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PLATTE DES MONATS


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 11.08.2022

★★★★★★ der Wahnsinn ★★★★★sehr gut ★★★★gut ★★★ ganz okay ★★uninteressant ★schlecht

Artikelbild für den Artikel "PLATTE DES MONATS" aus der Ausgabe 9/2022 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 9/2022

Sampa The Great As Above, So Below

Concord/Universal (VÖ: 9.9.)

Spiritual-Rap? Oder Afro-Hop? Vielleicht doch Zam-Pop? Die Künstlerin findet einen Weg in ihre Heimat Sambia.

„It is from her where you come from, it is from her these seeds are sown, your DNA and mine, generations and bloodlines.“ Das Pathos kommt auf sanften Pfoten zu Beginn des Videos zu „Never Forget“. Dann tauchen am unteren Bildrand zwei Notenzeichen auf, als wäre jetzt die Play-Taste für die Musik freigeschaltet. Wir hören Tribal Beats und einen Chor, bis Sampa The Great mit weiten Moves die Regentschaft übernimmt. In die Performance werden in schneller Schnittfolge weitere Bilder geblendet, Tänzerinnen, Arbeiterinnen, eine Zam-Rock-Band, ein Ex-Präsident, eine Stimme verkündet: „This is Zambia“. Ein Finger fährt die Grenzen des afrikanischen Staates ...

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Sambia ist Geburts- und doch auch Fremdland für Sampa Tembo, die erst nach Kalifornien gehen musste und später als Sampa The Great in Australien Erfolge feiern durfte, um sich wieder auf ihre Herkunft beziehen zu können. Sie hätte sich in Sambia mitunter nicht verstanden gefühlt, hat sie 2019 noch gesagt. Hier und heute geht es der Künstlerin um eine Panoramaaufnahme – um Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit dieser Heimat. Um ihre eigene Version davon: „Please do not rewrite my history.“

2019 erschien mit dem Album THE RETURN (sic!) schon ein erstes Stück dieser Erzählung. Die von HipHop, Afrobeat und R’n’B geprägte Songsammlung war der Durchbruch für Sampa. Auf

Sampa lässt die Grenzen zwischen drinnen und draußen einreißen, zwischen Diaspora und Ursprung.

AS ABOVE, SO BELOW geht die 29-Jährige noch einen Schritt weiter und wirbt im Stile einer Botschafterin für jenen Kulturkreis, mit dem sie auf der Suche nach ihrer Identität als afro-australische Künstlerin verbunden ist. In den elf neuen Tracks nutzt sie das Stilmittel der Überblendung; Gesänge aus dem Vielvölker- und Vielsprachenstaat Sambia verbinden sich mit den Elektro-Basslinien des globalen Funk, Sampas Rap trifft auf spirituelle Pop-Arrangements, psychedelische Klangspuren oder traditionelle Instrumente (ist das eine Likembe, die durch „Shadows“ und „Tilibobo“ wandert?). Sampa lässt die Grenzen zwischen drinnen und draußen einreißen – zwischen den Orten, die der globale Westen diasporisch nennt und solchen, in denen die Black Music zur omnipräsenten Größe geworden ist. Der Zam-Rock der Mittsiebziger beschreibt dabei einen weniger bekannten Ort, er fand im Vergleich zu den Afrobeat-Veröffentlichungen aus Nigeria und Mali lange Zeit eher bescheidene Resonanz unter anglo-amerikanischen Musiker*innen. Die Aufnahmen von Künstlern wie Rikki Ililonga und Paul Ngozi waren den Nicht-Afrikanern im Zweifel nicht afrikanisch genug. Leyla McCalla und Sélène Saint-Aimé haben auf ihren letzten Alben eindrucksvoll vorgemacht, wie der Griff zurück auf die eigenen Ursprünge einen musikalischen Sprung initiieren kann. Sampa The Great folgt ihnen nun mit AS ABOVE, SO BELOW. Das Album legt auch Zeugnis ab von einer ganz konkreten Heimfahrt, Sampa besuchte zu Pandemiebeginn ihre Familie in Sambia, ihre Schwester Mwanjé war an den Aufnahmen beteiligt. Die elf Tracks stehen im Kern aber für ein Nachhause-Kommen im Sinne einer Selbstfindung, die wiederum bis in die Kooperationen mit Denzel Curry, Joey Bada$$, Angélique Kidjo und dem sambischen Rapper Chef 187 reicht. Über das hinauszugehen, was sie von sich selbst zu wissen glaube, so hat Sampa den Wunsch beschrieben, mit dem sie ihr Album angegangen ist.

★★★★★ Frank Sawatzki

Die fünf besten Songs: 1. Shadows 2. Lane 3. Tilibobo 4. DGAF 5. Never Forget Klingt wie: Little Simz: SOMETIMES I MIGHT BE INTROVERT (2021) / Sélène Saint-Aimé: POTOMITAN (2022) / Leyla McCalla: BREAKING THE THERMOMETER (2022)

Platten des Monats SEPTEMBER

1992

Sugar COPPER BLUE Bob Mould hat den idealen Kompromiss gefunden: hart genug, um eingefleischte Fans zufriedenzustellen, und dicht genug produziert, um auch ein Mainstream-Publikum zu bedienen. Zuckerbrot und Peitsche – das ist das süße Geheimnis des neuen Rock-Crossovers.

2002

Queens Of The Stone Age SONGS FOR THE DEAF SONGS FOR THE DEAF gibt dem Rezensenten ein mächtig gutes Gefühl davon, wie es wäre, sein Vernunftautomobil gegen einen obszönen US-Scheichreichmacher auszutauschen, um mit dieser Höllenkutsche in ein schnelles, doch noch recht junges Ende zu brettern. Mit einem Lächeln, breit wie der Horizont.

2012

Frank Ocean CHANNEL ORANGE Mit „Super Rich Kids“ geht es richtig los. Allein schon der Beat! Viel mehr als monoton aufeinanderfolgende Pianoakkorde, die an Elton Johns „Bennie And The Jets“ erinnern, gibt es nicht zu hören. Aber das ist gut so. Mehr Sound würde davon ablenken, was Frank Ocean zu sagen hat.

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN

„Watching the ships roll in / Then I watch ’em roll away again, yeah“

„(Sittin’ On) the Dock of the Bay“, Otis Redding, 1967

Es gab mal eine Zeit, da zogen ganze Rockbands geschlossen nach Seattle um, weil sie damit ihre Chancen auf einen Plattenvertrag auf satte 100 Prozent vergrößerten. Dann zog es Musiker*innen aus aller Welt scharenweise nach Berlin, weil... Ja, warum eigentlich? Popmusik ist mobil, ja ohne Mobilität gar nicht denkbar, wenn der Startpunkt auch eher die unfreiwillige Migration war in den Schiffen, die afrikanische Menschen in die nordamerikanische Sklaverei brachten. Heute kommt jemand aus Sambia, lebt nach amerikanischen Umwegen in Australien und erfindet den HipHop neu, indem sie ihn mit seinen afrikanischen Wurzeln versöhnt (S. 65). Drei Hamburger, denen man zum Teil einen sogenannten Migrationshintergrund unterstellt, schillern im Licht New Yorker Discokugeln der 70er-Jahre (S. 72). Ein Australier, der lange, bevor es alle anderen nach Berlin trieb, zum liebsten Ziehsohn der damals noch geteilten Stadt wurde, übt seine Predigertätigkeit mittlerweile vom südenglischen Badeort Brighton aus aus (S. 76). In Moskau leben Menschen, die zumindest innerlich in den Laurel Canyon emigriert sind (S. 82). Jemand anderes ist wiederum im japanischen Niigata geboren, wuchs in London auf und macht jetzt der doch eigentlich sehr amerikanischen Lady Gaga Konkurrenz (S. 81). Ist das kompliziert? Nein, das ist bloß Pop. Und beim nächsten Mal klären wir bloß, wer daran schuld ist, dass der Bademantel (s.u.) zum Symbol des Bühnenentertainers geworden ist, verspricht der Der Plattenmeister

Friedrich Liechtenstein Good Gastein

Motor/Edel (VÖ: 19.8.)

Der stets leicht angecocktailjazzte Werbegesamtkunstwerk-Pop kriegt einen doch wieder. Eigentlich hatte man genug von Friedrich Liechtenstein als allumfassende Litfaßsäule, eigentlich hatte man sich fest vorgenommen, nicht mehr reinzufallen auf das leicht durchschaubare Werbegesamtkunstwerk, das den eigenen Zynismus als lustige Meta-Ebene immer gleich mitdenkt. Aber dann setzt er an zu „I Saved The World Today“, und wenn der Eurythmics-Klassiker seine Magie entfaltet, wenn der Frauenchor „Heyhey“ haucht und Liechtenstein „Yes“ brummt und „Everybody’s happy now“, dann, ja dann ist man tatsächlich wieder glücklich angekommen in den Armen dieses Rattenfängers, der totgedudelte Uralt-Hits, abgeschmackten Cocktailjazz-Sound und noch den allerletzten Quatsch als sexy Nebenwidersprüche zusammenführt und – fragt bloß nicht wie – wieder zum Klingen bringt, dass man ihm einfach nicht böse sein kann. Wie auch immer, Liechtenstein macht wieder vieles richtig, verbeugt sich mit „Das war nur ein Moment“ vor Manfred Krug als einem Bruder Leichtfuß im Geiste, einem unwahrscheinlichen Entertainer und Frauenhelden wie ihm, singt mit „Ach Berlin“ der Hauptstadt eine resignierte Hymne und rekapituliert in „Westberlin“ mehr als neun Minuten lang alle einschlägigen Klischees von David Bowie und Romy Haag bis zum Big Eden dermaßen kleinteilig bis zur letzten Kreuzberger Kneipe und dem unbekanntesten RIAS-DJ, dass man sich den Vormauerfall-Merian sparen kann. Liechtenstein zeichnet die Topographie einer untergegangenen Stadt so, wie er an seinem eigenen, eigentlich überholten Konzept festhält – ganz liebevoll, mit leichter Ironie und viel milder Ignoranz gegenüber jeder Kritik.

★★★★ Thomas Winkler

Liechtenstein führt großen Quatsch und sexy Nebenwidersprüche zusammen.

Panda Bear & Sonic Boom Reset

Domino

File under: Sommermusik. Ein Zwei-Mann-Traum zwischen Geräusch und luftigen Melodien. Hätte man sich ja vor einiger Zeit auch nicht träumen lassen: Noah Lennox alias Panda Bear (Animal Collective) und Peter Kember alias Sonic Boom (Spacemen 3) nehmen ein gemeinsames Album auf. Die Zusammenarbeit begann vor Jahren schon und nahm jetzt Form an; die Geschichten des US-Avant-Poppers und des britischen Hypno-Psychedelikers steuerten unaufhaltsam aufeinander zu, die Künstler lassen ihre Freundschaft in der gemeinsamen Wahlheimat Portugal im Sound hochleben. RESET beginnt – geradezu den Titel bestätigend – mit einem Neustart, der wiederum auf die Hits der Anfänge rekurriert; spielen hier die Enkel von Eddie Cochran den „Summertime Blues“ noch einmal neu ein? Bald fügt Panda Bear diesen von Animal Collective bekannten Singsang in memorian Beach Boys dazu - am Ende Elektronik, Klatschbeat, ein helles Gehämmer. Lennox und Kember finden über die komplette Strecke des Albums eine beeindruckende Balance, wenn es darum geht, die geräuschigen Kleinteilchen und die feinen Melodien, die zarten Hymnen auf ein Tablett zu bringen. Im Hallraum dieses musikalischen Zwei-Mann-Traums klackert es bei federleichten Huhuhuhus und hübsch geschmetterten Keyboard-Passagen, RE-SET erobert sich einen Spitzenplatz unter den luftigen Sommermusiken des Jahres 2022. Und „Edge Of The Edge“ ist, wir wagen uns jetzt weit aus dem Fenster, der Song, den Brian Wilson in den Surf-Jahren der Beach Boys, einfach vergessen hat zu schreiben.

★★★★★Frank Sawatzki

Index

Agaion 78

Amanda Shires 80

Andrew Tuttle 73

Anna Erhard 72

Au Suisse 74

Bret McKenzie 76

Built To Spill 71

Cass McCombs 74

Cheri Knight 73

Danger Mouse &

Black Thought 82

David J. Kirchner 76

Diverse: Minna Miteru 2 82

Domiziana 75

Ezra Furman 76

Farid Bang & Capital Bra 76

Friedrich Liechtenstein 67

Füffi 83

Funny van Dannen 71

George FitzGerald 69

Hot Chip 68

Hudson Mohawke 68

Jennifer Vanilla 73

Jockstrap 69

Jonathan Jeremiah 70

Julia Jacklin 72

Kaitlyn Aurelia Smith 82

Kamikaze Palm Tree 80

Lizzo 79

The Lord 74

The Lounge Society 78

Love A 68

Marlon Williams 77

Minoa 70

The Mountain Goats 72

Muff Potter 78

Nick Cave 76

Oehl 80

Oliver Sim 82

Otto von Bismarck 79

Panda Bear & Sonic Boom 67

Pantha du Prince 68

Phoebe Green 74

Propan 70

Rina Sawayama 81

Röyksopp 78

Ruby Goon 82

Sampa The Great 64

Schorl3 72

Sophia Blenda 73

Stella Donnelly 78

Tim Bernardes 77

Twin Tooth 73

Unloved 70

UTO 70

Wilder Maker 77

Die Welttraumforscher 74

Love A Meisenstaat

Rookie/Indigo (VÖ: 19.8.)

Mit dem Indie-Punk der Trierer klingt der Weltuntergang gleich viel besser.

