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PLATTEN


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 10.11.2022
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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 12/2022

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN

„No future, das war gestern / Seitdem ist viel passiert“

„Ist das noch Punkrock?“, Die Ärzte, 2012

Tatsächlich war es schon 1981, als The Exploited ihr erstes Album PUNKS NOT DEAD mit dem gleichnamigen Song eröffneten. Im digitalen Heute mögen einem die paar Jahre, die – je nach Punk-Zeitrechnung – damals seit 1976 oder 1977 erst vergangen waren, wie eine Ewigkeit vorkommen, aber 1981 war Punk noch nicht einmal unbedingt in der deutschen Provinz angekommen, als ein paar Schotten mit lustigen Haarfrisuren und einem noch lustigeren Akzent es für nötig befanden, dem Rest der Welt im denkbar hektisch hingerotzten Stakkato zu versichern, dass Punk noch sehr, sehr lebendig ist: „Punk’s not dead, I know.“ Ein Motiv, das in den Jahren darauf beständig wiederkehrte und nachgerade wie ein Mantra immer wieder aufgesagt wurde. Wiederum 41 Jahre später, was nun aber wirklich eine ...

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... Ewigkeit ist, darf man feststellen: Punk ist wohl tatsächlich nicht totzukriegen. Die Beweise drängeln sich diesen Monat im Heft vom Titel bis zum Plattenteil. Sie heißen Pogendroblem, Leftovers, Ghost Car oder Mutter, Sportfreunde Stiller oder Big Joanie, und ja, auch The Cure. Ein paar sind alt, einige sehr alt, aber viele auch erstaunlich jung. Und zugegeben, nicht alle klingen wie The Exploited (zum Glück, denn so richtiger Schrammelpunk wie Exploited, sorry, ist ja auch echt schwer zu ertragen), sondern eher wie eine der vielen direkten und noch mehr indirekten Folgen von Punk. Aber irgendwie Punk ist es halt schon, und so kann man sich fragen, warum es alle paar Jahre wieder ein Punk-Revival gibt, warum junge Menschen das wiederentdecken, neu erfinden, überhaupt brauchen? Wundert und freut sich

Tom Liwa Eine andere Zeit

Der Singer/Songwriter versucht sein Geschlecht zu verlassen und neue Perspektiven zu gewinnen.

Es ist schwer, Worte zu finden für die lyrische Schönheit, die dieses Album wie eine schimmernde Aura umgibt. Tom Liwa versucht hier zweierlei: zum einen, die Reise zu Erinnerungspunkten eines unbekannten Erzählers, der er selbst sein könnte, oder jemand anderes, in einzelne Songs zu gießen; zum anderen auch immer wieder das eigene Geschlecht zu verlassen und mit und über diese Wandlung eine neue Perspektive auf das Leben zu gewinnen. 14 wundervolle Songs werden auf EINE ANDERE ZEIT zu Einzelgeschichten, die wie Stücke vom Lebenskuchen einer uns fremden Person auf einem Silbertablett serviert werden. Wir müssen nur zugreifen und genießen. Diese Platte ist Geschenk und Angebot zugleich. Mit lässiger Selbstsicherheit breitet Liwa einen Teppich aus Blues, Folk und Country aus, der schon fadenscheinig ist, aber genug Platz bietet für den Geschichtenerzähler, der, durchaus auch immer wieder dylanesk, über Melodie und Rhythmus hinweg vom Lieben und Leben, vom Scheitern und Hoffen berichtet. Marion van der Beeks Seven Sisters nennt er seine Band, mit der er das Album aufgenommen hat und live aufführen wird. „Die Band der Frau, die ich vielleicht wäre, wenn meine Eltern ein Mädchen gekriegt hätten“, sagt Liwa im Infotext zur Platte. Man möchte aufatmen ob der Offenheit mit der hier,

Eine schimmernde Aura aus lyrischer Schönheit.

im Gegensatz zu so manchem sogenannten Songpoeten unserer Tage, Geschlechterrollen infrage gestellt werden. Sanftheit und Empathie prägen dieses Album. Unterstützt wird Liwa gesanglich unter anderem von der tollen Katharina Kollmann aka Nichtseattle, die dem letzten Track„AprilScythe“eine zusätzliche Farbe verleiht. In „Agnes“heißt es: „Wie Buchrücken an Buchrücken standen unsere Erinnerungen wie Freunde und Feinde zugleich“. EINE ANDERE ZEIT ist eine Herbstplatte, die den Frühling mitdenkt.

?????? Rebecca Spilker

CD im ME S. 3

Romare Fantasy

You See/Rough Trade

Der Master des Modern Sampling verbaut Genres von Acid bis Blues in extrem ausgefuchst groovenden Electronica-Collagen.

Eine Acid-House-Bassline, ein paar synthetische Plastiktröten – und diese Miami-Vice-Elektronik, die dem Hörer unmittelbar eine Fönfrisur verpasst. Hat man in der Kombination selten erlebt, und dann, nach über drei Minuten: der Break, in dessen Folge dem Track eine dreimal so krasse, quietschende Acid-Bassline untergeschraubt wird, die das Fundament ordentlich durchschüttelt. So klingt„SeventhSeal“,das Filetstück des vierten Albums des Briten Archie Fairhurst, der sich nach dem New Yorker Künstler Romare Bearden benannt hat. Nicht mehr viel auf FANTA-SY verweist auf die verstolperten Footwork-Rhythmen, denen sich Fairhurst in seinen Anfängen 2012 exklusiv widmete. Inzwischen ist seine Expertise der elektronische Groove an sich und in all seinen Facetten, unter gelegentlichem Einsatz akustischer Instrumente. Auf FANTASY verwebt er nicht nur Elemente aus Acid- und Tech-House, Disco, Post-Dubstep mit Bluesoder Jazz-Verweisen, er gönnt uns auch Verschnaufpausen in Form von TripHop, wie etwa mit „WalkingInTheRain“,einem beschaulichen Stück Hängemattenbaumelei mit erstaunlichen Tiefseebässen. Gemein ist allen Stücken Fairhursts unbändige Freude am Samplen, die Tracks sind gespickt mit Wortund Dialogfetzen aus dem Fantasy-Kino der Siebziger. Man könnte ihm zwar einen zu eklektischen Stilmix vorwerfen, aber: Er wird dank seiner überbordenden Verspieltheit nie öde, wenn er seine collagenhaften Tracks mit unerwarteten Sounds und Plot Twists ausstattet.

???? Michael Prenner

Daniel Avery Ultra Truth

PIAS/Phantasy Sound /Rough Trade (VÖ: 4.11.)

Der Brite liefert ein opulentes Breakbeat-Pop-Opus-Magnum.

15 Tracks, diverse Features, phasenweise Stadionstimmung: Daniel Averys neues Album ULTRA TRUTH riecht nach Opus Magnum und Spätwerk gleichermaßen. Nach DRONE LOGIC von 2013 oder SONG FOR ALPHA von 2018, die sich noch eher auf dem Dancefloor verorteten, suchte der Brite zusehends einen Klangentwurf zwischen poppiger Opulenz und melodiöser Introspektion. Auf ULTRA TRUTH kulminiert all das: Ein langes, szenisches Intro mit Sprechstück mündet in den Titeltrack, der sich mit hochemotionalen Synths und einem federleichten Breakbeat bei IDM der ruhigeren Sorte bedient und damit in die Hirnwindungen schraubt. Danach folgen gleißender Breakbeat mit zarten Vocals der befreundeten Produzentin HAAi und Trip-Hop auf„Only”mit Jonnine. Neben den diversen Features sorgt aber mit „LoneSwordsman”ein von Avery alleine produzierter Track für das Highlight. Die Hommage an den 2020 verstorbenen Andrew Weatherall klingt mit ihren hellen Synth-Tupfern, dem langsamen Breakbeat und den verhaltenen Streichern wie die elegische Ergänzung zum Titeltrack.

???? Maximilian Fritz

Jean-Michel Jarre Oxymore

Columbia Local/Sony

Eine wild flackernde, mehrkanalige Hommage an den Elektronik-Urvater Pierre Henry.

Denken, aufschreiben, in eine Partitur bringen, die Musik den Interpreten zugänglich machen. So pflegten neuzeitliche Komponisten lange den Geniekult um ihre Person und ihr Werk. Das, was die jungen Klangkünstler Pierre Henry, Pierre Schaeffer und Jacques Poullin am 18. März 1950 im Saal der Pariser École Normale de Musique zur Aufführung brachten, war ein radikaler Bruch mit dem Konzept der Partitur. Sie arbeiteten mit bereits aufgezeichneten Klangmaterialien, die sie auf Plattentellern und Morphophonen live abspielten, zerstückelten und neu montierten. Der Begriff „Musique concrète“ existierte bereits, aber die Geräuschcollagen sollten die Welt erst noch erobern, sie wurden auch zu Vorboten für zahlreiche Stile der elektronischen Musik. Der 2017 verstorbene Henry gilt als einer ihrer frühen Paten. Dass jetzt Jean-Michel Jarre, die Fachkraft fürs Monströse in der elektronischen Musik und Liebling eines breiten Publikums, sich in einer Hommage auf Albumlänge mit Pierre Henry befasst, ist einer besonderen Nähe zum Pionier geschuldet. Kurz vor Henrys Tod war die Idee eines gemeinsamen „Electronica-Projektes“ entstanden, das dann nicht mehr ins Studio fand. Fragmente von Henrys letzten Aufnahmen hat dessen Witwe Jarre später zur Verfügung gestellt. So zischt dessen Atem im Track„Zeitgeist“ganz konkret durch den digitalen Raum. Gesampelte Henry-Sounds pulsieren auch zur Eröffnung durch „Agora“– das wiederum ein Verweis auf die Technik der „Musique concrète“. Der Titel-Track bewegt sich ein paar Lichtjahre davon weg in eine Art Dark-Rock-Universum mit Streichern und fliegenden Elektronik-Partikeln. „Brutalism“verlängert diese Ideen ins Technoide, „CrystalGarden“gibt den Geräuschen dagegen einen Fluss. In dieser wild flackernden, inspirierten Sammlung kommt so vieles zusammen, dass man manchmal nicht mehr die Verbindung zu Henry erhören mag, aber die Botschaft ist überlebensgroß: It’s up to us to discover Pierre Henry.

