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Pflegeleichte Summ- Brummoa &sen


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 07.09.2020

Täglich Besuch bekommen von farbenfrohen Schmetterlingen, drolligen Hummeln und fleißigen Wildbienchen? Ein Garten, in dem sich Insekten wohlfühlen, macht Freude und kann weitaus weniger Arbeit bedeuten, als viele glauben. Genau genommen braucht es sogar eher ein wenig Mut zum Nichtstun. Was genau die kleinen Krabbler mögen, haben wir uns an echten Insekten-Wohlfühlorten angesehen.


Gärten ohne viel Aufwand insektenfreundlich gestalten

Wohl kaum jemanden stimmt es nicht sorgenvoll, wenn das drastische Schwinden der Insekten diskutiert wird - um über 75 Prozent ist ihre Biomasse in Deutschland von 1990 bis ...

Artikelbild für den Artikel "Pflegeleichte Summ- Brummoa &sen" aus der Ausgabe 4/2020 von Sonah. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sonah, Ausgabe 4/2020

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... 2017 gesunken („Krefelder Studie“). Leise und unbemerkt sterben sie und als Folge auch Vögel, Reptilien und andere Tiere, denen sie als Nahrung dienen. Die schwindende Artenvielfalt bedroht durch die sinkende Bestäubungsleistung auch die Lebensgrundlage der Menschen. Laut Experten ist es höchste Zeit, umzusteuern - in unseren heimischen Gärten können wir dies unkompliziert umsetzen und uns damit gleichzeitig selbst etwas Gutes tun. Denn ein naturnaher Garten voller Pflanzen und voller Leben ist ein wahrer Wellness-Tempel und wichtiger für uns als uns oft bewusst ist. Das Grün entspannt und belebt, außerdem kann man inmitten von Blättern und Blüten immer wieder interessante Entdeckungen machen. Ein solcher Garten verbessert die Luft, dämpft Lärm aus der Umgebung, kühlt im Sommer, mindert das Risiko von Überschwemmungen und hat viele weitere Vorteile. Wir wollen einige Wege aufzeigen, wie ein solches Paradies mit geringem Aufwand möglich ist. Einige davon kann man auch für Balkon-Oasen anwenden.

Ist mein Garten denn so wichtig?

Der ländliche Raum wirkt auf den ersten Blick optimal für Insekten. Ist es nicht überall grün? Wie soll da das eigene Grundstück überhaupt ins Gewicht fallen? Der Eindruck täuscht: Viele private Grünflächen bieten kaum Lebensraum - das Gärtnern im Einklang mit der Natur, das für die Pflanzen optimal und für die Tierwelt verträglich war, scheint in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten zu sein. Andere weite Flächen werden landwirtschaftlich genutzt und geschieht dies industrialisiert, mit Pestiziden, sind sie meist nahezu leblos, worauf etwa der Weltbiodiversitätsrat hinweist. Auf vielen Äckern und Privatgrundstücken verenden Insekten durch „Pflanzenschutzmittel“ oder verhungern in Folge der Vernichtung der „Unkräuter“. Selbst blühende Mähwiesen für die Heugewinnung sind kein sicherer Lebensraum mehr: Moderne Kreiselmäher mähen schneller und zudem dichter über dem Boden als frühere Mäher, dabei treffen sie Insekten und deren Nistplätze. Eier und Larven werden auch durch weitere Verarbeitungsschritte wie mehrmaliges Wenden des Grases vernichtet. Begründet liegen die Industrialisierungsprozesse der Landwirtschaft in einer gesellschaftlichen Forderung nach Nahrungsmitteln in großen Mengen zu niedrigsten Preisen. Weitere Gründe für das Insektensterben sind generell die Ausbreitung von Wohn- und Gewerbegebieten sowie, dass es in modernen Gebäuden kaum noch Unterschlupfmöglichkeiten gibt. Außerdem nächtliche Lichtquellen, im öffentlichen und privaten Raum: Häufig sind Insekten durch sie derart desorientiert, dass sie sie umkreisen bis sie vor Erschöpfung sterben. Generell führen sie bei den Tierchen zu Verhaltensstörungen bei Nahrungssuche und Paarung.