AMEISENSTAAT, das Debüt der Neunziger-Combo Knochenfabrik, diente hier als Titel-Inspiration. Mit deren „Bullenschweine!“-Deutschpunk haben Love A allerdings auch auf ihrem fünften Album wenig gemein. Wie die Kollegen Turbostaat kommt die Band aus der düsterpoetischen Schule von EA80 und Jens Rachut, packt ihr Unbehagen, ihre Systemkritik lieber in impressionistische Fetzen und interpretationsoffene Bilder. Handelt „Klimawandel“ vom Klimawandel? Oder ist „Die Wurzeln sterben leise / Die Krone kriegt nichts mit / Es steht und fällt jetzt alles mit dem Wind“ doch metaphorisch zu verstehen? Expliziter wird Jörkk Mechenbier, wenn er – stimmlich heutzutage etwas tiefer gelegt – in „Analog ist besser“ und „Kann und will nicht mehr“ gegen die sozialen Medien und unsere schöne neue Arbeitswelt stichelt. Oder resignative

Statements über die Welt raushaut. Seine letzten Worte: „Hoffnung stirbt / Zuletzt sterben auch wir.“ Entsprechend wave-ig ist der Gitarrensound eingefärbt, mit einem ordentlichen Schuss The Cure. Gleichzeitig holen einen Love A mit ihrem druckvoll-eingängigen Post-Punk direkt ab. Die Zukunft mag scheiße aussehen. Aber laut mitsingen geht noch.

★★★★★ Nina Töllner

Hot Chip Freakout/Release

Domino Records/Goodtogo (VÖ: 19.8.)

Die Briten wackeln mit Disco Noir zuverlässig zwischen Tiefenphilosophie und Tanzbodenstudio 54.

Fabelhaft, wie sich immer wieder zuverlässig dieser Hot-Chip-Effekt einstellt, auch auf dem verflixten siebten Album. Hot Chip waren immer „Made In The Dark“ und zugleich „Ready For The Floor“ – so auch auf FREAKOUT/RELEASE, das sowohl einen Verweis auf Chics „Le Freak“ („Ah, freak out! / Le freak, c‘est chic“) als auch einen auf das RELEASE-Album der Pet Shop Boys platziert. Sollte man Hot Chip fortan einfach die Hot Chip Boys heißen? Oder schlichter: Chip? Wie die Pet Shop Boys jedenfalls haben Hot Chip bislang das Kunststück vollbracht, noch nie ein Album vorgelegt zu haben, das nicht mindestens sehr gut wäre. Wobei Hot Chip im direkten Vergleich mit den PSB ja sogar über den Vorteil verfügen, dass sie gleich über zwei tolle Sänger verfügen, nicht „nur“ Alexis Taylor mit der markantesten Kopfstimme, die das Herz je gehört hat, sondern auch noch den stärker geerdeteren Joe Goddard. „Broken“ erinnert an französische Italo-Disco wie „Words“ (1982) von FR David und handelt vom schwierigen Unterfangen, psychodepressiven Freunden emotionalen Support anzubieten. Aber bei Hot Chip klingt sogar der Slow-Dancer „Hard To Be Funky“ tiefsinnigst, in dem Taylor tiefenphilosophiert, dass es schon echt schwer ist, sexy auszuschauen, wenn man nicht den Funk hat – oder funky, wenn man keinen Sex hat. Ob „Eleanor“ nun weiß, wo all die einsamen Menschen abtanzen?

★★★★★ Stefan Hochgesand

Schon sehr schwer, sexy auszusehen ohne den Funk.

JASMYN hört gerade:

CD im ME S. 3, Story S. 46

Remi Wolf — Michael (2022)

Sunflower Bean — In Flight (2022)

Savannah Ré — Where You Are (2020)

Kevin Morby — This Is A Photograph (2022)

Shamir — Caught Up (2022)

Hope Tala — Party Sickness (2022)

Arcade Fire — We (2022) Lorde — Mood Ring (2021) Arlo Parks — Softly (2022)

Hurray For The Riff Raff — Pierced Arrows (2022)

Mitski — Stay Soft (2022) Disclosure — In My Arms (2021)

Hudson Mohawke Cry Sugar

Warp/Rough Trade

Eine Vollgrätsche in die elektronische Tanz- und Frickelmusik.

Hudson Mohawke zählt seit Jahren zu den einflussreichsten Collageuren in den Sphären der Elektronik, er verlieh seinen Trap-Produktionen und Remixes mehr und mehr Stadiontauglichkeit. Mühelos verbindet er elektronisches Geklacker mit einer House-Hymne oder dem Schwelgen im Keyboardhimmel des R’n’B. CRY SUGAR macht dennoch nicht exakt dort weiter, wo der in Glasgow geborene Musiker zuletzt unterwegs war. Die 19 neuen Tracks sind in L.A. entstanden, sie könnten auch eine digital manipulierte Reise durch das von Reizen überflutete Universum von Walt Disney beschreiben, in das sich formidable Soul-Interpretinnen und ambitionierte Klassik-Maestros eingeschlichen haben. Ist das noch EDM-Pop aus dem DJ-Set oder schon Techno-Bombast? Es geht einiges hier, auf dem Track „Bow“ öffnet Mohawke einen schwer bollernden HipHop-Parcours für defekte Gesänge, und das ist dann nur ein paar Lichtjahre von der Zusammenarbeit mit Kanye West entfernt. CRY SUGAR ist ein Manifest des Ausschweifens und Ausschwitzens geworden, die Tracks suchen den Dancefloor, ihr Produzent legt aber immer wieder eine Grätsche ein, wenn der Spaß zu doll wird. Der Zuckerschock droht, aber die Apokalypse ist in Hörweite.

★★★★★ Frank Sawatzki

Pantha du Prince Garden Gaia

BMG (VÖ: 26.8.)

Das Meer rauscht an der Clubtür: Hendrik Weber und seine Esoterik-Elektronik stecken fest, aber fühlen sich sehr wohl damit.

Es ist alles da für ein zünftiges esoterisches Get-together: das Rauschen des Meeres am Ende von „Open Day“, Klangschalen und Glöckchen in „Mother Drum“, das Naturgeräusch und der Herzschlag, Gebimmel und Gebammel und nicht zuletzt das Versprechen auf Wiedergeburt schon im Titel von „Start A New Life“. Und doch ist es nicht ganz so einfach. Zwar ist Hendrik Weber über die Jahre ein sehr langer Bart gewachsen, und als Pantha du Prince hat er sich immer weiter weg vom Club entfernt. Auf seinem siebten Album GARDEN GAIA geht er den Weg in den Wald, zurück zur titelgebenden Mutter Erde konsequent weiter, am exemplarischsten vielleicht auf „Heaven Is Where You Are“. Der Track beginnt mit einem schweren, nahezu industriellen Stampfen, dem Stöhnen der Maschinen, das aber schnell von einem leichtfüßigen Beat abgelöst wird, untermalt von sphärischen Klangflächen. Dazu säuselt eine Stimme, der Himmel sei immer dort, wo man selbst gerade sich befinde. Aber nein, so ganz ins Eso-Fach ist Pantha du Prince dann doch noch nicht abgedriftet, noch gibt es bisweilen einen durchgehenden Beat in Tracks wie „Liquid Lights“, das sich anfühlt wie nackte Fußsohlen auf dem sonnendurchwärmten Sand von Ibiza. Aber schon kurz darauf, in „Alles fühlt“, kämpft der Rhythmus, alt und schwerfällig geworden, mit erratischen Klängen, einer Saite, die von einer Sitar stammen könnte, einem verlorenen Klavier, das nirgendwohin will, und die Musik umhüllt einen wie ein Uterus. Man hört immer noch recht deutlich, wo Weber herkommt, man hört vor allem auch sehr genau, wo er hin will. Und man hört sehr deutlich, dass es ihm dort in der Mitte zwischen Gefühlsduseligkeit und Beatseligkeit sehr gut gefällt – es aber auch schon seit geraumer Zeit nicht mehr wirklich vor oder zurück geht.

★★★★★ Thomas Winkler

Klangschalen, Glöckchen, Meeresrauschen – alles da für das Get-together.

Jockstrap I Love You Jennifer B

Rough Trade/Beggars/Indigo (VÖ: 9.9.)

Indie, wie er sein sollte: vollkommen unberechenbar. Wenn sich Indie-Musik ernst nimmt, dann ist sie unabhängig und befreit von allen Klangkategorien. Seltsam, dass geschätzt 95 Prozent aller Indie-Platten dennoch formelhaft klingen. Umso großartiger, dass das Duo Jockstrap aus London eine Art von Indie spielt, die kaum einzuordnen ist. Es steckt Electronica in dieser Musik, häufig vertrackte Beats, die selten großkotzig klingen, eher versponnen. Immer wieder schwirren Stimmen und Effekte umher, die Neo-Psychedelik erinnert an die Pop-Experimentalisten A.R. Kane, die man in den 80er- und 90er-Jahren aus der Not heraus unter die Shoegazer packte. Ein Stück wie „Greatest Hits“ klingt wie die charmante Pop-Nostalgie von Saint Etienne, „What’s It All About“ ist eine Synthiepop-Ballade wie von Dubstar. Im Herzen der Platte bieten „Concrete Over Water“ und „Angst“ plötzlich Kunstmusik, die Single „Glasgow“ dafür Psychfolk der 70er, und „50/50“ führt zum Abschluss ins Acid-House. I LOVE YOU JENNIFER B ist ein irrer Trip, und eines ist klar: Die zweite Jockstrap-Platte wird komplett anders klingen.

★★★★ André Boße

George FitzGerald Stellar Drifting

Domino/Goodtogo (VÖ: 2.9.)

Clubpopsongs? Oder möglicherweise Popclubtracks? Egal, Hauptsache ab ins Weltall.

Mit einem Bein im Club, mit dem anderen im Wohnzimmer: So stiefeln viele herum, und irgendwo zwischen Caribou, Röyksopp und Moderat hinterlässt auch der Südlondoner George FitzGerald seine Fußabdrücke. Ursprünglich beheimatet in der Berliner Technoszene, wurde der Brite beim Release seines ersten Albums gleich des Verrats bezichtigt. Igitt, das ist ja Pop-Musik. Nun ist es da, das dritte Album, und der Pop schimmert stärker durch den Dancefloor denn je. Mit seinen sanft an- und abschwellenden Flächen gedenkt er mit Album-Opener „Further And Further“ zwar zunächst Detroit, doch der erhoffte Roland-909-Beat will nicht einsetzen. Stattdessen folgt „Passed Tense“, eine Mithüpf-Nummer mit den Vocals von Animal Collectives Panda Bear, der so die Unbeschwertheit eigener Songs auf den Tanzflur bringt. Und dann machen wir ein Konzept aus, das schon der Albumtitel vermittelt: FitzGerald hat sich vom Weltraum inspirieren lassen, er hat Bilder von NASA-Teleskopen in Klänge übersetzt. Das Ergebnis klingt weniger esoterisch, als man glaubt. Das Album glitzert und glänzt zwar im niederprasselnden Sternenstaub, doch sonst rumpelt in Pop gegossener Post-Dubstep solide vor sich hin. Auch London Grammar bedanken sich für seine Produktionshilfe beim letzten Album und rumpeln mit. FitzGerald macht alles korrekt, aber am Ende zu richtig. Mit ein paar Überraschungen wie etwa einem hereinbollernden Meteoriten oder einem urplötzlich landenden UFO hätte er sich einen halben Stern mehr erobert.

★★★★Michael Prenner

Igitt, das ist ja Pop, der da stärker denn je durch den Dancefloor schimmert.

Propan Swagger

Sofa

Halb komponiert, halb improvisiert: bestechend stiloffene Experimentalmusik. Propan ist das gemeinsame Projekt der Vokalkünstlerinnen Ina Sagstuen und Natali Abrahamsen Garner, die auf ihrem vierten Album die Stimme in den Hintergrund rücken lassen. Für SWAGGER haben die beiden ein achtköpfiges Ensemble mit Streichern, Bläsern, Percussion und Elektronik zusammengestellt, das sich ihre Performance regelrecht einverleibt. Mal bleibt von den Stimmen der beiden kaum mehr als schweres, rhythmisches Atmen, expressives Jodeln oder einzelne Schreie über, nur selten wie etwa auf dem siebten der unbetitelten elf Stücke, einer klackernden Folk-Abstraktion, ist wirklich Gesang zu hören – sonst ist Stimme auf diesem Album Klangmaterial, Instrument. Sowieso integrieren die zum Teil komponierten, zum Teil improvisierten Stücke verschiedene Stile und Ausdrucksformen: Ambient mit Fourth-World-Anklängen, knisternde Improv-Musik mit Geräuschmusik- und Noise-Elementen, überraschende Folktronica-Ausbrecher sind so Koordinaten, die Propan ansteuern und doch immer wieder neu umschiffen.

★★★★★ Kristoffer Cornils

Klingt wie: Jon Hassell: VERNAL EQUIKNOX (1967) / Lost Girls: MENNES-KEKOLLEKTIVET (2021) / Cucina Povera: DALMARNOCK TAPES (2021)

UTO Touch The Lock

InFiné/Alive (VÖ: 26.8.)

Eigenartiger wie beglückender Beat-Pop, der aufs Angenehmste zwischen den Stühlen sitzt.

Ein Kanal in Oxford (einmal, in „Steps In The Dark“ meint man sein Plätschern zu hören). Ein Kaff im französischen Kernland, irgendwo in der Nähe von Fontainebleau. Und zwei Köpfe, in denen man gerne einmal spazierengehen würde: Das sind die Orte, auf die sich dieses Album zurückführen lässt. Die beiden Köpfe gehören zu Emile und Neysa, die seit 2016 als UTO gemeinsame Sache machen. Dass sie sich für ihr Debütalbum Zeit ließen, hört man: TOUCH THE LOCK bewegt sich souverän zwischen den Genres. Zwar mag man eine Nähe zu anderen kontemporären französischsprachigen Künstler*innen wie La Femme ausmachen, aber eigentlich laufen solche Vergleiche ins Leere: Die Art, wie die beiden Beats, flächige Synthies und verwaschene Pop-Melodien miteinander mischen, erinnert mindestens ebenso sehr an Stereolab, während die beinahe barocken Keyboard-Linien in „Heavy Metal“ Richtung Psychedelic weisen. Weiter im Stilmix: die Proto-Electronic eines Pierre Henry, eine gute Portion Kraut und ein paar Bässe, die die beiden offenbar aus einem Dubstep-Club gemopst und einmal durch die Entschleunigungsmaschine gezogen haben. Eine so eigenartige wie beglückende Musik.

★★★★★ Jochen Overbeck

Ein Kanal. Ein Kaff. Und zwei Köpfe, in denen man gerne einmal spazieren gehen möchte.

Jonathan Jeremiah Horsepower For The Streets

PIAS/Rough Trade (VÖ: 9.9.)