????* Frank Sawatzki

Jarre ist mehr als nur Fachkraft fürs Monströse.

JOCHEN DISTELMEYER hört gerade:

Black Uhuru —GuessWho’sComingToDiner(1979)

Prince —Rock’n’RollLoveAffair(2012)

Kendrick Lamar —DieHard(2022)

Vanity 6 —NastyGirl12“(1982)

Nipsey Hussle —DoubleUpfeat.BellyDomKennedy(2018)

Angel Olsen —DreamThing(2022)

Tedeschi Trucks Band —Pasaquan(2022)

Georg Kreisler —MeineFreiheitDeineFreiheit(1983)

Hanns Dieter Hüsch —MarschderMinderheit(1970)

Ella Fitzgerald & Louis Armstrong —TheyAllLaughed(1957)

Sportfreunde Stiller Jeder nur ein X

Vertigo Berlin/Universal (VÖ: 11.11.)

Die ewigen Sportis können sich mal wieder nicht zwischen Quatsch und staatstragendem Stadionrock entscheiden.

Blödes Timing: Da haben die Sportfreunde Stiller der Fußballlegende Zlatan Ibrahimovi? auf ihrem neuen Album JEDER NUR EIN X so ein schönes Denkmal gesetzt, ihn gar nicht mal so unlustig zum Trumpf hochgeschrieben, den man in der Hinterhand hat, wenn Horrorclowns und Hurricanes einem Angst einjagen – da lässt sich der Depp mit Berlusconi fotografieren. Nun wäre es natürlich einfach, ein bisschen zu feixen über diese Band, die es mit Feinheiten und Timing ja eh nicht so hat. Über ihren Sänger, der Rüdiger Linhof heißt, sich aber „Rüde“ nennt und weniger singt, sondern vielmehr damit berühmt wurde, seine Texte über Liebe, Freundschaft und Elfmeterschießen in gleichbleibender Tonhöhe ins Rock-im-Park-Publikum zu rufen. Mit ihrem WM-Manifest„54,74,90,2006“waren die Sportfreunde Stiller die Froschprinzen im Sommermärchen, mit ihrem Liebeslied „EinKompliment“lieferten sie einer gesamten Generation Textbausteine für ungeschickte SMS an den Mittelstufenschwarm. Nun sind „die Sportis“, wie sie ja irgendwie immer noch heißen, längst sehr doll erwachsen, können sich aber auch auf ihrem achten Album nicht entscheiden, ob sie als staatstragende Stadionrockgruppe oder Quatschband alt werden wollen. Also probieren sie sich einmal mehr durch Großraumhallenpunk, hüftsteifen Elektrorock und Off-Beat-Songs, die grooven wie ein Männertag am Baggersee, während der ewige Rüde mal grönemeyernd was vom Menschsein und -bleiben erzählt, mal die Welt leutselig auffordert: „Seht her, seht her, seht her, das ist spektakulär“. Ja, das ist schon alles albern. Aber so viel würdevoller sind die meisten von uns seit der Mittelstufe auch nicht gealtert. Die Sportfreunde Stiller verdienen zumindest gutes Geld damit, Menschen in genau den Momenten glücklich zu machen, in denen ihnen dieser Umstand bewusst wird. Blöd ist diese Band also ganz und gar nicht, wahrscheinlich sogar extrem clever. In jedem Fall cleverer als Zlatan Ibrahimovi?

?? Julia Lorenz

Themeninterview S. 8

Moka Efti Orchestra Telegramm

Motor Entertainment/Edel

Bye bye „Babylon Berlin“: Auch ohne Auftritt in der neuen Staffel ist die Salon-Musik des TV-Orchesters allerbeste Unterhaltung.

Dienstleistung kommt vom Dienen, und das ist in der Popmusik nicht unbedingt die beliebteste Beschäftigung. Das macht das Moka Efti Orchestra so außergewöhnlich. Denn das Dienen hat sich die Berliner Formation, entstanden als mondänes Ausstattungsmerkmal der damals teuersten deutschen Fernsehserie, auch nach dem Abschied von „Babylon Berlin“ bewahrt. Das beginnt damit, dass die prägenden Figuren Nikko Weidemann, Mario Kamien und Sebastian Borkowski auf der Bühne eher im Hintergrund bleiben, und endet noch nicht damit, dass man immer wieder neuen Stimmen eine üppigst arrangierte Klangwiese zum Herumtollen zur Verfügung stellt. Auf TELEGRAMM, dem zweiten Album, ist es nun Friedrich Liechtenstein – aber auch dessen sehr eigener, sehr spezieller Brummelgesang fügt sich im Duett mit Dauersängerin ins Bandkonzept, als wäre er schon immer da gewesen. Und wenn Weidemann dann selber singt, was er ganz früher bei Bands wie Nikko & The Passion Fruit viel getan hat, dann stellt er nicht sich in den Mittelpunkt, sondern wählt einen totgedudelten Song wie„SurabayaJohnny“,mit dem man eigentlich nur verlieren kann. Aber in dem Fall passt das Naheliegende eben doch ins Konzept, der Brecht/Weill-Gassenhauer wird zwar nicht eben neu erfunden, aber als Klassiker ernst genommen wie jeder andere Song, Cover oder selbst komponiert auch, und mit satten Arrangements und denkbar großer Musikhandwerkskunst ausgestattet. Und so manifestiert sich das ganze Prinzip des Moka Efti Orchestras: Man weiß sehr genau, wie ein Klassiker zu klingen hat, ohne sich anzumaßen, dieselbe Größe zu haben, weil man sehr genau weiß, dass der Dienst an der Unterhaltung ein großes Gut ist.

????* Thomas Winkler

4 FRAGEN AN NIKKO WEIDEMANN

Überall Krieg und Krisen – brauchen wir das Moka Efti Orchestra so sehr wie noch nie für den Tanz auf dem Vulkan?

Mit„ZuAschezuStaub“habenwir längst einen definitiven Song zum Thema abgeliefert. Seitdem sind wir die Kapelle auf der Titanic. Nun leben wir mit einem Krieg vor der Haustür. Aber Schwermut, Leichtigkeit und musikalische Ekstase werden immer gebraucht.

HateureMusikgesellschaftlicheRelevanzoderistsiereinerEskapismus?

Musik ist immer beides. In der Musik verlassen wir das Gegenständliche, entfliehen den Grenzen des Irdischen. Trotzdem: Musik hat immer gesellschaftliche Relevanz. Gerade diejenige, die nichts außer Zerstreuung zu beabsichtigen scheint. Im Übrigen sind wir bis jetzt vier Mal im ehemaligen KZ Sachsenhausen aufgetreten. Ich werde dort in den nächsten Jahren Gedenk-Konzerte kuratieren, auch mit MEO. Auf unserem neuen Album singt der wunderbare Karsten Troyke eine Ballade, die ihm von einer KZ-Überlebenden überliefert wurde. Relevanter wird es nicht werden.

HatsichdasMokaEftiOrchestramittlerweilevon„BabylonBerlin“emanzipiert?

Wir werden immer damit verbunden bleiben, und wir denken weiter filmisch.„Turquoize“warvon Anfang an eher Filmmelodie als Song. In New York sah ich auf der 2nd Avenue einer Frau beim Schaufensterbummel zu, da hatte ich die erste Zeile und Melodie. Jahre später meinte mein Partner Mario Kamien, der Song wäre doch was für Severija. Dann kam die Idee, ein Duett mit Friedrich Liechtenstein aufzunehmen. Nun läuft er im Video die Schaufenster auf der Frankfurter Allee und sie die Hochbahn am Schlesischen Tor entlang. Cut!

IhrarbeitetmitInstrumentariumder20er-Jahre,aberbeschränkteuchmusikalischnichtaufdasJahrzehnt.SinddiesemKonzeptGrenzengesetzt?

Es wird keine Gitarrentürme auf einer Moka-Efti-Bühne geben, wir spielen aber fette Riffs mit der Big Band. Die Gitarrenmotive von The Who gehen zurück auf Beethovens Fünfte, das Ur-Riff der populären Musik ist über 200 Jahre alt.„ZuAschezuStaub“istJazz-Ekstase über techno-artigem Rhythmus-Wahnsinn. Dem Techno verwandte Beats findest du 1930 bei Gene Krupa, dann 1970 bei Ginger Baker und Fela Kuti. Und wenn analoge Synthies Depeche Mode die Chance gaben, ein fettes Orchester zu simulieren, ist unser Sound – wieder 30, 40 Jahre später – ein Echo darauf.

Anna Of The North Crazy Life

Play It Again Sam/Rough Trade

Zart-folkiger Hygge-Pop mit unwiderstehlichen Ohrwürmern.

Eigentlich unverschämt, was Anna Lotterud alias Anna Of The North auf CRAZY LIFE macht: Nämlich elf so perfekt geschliffene glossy Popsongs aneinanderzureihen, dass man eine Insta-Story starten möchte, in der man wie die norwegische Singer-/Songwriterin selbst von einer Emotion zur nächsten tanzt. Auf dieser Platte stimmt alles: Dramaturgie, Referenzen, Stimmungsbögen. Vom zart-folkigen Opener mit lieblich zwitschernden Vöglein geht es über das mit Yachtrock-Tupfern verzierte„IDoYou“zum textlich melancholischen, musikalisch dafür in unerschütterlichen Discofox gekleideten Liebeskummersong „Nobody“(„I need nobody / if it’s not you“) unaufhaltsam Richtung Höhepunkt(e), der mit der Hit-Kombi „Dandelion“und „Meteorite“(mit Duettpartner Gus Dapperton) erreicht wird, bevor „60Seconds“und „LetGo“den freundlichen Abschied einläuten. Aber der tut gar nicht weh, denn Anna bleibt in Gedanken bei dir. So wie ihre Ohrwürmer. Anna Of The North war bis vor ein paar Jahren noch ein Duo, doch schlüssiger ist die Performance als Solokünstlerin, die ihr Müsli mit dir teilt (siehe Video zu „BirdSing“).Wenigstens ist Annas Stimme ein bisschen heiser, sonst wäre CRAZY LIFE zu hyggelig, um wahr zu sein.

