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Plädoyer für eine NEUE ETHIK


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Vegan für mich - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.06.2022
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Bildquelle: Vegan für mich, Ausgabe 4/2022

Kühe als Milchmaschinen:Unsere Gesellschaft hat den Respekt und die Demut vor dem Leben verloren

Tiere sind nicht auf dieser Erde, um vom Menschen benutzt zu werden, sondern haben als fühlende Lebewesen ihren eigenen Lebenszweck. Die Konsequenzen, die durch ein anthropozentrisches Weltbild entstehen, sind verheerend. Für die Tiere, die Mitwelt und den Menschen selbst“ – deutliche Worte, die die

Philosophin, Publizistin und Tierrechtlerin Dr. Friederike Schmitz im Rahmen des Kirchentages „Mensch-Tier-Schöpfung“ in Dortmund (www.mensch-tier-schöpfung. de) wählte, um den Irrweg der Unterwerfung der Tiere durch den Menschen zu verdeutlichen.

Die Verirrung beginnt nach Überzeugung der 40-jährigen Dozentin, die bereits im Jahr 2011 Mitinitiatorin eines Appells von mehr als 300 Wissenschaftlern für den Ausstieg aus der Massentierhaltung war, mit der Wortschöpfung „Nutztier“. Diese stehe für Diskriminierung, durch die bestimmte Arten im Tierreich die ganz großen Verlierer sind, und dies in einer im ...

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STREICHELN ODER TÖTEN? WILLKÜRLICHE UNTERSCHEIDUNG

Um welche Lebewesen handelt es sich dabei eigentlich? Für Dr. Friederike Schmitz ebenso wie für viele andere Tierrechtler ist dies die entscheidende Frage und zugleich der Anlass, den Ausstieg aus der sogenannten Nutztierhaltung zu fordern – denn die Unterscheidung zwischen reinen „Nutztieren“ und unseren geliebten Haustieren sei im Grunde willkürlich: Schweine sind intelligent und neugierig, besitzen ein komplexes soziales

Verhalten, spielen und wühlen gerne – all das sagt man auch über Hunde. In der herkömmlichen Nutztierhaltung können die allermeisten Tiere ihre persönlichen Bedürfnisse jedoch nicht ausleben; diese meist in keiner Weise artgerechte Tierhaltung bedinge somit immense körperliche und seelische Leiden.

Ein Leiden, das mit gesellschaftlichen, moralischen Überzeugungen überhaupt nicht vereinbar sei, denn den meisten Menschen sei es durchaus nicht egal, wie wir mit Tieren umgehen. Es gebe weitgehend einen moralischen Konsens in der Gesellschaft – und nicht etwa nur unter Tierrechtlern –, dass wir Tieren ohne gewichtigen Grund kein Leiden oder Schäden zufügen sollen.  

FOTOS: ÄRZTE GEGEN TIERVERSUCHE (1), HANNES JUNG (1), ISTOCK/ BALWAN (1)/ BRANEX (1)/ JESP62 (1)/ LEONSBOX (1), PRIVAT (1)

Doch gibt es überhaupt einen solchen gewichtigen Grund? „Wir können auch ohne Fleisch, Milch und Eier gut leben, das beweisen viele vegan lebende Menschen, und das ist auch schon in der Wissenschaft angekommen. Und wir können eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung betreiben“, bezieht die Philosophin und Autorin diverser Sachbücher klar Stellung.

Jenseits aller ethischen Fragen flankieren handfeste Gründe der Ökologie und des Klimaschutzes die Notwendigkeit einer veganen Wende, die allmählich ins öffentliche Bewusstsein dringen: Etwa, dass ein Kilo Rindfleisch 10.000 Liter Trinkwasser verbraucht und 14

Kilogramm CO 2verursacht – das entspricht einer Autofahrt von 100 Kilometern. Bei einem Kilo Butter sind es sogar 24 Kilogramm CO 2. Hinzu kommt: Das freigesetzte Methangas in der sogenannten Nutztierhaltung ist rund 20-mal schädlicher als CO 2.Ob es um das Klima geht, den immensen Flächenverbrauch, das Leid der Tiere oder die Zerstörung der Umwelt: Bei all diesen schlimmen Folgen stellt sich die Tierrechtlerin die Frage, wie das Ganze überhaupt noch existieren kann – doch um dieses System zu durchbrechen, brauche es veränderte politische Bedingungen.