Insektenhotel am „Schmetterlingsflieder“


Blaue Holzbiene


Flächendeckend besetzte Beete mit Gehwegen und Sitzflächen dazwischen (Elternhaus von Anne und Kathrin Wolf)


Durchschnittlich ist in vom Menschen genutzten, ländlichen Gebieten die Artenvielfalt bereits geringer als in der Stadt.

Bedenken bezüglich naturnaher Gärten

Viele Menschen wollen den Insekten gerne helfen, hadern jedoch mit gewissen Bedenken. So etwa mit der Vorstellung: „Das ist viel Arbeit“ - deshalb haben wir nach Tipps für insektenfreundliche und gleichzeitig pflegeleichte Gärten gesucht. Bedenken Nummer zwei: „Das ist teuer“. Im Gegenteil: Wildpflanzen, die ganz kostenlos sprießen, nützen Insekten besonders viel. Bedenken Nummer drei: „Das sieht unschön und verwahrlost aus.“ Das muss man nicht so sehen. In dem Buch „Das Verstummen der Natur“ weisen die Autoren darauf hin, wie sehr wir uns etwa in abgelegenen Dörfchen der Toskana oder Provence für ursprüngliche Wildheit begeistern können: Bröckelnde Mauern, aus deren Nischen blühende Moose sprießen, verwilderte Ecken an Wohnhäusern, hohe Wiesen mit alten, teils umgeknickten Bäumen. Und überall nehmen wir Düfte wahr sowie Summen und Zirpen… Wir träumen noch davon, während wir wieder auf unseren kurz geschorenen Rasen sitzen, zwischen glatt verfugten Mauern und in Form geschnittenen Gehölzen, wo es immer stiller wird. Fast ist es, als hätten wir vergessen, dass wilde Natur unser natürlicher Lebensraum ist. Die Vorstellung, dass wir die Natur „aufräumen“ und „sauber halten“ müssten, hat sich seit einigen Jahrzehnten verfestigt.

Natternkopf


Kathrin und Anne Wolf im „Blackbox“-Garten.


Selbstverständlich ist eine gewisse Pflege in einem Garten, der auch als Freizeitbereich dienen soll, notwendig, aber ebenso brauchen wir ein bisschen Mut zur Ungepflegtheit - dazu, der Natur Freiräume zuzugestehen. Und was kann man darüber hinaus tun? Dazu wollen wir uns ein paar Insekten-Wohlfühlorte ansehen und mit den Gestaltern dahinter sprechen.