Der Londoner inszeniert seinen nostalgischen Blue-Eyed-Soul nie allzu blauäugig.

Dass das Gros von Jeremiahs neuem Material während seiner ersten Frankreich-Tour entstanden ist und schließlich in einer Amsterdamer Kirche aufgenommen wurde, erstaunt. Denn trotz aller Verbundenheit mit der alten Welt assoziiert man die im Titel implizierten Straßen beim Hören mit denen von New York City, Anfang der Siebzigerjahre. Was wohl auch daran liegt, dass er hier von einem 20-köpfigen, schwelgerischen Streichorchester sowie den wohl schönsten weiblichen Background-Chor-Arrangements seit den Spätsechzigern begleitet wird. Übt sich Jeremiah zunächst in nahezu nahtlos ineinander überblendenden (und die erste „The Deuce“-Staffel zurück vor Augen holenden), samtenen Soul-Perlen in der Tradition von Curtis Mayfield oder Marvin Gaye, evoziert er, kurz vor dem Ende des dritten und finalen Aktes, in dem hochemotionalen, vornehmlich rein auf Stimme und Piano reduzierten „Early Warning Sign“ doch auch noch Elton John. Nur, um uns mit „Sirens In The Silence“ und einem keineswegs zu schön gefärbten, aber dennoch Hoffnungsfunken versprühendem Stimmungsbild in die Nacht zu entlassen.

★★★★Frank Thiessies

Minoa Forward, Backward, Start Again

Listenrecords /Broken Silence (VÖ: 19.8.)

Indie-Pop, der sich ein wenig zu oft in dunklen Ecken verkriecht.

Minoa heißt eigentlich Ina Klos und ist in Houston geboren. Nach Country klingt FORWARD, BACKWARD, START AGAIN aber nur bedingt. Das liegt höchstwahrscheinlich nicht zuletzt daran, dass Klos nur zwei Jahre ihres Lebens tatsächlich in Texas verbrachte, den Rest nahe Hannover. Inzwischen wohnt sie in Berlin, spielt sich durch die dortige Indie- und Vintage-Rock-Szene, aber greift auf ihrem Debüt auf eine breitere stilistische Palette zurück. „When you go left I go right, have you ever held me tight?”, singt sie im behäbigen zweiten Track „Strangers“. Das ist vielleicht nicht die ganz große lyrische Schule, wirkt aber ehrlich. Schon der Albumtitel lässt darauf schließen, dass Minoa sich nicht nur in einer emotionalen, sondern auch noch in einer künstlerischen Findungsphase befindet. Die LP klingt handwerklich einwandfrei, mit dem Herz in der Hand und auf der Zunge eingespielt und -gesungen. Die Songs fördern und fordern die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, meiden aber das Szenische und verkriechen sich meist in dunklen Ecken. Die große Ausnahme: „Let’s Get There Slowly“, auf dem Klos mit zerbrechlicher Stimme im Stile von Portisheads Beth Gibbons dramatisch insistiert. Großartig.

★★★★ Maximilian Fritz

Nicht die ganz große lyrische Schule, aber doch ehrlich.

Klingt wie: Portishead: THIRD (2008) / Haley Bonar: IMPOSSIBLE DREAM (2016) / Angel Olsen: MY WOMAN (2016)

Unloved The Pink Album

Heavenly/PIAS (VÖ: 2.9.)

22 vor Blut und Sex triefende Retro-Pop-Noir-Trips in breitem Cinemascope.

Jarvis Cocker? Jon Spencer? Etienne Daho? Warum besuchen diese Pop-Legenden die kalifornische Band Unloved, die gemessen an den prominenten Gast-Musikern eher Unknown ist? Das Geheimnis: Ein Drittel von Unloved heißt David Holmes. Der irische DJ hat Ende der 90er-Jahre Big Beat mit TripHop verheiratet und es nachfolgend zum gefragten Produzenten britischer Acts wie Primal Scream gebracht. Bandkollege Keefus Ciancia ist versierter Score-Komponist, u.a. arbeitete er für die Psychokiller-Serie „True Detective“. THE PINK ALBUM führt uns nun in einen retrofuturistischen Kosmos: Das Trio hat ordentlich im Soundarchiv der Sixties gekramt, es in einer schmutzigen Klangorgie aus wabernden, gotischen Synthesizern entleert und mittels viel Hall und üppiger Streicher für Breitwand-Sound gesorgt. In „There’s No Way“ schickt man den Sprechgesang der Teendrama-Königinnen Shangri-Las in die Geisterbahn, „Waiting Tor Tomorrow“ hämmert sich durch einen Tamla-Motown-Beat und „Accountable“ mit Jarvis Cocker scheint ein durchs Spukhaus gejagter Brigitte-Bardot-Schlager. Wurde da drüben eine Leiche in Säure aufgelöst? Hat Sängerin Jade Vincent mit ihren eisig-lasziven Vocals einen Sexsklaven verhext? Oder durchfuhr uns der Geist von Giallo-Regisseur Dario Argento, dessen psychedelische Soundtracks hier herumgeistern? Wir spoilern nicht, wie der 90-minütige Horrorfilm endet, aber verraten, dass uns im Verlauf dieses Doppelalbums einige Dämonen heimsuchen.

★★★★★ Michael Prenner

Klingt wie: Goblin: SUSPIRIA OST (1977) / Death in Vegas: THE CONTINO SESSIONS (1999) / Goldfrapp: SUPERNATURE (2005)

Built To Spill When The Wind Forgets Your Name

SubPop/Cargo (VÖ: 9.9.)

Der enigmatische Mr. Martsch rollt durch eine gut geschwungene Rock-Landschaft.

„Ist das Kevin Spacey oder James Mercer im Auto?“, erkundigt sich ein YouTube-User. Die Frage gilt dem Video zum vorab veröffentlichten Song „Fool‘s Gold“, und es ist Built-To-Spill-Gründer- und Songwriter Doug Martsch, der eine launig-filmreife Zeitlupen-Transformation vom cruisenden Asphalt-Spießer zum gut frisierten Bühnen-Rocker hinlegt. Martsch zelebriert seit 1992 mit einem wechselnden Cast von Mitstreitern abseits der Rock-Highways mäandernde, manchmal großartige Gitarrenwuselmusik – und jetzt, sieben Jahre nach dem letzten Album UN-TETHERED MOON, erstmals auf dem dafür immer noch sehr anständigen Label SubPop. Wenn die „Labelrecherchen“ stimmen, sind Built To Spill die erste Band eines 51-Jährigen, die man in Seattle unter Vertrag genommen hat. Sei‘s drum, Martsch und seine Mannen, diesmal Lo-Fi-Punk-Künstler und Produzent Le Almeida und sein Kollege João Casaes von der brasilianischen Band Oruã, spielen sowieso an der Zeit vorbei oder rollen über diese hinweg. Das beherrscht der enigmatische Mr. Martsch aus dem Effeff, Built To Spill 2022 schließen den Indie-Rock, wie wir ihn kennen, mit einem Drum- und Bass-Schleicher kurz, den man am Morgen nach der Clubnacht noch gut hören kann („Rocksteady“) - oder mit den Gitarren-Sirenen des Psychedelic-Pop („Spiderweb“). „Fool‘s Gold“ ist der feine Mitpfeif-Song inmitten dieser gut geschwungenen Rock-Landschaft.

★★★★ Frank Sawatzki

5 FRAGEN AN FUNNY VAN DANNEN

Im Titelsong „Kolossale Gegenwart“ fragst du: „Bist du tatsächlich so glücklich oder hast du einen Knall?“ Gegenfrage: Bist du denn glücklich gerade?

Privat bin ich seit einiger Zeit wieder glücklich. Aber es gibt ja Leute, die meinen, der Mensch sei nicht auf der Welt, um glücklich zu sein. Und wenn man sich umsieht, scheinen sie recht zu haben.

Täuscht das oder warst du schon mal lustiger? Woran liegt’s an den Zeiten?

Mein Name täuscht. Auf meinen CDs haben sich das Lustige und die Melancholie oft die Waage gehalten. Es gab schon traurigere Lieder. Und die Zeiten haben mich in politischer Hinsicht noch nie optimistisch gemacht. Global und historisch gesehen gibt es keine Zeitenwende.

Einerseits singst du mit „Umsturz“ einen Abgesang auf die revolutionären Ambitionen deiner Generation, in „Lauterbach“ protestierst du dann doch wieder gegen „den Zustand der Welt“. Ja, was denn nun?

In unserem Steuerberaterparadies wäre für die CDU und FDP und ihre Klientel die Einführung einer längst überfälligen, sogenannten Reichensteuer schon umstürzlerisch. Deshalb die Auseinandersetzung mit der Idee in diesem Song. Aktuelle Umsturzfantasien in einem Land wie Deutschland sind idiotisch.

„Fuck You“ ist eine, sagen wir mal, kritische Auseinandersetzung mit Elternschaft. Wie geht es deinen Kindern? Habt ihr noch Kontakt?

Meine Kinder sind freundliche und friedliche Menschen. Es geht ihnen gut und wir kümmern uns umeinander. Auch deshalb bin ich zufrieden und dankbar. Meine Lieder sind nur selten autobiografisch. Und dass Kinder nach Astrid Lindgren Liebe und Freiheit brauchen, ist sicher richtig, aber genauso wichtig sind Grenzen und der Respekt für andere.

Wieder einmal hast du abgesehen vom seltenen Mundharmonika-Auftritt ein Album konsequent nur mit Stimme und akustischer Gitarre aufgenommen. Hättest du auf deine alten Tage nicht mal Lust auf mehr Instrumente und richtige Arrangements?

Für mich sind Stimme und Gitarre eine perfekte Kombination, weil mir Direktheit und Wahrhaftigkeit bei aller Ironie wichtig sind. Aber zum Abschied in ein, zwei Jahren möchte ich noch einmal ein Studioalbum mit mehr Musik versuchen, ich will ja in die Charts …

Funny van Dannen Kolossale Gegenwart

Label (VÖ: 29.7.)

Der Liedermacher versteckt seinen Zynismus wieder geschickt hinter naiven Reimen und simplen Melodien.

Es bleibt dabei, Funny van Dannen spielt akustische Gitarre, sehr selten bläst er in einen Mundharmonika, und immer singt er dazu mit 64 Jahre alter, aber erstaunlich jungenhafter Stimme. Das ist mehr oder weniger seit drei Jahrzehnten so, und das bleibt auch so auf KOLOSSALE GE-GENWART, seinem neuen Album mit 20 neuen Songs. Wo sich so wenig tut in der Form, wird der Inhalt umso bedeutender. Der allerdings erschließt sich nicht immer ganz einfach. Gutes Beispiel: „Das Jägerinnenlied“. Dieses handelt – zu klassischen deutschen Volksliedharmonien – von Menschen, die in den Wald fahren, um dort Tiere zu töten: „Morgen machen wir sie kalt.“ Oberflächlich betrachtet schlüpft van Dannen in die Figur eines Jäger, um dessen Rechtfertigung bloß zu stellen. Man könnte den Song aber auch als doppelt gebrochen interpretieren, als Karikatur der Argumentation eines Tierrechtlers, für den jeder Fleischesser ein Unmensch ist. So tickt der Liedermacher immer: Schwarz ist nicht bloß schwarz, aber auch nicht gleich weiß, Zeitgeschichte, Biografie, Widersprüche und alle möglichen Metaebenen verschränken sich fröhlich. Egal, ob er die Umstürzler von einst, die heute zu alt sind, besingt, oder Eltern, die ihren eigenen Kindern ein befreiendes „Fuck You“ entgegenbrüllen – van Dannen singt immer von sich selbst, aber noch viel öfter von uns, und zum Glück tut er das mit einem liebenden Blick. Wenn es ernst wird, wie in „Wenn du zur Ruhe kommst“, dann geht es um den Tod, und nicht nur an „Sonnensongs“ merktman, dass es niemanden hierzulande gibt, der seinen Zynismus so geschickt hinter Naivität zu verstecken weiß. Besser als andersherum – so schön, dass wir Funny haben.

★★★★★★ Thomas Winkler

Anna Erhard Campsite

The Orchard (VÖ: 9.9.)

Der Outdoor-Indie-Pop der Ex-Gitarristin von Serafyn wandert über Berg und Tal.

Den Hang zum einfachen Leben hatte Anna Erhard offenbar schon, als sie mit ihrer Band Serafyn Straßenmusik in der Schweiz machte. Erhards zweites Soloalbum nach ihrem Umzug von Basel nach Berlin heißt nicht nur CAMP-SITE, es widmet sich auch in mehreren Songs den Freuden und Leiden des Draußenseins. „I used to have a good time at the campsite / Iwas the leader ’cause I had the most mosquito bites“, singt Erhard im Titeltrack, dazu fiept und bleept der Synthie aufs Allerherrlichste. Denn man sollte sich Erhards Outdoor-Trip nicht allzu handgestrickt-folkig vorstellen, sondern schön abwechslungsreich wie eine Wanderung durch Berg und Tal: Mit ihrem bewährten Producer Pola Roy schraubt Erhard lässig dahersneakende Hits wie „Horoscope“ oder„90°“ zusammen,die allerdings mehr Urban Style als Lagerfeuerromantik verbreiten. Die stellt sich eher bei gitarrenbetonten Songs wie „Family Time“ oder „Three Tons Of Steel“ ein, während „I Wish“ so lässig und abgehangen klingt wie ein Surfsong von Jack Johnson. In jedem Track finden sich kleine Überraschungsmomente, spooky Stimmen, die wie Mücken von überall her zu kommen scheinen, oder die Dinosaur-Jr.-Gedenkgitarre in „Idiots“. Prima Platte, nicht nur für die Sommerferien.

★★★★Christina Mohr

Julia Jacklin Pre Pleasure

PIAS/Transgressive/ R oughTrade(VÖ: 26.8.)

