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PFLEGESYSTEM: Was bringen die neuen Pflegegrade?


Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 29.11.2019

Der Gesetzgeber hat das Pflegesystem umgestellt von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade. Warum war das notwendig? Wie sieht die neue Beurteilung aus?


Artikelbild für den Artikel "PFLEGESYSTEM: Was bringen die neuen Pflegegrade?" aus der Ausgabe 12/2019 von Ratgeber Frau und Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 12/2019

Menschen, die pflegebedürftig werden, können sich oder ihre pflegenden Angehörigen mit der Bitte um Hilfe an die Pflegeversicherung wenden. In den letzten Jahren hat der Gesetzgeber drei Pflegestärkungsgesetze (PSG) verabschiedet. Das aktuellste PSG II mit Wirkung zum 01.01.2017 hat die Unterstützungsmöglichkeiten für Pflegebedürftige erweitert. Für Laien ist es aber oft schwierig, sich im Beurteilungs- Dschungel der neuen Möglichkeiten zurechtzufinden: ...

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Menschen, die pflegebedürftig werden, können sich oder ihre pflegenden Angehörigen mit der Bitte um Hilfe an die Pflegeversicherung wenden. In den letzten Jahren hat der Gesetzgeber drei Pflegestärkungsgesetze (PSG) verabschiedet. Das aktuellste PSG II mit Wirkung zum 01.01.2017 hat die Unterstützungsmöglichkeiten für Pflegebedürftige erweitert. Für Laien ist es aber oft schwierig, sich im Beurteilungs- Dschungel der neuen Möglichkeiten zurechtzufinden:
Wie wird eine Hilfe beantragt?
Was bedeuten die Pflegegrade?
Wie wird die Einstufung beurteilt?

Höhere Leistungen

Schon lange wusste der Gesetzgeber, dass die Pflegeleistungen oft nicht gerecht an Pflegebedürftige angepasst waren. Bei den früheren Beurteilungen für die alten Pflegestufen standen körperliche Einschränkungen im Mittelpunkt. Aber was war mit den vielen hilfe - bedürftigen demenzkranken Menschen und ihren Angehörigen? Sie standen ganz hinten anund wurden kaum berücksichtigt. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff berücksichtigt erstmals auch die Defizite und Einschränkungen bei geistiger Erkrankung. Damit werden heute psychische und körperliche Beeinträchtigungen gleichberechtigt beurteilt.

Umbaumaßnahmen im Haus können im Alltag enorm helfen


Das Bundesministerium für Gesundheit hat versprochen, dass durch die Reform viele Pflegebedürftige finanziell profitieren werden und niemand schlechter gestellt wird. Die Vorteile der Reform: Eine stärkere Berücksichtigung von psychisch und demenz - kranken Menschen, im Durchschnitt eine Leistungserhöhung, neue gerechtere Begutachtungskriterien, Leistungsangleichung an die Preisentwicklung und insgesamt höhere Ausgaben für die Pflege.

Die Erweiterung merken besonders Angehörige, die ihren demenzkranken Partner zu Hause pflegen. So freut sich heute Frau C. aus Hannover. Ihr Ehemann erkrankte an Demenz. Die erste Zeit konnte sie trotz eines Halbtagsjobs mit Hilfe von Kindern und Freunden ihren Mann unterstützen. Mittlerweile ist die Krankheit ihres Mannes fortgeschritten, sodass aus ihrem Engagement ein 24-Stunden-Job geworden ist. Sie gab ihr Berufsleben auf mit finanziellen Einbußen durch die frühzeitige Verrentung.

Frau C. erzählt: „Demenzkranke benötigen bei fortgeschrittener Krankheit für alltägliche Handlungen eben Tag und Nacht Hilfe. Mit der alten Pflegestufe 1 bekam ich ein Pflegegeld von 316 Euro im Monat. Seit den neuen Pflegegraden wurden wir automatisch höher eingestuft und bekommen 545 Euro und einige Sachleistungen. Je nach zukünftiger Verschlimmerung können wir einen Antrag auf die höhere Pflegestufe und andere Hilfsmittel stellen. Das beruhigt mich doch sehr. Wir würden sonst finanziell in einen starken Engpass geraten“.

