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PHU QUOC: 99 BERGE MIT LANDEBAHN


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 10.08.2018

Die kleine vietnamesische Insel Phu Quoc schickt sich an, dem thailändischen Ferien-Hotspot Phuket nachzueifern. Inzwischen fliegen sogar ausländische Airlines das Eiland an, das einst als Gefängnisinsel traurige Berühmtheit erlangt hatte und derzeit noch überwiegend von der Fischsaucen- und Pfefferproduktion lebt


Artikelbild für den Artikel "PHU QUOC: 99 BERGE MIT LANDEBAHN" aus der Ausgabe 90/2018 von Aero International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Aero International, Ausgabe 90/2018

Jetstar Pacific ist eine vietnamesische Low-Cost-Airline, die Phu Quoc mehrmals am Tag mit A320 anfliegt


Vietnam Airlines (im Bild mit A321) nimmt ab Phu Quoc Kurs auf Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt, Partnerairline VASCO mit ATR 72 auf Can Tho


An Bord von Flug PG 991 herrscht ein babylonisches ...

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... Stimmengewirr. Vier Australier in den Sitzreihen fünf und sechs prahlen lauthals mit ihren bislang verrücktesten Reiseerlebnissen, zwei russischsprachige Passagiere bitten ob ihres brüchigen Englischs schüchtern um eine weitere Tasse Kaffee, während in Reihe zwei ein Ehepaar aus der Nähe von Frankfurt noch einmal gemeinsam durch seinen Reiseführer „Vietnam“ schmökert.

Heute morgen erst waren die zwei mit Etihad Airways via Abu Dhabi auf dem Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi angekommen und zeitlich beinahe nahtlos in die Turboprop des Codeshare-Partners Bangkok Airways umgestiegen, der sie wiederum zum Ziel ihrer aktuellen Urlaubsträume bringen wird: Phu Quoc. „Die Insel, wo der Pfeffer wächst.“ Das wissen die beiden Globetrotter dank einer im ZDF ausgestrahlten Folge von „Terra X“ bereits, ein Blick in ihre 74-Seiten-Lektüre erübrigt sich.

Die Hessen lassen sich für ihre regelmäßigen Fernreisen gerne zwischen Nachrichten und Beginn des sonntäglichen Abendprogramms inspirieren. Nullachtfünfzehn-Ziele, Ferienhochburgen wie Mallorca oder Antalya, sind nichts für die Mittvierziger. „Wenn wir verreisen, dann doch dorthin, wo unsere Nachbarn noch nicht waren“, betonen sie mit einem kleinen Schmunzeln. Und da dürften sie mit der größten und den-noch vermutlich unbekanntesten Insel Vietnams auf der sicheren Seite sein.

Momentan ist das südostasiatische Land nicht vorrangiges, wohl aber aufstrebendes Ziel der internationalen Tourismusszene. Noch in den 80er- und 90er-Jahren haftete dem sozialistischen Staat der Makel einer vom Krieg zerstörten Region an. Zwischen 1946 und 1975 wurde hier gebombt, getötet, vernichtet, als gäbe es kein Morgen mehr. Erst bekämpften die Franzosen Unabhän-gigkeitsbestrebungen der Vietnamesen, dann, ab Mitte der 55er-Jahre, wollten die USA mit aller militärischer Härte westliche Werte gegenüber dem kommunistischen Nordvietnam durchsetzen.

Phu Quoc, vor der Küste Kambodschas im Golf von Thailand gelegen und bis Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu unbewohnt, wurde in jenen Jahren aufgrund der isolierten Lage als Gefängnisinsel genutzt. Heute zeugt eine Gedenkstätte in An Thoi von der bestialischen Menschenfeindlichkeit kriegerischer Auseinandersetzungen. Gefangene lebend zu kochen, war hier noch Anfang der 70er eine durchaus gängige Folterpraktik, und es erschien somit für lange Zeit schlichtweg unvorstellbar, den rund 570 Quadratkilometer großen Vorposten mit Urlaubern zu füllen, wo doch einst Tausende ihr Leben lassen mussten. Doch Vietnam schaut nach vorn, setzt wie das Vorbild China auf eine sozialistische Marktwirtschaft. Allerdings treibt die Regierung des Staates ihr Vorhaben, Phu Quoc zum vietnamesischen Phuket zu entwickeln, jetzt mit umso höherem Tempo voran.