Heimische Arten und ungefüllte Blüten

Zunächst führt uns der Weg nach Wemmetsweiler, zu „Pflanzen & Gestalten Dörrenbächer“. Dass hier ein Geist weht, der mit Gartenabteilungen herkömmlicher Baumärkte wenig gemein hat, merkt man schnell bei einem Spaziergang über die Anlage. Die gesamte Entwicklung vieler angebotenen Pflanzen vom Sprössling an kann man hier mitverfolgen und sich in Beeten und Nutzgartenflächen ansehen, unter welchen Bedingungen sie gedeihen und wie sie herangewachsen aussehen. Die wunderschön üppig bis wild wirkenden Flächen begeistern auch Insekten, die überall geschäftig in den Blüten strampeln. Einem besonderen Konzept folgt der „Blackbox-Garten“ (siehe unten), der sein Gesicht ständig verändert. Auf einer Wiese agieren Schafe als sanfte „Mäher“, Indische Laufenten watscheln umher, beauftragt, im Freiland die Schnecken wegzufressen. Denn Gifte sind hier tabu, das ist den Inhaberinnen wichtig: „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir und unsere Kunden uns wohlfühlen können“, erklären die Schwestern Kathrin Wolf, Gärtnermeisterin, und Anne Wolf, Floristmeisterin. Die Schädlinge halte man vor allem dadurch im Zaum, dass man ihre natürlichen Fressfeinde anlocke, indem man zahlreiche insektenfreundliche Pflanzen anbiete. Hier weiß man also bestens Bescheid, welche Pflanzen bei Insekten beliebt sind: „Wichtig ist, dass die Blüten ungefüllt sind“, erklärt Kathrin. „Bei gefüllten Blüten sind die Staubblätter zu zusätzlichen Blütenblättern umgezüchtet. Sie verlieren so die Fähigkeit, Pollen und Nektar zu erzeugen und sind für Insekten wertlos.“ Außerdem müssten die Pflanzen auch Larven Futter bieten, was vor allem bei einheimischen Arten der Fall sei. „Auf ihnen sollte in jedem Garten der Schwerpunkt liegen“. Ein paar Exoten fürs Auge seien dann auch erlaubt und könnten Insekten sogar helfen: „Bei den meisten einheimischen Pflanzen neigt sich die Blüte im Sommer dem Ende zu. Standortfremde, insektenfreundliche Arten können jedoch Nahrung bis in den Herbst bieten.“ Wichtig sei, dass sie heimische Ökosysteme nicht störten. Und welche Arten konkret sollte man für Insekten anpflanzen? Kathrin empfiehlt eine Zusammenstellung mit verschiedenen Blühzeiten: „Glockenblumenarten sind im Frühling mit die ersten, die blühen. Es folgen Astern, Mädchenauge und Lavendel. Bei Katzenminze kann ein Rückschnitt eine zweite Blüte im Herbst bewirken.“ Die Schwestern sehen sich in der Verantwortung, die vielfach vergessene Gartenkultur vorzuleben und vor allem, den Trend der Steingärten, die sie „keimfreie Kiesgräber“ nennen, zu bremsen. Ein richtig angelegter Garten, erklären sie, könne pflegeleicht sein.

Von steril zu lebensspendend

So hat etwa Christoph Bernd seinen Garten gleichzeitig insektenfreundlich und pflegeleicht umgestaltet: Als er sein Elternhaus in Kleinottweiler bezog, sah er sich mit einem „typischen 70er-Jahre-Garten“ konfrontiert. „Nur Rasen und einige Nadelbäume. Hier hat so gut wie nichts gelebt.“ Viel Arbeit machte der Traum steriler Rechtwinkligkeit auch noch. Es gab es viel zu mähen, im Slalom um die Gehölze herum. Also legte der Feldbiologe großzügige Beete an sowie Teiche - von kahl bis bewachsen, jedoch ohne Fische, da diese die Larven von natürlichen Ansiedlern wie Lurchen und Libellen fressen. Heute sind allerlei Insekten und andere Bewohner vertreten, auch außergewöhnlichere Arten wie die Blaue Holzbiene, zudem alle vier in Deutschland vorkommenden Molcharten. Ein Wandel, der sogar ausgezeichnet wurde, mit dem ersten Preis beim Möbel-Martin-Naturschutzpreis. Die Wespen seien übrigens ganz friedlich, erklärt Christoph Bernd. Sie interessieren sich kaum für Zweibeiner, sind vielmehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt: Zwei Feldwespen machen gerade auf einem Seerosenblatt Halt zum Trinken, eine Solitärwespe arbeitet an ihrem Lehmbruch, an dem sie seit Tagen Baumaterial abträgt. „Wenn man Lebensräume schafft, kommen die Tiere auch“, sagt Christoph Bernd. Vorausgesetzt, es gebe „Trittsteine“, über die sie zuwandern könnten - ein weiterer Grund, warum naturnahe Gärten so wichtig seien. Wie er erklärt, hat er mit seinem insektenfreundlichen Garten nun viel weniger Arbeit. Die zu mähende Fläche ist kleiner und die Beete erfordern kaum Pflege, da sie mit System angelegt wurden: Die Pflanzen sind für ihre jeweiligen Standorte geeignet, der Boden mit passenden Substraten und Splitt vorbereitet. So wachsen an einem Trockenhang etwa Wilde Möhre, Blutstorchschnabel, Adonisröschen, Flügelginster und Kuhschelle, in einem Schattenbereich der seltene Sumpfporst, die Nesselblättrige Glockenblume und Farne. Der Biologe bevorzugt heimische Arten, gerade auch solche, die selten geworden sind. In einem Garten dürfe man sich aber auch ein paar Exoten gönnen, die in der Wildnis nichts verloren hätten. Nicht gut seien zu viele Bäume: „Wald haben wir relativ viel, in den Privatgärten brauchen wir offene, sonnenwarme Flächen mit einer Vielfalt verschiedener Teillebensräume.“

