Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 16 Min.

PIEMONT: ABWEGIG DURCH DIE ALPEN


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 14.06.2019

Piemont heißt das Zauberwort, wenn es darum geht, abseits des Asphalts durch die Alpen zu fahren. Prof. Michael Hoyer (Text und Fotos) hat im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Italien seiner Reiseenduro ein wenig Auslauf auf den Schotterpisten gegönnt.


Artikelbild für den Artikel "PIEMONT: ABWEGIG DURCH DIE ALPEN" aus der Ausgabe 4/2019 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 4/2019

Im Piemont ist der Colle Sommeiller mit knapp über 3.000 m der höchste legal zu befahrende Offroad-Pass. Steil und kernig sind die letzten Serpentinen zum Gipfel.


1Rund um den Col de Parpaillon gibt es jede Menge Offroadtrails, die das Adrenalin schneller durch den Körper jagen.


2Hoch hinaus geht es im Susatal, hier die Anfahrt auf den Col de ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Motorrad ABENTEUER. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von AKTUELL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKTUELL
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von ERSTER EINDRUCK: YAMAHA TÉNÉRÉ 700: SCHÖN EINFACH!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ERSTER EINDRUCK: YAMAHA TÉNÉRÉ 700: SCHÖN EINFACH!
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von KRETA: GRIECHISCHER STEIN: ON TOUR CHECK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KRETA: GRIECHISCHER STEIN: ON TOUR CHECK
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von KAWASAKI VERSYS-X 300 / VERSYS 650: GRÜNER REISESPASS: ON TOUR CHECK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KAWASAKI VERSYS-X 300 / VERSYS 650: GRÜNER REISESPASS: ON TOUR CHECK
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von BEKLEIDUNG: LUFTIGE SACHE: ON TOUR CHECK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BEKLEIDUNG: LUFTIGE SACHE: ON TOUR CHECK
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von CROSSBRILLEN: DURCHGEBLICKT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
CROSSBRILLEN: DURCHGEBLICKT
Vorheriger Artikel
BEKLEIDUNG: LUFTIGE SACHE: ON TOUR CHECK
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel CROSSBRILLEN: DURCHGEBLICKT
aus dieser Ausgabe


3Die Assietta-Kammstraße ist ein absolutes Highlight für jeden Enduro-Fahrer.


4»Straßensperre« auf italienisch, zumindest für Autos.


1Der Colle delle Finestre ist der Einstieg zur Assietta-Kammstraße und bereits ein kurvenreicher Offroad-Leckerbissen.


2Blitzschnell verändert sich in den Westalpen das Wetter, wie hier am Col d’Agnello.


Die meisten Enduros bekommen ihr Mopedleben lang nur Asphalt unter die Reifen. Gelände-Abenteuer an der Grenze des Fahrbaren sind in Deutschland fast nur noch in künstlich angelegten Offroad-Parks möglich. In den Alpen gibt es allerdings durchaus abenteuerliche Schotterstrecken. Das Mekka für echte Offroader liegt in Italien. Den Nervenkitzel in freier Wildbahn findet der Offroad-Enthusiast hier zum Beispiel auf den legal befahrbaren Schotterpisten im piemontesischen Valle di Susa, in der Maira Stura sowie der Maira Varaita. Im hochalpinen Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich wartet auf atemberaubend steilen Pfaden eines der größten Offroad-Abenteuer, das im durchzivilisierten Europa heute noch denkbar ist. Höhepunkt im norditalienischen Enduro-Mekka: Die Kammstraßen im Varaita-, Maira- und Stura-Tal sowie die spektakulären Auffahrten zum 2.801 Meter hohen Monte Jafferau sowie auf den 3.006 Meter hohen Colle Sommeiller. Hier warten bis zu 35 Prozent Steigung auf extrem schmalen und teils abgebrochenen Pfaden.

