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PILGERFAHRT NACH DODONA


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 20.09.2019

Das Orakel von Zeus Naios und Dione

«Zeus, pelasgischer, weitab wohnender, Herr von Dodona, Wo der Winter so rau. Dort lagern am Boden die Selloi, Deine Seher, um Dich mit nie gewaschenen Füßen.»
Homer,Ilias 16, 233–235 (dt. von Roland Hampe 1979)

Diese Iliasstelle, in der Achill den Göttervater Zeus anruft, ist die älteste literarische Erwähnung Dodonas. Das Heiligtum war praktisch die gesamte griechische Antike hindurch bis zum Ende des Römischen Reiches, also mindestens anderthalb Jahrtausende lang von großer Bedeutung. Der Ort entwickelte und veränderte sich stetig und seine Geschichte ist eng mit ...

Artikelbild für den Artikel "PILGERFAHRT NACH DODONA" aus der Ausgabe 5/2019 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 5/2019

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... den historischen Abläufen in der Region Epirus verbunden. Was sehen Touristen, wenn sie heute die Ruinenstätte betreten und wie war es für die Menschen der Antike, das Heiligtum aufzusuchen? Um das zu verstehen, müssen wir versuchen, uns in die Lage eines antiken Pilgers zu versetzen, der sich in der Vergangenheit dorthin aufgemacht hat.

Abb. 1 Das Theater von Dodona aus dem 3. Jh. v. Chr.


Von 1929 an leitete Demetrios Evangelidis die Ausgrabungen in Dodona und machte dabei eine ganze Reihe interessanter Entdeckungen, darunter auch eine mit einem Raub in Zusammenhang stehende Anfrage an das Orakel. Was war passiert? Reisen wir in Gedanken in der Zeit zurück und vergegenwärtigen uns das Geschehen. Es ist um das Jahr 210 v. Chr. und Eukles hat Sorgen. Jemand hat ihm sein Geld gestohlen, für das er so lange gearbeitet hat. Er weiß nicht, wer es war, hat jedoch Thopion, einen Bekannten in Verdacht. Da er ihn ohne Beweise nicht beschuldigen kann, beschließt er die Götter um Rat zu fragen. Wer sonst kann es wissen, wenn nicht sie? Eukles lebt in Ambrakia, dem heutigen Arta, im Südwesten von Epirus und bricht früh am Morgen in Richtung Norden auf, um das Orakel von Dodona zu konsultieren.

Die Behausungen der Götter

Nach zweitägigem Fußmarsch erreicht Eukles das Tal mit dem Heiligtum, das sich nach und nach vor ihm ausbreitet. Als erstes hebt sich das Theater, das größte Gebäude des Ensembles, vom Grün des Tales ab (Abb. 1). Er hat es bei anderen Gelegenheiten schon besucht, um sich die Tragödienaufführungen anzusehen, die er so sehr liebt. Darüber liegt die befestigte Akropolis, doch interessiert ist Eukles vor allem am unteren Bereich, dem heiligen Bezirk, den er durch ein Tor in der Umfassungsmauer betritt (Abb. 2).

Vor diesem befindet sich ein offener Platz, der zu beiden Seiten von Hallen begrenzt wird. Parallel zu diesen sind zwei Reihen lebensgroßer Kriegerstatuen aus Bronze aufgestellt, von denen manche sich zu Pferd auf ihren Sockeln erheben. Vor Eukles liegen nun die Tempel des Heiligtums, die Behausungen der Götter. Vor einigen Jahren, während des Bundesgenossenkrieges (220–217 v. Chr.), war Dodona von den Aitolern unter ihrem Strategen Dorimachos angegriffen und verwüstet worden. Sie hatten das Heiligtum geplündert, die Säulenhalle in Brand gesteckt, viele Weihegaben zerstört und das Heilige Haus dem Erdboden gleich gemacht, wurden schließlich jedoch von Philipp V. besiegt. Der Makedonenkönig hatte auch für den Wiederaufbau Dodonas gesorgt, auch wenn Eukles noch immer Spuren des Krieges erkennen kann.

