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PIKSEN, BITTE!


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 03.07.2019

Zaubern können Kinderärzte nicht, aber sie haben ein Wundermittel gegen viele Krankheiten: Impfen. Warum Eltern das nutzen sollten und was Experten empfehlen


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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 8/2019

Brigitte Dietz plagte sich beim Lernen, Schlafen und Essen mit Hustenattacken rum, quälte sich durchs Medizin-Examen und wünschte sich nur eines: eine Tablette, eine Spritze, schlicht ein Zaubermittel, das dem Spuk ein Ende machen könnte. Heute weiß sie, dass es genau so ein Wundermittel gegeben hätte: eine Impfung. Denn was sich für sie wie ein nerviger und sehr hartnäckiger Dauerhusten anfühlte, war in Wirklichkeit Keuchhusten – und dagegen kann ...

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Brigitte Dietz plagte sich beim Lernen, Schlafen und Essen mit Hustenattacken rum, quälte sich durchs Medizin-Examen und wünschte sich nur eines: eine Tablette, eine Spritze, schlicht ein Zaubermittel, das dem Spuk ein Ende machen könnte. Heute weiß sie, dass es genau so ein Wundermittel gegeben hätte: eine Impfung. Denn was sich für sie wie ein nerviger und sehr hartnäckiger Dauerhusten anfühlte, war in Wirklichkeit Keuchhusten – und dagegen kann man impfen. „Ich habe es zu spät gemerkt und mich über Monate elend gefühlt. Dabei war ich Mitte 20 und hatte ein trainiertes Immunsystem“, sagt die Medizinstudentin von einst, die heute mit zwei Kolleginnen eine Kinder- und Jugendarzt- Praxis in Taufkirchen bei München hat. Den Keuchhusten hatte sie sich während des Praktikums in einer Kinderklinik geholt. „Für Neugeborene, Babys oder kleine Kinder kann Keuchhusten richtig gefährlich werden“, weiß Dr. Brigitte Dietz.
Hat ihre Motivation, sich auch als Sprecherin der bayerischen Kinder- und Jugendärzte fürs Impfen einzusetzen, damit zu tun? „Es gibt so vieles, wogegen wir Ärzte machtlos sind. Richtig schlimme Krankheiten, aber auch völlig banale Infekte, die ganze Familien trotzdem wochenlang lahmlegen. Da finde ich es schlau, wenn wir alles ausschließen, wogegen man impfen kann.“ Die STIKO in Berlin, also die Ständige Impfkommission, gibt einmal im Jahr eine aktuelle Impfempfehlung heraus, wogegen Kinder im besten Fall geimpft werden. Ein alphabetischer Überblick:

DIPHTERIE

Wer die Charité-Serie verfolgt hat, weiß: Gegen Diphterie hilft ein beherzter Luftröhrenschnitt, weil durch die Erreger der Rachenraum so an schwillt, dass die Patienten keine Luft mehr bekommen. Emil von Behring hat in der Fernsehserie die Nichte des Klinikchefs mit einem Skalpell gerettet, doch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ging die Krankheit nicht selten tödlich aus. Weil er den Impfstoff gegen Diphterie entwickelt hat, wurde Emil von Behring zum Helden und Nobelpreisträger. Hier in Deutschland ist die Krankheit inzwischen besiegt, „aber in verschiedenen osteuropäischen Ländern gibt es immer wieder Diphterie-Fälle“, so Dr. Dietz, „deshalb sollten Kinder auch bei uns weiterhin dagegen geimpft werden – als Teil der Sechsfachimpfung zum ersten Mal in der neunten Lebenswoche.“

HAEMOPHILUS INFLUENZAE TYP B

Das Bakterium „Hib“ ist für eine ganze Reihe von bakteriellen Erkrankungen verantwortlich (Hirnhautentzündungen zum Beispiel) und wird vor allem durch Husten und Niesen übertragen. Weil seit den 90er-Jahren dagegen geimpft wird, ist es zum Glück fast in der Bedeutungslosigkeit versunken – zumindest im Bewusstsein von Eltern. Der Schutz vor Hib ist Teil der Sechsfachimpfung.

HEPATITIS B

Das ist eine Infektionskrankheit der Leber, die durch Viren vor allem über Blut und Geschlechtsverkehr übertragen wird. Warum also sollten schon Babys geimpft werden? „Weil wir als Kinderärzte die Jugendlichen später nicht mehr erreichen“, sagt Brigitte Dietz. Wenn also Eltern ihren Teenager schützen wollen, ist der sicherste Weg die Impfung im Babyalter. Auch dieser Impfstoff wird im Rahmen der Sechsfachimpfung gegeben.

KEUCHHUSTEN

Weil Keuchhusten (Pertussis) vor allem für Neugeborene gefährlich ist, empfiehlt die Ständige Impfkommission seit 2009, nicht nur die Babys mit der Sechsfachimpfung in der neunten Lebenswoche zu immunisieren. Auch alle Erwachsenen, die mit dem Baby zu tun haben, sollten sich impfen lassen: Mama, Papa, Oma, Opa, Babysitter und Tagesmutter. Dieser „Kokonschutz“ ist sinnvoll, weil Keuchhusten durch Tröpfcheninfektion extrem ansteckend ist.