Rainer Ulrich


Raupen und Eier vom Kohlweißling.


Bunte Schmetterlinge anlocken

Von den kleineren und größeren Vertretern des Flugverkehrs in heimischen Gärten sind wohl vor allem die Schmetterlinge beliebt. Doch was macht einen Garten für sie attraktiv? Wenn dies einer weiß, dann der „Schmetterlingspapst“ Rainer Ulrich, dessen Fachbücher weithin Beachtung finden. Wir dürfen ihn in seinem Garten in Wiesbach besuchen, der, obwohl nicht sehr groß, ein Eldorado für Schmetterlinge ist. „Ganze 33 Tagfalterarten leben hier, von insgesamt rund 90, die im Saarland vorkommen“, erklärt Rainer. Wenn er durch das Gras schreitet, steigen sie, animiert von den Bewegungen, hier und dort auf. „Viele von ihnen verbringen ihr ganzes Leben hier. Sie fressen sich schon als Raupen bei mir durch, verpuppen sich und legen dann selbst Eier.“ Geschuldet ist dies nicht ihrer Anhänglichkeit, sondern leider der Tatsache, dass sie außerhalb von Rainers Oase keinen Lebensraum finden, der ihren Bedürfnissen entspricht. Die Entwicklung, so der Experte, sei dramatisch: „Selbst in den Naturschutzgebieten nimmt ihre Zahl ab.“ Um dem entgegenzuwirken, sei es wichtig, nicht so oft und nicht so niedrig zu mähen. Außerdem: „Keinesfalls spritzen!“ Akzeptieren, wenn mal eine Hecke kahl gefressen oder eine Gemüsepflanze weggefuttert wird. Rainer selbst teilt sein Gemüse ohnehin mit den Schmetterlingsraupen. Beim Kohlweißling etwa ist natürlich vor allem der Kohl beliebt, seine Raupen können sich nur von ihm ernähren. „Wenn die Leute mich fragen, was sie tun können, sage ich immer: vier Kohlköpfe pflanzen.“ Denn der Große Kohlweißling sei eine der stark bedrohten Arten, im Gegensatz zum Kleinen, der noch öfter vorkomme. Rainer zeigt uns Raupen und winzige Eier an einigen Kohlblättern. „Ich esse diese Köpfe auch selbst noch.“ Für Bläulingsarten etwa sei Hufeisenklee gute Nahrung, für den Taubenschwanz die Spornblume. Die Buddlaja, auch Schmetterlingsflieder genannt, ziehe verschiedene Arten an. Wer besonders viele Arten anlocken will, der baut sich am besten die von Rainer entwickelte Schmetterlingsspirale (siehe unten). Dass ein insektenfreundlicher Garten gleichzeitig pflegeleicht sein kann, das zeigt sich auch bei ihm, insbesondere an einer buschigen, fluffigen „Wiesenwolke“ direkt hinter dem Haus an einem Tümpel. Sie ist voller Baldrian, Mädesüß, Sumpfhornklee, Wiesenknopfarten und mehr - entstanden und instand gehalten durch Nichtstun.

