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Phönix aus der Asche


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LinuxUser - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 20.01.2022

MIDI-Sequencer MusE 4 im Überblick

MusE 4

Artikelbild für den Artikel "Phönix aus der Asche" aus der Ausgabe 2/2022 von LinuxUser. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LinuxUser, Ausgabe 2/2022

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MusE eignet sich als Digital Audio Workstation vor allem für MIDI-Projekte, lässt sich aber nicht unbedingt intuitiv bedienen. Wir sehen uns an, was die aktuelle Version 4.0 des freien Sequencers leistet.

Wer unter Linux mit freier Software Musik machen möchte, der ist meist mit Ardour gut beraten. Die freie Digital Audio Workstation (DAW) für Linux taugt vor allem für die Arbeit mit Bands, die live spielen. Wer in erster Linie mit virtuellen oder Hardwaresynthesizern Musik in MIDI-Noten komponiert, der fährt mit Ardour zwar ebenfalls nicht schlecht, aber optimal eignet sich das Programm dafür nicht.

Genau anders herum liegen die Dinge beim Sequencer MusE: Keine andere freie DAW für Linux legt mehr Wert auf vollständige Unterstützung der vielen Methoden und Standards, die in den letzten 50 Jahren Einzug in die MIDI-Technologie gehalten haben. Die vierte ...

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... Generation der Applikation sieht dabei genauso aus, wie man das von einer Musiksoftware heute erwarten darf.

Woher nehmen?

Das Programm gehörte noch vor einigen Jahren zur Standardausstattung gängiger Distributionen mit Bezug zur Musikproduktion. Das gilt auch für Ubuntu Studio, das in diesem Test zum Einsatz kam. Da die Arbeit an MusE jedoch zeitweise nur schleppend vorankam, sieht die Situation heute anders aus: Die gängigen Distributionen führen oft nur eine veraltete Version in den Paketquellen.

Um den neuesten Stand zu testen, bietet sich das AppImage von der MusE- Webseite an. Solche Container sind für Echtzeitaudio nicht unbedingt erste Wahl. Die aufwendige Verpackung erhöht die Last im System, und oft verhindert das abgeschottete Image außerdem das korrekte Einbinden in den Audioserver Jack und in Alsa Midi. Das MusE-Team leistet aber in dieser Hinsicht gute Arbeit und testet die Images offensichtlich sehr sorgfältig. So ist eine erträgliche Verzögerung beim Start der einzige Nebeneffekt beim Betrieb aus dem Abbild. Sobald das Programm läuft, reagiert es schnell und integriert sich vorbildlich in die Umgebung.

Sie haben auch die Möglichkeit, die DAW aus dem Quellcode zu bauen. Dazu benötigen Sie aber eine komplette, aktuelle Build-Umgebung für Qt5 sowie an die hundert weitere Entwicklerpakete aus dem Audiobereich. Falls sie Ardour schon selbst gebaut hat, liegen diese bereits auf Ihrem System. Da das AppImage aber das aktuelle Release des Quellcodes widerspiegelt und sehr gut funktioniert, lohnt sich der Aufwand des Kompilierens nur im Ausnahmefall.

Nach dem Download braucht das AppImage nur noch die entsprechenden Berechtigungen zum Ausführen, anschließend startet das Programm tadellos 1. Im Test erkannte es einen bereits laufenden Jack-Server ohne ein manuelles Eingreifen.

Die von kommerzieller Software bekannten vorgefertigten Loops und Beispiele liefert MusE nicht mit. Dafür unterstützt es alles, was im System installiert ist, inklusive Plugins im nativen Linux-VSTx-Format. Wer VSTs als Windows-DLL- Dateien verwenden möchte, der greift auf Konverter wie etwa Yabridge zurück 2 2 . In Ubuntu 20.04 LTS benötigen Sie dazu eine aktuellere Version von Wine, die Sie direkt aus dem Ubuntu-Repository von Wine nachziehen.

Eigenheiten

MusE folgt denselben Prinzipien wie andere DAWs: Im Grunde stellt es eine Art automatisierbares Tonbandgerät plus Signalmixer bereit. Wie es diese Prinzipien umsetzt, verlangt Anwendern, die von Ardour oder Bitwig kommen, allerdings einige Zeit zum Eingewöhnen ab.