Doch der Reihe nach: Vom Schwarzwald aus steht eine lockere Anfahrt bis Bardonecchia an, die durch drei Tankstopps, knapp 650 Kilometer und 5 Espressi gekennzeichnet ist. Irgendwie ist diesen Transfer-Fahrten von zu Hause zum Ziel nie viel abzugewinnen. Am besten, man setzt sich einfach aufs Moped, schließt das Visier und bringt die Distanz so schnell wie möglich hinter sich. Angekommen an dem Ort, wo man genau weiß, dass ab jetzt das reinste Vergnügen, Thrill und beste Offroad-Pisten auf einen warten, werden die Adern mit Endorphinen geflutet. Man möchte kaum auf den nächsten Morgen warten, sondern gleich die steilen Gipfel erklimmen. Bardonecchia ist bekannt durch die Winterolympiade von 2006 sowie als Ausgangspunkt für großartiges Offroad-Abenteuer. Unser Motto lautet: »Kein Teer unter den Rädern« …

Angekommen in Bardonecchia, geht die erste Fahrt gleich auf einen Alpenklassiker mit Weitblick-Garantie. Eines der beliebtesten Ziele für Endurofahrer ist der Monte Jafferau mit seinem Gipfelfort. Ob es nun daran liegt, dass der Monte Jafferau der erste wirklich hohe Berg war, den ich vor vielen Jahren in meiner Offroad-Karriere befahren habe, oder ob es schlicht die wunderschöne Anfahrt auf diesen knapp 3.000 Meter hohen Berg ist, kann ich nicht sagen. Aber alleine der Name »Jafferau« lässt automatisch einen zufriedenen Gesichtsausdruck bei mir entstehen. Der Monte Jafferau erhebt sich östlich der Stadt Bardonecchia und trennt das Gebiet um Bardonecchia von Valfredda. Auf dem Gipfel befindet sich das am Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Fort Jafferau, eine bedeutende Festung, Teil des Vallo Alpino und eine der höchsten Befestigungsanlagen der Cottischen Alpen. Das gigantisch Schöne an diesem Gipfel ist die perfekte Weitsicht. Es existieren mehrere Anfahrtmöglichkeiten, u. a. von Salbertrand und Savoulx aus. An der Strecke liegt das Fort Pramand unterhalb des gleichnamigen Gipfels. Seit 2007 ist die Strecke ab dem Abzweig von der Piste zum Fort Foens unterhalb des Vin Vert (Bivio del Vin Vert) offiziell gesperrt, gleiches gilt für die Strecke zwischen Bardonecchia und dem Fort (West-An- bzw. -Abfahrt über die Skipiste). Das alte Militärsträßchen ist nicht leicht zu befahren. Grober, zum Teil sehr lockerer Schotter macht die Fahrt immer wieder spannend. Belohnt wird man als Endurist jedoch nach jeder Kurve bzw. Wegbiegung mit grandiosen Weitund Ausblicken. Oben auf dem Gipfel angekommen, möchte man dann fast die Zeit anhalten. Weite und Stille sind hier die prägendsten Eindrücke.

Bei Kaiserwetter machen wir uns am nächsten Morgen nach einem frühen Frühstück auf die Fahrt zum höchsten, legal anfahrbaren Punkt der gesamten Alpen. Der Colle Sommeiller ist vor allem bekannt durch das jährlich am zweiten Juliwochenende stattfindende Motorradtreffen »Stella Alpina«. Die Befahrung ist wegen des am Westhang nur langsam abtauenden Schnees oft nur im Spätsommer oder Frühherbst möglich. Die Anfahrt beginnt in Bardonecchia und führt – zunächst noch asphaltiert – zu dem kleinen Ort Rochemolles. Kurz danach beginnt der unbefestigte Teil der Strecke, der aber hier noch gut befahrbar ist. Es geht weiter, vorbei am Stausee Lago di Rochmolles und hinein in das Hochtal bis zum Rifugio Scarfiotti am Talschluss. Hier erwartet uns eine echte Überraschung. Seit letztem Jahr ist die Strecke ab hier mautpflichtig. Eine vergnügte Italienerin erklärt uns, dass wir für die nun folgende Strecke 5 Euro Gebühren zu bezahlen hätten. Ich frage freundlich nach, in welchem Zeitraum denn diese Maut fällig ist und erhalte die Antwort, dass diese Gebühr von Juli bis September fällig sei. Die 5 Euro schrecken jetzt nicht so sehr, aber interessant ist schon, dass im vergangenen Jahr insgesamt 2.466 Fahrzeuge auf den Sommeiller gefahren sind. Die Maut sei zur Instandhaltung der schwierigen Serpentinen im Schlussanstieg. Mit dieser Begründung bezahlen wir die kleine Gebühr gern, erhalten einen lustigen Aufkleber, schließen das Visier, legen den ersten Gang ein und tuckern los.