MASERN, MUMPS, RÖTELN, WINDPOCKEN

Keine Impfung wird gerade heftiger diskutiert: Impfpflicht – ja oder nein? Sind Masern wirklich so gefährlich? „Bitte unbedingt impfen“, wünscht sich Brigitte Dietz, „weil Kinderkrankheiten nicht so heißen, weil sie kinderleicht zu behandeln sind, sondern weil sie vorwiegend im Kindesalter auftreten.“ Bei Masern gibt es zum Teil heftige Komplikationen, Mumps kann aus kleinen Jungs unfruchtbare Männer machen, Windpocken und Röteln sind für Schwangere und das Baby im Bauch sehr gefährlich. „Wenn wir Impfquoten von 95 Prozent und mehr erreichen, können sich diese Krankheiten nicht mehr ausbreiten“, sagt die Kinderärztin. Masern, Mumps, Röteln, Windpocken werden im Dreier- bzw. Viererpack mit einem Lebendimpfstoff verabreicht. Gegen die abgeschwächten Viren bildet das geimpfte Kind Antikörper, deshalb kann es auch noch ein bis zwei Wochen danach zu Impfreaktionen kommen. Geimpft wird kurz vor dem ersten Geburtstag, ein paar Monate später gibt es den zweiten Piks zum Auffrischen.

MENINGOKOKKEN

Kinder unter fünf Jahren und Jugendliche zählen zur Hauptrisikogruppe für Meningokokken, das sind Bakterien, die eine Hirnhautentzündung oder eine Blutvergiftung auslösen können. Derzeit empfiehlt die STIKO nur eine Impfung gegen die Serogruppe C. „Leider“, findet Kinderärztin Brigitte Dietz (wie übrigens viele ihrer Kollegen), „weil wir inzwischen auch gegen die deutlich häufigere Serogruppe B impfen könnten.“ Nur: Solange der Impfstoff nicht offiziell von der STIKO empfohlen wird, müssen die Krankenkassen die Kosten für die Behandlung auch nicht übernehmen. Viele tun es trotzdem, ansonsten müssen Eltern die etwa 390 Euro für drei Impfungen selbst zahlen.

Unsere Expertin

Dr. Brigitte Dietz
ist Kinder- und Jugendärztin in Taufkirchen

PNEUMOKOKKEN

Hirnhaut-, Lungen- oder Mittelohrentzündungen gehören zu den Erkrankungen, die durch Pneumokokken verursacht werden. Weil ihr Immunsystem noch nicht ausgereift ist, sind Babys und Kleinkinder besonders gefährdet. Im August 2015 hat die Ständige Impfkommission die Empfehlung zur Pneumokokken- Impfung von Säuglingen angepasst. Statt wie vorher vier werden für Säuglinge nur noch drei Impfungen empfohlen. Auch diesen Piks gibt es in der neunten Woche.

POLIO

Die Weltgesundheitsorganisation hat zwar im Jahr 2002 Europa für poliofrei erklärt, aber in anderen Ländern (wie Pakistan oder Afghanistan) kommt die Kinderlähmung immer noch vor. Deshalb: „Bitte auch in Deutschland weiterhin impfen“, sagt Brigitte Dietz. „Die Sechsfachimpfung wird von den meisten Babys sehr gut vertragen.“

ROTAVIREN

Die erste Impfung ist kein Piks, sondern eine Schluckimpfung: Gegen Rotaviren werden Babys seit 2013 schon in der siebten Lebenswoche immunisiert. Rotaviren sind scheußlich (weil sie mit Erbrechen und Durchfall einhergehen), hochansteckend und sie können quasi überall durch die Luft flirren: im Supermarkt, in der U-Bahn oder in Kindergärten. Wenn die Kita wegen einer Magen-Darm-Erkrankung geschlossen hat, stecken fast immer Rotaviren dahinter, die ans zuständige Gesundheitsamt gemeldet werden müssen. Für Familien mit größeren Kindern ist das in erster Linie lästig, denn ein Rota-Brechdurchfall ist heftig; für Neugeborene ist er sehr gefährlich, weil sie durch den Flüssigkeits- und Salzverlust sehr schnell austrocknen. Daher werden Babys mit einer Rotaviren- Infektion fast immer direkt ins Krankenhaus überwiesen, damit sie sich am Tropf erholen können.

TETANUS

Die Erreger für Wundstarkrampf finden sich vor allem in der Erde oder im Sandkasten, deshalb sollten spätestens Krabbelkinder gegen Tetanus geimpft werden, weil die Bakterien durch winzige, kaum sichtbare Verletzungen eindringen können. Die STIKO empfiehlt, Kinder im Rahmen der Sechsfachimpfung mit neun Wochen zu impfen.

Impfkalender für Säuglinge und Kinder (6 Wochen - 6 Jahre*)


ILLUSTRATION: SHUTTERSTOCK.COM; FOTO: PRIVAT