Schon beim Start bietet das Programm an, externe und virtuelle MIDI-Klangerzeuger zu initialisieren. Sie können als Einstellungsbefehle an solche Geräte senden, um sie individuell zu konfigurie-ren. Das verdeutlicht, dass MusE stärker als andere DAWs die Klangerzeuger und die eigentlichen Musikdaten voneinander trennt. Deshalb müssen Sie zuerst die Klangerzeuger und die physischen Audioein- und ‐ausgänge aufbauen. Erst danach dürfen Sie Spuren anlegen, die diese Geräte mit MIDI-Signalen und Audiodaten beschicken 3.

Das Konfigurationswerkzeug für die Verbindungen der MIDI-Ports 4 4 erweist sich als wenig intuitiv – für einige sicher ein Grund, das Programm schnell wieder aufzugeben. Es zeigt alles an, was irgendwie möglich wäre, erlaubt aber nicht, die erkannten MIDI-Geräte mit irgend etwas im Projekt zu verbinden – und das, obwohl ein Tooltipp genau dazu auffordert. Letz-terer weist aber nicht darauf hin, dass Sie Geräte erst als Ports für MusE einrichten müssen, bevor das Programm sie als Eingänge für MIDI-Spuren anbietet.

Zum Bearbeiten von Details im aufgenommenen Material bietet MusE eigene Editoren an, die Sie über einen Doppelklick auf einen aufgenommenen oder importierten Part in Karteireitern öffnen. Die Hauptansicht für das Arrangieren bleibt dabei immer als erster Reiter links unten geöffnet.

Die im Arrangierer vorhandene Begrenzung des Zooms hebt MusE hier auf, je nach Aufgabe sehen Sie diverse neue Werkzeugleisten und Funktionen. Der Wave-Editor stellt sich dabei allerdings als sehr umständlich und wenig intuitiv heraus 6 6 . Nach einigem Einarbeiten lassen sich damit präzise Schnitte und einfache Aktionen wie das Normalisieren erledigen, aber alles, was darüber hinausgeht, ist kaum verständlich gestaltet und führt zuweilen zu Abstürzen.

Ganz anders sieht es in den Karteireitern für MIDI-Parts aus: Hier entspricht alles dem aktuellen Stand der Technik, und eine Vielzahl nützlicher Funktionen und sinnvoller Werkzeuge stehen hier so bereit, wie man es erwarten darf.

Einziger Wermutstropfen ist die grafische Controller-Ansicht unten: Sie sieht zwar intuitiv und praktisch aus, mit dem Stiftwerkzeug bearbeiten Sie aber nur die Controller-Werte für alle Noten. Die Auswahl der Noten oben berücksichtigt das Werkzeug dabei nicht. Besonders für Schlagzeugnoten erweist sich das als sehr hinderlich, weil es so etwa nicht gelingt, den Schlag für eine Snare-Drum individuell einzustellen, der auf demselben Takt liegt wie eine Bass-Drum. Das bedeutet freilich nicht, dass so eine wichtige Operation in MusE unmöglich wäre, sie ist aber unnötig umständlich.

Ein Studio einrichten

Bevor Sie MIDI aufnehmen und an Klangerzeuger schicken, müssen Sie in MusE für jeden Erzeuger ein Gerät einrichten, das im Arranger wie eine Spur erscheint. Dazu bietet das Programm zwei Möglichkeiten, die sich in einigen Punkten sehr unterscheiden. Zunächst lassen sich Synth-Tracks einfach im Arranger per Rechtsklick einsetzen. Dabei zeigt das Programm die Liste der im System verfügbaren und unterstützten Plugins an.

Nach Auswahl des gewünschten Plugins aus der Liste steht es als Instrument bereit. Im Hintergrund legt MusE dabei einen neuen Eintrag in der Liste an, die Sie unter Bearbeiten | MidiPorts | SoftSynths finden.