Erst die Arbeit, dann das Vernügen: Der Gitarrenpop der Australierin wird immer luzider – aber auch schwerer zu fassen.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen — diesen arg altbackenen Spruch dürften die allermeisten in ihrer Kindheit mal gehört haben. Auf ihrem drittem Album PRE PLEASURE beschäftigt sich die australische Singer/Songwriterin Julia Jacklin mit der Idee, nur entspannen zu dürfen, wenn die To-Do-Liste abgehakt ist: „Right when pleasure begins, my education kicks in“, singt sie auf „Ignore Tenderness“. Auf PRE PLE-ASURE verarbeitet Jacklin die tiefsitzende Prägung. Während ihre letzten Platten noch hörbar um die Gitarre zentriert waren, hat sich Jacklin für PRE PLEASURE diesmal zum Komponieren an ihr Keyboard gesetzt und die Produktion mit Synths, Saxofon und den Streichern eines Prager Orchesters bereichern lassen. Doch auch ihr ursprüngliches Faible für Folk kehrt auf „Less Of A Stranger“ zurück — einer sanften Reflexion über das distanzierte Verhältnis zu ihrer Mutter. „End Of AFriendship“ ist programmatisch der letzte Song der Platte: Untermalt von schwerelosen Streichern und countryesken Gitarren beschreibt sie, wie ihr eine Freundschaft langsam, in der Unfähigkeit, die richtigen Worte zu finden, entgleitet. PRE PLEASURE zeigt eine sanfte, introspektive Jacklin, luzider, aber auch schwerer zu fassen als auf früheren Alben.

★★★★ Sophie Boche

Schorl3 Pinguine sind auch nur Pandavögel

Schorl3 (VÖ: 19.8.)

Die Hamburger Disco-Könige finden die Nische zwischen Daft Punk und Bierkönig.

Der klassische Disco-Song war ein Versprechen auf Sex. Der Beat simuliert den Akt und bringt die Hüften in Bewegung, dazu stöhnt Donna Summer. Schorl3 drehen das um. Sie machen Disco, das ist klar, aber den Sex haben andere: „Meine Nachbarn“ treiben es viel zu laut hinter der Mietwohnungswand. Das ist das Prinzip, das die drei Hamburger nach einer ersten, gefeierten EP SPRUDELPOP nun auch auf ihrem Debütalbum mit dem biologisch bewanderten Titel PINGUINE SIND AUCH NUR PANDAVÖGEL umsetzen: Musikalisch leuchten ihre glitzernden Tracks wie die strahlend weißen Anzüge von John Travolta, aber in „Senkrecht lächeln“ geht es um die Lust an der Selbstbefriedigung. Manchmal, wie in „Blume“ führt der Tuckerbeat auch nur zu ganz viel Dada, in „Jesus 2“ sogar zu Blasphemie. Und bevor das hysterische Saxofon einsetzt, wird in „Ich hasse alles“ die gewöhnliche Love-is-Love-Botschaft der Discothèque vollkommen auf den Kopf gestellt. Einzigartig ist, wie zielsicher Schorl3 die bislang unentdeckte Nische zwischen Daft Punk und Bierkönig, Helene Fischer und Grace Jones finden – und dort gemütlich im fast immer gleichen Tempo vor sich hin juckeln.

★★★★★ Thomas Winkler

The Mountain Goats Bleed Out

Merge/Cargo (VÖ: 19.8.)

Die Lo-Fi-Folker haben den Film als Inspiration für sich entdeckt. Und... Action!

Bereits das plakativ-blutige B-Movie-Artwork impliziert die Kino-Verwandtschaft des 21. Studioalbums der einst alleinig von Sänger, Gitarrist und Songwriter John Darnielle ins Leben gerufenen Indie-Folk-Band. Nachdem Darnielle sich Ende 2020 im heimischen North Carolina verschanzt und die Zeit mit dem Anschauen alter Action-Streifen vertrieben hatte, verwundert es nicht, dass der Album-Opener, „Training Montage“, sich einer Achtziger-archetypischen Verdichtungstechnik widmet. Es ist nur einer von vielen heimlichen, Hits, den die Mountain Goats in petto haben. Während die von Alicia Bognanno (Bully) betreute Produktion zuweilen in Killers-Nähe rückt, distanziert sich die Band von deren Breitwand-Ernsthaftigkeit dennoch, indem man etwa in dem vor sich hinschwoofenden „First Blood“ neckisch „John Rambo never went to Vietnam“ deduziert oder auf dem Tom-Petty-haften „Incandescent Ruins“ der US-Highway-Panorama-Perspektive mit einem subtilen Augenzwinkern begegnet. Mag BLEED OUT auch kein durchgehendes cineastisches Konzeptalbum sein, kann seine musikalische Luftigkeit – allen inhaltlich zuweilen schweren Geschützen zum Trotz – gewisse Parallelen zu einem Kurzfilmabend im Open-Air-Kino nicht verleugnen.

★★★★ Frank Thiessies

Cheri Knight American Rituals

Freedom To Spend/Cargo

Minimalistische Avantgarde aus den frühen Achtzigern, deren Relevanz heute verpufft ist.

Beflügelt von der Dreistigkeit des Postpunk und den Experimenten John Cages begab sich eine Musik-Studentin aus Olympia/Washington ca. 1982 in das Multitrack-Studio ihrer Uni. Cheri Knight und ein paar Freund*innen experimentierten vor allem mit der menschlichen Stimme, die sie mittels repetitiver Strukturen als Instrument nutzten. Ähnliches taten damals einige mit Erfolg, wie etwa die Performancekünstlerin Laurie Anderson. Cheri Knights Aufnahmen hingegen blieben der Öffentlichkeit bisher verborgen, nun aber, 40 Jahre später, wurden die alten Mastertapes wieder zum Leben erweckt. Stellt sich die Frage: Warum? Das nur sieben Stücke zählende Album startet mit der Single „Prime Numbers“, in der es, wie zu erwarten, um Zahlen geht. Die Behauptung „We are all Numbers“ läuft im Dauerloop, dazu wird auf- und abgezählt, rhythmische Handclaps und ein verstimmter Bass komplettieren das Konstrukt. Worte werden collagenhaft neben-, über- und untereinander gestapelt. Das ist banal und komplex zugleich, aber leider nicht genial. „Hear/Say“ behandelt die Grundvoraussetzungen menschlicher verbaler Kommunikation, vermittelt durch die Line „What you hear, what you say“ in Endlosschleife. AMERICAN RITUALS ist sicher ein Zeitdokument, aber auch eher Museum als Platte.

★★★ Michael Prenner

Twin Tooth Cusp

Hall + Echo (VÖ: 26.8.)

Aus der Pandemie geborener Pop, dessen Gegensätze sich in spielerischer Naivität auflösen.

Oha, ein Pandemiealbum! CUSP hat aber tatsächlich eine spannende Hintergrundgeschichte, denn das Duo Twin Tooth traf sich erst am Ende der Produktion persönlich. Sängerin Anna Kohlweis und Multiinstrumentalist Jan Preißler flankten sich zwischen Wien und Berlin die Files hin und her, bis Kohlweis’ ominöses Timbre zu den hallenden, elektronisch angehauchten Produktionen Preißlers passte. Während der Opener „Down“ nochBombast auffährt und düster rauschend ins Album führt, beginnt die Vorabsingle „Gap Year“ mit Gitarrenzupfern und Kohlweis’ Sprechgesang, der sich spielerisch durch die Takte bewegt. „Still Life“ wildert tiefenernst beinahe schon in der Schwarzen Szene, „Seedlings“ dagegen sät Akustikgitarrenloops über artifiziellen Beats aus und will gar nicht mehr sein als zahmer Pop. Es ist diese etwas naive Dichotomie, die CUSP zu einem spannenden Album macht. Denn der Pop, den es anbietet, ist keine Stangenware, wirkt cinematisch. Preißler traut sich, wie etwa auf „Vertigo“, zu experimentieren und auch mal etwas tiefere Bässe zu verwenden, Kohlweis hat ihre stärksten Momente, wenn sie von der gesanglichen Norm abweicht und frei zu assoziieren scheint.

★★★★ Maximilian Fritz

Sophia Blenda Die Neue Heiterkeit

PIAS/GoodToGo (VÖ: 19.8.)

Parolenloser Kammerpop: die Culk-Sängerin rekonstruiert im Alleingang die Intimität.

Deutsche Texte, gleichzeitig parolenlos poetisch und parolenlos politisch, gesungen wie durch gefletschte Zähne und dabei voller Zartheit, das klingt nicht, als würde es gutgehen, geschweige denn überhaupt gehen. Aber doch: Sophie Löw ist diese Erstaunlichkeit schon als Sängerin der Band Culk gelungen, als Sophia Blenda komponiert sie gänzlich alleine und vordergründig auf dem Klavier. DIE NEUE HEITERKEIT lässt von nah die Piano-Akkorde und von fern die Streicher flackern. Dazu erzählen die Texte sehr fragmentarisch von subjektiven Derangements, liefern aber präzise Denkanstöße. So schafft Löw ihre ganz eigene Klangkunst. Keinen künstlich aufpolierten Affirmations-Pop, sondern einen, der sich der Resonanz des leeren inneren Raums stellt, und dabei den äußeren nicht durch Ausblendung verschont. Düsteren Kammerpop, für den Melancholie kein retrofetischisiertes Überbleibsel aus der Prä-Internet-Zeit ist, sondern eine notwendige Ingredienz für durchdachte Zeilen übers Jetzt. Intimitätsrekonstruktions-Pop. DIE NEUE HEITERKEIT sollten sich bitte alle zu Herzen nehmen (und hoch und runter hören).

★★★★★★Jana-Maria Mayer

Nein, das klingt nicht, als würde es gutgehen.

CD im ME S. 3, Radar S. 20

Andrew Tuttle Fleeting Adventure

Basin Rock/Indigo

New-Age-Banjo-Ambient? Ja, echt. Und zwar echt toll.

Ein Durchlauf von FLEETING ADVENTURE ähnelt dem ersten Venedig-Besuch: Nüchtern betrachtet, kann das unmöglich geil sein, versichert die Stimme im Hinterkopf, aber ist dann doch berauschend. Warum, ist schwer zu vermitteln. Denn wie lässt sich erklären, wieso ein Banjo-spielender Australier die bescheidenste Platte des Jahres gemacht hat - und also eine der besten? Andrew Tuttle fingerpickt sich durch zirkuläre Strukturen, die an folkigere Post-Rock-Ansätze erinnern, und legt satte New-Age-Ambient-Pads darunter. Dazu gesellen sich Gäste, die wie er an der Schnittstelle akustischer Musik und Elektronik arbeiten und mal mit Steel Guitar oder Geige noch mehr bittersüßen Baldrian über diese Melange träufeln. Das lässt sich schlimm finden, weil es wohlgefällig und wie gemacht für sedierende Spotify-Playlists ist. Nur scheint Tuttle das alles völlig wumpe zu sein. Er macht es nicht, um zu gefallen, sondern weil es ihm gefällt. Und das ist dann wie Venedig beim ersten Mal: wunderschön – egal, was die Stimme im Hinterkopf dazu sagt.

★★★★★ Kristoffer Cornils

Klingt wie: John Fahey: REQUIA (1967) / Dirty Three: OCEAN SONGS (1998) / Emily A. Sprague: HILL, FLOWER, FOG (2020)

Jennifer Vanilla Castle In The Sky

Sinderlyn

Dance-Pop, der Fragen aufwirft. Zum Glück sind die Antworten aber schnurzegal.

Klirrende Synthie-Töne, aus denen sich langsam eine fordernde Sequenz herausschält. Eine verhallte Stimme erklingt. Was genau gesagt wird, das ist kaum auszumachen. Dann endlich ein verständlicher Sprachfetzen: „...who calls herself … the artist known as Jennifer Vanilla“. Wer? Egal, der Beat poltert schon, und irgendwie ist plötzlich wieder 1984 oder zumindest 2008: der Danceteria-Sound in der Madonna-Interpretation und der Indie-Pop-House von Hercules & Love Affair erleben zeitgleich ihren zweiten Frühling. Weshalb es vielleicht doch sinnvoll ist, kurz die Identität von Jennifer Vanilla zu klären: Das Projekt von Becca Kauffman und Ko-Produzent Brian Abelson debütierte vor drei Jahren auf Tim Sweeneys Label Beats In Space und damit im New Yorker Clubkontext und konnte einige Konzerterfahrungen und noch mehr pandemiebedingte Downtime in einem Album kanalisieren, das als veritables Spiegelkabinett funktioniert. Hier Retro-Flashes, dort sehr zeitgeistige Produktionskniffe – dazwischen ein paar Saxofon-Soli. Es ist eine verwirrende Gemengelage, die Fragen offen lässt – Wieso sind die so gut drauf? Wer ist Jennifer Vanilla nun wirklich? – und deshalb aber umso mehr Spaß macht.

★★★★ Kristoffer Cornils

Au Suisse Au Suisse

City Slang/Rough Trade (VÖ: 19.8.)

Discoider Electro-Pop von zweien, die’s können – und leider aber zu wenig wagen.

Morgan Geist hat Disco-Geschichte neu geschrieben, indem er abgeschrieben hat. Als Teil des Duos Metro Area hat er mit akribischer Genauigkeit Sounds, Melodien und Rhythmen vorangegangener Jahrzehnte emuliert und in eine eigene Patchwork-Ästhetik überführt. Au Suisse ist sein Projekt mit seinem alten Freund aus College-Zeiten, dem Sänger Kelley Polar, dessen Solo-Electro-Pop-Alben von Geist produziert und veröffentlicht wurden. Was kann auf ihrem ersten gemeinsamen Album schon schiefgehen? Genau: gar nichts. Was irgendwie schade ist. Denn vom blubbernden Kraftwerk-meets-Synth-Britannia-Opener über die Metro-Area-mit-Wispergesang-Single „Thing“ bis hin zum Yacht-Rock-Referenzfestival „Savage“ und der obligatorischen Abschlussballade verlassen die beiden ihre Komfortzone, das heißt die etablierten Codes des elektronischen Pop der 80er-Jahre nicht. Gut gearbeitet ist das sicherlich und hat stellenweise allemal Hitpotenzial. Keineswegs un-, nur leider etwas überinspiriert.

★★★ Kristoffer Cornils

The Lord Forest Nocturne

Southern Lord

Eine finstere Nachtmusik: das neue Projekt von Drone-Doom-Legende Greg Anderson.

