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PFERDE, DIE OLYMPIA PRÄGTEN


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 110/2021 vom 08.10.2021

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1912: CLONMORE - EIN PFERD FÜR ALLE DISZIPLINEN

Zwar gab es schon bei zwei vorangehenden Olympischen Spielen – 1900 in Paris und 1908 in London – Teilnehmer in Reitsport- Wettkämpfen, allerdings nicht in den heute bekannten klassischen Disziplinen. Vielmehr trat man im Hoch- und Weitsprung zu Pferde, im „Preisspringen“ und Polo an. Mehr als 24 Reiter und Pferde waren jeweils nicht dabei, von daher waren die Teilnehmerfelder mehr als überschaubar.

Bei den Spielen in Stockholm waren erstmals die Reiter offiziell in den Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit vertreten. Herausragende Akteure, die bis heute in Erinnerung blieben, gab es noch nicht. Jedoch sahnte Schweden bei den „Heimspielen“ alle Medaillen in der Dressur sowie Einzel- und Mannschaftsgold in der Vielseitigkeit und Mannschaftsgold im Springen ab. Für Deutschland gab es dreimal Silber und einmal Bronze. Noch ...

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... beachtlicher war jedoch die Leistung des Pferdes Clonmore unter dem belgischen Kapitän Baron Emmanuel de Blommaert. Die beiden traten in allen drei Disziplinen an und sicherten sich im Springen die Einzelbronzemedaille. Eine Leistung, die heute wohl wahrlich unvorstellbar wäre. Der Gehorsamssprung in der Dressur, der bis 1920 Pflicht war, sollte für dieses Pferd seinerzeit sicherlich kein Problem dargestellt haben. 1916 wurden die Spiele aufgrund des Ersten Weltkrieges nicht ausgetragen, 1920 gab es keine deutschen Teilnehmer, das Gleiche gilt für die Spiele 1924.

1928: EIN DRAUFGÄNGER FÜR DIE GE- SCHICHTSBÜCHER

Wenn ein Pferd „Draufgänger“ heißt, dann kann man sicherlich so einiges von ihm erwarten. Zum Beispiel Doppelgold in der Dressur bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 unter seinem Reiter Carl Friedrich Freiherr von Langen. Der Reiter trat nicht nur in der Dressur, sondern mit seinem anderen Pferd Falkner, seines Zeichens zweimaliger Derby-Sieger, auch im Springen an. Während es dort keine Medaille gab, ging in der Dressur der Weg nur an Draufgänger vorbei. 13 Minuten dauert die Prüfung seinerzeit, für Zeitüberschreitung gibt es Fehlerpunkte.

Draufgänger ist erst sieben Jahre alt und ein Hannoveraner. Fehlerfrei reiten die beiden nicht, doch zeigen sie „einen wunderbaren Schwung [...] und eine peinliche Exaktheit im Zeigen einer immer richtigen Stellung“, wie es der große Gustav Rau beschrieben hat.

Die Geschichte von Langens endet tragisch. Er wird SA-Sturmbannführer und von den Nationalsozialisten später durch den Film „... reitet für Deutschland“ verklärt. Das erlebte von Langen allerdings nicht mehr. Er starb an den Folgen eines Sturzes bei einem Military- Wettkampf. Der Sitz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in Warendorf in der Freiherr-von-Langen-Straße 13 erinnert bis heute an diesen Mann.

1936: TORA, NURMI UND KRONOS DOPPELGOLD AUF DEM WEG IN DEN UNTERGANG

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin können nicht ohne einen dramatischen Beigeschmack beschrieben werden. Die Machtübernahme hatte bereits stattgefunden, der Zweite Weltkrieg war nur noch eine Frage der Zeit und die Spiele von Berlin geprägt von einem absurden Schauspiel der Machtdemonstration. Dennoch muss die große Leistung von Reitern und Pferden anerkannt werden.

Alle drei Mannschaften holten Gold. Darüber hinaus gingen auch alle Einzel-Goldmedaillen nach Deutschland. In der Vielseitigkeit waren es Nurmi und Kapitän Ludwig Stubbendorff, die sich Doppelgold sicherten.