40 Kilometer Offroad-Glück, so könnte man die aussichtsreiche Kammstraße auch beschreiben


Ab hier wird die Strecke sowohl gröber als auch schmaler. Über 16 Kehren erreicht man die sehr karge Pian dei Morti. Hat man die steinige Hochebene passiert, folgt noch einmal ein Anstieg über mehrere Kehren hinauf bis zu einer als Wanderparkplatz hergerichteten Fläche. Eine Abfahrt nach Frankreich ist nicht möglich, auch die eigentliche Scheitelhöhe des Passes selbst kann nicht angefahren werden. Sie liegt nordöstlich eines kleinen Sees und ist – wie dieser auch – nur zu Fuß erreichbar.

Zurück in Bardonecchia, ist es Zeit für eine Portion Spaghetti aglio, olio e peperoncino. Gestärkt geht es dann weiter zum zweiten Highlight des heutigen Tages: Die aussichtsreiche Assietta-Kammstraße zählt zu den beliebtesten Höhenstraßen der Westalpen. Sie zieht sich am Kamm zwischen Valle Susa und Valle del Chisone entlang und bewegt sich in Höhenlagen zwischen 2.000 und 2.500 Metern. Der höchste Punkt liegt mit 2.550 Meter unterhalb des Gipfels der Testa dell‘Assietta (2.567 Meter). Die Tour beginnt am oberen Ende der Südrampe des Colle delle Finestre. Nach dem Colle dell‘Assietta endet die wunderbare Strecke dann an der Scheitelhöhe des Colle di Sestriere. Die Strecke ist bis auf ein kurzes Stück am Anfang komplett geschottert, und in der Regel problemlos zu befahren. Knapp 40 Kilometer Offroad-Glück – so könnte man diese aussichtsreiche Kammstraße wohl am besten beschreiben. Fahrerisch anspruchsvoll ist sie nicht besonders – und dennoch muss man in jeder Kurve aufpassen – der lehmige Untergrund kann bei Nässe die Piste schnell in eine schwierige Offroad-Herausforderung verwandeln.

Angekommen in Sestriere, durchflutet ein doppelter Espresso unsere müden Glieder und uns zieht es am späten Nachmittag dann noch einmal weit hinauf zum Lago Negro, der direkt neben dem legendären Monte Chaberton liegt. Immer wieder muss ich diesen grandiosen Berg auf unserer Fahrt zum Lago Negro bewundern. Der See, der sich dann in einer großartigen Bergwelt offenbart, ist spektakulär – beeindruckend ist die gesamte, sehr schroffe Bergwelt, die sich zum Abschluss unserer Tour in wunderschönen Farben präsentiert.

Ein Ortswechsel steht an: Wir verlassen Bardonecchia, um in das legendäre Maira-Stura-Tal zu fahren und dort zwei verschiedene Kammstraßen zu befahren. Um dorthin zu gelangen, steht eine weitere Offroad-Strecke mit hohem Fahrspaß und schwierigen Passagen an. Ziel ist der Scheiteltunnel des Col de Parpaillon. Diese ziemlich unbekannte Passstraße von Embrun nach Contamine-Chatelard ist nur selten durchgehend zu befahren. Auch im Hochsommer können Schneewechten sowie der möglicherweise total vereiste Untergrund des Scheiteltunnels die Weiterfahrt unmöglich machen. Dieser ca. 500 Meter lange Tunnel steht jedoch bei unserer Durchquerung hoch unter Wasser. 30 bis 50 cm tiefe Wasserfurten im Tunnel bei völliger Dunkelheit zu passieren, lässt den Puls deutlich in die Höhe schnellen. Dennoch ist dieser leicht mystische Ort ein wahrer alpiner Leckerbissen.

3Auf geschotterten Sträßchen geht es in Piemont immer an den Hauptverkehrsstraßen vorbei. Wer hier viel auf Asphalt fährt ist selber schuld.


