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Pilgern in den Fußspuren Jesu


der pilger - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 07.11.2019

Der „Jerusalemweg“ führt abseits konventioneller Pilgerwege hinein in die unmittelbare Begegnung mit der biblischen Landschaft. Eine Reise von Nazareth über den See Genezareth bis Jerusalem – zu Fuß statt im Reisebus. Text: Elisabeth Schomaker / Norbert Rönn


Artikelbild für den Artikel "Pilgern in den Fußspuren Jesu" aus der Ausgabe 4/2019 von der pilger. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: der pilger, Ausgabe 4/2019

Der historische „Zuckerweg“ vom Toten Meer nach Jerusalem führt durch die Judäische Wüste. Die grandiose Landschaft entschädigt für die Strapazen.


Die Auferstehungskirche mit dem leeren Grab ist das Ziel eines jeden Jerusalempilgers. Christen aus aller Welt beten hier, zünden eine Kerze an. Beim ersten Gottesdienst am frühen Morgen ist die Zahl der ...

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... Besucher und Touristen noch überschaubar. Jerusalem gilt Juden, Christen und Muslimen als „heilige Stadt“. Für die Juden ist die Klagemauer aus herodianischer Zeit Kristallisationspunkt ihres Glaubens. Frauen und Männer beten getrennt. Links: Blick auf Nazareth mit der Verkündigungskirche im Mittelpunkt. Hier beginnt der Jerusalemweg.


Stärkung mit schmackhaften landestypischen Gerichten in Jericho. Bei keinem Essen darf Hummus, der orientalische Kichererbsen-Dip, fehlen.



In der Wüste ist der Einzelne verloren, nur in der Gemeinschaft gibt es ein Überleben. Georg Rößler


Pilgerreisen ins Heilige Land haben seit Jahrhunderten Tradition – und ziehen in unseren Tagen wieder verstärkt Menschen in ihren Bann. Aus gutem Grund, meint Georg Rößler, der unsere Gruppe führt: „Jesus ist an diesem Ort Mensch geworden. Die Landschaft hier ist ganz zentral für das Verständnis der Bibel und die Botschaft Christi.“ Bereits Kirchenvater Hieronymus beschrieb im 4. Jahrhundert die Landschaft des Heiligen Landes als „fünftes Evangelium“. Und der Benediktiner Bargil Pixner, der als Archäologe am See Genezareth lebte, schreibt: „Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu: vier findest du in den Büchern – eines in der Landschaft. Liest du das fünfte, eröffnet sich dir die Welt der vier.“ Der Jerusalemweg bringt Pilger in Berührung mit der Mission und Passion Jesu. Er führt durch das in den Evangelien beschriebene Galiläa von Nazareth zum See Genezareth – wo Jesu mit seiner Mission erstmals in die Öffentlichkeit tritt. Und setzt sich fort durch die eindrucksvollen Landschaften der Judäischen Wüste hinauf nach Jerusalem, Ort der Passion Jesu. Am leeren Grab mit seiner Verheißung vom Sieg des Lebens über den Tod endet der Pilgerweg.

Ausgetretene Wege verlassen

Natürlich könne man das Land auch mit dem Bus bereisen, meint Georg Rößler, der den Jerusalemweg erschlossen hat und von dem er immer noch fasziniert ist, obwohl er ihn schon so oft gegangen ist. Zu Fuß sei die Erfahrung viel intensiver. Also werden wir in den kommenden Tagen in den Fußspuren Jesu gehen. Wir folgen ihm nach, Schritt für Schritt. Startpunkt ist Nazareth, das zur Zeit Jesu nur ein Dorf war, wie unser Tour-Begleiter erzählt. Die ursprünglich christliche 80.000-Einwohner-Stadt ist heute mehrheitlich von muslimischen Arabern bewohnt, die Oberstadt auf den umliegenden Hügeln von Juden.

