ins Leben gerufen. So unterhält z. B. die Stiftung Naturschutz in Schleswig-Holstein rund 4.300 Hektar „Wilde Weiden“ – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Hier werden die Vierbeiner als „lebende Rasenmäher“ auf vier Hufen eingesetzt. Ihre Bedeutung für die Beweidungsprojekte geht jedoch weit darüber hinaus, denn die Tiere sind ein natürlicher Bestandteil des Ökosystems. Entscheidend sind aus naturschutzfachlicher Sicht die Strukturveränderungen, die durch die Weidetiere bei ganzjähriger Freilandhaltung mittels Verbiss, Scheuern, Tritt und Kotproduktion langfristig erreicht werden.

Zottelig, zäh und ziemlich gefräßig räumen die wild lebenden Pferde 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr draußen auf. Durch ihre Vorlieben und ihr Verhalten gestalten die Weidetiere die Landschaft so wie einst. Dabei fühlen sie sich sowohl in lichten Kieferwäldern als auch in Auenlandschaften sowie in sumpfigen Feuchtgebieten wohl. Sie fressen vor allem Gras, das sie im Gegensatz zum regelmäßigen Mähen oder einer intensiven Beweidung unregelmäßig und unterschiedlich verbeißen. Zwar sind so in der Regel weniger Blüten vorhanden, die gesamte Blühdauer wird aber um das bis zu Dreifache verlängert. Das wirkt sich positiv auf blütenbesuchende Insekten aus. Dort, wo sie das Gras bis zur Narbe abgeweidet haben, entstehen offene Flächen, die seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten einen neuen Lebensraum bieten. Da sich die Pferde frei auf den Flächen bewegen können, fördern sie zudem durch den Transport von Samen über Fell und Verdauungstrakt den Artenaustausch zwischen einzelnen Gebieten.

Freigehege bieten nur einer bestimmten Anzahl an Tieren Platz. Bei einer Überpopulation werden Pferde verkauft


Neuer Lebensraum

Neben Gras zählen Schilf, Brennnesseln, Disteln, Brombeeren, kleine Triebe von Bäumen und Sträuchern sowie frisches Laub zu ihrem Speiseplan. Vorwiegend im Winter schälen sie zusätzlich die Rinden einiger Bäume und decken damit auf natürliche Weise ihren Bedarf an Mineralstoffen. Durch den Verbiss sterben jedoch die Bäume ab. Das sehen Naturschützer aber positiv. Denn so erhöht sich langfristig der Anteil von Totholz in einem Gebiet. Neue Kleinlebensräume und Bruthöhlen entstehen, worauf wiederum zahlreiche hochspezialisierte Insektenarten oder Vögel, wie der Specht, angewiesen sind. Weil die Weidetiere auch die Uferbereiche von Gehölzbewuchs freihalten, sichern sie langfristig den Fortpflanzungserfolg von Amphibien wie Kröten, Fröschen und Molchen. Die räumlich unterschiedliche Beweidungsintensität schafft daher eine Strukturvielfalt, wie es keine Maschine der Welt vollbringen könnte.

Zusätzlich entstehen durch die Huftritte der Pferde kleine Verletzungen an der Grasnarbe, in denen viele lichtliebende Pflanzenarten keimen können. Nicht zu vergessen ist das Suhlen im Matsch oder Wälzen im Sand. Auch das schafft eigene Mini-Biotope. In den schwächer beweideten Teilflächen entstehen darüber hinaus Pfade, die auch von anderen Tieren genutzt werden. Sogar die Hinterlassenschaften der Pferde sind mehr als stinkende schwarze Haufen. Dungkäfer besiedeln die Pferdeäpfel, die zahlreiche Insekten anlocken. Diese wiederum dienen verschiedensten Vogelarten als Nahrung.

In der Regel werden Pferde und Rinder gemeinsam als vierbeinige Landschaftspfleger eingesetzt. Der Grund? Sie haben andere Speisepläne, unterschiedliche Fresstechniken und Verhaltensweisen. So beißen Pferde z. B. die Halme direkt über dem Boden unregelmäßig ab, während Rinder ihre Nahrung mit der rauen Zunge ruckartig abreißen. Dabei fressen sie die Pflanzen gleichmäßig bis etwa zwei Zentimeter über dem Boden ab. Pferd und Rind wirken daher unterschiedlich auf die Vegetation ein.

Ohne Menscheneinfluss

Die Tiere leben in der Regel autark, also ohne Einfluss des Menschen. Ganzjährig im Freien lebend, kommen sie selbst im Winter normalerweise ohne Zufütterung zurecht. Sie scharren den Boden frei, um an das darunterliegende Gras zu gelangen und zertreten mit den Hufen das Eis auf Wasserflächen, um zu trinken. Manchmal stehen ihnen auch Tränken zur Verfügung, für die eigens Brunnen gebohrt wurden. Als Unterstand genügt ihnen ein Wald oder dichtes Buschwerk. Nur in strengen Wintern mit geschlossener Schneedecke oder bei langen Trockenperioden wird Heu zugefüttert.

Da sich einzelne Pferde nicht so leicht einfangen lassen, kommen sie nur bei schweren Verletzungen und Erkrankungen in tierärztliche Behandlung. Durch Bisse und Tritte entstandene Wunden heilen häufig von allein. Wird ein anhaltendes Leiden beobachtet, das keine Aussicht auf Heilung hat, wird auch die Entscheidung, ein Tier einzuschläfern, gefällt. In seltenen Fällen werden die Hufe bei einzelnen Tieren von einem Hufschmied gekürzt. Meist bricht zu lang gewordenes Horn von selbst ab. Darüber hinaus bleiben die zähen Tiere – abgesehen von gelegentlichen Sichtkontrollen oder Impfungen – weitgehend vom Menschen unbehelligt. Einziges Bauwerk neben der Einzäunung ist daher meist nur eine Fanganlage.