Die „Wiesenwolke“


Blumenfeld der Haseler Mühle


Saatgut heimischer Wildpflanzen

Was man auf den Äckern verdrängt, versucht man andernorts zu vermehren: Die Haseler Mühle, ein Integrationsbetrieb der Neuen Arbeit Saar, züchtet heimische Wildpflanzen - „Unkräuter“ gewissermaßen. Und diese geben ein herrliches Bild ab: Nähert man sich auf der Landstraße zwischen Wellesweiler und Bexbach dem Betrieb, leuchten einem Streifen von Weiß, Gelb, Blau, Violett und Rosa entgegen. Für die Insekten ist es ein gedeckter Tisch, es herrscht reger Flugverkehr. „Biodiversität volles Rohr“, nennt Betriebsleiter Jürgen Michel das schmunzelnd. Gerade fährt ein Traktor durch einige Reihen, um die Samen zu ernten. „Das geht nur bei Arten, die sich absaugen lassen. “ Bei anderen Arten würden die ganzen Pflanzen geerntet, getrocknet und gedroschen oder sogar die Samen auf dem Feld von Hand gezupft. „Das sind dann natürlich die teuersten Arten, da kostet das Kilo bis zu vier-, fünfhundert Euro.“ So teuer wird es eben, wenn man Vernichtetes zurückholen will, wie beispielsweise die sehr selten gewordene Echte Arnika. Doch es ist nicht nur heimisches Saatgut, das hier erzeugt wird, sondern - noch spezifischer - Regio- Saatgut, das heißt, Saatgut von Pflanzen die in einem eng definierten Gebiet heimisch sind. Wir liegen im Raum „Oberrheingraben mit Saarpfälzer Bergland“, das sich von Frankfurt im Norden bis zur schweizerischen Grenze im Süden und von Trier im Westen bis zu Karlsruhe im Osten erstreckt. Hier ursprüngliche und bei Insekten sehr beliebte Arten sind etwa: Schafgarbe, Barbarakraut, Wilde Möhre, Kartäusernelke, Heilziest, Weißes Labkraut, Johanniskraut, Acker-Witwenblume, Sumpfschotenklee, Moschus-Malve, Dost, Klatschmohn, Wiesen-Salbei, Seifenkraut, Rote und Weiße Lichtnelke, Ackersenf oder Rainfarn. Die Pflanzen muss das Team in freier Natur suchen, dann Muttersaatgut gewinnen, Pflanzen anziehen und deren Samen ernten. „Das machen wir bis in die fünfte Generation“, erklärt Michel. „Danach müssen wir in der Natur neue Pflanzen suchen, da sich sonst zu große Abweichungen entwickeln könnten.“ Bislang ist der Verkauf auf Großkunden ausgelegt - vor allem öffentliche Stellen sind die Kunden. Längerfristig will man jedoch auch den Kauf kleinerer Mengen ermöglichen.

Was kann ich tun?

Gerade jetzt, über Herbst und Winter, bietet es sich an, sich Gedanken über ein „Umgärtnern“ zu machen. Die für diesen Beitrag besuchten Experten empfehlen, sich einen Plan zu erstellen. Der kann dann im eigenen Tempo Stück für Stück, auch über mehrere Jahre, umgesetzt werden.

Jürgen Michel im Blumenfeld © Peter Kobier Fotodesign


Kleines Einmaleins des naturnahen Gartens

Ein paar Grundsatzregeln lenken die Gartengestaltung in die richtige Richtung:

Flächen nicht versiegeln, denn versiegelte Flächen sind leblos. Entsprechend ungünstig sind „Steingärten“, für die Folie/ Vlies mit Schotter oder Kies überschüttet wird. Sie werden oft Menschen empfohlen, die aus Zeit- oder Altersgründen eine aufwendigere Pflege nicht leisten können. Doch der versprochene geringe Pflegeaufwand besteht nur kurze Zeit: Heran gewehte Pflanzenpartikel und Regen bilden zwischen den Steinen eine Schmierschicht, auf der Unkraut spießt. Dagegen hilft nur häufiges Giftsprühen und selbst dann bleibt der Film, von dem die Steine regelmäßig gereinigt werden müssen.
Auf Pestizide verzichten
Auf chemischen Dünger verzichten
Der Natur Freiräume gewähren: Zumindest in einigen Bereichen die Wildkräuter in Wiese und Garten sprießen lassen - sie sind für Insekten besonders wertvoll.
Bei Anpflanzungen darauf achten, dass es sich um insektenfreundliche Arten mit ungefüllten Blüten handelt. Meist sind unsere einheimischen Arten am besten geeignet für unsere Insekten, aber auch Vögel und Kleinsäuger. Beispielsweise: Ein Holunderstrauch ernährt rund 60 Vogelarten, ein Exot nur durchschnittlich vier. Einheimische Arten wie Felsenbirne, Liguster und Weißdorn sind zudem an unser Klima angepasst und dadurch robuster.