1Die typischen Bars in Italien sind immer leicht zu finden – einfach dem Kaffee-Duft nachfahren.


2Einfahrtsportal am Col de Parpaillon.


Die Erbauung der hochalpinen Strecke durch französische Soldaten begann im Jahre 1891 und fand aufgrund der widrigen hochalpinen Verhältnisse sowie der Schwierigkeiten beim Bau des für damalige Verhältnisse sehr langen Scheiteltunnels erst nach 20 Jahren im Sommer 1911 ihren Abschluss. Landschaftlich ist diese Strecke eine der spektakulärsten Offroad-Straßen im Piemont. Vorsicht ist allerdings in hohem Maße auf beiden Passrampen angebracht: Der Untergrund der nicht randgesicherten Strecke besteht hier zum Teil aus sehr grobem Schotter und kann die Fahrt zu einer schmierigen und komplizierten Route machen.

Die weitere Fahrt über den Col d‘Izoard sowie den Col d’Agnello hätte mich vor vielen Jahren, als ich noch nicht dem Enduro-Virus unterlegen war, bestimmt begeistert. Ja – früher, als engagierter Tourenfahrer sagte ich immer: »Es ist ein großes Unglück, Schotter unter den Reifen zu haben«. Heute sage ich eher das Gegenteil …

Die kleine Ortschaft Sampeyre, am Fuße des großen Col d’Agnello, empfängt uns mit einem perfekten italienischen Abendessen. Der Vino rosso sowie der Grappa am Abend sind Balsam auf unserer reizüberfluteten und gleichzeitig total zufriedenen Seelen.

Nach diesen Straßenkilometern fühlt es sich dann wieder gut an, unbefestigten Untergrund zu befahren. Unsere erste Tour führt über die aussichtsreiche Varaita-Maira-Kammstraße (VMKS), deren offizieller Name eigentlich »Strada dei Cannoni « lautet. Sie führt vom Westrand der Po-Ebene über den Höhenzug zwischen Varaita- und Mairatal bis zum Colle della Bicocca am Fuße des Pelvo d’Elva (3.064 Meter) und steigt dabei allmählich von 600 bis auf über 2.300 Meter an. Die gesamte Kammstrecke ist geschottert und zum großen Teil gut zu befahren. Einige Passagen, die im Bereich von Hangrutschungszonen liegen, erreichen aufgrund von grobem und losem Schotter hohe Schwierigkeitsgrade, die dem Fahrer so einiges abverlangen. Die eigentliche Kammstrecke beginnt bei Colletto di Valmala, dessen Scheitel nur ca. 100 Meter südlich der Straße liegt. Bis zum Colle della Ciabra tritt die Vegetation mehr und mehr zurück und es bieten sich schöne Ausblicke ins Varaita- und Mairatal. Später passiert man den nördlich der Straße liegenden Colle di Melle. Jenseits des Colle Birrone folgt der schwierigere Teil der VMKS. Nach einigen steilen und etwas ruppigen Kehren führt der Weg teils durch Hangrutschungszonen mit grobem Geröll, die sich über den Colle Rastcias bis fast zur Bassa d’Ajet fortsetzen. Danach wird die Strecke wieder besser. Nach grandiosen Fern- und Weitsichten kreuzt man am Colle di Sampeyre die asphaltierte Straße von Sampeyre nach Elva, die Gelegenheit bietet, sowohl ins Varaitaals auch ins Mairatal abzufahren. Die Kammstraße setzt sich von hier aus noch über 6 Kilometer fort, bis man am Colle della Bicocca den Endpunkt der befahrbaren Strecke erreicht. Sampeyre eignet sich bestens als Ausgangspunkt für zwei perfekte Offroad-Abenteuer.

Am nächsten Tag wartet gleich das nächste Highlight auf uns. Schnell sind wir am Ausgangspunkt in San Giacomo. Die Maira-Stura-Kammstraße zählt zu einem Netz ehemaliger Militärsträßchen, welche überwiegend als schmale geschotterte Fahrwege mit festem Untergrund angelegt wurden. Diese Straße verbindet die beiden Täler Maira und Stura miteinander. Ihre Höhenlage vermittelt mannigfache herrliche Ausblicke. Diese knapp 40 Kilometer lange Offroad-Strecke ist sicherlich aufgrund der sich rasch wechselnden verschiedenen Bergpanoramen als einzigartig zu betrachten. Steile Auffahrten sowie tiefe Schluchten unterstreichen die einzigartige Bergwelt.

