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PLATT STATT MATT


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 14.06.2022
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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 7/2022

EHRENTREFFER! Ein seltenes Bild: Meist war unser Autor Anatol Vitouch (re.) eher um eine kompakte Defensive bemüht.

Berlin-Mitte, Franz-Mett-Sporthalle, Freitagabend, 19 Uhr. Zwei bandagierte Fäuste, in jeder ein Bauer, einer weiß, einer schwarz. Ich deute auf die rechte, mein Gegenüber öffnet sie: Weiß. Die Farbwahl habe ich schon mal gewonnen. Noch ein Handshake, dann ziehe ich: 1. c2–c4. Nach einem Dutzend Zügen ist aus einer Englischen Eröffnung eine Stellung mit Raumvorteil für mich entstanden. Mein Gegner spielt gar nicht schlecht. Er entwickelt seine Figuren auf zentrale Felder, macht keine unnötigen Bauernzüge und bringt seinen König in Sicherheit.

Dennoch weiß ich schon nach zwei Minuten, dass seine Stellung früher oder später zusammenbrechen wird. Im Zentrum dränge ich ihn schrittweise zurück, stoße am Königsflügel aggressiv meine Bauern vor und beordere meine Dame auf einen aussichtsreichen Posten auf der anderen Brettseite. Bedenkzeit brauche ich fast keine, zu natürlich sind meine Züge. Trotzdem ...

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... schellt bald die Glocke: Die erste Schachrunde ist vorbei, noch bevor ich zur Attacke übergehen kann.

Zwei Assistenten heben Brett und Schachuhr aus dem Ring. Mit zittrigen Fingern schiebe ich mir den Mundschutz unter die obere Gebissreihe und lege meine Boxhandschuhe an. Dass ich noch schnell die Brille abnehmen muss, fällt mir erst ein, als mein Gegner mir zum Rundenbeginn schon die Fäuste zum Abklatschen entgegenstreckt. Wieder der Gong. Ich beiße auf meinen Mundschutz. Bobby Fischer, steh mir bei!

Was bitte ist ein Schachboxkampf? Diese Frage hat mir jeder gestellt, dem ich den Anlass für meine Reise verraten habe. Die Antwort ist einfach: drei Minuten Schach, drei Minuten Boxen, immer abwechselnd, maximal elf Runden. Schachmatt oder K. o. entscheiden über den Sieg – je nachdem, in welcher Disziplin der letzte Treffer zuerst gelingt.

„ICH BEISSE AUF MEINEN MUNDSCHUTZ. BOBBY FISCHER, STEH MIR BEI!“

Als ich damit herausrücke, dass ich selbst in den Ring steigen werde, ernte ich unterschiedliche Reaktionen. Eine zart besaitete Freundin beginnt, leise um mich zu weinen. Ein Kumpel vom Typ sportlicher Draufgänger versucht, mich vor die Tür des Lokals zu zerren, in dem wir sitzen, um meine Box-Skills zu prüfen. Nur: Ich habe keine Box-Skills.

Zwar interessiert mich Boxen schon mein Leben lang. Die Fernsehübertragungen von den Kämpfen der KlitschkoBrüder, von Henry Maske oder Axel Schulz gehören zu meinen Kindheitserinnerungen. Mit 16 las ich Hemingways „Paris, ein Fest fürs Leben“ – und war fortan davon überzeugt, dass ich als angehender Schriftsteller unbedingt boxen können müsste. Aber über ein paar Wirtshausrempeleien und ein Gruppentraining bei einem Wiener Vorstadtverein bin ich faustkampfpraktisch nie hinausgekommen.

Mit 37 befinde ich mich außerdem in einem Alter, in dem viele Männer ihren Lieblingssessel entdecken. Ganz so schlimm steht es um mich noch nicht. Aber wenn ich den Grad meiner Fitness beschreiben müsste, würde ich sagen: durchschnittlich. Für einen 37-Jährigen.

In meinem ersten Schachboxkampf habe ich deshalb nur einen einzigen Trumpf: Ich bin Schachmeister, genauer gesagt FIDE-Meister. Diesen Titel vergibt der Weltschachbund für Spieler, die ein Rating von mindestens 2300 Elo-Punkten erreicht haben. Bessere Kaffeehausspieler liegen bei ungefähr 1700 Elo, Schachweltmeister Magnus Carlsen notiert konstant über 2800. Ergo: Ich verdiene mein Geld nicht mit Schach, und gegen Großmeister habe ich meistens das Nachsehen. Aber ich bin auch ein Eckhaus besser als die allermeisten Leute, die von sich glauben, gute Spieler zu sein.