Ausbaufähig: Das Shopping-Angebot hinter der Sicherheitskontrolle ist noch recht klein und überschaubar


Anflug auf den Flughafen von Phu Quoc. Auf der Piste 10 erfolgen die meisten Starts und Landungen


GRÜNES LICHT 2006

Waren es zunächst Rucksacktouristen, die auf der Suche nach exotischer Ursprünglichkeit dem immer voller werdenden Thailand den Rücken kehrten und auf dem Land- und Seeweg nach Phu Quoc auswichen, nutzt derzeit das Gros der Urlauber – annähernd 90 Prozent – das Flugzeug für die Anreise. Folglich war eines der ersten staatlichen Infrastruktur-Projekte, für diese Profit versprechende Klientel einen völlig neuen Flughafen zu bauen und in der alten Anlage, die noch aus den 30er-Jahren stammte und sich nur wenige Kilometer weiter nördlich mitten in der kleinen Inselhauptstadt Duong Dong befindet, das Licht auszuschalten.
Der Flughafen aus der französischen Kolonialzeit galt als zu klein, trotz diverser Um- und Neubauten als zu altmodisch und zu wenig erweiterungsfähig für die großen Pläne, die der Einparteienstaat mit Phu Quoc hat.

Heute ist die zuletzt 2000 Meter lange Start- und Landebahn 08/26 Teil des quirligen innerstädtischen Straßenverkehrs, wie ein Blick aus der Vogelperspektive beweist. Auf dem 120 mal 60 Meter großen Vorfeld parken tagsüber wenige Autos, aber umso mehr Motorroller. Das zwischen 1994 und 1995 noch neu gebaute Terminal dient seit der Eröffnung des heutigen Flughafens inzwischen ebenfalls anderen Zwecken.

Der Entwicklungsplan für den neuen Flughafen, den Phu Quoc International Airport (IATA-Code: PQC), wurde im Jahr 2006 abgenickt. Die in jenen Jahren noch zuständige Southern Airports Authority – die später in der Airports Corporation of Vietnam (ACV) aufging, die wiederum derzeit den Flughafen betreibt – konnte jedoch erst zwei Jahre später, am 23. November 2008, mit dem Bau beginnen.

In fünf Jahren entstand eine 3000 Meter lange und 46 Meter breite Start- und Landebahn 10/28, die selbst Boeing 747 mühelos starten und landen lässt, ein Vorfeld mit 14 Parkpositionen sowie ein immerhin 24325 Quadratmeter großes Terminal mit einer Anfangskapazität von 2,5 Millionen Passagieren pro Jahr. Kostenpunkt: umgerechnet knapp 600 Millionen Euro. Am 2. Dezember 2012 packten die seinerzeit einzigen Carrier vor Ort, Air Mekong und Vietnam Airlines, die Kisten, zogen um und starteten somit in eine vielversprechende touristische Zukunft.

Low-Costler Vietjet setzt nach Phu Quoc A320 sowie A321 (Foto) ein


Bangkok Airways kommt momentan fünfmal pro Woche mit ATR 72-600


Der Flughafen wurde erst 2012 eröffnet


Am frühen Nachmittag döst die Fischerei-flotte der Insel in der tropischen Sonne


Aus einer Seilbahnkabine heraus bietet sich ein grandioser Ausblick auf die Südküste


Inzwischen ist Air Mekong zwar Vergangenheit, dafür lässt sich heute neben dem in der SkyTeam-Allianz beheimateten Flaggcarrier Vietnam Airlines nun auch dessen Billigfluggesellschaft Jetstar Pacific auf Phu Quoc blicken. Platzhirsch vor Ort ist nach Anzahl der täglichen Flugbewegungen jedoch VietJet, ebenfalls ein stark expandierender Low-Cost-Carrier aus Vietnam. Aktuell bietet dieser 14 tägliche Flüge, darunter jeweils sechs nach Ho-Chi-Minh-Stadt sowie nach Hanoi, an. Doch Vietnam Airlines befördert auf etwas weniger Flügen fast dieselbe Anzahl an Passagieren.