Allerdings verbietet diese Methode, dasselbe Plugin mehr als einmal zu verwenden. Es wäre allerdings eine groteske Einschränkung, könnte man nicht mehrere Instanzen des gleichen Plugins nutzen. Gerade bei Samplern ist es durchaus üblich, ein halbes Dutzend individuelle Geräuschschleudern zu haben, und rein technisch stellt das in allen gängigen Plugin-Systemen keinerlei Problem dar. Des Rätsels Lösung offenbart sich, wenn Sie den Synth direkt in der Liste unter Midi-Ports | SoftSynths anlegen. Dort gibt es diese Einschränkung nicht, und wenn Sie eine neue Instanz erzeugen, erscheint sie auch sofort als Synthtrack im Arranger 5 5 .

Bandsalat – der Wave-Editor

Die Arbeit mit Audiospuren stellt den erfahrenen Anwender in MusE vor keinerlei Probleme. Der Wave-Editor, den das Programm für mehr als einfache Grundaufgaben anbietet, lässt sich allerdings nicht besonders intuitiv bedienen. Schon das Stretch-Werkzeug verhält sich äußerst ungewöhnlich, denn eigentlich sollte so eine Funktion eine Klangwelle einfach etwas länger oder kürzer machen. Das entsprechende Werkzeug in MusE dagegen scheint Material aus der aufgenommen Datei zu ziehen, das gar nicht ausgewählt und im Part auch nicht zu sehen ist.

Noch seltsamer agiert das Sample-Rate- Werkzeug, mit dem Sie erst einmal nur wirkungslose vertikale Linien anlegen, die aber beim Abspielen – und nur dann – neue Wave- Graphen zu erzeugen scheinen, die irgendwie in der Laufzeit geändert wurden. Damit hätten wir uns im Test gern eingehender beschäftigt, aber diese Funktion verursachte einen der seltenen Abstürze des Programms.

Würden die Timestretch-Werkzeuge im Wave-Editor so funktionieren wie erwartet, wären sie zweifellos ein weiteres großes Plus für das Programm: Zumindest in freier Software findet man bislang nichts Vergleichbares. Der Stretcher in Ardour funktioniert zwar recht gut, bietet aber nicht die in MusE verfügbare Echtzeitvorschau des neuen Wave-Graphen, die für die präzise Anpassung von musikalischem Material an Takte und Schläge in Musikstücken fast unverzichtbar ist.

Einige wichtige Funktionen fehlen zwar in den Menüs, lassen sich aber über Tastenkürzel erreichen. So fügen Sie über [Strg]+[B] MIDI-Parts als Klone ein 7 7 . Änderungen am Original wirken darin gleichermaßen. Über [Strg]+[V] legen Sie gegebenenfalls eigenständige Kopien an, die ein individuelles Bearbeiten erlauben. Bei der Arbeit mit Drum/​Bass-Loops ist die Arbeit mit Klonen jedoch deutlich effizienter. Eine nicht ganz optimale Note in einem Part steht dann nach der Korrektur im Editor auch in den Klonen an der passenden Stelle.

Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal von MusE ist der Score-Editor 8 8 . Selbst das kostspielige Bitwig Studio bietet keine klassische Notenansicht, geschweige denn einen Editor für Notenschrift. Unter Linux wäre Musescore eine beliebte Alternative, und wie der Name schon andeutet, entstammt es dem MusE-Projekt. Es bietet noch deutlich mehr Funktionalität für klassische Komposition.

Der Gründer des MusE-Projekts, Werner Schweer, arbeitet weiter an Musescore.

Dabei handelt es sich um eine Art Flaggschiff des kommerziellen Anbieters Muse Group, der unlängst durch die etwas verunglückte Übernahme von Audacity unschön auffiel. Der aktuelle Hauptentwickler von MusE ist Robert Spamatica Jonsson (siehe Kasten Zur Geschichte).

Viele Schrauben

Sehr viele DAW-Funktionen lassen sich schon direkt in der Oberfläche von MusE bedienen. Zum Ausgleich für die eher sparsam bestückten Hauptmenüs klappen aber allerorten teils sehr reichhaltige Kontextmenüs auf, und die wenigen Werkzeuge, die Sie über die Hauptmenüs öffnen, bieten eine Vielzahl weiterer Funktionen in den eigenen Dialogen.