Der monumentalste Tempel, das Heilige Haus, gehört Zeus (Anlage E1). Er steht im Zentrum eines eigenen Temenos mit Umfriedungsmauer (Peribolos; Abb. 3). Darin wächst auch die berühmte, Dodonas Schutzgottheit Zeus Naios heilige Eiche. Eukles hat gehört, dass früher einmal bronzene Dreifüße mit Kesseln im Kreis um den Baum herum aufgestellt waren. Um das Orakel zu befragen, wurde auf die Kessel geschlagen und die Götter verkündeten ihre Antworten durch den Klang und das Echo. Aber es gibt keinen Kesselkreis mehr, sondern zwei nebeneinanderstehende Säulen, von denen die eine einen Bronzekessel trägt und die andere einen bronzenen Knaben mit einer Peitsche in der Hand. Der Wind lässt die Peitsche gegen den Kessel schlagen und erzeugt auf diese Weise einen Klang. Links neben dem Temenos mit dem Heiligen Haus befinden sich zwei weitere Tempel, der eine Themis (Z) und der andere Aphrodite (Λ) geweiht. Zur Rechten des Zeusheiligtums erhebt sich der neue Dionetempel (Θ) vor den Überresten des alten (Γ), den die Aitoler zerstört hatten. Und ganz am Rand schließlich liegt der Tempel des Herakles (A; Abb. 4. 5). Eukles lässt seinen Blick über die Statuen schweifen, die vor den Bauten aufgestellt sind und sieht hinüber zu den Gebäuden am Westrand des Sakralbezirks, die keine religiöse Funktion besitzen. Es handelt sich um das Prytaneion (O-O1) und das Bouleuterion (E2), in dem sich das Koinon der Epiroten versammelt.

Das religiöse Zentrum von Epirus

Unser Pilger lässt sich Zeit bei seiner Wanderung durch den heiligen Bezirk. Wann immer er nach Dodona kommt sieht er sich die Weihegaben an, die von den Besuchern im Heiligtum deponiert wurden. Durch die Verwüstungen der Aitoler ist manches verloren gegangen, aber es sind noch alte, mit Göttern und mythologischen Darstellungen verzierte Bronzegefäße und auch viele Skulpturen erhalten geblieben, von denen Eukles jene des Zeus Keraunios, die den Gott als Blitzeschleuderer zeigen, stets die liebsten waren (Abb. 6). Es gibt auch Statuetten von Kriegern oder Tieren wie Ziegen, Stiere und Löwen (Abb. 7). Außerdem gibt es zahlreiche Waffen und Schilde zu bestaunen. Hinzu kommen schlichtere Weihegaben aus Ton. Besonders häufig sind Frauenfiguren und weibliche Köpfe.

Abb. 2 Das Heiligtum von Dodona Ende des 3. Jhs. v. Chr


Abb. 3 Der Zeustempel von Dodona wurde vermutlich im späten 5. bzw. frühen 4. Jh. v. Chr. errichtet. In den 1980er Jahren wurde innerhalb der Mauerreste eine Eiche gepflanzt.


Abb. 4 Der Heraklestempel lässt sich auf das 3. Jh. v. Chr. datieren .


Seit er ausgeraubt wurde, stehen Eukles nicht mehr viele Mittel zur Verfügung. Aber er weiß, dass die Götter sich erkenntlich zeigen werden, wenn er ihnen etwas weiht. Also begibt er sich zu einem reisenden Händler und erwirbt den tönernen Kopf einer Frau. Nach hartem Feilschen holt er einige Münzen hervor und zahlt dem Mann den vereinbarten Preis. Manche der Münzen zeigen Dodona-Motive, wie das Bild von Zeus und Dione oder einen Dreifuß, der von einem Lorbeerkranz umgeben ist.

Denn Dodona ist nicht nur ein Heiligtum, sondern zugleich das wichtigste religiöse Zentrum der Region Epirus, die von einem aus mehreren Stämmen (Ethne) bestehenden Koinon regiert wird (232–167 v. Chr.). Für die Epiroten ist das eine noch relativ neue Regierungsform, denn in Eukles´ Jugend war Epirus noch in mehrere Herrschaftsgebiete aufgeteilt. Das mächtigste unter ihnen war das Königreich der Molosser, das einen Großteil des Landesinneren umfasste und auch Dodona kontrollierte. Die Molosser- Könige standen zudem an der Spitze der epirotischen Symmachie, einer Kampfgemeinschaft mehrerer Stämme (ca. 330–232 v. Chr.), deren Heer sie anführten, wenn es gemeinsame äußere Feinde zu bekämpfen galt. Eukles erinnert sich noch gut an die Geschichten seines Großvaters über Pyrrhos, den größten aller Molosserkönige. Er war der Sohn von König Aiakides und hatte mit seinem Heer sogar in Italien gekämpft. Die Molosser-Dynastie endete jedoch, als Königin Deidameia als letzte ihrer Familie ohne Nachkommen starb. In dieser Zeit wuchs die Bedeutung dss Koinons der Epiroten, das sich seit dem 4. Jh. v. Chr. gebildet hatte.