Begegnung mit Orten der Bibel

Pflicht für Pilger ist der Besuch der modernen Verkündigungsbasilika aus dem Jahr 1969. Sie ist über dem Ort gebaut, an dem gemäß biblischer Überlieferung der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschienen ist. Beginn einer guten Geschichte für die Menschheit. Nach einem Rundgang durch die Altstadt Nazareths mit ihren vielen engen und steilen Gassen kommen wir nach Zippori, dem antiken Sepphoris, der vielleicht schönsten Stadt Galiläas zu Zeiten Jesu. „Gut möglich, dass Josef von Nazareth nach Zippori gekommen ist, um hier als Schreiner zu arbeiten“, mutmaßt Georg Rößler in seiner biblischen Einordnung. Von hier geht es über etwa sieben Kilometer auf einem leichten Weg nach Kana, das mit seiner franziskanischen „Hochzeitskirche“ an das Weinwunder erinnert. Der in den Andenkenläden angebotene „Hochzeitswein“ ist übrigens nicht sehr empfehlenswert. Aber mit dem Erlös unterstützt man zumindest einheimische kleine Händler. Übernachtet wird nach dem Pilgertag im Kibbuz Lavi. Gerne gibt man hier Aus- kunft über dessen Geschichte und Entwicklung. Er ist heute einer der wenigen, der noch nach sozialistisch-religiösen Grundsätzen organisiert ist – zum Beispiel mit kollektivem Besitz.

Der nächste Pilgertag beginnt sehr früh. Während wir wandern, geht die Sonne auf über den fruchtbaren Feldern Galiläas. Mit Tau behangene Spinnennetze glänzen wie Kunstwerke. Der kleine Trampelpfad ist fast zugewachsen. Mannshohe Dornenbüsche ragen in den Weg und zerkratzen unsere Arme und Beine. „Pilgern heißt wörtlich, ‚sich über den Acker machen‘, ausgetretene Wege verlassen, Neuland betreten“, hatte Rößler am Abend zuvor gesagt. Der Theologe und Judaist ist vor über 30 Jahren vom Rheinland nach Israel ausgewandert und hat zusammen mit einem Partner die Firma SK Tours in Nature aufgebaut, die vielfältige Reisen im Heiligen Land im Programm hat und zudem als Spezialist für Natur-, Wüsten- und Wanderreisen gilt. Rößler hat eine ganz besondere Beziehung zu Israel und zum Heiligen Land. Sein Großvater war während des Ersten Weltkrieges deutscher Konsul in Aleppo – und einer der ganz wenigen, der seine Stimme erhob gegen den Genozid an den Armeniern.
Wir machen Pause und trinken frischen Pfefferminztee. Georg Rößler hat immer eine Teekanne mit den notwendigen Utensilien für eine Pause in seinem roten Rucksack dabei. Dazu gibt es wieder Bibelkunde von ihm: „Jesus ist zunächst nur einer von vielen und lebt ein ganz beschauliches Leben in Nazareth. Doch irgendwann kippt dieser Nobody alle Sicherheiten und macht sich auf den Weg – scheinbar völlig unvernünftig.“ Für den nächsten Teil der Strecke gibt uns der Guide Fragen mit auf den Weg: „Warum bricht Jesus auf? Wofür brennt er? Und wofür brennst du in deinem Leben?“

Schweigend unterwegs in den Bergen Galiläas

Den eigenen Gedanken nachhängend, wandern wir schweigend weiter, jeder für sich allein, hinauf in die Berge Galiläas. Vorbei an alten Olivenhainen, in denen Kühe grasen, kommen wir ins Wadi Chaman, besser bekannt als „Taubental“. Steile Klippen ragen aus einem Meer grüner Bäume heraus. Überall blühen Disteln in knalligem Lila – kleine Farbtupfer vor grauem Gestein. Ein Schild an einem Zaun warnt vor Minen aus vergangenen Kriegen. Der Weg führt vorbei an den „Hörnern von Hittim“. Einem Ort von weltgeschichtlicher Bedeutung. Bei den beiden Berghöhen besiegten in einer entscheidenden Schlacht die Truppen Saladins 1187 das christliche Kreuzfahrerheer vernichtend.

Der Weg durch die Wüste führt vorbei an Nabi Musa, einem alten Beduinengrab, das von Muslimen als Grab des Propheten Moses verehrt wird.