Dieser echte Leckerbissen für leidenschaftliche Alpenfahrer bietet auf über 50 Kilometer echtes Offroad-Vergnügen. Aus den sonnenverwöhnten Niederungen am Rande der Po-Ebene leitet das Sträßchen allmählich hinauf in hochalpine Regionen – eine Panoramafahrt durch mehrere Klima- und Vegetationsstufen. Auf dieser Tour sind nicht weniger als zwölf kleine Wasserscheiden zu überqueren. Dabei genießt man eine permanent anhaltende Kette von Ausblicken.


Endurofahrer-Regel: Wenn es schwierig wird – Gas geben. Wenn es noch schwieriger wird – mehr Gas geben …


Der nächste Tag besteht zunächst aus einer sehr gepflegten Asphalttour am Fuße des Monte Visio. Am Rande dieses über 3.000 Meter hohen Berges entspringt auf gut 2.000 Meter Höhe die Quelle des Po. Dieser 652 Kilometer lange Fluss entspringt hier in den Cottischen Alpen und mündet in Venetien in die Adria. Landschaftlich ist diese Gegend ein Traum. Dennoch dürstet uns nach einer wunderbaren Tour in die Quellregion nach Schotterpisten. Ein Blick auf die Landkarte macht uns auf den Col La Colletta aufmerksam. Schnell haben wir den Ausgangspunkt dieser alten Militärstraße in Accellio angefahren und nun beginnt ein Offroad-Abenteuer auf 2.830 Meter Höhe. Der Weg ist in einem schwierigen Zustand und nicht umsonst wird diese Straße unter den »100 dangerous roads of the world« gelistet. Vor allem der Teil ab ca. 2.500 Meter Meereshöhe ist in einem sehr ruppigen Zustand, der reichlich Adrenalin verursacht. Bereits im vergangenen Jahr sind wir bis auf ca. 2.750 Meter gekommen, wo uns dann Anfang Juli ein großes Schneefeld die Weiterfahrt versperrte. Aus den Beschreibungen wussten wir, dass die letzten Höhenmeter bis zum alten Sperrfort auf einem ausschließlich für Enduros zu befahrenen, knapp einem Meter breiten, extrem ausgesetzten Pfad mit einer Hangneigung von ca. 35 bis 40 Grad zu bewältigen sind. Und wie das so ist – im einen Augenblick ist man noch völlig von der grandiosen Landschaft fasziniert, im nächsten Augenblick befindet man sich bereits in voller Fahrt auf diesem sehr schwierigen Endstück. Als Endurofahrer hat man gelernt: Wenn es schwierig ist – Gas geben. Und wenn es noch schwieriger wird – noch mehr Gas geben… Und so »fliegen« wir quasi die letzten Meter bis zum Gipfel hinauf und schauen uns ungläubig an, dass wir diese Stelle eigentlich ganz einfach bewältigt haben. Wie immer fotografieren wir auf dem Gipfel viel und versuchen, die adrenalingeschwängerten Nerven zu beruhigen. Doch der Gedanke an die Rückfahrt lässt schon ein wenig Respekt aufkommen, zumal das Wetter zu kippen droht. Rasend schnell kommt eine Gewitterfront auf uns zu, so dass wir rasch die Abfahrt sowie die Rückfahrt nach Sampeyre angehen.

Weiter geht unsere Fahrt – bevorzugt auf Schotterwegen – in Richtung Süden. Die Ligurische-Grenzkamm-Höhenstraße soll das finale Highlight der Reise werden. Die Ligurische Grenzkammstraße ist die längste und abgelegenste Militärstraße, welche Mussolini zwischen den beiden Weltkriegen an seiner Grenze hat bauen lassen. Sie verläuft ausgehend vom Tendepass ca. 100 Kilometer durch unbesiedeltes Gebiet im Niemandsland. Dabei wechselt sie 27 Mal die französisch-italienische Grenze,

3Da schlägt jedes Offroad-Herz höher: Die Abfahrt vom Col de Parpaillon in Richtung Contamine-Chatelard.