Das Module- und Punktesystem

Eine weitere wichtige Neuerung: Bei der Beurteilung von den alten Pflegestufen wurde die Aufwendung einer „Minutenpflege“, d. h. ein geschätzter Zeitaufwand pro Tag/Nacht für Unterstützungstätigkeiten zugrunde gelegt. Bei der neuen Beurteilung für die Einstufung in einen Pflegegrad ist der Grad der noch möglichen oder nicht mehr vorhande nen Selbstständigkeit ausschlaggebend. Was bedeutet das neue Beurteilungssystem für Sie und Ihren zu pflegenden Angehörigen?

Zunächst müssen Sie einen Antrag bei der Pflegeversicherung stellen. Es wird ein Termin zur Begutachtung des Kranken bei Ihnen zu Hause (oder in einem Pflegeheim) mit einem Gutachter des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen Krankenkassen (MDK) oder der Privatkasse (MEDICPROOF) vereinbart. Dem Gutachter steht ein Fragenkatalog mit Modulen zur Verfügung, mit dem er die situationsbedingte Selbstständigkeit erfasst und daraus abgeleitet Punkte vergibt. Je mehr Punkte zusammenkommen, umso höher wird die Einstufung in einen Pflegegrad erfolgen. Die letztendliche Entscheidung hat die Pflegekasse.
Der Gutachter erfasst die vorhandene Selbstständigkeit in folgenden Modulen:

Mobilität :
■ Kann sich der Pflegebedürftige selbstständig bewegen?

Kommunikation und erkennen:
■ Erkennt oder identifiziert sich der Kranke mit seiner Umwelt?
■ Kann er sich ausdrücken?

Psychische Verhaltensformen und Probleme:
■ Ist der Betroffene z. B. aggressiv, wandert er nachts umher?
■ Andere Auffälligkeiten?

Selbstversorgung :
■ Kann sich der Kranke z. B. selbst waschen, kann er selbst essen und trinken?

Umgang mit Behandlungs - anforderungen:
■ Benötigt der Betroffene Begleitung beim Arzt- oder Therapeutenbesuch?
■ Lässt er sich ohne Gegenwehr behandeln?
■ Sieht er die Notwendigkeit?
■ Kann er Medikamente selbstständig einnehmen?

Alltag und sozialkontakte:
■ Kann der Kranke auf menschlichen Kontakt reagieren?
■ Kann er einen normalen Tagesablauf einhalten?

Gut zu wissen! Wer vor der Umstellung auf Pflegegrade bereits eine anerkannte körper - liche Pflegebedürftigkeit hatte, wurde nicht erneut begutachtet. Diese Kranken profitierten vom sogenannten Bestandsschutz mit automatischer Umwandlung in einen Pflegegrad, der sie nicht schlechter, sondern eher bessergestellt hat.

Gut vorbereitet

Die Begutachtung für die Feststellung des Pflegegrades ist gerechter, aber auch umfassender geworden. Deshalb ist es wichtig, sich auf den Gutachterbesuch vorzubereiten. Der Grund ist nicht, etwas „rauszuschlagen“ was nicht den Tatsachen entspricht. Es geht darum, eine gerechte Einstufung zu erhalten und den Gutachter und die Pflegekasse bei der Einstufung und Anerkennung einer Pflegebedürftigkeit zu unterstützen. Bedenken Sie: Niemand kennt Sie oder den Kranken persönlich, man ist auf Tatsachenbelege angewiesen.

Zunächst sollten Sie sich über die Einstufungsmöglichkeiten und Zahlungshöhen informieren. Besorgen Sie sich bei Ihrer Pflegeversicherung oder über das Internet einen Fragenkatalog, um Einblick in das Punktesystem und die möglichen Unterstützungen je nach Pflegegrad zu erhalten. Sie können zum Beispiel je nach Einstufung nicht nur Pflegegeld erhalten, sondern auch Sachleistungen, eine Kombination von beidem, Unterstützung bei notwendigen Pflegehilfen oder Finanzhilfen z. B. bei Wohnraumanpassungen. Auch eine vorübergehende Kurzzeitpflege ist möglich, um dem pflegenden Angehörigen eine Auszeit zu gönnen. Pflege zu Hause ist eine ehrenhafte, aber mitunter auch sehr anstrengende Aufgabe, die Pausen braucht. Zudem sollten Sie im Falle eines Aufenthaltes im Pflegeheim interessieren, welche Kosten die Pflegekasse übernimmt und wie hoch der Eigenanteil ist, denn Pflegeheime können sehr teuer sein.

Die Einteilung der Pflegegrade

nach einem Punktesystem und die einschränkungen der selbstständigkeit:

Pflegegrad 1: 12,5 bis unter 27 Punkte. Die Selbstständigkeit ist nur gering - fügig beeinträchtigt.