Auf der Nachtseite des Lebens, so könnte man meinen, ist der US-Musiker und Labelbetreiber Greg Anderson schon immer eher zu Hause gewesen, man denke nur an seine bekannteren Bands Goatsnake und Sunn O))). Nun hat er unter dem Namen The Lord das Soloalbum FOREST NOCTURNES eingespielt, und bedrohlich und finster wie ein dunkler nächtlicher Wald klingt auch die Musik. The Lord erscheint abwechslungsreicher und weniger meditativ als Sunn O))) – zwar gibt es auch hier dronige, erdige Musik („Old Growth“), doch gleich der Eingangstrack mit den Metal-Riffs im Dauerloop hat eine sehr starke Dynamik, daneben gibt es sakrale Stücke („Church Of Herman“), Synthesizer-Experimente („Lefthand Lullaby I“) sowie gegen Ende zähen und rohen Metal mit Gastgesang von Attila Csihar (Mayhem). Anderson hat sich für FOREST NOC-TURNE an Filmsoundtracks von John Carpenter orientiert – dieser Einfluss hat dem Album hörbar gut getan, gelingt es ihm doch auch hier, mit den vielen unterschiedlichen Stimmungen eine ganz eigene Dramaturgie zu erzeugen.

★★★★★Jens Uthoff

Viele unterschiedliche Stimmen, aber eine eigene Dramaturgie.

Die Welttraumforscher Liederbuch

Bureau B/Indigo (VÖ: 19.8.)

Christian Pfluger lädt mit verschrobenem Outsider-Pop in seine komplexe Fantasiewelt.

Sage niemand, er sei nicht gewarnt worden: „Glücklich ist, wer hinterm Ofen mit der Eule Halma spielt“, singt da einer, während etwas klappert, das irgendwie nach Computer, aber zugleich auch nach Mittelalter klingt. Ja, das geht. Jedenfalls in der Welt der Welttraumforscher. Die sind ein imaginäres Trio, das der Züricher Künstler Christian Pfluger im Jahr 1981 erfunden hat und seitdem immer weiter schreibt – nicht nur mit mittlerweile vielen Hundert Songs, sondern auch mit Romanen, Zeichnungen, Landkarten, Skizzen von Wohnräumen, Forschungsberichten und sogar einer eigenen Schrift. So ist eine komplexe, verschrobene Welt aus Traumfiguren wie Leguan Rätselmann oder Kip Eulenmeister entstanden, die 2013 sogar in einer Retrospektive im Kunsthaus Langenthal präsentiert wurde, und aus der Die Welttraumforscher nun mit LIEDERBUCH neue wunderliche Stücke senden. Mancher Track klingt wie ein pubertierendes Raumschiff, das melancholisch piepst, „Sie kam zu Dir und malteBlumen“istdann wieder eine recht konventionelle Liedermacherballade, „Quittenmarmelade“ dafür ein atonal verrutschtes Kinderlied. So viel Charme die einzelnen Stücke auch entwickeln, den viel größeren Spaß macht es, die Fantasiewelt zu entdecken, aus der sie stammen.

★★★★★ Thomas Winkler

Phoebe Green Lucky Me

Chess Club/Better Things (VÖ: 19.8.)

Die Electro-Pop-Künstlerin aus Manchester feiert die radikale Selbstakzeptanz.

Was macht man, wenn die eigenen Bedürfnisse miteinander im Zwiespalt liegen? Phoebe Green erforscht auf ihrem Debütalbum ihre inneren Widersprüche, ihr dysfunktionales Verhalten und die eigene mentale Gesundheit. Der Albumtitel LUCKY ME darf also ironisch verstanden werden. In ihrem Narrativ ist sie selbst die Antiheldin, seziert Bindungsängste, Schuldgefühle, Selbstsabotage und vertrackte Kommunikationsmuster, die sich in ihren 24 Lebensjahren angesammelt haben. In „Clean“ versinkt ihr sanfter Gesang in von Reverb triefenden Gitarrenriffs und watteweichen Pads, als würde sie sich beim Grübeln in sich selbst verrennen. So simpel die Melodien und so charmant die Mischung aus Pop und Electronica scheinen, so unverstellt, ohne Verschnörkelungen und Metaphern sind auch die Lyrics der Musikerin aus Manchester. „Don’t talk like that you’re such a brat“, herrscht sie sich selbst an im Titelsong, der davon handelt, dass es nicht so einfach ist, die eigenen psychischen Probleme ernst zu nehmen, wenn man eine privilegierte Kindheit hatte. Aber LUCKY ME ist schließlich eine erfolgreiche Therapiestunde: Die Künstlerin versöhnt sich mit sich selbst, auch ihren unliebsamen Charakterzügen. Diese radikale Selbstakzeptanz wirkt beim Hören geradezu ansteckend.

★★★★★ Louisa Neitz

Radar S. 21

Die Künstlerin ist die Antiheldin im eigenen Narrativ.

Cass McCombs Heartmind

Anti/Indigo (VÖ: 19.8.)

Acht traurige Soft-Country-Lieder, die trotz alledem für Freudentränchen sorgen.

Wahrscheinlich wird über „Unproud Warrior“ am häufigsten gesprochen und geschrieben werden, weil dieser sechseinhalbminütige Soft-Country-Track die Sinnlosigkeit von Kriegen in wundervoll poetischen Worten beschreibt. Doch jedem einzelnen der acht Songs auf Cass McCombs‘ zehntem Album HEARTMIND gebührt ebenso viel Aufmerksamkeit, nicht nur (aber auch!) wegen der erstaunlichen Liste seiner Gastmusiker*innen, die unter anderen Danielle Haim und Shahzad Ismaily verzeichnet. McCombs ist kein Mann der lauten Worte oder Töne, seine Ideen und Botschaften trägt er durch die Hintertür hinein, um dann im Lesezimmer den reichhaltigsten Gabentisch aufzubauen. In „New Earth“ kombiniert er Vogelzwitschern mit swingendem Indie-Pop, um zu sagen, dass Elon Musk ein Arschloch ist. Oder „You Belong To Heaven“: Liebeserklärung und Grabrede in einem, eingebettet in optimistischen Folk mit an die Wings erinnernden Chören. Im tragikomischen „Blue, Blue Band“ begleitet man – inklusive Call-and-Response-Gesang – eine leidlich erfolgreiche Truppe aus Virginia bis zu ihrem erwartbaren Ende. Der Titel- und gleichzeitige Schlusstrack ist eine schräge Prog-Jazz-Improvisation, die den frickeligen Ansatz des Openers „Music Is Blue“ wieder aufnimmt. McCombs lässt sich auf kein Genre festlegen: Für Folk ist die Percussion zu fordernd und anspruchsvoll, für Country ist zu viel Pop und Jazz im Spiel. Zum Glück.

★★★★★ Christina Mohr

Nick Cave Seven Psalms

Goliath/Rough Trade

Wut, Liebe, Trauer, Barmherzigkeit, Sex: Spoken-Word-Tracks, die Trost spenden.

Nick Cave und Warren Ellis haben in den vergangenen drei Jahrzehnten verschiedenste Musik zusammen gemacht – ein Mini-Album in Gebetsform war noch nicht darunter. Bis jetzt. Die große dunkle australische Pop-Eminenz Cave hat im Lockdown sieben Psalmen zu den Themen Glaube, Wut, Liebe, Trauer, Barmherzigkeit, Sex, Lobpreisung geschrieben. Darin arbeitet er die Schicksalsschläge seines Lebens – er hat zwei Söhne verloren – auf, bezieht sich textlich auf die unbegreifbaren Ereignisse („Such Things Should Never Happen“). Warren Ellis legt ihm einen weichen Ambient-Soundteppich aus, darüber trägt Cave im Spoken-Word-Duktus die Lyrics vor. Verletzlich, zart, emphatisch klingt er dabei – es sind sieben Psalmen, die auch Hörer*innen Trost spenden könnten. Vergangenes Jahr hat Warren Ellis ein Spoken-Word-Album mit Marianne Faithfull aufgenommen (mit Gedichten aus der britischen Romantik), die Stücke auf SEVEN PSALMS erinnern einen mitunter daran und entwickeln eine ganz ähnliche Tiefe. Hervor sticht das finale Instrumental, das mit leisen Streichern und sanftem Piano daherkommt – eine wohltuende Tiefenmeditation zum Schluss.

★★★★ Jens Uthoff

Bret McKenzie Songs Without Jokes

SubPop/Cargo (VÖ: 26.8.)

Zwischen Softrock und Showtunes bleibt der Kiwi-Comedian enttäuschend blass.

Nicht witzig sein müssen, sich nicht in Kermit der Frosch einfühlen brauchen: Für Bret McKenzie, eine Hälfte des neuseeländischen Comedy-Duos Flight of the Conchords und erfolgreicher Filmmusik-Komponist, war es nach eigener Aussage befreiend, aber auch einschüchternd, nichtzweckgebundene Lieder zu schreiben. Und doch scheint es fast logisch, dass seine für den Eigengebrauch komponierten und mit Session-Veteranen eingespielten SONGS WITHOUT JOKES nach Rollenspiel, stellenweise gar nach Musical klingen. Da swingt McKenzie im Opener mit der Feststellung „This world is broken / The planet ain’t coping“ und einer Truppe Blechbläser und Backgroundsängerinnen die Showtreppe runter. „If You Wanna Go“ ist Piano-Rock, den auch Elton John oder Randy Newman hätten klimpern können. „Dave’s Place“ und „Here For You“ erinnern an Dire Straits und den 80er-Springsteen. In „That’s L.A.“ cruist McKenzie durch softrockige Steely-Dan-Gewässer, bevor er mit „Carry On“ musikalisch bei Harry Nilsson anknüpft und eine weitere Shownummer namens „A Little Tune“ aus dem Hut zaubert. Kurz gesagt: Der Kiwi huldigt hier vor allem Lieblingsmusikern und bemüht sich gar nicht erst um ein eigenes Profil. Auch die Texte, in denen er persönliche Töne anschlägt, fallen überraschend phrasenhaft aus. Manchmal ist es doch einfacher, ein Frosch zu sein.

★★★ Nina Töllner

Farid Bang & Capital Bra Deutschrap Brandneu

Warner

Wenn zwei Stars des Deutschrap gemeinsame Sache machen, ist das lange nicht brandneu.

Das Aufeinandertreffen von Capital Bra und Farid Bang wäre das Event des Rap-Jahres – würde auf dem Kalender 2017 stehen. Weil beide MCs aber sowohl kommerziell als auch kreativ ihren Höhepunkt hinter sich haben, tun sie sich für ein Collabo-Album zusammen. Es gibt Beats wie von JUNG, BRUTAL, GUTAUSSEHEND (Farid und Kollegah 2017, eben!), Farid rappt wie immer und Capi versucht, Straßenrap-Kredibilität zurückzugewinnen. Dank des Kontrastes zwischen den Rapstilen fällt ein bisschen weniger auf, wie abgestanden die beiden inzwischen klingen. Bestenfalls peitschen sie sich gegenseitig hoch, dann machen Capis manische Energie und Farids Punchlines Spaß. Stilisiert als der Joker und Bane finden sie Treffer mit Songs wie „Banger & Bras“ oder dem intensiven „Das Böse gewinnt“, aber im Grunde machen sie aus dem Tag-Team viel zu wenig. Wenn gegen Ende die obligatorischen Gesangs-Hook-Balladen auftauchen, auf denen Capital in Selbstkasteiung verfällt und Farid hilflos danebensteht, merkt man: Die kreative Schnittmenge ist klein, oft müssen Features den Wagen aus dem Dreck ziehen, und sonst bietet dieses Album wenig außer Nostalgie für einen noch gar nicht so lange aus der Zeit gefallenen Sound. Wenn das DEUTSCHRAP BRANDNEU sein soll, bleibt man lieber bei den alten Hüten.

★★★ Yannik Gölz

Ezra Furman All Of Us Flames

PIAS/Bella Union/ R oughTrade(VÖ: 26.8.)

Die bisexuelle trans Frau und Mutter wagt sich mit Oldschool-Rock’n’Roll hinaus in Klanggefilde, die kaum ein Queer zuvor betreten hat.

Alte weiße cis Gitarren-Männer spielen den Blues-Rock. Und junge Queers machen so crazy abgespaceten Bedroom-HipHop-Country-Avantgarde-Glitchpop, den niemand versteht außer ein paar Milliarden Teenager auf TikTok. So weit, so falsch – denn Ezra Furman bringt alles durcheinander: Die Sounds der bisexuellen trans Frau (und Mutter) sind so was von Oldschool-Rock’n’Roll, dass Fans von Dylan und Springsteen sofort anknuspern dürften. Klassisches Great American Songwriting liefert Furman schon seit vielen Jahren ab, wobei das vorherige Album mit TWELVE NUDES ein kleiner Ausraster Richtung melodischem Punkrock war. ALL OF US FLAMES hingegen hat wirklich eher was davon, als hätte der 1966er BLON-DE-ON-BLONDE-Dylan schon den Hauch einer Ahnung davon gehabt, was Tom Waits 1973 und Kate Bush 1985 mit HOUNDS ON LOVE veranstalten würde. Aber auch nur den Hauch! Furmans Texte hingegen dürften 99 Prozent der Americana-Nostalgiker*innen verstören: Wie sie davon singt, dass ihre queere Girl-Gang auch mal zuschlagen müsse, wenn die queerphobe Drangsal zu schlimm würde. Aber umso fantastischer, dass Ezra Furman sich, noch drastischer als auf TRANSANGELIC EXODUS (2018) hinauswagt in Classic-Klanggefilde, die nie ein Queer zuvor betreten hat.

★★★★★ Stefan Hochgesand

Themeninterview S. 8

Die queere Girl-Gang schlägt zu.

Wilder Maker Male Models

Late Music/Rough Trade

Per Playlist durch die Rock-Historie bis zum Ende der Party.

Singer/Songwriter Daniel Birnbaum hatte zuletzt erzählt, dass er und die Bandkollegen Nick Jost und Sean Mullins große Playlist-Fans seien und er dieses Album als eine Herausforderung verstanden habe: MALE MODELS dürfe doch bitte wie eine Playlist klingen. Wie das gehen soll, wird schon bei den ersten drei Tracks klar: Es könnten drei Bands im Spiel sein, die angefixt von ein paar Lieblingssongs in die verschiedenen Stimmungen schlüpfen: „Letter Of Apology“ zum Start surft auf der „Rock And Roll“-Welle, die Velvet Undergound 1970 in Bewegung brachten, zitiert bald das Gitarrenintro von „Here Comes The Sun“ von den Beatles. Und ja, das geht gut zusammen, und davor und dahinter spielt die Band aus New York sich im gehobenen Indie-Rock-Sound frei (und erinnert das nicht an die Parquet Courts?). „A Professional“ könnte einer „Melancholic Keyboard Pop“-Playlist enstammen, und mit „New Anxiety“ machen wir den Americana-Ordner mit Schwerpunkt Seventies auf. Dass all das nicht auseinanderfällt und als Pop-History-Mix ankommt, verdankt sich dem exquisiten Songwriting Birnbaums. Zum Finale der Track „Jason“: DieStimme Birnbaums vor dunklen Piano-Akkorden, ab und an der Donner eines Feuerwerks. Ende der Party, aber die Playlist darf gerne wieder von vorne starten.