„VERDAMMT, WIE KOMME ICH DA OHNE BAHRE RAUS?“

Die Frage lautet also: Habe ich eine Chance, genügend Boxrunden zu überstehen, um meinen Gegner mattzusetzen? Und wenn nicht: Wie, verdammt, komme ich ohne Bahre raus aus diesem Club?

Voll auf die Nase

Josef ist einen Kopf größer als ich, sein Körper sieht aus wie ein einziger elastischer Muskel. Früher hatte er den schwarzen Gurt im Aikido. Erst als ihm das zu langweilig wurde, hat er auf Boxen, dann auf Schachboxen umgesattelt.

Ein wenig habe ich darauf gehofft, dass er es langsam angehen wird: mich erst mal kommen lassen; mir Zeit geben, um in den Kampf zu finden. Das Gegenteil ist der Fall. Von der ersten Sekunde an deckt mich mein Gegner mit Treffern ein. Er schlägt vor allem Gerade, dazwischen rechte und linke Haken, die mich neben meiner Doppeldeckung an der Schläfe treffen. Das Stakkato der Hiebe lässt mich während der ersten halben Minute gar nicht daran denken, zurückzuschlagen. Mein Überlebensinstinkt sagt: decken, ducken, zusammenkrümmen, durch den Ring flüchten. Viel Strategie habe ich mir für diese zweite Runde überlegt. Im Angesicht der Schläge ist sie unbrauchbar. Es ist wie beim Schach: Man kann nur tun, was der Gegner zulässt. Josef lässt nichts zu. Nicht von mir.

ERSTES TRAINING. Kein Schachboxkampf ohne Vorbereitung: Am Tag vor dem Fight versucht unser Autor Anatol, sich noch rasch in Form zu bringen – mit der Springschnur und am Sandsack. Zumindest dem abhängenden Gegner in Rot versetzt er eine Tracht Prügel.

Mein Sekundant feuert mich aus der Ringecke an: „Sei frech, Anatol!“ Ich versuche eine Schlagkombination. Meine Linke blockt Josef locker ab. Ich will die Rechte nachschieben, aber bevor sie ihr Ziel erreicht, trifft er mich mit seiner Rechten das erste Mal voll auf die Nase.

Ich taumle zwei, drei Schritte zurück, fange mich, reiße die Deckung hoch. Auch wenn Josef später sagen wird, dass er nicht annähernd Vollgas gegeben hat: So ein Treffer tut nicht nur weh, er kostet auch Luft. Und die ist kostbar. Der Mundschutz stört mich beim Schnaufen, mir ist schwindlig. Als irgendjemand ruft, dass zwei Minuten vorbei sind, habe ich das Gefühl, dass mir gleich die Beine einknicken. Aber Josefs Schläge treiben mich weiter durch den Ring. Konter täusche ich jetzt nur noch an, um ihn wenigstens kurz auf Distanz zu halten. Für Offensive fehlt mir längst die Kraft.

Ding, ding, ding. Die Ringglocke erlöst mich. Für drei Minuten.

Der intellektuelle Fight Club

Die Geschichte des Schachboxens ist schnell erzählt. An ihrer Wiege steht der niederländische Aktionskünstler Iepe Rubingh, der 2003 erster Weltmeister in dem Sport wurde, den er selbst erfunden hatte. In einem französischen Comic war Rubingh auf die Idee gestoßen. Und weil er für beide Sportarten ein Faible hatte, beschloss er, die Fiktion Wirklichkeit werden zu lassen.

Statt einem ganzen Boxkampf eine ganze Schachpartie folgen zu lassen, hatte Rubingh den Einfall, beides miteinander zu verzahnen. Aus einer einmaligen Kunstaktion entstand bald der erste Schachboxclub der Welt in Rubinghs Wahlheimat Berlin. Auch wenn es inzwischen auf der halben Welt Schachboxvereine gibt – darunter in England, Russland, China, den USA und Indien –, gilt Berlin immer noch als das Mekka der Sportart. Hier, im ältesten Schachboxclub der Welt, dem Chess Boxing Club Berlin (CBCB), stelle ich mich meinem ersten Kampf.