Inschriften zeugen von persönlichen Geschichten

Während Eukles seinen Weg fortsetzt, fällt sein Blick auf Inschriftentafeln, die an den Wänden mehrerer Gebäude befestigt sind und er bleibt stehen, um einige von ihnen zu lesen. So war ein Sklave namens Gripon im Heiligtum freigelassen worden, und um seinen neuen Status als freier Mann festzuhalten, war das Dokument dort angebracht worden. Auf einer anderen Tafel ist die Verleihung des molossischen Bürgerrechts an Ktesos und seine Nachkommen vermerkt. Viele der Inschriften sind sehr alt, was Eukles den Namen früherer Molosserkönige entnimmt, die zu Datierungszwecken darin angegeben sind. In den jüngsten Inschriften sind an die Stelle der Könige jedoch bereits die Namen der höchsten Koinon-Beamten getreten.

Anstehen für Orakelsprüche

Doch nun wird es Zeit für Eukles, sich an das Orakel zu wenden, dessen Priesterschaft sich aus zwei Gruppen zusammensetzt. Zum einen sind da die Selloi, jene berühmten männlichen Priester, die bereits in den homerischen Epen erwähnt werden, zum anderen die Peleades, Priesterinnen, deren Name «Tauben» bedeutet. Eukles hat Hero dot gelesen und erinnert sich, dass dieser von einer engen Verbindung Dodonas zum ägyptischen Theben berichtet. Danach sei das Orakel entweder von einer ägyptischen Priesterin begründet worden, die nach Dodona verkauft worden war oder durch eine schwarze Taube, die sich aus Theben kommend auf der Eiche niedergelassen hatte.

Abb. 5 Der Plan zeigt den gesamten Tempelbezirk von Dodona.


Abb. 6 Bronzestatuette: Blitzschleudernder Zeus, Dodona, Zeusheiligtum, frühes 5. Jh. v. Chr.


Abb. 7 Ziegenbock aus Bronze, Dodona, Zeusheiligtum, frühes 5. Jh. v. Chr.


Während er darauf wartet an die Reihe zu kommen, liest Eukles die Fragen, die andere vor ihm gestellt haben, denn neben dem Tempel bemerkt er viele beschriebene Bleitäfelchen (Abb. 8). Seines Wissens werden an keinem anderen Ort in Griechenland Orakelfragen schriftlich gestellt. Hier in Dodona ist es jedoch schon seit langem Brauch, was man am hohen Alter einiger Täfelchen erkennt. Meistens sind es – wie auch seine − private Fragen: «Agis fragt Zeus Naios und Dione nach den Laken und Kissen, die er verloren hat … oder ob sie jemand von außerhalb gestohlen hat» oder «Gott. Glück. Leontinos fragt, ob sein Sohn Leontos die Krankheit seiner Brust überstehen wird, die er sich zugezogen hat». Andere Fragen wurden von ganzen Gemeinschaften, etwa den Bewohnern der Insel Korkyra gestellt: «Gott. Auf das Glück. Die Korkyräer fragen Zeus Naios und Dione, welchem Gott oder Heros sie opfern sollen, um gut zu leben.»

Seine eigene Frage ist rasch formuliert. Eukles bekommt ein Bleitäfelchen samt Griffel und schreibt:Ἔκλεψε Θωπίων τὸ ἀργύριον ; («Hat Thopion das Geld gestohlen?»). Er faltet die Tafel zusammen und überreicht sie dem Bediensteten des Orakels, der die Götter befragt. Kurz darauf erhält er die lang ersehnte Antwort und verlässt zufrieden den Tempel.