Wir setzen unsere Jesus-Spurensuche am Nordufer des Sees Genezareth fort. Wer früher einen halbwegs ordentlichen Kindergottesdienst abbekommen habe, so Rößler, werde wissen, dass Jesus hier zahlreiche Wunder bewirkt hat. „Hier beginnt die Mission Christi: Der Nobody wird zum Somebody und spricht zu den Menschen. Die Menschen sind begeistert von seiner Botschaft und von seinen Wundertaten.“ Viele der bedeutenden Stätten sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt: Tabgha, der Ort der Brotvermehrung, Kapernaum, der Ort, aus dem einige der Jünger kommen, und der Berg der Seligpreisungen, auf dem Jesus die berühmte Bergpredigt gehalten hat. In dieser Region habe Christus seine Mission begonnen, sagt Rößler seinen Mitpilgern, hier habe er gepredigt und für die kurze Zeit seines öffentlichen Wirkens sein „Hauptquartier“ aufgeschlagen.
Am Abend fahren wir mit dem Bus zum Toten Meer, einige Teilabschnitte sind wegen des dichten Verkehrs nicht zum Wandern geeignet. Vom Toten Meer aus durchqueren wir dann in zwei Tagen die Judäische Wüste und das Wadi Kelt und laufen auf Jerusalem zu.

Durch die Judäische Wüste nach Jerusalem

Zunächst übernachten wir in Jericho. Hier heilte Jesus unter anderem den blinden Bartimäus, und in der Nähe soll er 40 Tage in der Wüste gefastet und den Versuchungen des Satans widerstanden haben. Rößler spricht von einer „Ethik der Wüste“. Sie nehme den anderen in den Blick. „Wer hier auf sich allein gestellt ist, kommt um“, sagt er. Die Evangelien sagen wenig über die Wege, auf denen Jesus unterwegs war. Als er sich von Jericho nach Jerusalem aufmachte, nahm er möglicherweise den historischen „Zuckerweg“ durch die Judäische Wüste, auf dem in der Antike bis in die jüngere Neuzeit Zuckerrohr vom Toten Meer nach Jerusalem transportiert wurde, daher der Name.
Gegen vier Uhr morgens – es ist noch stockdunkel – brechen wir auf, um einen Teil des Weges schon in den kühlen Morgenstunden zurückzulegen. Gerade noch rechtzeitig erklimmen wir die steilen Hänge des Jordangrabens am Rande der Wüste und sehen die Sonne über dem Toten Meer aufgehen. Ein unvergessliches Erlebnis, man will den Ort kaum verlassen. Wir ziehen weiter, vorbei an Nabi Musa, einem alten Beduinengrab, das von den Muslimen als das Grab des Propheten Moses verehrt wird. Die bizarren Steinformationen der Wüste entführen in eine andere Welt. Um uns herum nur Felsen, Stille und gleißende Sonne. „Auch in der Zeit Jesu sind die Menschen natürlich früh aufgebrochen, um vor der Mittagssonne ausruhen zu können“, so Georg Rößler. Und so machen auch wir es, suchen in einem Hohlweg eine schattige Stelle. Nach Stunden in der Wüste sehnen wir uns nach einer Pause – und nach Schatten.

Ein landschaftlicher Höhepunkt des Jerusalemweges ist ohne Zweifel das Wadi Kelt. Der Pilgerweg führt über eine steile, Respekt einflößende Abbruchkante. Tour-Führer Georg Rößler (links) macht den Jerusalemweg zu einem spirituellen Erlebnis. Dazu gehört auch, dass immer wieder aus seiner alten Bibel Schriftstellen vorgelesen werden und das Eintauchen in die Zeit Jesu ermöglichen.