Um Platz zu sparen, ist die Funktionstabelle am Kopf der Arrangiereransicht links in der Voreinstellung nur zu einem Drittel aufgezogen. Hier finden Sie Einträge, die viele Funktionen bieten, die Sie vielleicht auf den ersten Blick vermisst haben. Einer davon erlaubt es etwa, in Synth-Tracks die grafische Oberfläche des Plugins und die Automation all seiner Parameter aufzurufen. Letzteres klärt die Frage, wozu eigentlich die Spur für einen Klangerzeuger gut sein soll, die ja in MusE keine Musikdaten enthält 9 9 .

Die Automationskurven direkt dem Synth zuzuweisen, macht sie freilich in den aufgenommenen Spuren obsolet. Wer also eine andere Automation für eine andere eingespielte Spur möchte, muss dafür eine individuelle Plugin-Instanz erzeugen. Wer das Playlist-Konzept aus Ardour kennt, der kennt dieses Prinzip bereits.

Zur Geschichte

Der Autor begegnete dem Gründer des MusE-Projekts, Werner Schweer, 2005 bei der Linux-Audio-Konferenz am ZKM Karlsruhe. Werner, schon damals ein sehr erfahrener Entwickler, hatte ein junges Team um sich versammelt und strahlte eine bemerkenswerte Kompetenz aus – sowohl in Sachen Software als auch Musiktheorie. Als Pianist auf professionellem Level weiß er, wie die mathematischen Grundlagen von Musik funktionieren, und nur mit diesem Wissen lässt sich für Musikerinnen und Musiker brauchbare Software entwickeln.

Die Abspaltung von Musescore war ein logischer Schritt. Ganz im Sinne des Unix-Prinzips „do one thing and do it right“ sollte dies die komplexe Musiktheorie von der Komplexität einer universellen DAW trennen. Die Position des Hauptentwicklers für MusE übernahm ein aktiver Musiker: Robert Jonsson spielt in Rock- und Metal-Bands und produziert in MusE recht eindrucksvolle Musik.

Der eher geringe Ausbau von MusE in Sachen Audiobearbeitung mag unter anderem damit zusammenhängen, dass Jonsson davon ausgeht, dass man eine misslungene Aufnahme besser noch einmal neu einspielt, statt mangelhaft aufgenommene Audiotracks digital nachzubearbeiten. Bemerkenswert ist die Ausdauer der an MusE Beteiligten: Statt in Durststrecken aufzugeben, haben sie immer wieder neu angefangen und die Software an die sich schnell weiterentwickelnde Umgebung angepasst.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet als Dozent, Autor und Musiker. Er findet, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Auf seinem eigenen Server unter http://lapoc.de finden Sie einige CClizenzierte Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware.

MusE, Muse Sequencer, Musescore

In den letzten Jahren gab es einige Verwirrung um Software, die „Muse“ im Namen hat. Dass sich eine sehr erfolgreiche britische Pop-Rock-Band genauso nennt, stört allenfalls bei der Suche nach der Software im Internet, und auch die griechische Halbgöttin, die Homer die Ilias vorgesungen haben soll, erkennen Sie als Suchergebnis sofort.

Wesentlich mehr Verwirrung stiftet die Domain muse‐sequencer.org. Sie scheint auf einen nicht kommerziellen Sequencer zu verweisen, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine schnöde Werbeseite für proprietäre Musikproduktionssoftware.

Neben solcher Irreführung gibt es weitere Anbieter, die ihr Produkt Muse nennen. Das reicht von einer Kontaktverwaltung im Gesundheitswesen bis zu einer Notizzettel-App für iOS. Tatsächlich mit Musik zu tun hat die Domain mu.se . Sie gehört den in den USA beheimateten Machern der Windows-Software Ultimate Guitar. Die Vermutung, sie hätten mit Robert Jonsson zu tun, weil sie eine schwedische Top-Level-Domain verwenden, führt aber wieder in die Irre.