PETER WIESNER
Netzwerk- und Flottenmanagement-Berater der Bangkok Airways


„Im Aufbau begriffene touristische Destinationen wie Phu Quoc zu unterstützen, passt in die Strategie der Bangkok Airways.“


ENTWICKLUNGSHELFERIN

„Phu Quoc hatten wir schon seit längerem auf unserem Radar, und wir haben uns die touristische Entwicklung der Insel über Monate hinweg sehr genau angeschaut“, berichtet Peter Wiesner, seines Zeichens Netzwerk- und Flottenmanagement-Berater des thailändischen Carriers. Es wurde gerechnet und kalkuliert, mit diversen auf Vietnam spezialisierten Reiseveranstaltern gesprochen und der Insel anfangs noch ein wenig Zeit gegeben, wichtige Hotelinfrastruktur aufzubauen. Doch zum Winterflugplan 2017 machte Bangkok Airways dann Nägel mit Köpfen und nahm am 29. Oktober zunächst vier Flüge pro Woche ab Bangkok-Suvarnabhumi auf. Ein Schritt, der in der Branche Beachtung fand. Schnell kamen die Thailänder mit Vertretern von Emirates, Etihad, KLM, Qatar Airways, Thai Airways International und Vietnam Airlines überein, Codeshare-Verträge zu schließen. „Die Auslastung war von Beginn an hervorragend“, versichert Wiesner. Und der Mix der Passagiere an Bord, Europäer wie Asiaten, spreche dafür, dass Phu Quoc auf breites Interesse stoße. Seit Juli fliegt die Fluggesellschaft deshalb fünfmal (dienstags, donnerstags, freitags, samstags und sonntags) mit ATR 72-600 und ab dem kommenden Winter dann sogar täglich ab der thailändischen Hauptstadt auf die Insel.

Zu den ganzjährig präsenten internationalen Kunden zählen darüber hinaus auch die südkoreanische Asiana oder China Southern Airlines aus dem Reich der Mitte. Erste verbindet Phu Quoc mit Seoul-Incheon, letztere mit Guangzhou im Süden Chinas. Mehr noch: Im saisonalen Langstreckenverkehr kam im vergangenen Winter die italienische Neos einmal pro Woche mit Boeing 767 nonstop aus Mailand-Malpensa. Und TUI Airways und TUIfly Nordic brachten ebenfalls bereits Feriengäste mit Boeing 787 aus London respektive Stockholm auf die Insel.

Der feinsandige, lange Strand etwas unterhalb der Hauptstadt Duong Dong gilt als einer der schönsten auf Phu Quoc


Überall auf der Insel wird Pfeffer angebaut – und gern an Besucher verkauft


Empfangen werden alle Passagiere – egal, ob im Inland oder auf internationalen Strecken unterwegs – in einem auf Hochglanz polierten Terminal, dessen Kapazität in den vergangenen Monaten auf fünf Millionen Passagiere jährlich erweitert wurde. „In Kürze stehen vier Gates mit Fluggastbrücken zur Verfügung“, verrät der stellvertretende Flughafendirektor Nguyen Quoc Hung mit einem gewissen Stolz und verweist auf die Statistik: Insgesamt wurden 2017 in PQC rund 2,7 Millionen Fluggäste gezählt. „Doch bereits in diesem Jahr erwarten wir 3,3 bis 3,5 Millionen Passagiere“, so Nguyen.