Aber Schach und Boxen: Passt das zusammen? Die Fans von Rubinghs Kreation schwärmen vom „intellectual fight club“, der ultimativen Verbindung von körperlichem und geistigem Sport. Dass man nach einem Wirkungstreffer im Boxen mitunter zu weich in der Birne ist, um noch vernünftig Schach zu spielen, wird von Enthusiasten nicht als Problem, sondern als Markenkern gesehen: Man muss beide Sportarten gleichermaßen trainieren und beherrschen. Wer beim Schach auf ein Schäfermatt (schnelles Matt in der Anfangsphase einer Partie; Anm.) hereinfällt, dem nützt auch der stärkste rechte Haken nichts. Weltmeisterschaften wurden bisher übrigens fast immer durch Schachmatt entschieden.

Die Dame dankt

Mundschutz raus, Handschuhe ausziehen. Mein Puls rast, ich triefe vor Schweiß. Wie schön, die Figuren statt Josefs Fäuste vor mir zu haben. Auf b7 lässt er einen Bauern stehen, meine Dame dankt. Wie mein Schweiß, der auf das Plastikbrett tropft, fließen auch meine Figuren durch das einmal geschlagene Leck in Josefs Stellung. Mein schwarzfeldriger Läufer findet ein schönes Plätzchen auf d6 und fesselt von dort aus einen schwarzen Springer. Josefs Schwerfiguren lungern passiv auf der Grundreihe herum, die Partie ist klar gewonnen für mich. Nur heißt das leider nicht, dass das Matt schon in Sichtweite wäre. Denn Josefs schwarzer König ist immer noch in seiner Rochadestellung von einer Bauernphalanx geschützt. Die muss ich erst sprengen, bevor ich ihm an den Kragen gehen kann, und das wird dauern. Ding, ding, ding. Verdammt, jetzt schon?

Brille runter, ein großer Schluck Wasser, Mundschutz rein, Handschuhe drauf. Runde vier, und ich bin immer noch fertig von der zweiten. Soll ich in die Offensive gehen? Josef weiß, dass es versuche, den Oberkörper kreisen zu beim Schach schlecht um ihn steht, mit drei großen Schritten ist er bei mir und schlägt zu. Ich buckle und decke wieder, lassen, um kein unbewegliches Ziel zu sein. Er trifft mich, aber aus irgendeinem Grund fühle ich mich besser als in Runde zwei. Kann man sich an Prügel so schnell gewöhnen? Ich habe noch ein bisschen Luft, jetzt will ich auch boxen. Eine linke Gerade von Josef wehre ich im Ansatz mit meiner Linken ab, gehe nach vorn und schlage zu: rechts-links-rechts. Josefs kurze rechte Gerade trifft mich an der Stirn, es blitzt, ich liege auf den Brettern.

„AM BODEN IST ES SCHÖN. NIEMAND SCHLÄGT MICH DORT, UND ICH MUSS MICH NICHT BEWEGEN.“

Am Boden ist es schön. Niemand schlägt mich dort, und ich muss mich nicht bewegen. Außerdem war der Treffer gar nicht so schlimm, es ist mehr die Kondition, mit der es mit jedem von Josefs Hieben schneller zu Ende geht. An die nächste Schachrunde denke ich nicht mehr, ich denke nur ans Überleben. Josef reicht mir sportlich die behandschuhte Pranke, hilft mir auf. Es geht hier ja doch nicht um Leben und Tod und auch nicht um eine Weltmeisterschaft. Noch eine Minute muss ich durchhalten, bis die Runde vorbei ist. Die Angst ist zurück, aber sie ist jetzt anders: Es ist die Angst vor dem nächsten Niederschlag. Den will ich durch Beinarbeit vermeiden, aber Josef stellt mir nach. Warum ist der Ring so klein? Schon wieder bin ich in der Ecke. Josefs Körperhaken trifft mich links an der Rippe, ich weiche zur Seite aus, kassiere noch zwei Schläge, einmal Körper, einmal Stirn, aber noch kann ich die Deckung halten. Als die Glocke läutet, weiß ich, dass ich keine weitere Boxrunde mehr schaffen werde. Entweder ich setze ihn jetzt matt, oder ich bleibe in der nächsten Boxrunde liegen. Punkt.