In der Dressur war es mit 28 Jahren der jüngste Reiter im deutschen Team, Oberstleutnant Heinz Pollay, der sich auf dem achtjährigen Ostpreußen Kronos Doppelgold sicherte. Der Vorsprung auf den Teamkollegen Friedrich Gerhard auf dem zehn Jahre alten Absinth war mit 15 Punkten enorm groß. Bemerkenswert zudem: Sowohl Kronos als auch Absinth waren Söhne des Hengstes Carol. Beide wurden außerdem von dem berühmten Ausbilder Otto Lörke trainiert.

Im Springen gewinnen Tora und Oberstleutnant Kurt Hasse Doppelgold. Die Parcours sind schwer und ohne Abwurf kommt keiner durch.

Am Ende schaffen es zwei Paare, mit nur einem Abwurf in ein Stechen um Gold einzuziehen. Neben Hasse ist es der Rumäne Henri Rang auf Delfis. Nahezu unglaublich ist der zeitliche Abstand, mit dem Tora und Hasse zum Sieg galoppieren: 13,6 Sekunden sind es. Auch so etwas hat es später nicht mehr gegeben. Die Pferde überlebten wohl teilweise die Reiter. Stubbendorff starb 1941 an der Ostfront, Hasse 1944 ebenfalls auf russischem Territorium. Einzig Heinz Pollay überlebte den Zweiten Weltkrieg und wurde Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft. Er trat 1952 nochmals bei den Olympischen Spielen in der Dressur an und gewann Mannschaftsbronze.

1956 UND 1960: UNVERGESSENE HALLA

Beim Namen Hans Günter Winkler fällt einem als Pferdefreund wohl wenig mehr ein, als ziemlich andächtig zu staunen, ob dem, was dieser Mann geleistet hat.

Damit sind nicht nur die Olympischen Spiele gemeint, bei denen er nicht weniger als fünf Goldmedaillen gewann. Es ist auch die Art und Weise, wie sich Winkler bis zu seinem Tod im Jahre 2018 für den Reitsport engagierte. Mit seinem HGW- Nachwuchs-Championat und anderen Veranstaltungen förderte er junge Talente wie kein Zweiter.

Seine besondere Heldentat bei Olympischen Spielen wird immer jener Ritt von Stockholm im Jahre 1956 bleiben. 1952, als Deutschland erstmals nach dem Krieg wieder hatte teilnehmen dürfen, war Winkler bereits Feuer und Flamme gewesen für die Spiele. Doch damals hatte man ihm die Teilnahme als Berufssportler verweigert – Regeln, die in der damaligen Zeit noch gültig waren. Nach diesem Rückschlag war die Freude über die Teilnahme in Stockholm 1956 umso größer für den erst 30 Jahre alten Winkler, der zuvor mit seinem Spitzenpferd Halla, die aus einem im Krieg eroberten Beutepferd und einem Traberhengst gezogen wurde, bereits zwei Weltmeistertitel hatte einheimsen können.

Dass die Paarung eine Besondere war, wussten fast alle Konkurrenten und hatten dementsprechend Respekt. Doch im ersten Durchgang der Entscheidung in Einzelund Mannschaftswertung zog sich Winkler bei einem brachialen Sprung von Halla über einem der (heute über-)mächtigen Hindernisse einen Muskelriss zu. Obwohl er bereits während dieses Rittes Schmerzen hatte, schafften es Reiter und Pferd fehlerlos ins Ziel. Zum Mythos wurde Winkler allerdings dadurch, dass er auch im zweiten Umlauf antrat und erneut auf Stute Halla eine fehlerfreie Runde lieferte.

Winkler hatte aufgrund der Verletzung kaum Möglichkeiten, vor den Sprüngen zu korrigieren. HGW bezeichnete Halla später selbst als ein Pferd, das „lesen und schreiben konnte“. Sie wurde zur Legende und erreichte ein stattliches Alter von 34 Jahren. 1960 war sie noch einmal bei Olympischen Spielen angetreten und erneut zur Mannschafts-Goldmedaille und im Einzel auf Platz fünf gesprungen. Winkler wurde vielfacher „Sportler des Jahres“, Fahnenträger bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 und gewann noch mit drei weiteren Pferden olympische Medaillen. So berühmt wie Halla sollte jedoch keines mehr werden, so legendär wie der Ritt von Stockholm kein anderer.