???? Christina Mohr

Klingt wie:Tove Lo: SUNSHINE KITTY (2019) / Alice Merton: S.I.D.E.S. (2022) / Clairo: SLING (2021)

Molotof Gabal Ahmar

Rakete

Der Vordenker des ägyptischen Mahraganat-Sounds gibt sich auf seinem Debüt melancholisch.

Das Genre Mahraganat wird auch als Electro Shaabi bezeichnet, was auf seine Wurzeln in ägyptischer Hochzeitsmusik verweist. Der Produzent Molotof ist einer der Pionier*innen des Sounds. Sein Ansatz orientiert sich häufig an US-amerikanischen Musikformen von Trap bis hin zu Techno und Acid House, wobei auf GABAL AHMAR, seinem Debütalbum für das Kairoer Label Rakete, zweites den hauptsächlichen Referenzpunkt darstellt. Doch umweht diese Instrumental-Stücke eine melancholische, gar bedrückte Stimmung – Dance Music, der die euphorischen Spitzen abgeschnitten wurden. Das mag daran liegen, dass Mahraganat-Rapper*innen zwischenzeitlich wegen der zum Teil expliziten Texte über den Alltag der sozial vernachlässigten Klassen die Arbeit verboten wurde – wovon etwa„Omara“mit geradezu verstümmelten, wortlosen Vocal-Samples zu erzählen scheint. Auch jenseits solcher möglichen Interpretationen allerdings ist GABAL AHMAR ein emotional eindringliches Album, das unterschiedliche Stile zu einer aufreibenden Synthese bringt.

???? Kristoffer Cornils

bbno$ Bag Or Die

bbno$/Stern

Der Hyper-Virale jagt mit zweiminütigen HipHop-Alcopops den Shit nur so aus der Hütte.

Ist das jetzt ein dialektischer Kniff, wenn Alexander Leon Gumuchian, bekannt als bbno$, das gesammelte Weltwissen des Rap parodiert – und im selben Moment ein Bad in der Welt des Rap nimmt, mit Bitches, Tequila und Money allüberall? Im Zweifelsfall hinterlässt der in der Spotify-Weltspitze angelangte Gamer-Rapper aus Kanada (mehr als vier Milliarden Streams) eben den Eindruck, dass er nichts und niemanden ernst nimmt – und also sich selbst auch nicht. Der Künstler begrüßt uns zum Frühstück mit dem frischen Shit des Tages: Sein Mädchen wolle keinen Sex mit ihm haben, solange er sich nicht sterilisieren lasse. Bbno$ knarzt diese Worte in einer Rappelkiste aus Breakbeats(„Vasectomy“),was ein gewisses Unbehagen verraten könnte, er lässt sein „TopGun“unter dem Geballer von Surfgitarren sprechen und witzelt an der nächsten Ecke über Eddie Murphy und Pharrell Williams. Bbno$ nimmt Stile und Sounds im Zweiminutentakt mit, er hechtet viral in die Vollen. „Mathematic“und „Sophisticated“ziemlich hinten raus sind die soulfullsten, besser: die beiden einzigen soulfullen Tracks in dieser DIY-Elektronik-Sammlung, da öffnen Keyboards und Chöre Räume in jene HipHop-Sphären, die in der Schuld des R’n’B stehen. BAG OR DIE ist eine Party des Pop-Rap, süß wie ein Sixpack Alcopops und freundlicherweise schwer ausrechenbar.

Zum Frühstück gibt’s den Shit des Tages.

????* Frank Sawatzki

Klingt wie:Black Eyed Peas: MASTERS OF THE SUN VOL.1 (2018) / Danny Brown: UKNOWHATIMSAYIN¿ (2019) / Yung Gravy: GASANOVA (2020)

Honey Harper Honey Harper & The Infinite Sky

PIAS/Ato/Rough Trade

Kann man Country ernst nehmen und zugleich sanft an seinen Grundfesten sägen? Ja, William Fussell kann.

Diesmal startet die Rakete nur gelegentlich. Nach einem Debütalbum, das Countryrock in den Weltraum schoss, setzt William Fussell mit seinem Projekt Honey Harper nun auf Bodenhaftung. Statt im Computer bearbeiteten Ziggy-Stardust-Space-Country haben der in London lebende Amerikaner, der früher bei Mood Rings und Promise Keeper aktiv war, und seine Band HONEY HARPER & THE INFI-NITE SKY in zwei Wochen live eingespielt. Drei Takes für jedes Stück wurden aufgenommen, der beste ausgewählt. Das strenge Konzept führte folgerichtig zu einem erdigen, ja traditionelleren Sound. Mit„TheWorldMoves“gibt es sogar eine Ballade mit Kitschverdacht, die in der Grand Old Opry nicht unangenehm auffallen würde. Dass es dann doch anders geht, zeigt „CrystalBall“,zwar auch eine Ballade, aber eine, in der die Steelguitar wie ein Theremin klingt und die Stimmung sphärisch wird. Einer von vielen Momenten, in denen Honey Harper den Country zwar ernst nimmt, aber eben auch ganz sanft an seinen Grundfesten sägt, ihm einen Twist mitgibt. Es sind die besten Momente, denn sie lassen Country seine Würde, gerade weil sie ihm neue Wege aufzeigen.

????* Thomas Winkler

Laila Sakini Paloma

Modern Love

Auf der Suche nach der Friedenstaube entsteht Musik jenseits der Konventionen und kurz vor der Stille.

Wenn man sich Laila Sakinis viertes Album PALOMA anhört, hört man ziemlich oft nichts. Die in London lebende Australierin sucht die Friedenstaube vornehmlich in der Stille. Zwischen sanften Tastenanschlägen auf dem Piano und fernen Geigenklängen, wie der erste Track„Fleurd’Oranger(Rise)“nahelegt. Später tut sich noch mehr auf der LP, die auf Modern Love, wo unter anderem auch Andy Stott veröffentlicht, erscheint. Oftmals bewusst atonal, die Instrumente bei der Aufnahme offenbar unterschiedlich weit weg vom Rekorder verteilt, erzeugt Sakini schon auf „TheLightThatFlickersInTheMirror“ein Gefühl der Beklemmung, das sich aber zunehmend in Wohlgefallen auflöst. Dazu trägt auch ihre Stimme bei, die sirenenartig aus dem Hintergrund haucht. So ganz löst sich diese Dichotomie, dieses Wechselspiel aus An- und Entspannung über die sechs Tracks hinweg nicht auf. Den bleibendsten Eindruck von Diesseitigkeit vermittelt „ThatWave,ThatLine“,weil es am ehesten an konventionelle Strukturen andockt. Wo sonst oft Stille herrscht, gibt es hier ein Schlagmuster zum Festhalten.

Beklemmung löst sich auf in Wohlgefallen.

????* Maximilian Fritz

Klingt wie:Soho Rezanejad: SIX ARCHETYPES (2018) / Tropic of Cancer: RESTLESS IDYLLS (2014) / Eartheater: PHOENIX: FLAMES ARE DEW UPON MY SKIN (2020)

Jeb Loy Nichols United States Of The Broken Hearted

On-U Sound/Rough Trade (VÖ: 11.11.)

Politischer Akustik-Dub, der dem Bösen mit der Sanftheit von Quilt-Mustern entgegentritt.

Wenn der Produzentenname Adrian Sherwood fällt, erwartet man Dub-Tracks mit tiefsten Bässen, wie gemacht für Partys in den alten Bunkern am Strand der britischen Ostküste, wo Sherwood lebt. Kommt jedoch Kumpel Jeb Loy Nichols aus Amerika herübergeflogen, schaltet der Meister des On-U-Sounds um: Die Bässe bleiben tief, aber die Stimmung entspannt sich. Dub’n’Country’n’Soul – eine perfekte Formel fürs optimierte Rumhängen. Wenn da nicht die düsteren Gedanken wären, die Nichols aus den USA mitgebracht hat: Der Mensch sei zwar nur klein – aber genügend sind so böse und verlogen, dass es reicht, die Erde zu korrumpieren und zu zerstören.„MonstersOnTheHill“und „BigTroublesComeInThroughASmallDoor“heißen die Tracks zur Apokalypse zum High-Tea. Nichols ätzt mit seinen Worten, singt aber, als gehe es in diesen Songs um hübsche Quilt-Muster. Dazu kommen melancholische Bläser und seufzende Streicher, und Martin Duffy spielt eine Orgel, als habe er seinen Job nicht bei den UK-Indies Felt und Primal Scream gelernt, sondern in den Südstaaten. Nichols‘ sanfte Coverversion des aussagekräftigen Folksongs „IHateTheCapitalistSystem“von Barbara Dane rundet das Album ab: In dieser Gemütlichkeit steckt der Aufruhr.

???? André Boße

Ami Dang The Living World’s Demands

Phantom Limb (VÖ 4.11.)

Die Komponistin kombiniert ihren elektronisch unterfütterten Sitar-Pop mit Sozialkritik.

Beinahe fünf Jahrzehnte ist es her, dass Sitar-Klänge Einzug in westliche Pop- und Rock-Musik hielten. Doch handelte es sich um einen kurzlebigen Trend, in dessen Rahmen Bands – angefangen mit den Beatles – das Instrument vor allem exotistisch als Ornament einsetzten. Die Komponistin Ami Dang integriert die Sitar wie auch Perkussionselemente wie die Tabla in ihre klanglich komplexen und doch – weitgehend zumindest – strukturell am klassischen Popsong oder tradierten Formen orientierte Stücke. Neben anderen Künstler*innen wie beispielsweise Only Now ist die US-Amerikanerin nicht die Einzige, die klassische indische Musik mit zeitgenössischen Produktionsmethoden vereint, doch sticht auf THE LIVING WORLD’S DEMANDS ihr Ansatz auf musikalischer wie inhaltlicher Ebene heraus. Dang verwebt Erzählungen über häusliche Gewalt in Indien mit Gedanken zu Einschnitten in die Reproduktionsrechte von Frauen in den USA genauso konzise, wie bei ihr Synths und Beats mit den Sounds akustischer Instrumente eine fruchtbare Synthese eingehen.

???? Kristoffer Cornils

Warhaus Ha Ha Heartbreak

Play It Again Sam/Rough Trade (VÖ: 11.11.)

Balthazar-Sänger Maarten Devoldere vergießt als Softpop-Solist ganz exquisite Tränen.