Fotostopp auf der Anfahrt zum Col de Gouta – im Hintergrund ist sehr gut der ligurische Grenzkamm zu sehen.


Die Überlegung, ob man nun die alte Passstraße wieder hinunterfährt und es von der anderen Seite probiert, hängt vom Offroad-Geschick des jeweiligen Fahrers ab. Mit ein bisschen Mut und Kraft lässt sich aber die Reise-Enduro über den Erdhaufen schieben und dann beginnt perfektes Offroad-Abenteuer am ehemaligen Fort Central, das sich wie ein Adlernest vor dem felsigen Hintergrund aufbaut. Die Ligurische Grenzkammstraße ist ein Refugium von hohem Erholungswert, eine hochalpine Strecke über 60 Kilometer, auf der nur wenige Menschen unterwegs sind. An Endurofahrer stellt die Befahrung der langen, unbefestigten Strecke, abseits menschlicher Siedlungen, erhebliche physische und psychische Anforderungen. An vielen Stellen ist man völlig ausgesetzt und ein Abrutschen von dem schmalen, grob geschotterten Weg würde einen Sturz von nicht selten vielen hundert Metern mit sich führen. Also: hier sollten Mensch und Maschine wirklich eine Einheit bilden. Hat man allerdings diese Strecke einmal unter den Rädern, dann kommt sehr schnell das wohlige Gefühl des durch den Körper fließenden Adrenalins.

Wunderschöne Aussichten in einer sagenhaften Bergwelt lassen uns nur langsam vorankommen. Die Fahrt auf dem Ligurischen Grenzkamm führt uns über den Col des Seigneurs zum höchsten Berg der italienischen Region Ligurien, zum Col de Saccarello. Er liegt direkt an der Grenze zu Frankreich. Der 2.201 Meter hohe Gipfel gehört bereits zum Departement Alpes-Maritimes. Er kann über eine etwa zwei Kilometer lange Straße angefahren werden, die kurz unter dem Gipfel endet. Sie zweigt von der Ligurischen Grenzkammstraße ab. Auf dem Gipfel befinden sich eine bekannte Erlöserstatue und eine kleine Kapelle. Von hier aus hat man bei guter Sicht nicht nur ein atemberaubendes 360-Grad-Bergpanorama, sondern auch einen wunderbaren Fernblick bis zum Mittelmeer.

Die Auffahrt zum Saccarello gehört zu den vielleicht schwie rigsten Auffahrten im Piemont und Ligurien. Drei große und hohe Absätze müssen gleich nach einer Haarnadelkurve frontal unter die Stollenräder genommen werden. Fährt auch nur ein Funke Angst mit, dann bleibt man genau an diesen Absätzen hängen. Die Weiterfahrt ist dann ohne nötigen Schwung fast aussichtlos. Der Spruch »Wer sein Moped liebt – schiebt« erfreut sich hier nur begrenzter Beliebtheit. Also: Augen auf, sicheren Stand einnehmen, ein bisschen mehr Gas, als einem vielleicht lieb ist und schon ist diese schwierige Schlüsselstelle bewältigt.

Wissenswertes

Allgemein: Das Piemont sowie Ligurien sind echte Offroad-Paradiese mitten im Herzen der Westalpen. Das Gebiet ist riesig, die größte Region des italienischen Festlandes. Hier gibt es unzählige Berggipfel, die bis zu 4.000 Meter hoch sind.

Anreise: Es gibt zwei Varianten, ins Piemont zu reisen: Einmal über die Schweiz am Genfer See vorbei und dann durch den relativ teuren, rund 13 Kilometer langen »Tunnel de Frejus« nach Bardonecchia zu gelangen. Die andere Variante führt durch die Schweiz bis nach Mailand und dann Richtung Turin über Alba nach Bardonecchia.

Straßen / Verkehr: Es gibt nur wenige Autobahnen und große Verkehrsstraßen in dieser Region. Man reist ja aber auch nicht hierhin, um möglichst lange geradeaus zu fahren. Das Verkehrsleben spielt sich auf den »Strada statale« ab. Hier gilt es, immer mit der forschen Fahrweise der Italiener zu rechnen.