1968 UND 1972: LEGENDÄRE PIAFF

Noch heute kennt man sie: Piaff. Denn die berühmte Nachwuchs-Veranstaltung „Piaff-Förderpreis“ ist nicht etwa nach der „Piaffe“ benannt, sondern eben nach dieser Stute, welche die Olympische Dressurgeschichte in den Jahren 1968 und 1972 so enorm prägte. Erstmals waren Frauen 1952 bei den Spielen im Reitsport angetreten. Damals dabei im deutschen Dressur-Bronze-Team: Ida von Nagel und Afrika. Über eine Einzelmedaille freut sich die an Polio erkrankte Dänin Lis Hartel auf Jubilee, welche die Muskeln in den Unterschenkeln nicht mehr bewegen kann, und vollbringt damit eine ganz besondere Leistung.

Liselott Linsenhoff reitet 1956 in Stockholm erstmals für Deutschland ins olympische Dressurviereck. Es gibt Mannschaftssilber und Einzelbronze auf Adular. Silber sichert auch in diesem Jahr das zusammengeschweißte Paar Hartel und Jubilee. 1968 ist Linsenhoff dann wieder mit von der Partie. Dieses Mal auf dem legendären schwedischen Fuchshengst Piaff, der zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt ist. Mannschaftsgold gibt es bei den „Regen-Spielen“ von Mexico City. Und 1972, zuhause in München vor der Kulisse von Schloss Nymphenburg, können Piaff und Linsenhoff dem Ganzen die Krone aufsetzen: Nach Mannschaftssilber folgt die Einzel-Goldmedaille. Es ist die erste, die eine Frau im Reitsport jemals gewonnen hat. Vergeben wird der Sieg in einer „Stechaufgabe“.

1976 UND 1980: TRAGISCHER HELD VOLTURNO

In den 70er Jahren waren Otto Ammermann und der Oldenburger-Hengst Volturno Stars der Szene. Heute ist Ammermann 89 Jahre alt ist und wurde mit seinem Pferd 2015 in die Luhmühlener „Hall of Fame“ aufgenommen. Die Olympischen Spiele in Montreal 1976 sollten ein Wechselbad der Gefühle für die beiden werden, denn nach der Dressur lag das Paar auf dem aussichtsreichen dritten Platz. Im Gelände zum Ende der Rennbahn hin ritt Ammermann an einer Lichtschranke zur Zeitmessung vorbei, zahlreiche Zuschauer wiesen ihn durch Rufe darauf hin. Die Offiziellen ließen ihn jedoch fortfahren und durchs Gelände gehen, wo er dann obendrein einen Sturz für sich verbuchte, nach welchem er jedoch nach damaligem Reglement weiterreiten durfte. Nach dem Ritt wurde er wegen fremder Hilfe von außen – die Hinweise der Zuschauer – disqualifiziert. Dennoch konnte sich Ammermann am Ende über die Silbermedaille mit der deutschen Mannschaft freuen – sie dürfte allerdings ein geringer Trost gewesen sein. 1980 wurde das Paar erneut ins Olympia- Team berufen.

Dieses Mal handelte es sich allerdings wegen des Boykotts der westlichen Staaten der Olympischen Spiele in Moskau nur um die Ersatzspiele in Frankreich. Auch dort konnte das deutsche Team erneut eine Silbermedaille mit nach Hause nehmen. Einen „richtigen“ Olympiasieg sollten die beiden damit nicht erleben. Das traurige Ende Volturnos jedoch macht die olympische Geschichte fast nebensächlich. Der Hengst war 20-jährig in die USA zum Decken ausgeliehen worden, wo er schon längere Zeit über viele begeisterte Anhänger besaß. In der Quarantänestation wurde er dort mit Messerstichen in den Bauch getötet. Bis heute ist das komplette Ausmaß des Verbrechens unklar, jedoch geht man davon aus, dass im Mastdarm des Tieres Drogen vermutet wurden, die jedoch im Leib eines anderen Pferdes eingenäht und transportiert worden waren.