Zwar sei auch der Konsument gefragt, doch die Politik sei es, die eine massive Förderung der Tierhaltungsindustrie seitens staatlicher Institutionen oder durch entgangene Steuergelder (verminderte Mwst. auf Tierprodukte in Höhe von rund 13 Milliarden Euro jährlich) zu verantworten hat. Wofür eigentlich?

KLIMACHAOS, NEUE PANDEMIEN: GEWALTIGE RISIKEN

Mehr „Tierwohl“ und zehn Prozent „Stufe 3“ bis 2040 (was nicht einmal ganz Biohaltung entspricht), und dies ohne einen expliziten Abbau der Tierbestände: Das fordert die Borchert-Kommission, die noch in der Zeit der großen Koalition unter der damaligen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) entstand. Ist das angemessen für die so dringend notwendige Veränderung?

Die Antwort kann nur ein klares und deutliches Nein sein, ebenso wenig sind diejenigen Forderungen ausreichend, die der Ampel-Koalitionsvertrag zum Klimaschutz vorsieht. Dort heißt es unter anderem, dass sich die Entwicklung der Tierbestände an der Fläche orientieren und in Einklang mit den Zielen des Klima-, Gewässer- und Emissionsschutzes gebracht werden solle.

Für die Einhaltung der planetaren Grenzen braucht es aber laut Konzept der EAT Lancet Kommission, einem internationalen Forschungsteam, einen Abbau von mindestens 75 Prozent, so Friederike Schmitz: „Die Gefahr für den Klimaschutz und das Risiko neuer Pandemien sind so gewaltig, dass es unvernünftig ist, die Chancen, die im Abbau der Tierbestände liegen, nicht zu nutzen.

Und solange Tiere kommerziell genutzt werden, bedeutet das immer große Einschränkungen und Leid. Es gibt unvermeidbare Widersprüche zwischen dem ökonomischen Zweck, den Tiere erfüllen sollen, und ihren Bedürfnissen.“

NEUES DENKEN UND MEHR SOZIALER DRUCK

Doch wie kann die Ernährungswende gelingen? Zum einen, so Schmitz, sei es wichtig, das Framing (also den Deutungsrahmen) zu ändern, auch seitens der Politik:

Die Ernährungswende müsse zu einer gemeinsamen Aufgabe werden, in der es nicht mehr nur um die persönliche Freiheit des einzelnen Konsumenten geht. Die Umstellung des Angebots in öffentlichen Kantinen und ein Werbeverbot für Tierprodukte etwa seien hierfür sinnvolle Maßnahmen. Und wie auch beim Kohleausstieg wäre ein Ausstiegsplan aus der sogenannten Nutztierhaltung mit schrittweisem Abbau der Tierbestände sinnvoll, der Tierhalter unterstützt, wenn sie aus dem System aussteigen, keine Erlaubnis für Neubauten oder Erweiterungen vorsieht sowie eine Verschärfung von Tierschutzauflagen inklusive konsequenter Kontrollen und Sanktionen.

Damit all dies möglich wird, brauche es aber eine noch viel entschlossenere soziale Bewegung für die Tiere, die sich dafür stark macht, diese als unsere Gegenüber zu sehen, als fühlende Individuen, und nicht als Lieferanten für Fleisch, Milch oder Eier. Die Motivation liege auf der Hand: „Es gibt keine relevanten Unter-

Über Friederike Schmitz

Friederike Schmitz (geb. 1982 in Kiel) ist Autorin, Referentin und Trainerin mit den Schwerpunkten Ethik und Politik der Mensch-Tier-Beziehung, landwirtschaftliche Tierhaltung, Klimagerechtigkeit und Agrarwende, Wissenschaftsreflexion und -kommunikation sowie Logik und Argumentation. Sie promovierte in Philosophie und war mehrere Jahre in Forschung und Lehre an verschiedenen Universitäten beschäftigt. Sie veröffentlichte u.a. den Sammelband „Tierethik.

Grundlagentexte“ (Suhrkamp Verlag) sowie „Tiere essen – dürfen wir das?“ (Metzler Verlag).

Zu ihren Schwerpunktthemen bietet Friederike Schmitz Workshops und Vorträge für diverse Zielgruppen an.