Zufällige Begegnung

Es ist noch früh und Eukles beschließt, sich vor seinem Aufbruch ein wenig auszuruhen und zu stärken. Er kommt mit anderen Besuchern ins Gespräch, von denen einige aus ganz anderen Gründen nach Dodona gekommen sind. Auf diese Weise lernt er Polemon, einen Athleten kennen, der sich auf seinen Wettkampf im Stadion vorbereitet. Es liegt direkt vor dem Theater und gehört zu den neuen Bauten, die erst nach dem Krieg gegen die Aitoler entstanden sind. Die Naia, wie die berühmten Agone von Dodona heißen, werden in Kürze, nämlich im Monat Apellaios (Oktober/November) stattfinden. Menschen aus der gesamten griechischen Welt kommen zu diesem Anlass nach Dodona, um sich die Wettkämpfe anzusehen oder wie Polemon daran teilzunehmen. Und der Athlet will bereit sein für seinen großen Tag. Eukles erinnert sich, wie er selbst als junger starker Mann zum Pankration angetreten war, aber gegen einen der besten Kämpfer seiner Generation, den Athener Menodoros, Sohn des Gnaios, verloren hatte. Nachdem er ihm Glück und die Gunst der Götter gewünscht hat, verabschiedet sich Eukles von Polemon und macht sich auf den Rückweg, wobei er schon an seinen nächsten Besuch im Heiligtum denkt.

Geschichte Dodonas

Diese Beschreibung einer Pilgerreise stützt sich auf die schriftliche Überlieferung und die Funde aus mehr als 100 Jahren archäologischer Forschung in Dodona. Die Antworten auf Orakelfragen sind bisweilen bekannt, doch in diesem speziellen Fall wissen wir nicht, ob es tatsächlich Thopion war, der das Geld des Fragestellers gestohlen hat, den wir in Unkenntnis seines Namens Eukles genannt haben. Doch wie realistisch ist das geschilderte Szenario? Heutige Forscher versuchen, die Vergangenheit zu rekonstruieren und zu ergründen, wie antike Gesellschaften gedacht und mit der Welt interagiert haben, die sie umgab. Doch unterscheidet sich unsere Vorstellung von Raum und Zeit radikal von derjenigen vor zwei Jahrtausenden. Wir leben in einem Zeitalter der Technologie, in dem wir zu jeder Zeit mit jedem Ort auf dem Planeten kommunizieren können, einer Epoche mithin, in der Entfernung keine Rolle mehr spielt, weil alles in Reichweite erscheint. Auch Religion wurde damals ganz anders gelebt als heute. Dennoch sollten wir zumindest versuchen zu verstehen, wie ein Fragesteller seine Pilgerreise nach Dodona erlebt haben könnte.

Abb. 8 Bleitafel aus dem Zeustempel.


Noch ein anderer Aspekt ist wichtig. Unser fiktiver Pilger Eukles lebte in der zweiten Hälfte des 3. Jhs. v. Chr. und sein Dodonabesuch fand – wie erwähnt – um das Jahr 210 v. Chr. statt. Eukles bekommt das Heiligtum also in seiner schönsten und monumentalsten Ausbauphase nach dem Wiederaufbau und den Erweiterungen unter Philipp V. von Makedonien zu Gesicht (Abb. 9). In früheren Zeiten sah Dodona jedoch ganz anders aus. Die archäologischen Überreste reichen bis in die späte Bronzezeit zurück (1500– 1200 v. Chr.). Schon für diese Epoche gibt es Hinweise auf einen möglichen religiösen Charakter des Ortes, auch wenn darüber noch keine letzte Sicherheit besteht. Weihegaben und Dreifußfragmente belegen jedoch, dass Dodona spätestens seit dem 8. Jh. v. Chr. große kultische Bedeutung gehabt haben muss. Die frühesten auf Bleitäfelchen festgehaltenen Orakelfragen stammen aus dem 6. Jh. v. Chr., doch bis fast zum Ende des 5. Jhs. v. Chr. gibt es kein festes Gebäude in Dodona. Bis zu diesem Zeitpunkt handelte es sich um ein Heiligtum unter freiem Himmel, dessen wesentlicher Bestandteil auch in optischer Hinsicht die Eiche war. Pilger, die in jenen Jahrhunderten nach Dodona kamen, sahen folglich einen ganz anderen Ort.

Mit dem Aufstieg des Königreichs der Molosser begann sich auch das Weichbild Dodonas zu verändern. Das erste Gebäude war der Zeustempel (Anlage E1). Der zunächst noch recht kleine Bau wurde mehrfach erweitert, bis er die Ausmaße erreichte, die Eukles zu seiner Zeit sah. Nach und nach kamen weitere Tempel und Gebäude hinzu. Einen Höhepunkt erreichte die Ausbautätigkeit zu Beginn des 3. Jhs. v. Chr. unter der Herrschaft von Pyrrhos I., der u. a. das Theater errichten ließ, das zu den größten im antiken Griechenland zählt.