Motorradfahren: Das Fahren auf den alpinen Pisten braucht ein wenig Vorbereitung. In jedem Fall sollte man, auf den anspruchsvolleren Routen im Gelände über gute Offroad-Erfahrung verfügen. Ganz wichtig ist auch das Material. Natürlich kann man diese Wege auch mit normalen Straßen maschinen befahren – eine Enduro fühlt sich allerdings auf diesen groben Schotterpisten deutlich besser an. Ist der Zustand der Straßen trocken, geht das sogar mit Straßenreifen, sobald es aber einmal ein bisschen nass oder glitschig wird – und das passiert ja gerade im Gebirge aufgrund schneller Wetterumschwünge rasend schnell – sind Stollenreifen unverzichtbar. Ein bisschen Werkzeug, Kabelbinder etc. sollten immer dabei sein. Durch die grobe Schotterung der Wege ist es möglich, dass sich manche Schrauben irgendwann ein bisschen lösen. Genau dies sollte immer vor Fahrbeginn grob überprüft werden. Ebenfalls ist ein Reifenreparaturset sowie eine Luftpumpe für den Ernstfall eine echte Notfallversicherung.

Übernachten: Im August ist ganz Italien unterwegs. Die Italiener planen Ihre Sommerferien um den Ferragosto. Das ist der 15. August – Mariä Himmelfahrt. Um dieses Datum kommt fast das gesamte administrative und wirtschaftliche Leben zum Erliegen. Die Italiener zieht es zu diesem Zeitpunkt dorthin, wo es kühl ist: ans Meer oder in die Berge. So kommt es häufiger im August vor, dass sich neben Enduristen auch Wanderer auf den alten Militärstraßen befinden. Unterkünfte, wie stilvolle Hotels oder urige Albergos, die sonst fast immer spontan und ohne vorherige Reservierung verfügbar, sollten im August vorher reserviert werden. Ansonsten stehen jede Menge Campingplätze, selbst in kleinen Dörfern, ausreichend zur Verfügung.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist sicherlich August bis September. Zu dieser Jahreszeit sind die hohen Berge – immerhin geht es bis auf 3.000 Meter Höhe – sicher schneefrei. Aber Vorsicht, es kann natürlich auch ein früher Wintereinbruch kommen. Dann sind verschiedene Passagen schon wieder neu eingeschneit. Das Thema Schnee ist im Juni und Oktober, in denen man diese Touren oft für sich ganz alleine hat, ein großes Thema. Gerade am Col de Parpaillon sowie am Col de Sommeiler taut der Schnee nur sehr langsam und vereitelt allzu oft das Gipfelglück.

Infos: Zur Vorbereitung eines solchen Abenteuers benötigt man am besten den »Großen Alpenstraßenführer« aus dem Denzel Verlag sowie einen Internetzugang. Alternativ sind die Routen aus dem MD-MOT-Verlag ebenfalls sehr empfehlenswert. In diesen beiden Nachschlagewerken werden die Touren immer wieder aktualisiert und man kann sich auf die angegebenen Kilometerangaben und auch Schwierigkeitseinschätzungen verlassen. Das ist bei der Planung schon einmal Gold wert. Viele Militärstraßen sind nicht immer zu befahren. Bergabgänge sowie zusammenbrechende Brücken machen die Fahrt häufig unpassierbar. Deshalb ist es wichtig, aktuelle Informationen von anderen Reisenden aus dem Internet zu recherchieren. Häufig versperren große Verbotsschilder die Weiterfahrt. Als »guter Deutscher« will man diese Passagen dann natürlich gerne meiden. Fehlanzeige – diese Verbotsschilder beziehen sich häufig nur auf geländetaugliche Autos, Enduros sind nicht immer davon betroffen. Im MD-MOT-Verlag hat man zusätzlich den Vorteil, dass man die Tracks käuflich erwerben kann und einfach in sein Navi lädt. Das ist an Reise-Komfort kaum zu überbieten. Vom Denzel Verlag erhält man neben der großen und kultigen »Schotterbibel« häufig noch weitere Informationen zur Umgebung und Landschaft.

1»Sonnenbad« auf dem Col de Sommeiler. Offroad geht auch mit vier Rädern.


2Typisch italienisch – stilvolle Espressobar in Accellio.