1984 UND 1988: DOPPELGOLD MIT CHARISMA

Charisma war er einer der Kleinsten im Sport. Mit nur 1,60 Metern fegte das 1972 geborene neuseeländische Sportpferd durch das Gelände von Los Angeles und vier Jahre später von Seoul. In Los Angeles war sein neuseeländischer Reiter Mark Todd erst 28 Jahre alt. Heute ist er eine der größten Legenden des Sports. Maßgeblich daran beteiligt war der kleine dunkelbraune Wallach Charisma, der ihn zu Einzelgold in L.A. und in Südkorea trug. Charismas Vater war ein Vollblüter, die Mutter ein Welsh-B-Pony.

Das Pferd wurde Mark Todd 1983 zu Verfügung gestellt, doch trotz der Goldmedaille sollte es 1985 an einen anderen Reiter verkauft werden.

Diese Reiterin, Lizzie Purbrick, wusste jedoch, wie Todd an dem Pferd hing und initiierte daraufhin hinter dem Rücken der Besitzerin einen Deal mit Todds Sponsoren, die ihm den Beritt des Pferdes sicherten. Es war wohl ein enormes Glück für dieses eingespielte Paar, denn 1988 kehrten sie zu den Spielen zurück und siegten mit einem Abstand von mehr als zehn Punkten auf die Zweitplatzierten.

Charisma wurde 30 Jahre alt. Mark Todd gewann weitere olympische Medaillen: Silber 1992 mit dem Team, Bronze 2000 im Einzel sowie Bronze 2012 mit dem Team.

1988 UND 1992: REMBRANDT MALT EIN NEUES ZEITALTER

Zarte 21 Jahre war Nicole Uphoff jung, als sie auf dem legendären wie eigenwilligen elfjährigen Westfalen-Wallach Rembrandt zum ersten Mal in Seoul 1988 Doppel-Olympiasiegerin wurde. Dabei hatte die junge Dame noch im Vorfeld die Gemüter erhitzt, wie sie selbst berichtet: „In Seoul bin ich mit Remmi nachmittags noch mal Schritt auf der Rennbahn geritten und hatte dabei nur eine Reithose mit Jodpur stiefeln an. Als ich zurückkam, bekam ich einen fürchterlichen Anraunzer, weil man so gekleidet nicht auf Olympischen Spielen reiten würde! Ich war sauer, da man morgens auch schon von mir verlangt hatte, mit Rembrandt Lektionen zu arbeiten, ich aber der Meinung war, dass er noch weiter gymnastiziert werden musste. Das Ergebnis daraus war, dass er schlecht ging.

Also beschloss ich nach diesen Ereignissen, an diesem Tag nach Hause zu fliegen. Meine Pflegerin sollte Remmi bis zum Abflug weiterbewegen. Ich meinte es in diesem Moment richtig ernst damit, da ich mir völlig fehl am Platz vorkam. Ich fuhr zum Hotel und fing an, meinen Koffer zu packen, als Reiner Klimke anrief und mir sagte, er würde auf mich wie ein Vater aufpassen, wenn ich denn nur bleiben würde. Das bewegte mich sehr. Wir einigten uns darauf, und er nahm wirklich die Vaterrolle an, und alle ließen mich mit Rembrandt arbeiten, wie ich es meinte! Was dabei dann herauskam, ist ja bekannt.“

Es sollte eine neue Ära sein, welche die beiden einläuteten.

Mehr Athletik im Pferd, jüngere Reiterinnen sollten die folgenden Jahre prägen. Bei den beiden Goldmedaillen aus Seoul blieb es nicht für Rembrandt. Vier Jahre später wiederholte das Traumpaar seinen Erfolg und sicherte sich in Barcelona, gereifter, aber nicht weniger schwungvoll erneut Einzel- und Teamgold.