Blühwiese mit gemähten Wegen dazwischen


Etwas größeres Einmaleins des naturnahen Gartens

Ein Blütenmeer bietet Insekten und anderen Tieren Lebensraum und dem Menschen Düfte, Vogelgesang und gesunde Wildkräuter.

Hohe Wiesenbereiche zulassen: Zumindest ein Teil der Wiese sollte wachsen dürfen, hierzu kann man feste Bereiche einplanen - am besten an unterschiedlichen Standorten (sonnig/schattig, trocken/feucht), dann gedeihen ganz unterschiedliche Wildkräuter. Diese Bereiche sollten nur ein bis zwei Mal im Jahr gemäht werden, der Pflegeaufwand ist also überschaubar.
Auch Mähflächen blühen lassen: Sitzbereiche und Wege hält man gerne niedrig. Doch auch sie kann man in Zonen einteilen, die abwechselnd gemäht werden. So gibt es immer Zonen, in denen es, wenn auch auf niedrigerer Höhe, blüht.
Mähzeiten beachten: Erstmals im Jahr gemäht werden sollte erst Mitte bis Ende Juni. So hat ein Großteil der Insektenlarven Zeit, sich zu entwickeln und zu verpuppen. In den hohen Wiesenbereichen sollte höchstens eine weitere Mahd erfolgen und zwar Mitte September bis Anfang Oktober. Danach sollte die Wiese den Insekten als Winterquartier überlassen werden.
Wichtig: den Mäher hoch einstellen! Mäht man zu nah am Boden, vernichtet man Insekten ihre Unterkünfte. Außerdem schädigt man die Wiese nachhaltig, wodurch sie schneller austrocknet und schütter wird.
Obstbäume pflanzen (lassen): Obstbäume sind überaus wertvoll für Insekten und Vögel. Zur Pflege genügt ein Rückschnitt alle zwei bis fünf Jahre.

Flächendeckend besetzte Beete mit Gehwegen und Sitzflächen dazwischen (Elternhaus von Anne und Kathrin Wolf)


BEETE

Beete lassen sich naturnah und pflegearm zugleich gestalten:

Mit Stauden bepflanzen: Unter den Begriff „Stauden“ fallen mehrjährige, krautige Pflanzen - also alles, außer Gehölze wie Bäume und Sträucher, Gräser oder einjährige Kräuter. Einmal gesetzt erfreuen sie für viele Jahre und benötigen, wenn überhaupt, nur einen Rückschnitt im Jahr. Dieser sollte im Frühjahr erfolgen, wenn die Insekten die Winterruhe beendet haben.
Auf standortgerechte Pflanzen achten und den Untergrund vorbereiten: So gedeihen die Pflanzen gut, was hilft, auf Behandlungen mit Chemie zu verzichten - zeitsparend und umweltfreundlich. Außerdem: Stehen an trockenen Stellen trockenheitsliebende Pflanzen und die feuchtigkeitsliebenden Arten auf ohnehin feuchtem Untergrund, kann meist auf Gießen verzichtet werden.
Vielfalt schaffen: Wird eine Staude von Schädlingen zerfressen, können diese meist nicht übergreifen, wenn sie von anderen Pflanzenarten umgeben ist. So besteht kein Handlungsbedarf. Die Pflanze wird sich wahrscheinlich im kommenden Jahr erholen.
Den Boden bedecken: Alle Flächen, die der/ die Gärtner*in nicht bedeckt, bedeckt die Natur. Deshalb sollten Stauden dicht an dicht gesetzt werden, so ist Unkrautjäten kaum nötig.