Man kann die Ligurische Grenzkammstraße sicher in weniger als zwei Stunden befahren. Empfehlenswert ist das aber bestimmt nicht. Ich kenne keine Offroad-Strecke in den Westalpen, die mehr Faszination für Offroad-Abenteuer bereithält, als diese alte Militärstraße. Es ist unglaublich, wie unterschiedlich einerseits das landschaftliche Profil ist, auf der anderen Seite wechseln sich schon fast liebliche Abschnitte mit echten enduristischen Herausforderungen ab.

An unserem letzten Tag steht dann der zweite Teil der Ligurischen Grenzkammstraße an. Während der Bauphase hatten die Strategen die Idee, eine Versorgungslinie vom Mittelmeer bis weit in die Alpen hinein zu bauen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Grenzkammstraße in Ventimiglia beginnt. Unsere Fahrt heute geht also von der Küste zum Passo Gouta. Der Weg dorthin führt über eine sehr empfehlenswerte, asphaltierte Sackgasse ab Pigna in Richtung der westlich gelegenen französischen Grenze. Vom oberen Punkt kann man auf Schotter den Grenzpass Muratone etwas nordöstlicher erreichen, nach Süden führt ebenfalls eine Kammstraße entlang der Grenze. Von hier aus ist die nordwestlich, am Colla Melosa beginnende Ligurische Grenzkammstraße zu erreichen. Die Schotterstraße ist in einem guten Zustand. Was das Fahren an manchen Stellen zur Herausforderung macht, sind vereinzelte Schneepassagen, die auch den erdigen Untergrund aufweichen und ein bisschen Mut zur Weiterfahrt voraussetzen.

Besonders kniffelig wird es in der Nähe des Baisse de Peyrefique am Colle d’Oune. Hier ist die Fahrbahn abgerutscht und nur ein schmaler Streifen am steil abfallenden Wegesrand ist frei. Psycho-Terror ist angesagt: Eigentlich ist der Streifen breit genug, um mit einer Reise-Enduro darauf zu fahren – nur der Blick nach links unten verrät, dass man viele Meter tief stürzt, wenn man den Lenker ein bisschen zu weit nach rechts dreht …

Es gibt drei Kriterien für einen perfekten Motorradurlaub: Lebensqualität, besondere Situationen und gutes Essen. Diese drei Kriterien werden im Piemont und in Ligurien vortrefflich erfüllt. Die vielen Offroad-Touren sind alle gut und einfach zu bewerkstelligen. Aber wie es halt im Gebirge ist: die Wettersituationen verändern sich rasend schnell und dann ändern sich alle fahrerischen Herausforderungen von einer auf die andere Minute.

Es ist kaum zu glauben, dass es in den Westalpen solch ein Eldorado an teilweise sehr anspruchsvollen Enduro-Routen gibt. Und das Besondere daran ist die Tatsache, dass man sich auf hoch geschichtsträchtigem, historisch bedeutsamem Gelände aus dem ersten Weltkrieg bewegt. Diese Pisten sind kühn gebaute, grob geschotterte Wege, die vom Militär vor über 100 Jahren in die Berge gebaut wurden, um den Kriegsnachschub zu sichern. Mein Freund Ulrich, mit dem ich diese durchaus anspruchsvollen Touren unternahm, konnte mir dann auch während der Fahrt zu vielen Bunker- und Sperr-Fortanlagen im Gebirge genaue Informationen geben. Und wenn man an manchen Orten gut hinhörte, dann könnte man fast meinen, die ohrenbetäubenden Einschläge von Granatsalven zu hören.

Zum Schluss einer solchen Tour kommt unweigerlich das, wozu wohl kein Motorradfahrer Lust hat: Die Heimfahrt steht an. Nach den intensiven Erlebnissen erscheinen die vielen Autobahn-Kilometer unerträglich. Aber eines ist gewiss: Die Touren in den Bergen werden uns noch lange im Gedächtnis bleiben und bereits auf der Heimfahrt bin ich gedanklich wieder auf den abenteuerlichen Kammstraßen im Piemont und Ligurien.

3Gipfelglück auf dem Tende-Pass beim Fort Central, im Hintergrund die serpentinenreiche alte Passstraße.