Der Liebesschmerz und die Musik, da liegt eine kreative Fruchtbarkeit drin, die schon Altmeister wie Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – 1230) zu schätzen wussten. Jetzt hat es also Maarten Devoldere (sonst Sänger der belgischen Indie-Rock-Band Balthazar) erwischt, der auf dem ersten Album seines Soloprojekts Warhaus WE FUCKED A FLAME INTO BEING noch auf unkonventionelle Weise zu zündeln verstand, sich dann aber offenbar schwer die Finger verbrannt hat. Also ab in die Hitze Palermos, drei Wochen im Hotelzimmer einbunkern, und den ganzen Schlamassel in zehn Songs gießen. Die wiederum hätten eigentlich auf einer minimalistischen Singer/Songwriter-Platte landen sollen, erklingen nun aber auf dem dritten Warhaus-Album HA HA HEARTBREAK in einem Sound, wie er voller und toller kaum sein könnte. Man hört schwelgerisch Symphonisches zwischen Soft-Pop, Motown-Soul und Tindersticks, hört mal smooth, mal schwül, mal sinister dahintänzelnde Grooves, die von energetischem Brass-Geschmetter und wilden Funk-Gitarren-Exzessen durchbrochen werden – und dabei auch eindrucksvoll demonstrieren, dass man bei aller Schmerzverarbeitung musikalisch nicht zwingend zum Trauerkloß mutieren muss.

Gute Quote: 3 Wochen Hotel, 10 Songs.

????* Martin Pfnür

Nick Hakim Cometa

PIAS/Ato/Rough Trade

Ein Supersinger/Songwriter grüßt von einer erfolgreichen Zeitreise in die goldenen 1970er-Jahre.

Wenn Nick Hakim drei Wünsche frei hätte, und die ersten beiden hätten sich schon erfüllt, würde der Amerikaner sich vielleicht noch wünschen, dass er als Songwriter mit seinen Stücken einmal in die 1970er-Jahre reisen könnte. So zwischen den Trips, die er sowieso schon hinlegt von Texas nach North Carolina, von dort nach Kalifornien und New York und wieder zurück, das sind die Orte, an denen das fabelhafte Album COMETA entstand. Hakim hätte in den Seventies inmitten all der Supersinger/Songwriter und deren coolen Produktionen eine Extra-Position einnehmen können. Er kann nicht nur Songwriting, sondern weiß die Recordings in einen sehr gut organisierten Soul-,Psych-, Gospel- und Noise-Zusammenhang zu stellen. Und wenn seine Stimme sanft drüber zieht, wird’s ein Gedicht (lesens- und hörenswert der Einstieg„Ani“).Die akustische Gitarre stürzt bisweilen wie aus einem Homerecording in diese Musik, die Chöre und Keyboards stützen das Gebäude aber gut ab. Da passt alles und hat reichlich Luft. Und 2022 hören wir das Saxofon wieder so gerne, hier im besten Club-Sound auf „OnlyOne“.

????? Frank Sawatzki

Neil Young & Crazy Horse World Record

Reprise/Warner (VÖ: 18.11.)

Rick Rubin destilliert den Rumpelrock der Legende und Begleitband auf die Essenz.

These: Rick Rubin kann vor allem eins, er destilliert als Produzent einen Künstler auf seine Essenz. Wenn diese These stimmt, dann müsste auf WORLD RECORD der grundsätzlichste Neil Young aller Zeiten zu hören sein. Was man sagen kann: Zu hören ist auf jeden Fall der konzentrierteste Young seit einiger Zeit. Die elf Songs sind allesamt durchkomponiert und stringent arrangiert, obwohl auch dieses 42. Studioalbum des mit dem Alter immer fideler werdenden Endsiebzigers – wie alle Alben von Young mit Crazy Horse – live eingespielt wurde, aber halt nicht wie zuletzt auf BARN in der eigenen Scheune, sondern in Rubins Studio in Los Angeles. Aber hier franst nun – abgesehen vom 15-minütigen, aber ziemlich großartigen, an„CortezTheKiller“erinnernden „Chevrolet“– kaum etwas aus, finden die Songs schnell zum Punkt und verlieren sich auch nur selten in Improvisationen, egal ob typischer Crazy-Horse-Rumpelrock, HARVEST-taugliche Country-Ballade oder gemütlicher Folk-Walzer mit Mundharmonika-Einlage.

Zu hören ist auf jeden Fall der konzentrierteste Neil Young seit langer Zeit.

Konsequent auch das Konzept: Wieder einmal widmet sich Young dem Lieblingsthema seines Alterswerks und versucht Greta Thunberg Konkurrenz zu machen:„LoveEarth“,„ThisOldPlanet(ChangingDays)“oder „TheWorld(IsInTroubleNow)“verraten schon im Titel, was Young umtreibt. „No more war, only love“, singt der Männerchor hoffnungsvoll in „WalkingOnTheRoad(ToTheFuture)“.Dass er – egal, ob er Parolen dichtet, sich in einen Vogel hineindenkt oder Zeitungstitelseiten sichtet – an die drängendsten Fragen der Menschheit mit einem eher naiven Blick herangeht, auch das gehört nun mal zur Essenz von Neil Young.

????* Thomas Winkler

Mehmet Aslan The Sun Is Parallel

Planisphere Editorial (VÖ: 11.11.)

Vom Dancefloor ins gleißende Sonnenlicht: Der Wahlberliner findet Assoziationsräume jenseits der Clubtoilette.

Einst Resident-DJ im Basler Club Hinterhof, wohnt Mehmet Aslan schon einige Jahre in Berlin. In seinen Tracks, die sich bis dato meist zwischen Techno und House bewegten, verarbeitet er zwischen den Kicks, Snares, Hi-Hats und Basslines auch das musikalische Erbe seiner türkischen Wurzeln. Als Musterbeispiel gilt etwa die hypnotische Tech-House-Nummer„MechanicalTurk(CourtesyofKarpovNotKasparov)“von 2014. THE SUN IS PARALLEL hingegen geht noch einen Schritt weiter und versteht sich als astreines Konzeptalbum, das um den irdischen Lichtspender kreist. Dass Aslan dieses Mal mehr will als zum Tanzen zu animieren, zumindest nicht nur auf dem Dancefloor, beweist schon „Domo“an zweiter Stelle: Ein organischer Breakbeat aus dem Schlagzeug und harmonische Gitarrenbegleitung machen größere Assoziationsräume auf als die Clubtoilette. Ebenso „TangerineSun“,das mit staubtrockenen, psychedelischen Gitarren im Sonnenlicht sirrt. Dazwischen schieben sich zur Beruhigung auch mal Ambient-Interludes wie das interessant betitelte „ThereIsNoSuchThingAsHerkunft“.

???? Maximilian Fritz

Laura Jean Amateurs

Chapter Music/Cargo

Die Singer/Songwriterin verkleidet brutale Ehrlichkeit mit kammermusikalischen Ornamenten.

Schöner Coup: Gleich im Einstiegssong sind zwei hochkarätige Kolleg*innen aus Down Under zu Gast. Unaufdringlich mischen sich die Stimmen von Aldous Harding und Marlon Williams in Laura Jean Englerts Erzählung über ihre schwierigen Jugendjahre. Auch an anderer Stelle stimmen beide mit ein – und hinterlassen Spuren auf dem sechsten Album der Australierin: Die Harmonien im Titelsong oder in„FolkFestival“könnten auch von Hardings letzten Werken stammen. Was nicht bedeutet, dass Englert Schützenhilfe nötig hat. Die selbsternannte Amateurin legt erneut ein ausgefeiltes Werk vor, das nach dem Synthie-lastigen Vorgänger DEVOTION (2018) wieder näher an den kammermusikalisch orchestrierten Folk früherer Tage heranrückt. Doch verleiht Laura Jean diesem mal robustes Heartland-Flair, mal den Schimmer von 70er/80er-Jahre Songwriter-Pop. Auch setzt sie sich neuerdings gerne ans (E-)Piano. Manchmal kippt die Schönheit ins Betuliche. Doch Englerts charakteristische Freimütigkeit ist entwaffnend: „When I was 17, my mother couldn‘t handle me / She called for help / No one came“, singt sie unisono mit Marlon Williams im eingangs erwähnten „TeenageYears“.Und das geht ganz schön ans Herz.

???? Nina Töllner

Big Joanie Back Home

Third Man/Cargo

Das Londoner Trio baut aus Grunge und Synthie-Pop eine ganz eigene Version von Punk.

Völlig plausibel, dass Big Joanie in Vivien Goldmans Buch „Rache der She-Punks“ als eine der wichtigsten Bands der aktuellen feministischen Punkszene genannt werden: Als Schwarze queere Frauen im Rockbusiness sind Stephanie Phillips, Estella Adeyeri und Chardine Taylor-Stone quasi automatisch ein politisches Statement. Musikalisch lassen sich Big Joanie vor keinen Karren spannen – und übertrieben eilig haben sie es auch nicht: Die Band gründete sich 2013, vor vier Jahren erschien ihr Debütalbum SISTAHS. Auf BACK HOME präsentieren sich Big Joanie, die schon mit Bikini Kill und St. Vincent auf Tour waren, als gereiftes Trio, das mit großem Selbstvertrauen zur Sache geht. Der Sound ist schwer (aber nicht schwerfällig!), Bass und Schlagzeug bilden eine dunkel grollende Bluesrock-Basis, über die sich Grunge- und Postpunk-Gitarrenriffs und Philips‘ nasal-gedehnte Vocals legen. Die lebhafte Gitarrenmelodie des explizit lesbischen Liebeslieds„InMyArms“erinnert an The Cure, während das ironische „HappierStill“Alternative Rock à la Skunk Anansie zitiert. Big Joanie sind aber auch große R’n’B- und Synthpop-Fans, was sie auf der Single „Sainted“zeigen. Big Joanie ruhen in sich, weil sie wissen, dass mit ihnen die Revolution kommt. Dafür müssen sie nicht mal rumschreien.

Schwarz und queer im Rock, das ist schon ein Statement.

????? Christina Mohr

Helen Ganya Polish The Machine

PIAS/Bella Union/Rough Trade (VÖ: 18.11.)