Die Wüste als Sehnsuchtsort

In der Bibel gilt die Wüste als Sehnsuchtsort, als Ort der Erinnerung an die Zeit, in der das Volk Israel und auch Jesus immer wieder Gott nahe gekommen sind. Auch das christliche Mönchstum hat seine Wurzeln in der Wüste. Ihre Stille bietet Raum für Gebet. Bis heute suchen Menschen die Wüste auf, um zu sich selbst zu kommen. Sie ist ein Urbild der Erneuerung. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – die Wüste macht das Gebot greifbar“, so Rößler. „Man muss auf den anderen Acht geben und ihm die Hand reichen, wenn es nicht weitergeht.“ Diese Erfahrung machen auch wir auf unserem Pilgerweg, und dies ist ein gutes, bereicherndes Gefühl.
Am nächsten Tag wandern wir auf abenteuerlich verschlungenen Wegen durch das Wadi Kelt weiter auf Jerusalem zu. Wo sich nach starken Regenfällen schon mal vorübergehend ein reißender Fluss durch das Gestein frisst, fließt an diesem Tag nur ein kleiner Bach. Trotzdem wuchert meterhohes Schilf im Flussbett und zieht sich wie ein grünes Band durch die Wüste. Der Kontrast zu der heißen und nackten Wüste des Vortages könnte nicht größer sein. Wir kommen vorbei an kleineren und größeren Wasserbecken, in denen Fische schwimmen. An den Felsen wachsen Blumen, und es duftet nach wildem Salbei.
Und dann irgendwann Jerusalem. Hinter uns die Judäische Wüste, vor uns diese unvergleichliche Stadt. Jerusalem, Heilige Stadt. Vom Skopusberg pilgern wir an der Westflanke des Ölbergs hinab, durch das Kidrontal vorbei an Grabmälern aus der Zeit Jesu Richtung Jerusalem. Das Löwentor öffnet uns den Zugang zur Stadt, über die langsam die Dämmerung hereinbricht. Über die Via Dolorosa, in der sich noch Touristen, Wallfahrer und Bewohner der Altstadt drängen, nähern wir uns Schritt für Schritt unserem Pilgerziel: dem leeren Grab in der Grabes- und Auferstehungskirche. Ohne diesen Ort wäre alles Pilgern nichts. Georg Rößler lässt uns auf dem Platz vor der Kirche zur Ruhe kommen. Wir sind angekommen. In der Kirche wird noch Gottesdienst gefeiert – und an vielen Stellen gebetet. In vielen Sprachen, von Gläubigen aus allen Weltteilen. Hier ist der zentrale Glaubensinhalt des Christentums verankert: Gottes Sohn ist Mensch geworden und wie ein Mensch gestorben. In der Auferstehung hat er den Tod überwunden und neues Leben verheißen. Das leere Grab hat eine große Hoffnungsbotschaft.

BUCHTIPP Begleiter für Pilgerweg

„Auf dem Weg nach Jerusalem.“ Das Buch von Georg Rößler lädt ein, ausgetretene Pfade konventioneller Pilgerreisen im Heiligen Land zu verlassen und einzutauchen in die unmittelbare Begegnung mit der biblischen Landschaft, mit ihren Wadis, ihren Bergen, ihrer Zeitgeschichte und ihrer besonderen Atmosphäre. Unbedingt lesenswert, nicht nur für Jerusalempilger. Georg Rößler, „Auf dem Weg nach Jerusalem. Ein Begleiter für die Pilgerwanderung in die heilige Stadt“, gebunden, 190 Seiten, 20 Euro. AphorismA-Verlag, Berlin

Informationen für Pilger

Reiseveranstalter

SK Tours in Nature, Experten für Natur- und Wüstenreisen, für Pilgerwander- und Studienreisen. Kleines Team, deutschsprachig, langjährige Erfahrung, individuelle Routenplanung nach den Wünschen der Reisegruppe. SK Tours arbeitet mit Partnern unter anderem in Deutschland zusammen, etwa Tobit-Reisen in Limburg. Kontakt: www.sktours.net

Allgemeine Informationen Staatliches Israelisches Verkehrsbüro in Deutschland, Telefon 030/2 03 99 70, www.goisrael.de. Anfragen per E-Mail: info@goisrael.de Hinweise zur Sicherheitslage veröffentlicht das Auswärtige Amt unter www.auswaertiges-amt.de


otos: S. 34 -35: Norbert Rönn; S. 36 ob.li. und re: Norbert Rönn; mi.li.: Stefan Branahl; mi.re.: Norbert Rönn; un.: imageBROKER / Jacek Sopotnicki; S. 37: Stefan Branahl