Abb. 9 Silbermünze mit Bild von Philipp V.


Die Zuweisung der hier vorgestellten Gebäude folgt im Wesentlichen der herkömmlichen Interpretation. In jüngeren Studien über Dodona werden einzelne Gebäude allerdings umgedeutet. Tatsächlich könnten einige der sechs vermeintlichen Tempel im heiligen Bezirk andere Aufgaben erfüllt und als Schatzhäuser, Archive oder Bankettsäle gedient haben. Diese interessante Debatte trägt dazu bei, das Interesse an diesem von der Wissenschaft ein wenig vernachlässigten Ort zu wecken.

Dodona in römischer Zeit

Die endgültige Niederlage des Makedonenkönigs Perseus gegen die Römer im Jahr 168 v. Chr. bedeutete auch für Epirus und Dodona eine Zäsur, denn der Sieger Lucius Aemilius Paullus beschloss einen Teil von Epirus zu zerstören, weil das Koinon der Epiroten dem makedonischen König beigestanden hatte. Angeblich ließ Paullus bis zu 150 000 Menschen versklaven und siebzig Städte zerstören. Obwohl die Zahlen sicherlich etwas übertrieben sind, hatte die Region schwer unter diesen Maßnahmen zu leiden und auch Dodona wurde in Mitleidenschaft gezogen. So finden sich an mehreren Gebäuden Hinweise auf diese Strafaktion, und aus römischer Zeit haben sich keine Bleitäfelchen mit Orakelfragen erhalten.

Dennoch blieb das Orakel als solches weiter bestehen, und Dodona war auch in christlicher Zeit noch wichtig genug, um Bischofssitz zu werden und eine Basilika zu erhalten. In der Spätphase des Römischen Reiches wurde das Heiligtum jedoch allmählich aufgegeben. Nach Angaben des römischen Vergilkommentators Servius hatte ein illyrischer Räuber die Eiche und damit das Symbol des Ortes bereits Ende des 4. Jhs. n. Chr. gefällt. Dodona verfiel zu Ruinen und geriet in Vergessenheit, bis Archäologen den Ort wiederentdeckten und damit begannen das laut Herodot älteste Orakel der griechischen Welt auszugraben.

Adresse des Autors
Dr. Diego Chapinal-Heras
RCC Postdoctoral fellow
Department of the Classics
Harvard University
Boylston Hall, 2nd floor
Harvard Yard
Cambridge MA 02138 USA
chapinalheras@fas.harvard.edu / chapinalheras@gmail.com

Übersetzung

Dr. Andreas Thomsen

Bildnachweis

Abb. 1: akg-images / De Agostini / Albert Ceolan; 2: Tzouvara- Souli, Vlachopoulou and Gravani, Praktika, 2006, S. 90. ; 3: akg-images / De Agostini / Archivio J. Lange; 4: Heritage Images / Sites & Photos / Samuel Magal / akgimages; 5: Katsikoudis, 2005,Δωδώνη: Οι Τιμητικοί Ανδριάντες , Ioannina, Etaireia Ipeirotikon Meleton, εικ. 1 (modifiziert vom Autor); 6: bpk / Antikensammlung, SMB / Christa Begall; 7: bpk / Antikensammlung, SMB / Johannes Laurentius; 8: Heritage-Images / CM Dixon / akgimages; 9: bpk | The Trustees of the British Museum.

Literatur

E.A. MEYER, The Inscriptions of Dodona and a new History of Molossia (2013).

T.E. EMMERLInG, Studien zu Datierung, Gestalt und funktion der «Kultbauten» im Zeus-Heiligtum von Dodona (2012).

M. DIETERLE, Dodona: religionsgeschichtliche und historische Untersuchungen zur Entstehung und Entwicklung des Zeus-Heiligtums (2007).

P. CABANES, L’Épire de la mort de Pyrrhos à la conquête romaine (272−167 av. J.C.) (1976).

N.G.L. HAMMOND, Epirus: the Geography, the Ancient Remains, the History and the Topography of Epirus and Adjacent Areas (1967).