Synthetischer Drama-Pop zwischen Kunst und Künstlichkeit.Auf den ersten Blick ein banales Foto, auf den zweiten eine surreale Komposition: Aus dem Inneren des Hauses funkelt ein Sternenhimmel, eine ins Gespenstische gephotoshopte Helen Ganya steht auf der Schwelle. So surreal und sophisticated wie das Cover ihres dritten Albums POLISH THE MACHINE klingt auch der sich darauf befindende Pop, den Ganya ungeniert mit Ohrwurmhaftigkeit ausgestattet hat. Ihr Album sei voller „suburban Nightmares“, behauptet die aus Brighton stammende Musikerin, und man glaubt es ihr aufs Wort, gleich beim ersten Song „IWillHoldThatHandForYou“.Innerhalb eines irritierenden elektronischen Gesamtgefüges klopft die Rhythmusmaschine einen pittoresken Cha-Cha-Cha, während Ganya eindringlichst den Songtitel im Ohr des Hörers verankert. Die Single „Afterparty“schraubt sich hoch in ein immer dichter werdendes, in theatralischem Bombast mündendes Crescendo, aus dem es nur einen Ausweg gibt: ein pompöses Finale mit bedrohlichen Bläsern. Das klingt so, als ob man Kate Bushs „RunningUpThatHill“mit Brian Eno und dem schwedischen Act Iamamiwhoami in ein Yamaha-Keyboard gesperrt hätte. Tatsächlich wurden einige Songs aus dem gleichen Holz wie Kate Bushs Mitte-Achtziger-Werk geschnitzt, wenngleich sie sonisch und inhaltlich vollkommen heutig sind. Ganya weiß, wie dramatische Popherrlichkeit funktioniert. Und wie man ein paar Albträume in sie hineinpflanzt.

???? Michael Prenner

Ghost Car Truly Trash

One Little Independent/Indigo

Die überdrehte Gitarrenmusik der vier Londonerinnen klingt zwar sauer, aber lustig.

Eine der schlechteren Angewohnheiten von Musikpresse und -fans ist der Reflex, vorschnell allen weiblich besetzten Bands, die Gitarren quälen und wütend auf irgendwas sind, einen vom Riot-Grrrl-Rock der 90er beeinflussten Sound zu bescheinigen. In vielen Fällen ist da wenig dran – im Falle von Ghost Car, die aus Valencia kommen und nun in London residieren, aber umso mehr. Was vor allem an Maria Paton liegt, Sängerin der All-Girl-Punkband. Paton nämlich hat das sauer-süße, überdrehte Hochspannungslamento von Kathleen Hannah, die erst mit Bikini Kill und schließlich mit Le Tigre feministische Musikgeschichte schrieb, so gut drauf wie sonst nur Kathleen Hanna. Mehr produktionsbedingte Wucht als die meisten der bewusst dilettantischen Sounddokumente aus Zeiten der Riot-Grrrl-Bewegung haben die Songs auf TRU-LY TRASH allerdings schon, auch sonst verlassen Ghost Car gern mal den Schrammelpfad und führen ihre Gitarrenmusik auf Abwege. Dann klingt das Ganze schon wieder gar nicht nach Frühneunzigerwut, sondern mal nach Netzhemd-Glam, mal nach Garage-Psychrock, mal nach Girlgroupsound im Post-Punk-Gewand. In jedem Fall aber: fantastisch biestig und spaßig.

????* Julia Lorenz

Radar S. 21, CD im ME S. 3

Tom Skinner Voices Of Bishara

Brownswood/Rough Trade

Gute Nachrichten: Der Londoner Drummer hat eine ganze Supergroup zum spirituellen Kammerjazz-Trip geladen.

Das Albumcover lädt zu einem Suchspiel ein: Lassen sich in dieser Komposition aus Haarlinien und Punkten vielleicht die Züge eines Gesichts mit Augen, Nase und Mund ausmachen? Das, was der Drummer, Komponist und Produzent Tom Skinner hier mit einer frisch zusammengebrachten Allstar-Studio-Band auf ein Album getragen hat, kommt einer Forschungsreise gleich durch das Dickicht aus Improvisation, Kammermusik und Jazz, auf der Suche nach einem Raum, der Abstraktion und Präzision gleichermaßen Platz bietet. Nicht lange suchen muss man nach den Orten, an denen Skinner bislang Spuren hinterlassen hat als Mitglied von Shabaka Hutchings Sons Of Kemet, Alabaster DePlumes GOLD-Ensemble und zuletzt im Trio The Smile mit Thom Yorke und Jonny Greenwood. Auf VOICES OF BISHARA nimmt Skinner jetzt eine Supertruppe mit auf seinen spirituellen Trip, bestehend aus Hutchings (Tenorsax und Bassklarinette), Nubya Garcia (Tenorsax und Flöte), Kareem Dayes (Cello) und Tom Herbert (Bass). Im Titel-Track„Bishara“wirft es Drummer und Band aus ihnen gemeinhin zugeschriebenen Bahnen; eine fulminante Entwicklungsmusik, die eine Geschichte zu erzählen scheint, auf einer Cello-Bass-Spur beginnend und mehr und mehr in einen Strudel geratend, sich frei strampelnd, zum Finale Drum-Dubs. In diesen fünfeinhalb Minuten ist schon alles drin: von feinen individuellen Erkundungen bis zu kollektiven Glücksspuren. Inspiriert worden ist Skinner von Abdul Waduds Solo-Cello-Album BY MYSELF, das 1978 auf dem Label Bisharra Records erschien. Das Wort stammt aus dem Arabischen und bedeutet in etwa „gute Nachrichten“.

Wie eine Forschungsreise durchs Dickicht.

????? Frank Sawatzki

Kid Cudi Entergalactic

Label

Sehr viel besser als der Film dazu sind die Feel-Good-Vibes auf schwerelosen HipHop-Beats.

Vor dem Release musste der amerikanische Rapper und Gelegenheitsschauspieler Kid Cudi auf Twitter erst einmal klarstellen, dass es sich bei ENTERGALACTIC um ein vollwertiges Album handelt – und nicht nur um den Soundtrack zum gleichnamigen und parallel erscheinenden Netflix-Film. Die animierte Liebeskomödie erzählt von dem New Yorker Graffiti-Künstler Jabari, der einerseits kurz vor seinem großen Durchbruch steht, sich andererseits aber auch gerade von seiner Freundin getrennt hat und sich in die neue Nachbarin verliebt. Was banal klingt, ist auch tatsächlich die substanzlose Aneinanderreihung fader Klischees und postpubertärer Witze, die nur gelegentlich durch ausdrucksstarke und lebendige Animationen gerettet wird – und durch die Musik von Kid Cudi. Denn die ist wirklich gelungen, was auch daran liegt, dass sich Kid Cudi auf Songs wie„DoWhatIWant“,„NewMode“oder „IgniteTheLove“von seiner eigenen Biografie und seinen üblichen Themen (Mental Health, Herzschmerz, Drogensucht) löst und einen optimistisch-leichten Sound der Unbeschwertheit entwirft – der dem sonst so schwermütigen Rapper gut steht. So lässt sich sagen: Der angelaufene Film ist bedeutungsloses Beiwerk zum erfrischend munteren Musikalbum.

???? Benedikt Kendler

Hawa Hadja Bangoura

4AD/Beggars/Indigo

Die New Yorker Produzentin und Sängerin verbindet eine klassische Ausbildung und unglaubliche Pop-Sensibilität zum zukunftsträchtigen Afro-Art-R’n’B.

Nehmen wir irgendeinen Track, weil alle großartig sind, aber nehmen wir halt„Gemini“.Ein unbestimmtes Grummeln im Hintergrund, ein Hmhm, noch ein Hmm und plötzlich gibt es einen Rhythmus, bevor Hawa beginnt zu singen, eine Melodie, die zugleich afrikanisch klingt und soulig, vielleicht rappt sie auch eher, auch das bleibt unbestimmt, während immer mehr gesampelte Stimmen ineinanderfließen, alles wächst weiter, wird unübersichtlich, und ehe man es sich versieht, umfängt einen dieses wundervoll komplexe und zugleich eingängige Gebilde – und ist nach einer Minute und 46 Sekunden auch schon wieder vorbei. Wenn man will, kann man auf den elf Tracks ihres Debütalbums HADJA BANG-OURA hören, dass Hawa vor 22 Jahren in Berlin geboren wurde, in Guinea aufwuchs, als Teenager nach New York kam und klassisch ausgebildet wurde, bevor sie Rap und R’n’B entdeckte. Man kann aber auch einfach sagen: Niemand geht gerade so diffizil mit Klängen um, niemand schraubt dermaßen fantasievoll am Sampler, niemand lässt die Rhythmen so aus dem Takt stolpern, fängt sie wieder ein und berichtet wie nebenbei auch noch aus dem Innenleben einer homosexuellen und Schwarzen Existenz zwischen Afrika und Amerika, ohne aber auch nur geringste Abstriche am Popappeal hinzunehmen. Oder, anders gesagt: Hawa ist als Produzentin vielleicht noch kein Timbaland, ihre Musik ist vielleicht noch nicht ganz so fantasievoll wie die von Björk, und noch ist sie vielleicht auch kein Star wie Beyoncé. Noch.

Hawa ist noch kein Timbaland. Noch.

?????* Thomas Winkler

Radar S. 20

rRoxymore Perpetual Now

Smalltown Supersound/Cargo

Wie lange dürfen Clubtracks denn dauern, bevor sie langweilig werden? Gern eine Ewigkeit.

Nur vier Tracks versammelt rRoxymore – das ist kein Tippfehler, man schreibt die DJ und Produzentin tatsächlich so – auf ihrem zweiten Album PERPETUAL NOW. Der Titel nimmt bereits vorweg, was die in Berlin ansässige Französin vorhat: Jede der eigenständigen, zwischen sieben und 15 Minuten langen Klanglandschaften lotet aus, was Clubmusik eigentlich bedingt und wie weit sie von der Norm abweichen darf. Wo liegen die in Stein gemeißelten Grundpfeiler? Wie lange dürfen Tracks dauern, bevor sie langweilig werden? Wie viel Abwechslung vertragen sie? Diese Fragen beantwortet Hermione Frank mit Stil und Ausdauer.„SunInC“verzichtet komplett auf eine gleichmäßig pulsierende Kickdrum, labt sich an ihren unsteten Schlägen. Dazwischen flammt immer ein Fitzelchen Tanzbereitschaft auf, spätestens ab Einsetzen der Bläser ist aber klar: rRoxymore, die übrigens auch ganz formidable Musik für den Dancefloor produzieren kann, macht hier ihr sehr eigenes Ding.