Die Muse Group, Herausgeber der Notationssoftware Musescore, sorgte im Mai 2021 für Aufregung, als sie den freien Wave-Editor

Audacity übernahm. Befürchtungen, dass der nun seine Nutzer eventuell ausspioniert oder dass ein kostenpflichtiger Fork bevorstünde, haben sich nur teilweise bestätigt . Das Tracking lässt sich in neuen Versionen der Software abschalten und überträgt wohl nur anonymisierte Statistiken und Fehler-Reports. Das Geschäftskonzept hinter Musescore scheint dem von Wordpress zu ähneln: Dort verdient das Projekt mit seinem Online-Blog-Service Geld, während die Software frei bleibt. In ähnlicher Art bietet die Muse Group eine Webseite an, die als eine Art soziales Netzwerk für Musiker dient.

Noten-Tracks in MusE funktionieren grundsätzlich wie die Playlist-Tracks in anderen Anwendungen: ein Klangerzeuger, mehrere Datenspuren. Etwas verwirrend mag erscheinen, dass die Datenspuren durchaus individuelle Automationen enthalten dürfen, und zwar die, die Sie bei der Aufnahme etwa mit dem Modulationsrad des Keyboards erzeugen. Das erscheint konzeptionell konsistent, denn dabei handelt es sich nicht um Automationen eines individuellen Synthesizers, sondern um generische, für jedes Instrument gleichartige MIDI-Parameter wie Vibrato oder Lautstärke.

MusE bringt Dutzende Voreinstellungen für beliebte Synth-Klassiker und viele für moderne Plugins mit. Wenn Sie diese für Ihr Instrument auswählen, bindet das Programm die Kontrollsignale für die entsprechenden Instrumente in deren

Datenspuren ein. Zusätzlich lassen sich individuelle Initialisierungen als Skripte umsetzen. Dafür gibt es aber keine besonderen Hilfsmittel, und es setzt sehr viele Vorkenntnisse voraus. Wer seine Synths und deren Schnittstellen jedoch in- und auswendig kennt, kann so praktisch alles mit ihnen machen. Das gilt auch für Hardware-Synths, die über den MIDI-Sequencer von Jack oder Alsa angeschlossen sind.

Für Einsteiger empfiehlt es sich eher, sich auf die sinnvollen Automatismen der Software zu verlassen und den Rest der Komplexität zu ignorieren. Die üblichen Synth-Plugins wie Yoshimi oder Calf Monosynth funktionieren selbst dann tadellos, wenn Sie nicht von Hand an den Einstellungen schrauben.

Dasselbe gilt auch für kostenpflichtige LxVST-Module wie etwa den komplexen BioTek-Synth von Mackie. Letzterer setzt seine Registrierungsfunktion so um, dass Sie ihn in MusE verwenden können, obwohl Sie ihn mit Mackies Waveform im Bundle gekauft haben 0 0 .

Fazit

MusE 4 glänzt nicht nur mit einer neuen Oberfläche mit zeitgemäßem Design, es wirkt auch ausgereifter und sorgfältiger gebaut als seine Vorgänger. Die Bedienung der einfachen Audiospuren erfolgt weitgehend intuitiv.

Für Projekte, die in erster Linie mit Audiomaterial arbeiten, bietet Ardour allerdings sicher mehr Möglichkeiten. Für MIDI-Komposition dürfte MusE allerdings zur Zeit alles in den Schatten stellen, was unter Linux sonst in diesem Bereich zu haben ist. Zwar bietet Bitwig mehr Möglichkeiten mit Loops, aber dort fehlt der Noteneditor, den MusE bietet.

Die zahlreichen Einstellungsmöglichkeiten für das Initialisieren von MIDI-Instrumenten in MusE sagen in der Regel besonders Musikern mit tiefschürfenden Kenntnissen auf diesem Gebiet zu. Auch die völlig unproblematische Zusammenarbeit der Software mit Yabridge zum Einbinden von VST-Plugins im Windows- DLL-Format dürfte vielen Anwendern sehr gefallen. Es bleibt zu hoffen, dass Robert Jonsson weiter so geduldig und kontinuierlich wie bisher an der Weiterentwicklung dieser interessanten DAW für Linux arbeitet. (agr/jlu)

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