NUTZGARTEN

Ein Nutzgarten erfordert natürlich mehr Pflege als Wiesen und Beete. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, den Pflegeaufwand zu begrenzen und auf Chemie zu verzichten.

Vielfältige Blühbereiche schaffen: Vielfältige Wildkräuter ziehen verschiedene Insekten an, die wiederum verschiedene Schädlinge fressen. Man sollte daher Bereiche festlegen, in denen „Unkraut“ wachsen darf.
Natürlich kann man auch insektenfreundliche Stauden zwischen die Nutzpflanzen setzen.
Auf günstige Koexistenzen achten: Günstige „Nachbarschaften“ stärken Pflanzen und helfen so, auf Chemie zu verzichten. Beispielsweise mögen sich Lauch und Sellerie oder Möhren und Erbsen.
Den Boden bedecken: Auch im Nutzgarten bedeckt die Natur natürlich freie Flächen. Abhilfe schaffen Holzbretter zwischen den Reihen (dienen gleichzeitig als Gehwege) sowie Stroh oder Mähschnitt zwischen den einzelnen Pflanzen.

GESTALTUNGSELEMENTE Auch Strukturen und dekorative Akzente können insektenfreundlich sein.

Hecken als Strukturen und Grundstücksbegrenzungen verwenden: Sie bieten Insekten und anderen Tieren Unterschlupf und sind gleichzeitig passierbar. Dadurch wird die Verbindung zwischen Gärten (Biotop-Vernetzung) gewährleistet. „Unkraut“ darunter kann stehen bleiben, es bildet die natürliche Bodenbedeckung der Hecken. Oft wachsen hier besonders seltene Kräuter.
Schnittzeiten beachten: Hecken sollten nur im Frühjahr geschnitten werden, bevor die Vögel den Nestbau beginnen. Laut Bundesnaturschutzgesetz ist es verboten, vom 1. Mai bis zum 30. September Bäume, Büsche oder Hecken stark zurückzuschneiden.
Auf Bodenfreiheit achten: Werden Zäune oder Palisaden als Grundstücksbegrenzungen verwendet, sollten sie auf Bodenhöhe größere Öffnungen oder einen Abstand von mindestens 15 Zentimetern zum Boden haben, damit Tiere passieren können.
Trockenmauern errichten: Mauern sind wertvoll für Insekten, Eidechsen, Blindschleichen und andere Tiere, wenn sie als Trockenmauern, das heißt ohne Verfugungen, aus Bruchsteinen angelegt werden. Sie eignen sich jedoch nicht als Grundstücksbegrenzungen, da sie das Biotopnetz unterbrechen.

Trockenmauer als Beetbegrenzung (bei Pflanzen & Gestalten Dörrenbächer)


WEITERE TIPPS FÜR INSEKTEN- UND TIERFREUNDLICHE GÄRTEN

Auf Mähroboter verzichten: Sie können Kleintiere wie Frösche, Molche oder Igel sowie durch kühle Witterung träge Insekten töten.
Auf Laubsauger und -bläser verzichten: Sie töten Insekten und zerstören Blütensamen.
Auf Streusalz im Winter verzichten: Es verursacht Verätzungen bei Pflanzen und Tieren.
Unnötige nächtliche Lichtquellen entfernen
Keinen Torf verwenden: In Mooren, aus denen Torf abgebaut wird, hat sich über Jahrtausende CO2 eingelagert. Beim Abbau wird es in großen Mengen freigesetzt, außerdem werden die Moore, wichtige Ökosysteme, zerstört.
Wassertonnen und Schächte sichern: Sie sollten abgedeckt oder mit Ausstiegshilfen wie Ästen versehen werden.
Holzschnitt oder abgeknickte Äste liegen lassen: sie bieten zahlreichen Arten Lebensraum
Laub in der Natur belassen: An Stellen, an denen es nicht stört, einfach liegenlassen. Es bietet dem Boden Schutz vor Frost und vergeht über Winter. An anderen Stellen Laubhaufen als Winterquartiere für Kleinsäuger anhäufen.
Holzstapel für Feuer erst unmittelbar vor dem Anzünden auftürmen: Ansonsten können sie zur tödlichen Falle werden für Kleintiere, die darin Unterschlupf suchen.
Kann das Nahrungsangebot für Insekten auf einem Grundstück nur mäßig ausgebaut werden, keine Honigbienen halten: Sie schmälern zusätzlich das Angebot für wilde Insekten.