????* Maximilian Fritz

Klingt wie:Barker: UTILITY (2019) / Efdemin: NEW ATLANTIS (2019) / Bergsonist: MIDDLE OUEST (2020)

Mount Kimbie MK 3.5: Die Cuts | City Planning

Warp/Rough Trade

HipHop hier, Avant-Techno dort: Dom Maker und Kai Campos machen ihr jeweils eigenes Ding.

Mount Kimbie waren die Stars der Post-Dubstep-Ära, schwenkten schließlich auf Postpunk um und machen mittlerweile keine gemeinsame Sache mehr, das aber immerhin zusammen. Wie bitte? Genau. MK 3.5: DIE CUTS | CITY PLANNING ist ein zweigeteiltes Album: Dom Maker beweist sich auf der einen Seite als Beatproduzent für unter anderem Slowthai & Danny Brown oder James Blake – Kai Campos auf der anderen sein neu gefundenes Faible für avantgardistischen Techno. Wie das zusammenpasst? Der Titel drückt es bereits aus: höchstens so halb. Und doch spielen beide ihre jeweiligen Stärken zur Gänze aus, knüpfen die Doppelhelix der DNS von Mount Kimbie auf. Der eine Strang: bouncende Grooves, die sich ganz in den Dienst freundlichen Klangspielereien oder der Vocal-Features stellen. Der andere: bollernde Kickdrums, die von mal rumorigen, mal euphorischen und aber immer ungewöhnlichen Sounds umsäumt werden. Beide funktionieren selbst kaum als Album an sich. Vielleicht aber mussten die beiden eine letzte gemeinsame Vertragspflicht erfüllen, bevor sie – bestimmt vielversprechende – Solo-Karrieren starten.

???? Kristoffer Cornils

Red Hot Chili Peppers Return Of The Dream Canteen

Warner

Nachgefasst: Das zweite Funk-Pop-Monster in einem Jahr.

Das letzte Mal, dass eine Stadion-Rockband über 150 Minuten neues Material vorstellte, war 1991, als Guns N‘ Roses simultan die beiden USE YOUR ILLUSION-Alben präsentierten. Die mit Rückkehrer John Frusciante sowie Produzenten-Guru Rick Rubin wiedererstarkten Red Hot Chili Peppers gönnen dem Hörer wenigstens ein halbes Jahr Pause zwischen dem formidablen Vorgänger UNLIMITED LOVE und dem ebenfalls 17 Songs starken Nachfolger. Tonal sind die Unterschiede ebenfalls marginal. Auch RETURN OF THE DREAM CANTEEN wartet mit der richtigen Mischung aus Funk-verrückter Hibbeligkeit und Hit-verträglicher Hymnik auf und steht dem Vorangeschickten qualitativ in nichts nach. Vom trippigen„TippaMyTongue“,dem feinfühligen Van Halen-Tribut „Eddie“mitsamt seines flirrenden, sämtliche Hard-Rock-Gitarrengötter-Techniken kanalisierenden Frusciante-Solos, Kiedis‘ assoziativer Beat-Lyrik („MyCigarette“),veritablen Hits („Roulette“,„TheDrummer“)und vermehrten Bläser-Einsätzen ziehen die Red Hot Chili Peppers erneut sämtliche Register. Das alte Argument, ein einziges, auf (offensichtliche) Höhepunkte reduziertes Album wäre mehr gewesen, greift damit auch hier nicht: Bei solch stimmiger Grundsubstanz beschert einem das Doppel-Füllhorn doch nur eine höhere (individuelle) Ausbeute an neuen Peppers-Lieblingssongs.

Erneut ziehen die Red Hot Chili Peppers alle Register.

????* Frank Thiessies

5 FRAGEN AN STELLA SOMMER

Die Heiterkeit, Die Mausis oder als Solistin – woher weißt du bei einer Songidee, in welches Projekt es einsortiert gehört?

Ich überlege mir im Vorfeld, für was ich schreiben will und mache das dann gezielt. Und bei den meisten Sachen ist es ja eh klar, wo sie hingehören. Es müsste schon einiges passieren, damit sich ein Lied über Käse auf eines meiner Soloalben verirrt.

WelcheRollespieltdasmusikalischeErbederLaurel-Canyon-Ärafürdich?

Ich mag grundsätzlich fast alles aus den 60ies und dementsprechend mag ich natürlich auch die Musik aus der Laurel-Canyon-Ära, muss aber auch sagen, dass mich andere Sachen grundsätzlich mehr beeinflusst haben.

DuhastdasAlbumselbstproduziert,waswardabeidergrößteUnterschiedzurbisherigenArbeitsweisemitanderenProduzenten?

Der größte Unterschied war, dass man bei der Aufnahme selbst niemanden hatte, der einen beruhigt. Man schlägt sich da ja oft mit Unsicherheiten rum und hält sich mit Kleinigkeiten auf, die im großen Ganzen gar nicht ins Gewicht fallen. Da ist es immer ganz gut, wenn jemand anderes sagt: „Nein, das ist gut so und das kann man machen“, um die eigenen Nerven zu schonen.

Mit24StückenistdasAlbumbemerkenswertlang.VermisstdudieKunstformdesDoppelalbumsoderkannstdueinfachnichtzumEndekommen?

Na ja, ich glaube das Format Doppelalbum ist genauso veraltet wie das Format Album an sich. Zum Ende kommen kann ich eigentlich schon, die letzten beiden Alben waren sehr kompakt und durchkomponiert. Dieses Mal ging es mir aber darum, auch abseitigeren Liedern Platz zu geben.

NurdieSingleswerdenaufStreamingportalenzuhörensein,nichtdasganzeAlbum.Warum?

Streamingportale sind gut für Singles. Da geht es dann darum, in Playlisten zu kommen und den Algorithmus zu triggern. Niemand wird sich auf Spotify hinsetzen und ein Album mit 24 Songs hören. Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Album und meine Songs davor schützen muss, schnell konsumierbarer Müll im Internet zu sein. Man kocht ja auch kein Drei-Sterne-Menü, um es dann bei McDonald’s zu servieren. Dazu kommt noch, dass ich finanziell gar nichts davon habe, mein ganzes Album da hochzuladen. Lediglich die Singles kommen, wenn man Glück hat, in irgendwelche Playlisten und generieren dann Streams in einer Höhe, wo man zumindest ein bisschen was davon hat. Aber mit einem durchschnittlichen Album-Track verdiene ich, wenn es hochkommt, bei Spotify 50 Euro. Das ist nicht mal das, was man dafür bezahlt, das Lied mastern zu lassen.AIBA

Platte des Monats: Besprechung auf S. 64

Sophie Jamieson Choosing

PIAS/Bella Union/Rough Trade (VÖ: 2.12.)

Whiskey am Strand ist noch das geringste Problem der Singer/ Songwriterin aus London.

Es geht um Löcher in der Erinnerung, um Liebe und Streit, Blut läuft übers Laken, am Nachmittag wird Whiskey am Strand getrunken, die Songs heißen„Sink“oder „Violence“,sie handeln immer wieder von Alkohol und dunklen Nächten. „I’m starving“, singt Sophie Jamieson, oder sie wundert sich, wenn auch im Songtitel ohne Fragezeichen: „WhoWillIBe“.Ja, es geht darum, sich selbst beim Untergehen zuzusehen, es geht ums Sichverlieren und den Verlust anderer. Vor allem aber geht es auf CHOOSING, dem Debütalbum der Londoner Musikerin, um ihre Stimme, die viel mehr erzählt als die Worte, die sie herauspresst, stöhnt, brummt, knurrt. Nein, die Singer/ Songwriterin ist keine Vokalakrobatin, aber sie gibt allen Wunden und Narben einen eigenen Ton. Folgerichtig wird diese Stimme nur vorsichtig von Musik begleitet, von sparsamen Gitarren, von gelegentlichem Piano. Es gibt Popmusik, die ihren Reiz daraus bezieht, dass man jemandem ganz nah rücken kann. So nah wie Sophie Jamieson durfte man lange niemand mehr kommen.

?????Thomas Winkler

Radar S. 21

Horse Lords Comradely Objects

RVNG Intl./Cargo

Ein fantastischer Ritt zwischen Rock und Minimal Music.

Die COMRADELY OBJECTS im Albumtitel berufen sich auf eine Studie zum Design des russischen Konstruktivismus, die die Historikerin Christina Kiaer vor knapp 15 Jahren veröffentlicht hat. Die von den Horse Lords hier vorgestellten Objekte oder Arbeiten sollen kollektive und egalitäre Ideale im Sinne der Konstruktivisten unterstützen, es gehe ihr um den intensiven Umgang mit Material, so drückt es die Band aus. Auf ihrem fünften Longplayer, der nach einer längeren Live-Strecke im Proberaum in Baltimore entstanden ist, befördern die Amerikaner Ideen der russischen Avantgarde gewissermaßen in ein Rock-Schema. Die Horse Lords spielen im klassischen Rock-Format, nur dass ein Saxofon den Gesang ersetzt und die Elektronik den Ton im Drone angibt. COM-RADELY OJECTS, ein Tempel der Abstraktion und Textur-Diskurse für ein akademisches Publikum? Vom ersten Moment an gibt die Band ihren Tracks aber auch einen rhythmischen Drive, der diese Musik ganz woanders hin zu katapultieren vermag. Das 14-sekündige Keyboard-Intro auf„MessMend“paraphrasiert den Einstieg, den die Happy Mondays für ihren Rave-Hit „StepOn“wählten, im Laufe der nächsten vier Minuten verknäulen die Horse Lords ihre Klangelemente in einem ekstatischen Tanz mit Afrobeat-Referenzen – bis die Elektronik die Gitarren zum Finale hin verschluckt. In dieser Dynamik gelingt momentan kaum einer anderen Band der Austausch zwischen Konstruktion und Jive – unter sehr intensiver Arbeit im Mikrotonbereich übrigens, der Lust an Mantra und an der Minimal Music. Pardon, der Griff ins Bilderbuch für Pferdeliebhaber muss hier doch mal sein: Ein fantastischer Ritt.