Im Herbst 2022 wird ihr neues Buch mit dem Titel „Anders satt: Wie der Ausstieg aus der Tierindustrie gelingt“ im Ventil Verlag erscheinen.

schiede zwischen Menschen und empfindungsfähigen Tieren, mit deren Hilfe man begründen könnte, dass Menschen ein Grundrecht auf Leben haben, aber empfindungsfähige Tiere nicht.“

DÜRFEN CHRISTEN TIERE ESSEN?

Simone Horstmann setzt als katholische Theologin mit ihren Diskursen wichtige Akzente, wenn es um das Thema Kirche und Tiere geht. Sie plädiert immer wieder – so auch im Rahmen des Kirchentages „Mensch-Tier-Schöpfung“ in Dortmund – für „DOGmatik“ anstelle von Dogmatik und bezeichnet ihr Wortspiel als Ausdruck theologischer Verzweiflung. Auch würden ihr die theologischen Selbstverständlichkeiten langsam abhandenkommen: „Man glaubt, als christlicher Mensch automatisch auf der Seite der Guten zu stehen, aber gerade die Beschäftigung mit anderen Tieren lehrt, dass dies ein großer Trugschluss sein kann.“

Die Schöpfungstheologie würde den Tieren nicht gerecht werden. Teilweise kämen sie gar nicht darin vor oder nur marginal, so Simone Horstmann, die daraus die Frage ableitet: „Ist dieser Begriff nicht eher Teil des Problems als Teil der Lösung?“ Denn die Rede von der Schöpfung werde theologisch oft verstanden als eine Schöpfungsordnung, in der die Tiere dem Menschen untergestellt sind. So habe Thomas von Aquin (1225 – 1274) als einer der bedeutendsten Kirchenlehrer des Mittelalters ausdrücklich daraus abgeleitet, dass es daher kein Unrecht sei, Tiere zu töten. Die Folge dieser Sichtweise seien Begriffe wie ‚Nutztier‘, und als Theologin sei es ihr auch wichtig, darauf hinzuweisen, wie stark religiöse Deutungsmuster

An der Zukunft der Tiere entscheidet sich die Zukunft der Menschheit sprachlich verfasste Äußerungen einer gewalthaltigen Beziehung beeinflussen.

Der Versuch, von der klassischen Dogmatik zur DOGmatik zu kommen, sei ein Paradigmenwechsel und werde der Theologie viel abverlangen. „Wir müssen voraussetzen, dass die Tradition, in der man als Christ oder Christin steht, weitgehend ungebrochen anthropozentrisch ist.“

Über Simone Horstmann

Simone Horstmann (geb. 1984) promovierte zum Thema „Ethik der Normalität. Zur Evolution moralischer Semantik in der Moderne“ und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie an der Technischen Universität Dortmund. Sie hat mehrere Bücher zum Verhältnis von Theologie und Tierrechtsanliegen publiziert, zuletzt „Religiöse Gewalt an Tieren“ (2021) und „Interspezies Lernen. Grundlinien interdisziplinärer Tierschutz- und Tierrechtsbildung“ (2021).

Simone Horstmann lebt in Unna gemeinsam mit einem Menschen, zwei Katzen, drei Hunden und sechs Hühnern.

Dabei könne die Theologie sehr viel davon lernen, die an sie gerichteten Vorwürfe in Bezug auf ihr Verhältnis Mensch-Tier ernst zu nehmen. Dabei bezieht sich Simone Horstmann auf eine Aussage der amerikanischen Moralphilosophin Christine M. Korsgaard: „Dass menschliche Wesen wichtiger als andere Tiere sind, ist eine Überzeugung, der ihr religiöses Erbe auf der Stirn geschrieben steht.“

Simone Horstmann plädiert für eine andere Lesart der Schöpfung, nicht triumphal im Sinne eines Unterwerfungsauftrages, sondern im Sinne von Verantwortung und Bescheidenheit. Der Mensch müsse sich zurücknehmen und erkennen, dass unser heutiges Verständnis vom „Nutztier“ zu nichts anderem geführt habe als zu einer „grauenhaften Form der Sklavenhaltung“. Es sei längst überfällig, diesen Weg zu verlassen und im Sinne christlicher Nächstenliebe umzukehren.