Woher er seine Gewissheit nimmt? Nun, noch betrage der Anteil der Inlandsreisenden mehr als 90 Prozent, okay, doch die Steigerungsrate sei vor allem im internationalen Verkehr enorm: „Allein im vergangenen Jahr lag das Plus hier bei 428 Prozent. In diesem Jahr rechnen wir mit einer weiteren Steigerung von mindestens 40 Prozent. Wenn das Wachstum auch nur ansatzweise so fortschreitet, dürften wir bald auch die Fünf-Millionen-Kapazitätsgrenze erreicht haben.“ 2030 sollen dann bereits sieben Millionen Passagiere auf dem Flughafen von Phu Quoc abgefertigt werden.

ASIA-ENTERTAINMENT

Für die Unterbringung der Urlauber – wurden 2014 noch rund 550000 Gäste gezählt, wird 2020 bereits mit mehr als zwei Millionen Besuchern gerechnet – wachsen auf der 100000-Einwohnerdestination dank der Investitionserleichterungen weiterhin Hotels wie Bambushaine in den Himmel. Etwa 1000 Häuser, große wie kleine, einfache wie luxuriöse, sollen es inzwischen sein; fast 15000 Zimmer stehen allein in den Drei-bis Fünf-Sterne-Häusern im Angebot.

Festland-Vietnamesen kommen schnell mal für ein Wochenende, um aus dem Alltag auszubrechen. „Chinesen bleiben durchschnittlich vier bis fünf Tage, Russen und die Europäer gerne zehn Tage bis zwei Wochen“, berichtet der stellvertretende Flughafendirektor. Nur die Rucksacktouristen verabschieden sich wieder peu-à-peu von ihrem in der Vergangenheit so lieb gewonnen Kleinod. Für ihren Geschmack wird für zu viel Unterhaltung gesorgt – als ob die Natur an sich, die Authentizität der mit 99 Bergen und kilometerlangen Sandstränden dekorierten Landmasse nicht ausreichend ist.

Casinos entstehen und lassen an Las Vegas erinnern. Der Vergnügungspark Vinpearl Land bietet darüber hinaus schon jetzt Achterbahn und Karussell, Wasserrutsche und Einkaufsmeile, sogar den Nachbau eines europäischen Märchenschlosses. Das ist Asia-Entertainment, vielleicht ein bisschen auf die Spitze getrieben. Der asiatische Geschmack unterscheidet sich zuweilen vom europäischen…

Der angegliederte Safaripark, übrigens der erste öffentliche Zoo Vietnams, bescherte dem Flughafen, an dem Cargo im Moment nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt, in der jüngeren Vergangenheit den Besuch von gleich zwei Boeing 747-400, unter anderem der Cargolux, die Tiger, Löwen und Co. für das staunende Publikum eingeflogen haben.

Mehr noch: Südlich von An Thoi hat die Sun Group im Februar dieses Jahres die mit 7899,9 Metern längste (Über-See-)Seilbahnanlage der Welt eröffnet. Die höchsten Pfeiler ragen 164 Meter in den Himmel. An den Seilen hängen bis zu 70 Gondeln, in denen fast 7000 Personen pro Stunde in etwas mehr als 20 Minuten über das Meer zur Insel Hon Thom getragen werden.

Der Besuch in einer der Fischsaucenfabriken wird ebenfalls in diversen Reiseführern empfohlen, gilt diese Würze doch als die beste ihrer Art weltweit. Bis zu sechs Millionen Liter werden jährlich auf Phu Quoc hergestellt. Wo die Fabriken zu finden sind? Nun, immer der Nase nach.

Ein absolutes Muss als Reisemitbringsel ist jedoch zweifellos Pfeffer. Zig Plantagen zeugen noch heute von der langen Tradition als überwiegend landwirtschaftlich genutztes Eiland. Selbst am Flughafen, noch vor dem Anstellen an einem der 36 Checkin-Schalter, können die Reisenden weißen, schwarzen oder roten Pfeffer für die heimische Mühle kaufen.


Fotos Dietmar Plath