Pfötchen geben beim Training Am Vortag des Kampfes muss ich erst einmal trainieren. Im CBCB gibt es Boxtage und Schachboxtage. Donnerstag ist Boxtag. Deshalb ist Ole heute der Chef, ein schlaksiger Mittdreißiger, der seine Schüler beim Lauftraining im Berliner Dialekt antreibt. Als mir nach ein paar Runden das erste Mal die Puste ausgeht, frage ich Ole, wie es mit seinen Schachfertigkeiten aussieht. „Ick hab in meinem Leben noch keene janze Schachpartie jespielt“, sagt er. Nach dem Lauftraining gehen wir hinunter in den Keller, wo die Sandsäcke hängen und es nach kalt gewordenem Schweiß riecht. Ich streife mir ein Paar abgenutzte rote Handschuhe über und beginne, einen der Säcke im Rhythmus von Oles gebellten Kommandos zu traktieren: links-rechts, links-rechtslinks, links-rechts, links-rechts-links. Geht ganz gut, auch wenn es mit der Zeit schweineanstrengend wird.

Bald tun mir Finger und Oberarme weh, weil ich zu hart zugeschlagen habe. Ich will mich hinsetzen, da ruft Ole mich zu sich nach vorn: Einzeltraining für den Neuen. Ole hat „Pfötchen“ an, das sind die runden, flächigen Handschuhe, mit denen Boxtrainer die Schläge ihrer Schüler steuern und auffangen. Er sagt mir die Kombinationen an, ich schlage sie: links-rechts-linker Haken. Links-rechts-Aufwärtshaken. Links-rechts-linker Haken. Links-rechts-links-rechts, und noch einmal: links-rechts-links-rechts. Ein bisschen schneller muss das schon gehen, findet Ole. Ich finde gar nichts, weil ich mit Luftkriegen beschäftigt bin. Als ich die Arme kaum mehr heben kann, schlägt Ole lachend mit den Pfötchen auf meine Handschuhe. Dann hat er endlich Erbarmen und knöpft sich einen anderen Schüler vor.

„MIR TUN FINGER UND OBERARME WEH, DA RUFT MICH DER COACH ZU SICH: EINZELTRAINING.“

Ich klammere mich an meinen Sandsack und keuche wie ein Hund. Wie soll ich morgen den Kampf überstehen, wenn ich schon nach fünf Minuten Einzeltraining blau bin? Ich blicke mich im Trainingskeller um: ein Dutzend Schachboxer, zwei davon weiblich, die meisten um die zehn Jahre jünger, alle fitter als ich.

Jetzt wackelt der König

Trotz meiner Erschöpfung ist das Schachbrett jetzt meine Oase. Solange ich noch sitzen kann, kann ich auch diese Partie gewinnen. In der letzten Boxrunde bin ich zu Boden gegangen, aber mein Kopf funktioniert noch einwandfrei. Oder sagen wir: Er funktioniert noch gut genug, um einem Spieler von Josefs Kaliber am Brett keine Chance zu lassen. Denn Josef macht jetzt Fehler, lässt Bauern stehen, während meine Figuren seinen König umkreisen. Wird das nicht jetzt schon Matt? Josef denkt. Es gibt nur einen einzigen Zug, mit dem er das Unvermeidliche noch hinauszögern kann. Er muss seinen Springer opfern. Shit, er hat es gesehen! Sein König rennt vor meiner Dame davon, ich schlage das schwarze Ross mit Schach.

Das Opfer wird ihn nicht retten, aber es verschafft ihm ein paar Züge Galgenfrist. Dong, dong, dong.

„Schach ist Krieg“: Dieser Satz stammt vom US-Amerikaner Bobby Fischer. In den 70er-Jahren durchbrach er die sowjetische Dominanz und wurde mitten im Kalten Krieg Schachweltmeister. In Interviews erzählte er gerne, dass es ihm am meisten Spaß mache, das Ego seines Gegners zu zerbrechen. Fischer wollte nicht einfach nur gewinnen, sondern seine Kontrahenten vernichten. Schachboxen hätte Bobby wahrscheinlich gefallen.

Aber wer sind die Leute, die diesen Sport hier in Berlin lernen wollen? Einige sind Boxer, die Schach als intellektueller Ausgleich interessiert. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall, vor allem, seit die Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“ einen Schach-Boom ausgelöst hat. Schachgroßmeister sind allerdings nur schwer in den Ring zu bekommen: Sie lassen sich ungern auf den Kopf schlagen, weil der nun mal ihr Kapital ist.