★★★★★ Frank Sawatzki

David J. Kirchner IG-Pop

Staatsakt/Bertus (VÖ: 9.9.)

Und der Klassenkampf ist doch sexy, hofft dieser Agitprop-Pop.

Schon das Cover lässt keine Fragen offen: Eine Gestaltung direkt aus dem Grafikstudio der KP Chinas. Die Tracklist weiß auch, wo die Linke ihre Ideale vergraben hat: Brecht/ Eislers „Einheitsfrontlied“, Heines „Die schlesischen Weber“ und „Brüder zur Sonne“. David Julian Kirchner, der mit der inszenierten Pleite des imaginären Konzerns Kirchner Hochtief die Krise des Kapitalismus in Kunst verwandelte, geht nun mit IG-POP den direkten Weg. Der Mannheimer Künstler formt aus alten Polit-Gassenhauern und einigen eigenen Songs den aktuellen Soundtrack zum Klassenkampf, und wie es sich für richtigen Agitprop gehört, geht er dabei nicht verstellt vor, sondern immer gleich voll auf die Zwölf. „Deutschland ist ein Papierkramland“, singt er und lässt Ata Canani, den erst in den letzten Jahren wiederentdeckten, ersten auf Deutsch singenden sogenannten Gastarbeiter, kommentieren: „Weisen Sie sich aus, sonst weisen wir Sie aus.“ So geht es fröhlich weiter: Im hymnischen Titeltrack fordert er den Aufstand und den Maschinen-Stopp, und aus Ernst Buschs „Der heimliche Aufmarsch“ wird ein cooles Wave-Stück samt Saxofonsolo. Da, wo PeterLicht die alten Begriffe, vor allem den Kapitalismus, den alten Schlawiner, aus altbackenen Zusammenhängen riss, um ihnen eine neue Relevanz zu verleihen, spielt Kirchner eher mit den alten Formulierungen, als wolle er ausprobieren, ob sie noch funktionieren. Er dichtet „Die Internationale“ um, aber rührt nicht am Duktus des Originals. Die Verschiebungen finden eher auf musikalischer Ebene statt, wenn er dem von ungezählten SPD-Parteitagen tot gebrummten Klassiker als verhallten Dream-Pop eine weitere Bedeutungsebene hinzufügt. Der Traum von der Revolution, er lebt.

★★★★★ Thomas Winkler

Tim Bernardes Mil Coisas Invisíveis

Psychic Hotline/Cargo (VÖ: 9.9.)

Der brasilianische Singer/Songwriter schreibt die Música Popular Brasileira fort im Streicherpop der Gegenwart.

Wer vor ein paar Wochen noch eines der letzten Exemplare der fantastischen Record-Store-Day-Zusammenstellung ATENÇÃO! NOVOS SONS DO BRASIL hat ergattern können, wird nicht ganz unvorbereitet auf die Klang- und Geschmacksexplosionen sein, die der brasilianische Sänger und Songwriter Tim Bernardes auf seinem zweiten Album bereithält. Aber Obacht, es ist eine Explosion in Softpop, ein wilder Tanz auf Streichermelodien, ein Tippeln auf dem Piano unter den fein gesetzten Klatschbeats. Ach, bei Tim Bernardes können einem die Ohren in den Himmel wachsen, und die Augen folgen dem leichten Flackern einer psychedelischen Lightshow in der Ferne. Bernardes war mit einem älteren Titel und einem Beitrag seiner Band O Terno (feat. Devendra Banhart und Shintaro Sakamoto) auf ATENÇÃO! vertreten neben bekannteren Musikern wie Sessa, Kiko Dinucci und Ana Frango Elétrico. Sie alle eint die Suche nach den vielen Schichten in den einfachen Liedern, die Liebe zum Arrangement, der Rückgriff auf die frühen 1970er: Tropicalia und mehr noch die Música Popular Brasileira. Auf „Nascer, Viver, Morrer“, der ersten Singleveröffentlichung von MIL COISAS INVISÍVEIS, überträgt Bernardes die Auseinandersetzung mit den Ursprüngen auf das ganze Leben, er tritt eine poetische Reise von der Geburt bis zum Tod an, seine warme Stimme erreicht erstaunliche Höhen.

★★★★★ Frank Sawatzki

Obacht! Eine heiße Explosion in Softpop! Ein wilder Tanz auf Streichermelodien!

Klingt wie: José Mauro: A VIAGEM DAS HORAS (1976) / Diverse: ATENÇÃO! NOVOS SONS DO BRASIL (2022) / Sessa: ESTRELA ACESA (2022)

Marlon Williams My Boy

Dead Oceans/Cargo (VÖ: 9.9.)

80er-Disco statt 50er-Schwof: Der neuseeländische Roy Orbison entdeckt den Indie-Groove. Da steht er auf dem Coverfoto, der Marlon. Während die Jungs hinter ihm ein Grab zu buddeln scheinen, nutzt der schlaksige Neuseeländer sein Gartengerät lieber als Mikroersatz. Seinem selbstironischen Humor bleibt der Songwriter also auch auf Album Nummer drei treu. Ebenso dem Country-affinen Croonertum. Nachdem er sich zuletzt jedoch zu sehr auf Schmachtballaden verlegt hat, packt Williams diesmal die Tanzschuhe aus. Und den Synthesizer. Ist zum Doo-Wop der Single „My Boy“ noch maßvoller Hüftschwung angesagt, nimmt das electropoppige „River Rival“ richtig Fahrt auf und auch der Rocker „My Heart The Wormhole“ besitzt ordentlich Groove. „Don‘t Go Back“ zieht seinen Tanzflächen-Appeal aus einem entspannten Funk-Rhythmus, ist aber lyrisch weniger in Feierlaune: „Don’t go back to the party / Put your body on the line.“ In „Thinking Of Nina“ garniert Williams seine hadernden Gefühle für eine mysteriöse Dame mit kühlem Synthie-Glitzer und kristalliner E-Gitarre, bevor er sich in „Morning Crystals“ an sommerlicher Psychedelic-Americana wärmt. Schwofen kann Marlon Williams immer noch, besonders dramatisch im Finale „Promises“. Gut aber, dass er damit auf MY BOY haushaltet. Auch einem Schlaks wie Williams steht es, wenn er gelegentlich seine (schmalen) Muskeln spielen lässt.

★★★★★ Nina Töllner

Muff Potter Bei aller Liebe

Hucks Plattenkiste/Indigo (VÖ: 26.8.)

Ein Comeback mit Rockmusik – kein Schimpfwort diesmal.

Die eine Neuheit auf Muff Potters erstem Album nach ihrer Trennung 2009 und Live-Reunion 2018 bedingt die andere: Statt Dennis Scheider spielt jetzt Felix Gebhard (Home Of The Lame, Hansen Band, Einstürzende Neubauten) Gitarre. Deshalb und weil seit Bandgründung über ein Vierteljahrhundert ins Land zog, klingen die zehn live aufgenommenen und von Nagel allein gesungenen Songs weniger nach Sturm, Drang, Euphorie und Emo-Punchlines – dafür musikalischer, gereifter, aber noch immer anklagend. Kristof Hahn (Swans) begleitet an der Pedal-Steel-Gitarre, Muff Potter zitieren Fugazi, Hendrik Otremba und in einer Wahnsinnschleife Timothy Leary. „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“ ist der Indie-Disco-Hit, im Spoken-Word-Stück „Nottbeck City Limits“ geht es um Tönnies‘ Fleischskandal, Ausbeutung und Filterblasen, woanders um die Monotonie und Misanthropie des Alltags, um „Arbeit“ wie in Nagelschmidts gleichnamigem Roman. Der Beobachter und Momentaufnehmer kommentiert den Ist-Zustand unserer kapitalistischen Gesellschaft. Zu Rockmusik, deren Begriff hier keineswegs als Schimpfwort zu verstehen ist.

★★★★★ Fabian Soethof

Röyksopp Profound Mysteries II

Embassy of Music/Tonpool (VÖ: 19.8.)

Mit Gaststars versuchen die Norweger, ihre Electro-Beats in der Mitte anzudocken.

„Eine esoterische Vorbeugung“ machen Röyksopp auf PROFOUND MYSTERIES II „vor jenen Künstlern und Genres (…), die uns in all den Jahren geprägt haben“. Und das sind viele Jahre: 1995 veröffentlichten Svein Berge und Torbjørn Brundtland ihr erstes Album, seitdem ist an der Schnittstelle von elektronischer Musik und Pop viel passiert. Das hört man dem Album an, das wie schon sein Vorgänger aus diesem Jahr mit diversen Featuregästen aufwartet. Die Auftritte von Karen Harding, Astrid S oder Jamie Irrepressible folgen der Formel, die großkalibrige Dance- bzw. Pop-Acts, die vor allem als Producer aktiv sind, gern durchexerzieren: Vokalist*innen ranholen, mit denen die eigenen Beats in der geschmacklichen Mitte andocken können. So machte es einst Jean-Michel Jarre, so machten es vor nicht allzu langer Zeit Disclosure und so machen es auch die Norweger von Röyksopp. Dabei agieren sie aber variabel und holen nicht die fieseste EDM-Peitsche aus dem Schrank. „Unity” mit Karen Harding vermengt wuchtige Breakbeats mit Rave-Piano und erinnert dabei an das nordirische Duo Bicep, „Sorry” mit Jamie Irrepressible kommt als Ballade, legt Wattebausche unter den zarten Gesang und damit die emotionale Bandbreite der LP fest.

★★★ Maximilian Fritz

CD im ME S. 3

Statt der EDM-Peitsche gibt es lieber die Wattebäusche.

Agajon Nag Champa

Kabul Fire (VÖ: 5.8.)

Deutscher Neo-Soul mit kosmopolitischen Ambitionen.

In einer Arte-Doku feiert sich Producer Agajon für seinen gar nicht deutschen Sound. Drei Jahre nach der Durchbruchs-EP beweist sein Debütalbum NAG CHAMPA tatsächlich, wie amerikanisch er die Parliament-Synthesizer über soulige Produktionen walzen kann. Das nach Räucherstäbchen benannte Tape ist ein Mood-Manifest, eine Verbeugung vor der Westküsten-Sonne, vor Anderson. Paak oder Kaytranada. Aber so geschmackvoll er seine Referenzen auch nutzt, könnte man nicht gleich die Originale hören? Und die Antwort lautet: jein. NAG CHAMPA hat schon etwas von einem sehr geschmackvollen Lo-Fi-Beats-Stream, der ebenso kompetent wie harmlos durch den Hintergrund dudelt. Zum Glück halten ein paar Highlights dagegen, die aktives Zuhören einfordern. Der super-atmosphärische Banger „Trust Yourself“ kombiniert Gospel-Samples mit Vocoder-Schnipseln und drängendem Bass. Oder die hammerguten R’n’B-Parts von Rapperin Layla, die auf Englisch zu hören ist. In diesen Momenten zeigt sich handwerkliches Talent, das in Songwriting und Stimmung weit über Chill-out-Playlisten hinausreicht. Agajon kann es eben schon, die Heldenverehrung, die atmosphärisch und vielseitig genug ist, dass man sie tatsächlich statt als Imitation als Konkurrenzprodukt bezeichnen darf. Und das sieht man in Deutschland ja nicht alle Tage.

★★★★ Yannik Gölz

Klingt wie: Kaytranada: BUBBA (2019) / Anderson .Paak: MALIBU (2016) / Serious Klein: YOU SHOULD‘VE KNOWN (2018)

Stella Donnelly Flood

Secretly Canadian/Cargo (VÖ: 26.8.)

Die australische Singer/Songwriterin beobachtet jetzt Vögel.

Es ist nicht so, dass FLOOD eine Hundertachtziggrad-Wende zu Stella Donnellys früheren Songs markiert. Donnellys Stimme klang auch schon vor drei Jahren so glockenhell wie jetzt, und auch ihr fluffiger, ab und zu sehr knackiger Indie-Pop-Approach hat sich nicht bis zur Unkenntlichkeit verändert. Es sind kleine, in der Summe wirkende Neujustierungen, die – wie bei fast allen in letzter Zeit erschienenen Platten – in den Corona-Lockdowns stattfanden. Zum Beispiel hat die aus Perth stammende Künstlerin ihre Leidenschaft für Vogelbeobachtung entdeckt, siehe die Wasservögel auf dem Cover. Musikalisch schlägt sich jedoch stärker Donnellys Idee nieder, mit ihren Mitmusiker*innen die Instrumente zu tauschen. So fand sich Stella statt an der Gitarre am Klavier wieder, das sie seit Kindertagen nicht mehr gespielt hatte. Die in dieser Versuchsanordnung entstandenen Songs zeichnen sich durch Leichtigkeit einerseits, aber auch eine gewisse Vorsicht aus – außer im folkrockigen „Move Me“ und im glamourösen Schlusstrack „Cold“ istüberwiegend leise Introspektion angesagt. Es ist ein bisschen schade, dass Donnellys Lyrics auf diesem Album nicht mehr so konkret feministisch sind wie in z.B. ihrem Hit „Boys Will Be Boys“. Aber immerhin kommentiert sie in „How Was Your Day“ das Scheitern heteronormativer Pärchenidylle mit zartem Zynismus.

★★★★ Christina Mohr

Story S. 18

The Lounge Society Tired Of Liberty

PIAS/Speedy Wunderground /Rough Trade (VÖ: 26.8.)

Ein Postpunk-Debüt, auf dem auch die 80er-Jahre noch einmal neu erkundet werden.