?????* Frank Sawatzki

Klingt wie:Don Caballero: WHAT BURNS NEVER RETURNS (1998) / Tera Melos: DRUGS TO THE DEAR YOUTH (2007) / Battles: LA DI DA DI (2015)

Tokio Hotel 2001

Epic Local/Sony (VÖ: 18.11.)

Back to the roots? Nicht wirklich. Die weitgereisten Magdeburger spielen Retro-Adult-Pop.

Ein bisschen wirkt es so, als hätten Tokio Hotel aufgegeben. Als hätten sie kapituliert vor allen, die immer noch das alte Zeug hören wollten, den Bestrebungen der Band zum Trotz, sich mit schick produzierten Alben wie DREAM MACHINE vom Teenieruhm (und der Klatschblatt-Dauerpräsenz der Hälfte ihrer Belegschaft) freizuschwimmen. Allen Ernstes eröffnen sie ihre neue LP also nun mit„DurchdenMonsun2022“.Die Reprise ihres größten Hits klingt wertig und luftig, in etwa so, wie man sich als 16-Jähriger eine Designerküche vorgestellt hat. 2001 heißt das zugehörige Album, benannt nach dem Gründungsjahr der Magdeburger Band, aber es bietet: Adult Pop im besten Sinn. Schöne, elastische Electrosongs wie „HappyPeopleMakeSad“.Nullerjahre-Nostalgienummern wie „WhenWeWereYounger“,die sich anhören wie MGMT ohne Acid. Dazu Schmuselieder, die zum Glück nie so deutschpoetisch, nie so provinziell klingen wie beim Gros ihrer Kollegen in diesem Land – und das nicht, weil Tokio Hotel auf Englisch singen und seit Jahren in Berlin und L. A. residieren. 2001 ist Pop, der in seinen schlechtesten Momenten egal ist, in seinen besten ziemlich toll. Nur „DurchdenMonsun“hätte nicht wirklich noch mal gemusst.

??? Julia Lorenz

Blind Date S. 16

Drugdealer Hiding In Plain Sight

Mexican Summer/Membran

Retroselig, ja, aber dann eben auch Pop mit Herz.

Wie viele potenzielle Fans Mike Collins durch die Lappen gegangen sind, weil sein Künstlername nur wenig mit seiner Musik zu tun hat? Gut, Drogen besaßen in Soft- und Yacht-Rock der 70er-Jahre essenzielle Bedeutung, doch assoziiert man Drugdealer mit anderen Klängen als diesen entspannt-komplexen und milden Psychedelic-Pop-Entwürfen des Kaliforniers. Sein drittes Album HIDING IN PLAIN SIGHT ist ein weiterer Schritt zur Optimierung seiner Klangvorstellung. Niemand käme auf die Idee, beim„Madison“handele es sich um eine Aufnahme aus dem Jahr 2022, denn wenn der Protagonist ins „plane down to Mexico“ verfrachtet wird, hat man die seltsam colorierten TV-Bilder der 70er-Jahre vor Augen, nicht die digitalisierte Gegenwart. Seine Könnerschaft zeigt Drugdealer bei „Baby“,wenn der Soft-Rock an Dynamik gewinnt. Im Verlauf der Platte gibt es Anleihen an Soul, Funk und sogar Fusion – das Instrumentalstück „ToLiveAndDriveInLA“erinnert an die Musik, die zu Urzeiten nachts in den Musikmagazinen der ARD lief. Gut war auch die Idee, „PicturesOfYou“von der tollen Bedroom-Pop-Songwriterin Karin Bollinger singen zu lassen – denn so wird aus einem männlichen Nerd-Unternehmen eine nostalgische Popplatte mit Herz.

???? André Boße

Gabriels Angels & Queens -Part I

Parlophone/Warner

Das L.A.-Trio zeigt Retro-Soul seine gülden schillernde Zukunft.

Die Stimme: direkt ins Herz. Die Arrangements: üppig wie ein Drei-Sterne-Büffet. Die Songs: schöpfen souverän aus der Geschichte der Schwarzen Popkultur. Allerdings: Was unterscheidet die Gabriels aus Los Angeles von anderen Retro-Soul-Acts? Da muss man sagen: das Marketing. Das Trio aus Sänger Jacob Lusk, Chorleiter mit Casting-Show-Erfahrung, und den Produzenten Ryan Hope und Ari Balouzianaus hat es geschickt verstanden, sich mit einem antik-zeitlos wirkenden visuellen Erscheinungsbild, einer appetitmachenden Veröffentlichungspolitik aus Single- und EP-Häppchen und ein wenig Hilfe von Sir Elton John („eine der wegweisendsten Platten, die ich in den letzten zehn Jahren gehört habe“ über die Single„LoveAndHateInADifferentTime“)von der Konkurrenz abzusetzen. Auch das Debütalbum ANGELS & QUEENS kommt nicht gewöhnlich daher, sondern als PART I, dessen zweiter Teil in kommenden März erscheint, aber wichtiger: Es hält dem Hype stand. Die nur sieben Songs klingen allesamt wie Instant-Klassiker vom titelgebenden Funk-Epos mit Chic-Gitarre und Streichern bis zum abschließenden „Mama“,einer schmerzhaft zerbrechlichen Ballade mit Prince-Qualitäten. Der Kendrick-Lamar-Vertraute Sounwave hat produziert, die Songs sind verschwenderisch und vertrackt, aber niemals akademisch, die Seele geht auf Reisen und die Zukunft ist golden.

Die Songs: vertrackt, aber nie akademisch.

????? Thomas Winkler

CD im ME S. 3

Weyes Blood And In The Darkness, Hearts Aglow

Sub Pop/Cargo (VÖ: 18.11.)

Mit softem Folk geht es gegen die „Shitshow“ der Gegenwart.

Vögel zwitschern, ein Gewitter zieht in der Ferne auf, liebliche Gitarrenchords begleiten eine noch lieblichere Frauenstimme – eigentlich sollte Weyes Bloods Musik fast schon kariessüß sein. Eigentlich. Denn Natalie Mering aka Weyes Blood ist eine Meisterin des doppelten Bodens – ob sie nun über das Chaos singt, das wir Menschen auf der Welt veranstalten(„ChildrenOfTheEmpire“)oder das, was nach der Apokalypse übrig bleibt („TheWorst“),von der Liebe („AGivenThing“)und Männern, die nicht wissen, wann sie lieber still sein sollen („Grapevine“).AND IN THE DARK-NESS, HEARTS AGLOW ist das zweite Kapitel einer Trilogie, die mit dem Vorgängeralbum TITANIC RISING begonnen hat und beschäftigt sich mit der „Shitshow“, in der wir uns gesamtgesellschaftlich gerade befinden. Einsamkeit und das Internet, Instabilität und Stillstand, es liegt viel im Argen. Und anstatt darum herumzutänzeln, steigt Weyes Blood mitten rein in den geteilten Schmerz: „I’ve been without friends, I’ve just been working for years and I stopped having fun“, singt sie und bringt das Drama des Erwachsenwerdens auf den Punkt. Gibt es einen Weg aus dem Loop heraus? Weyes Blood weiß es auch nicht, aber nimmt uns an die Hand und mit auf die Suche.

????? Aida Baghernejad

Story S. 34, CD im ME S. 3

Str4ta Str4tasfear

Brownswood/Rough Trade (VÖ: 11.11.)

Gilles Peterson und „Bluey“ Maunick proudly present: eine Umrundung der Brit-Funk-Welt.

Was Gilles Peterson & Jean Paul „Bluey“ Maunick mit ihrem zweiten Stra4ta-Album hier auflegen, kommt einer Reise in 15 Kapiteln quer durch das Universum des Brit-Funk gleich. Dieser Trip reicht von den Vorläuferbands der frühen 80er-Jahre über die Urgründe des Acid Jazz (Maunick war Sänger und Gitarrist von Incognito und Peterson dessen beherzter Propagandist auf seinem eigenen Label Talkin’ Loud) bis in die freie Wildbahn des aktuellen Jazz, der hier von der großartigen Emma-Jean Thackray(„LazyDays“– Gesang und Produktion) vertreten wird. STR4TASFEAR ist – grundlegender noch – ein Album der Freundschaft, die den DJ, Produzenten, Labelmacher und den Musiker lange verbindet, gemeinsam ehren sie ihre Lieblingssounds. Großes Programmkino, ganz geschmeidig und mit zahlreichen Gästen (Anushka, Valerie Etienne, Rob Gallagher u.a.m.) und musikalischer Raffinesse hingelegt – die Herren verraten ihr Faible für spacige Synthie-Melodien und Electro-Soul, die Jazz-Biografien einiger Mitstreiter*innen werden deutlich hörbar. Damit ist Peterson und Maunick ein glänzendes Stück Crossovermusik gelungen, das trotz des Trips durch die Zeit beinahe zeitlos ausfällt.

????* Frank Sawatzki

Klingt wie:Freeez: SOUTHERN FREEZ (1980) / Incognito: INSIDE LIFE (1991) / Joe Armon-Jones: TURN TO CLEAR VIEW (2019)

Pogendroblem Alles was ich noch hab sind meine Kompetenzen

Audiolith/Zebralution (VÖ: 18.11.)

Deutschpunk mit Pfiff: Hilfe für die Genre-Sanierung aus Köln.

Es dürfte dieser Band öfter passiert sein, dass man sie nicht für voll genommen hat – beziehungsweise stattdessen für total voll. Das bleibt bei einem Namen wie Pogendroblem nicht aus, greift aber zu kurz, was besonders der Song„WiebetäubstDudich?“darstellt. Hedonismus und Rausch werden hier nicht verworfen, dennoch ist das in hundert Jahren kein Saufsong, das Stück macht einen größeren Kontext auf und landet trotz aller punkmäßiger Verknappung in Text und Form bei der Frage, wie weit Betäubung dem Leben in der Moderne nicht inhärent sein muss. Das soll aus dem Album ALLES WAS ICH NOCH HAB SIND MEINE KOMPETENZEN jetzt kein Soziologie-Seminar machen, möge eher sinnbildlich stehen für die Reflexionstiefe, die Pogendroblem anderen aktuellen Punkbands voraushaben. Dieses Plus wirkt sich zum Glück nicht negativ auf die Musik aus. Die klingt immer noch roh, zugänglich, unmittelbar. Ansonsten hat sich seit der letzten Platte, die schon etliche Jahre zurückliegt, einiges getan, Pogendroblem haben beispielsweise mittlerweile eine Schlagzeugerin. Außerdem bietet man stimmlich nicht mehr so sehr Turbostaat-Referenzen an, man fühlt sich dagegen öfter mal an die Goldenen Zitronen oder auch die Dead Kennedys erinnert. Vermutlich auch, weil alle 15 Stücke von einer dauernervösen Dringlichkeit durchzogen sind. Dazu kommt noch Verzweiflung, Kraft und Witz – das Ergebnis ist eine der wichtigsten und aufregendsten Punkplatten des Jahres.