Pflegegrad 2: 27 bis unter 47,5 Punkte. Die Selbstständigkeit ist erheblich beeinträchtigt.

Pflegegrad 3: 47,5 bis unter 70 Punkte. Die Selbstständigkeit ist schwer beeinträchtigt.

Pflegegrad 4: 70 bis unter 90 Punkte. Der Pflegebedürftige ist vollständig auf Unterstützung angewiesen.

Pflegegrad 5: 90 bis 100 Punkte. Der Pflegebedürftige benötigt besondere Pflege z. B. bei Querschnittslähmung, Demenz im letzten Stadium mit schweren körperlichen Defiziten. Früher wurden diese schweren Fälle als „Härtefallregelungen“ bezeichnet.

Aus dem Pflegealltag:

Pflegestufe 0 - was versteht man darunter? Sie wurde für Menschen eingerichtet, die unter einer nachweislich eingeschränkten Alltagskompetenz leiden zum Beispiel bei beginnender Demenz oder geistigen Behinderung. Im Blickfeld steht vor allem hierbei die Betreuung und Beaufsichtigung, weniger auf die wirklich medizinische Pflege. Betroffene sind auf ein Mindestmaß an Pflege angewiesen, brauchen jedoch wenig bis geringe Unterstützung bei der körperlichen Pflege. Es ist außerdem wichtig zu wissen, dass der Ausdruck Pflegestufe 0 zurzeit nur umgangssprachlich verwendet wird und keinen Pflegegrad darstellt.

Das Pflegetagebuch

Dass ärztliche Gutachten und Informationen über Therapien vorhanden sein sollten, ist eigentlich selbstverständlich. Und noch ein Punkt kann eine große Rolle spielen: das Führen eines Pflegetagebuches. Es ist zwar kein juristisches Beweismittel, wenn Sie eventuell einen Widerspruch einlegen wollen, liefert aber Argumente. Zudem gibt es dem Gutachter einen umfangreicheren Situationsüberblick.

Halten Sie in dem Tagebuch alles fest, was die Pflege Ihres Angehörigen betrifft: Nicht nur Arzt- und Therapiebesuche, sondern auch jede Hilfestellung tagsüber oder nachts. Sei es beim Ankleiden, zu den Mahlzeiten, den erforderlichen Zeitaufwand dafür, besondere Verhaltensweisen des Kranken sowie jede kleinste Verschlechterung des Zustandes. Ist zum Beispiel ein Demenzkranker nicht mehr fähig, die Notwendigkeit von Waschen und Ankleiden zu erkennen und wehrt sich aus Angst aggressiv dagegen, kann es durchaus bedeuten, dass professionelle Hilfe besser wäre und damit eventuell eine höhere Pflegegradeinstufung. Lassen Sie sich die Angaben im Tagebuch über Arztbesuche von der Praxis oder Klinik bestätigen.

Es ist heute keine Schande mehr, mit der ambulanten Pflege alleine überfordert zu sein und finanzielle Probleme mit den notwendigen Anschaffungen von Hilfsmitteln und Pflegehilfen zu haben. Auch die oft notwendige Übersiedlung in ein Pflegeheim muss finanziell abgesichert sein, wenn es zu Hause nicht mehr geht. Menschen werden heute älter und bei Erkrankung auch dementsprechend mehr pflegebedürftig. Sprechen Sie also nach einer Diagnose so früh wie möglich mit dem Arzt über die Prognosen und bereiten Sie Gespräche mit der Pflegeversicherung vor. Der Bedarf kann mitunter sehr schnell kommen.

Zudem beschloss die Bundesregierung ein neues Angehörigen-Entlastungsgesetz bei einer notwendigen Pflegeheimunterbringung: Kinder von Pflegebedürftigen werden zukünftig weit weniger für deren Unterhalt zur Kasse gebeten. Die neue Einkommensgrenze für eine Befreiung der Zuzahlung, die auch für Eltern mit pflegebedürftigen Kindern gilt, liegt bei einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro. Vorher galt diese Grenze nur bei Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung. Die Begründung für das neue Gesetz: Eine notwendige Heimunterbringung darf die Angehörigen bis zu dieser Einkommenshöhe nicht in Armut treiben. „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, äußerte sich dazu Frau Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Zum Zeitpunkt des Artikels stand allerdings die endgültige Zustimmung des Bundesrates und des Bundestages noch aus.