1988: THE FREAK – UNTER FREMDEM REITER ZU GOLD

1988 in Seoul war Ludger Beerbaum „jugendliche 24“ und schon bei den ganz Großen dabei. Die Reiter und Pferde hatten eine lange Reise hinter sich und nicht jeder akklimatisierte sich schnell nach dem Trip nach Südkorea. Kurz vor dem Nationenpreis kam der Schock: der elfjährige Holsteiner Landlord von Beerbaum ging plötzlich nach einem Trainingsspringen lahm. Man beschloss, dass Beerbaum auf Dirk Hafemeisters Ersatzpferd, den zwölfjährigen niederländische Wallach The Freak, umsteigen darf. Nach damaligen Regeln war dies noch möglich. Noch nie war der Reiter jedoch auf diesem Pferd gesessen. Eine halbe Stunde vor Meldeschluss entschied man trotzdem: Das passt!

Beerbaum schaffte die Sensation: Lediglich Zeitfehler wanderten in Runde eins auf sein Konto, im zweiten Umlauf war es ein Abwurf. Eine große Leistung, auch in Anbetracht der Tatsache, dass Frankreich mittlerweile Protest gegen den Pferdewechsel eingelegt hatte und dieser über allem schwelte. Dem Protest wurde schlussendlich jedoch nicht stattgegeben: Am Ende des Tages jubelte der junge Beerbaum gemeinsam mit Dirk Hafemeister, Franke Sloothaak und Wolfgang Brinkmann über sein erstes Mannschaftsgold.

1992 UND 1996: CLASSIC TOUCH UND RATINA Z – ZWEI STUTEN PRÄGEN DIE SPIELE

In Barcelona 1992 erlebte einer der größten deutschen Springreiter, Ludger Beerbaum, eine enorme Achterbahnfahrt der Gefühle. Noch kurz vor den Spielen musste er am Meniskus operiert werden, wurde jedoch rechtzeitig fit. Mit der erst achtjährigen Holsteinerin Classic Touch war er am Start und das junge Pferd legte im Nationenpreis zunächst eine herausragende Nullrunde hin. Auch in der zweiten Runde wirkte sie zunächst routiniert, doch an Sprung drei schlug das Schicksal zu. Nach dem Überqueren riss der Nasenriemen des Hackamores. Beerbaum musste von Classic Touch aus vollem Galopp abspringen, die danach noch einige Runden um den Parcours in einer „Sondervorstellung“ galoppierte. Da auch die anderen Deutschen erhebliche Fehler gemacht hatten, gab es keine Mannschaftsmedaille. Die holten sich in Gold die Niederländer, in deren Team die Hannoveraner-Stute Ratina Z, eine Tochter des legendären Ramiro Z, unter ihrem Reiter Piet Raijmakers besonders herausragte. Am Schlusstag spielte das Wetter in Barcelona so gar nicht mit: Wind, Regen, ungewöhnlich für Spaniens Sommer. Die Hindernisse wurden mehrfach einfach aus dem Nichts umgeblasen, der Platz war von Pfützen übersät, sodass man den Wassergraben kaum noch erkennen konnte. Beerbaum legte – gerade beruhigte sich das Wetter nach mehrmaligem Verschieben des Springens – die erste Nullrunde des Tages vor. Eine zweite folgt in Runde B. Das Resultat: Gold im Einzel und großer Jubel auf endlosen Ehrenrunden. Silber holten sich Piet Raijmakers und Ratina Z, die einmal mehr ihre enorme Qualität unter Beweis stellte.

Nach den Spielen ging Classic Touch geplant an ihren Besitzer Ralf Schneider zurück. Dessen Vater sicherte als Sponsor seinem Stallreiter Ludger Beerbaum für einen damals enorm hohen Betrag von über zwei Millionen D-Mark jedoch Ratina Z. Bei den kommenden Spielen 1996 in Atlanta ritt Beerbaum auf Ratina Z zu Mannschaftsgold. Eine Verletzung, die sich später als ziemlich schwerwiegend herausstellte und längere Pause erforderte, verhinderte die Teilnahme am Einzel. 2007 war das Paar zurück und gewann Einzel- und Mannschaftsgold bei den Europameisterschaften in Mannheim.

Insgesamt kam Beerbaum auf vier olympische Goldmedaillen und einmal Bronze. Dann sagte er den Championaten nach Rio 2016 „Tschüss“.

1992, 1996 UND 2000: GIGOLOS TRAUMSTUNDEN

Isabell Werth blickt auf olympische Medaillen ohne Ende: Teamgold 1992, 1996, 2000, 2008, 2016, 2021, Einzelgold 1996, Einzelsilber 2000, 2008, 2016 und 2021.