Überraschenderweise hatte es in den 1980er-Jahren noch keine Lounge Society gegeben; die semiotisch aufgeladene Wortkombi, die etwa ein Funk-Jazz-Pop-Projekt links vom Culture Club oder ein paar Gitarren von den Lounge Lizards entfernt so gut hätte beschreiben können, wollte niemand erfunden haben. Jetzt ist es aber eh zu spät: Mit dem Debütalbum TIRED OF LIBERTY ist der Name Lounge Society gesetzt, er steht für einen spielerischen, hochintensiven Umgang mit pophistorisch beglaubigten Stilen (und den dazugehörigen Haltungen). Für den emotionalen Donner, den erste postadoleszente Songs so sehr gebrauchen können. Und vor allem für eine hin und her wogende Erzählung der Furchtlosigkeit, in der alles im Fluss ist. Vier Jungs aus den Nowherelands Nordenglands, die sich über Dan Careys viel gepriesenes Londoner Label Speedy Wunderground (Squid, Black Country, New Road, Kate Tempest) und eine erste EP 2021 aufmachten, Angewidertsein und hemmungslose Umarmung dort zu bespielen, wo die Luft zum Schreien dünn ist – in den Zwischenräumen von Postpunk, Funk und Elektronik. Am Kopfende des Albums bellt der schon vorab veröffentlichte Track „Generation Game“, eine Rock’n’Roll-Ansage mit spitzen Zähnen und einem Mittelteil, in dem die Musik wegzulaufen droht. In diesen knapp sechs Minuten ist fast alles enthalten, was TIRED OF LIBERTY zu einem großen Debüt macht, fehlt noch die No-Wave-Funkiness („Beneath The Screen“) und ein Satz einnehmender, manchmal jubelnder Post-Punk-Chorgesänge („Last Breath“). Hoch lebe die jüngste Neuerkundung der 1980er!

★★★★★ Frank Sawatzki

Wo die Luft zum Schreien dünn ist.

Klingt wie: The Fire Engines: LUBRICATE YOUR LIVING ROOM (1980) / Boots For Dancing: THE UNDISCO KIDDS (1980-82/2015) / Squid: TOWN CENTRE (2019)

Otto von Bismarck Zu viele Erinnerungen

Staatsakt/Bertus (VÖ: 2.9.)

Eine Berliner Underground-Legende legt kurz vor der Rente doch noch sein Solodebüt vor.

Man muss Grabhund nicht kennen, auch nicht Forbach S.A. oder Two Chix & ABeer, vielleicht bestenfalls die Bonkers oder Space Cowboys. Man muss sich schon in obskuren Berliner Clubs rumgetrieben haben, und das auch vor einiger Zeit, um Ottmar Seum alias Otto von Bismarck mal begegnet zu sein. Jetzt, längst in seinen Sixties angekommen, bringt er mit ZU VIELE ER-INNERUNGEN etwas heraus, das man als sein Solodebüt bezeichnen könnte. Folgerichtig gibt es einiges zu erzählen und große musikalische Schwankungen. „Die abgefackteste Stadt“, eine monotone Anti-Hymne auf Berlin, taucht tief ein in den dunklen Teil der 80ies, das hingetupfte „Der Winter ist vorbei“ ist dagegen ein nahezu heutiger, aber melancholischer Sommerhit. Der synkopierte Rhythmus von „Roboter“ entwickelt einen sperrigen Art-Pop-Charme, andere Stücke jazzen eher ziellos rum, während „Das Ende der Welt“ beweist, dass Sprechgesang schon bessere Tage gesehen hat. Und dann kommt „Nach Hause gehen“ und ist so ein völlig aus der Zeit gefallener Slow-Jam mit einer E-Gitarrenexkursion, die sich selbst Neil Young nicht mehr so trauen würde, dass einem ganz warm ums Herz wird. Nein, man muss Otto von Bismarck nicht kennen, aber es ist schön, ihm mal wieder zu begegnen.

★★★★ Thomas Winkler

Lizzo Special

Atlantic/Warner

Manches großartig, manches egal – aber nach der großen Lizzo-Pop-Show sind alle glücklicher.

Lizzo wäre nicht Lizzo, wenn sie nicht beides hinkriegen würde: Die Bühne mit Paukenschlag betreten – und gleich einen Witz auf eigene Kosten reißen. „I know you see me comin’ – cause I’m thick“, heißt es in „The Sign“, dem Bang-Boom- „Hier bin ich, Bitches!“-Opener von SPECIAL. Um ihre Botschaft der Selbstliebe um die Welt zu schicken, setzt die US-Sängerin seit dem Durchbruchsalbum CUZ I LOVE YOU (2019) auf großen Sound zwischen Soul, Funk und HipHop. Seltsam also, wenn sie in Songs wie „2 Be Loved“ nun einen Synthie-Sound auffährt, der zugleich formatradiogroß und seltsam schwach auf der Brust klingt. Zum Glück aber knüpfen auch einige wenig zeitgeistige, dafür Steine erweichende Banger an den Überfluss von CUZ I LOVE YOU an. Der Titelsong ist so ein Fall, das Verschwesterungsmantra „Grrrls“ ebenso. Das sorgte jüngst für ein Scheißestürmchen, weil Lizzo, die Königin der Wertschätzung, darin das ungute Wort „spaz“ (Spast) verwendete. Lizzo entschuldigte sich, nahm eine neue Version des Stücks auf. Ihr Umgang mit der Kritik war so beispielhaft, dass man anmerken könnte: Auch etwas, das von SPECIAL bleiben dürfte. Und nach spätestens fünf Minuten der hochcharmanten Lizzoshow verpufft jeder Zynismus. Vielleicht muss Pop gar nicht so viel mehr leisten.

★★★★ Julia Lorenz

Ein Sound zwischen schwach auf der Brust und Überfluss.

Oehl Keine Blumen

Grönland/Rough Trade (VÖ: 26.8)

Tanzbarer Synthie-Pop, der seine Texte bisweilen zu gut verbirgt.

Zunächst einmal der harte Fakt: Das Duo OEHL hat sich getrennt. Zwar war der isländische Multiinstrumentalist Hjörtur Hjörleifsson noch daran beteiligt, das Fundament jener Stücke zu legen, die KEINE BLUMEN bündelt. Zur Reife gebracht aber hat sie (mit verschiedenen Produzent*innen) der Wiener Musiker Ariel Oehl. Ein wirklich novelliertes Kolorit ergibt sich daraus jedoch nicht: Wie schon die Vorgänger-Veröffentlichungen bietet fast die gesamte Platte tanzbaren Elektro-Pop, der an Metronomy und Tame Impala erinnert. Bedauerlicherweise wird Oehls verschwommene Stimme von den sommerlichen Synthies und omnipräsenten Bassläufen allzu oft verschüttet – dabei (ver-)bergen doch gerade die Texte Tiefe: Das Titel- und Schlusslied erzählt die Geschichte einer Sterbenden, die ihre Angehörigen mit dem Wunsch versah, sich die Blumen doch bitte für die Grablegung aufzusparen. In „Bis einer weint“ wird die Wurzel des männlichen Geschlechter-Archetypen ergründet; „Blau“ thematisiert das Sujet Sucht und „Weitergehen“ handelt vom wichtigsten aller jemals besungenen Stoffe – dem Herzeleid. Werte Leser*innen, ich empfehle das Hören mit gespitzten Ohren.

★★★★ Martin Schüler

Story S. 13

Amanda Shires Take It Like A Man

PIAS/ATO/Rough Trade

Mit Alternative-Country stellt sich die Highwomen-Gründerin in die Tradition von Dolly Parton.

Man darf den Titel dieses Albums verlängern: Nimm es wie ein Mann, dass Männer nicht mehr viel zu melden haben. Mit TAKE IT LIKE A MAN übernimmt Amanda Shires den Staffelstab von Dolly Parton. Mit ihrem Country-Entwurf wird sie vom Nashville-Mainstream akzeptiert, um durch die Hintertür ein modernes Frauenbild einzuführen. Die Lieder der Texanerin, die die Supergroup The Highwomen gegründet hat und bei Jason Isbells 400 Unit spielt, erzählen von Frauen, die zu viel vom Leben wollen und deswegen mit leeren Händen dastehen, die den Typen verlassen, weil es die Kompromisse nicht mehr wert ist: „You can keep the car and the house.“ Dazu heult die Steelguitar, aber dann zerreißen atonale Klänge die Klischees, und Shires findet zusammen mit Produzent Lawrence Rothman (Angel Olsen, Girl in Red) die richtige Balance zwischen den Genre-Konventionen, einer sensiblen Americana und sogar ein paar Ideen aus dem Indie-Rock.

★★★★★ Thomas Winkler

Kamikaze Palm Tree Mint Chip

Drag City/Indigo (VÖ: 12.8.)

Eine bitterböse Indie-Pop-Karikatur, die gerade auch Katzen gefallen müsste.

Ausgerechnet der Song, der „Club Banger“ heißt, klingt wie Katzenmusik. Keine tanztauglichen Beats weit und breit, stattdessen schiefes Geklimper, atonales Getröte, zahnschmerzendes Gezupfe und ein Gesang, der einem die Schuhe auszieht. Ganz so anspruchsvoll geht es nicht weiter auf MINT CHIP, dem zweiten Album von Kamikaze Palm Tree. Aber auch wenn das mysteriöse Projekt aus San Francisco noch ein paar harmonischere Klänge auspackt, immer läuft etwas neben der Spur – und nicht nur ein bisschen. Dass man es hier nicht bloß mit Dilettantismus zu tun hat, auch das hört man, denn die Klischees aus Folk, Americana und Sunshine-Pop müssen erst einmal sorgsam offengelegt werden, bevor man sie so entschlossen gegen den Strich bürsten kann. Das Ergebnis ist, trotz der bisweilen kinderliedhaften Anmutung und dem irgendwie niedlichen Dada-Ansatz, eine bitterböse und ziemlich einmalige Karikatur von Indie-Pop.

★★★★★ Thomas Winkler

Rina Sawayama Hold The Girl

Dirty Hit(VÖ: 2.9.)

Futuristischer Pop, der vor nichts zurückschreckt, nicht mal vor Noughties-Melancholie.

Nach dem Release ihres ersten Albums konnte Rina Sawayama nicht nur Features mit Hyperpop-Darling Charli XCX und Sir Elton John verbuchen. Sogar Lady Gaga lud sie ein, ihren Song „Free Woman“ zu mixen und die BRIT Awards schrieben nach ihrem Ersuchen die Auswahlkriterien zur Nominierung britischer Künstler*innen um (Jetzt gilt: Wer seit über fünf Jahren im UK wohnt, darf auf die Liste). Mit HOLD THE GIRL präsentiert Sawayama zwei Jahre nach ihrem Debüt ein aufwendig produziertes Pop-Album, das wie gewohnt nur so vor musikalischen Referenzen aus den Nullerjahren strotzt. Und es trotzdem schafft, Noughties-Melancholie in futuristisch gewandten Pop zu kleiden. Ein poliertes Kitschkunstwerk unserer alten MP3-Player-Songs quasi. Und dabei vielleicht allzu überladen, um im Mainstream durch die Decke zu gehen – außer die Songs trenden auf TikTok, denn dort ist alles möglich. Die Platte versteht sich nicht nur als Ode und Umarmung an ihr jüngeres Selbst, dessen Erfahrungen nicht widergespiegelt werden in einer Mehrheitsgesellschaft, sondern auch als Empowerment für die queere Community. So zeigt „This Hell“ der Queerfeindlichkeit den metaphorischen Mittelfinger, verpackt in synthetische Club-Beats und Glam-Metal-Riffs – wenn schon Hölle, dann wenigstens mit Stil. Songs wie „Imagining“ könnten aus der Hyperpop-Clique von PC Music stammen, während auf dem Titeltrack Country-Einschläge den Ton angeben, um wiederum von orchestralen Streichern und Drum’n’Bass-Beats abgelöst zu werden. Rina Sawayama ist ein Meisterin des Genre-Eklektizismus und schafft auf HOLD THE GIRL gleichermaßen eingängigen wie herausfordernden Pop.

★★★★★ Sophie Boche

Klingt wie: Charli XCX: CRASH (2022) / Lady Gaga: CHROMATICA (2020) / Britney Spears: BRITNEY (2001) CD im ME S. 3

5 FRAGEN AN RINA SAWAYAMA

Wie groß ist der Einfluss von Camp auf deine Arbeit?

Camp kann einen Rieseneinfluss auf mich und meine Arbeit haben, vor allem, wenn es um das Styling geht. Zum Beispiel habe ich gerade erst einen Support für Elton John gespielt und dafür zusammen mit Vivienne Westwood entschieden, dass mein Outfit an einem seiner frühen, ikonischen, sehr campy Looks angelehnt sein soll.

Im kommenden Jahr wirst du in „John Wick“ an der Seite von Keanu Reeves dein Debüt als Filmschauspielerin geben. Planst du eine richtige Leinwandkarriere?

Es war eine unglaubliche Erfahrung, mit allen Beteiligten im „John Wick“-Team zu arbeiten. Aber auch sehr intensiv! Besonders die Vorbereitung auf die Rolle. Dafür weiß ich jetzt aber auch, wenn ich das nächste Mal schauspielern werde, bin ich bereit für weitere Rollen. Tatsächlich laufen im Moment auch schon Gespräche über weitere Projekte. Es wird also definitiv mehr Filme mit mir geben.

Auf HOLD THE GIRL thematisierst du Erfahrungen aus deiner Kindheit und Adoleszenz. Welchen Rat würdest du retrospektiv am liebsten deinem jüngeren Ich mitgeben?

Gut zu dir selbst zu sein.

Deine Musik bezieht sich gern auf den Pop der Nullerjahre. Welche Klassiker dürfen auf keiner Party fehlen?

Oh, auf jeden Fall immer Britney! In letzter Zeit habe ich aber auch UK-Pop wie die Girls Aloud oder Sugababes für mich wiederentdeckt.

Ist Maximalismus spannender als Minimalismus?

Es kommt auf den Song an. Meine Herangehensweise an ein Album ist es immer, sich auf die Essenz zu fokussieren. Wenn das eine riesige Produktion bedeutet, dann nehme ich den maximalen Ansatz. Aber wenn es ein langmütiger Song fürs Herz ist, dann reduziere ich lieber alles, damit nichts die Melodie und Lyrics überschatten kann.