Wilde Pferde kaufen

Die Fohlen kommen ohne menschliche Begleitung unter freiem Himmel zur Welt. Damit es in den einzelnen Beweidungsprojekten, die ja nur eine bestimmte Flächengröße bieten können, nicht zu Überpopulationen kommt, werden junge Tiere (meist im Alter von ein bis zwei Jahren) regelmäßig aus zu groß gewordenen Herden herausgefangen. So wird u. a. Rivalitäten unter Hengsten, die böse ausgehen könnten, vorgebeugt. Wer Interesse an einem Wildpferd hat, kann sich bei den jeweiligen Verantwortlichen der Pferdeherde melden. Die Vierbeiner eignen sich gut zum Freizeitreiten oder Fahren. Nicht selten werden sie aufgrund ihres Gemüts als Therapiepferde eingesetzt. Finden sich keine geeigneten Käufer, werden die Tiere geschlachtet. Die Schlachtmöglichkeit ist bei vielen Beweidungsprojekten von vorneherein mit eingeplant worden, auch wenn die Abgabe an Pferdehalter bevorzugt wird.

Wer die wilden Pferde in Deutschland besuchen möchte, findet in den jeweiligen Naturschutzgebieten meist ein umfangreiches Netz aus unbefestigten Wegen und Hinweisschilder mit Informationen zu den Weidelandschaften und der Landschaftsentwicklung vor. Manchmal werden auch Führungen zu den Herden angeboten. Wichtig zu wissen: Die Vierbeiner sind keine Streicheltiere, füttern ist streng verboten, und Besucher sollten mindestens 25 Meter Abstand von den Vierbeinern halten. Daher ist es ratsam, zur Beobachtung ein Fernglas dabei zu haben.

Vorreiter der deutschen Beweidungsprojekte ist übrigens unser Nachbarland, die Niederlande. Hier sind insgesamt 45.000 Hektar als Schutzgebiete ausgewiesen. Oostvaardersplassen etwa, das Projekt am Ijsselmeer nahe Amsterdam, ist eines der unberührtesten Naturgebiete Europas. Hier weiden auf 6.000 Hektar rund 1.000 Koniks, 400 Heckrinder und 900 Rothirsche. Die Fläche im Merfelder Bruch, in dem Deutschlands größte wilde Pferdeherde lebt, ist nur 400 Hektar groß. Von niederländischen Dimensionen lässt sich in Deutschland daher bisher nur träumen.

PRZEWALSKI

Das Przewalski-Pferd ist das weltweit einzige Wildpferd, das bis heute in seiner ursprünglichen Form existiert. Es war früher in allen kargen Steppengebieten und Hochebenen Eurasiens weit verbreitet. Dank intensiver Zuchtbemühungen und erfolgreichen Auswilderungen wurde der Erhalt der Rasse bis heute gesichert. Es hat eine Größe von 120 bis 146 Zentimetern und besitzt eine graugelbe oder isabellfarbene Fellfärbung, einen Aalstrich und Beinstreifen.

KONIK

Das Konik stammt ursprünglich aus Polen (Polnisch, bedeutet „kleines Pferd“ oder „Pferdchen“) und ist eine Ponyrasse aus dem mittel- und osteuropäischen Raum. Koniks sind graufalbene Pferde mit dunklem Aalstrich und dunklen Beinen. Mitunter sind Fesselstreifen und ein schwach ausgeprägtes Schulterkreuz an ihnen zu erkennen. Ihre Größe beträgt zwischen 130 und 140 Zentimetern. Sie sollen Nachfahren des Tarpans sein, der ausgerotteten westlichen Form des eurasischen Wildpferds.

EXMOOR-PONY

Das Exmoor-Pony ist eine englische Ponyrasse, die einem weitgehend unverkreuzten wilden Pferdetypus angehört, der einst über ganz Großbritannien verbreitet war. Es ist die am längsten zurück verfolgbare wilde Pferdepopulation Europas. Die Fellfarbe des Exmoor-Ponys ist Schwarzbraun, welche in Schattierungen von beige-bräunlich bis zu dunkelbraun-schwarz reicht. Die meisten Tiere werden zwischen 115 und 130 Zentimetern groß.

DÜLMENER

Als Dülmener Wildpferde werden alle Kleinpferde bezeichnet, die im Merfelder Bruch geboren sind und dort leben oder aus ihm veräußert wurden. Dülmener nennt man Kleinpferde, die außerhalb der Herde (aus Privathand) gezogen werden. Es ist die älteste Pferderasse Deutschlands, die bereits 1316 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Sie wird 125 bis 135 Zentimeter groß. Es gibt sie in allen Farbvariationen mit Wildzeichnungen. Vorherrschend ist aber eine braun- oder graufalbe Färbung.

LIEBENTHALER

Die Liebenthaler Pferde gehen auf einen Versuch des bayrischen Verhaltensforschers Jürgen Zutz zurück, den Tarpan aus Koniks und Norwegern zurückzuzüchten. Nach seinem Tod 1996 kaufte das Land Brandenburg die damals 87-köpfige Herde, die später von der Gemeinde Liebenthal übernommen wurde. Heute ist die Stadt Liebenwalde Eigentümer der Tiere.
Die Größe der Graufalben variiert zwischen 130 bis 145 Zentimetern.


Fotos: IMAGO/ imagebroker (3)/ Andreas Krone (1), pa/ Henning Kaiser (1)/ Patrick Pleul (1)/ Alessandra Sarti (1)