Den größten größten Triumph feierte sie 1996 in Atlanta. Damals zählten die Ergebnisse aus Grand Prix, Grand Prix Special und Kür zusammen für die olympische Goldmedaille im Einzel. Nachdem Werth und ihr Hannoveraner Fuchswallach Gigolo FRH den Grand Prix souverän gewonnen hatten, zeigten sie im Special ungewohnte Schwächen. Nach Aussetzern in den Einerwechseln und einer misslungenen Galopp-Pirouette am Schluss der Schreck, da Gigolo stolperte und fast hinfiel. Werth betonte später, dass sie selbst in ihrer Übermotivation in dieser Prüfung beinahe die sicher geglaubte Medaille verspielt hätte. Doch am Ende überzeugte das Paar in der Kür derart, dass der eigentlichen Kürspezialistin und Favoritin Anky van Grunsven auf ihrem Oldenburger- Wallach Bonfire nur das Nachsehen blieb. Isabell Werth und Gigolo tanzten souverän zu Gold.

In Barcelona hatten Werth und der damals erst neunjährige Gigolo ihren ersten großen Auftritt erlebt. Fast hätte es sogar gereicht, um der damals größten Konkurrentin Nicole Uphoff und ihrem Rembrandt das Wasser zu reichen. Am Ende siegte jedoch die Erfahrung und es wurde Silber für den Hannoveraner. Die gleiche Farbe durfte der mittlerweile 17-jährige Wallach 2000 (nach der dritten Mannschafts-Goldmedaille) seiner Sammlung nochmals hinzufügen. Dieses Mal ritt die Niederländerin van Grunsven auf Bonfire verdient und tränenreich zum Sieg. Doch ein Dressurpferd mit vier Olympischen Goldund zwei Olympischen Silbermedaillen: Das hat es vor und nach Gigolo nie gegeben.

2012 UND 2016: „SAM“SALABIM UND VALEGROS TÄNZE

Zwei besondere Pferde prägten die Olympischen Spiele von London und Rio. Da war zunächst Valegro unter Charlotte Dujardin. Praktisch aus dem Nichts tauchten die beiden 2011 auf. Der Aufstieg der 1985 geborenen Britin und des damals Neunjährigen dauerte nur Wochen: Im Sommer ritten Dujardin und Valegro mit dem britischen Team erstmals zu EM-Gold und ließen den deutschen Reitern keine Chance.

Im Einzel reichte es damals noch nicht zu einer Medaille. Doch ein Jahr später hieß es: Doppel-Olympiagold für Dujardin und den im Stall nur als „Blueberry“ bekannten Wallach. In Rio wiederholte das Paar den Einzelsieg, mit der Mannschaft wurde es dieses Mal Silber hinter Deutschland. Doch an den 93,857 Prozent in der Einzelwertung kam niemand vorbei, und Dujardin entschied, ihren Liebling nach dieser Leistung mit nur 14 Jahren in den sportlichen Ruhestand zu verabschieden.

Mindestens genauso prägend waren die Ritte von Michael Jung und La Biosthetique Sam FBW. 2009 waren die beiden erstmals gemeinsam auf einem Championat in Erscheinung getreten und hatten sich Einzelbronze gesichert. Bei jener EM in Fontainebleau war Sam erst neun Jahre alt. Ein Jahr später gab es Einzelgold bei den Weltreiterspielen und 2011 Einzel- und Mannschaftsgold bei der Heim-EM in Luhmühlen. Die beiden waren zweifellos die Favoriten in London, doch diesem Druck auch standzuhalten und Doppelgold nach Hause zu reiten:

Das ist eine Leistung, die erst einmal gelingen muss.

Für die Olympischen Spiele in Rio war der mittlerweile 16 Jahre alte Sam dann nicht mehr erste Wahl von Jung. Eigentlich hatte der jüngere Takinou antreten sollen, war jedoch wegen eines Infekts ausgefallen. Sam löste die Aufgabe bravourös.

Mannschaftssilber und Einzelgold beendeten die Championatskarriere eines ganz Großen.