Quellen: Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (MUV) des Saarlandes (Hrsg.): Für mehr Natur in Stadt und Land, 2019; weitere Veröffentlichungen und Informationen des MUV; Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): „Das Verstummen der Natur“; Infos von: Pflanzen & Gestalten Dörrenbächer, Rainer Ulrich, Büro für Freilandforschungen Dr. Christoph Bernd, Haseler Mühle u.a.; Schmetterlingsspirale: www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/ balkon-und-garten/naturschutz-im-garten/20649.html

Insektenfreundliche Beet-Konzepte

Blackbox-Garten - wie bei „Pflanzen & Gestalten Dörrenbächer“

In einem Blackbox-Garten werden die Pflanzen weitgehend sich selbst überlassen. Im Gegensatz zum Stauden- Beet stehen dabei Pflanzen im Vordergrund, die sich vorrangig über das Verteilen ihrer Samen vermehren. Die Samen keimen mal hier, mal dort, sodass der Garten ständig sein Gesicht ändert und man nie weiß, was wo als nächstes sprießt - daher der Name „Blackbox“. Eingegriffen wird nur, wenn eine Art andere zu verdrängen droht.

Bei der Gärtnerei Dörrenbächer hat man einen solchen Garten als warm-trockenen Bereich konzipiert: Er liegt ganztägig in der Sonne und sein Bodenaufbau lässt Wasser gut abfließen. Dieser besteht aus Tonziegelscherben, einer Schicht Sand-Kies-Lava-Substrat und abschließend einem optisch schönen Mineralsplitt. Es wurden Pflanzen ausgesät, die mit dem trocken-warmen Boden zurechtkommen, so Färberkamille, Rote Spornblume, Fette Henne, Natternkopf, Oregano, Thymian und Lein. Auf Gießen kann so verzichtet werden und Unkrautjäten ist kaum nötig, da der Boden den meisten Arten zu trocken ist.

Schmetterlingsspirale - entwickelt von Rainer Ulrich

Die Schmetterlingsspirale wird wie eine Kräuterspirale aufgebaut - mit Natursteinen, die zur Mitte hin höher aufgeschichtet werden. Die Zwischenräume mit nährstoffarmer Erde auffüllen. Der Boden wird nach oben hin immer trockener und „ärmer“. Er wird bepflanzt mit ausgesuchten Wildpflanzen, die verschiedenen Schmetterlingsarten und ihren Raupen als Nahrung dienen und sie geradezu magisch anziehen. Die Spirale von unten nach oben besetzen mit: Kohl (alternativ Kapuzinerkresse); Stockrose (alternativ Moschusmalve); Echter Fenchel (alternativ Dill); Knoblauchsrauke; Schleifenblume; Rotklee; Hornklee; Dost; Feld-Thymian; Lavendel; Acker-Witwenblume; Natternkopf; Königskerze; Karthäusernelke; Schnee-Heide; Steinkraut; Blutweiderich. Im Umfeld der Spirale sind zudem Heidekraut, Huflattich und Brennnesseln zu empfehlen. Gräser rund um die Spirale unbedingt stehen lassen, auch hier legen einige Arten Eier ab.

Der Nabu engagiert sich stark für den Erhalt der Artenvielfalt der Insekten. Tipps für naturnahe Gärten, Insektenzählen, Insektenbestimmen und mehr gibt es online: www.nabu.de oder www.nabu-saar.de

© Rainer Ulrich