Kaitlyn Aurelia Smith Let’s Turn It Into Sound

Ghostly/Cargo (VÖ: 26.8.)

Wanderungen auf unvorhersehbaren Wegen durch fluide Synthesizerlandschaften.

Kaitlyn Aurelia Smith hat einmal gesagt, an ihrem Lieblingssynthesizer Buchla gefalle ihr besonders, dass das Ergebnis manchmal unvorhersehbar sei. Den Buchla benutzt sie neben vielen anderen modularen Synthesizern auch auf ihrem neuen Album LET’S TURN IT INTO SOUND, und das Arbeiten mit dem Zufallsprinzip hat sich durchaus gelohnt. Viele fluide, weiche, ätherische Stücke sind darauf zu hören, über den pochenden und pluckernden Synthies liegen oft mehrere übereinandergeschichtete Gesangsspuren, bei denen die Stimme ebenfalls moduliert ist. Während diese Stücke ambientig und minimal anmuten, gibt es auch einige rhythmischere, perkussivere Tracks wie „Locate“ und auch solche mit Anleihen an klassischer Musik („Let It Fall“, „Check Your Translation“). Smith wird häufig als legitime Erbin von Elektro-Pionierinnen wie Suzanne Ciani (mit der sie auch schon zusammenarbeitete) oder Laurie Spiegel betrachtet – dass sie in diese Liga gehört, beweisen diese 10 Stücke einmal mehr.

★★★★★ Jens Uthoff

Ruby Goon Brand New Power

PIAS/Phantasy/Rough Trade (VÖ: 19.8.)

Zeitloser Psychedelic-Pop, der beweist, dass Moskau auch nur in Kalifornien liegt.

Erst denkt man: schon wieder Retro-Soul. Aber dann entdeckt man, wer hinter Ruby Goon steht, dass Ivan Solimani-Lezhnev in Russland aufwuchs, in den USA studierte, aber zurück in Moskau ein Studio aufbaute, das den warmen analogen Sound einfangen sollte, den er in der Ferne kennengelernt hatte. Seine Band nennt er Ruby Goon, die psychedelisch bunten Covers sehen aus, als würde noch Schellack drin stecken, und so klingt es auch auf dem Debütalbum BRAND NEW POWER: singende Gitarren und ein bisschen WahWah, das Echo wandert, die Flamin’ Groovies sagen Hallo, Sly Stone sowieso, die Melodien tun so, als hätten sie in der Asservatenkammer für zeitlosen Pop schon reichlich Staub angesetzt, und wenn sich „Leech!“ nach fünf im besten Sinne langatmigen Minuten in die himmlischsten Höhen aufschwingt, dann liegt Moskau auch nur in Kalifornien. Mit BRAND NEW POWER wird Ivan Solimani-Leznhev nicht gleich zum russischen Dan Auerbach, der Wodka in Whiskey verwandeln kann. Aber er ist der lebende Beweis dafür, dass die Wege im globalen Dorf immer kürzer werden, aber im Notfall immer zurück in die Sixties, das goldene Zeitalter des Pop, führen.

★★★★ Thomas Winkler

Als würde noch Schellack drin stecken.

Oliver Sim Hideous Bastard

Young/XL/BeggarsGroup /Indigo (VÖ: 9.9.)

Der The-xx-Sänger steigt in seinem Soul-Noir-Pop-Solo-Debüt hinab in den Traumakeller.

Während sich in den Welterfolgssongs von The xx die Stimmen von Oliver Sim und Romy Madley Croft meist beschützend umgarnen, ist Sim diesmal auf sich gestellt. Mit seinem Bariton steigt er tief in den Traumakeller: Es sind die Ängste eines schwulen Jungen, der merkt, dass er anders, womöglich „far too femme“ ist, Spott und Hass erfährt („Sensitive Child“, „Fruit“) und deshalb die Kunst der Verstellung übt: „A borrowed voice, practised smile / Isweat it’s mine“. Es geht um die Ängste eines jungen Mannes, der zögert und zaudert, Bindungen zu anderen aufzubauen („Saccharine“) und stattdessen lieber Horrorfilme schaut – um sich mit den verabscheuten, missverstandenen Monstern zu identifizieren. Während die Lyrics von The xx stets im Diffusen bleiben, wird Sim so konkret-persönlich, dass es weh tut: „Been living with HIV / Since seventeen / Am I hideous?“, fragt er im Opener. All dies hätte das Potenzial, einen niederzuschmettern, aber es gibt ja die Schutzengel Jimmy Somerville (Bronski Beat) und Beach Boys (im Sample), die warmherzige Produktion von Thexx-Buddy Jamie xx, dieses johngrantig perfumegeniale Gespür für tragikomisch-groteske Details – und diese Stimme von Oliver Sim, die so erleichternd „I have people in my life that really love me“ feststellt, dass literweise die Glückstränen kullern müssen.

★★★★★★ Stefan Hochgesand

Story S. 48

V.A. Minna Miteru 2

Morr Music (VÖ: 2.9.)

Ein Entdeckungsparcours durch Japans Underground mit Elektro-Folk- und Pop-Miniaturen.

Dass diese Zusammenstellung mit zwei eher ambienten elektronischen Klangreisen beginnt, sollte uns Hörer*innen keinesfalls in Sicherheit wiegen. Es folgen ein countryesker Softpopsong und eine seltsam verwaschene Jazz-Ballade, andere nennen das Glitch-Folk, bei Wasuregogusa zu hören ist jedenfalls Aki Tsuyuko, die von ihren Alben auf dem Label Thrill Jockey bekannt ist. So weit reichen die Tentakel von MINNA MITERU 2022, Saya (Tenniscoats) und Markus Acher (Notwist) haben für diese zweite Ausgabe noch einmal 26 Songs aus den Tiefen eines Universums gehoben, das viele Japaner nicht kennen dürften – Keller-, Kitchen-, Kammerund Computer-Musiken mit dem Gütesiegel „extraliebevoll“, neue wie alte Veröffentlichungen. Man mag sich die Compiler*innen vorstellen, wie sie angenehm irritiert lauschen ob der märchenhaften Sounds und wunderlichen Melodien, dieser Parcours weist zahlreiche Kurven und U-Turns auf. Es hat Indie-Popsongs hier, die zum Zunge-Schnalzen schön sind (NN-MIEs „Water“), aber auch eine Mikro-Ode an brasilianische Musik und einen Sechsminüter, der die Stimmung des Morricone-Soundtracks von MEIN NAME IST NOBODY irgendwie auffängt (Futoshi Moriyamas „Yūtai-ridatsu“). Von der kleinen Jahrmarktsmusik mit dem Titel „Night“ (Tenshinkun) bis zur amtlichen Indie-Kooperation zwischen Tenniscoats und Deerhoof unter dem Namen Oneone ist es eine halbe Weltreise, Zusteigemöglichkeiten an jeder Sound-Ecke. Yōkoso!

★★★★★ Frank Sawatzki

Danger Mouse & Black Thought Cheat Codes

BMG Rights Management /Warner

Smooth’n’Conscious: Das Hip-Hop-Superduo enttäuscht nicht.

Kaum fassbare 17 Jahre lang war Danger Mouse dem HipHop ferngeblieben, THE MOUSE AND THE MASK, die Kooperation als DANGERDOOM zusammen mit MF DOOM, war 2005 sein letztes Album in diesem Genre. Danach erfand er als Produzent und Songwriter einen eigenen Indie- und Pop-Stil, der außergewöhnliche Beats mit einem sehr direkten Sound kombinierte, der es seinen Partnern wie James Mercer von den Shins erlaubte, Pop aus der Parallelwelt zu entwickeln. Bei aller Liebe dafür, zuletzt waren seine Arbeiten für die Red Hot Chili Peppers oder U2 sicher super dotiert, aber auch ein bisschen flach – auch, was die Produktion betraf. Dass er nun mit dem großartigen Black Thought von den Roots zur HipHop-Basis zurückkehrt, ist ein glückliche Fügung: Der Rapper hatte zuletzt wortgewaltige Solo-Veröffentlichungen unter dem Reihennamen „Streams Of Thought“ präsentiert, mit Danger Mouse findet er hier einen Partner, der ihm einen perfekten Sound schneidert. Die Tracks auf CHEAT CODES atmen Vintage-Soul und 70s-Soundtrack-Musik, elegant und melodisch, wie in Samt gekleidet. Große 70s-Acts wie die Dramatics oder Delfonics schimmern durch, vor zu viel Entspannung schützen die Conscious-Lyrics von Black Thought, Unterstützung gibt’s von prominenten Gästen, darunter A$AP Rocky, Run The Jewels, Michael Kiwanuka und Kid Sister, die zusammen mit Raekwon dafür sorgt, dass „The Darkest Part“ mit seinem Superrefrain zum Highlight wird. Auch zu nennen: Ein letzter Auftritt des 2020 verstorbenen MF DOOM beim atmosphärischen „Belize“.

★★★★★ André Boße

Die Tracks atmen Vintage, wie in Samt gekleidet.

CD im ME S. 3, Story S. 32

Füffi Gap

Caroline/Universal (VÖ: 26.8.)

Rap zwischen den Stühlen, aber dafür mitten aus dem Leben.

Als Rapper hat man’s nicht leicht. Man muss auf der Straße sein Ohr auf haben, aber auch die alten Kämpen kennen, sich mit den aktuellen Drogen auskennen, aber trotzdem noch einen Reim hinkriegen, soll vor allem von sich selbst erzählen, aber auch irgendwie für andere sprechen, soll singen können, aber natürlich vor allem rappen. Füffi kriegt auf seinem Debütalbum GAP den mehrfachen Spagat erstaunlich gut hin, er singt eine Hymne aufs Benzedrin, erinnert sich ans Splash 2002 (oder vielleicht 2003, wer weiß das schon bei den Drogen) im Backstage bei Z.S.K., sitzt schon mal beim Therapeuten, spielt sein eigenes Meme, liest zum Glück nicht nur Rap-Texte, sondern guckt wenigstens „Spiegel TV“, und wechselt fluide zwischen Gesang und Rap, während die Beats schleifen wie ein schlecht geöltes Fahrrad. Füffi, Wahlberliner aus Münster, wundert sich in „Gaptalk“ über die Menschen, die abdriften nach rechts und in Verschwörungstheorien, aber versinkt in „Towlie“ selbst in Alkoholsucht und Depression, ist also eigentlich ganz normal, nur dass der ganz alltägliche Mindfuck gewöhnlich nicht in der Arbeitsplatzbeschreibung von Rappern steht. Und wenn er nicht aufpasst, und mehr so Zeilen raushaut wie „Ich sitz hier bloß bisschen Zeit ab / Wer nichts will, kann auch nicht scheitern“, dann wird er womöglich noch als Stimme der Generation Z zwangsverhaftet.

★★★★★ Thomas Winkler

VORAUSGEHÖRT

Erster Eindruck kommender Platten

Pixies Doggerel (30.9.)

Man wusste es ja schon immer, aber so deutlich war es auf einer Pixies-Platte dann doch noch nie zu hören: Dass Black Francis ein alter Grummel ist. Die Country-Einflüsse sind nicht neu, aber deutlicher, und „The Lord Has Come Back Today“ tarnt sich gar als klassischer Midtempo-Rocksong, aber um dann doch den Abgrund zu der Geschichte zu erzählen, die der Titel verspricht. Man darf also die ganz frühen Pixies ruhig vermissen, aber seit der Reunion altern sie dann doch mit jedem Album noch ein wenig würdevoller.

Loyle Carner Hugo (7.10.)

Kaum setzt Loyle Carner die ersten Reime, wundert man sich, warum man diese Stimme nicht mehr vermisst hat. Keiner sonst kann bei allergrößter Ernsthaftigkeit so lakonisch wirken. Genau die richtige Haltung also, um ein wenig Klärung in den Wahnsinn im Vereinigten Königreich zu bringen. Das tut Carner zu dunklen, klassischen Beats ohne Sperenzchen, die wie eine Verbeugung vor Dre klingen, und der Halleluja-Chor in „Ladis Road (Nobody Knows)“ ist demolierter, als es die Zukunft je sein könnte.

PLATTEN DER ZUKUNFT

A.A. Williams As The Moon Rests (7.10.)

a-ha True North (21.10.)

Al-Qasar Who Are We? (16.9.)

Alex G God Save The Animals (23.9.)

Alice Boman The Space Between (21.10.)

Alvvays Blue Rev (7.10.)

Behemoth Opvs Contra Natvram (16.9.)

Bonny Light Horseman Rolling Golden Holy (7.10.)

Carl Cox Electronic Generations (16.9.)

Courting Guitar Music (23.9.)

Dagobert Bonn Park (16.9.)

Daniel Avery Ultra Truth (7.10.)

Death Cab For Cutie Asphalt Meadows (16.9.)

Die Nerven Die Nerven (7.10.)

Die Sterne Hallo Euphoria (16.9.)

Dillon 6abotage (14.10.)

Dry Cleaning Stumpwork (21.10.)

Dungen En Är För Mycket och Tusen Aldrig Nog (7.10.)

Editors EBM (23.9.)

Eros Ramazzotti Battito Infinito (16.9.)

Fehlfarben ?0?? (14.10.)

Gabe Gurnsey Diablo (9.9.)

Jens Friebe Wir sind schön (30.9.)

Karin Park Private Collection (7.10.)

Kraftklub Kargo (23.9.)

Lambchop The Bible (30.9. )

The Cult Under The Midnight Sun (14.10.)

Makaya McCraven In These Times (23.9.)

Mura Masa Demon Time (16.9.)

Muse Will Of The People (26.8.)

Nikki Lane Denim & Diamonds (23.9.)

Perera Elsewhere Home (30.9.)

Quinn Christopherson Write Your Name in Pink (16.9.)

Shygirl Nymph (30.9.)

Simple Minds Direction Of The Heart (21.10.)

Sportfreunde Stiller Jeder nur ein X (16.9.)

Suede Autofiction (16.9.)

The Afghan Whigs How Do You Burn? (9.9.)

The Cult Under The Midnight Sun (7.10.)

The Düsseldorf Düsterboys Duo Duo (7.10.)

Tim Burgess Typical Music (23.9.)

Turin Brakes Wide-Eyed Nowhere (16.9.)

Wanda tba (30.9.)

Yeah Yeah Yeahs Cool It Down (30.9.)