In der Umkleidekabine der Franz-Mett-Sporthalle, die der eines Schulturnsaals gleicht, zieht sich Mustafa, dunkler Teint, dunkle Haare, Ende zwanzig, nach dem Training die Socken an und erzählt mir, dass er in der Türkei ein erfolgreicher Jugendschachspieler war. Vor kurzem ist er nach Berlin gezogen und hat hier durch Zufall vom Schachboxen erfahren. Jetzt kommt er mehrmals in der Woche zum Training, denn er hat ein ehrgeiziges Ziel: In drei Jahren will er mit den Fäusten so kompetent sein, dass er seinen ersten echten Schachboxkampf bestreiten kann. Dass ich nach genau einer Stunde Boxtraining morgen selbst in den Ring steige, verrate ich ihm jetzt lieber nicht.

„SCHACHGROSS-MEISTER LASSEN SICH NUR UNGERN AUF DEN KOPF SCHLAGEN.“

Nichts geht mehr

Im Schach kann man aufgeben, im Boxen auch? Ich weiß, dass Josef mich jetzt umhauen muss, und er auch. Mir fehlt die Kraft, um noch lange dagegenzuhalten. Vier, fünf Treffer in meine Doppeldeckung nehme ich noch, aber einmal muss es genug sein. Ein weiterer rechter Haken an meine Schläfe lässt mich zur Seite stolpern. Als meine Beine nachgeben, empfinde ich Erleichterung. Josef will mir noch einmal auf helfen. Ich schüttle den Kopf, spucke den Mundschutz aus, der mir die Luft nimmt: Nichts geht mehr.

Technischer K. o. in Runde 6. Ich habe meinen ersten Schachboxkampf verloren.

Als ich am nächsten Morgen in meinem Hotelzimmer aufwache, betaste ich erst einmal meinen Körper vor dem Badezimmerspiegel. Ein blauer Fleck an der Rippe, dort, wo Josefs Körperhaken mich getroffen hat, ist die einzige sichtbare Schramme. Ein bisschen durch die Mangel gedreht fühle ich mich schon. Aber das könnte auch an meiner nächtlichen Überlebensfeier in den Berliner Kneipen liegen. Wie es mir heute gehen würde, wenn mein Gegner mit voller Kampfhärte zugeschlagen hätte, will ich mir lieber nicht vorstellen.

Beim Frühstück in einem Studentencafé am Alexanderplatz lasse ich noch mal Revue passieren, was ich im Ring erlebt habe. Schach und Boxen passen zusammen, weil man in beiden Sportarten schweigen muss – so ähnlich hat Josef mir das gestern nach dem Kampf erklärt. Nach sechs Runden Schachboxen bin ich von der Wahlverwandtschaft der beiden Disziplinen nicht restlos überzeugt. Egal wie ernst man es nimmt: Schach ist und bleibt ein Spiel, man braucht Muße dafür. Boxen ist etwas ganz anderes, ein Kampf ums Überleben, bei dem der Kopf zur Trefferfläche wird. Ich bin froh, diesen Kampf durchgestanden zu haben, aber ich muss ihn nicht unbedingt wiederholen. Ich packe mein Taschenschach aus und baue aus dem Gedächtnis, das zum Glück noch intakt ist, die gestrige Schlussposition auf. Verdammt. Nur vier Züge noch, dann hätte ich ihn mattgesetzt.

Info: chessboxingberlin.de

DIE SCHACHPARTIE ZUM NACHSPIELEN

Weiß: Anatol Vitouch, Schwarz: Josef Galert 1. c4 e5 2. Sc3 Lc5 3. Sf3 d6 4. g3 Se7 5. Lg2 0–0 6. 0–0 c6 7. e3 Lg4 8. h3 Lh5 9. g4 Lg6 10. d4 e×d4 11. e×d4 Lb4 12. Lg5 f6 13. Lf4 L×c3 14. b×c3 d5 15. Db3. Ende Runde eins. 15. … Lf7 16. D×b7 Sd7 17. Ld6 Te8 18. Tfe1 Kf8 19. Sh4 g6 20. c×d5 c×d5 21. L×d5 L×d5. Ende Runde drei. 22. D×d5 Sb6 23. De6 Sc8 24. D×f6† Kg8 25. Le5 Sf5 26. Dh8† Kf7 27. D×h7† Ke6 28. g×f5†. Ende Runde fünf.

Die Schlussstellung, nachdem unser Autor im Boxen aufgab. Gerade hatte er als weißer Spieler das schwarze Rössel auf f5 verspeist, sein Bauer bietet Schach. Hier hätte Anatol in vier Zügen durch Schachmatt gewonnen.