????? Linus Volkmann

M.I.A. Mata

Island/Universal

Es ist kompliziert: Postmigrantischer Elektro-Rap zwischen Impfskeptik und Freiheitskampf.

M.I.A. zu lieben ist und bleibt eine Herausforderung: so revolutionär ihr maximalistischer Polit-Pop mit Samples und musikalischen Zitaten aus dem globalen Süden war, so problematisch äußert sich die britisch-sri-lankische Künstler*in öffentlich. Ihr politische Kritik mündete über die Jahre in Verschwörungstheorien und letztendlich auch in Impfgegnerterritorien. Einen Tag vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums am 14. Oktober fand diese Entwicklung einen Tiefpunkt, als sie nach der Verurteilung des US-Chef-Schwurblers Alex Jones in einem Tweet forderte, dass auch Prominente, die sich fürs Impfen ausgesprochen haben, verurteilt werden sollten. Kann man also so ein Album unvoreingenommen hören? Es ist kompliziert – aber gleichzeitig beweist M.I.A. mit ihrem mittlerweile sechsten Studioalbum, warum sie seit mittlerweile fast 20 Jahren eine stilbildende Ikone ist: MATA ist ein gleichermaßen eingängiges wie sperriges basslastiges Monster voller Zitate aus ihrem eigenen Schaffen(„ZooGirl“),Bollywoodzitaten („EnergyFreq“)und hypnotischen Dancefloorbangern („Popular“,eine Co-Produktion mit ihrem Expartner Diplo). Wohin geht also die Reise, M.I.A.? Hoffentlich wieder weg von Telegram und mit Macht zurück auf den Dancefloor.

Ein gleichermaßen eingängiges wie sperriges Monster voller Zitate aus dem eigenen Schaffen.

????* Aida Baghernejad

Connie Constance Miss Power

Play It Again Sam/Rough Trade

Die Indie-Pop-Newcomerin will viel. Vielleicht zu viel?

Ohne Empowerment-Hymne kommt heutzutage keine Pop-Platte einer Frau aus. Und Constance Rose Power, deren ausdrucksstarker Name nach dem Debüt ENGLISCH ROSE bereits zum zweiten Mal einen Albumtitel inspiriert, lässt in„Kamikaze“das Riot Grrrl von der Leine. „I‘m not your perfect little princess / Ihave my own unique vagina“, haucht sie und brüllt im nächsten Moment los: „What you know about being a girl?“ Es ist die Punk-Nummer auf MISS POWER, dessen loser narrativer Faden ein Feen-Wesen ist, das sich durch die Neuzeit schlägt, Euphorie und Ängste durchlebt. Constance Power wechselt dazu rasant die musikalischen Outfits. In „TillTheWorldAwakes“surft die Afro-Britin auf funkigen Indie-Gitarrenläufen zum euphorischen Stadion-Refrain. Der Titelsong ist knackiger Power-Pop, das anknüpfende „NeverGetToLoveYou“steigert sich von akustischer Intimität zur großen Hymne. Mit dem Spoken-Word-Monolog „YUCK!“erinnert Power an eine softe Tagebuch-Version von Kae Tempest oder eine introspektive Kate Nash. Bei allem Talent wirkt das Ganze etwas sprunghaft – wie eine Nummern-Revue mit übergestülptem Konzept, die Charts-tauglich, aber auch edgy sein will. Man würde sich wünschen, dass Miss Power sich ein wenig sortiert – und dabei ihren Sound eher aufraut, als ihn noch mehr zu glätten.

???* Nina Töllner

Leftovers Krach

Phat Penguin/Broken Silence

Die Wiener weisen dem Punk einen Ausweg in die Poesie.

Ok, jetzt heißt das Ding KRACH. „Hass“ hätte auch gut gepasst. Oder: „Abscheu“. Irgendwas Kurzes, was nicht so nett ist. Denn das ist dieses Debüt der Leftovers: kurze, krachige Songs über Hass, Abscheu und zwei, drei weiter wichtige, aber nicht nette Sachen wie„Angst“oder „Shizo“.Ja, das sind Songtitel. Andere sind „Kinderzimmer“oder „Hiroschima“und das ist kein Cover der Hippie-Schnulze. Und ja: Das hier ist Punk, das behaupten die Gitarren und das Voll-auf-die-Zwölf-Schlagzeug. Sänger, oder besser: Rumbrüller Leonid plädiert dafür, Wien und Berlin anzuzünden, er steht „gern im Regen mit ’ner Flasche Wein“ oder kauft „Blumen für deinen scheiß Balkon“. Wenn er sich frisch verliebt, gefällt es ihm ausdrücklich, wenn die Neue ihn anspuckt. So weit, so Punk, aber die Leftovers kämen nicht aus Wien, hätten sie nicht auch ein bisserl Schmäh drauf, und vor allem einen etwas schrägen Blick auf die Dinge und generell eine „Liebe zur Nonexistenz“. Ja, der Leonid ist nicht nur ein Brüller, der ist auch ein Dichter, dessen verschobene Zugänge zu den Punk-Themen Hass, Abscheu, Langeweile und Verlorenheit dann eben trotz der ganzen Brüllerei überraschend poetisch sind und gar nicht so sehr Punk.

????? Thomas Winkler

Radar S. 21, CD im ME S. 3

Röyksopp Profound Mysteries III

Embassy of Music (VÖ: 18.11.)

Das norwegische Electro-Pop-Duo schließt sein bisher ambitioniertesten Projekt ab.

Mit„SoAmbiguous“beginnt der letzte Teil der Röyksopp-Trilogie PROFOUND MYSTERIES. „Ambiguous“ kann man mit „zwiespältig“ übersetzen, einem Adjektiv, das gleich die Überschrift für das Projekt mitliefert. Svein Berge und Torbjørn Brundtland sind die Sache zu überambitioniert angegangen, mit zahlreichen Gastsänger*innen (u.a. Alison Goldfrapp und Susanne Sundfør), Visualisierungen und Videos zu den Songs und einem Sound, der immer „big“ sein möchte, aber oft zwischen allen Stühlen sitzt. So klingen die Songs auf PRO-FOUND MYSTERIES III mal nach Pet Shop Boys, mal nach Nils Frahm und können sich nicht entscheiden, in welche Richtung sie gehen wollen. Das Album ist immer dann gut, wenn die Positionierung der Songs eindeutig ist: „TheNight“etwa mit Gastsängerin Alison Goldfrapp als housiger Electro-Pop, oder „SpeedKing“als eine beinahe abstrakte Soundkonstruktion.

??? Albert Koch

Story S. 50

Plaid Feorm Falorx

Warp (VÖ: 11.11.)

Zwei IDM-Helden machen weiter wie gehabt: freundlich, trotzdem komplex, aber auch funky.

Andy Turner und Ed Handley sind so etwas wie die netten Onkels des Neunziger-Genres, dem der unglückliche Name Intelligent Dance Music, kurz IDM, verpasst wurde. Anders als die bekifften älteren Brüder (Autechre) oder der sonderbare Cousin (Aphex Twin) waren ihre Aktivitäten selten Schlagzeilen wert. Auch zeichnete sich ihr Sound durch eine Freundlichkeit aus, der ihn seiner Komplexität zum Trotz eingängig machte. FEORM FALORX ist ihr elftes Album und setzt dem verhältnismäßig kratzbürstigen Vorgänger POLYMER ein grooviges Grundgefühl entgegen. Tracks wie„Modenet“oder „Wondergan“klingen wie von einer KI komponierte Funk- und Disco-Tracks, mit „Nightcrawler“steuert Langzeitgefährte Benet Walsh unter seinem Pseudonym Mason Bee sogar aufreibende Gitarrenklänge zu einem energetischen Instrumental-Post-Punk/Rock-Stück bei. Aber es gibt da auch die ganz klassischen Plaid-Momente wie „C.A.“,„Bowl“oder „ReturnToReturn“:verspieltverzahnte Melodien und Rhythmen, absonderlich und doch einladend.

???* Kristoffer Cornils

John Moods The Great Design

Mansions & Millions (VÖ: 11.11.)

Der Wahlberliner entführt in die 80er-Jahre und entwirft dort ein Indie-Kaleidoskop.

John Moods tourte bereits mit Isolation Berlin und plant mit seinem dritten Album den Durchbruch als Indie-Künstler. Ansässig ist der Deutsch-Pole in Berlin, dem Puls der Zeit verweigert er sich mit seiner Musik aber bewusst. Moods versetzt uns auf THE GREAT DESIGN, das sich, so der Pressetext, mit der Gestaltung des Lebens auseinandersetzt, mindestens zurück in die Achtzigerjahre, teils auch in die Siebziger. Besonders die pastelligen Synth-Farben, die er immer wieder auftischt, reminiszieren aber Erstere. Symptomatisch dafür steht mit„AwfullyClose“eine verträumte Nummer gänzlich ohne Gesang, in der nicht nur eine sanfte Gitarre, sondern auch ein schwelgerisches Saxofon zum Einsatz kommen. Singt Moods, klingt er beispielsweise auf „SuchAThrill“durchaus wie der Teenie-Pop-Barde Wolf Gang. Für „AtlanticStation“,den extrovertiertesten Song, stand wohl New Orders „BlueMonday“Pate. Der Titeltrack hingegen kommt als Ballade mit gehauchten Vocals und wehmütiger Streicherbegleitung – Moods interessanteste Facette.

John Moods verweigert sich bewusst dem Puls der Zeit.

??? Maximilian Fritz

Zucker Zucker

Krokant Musik (VÖ: 11.11.)

Zu gut, um vergessen zu werden: Riot-Grrl-Electroclash, aus dem damals noch nichts geworden ist. Jetzt stimmt das Timing.

Timing ist alles und nichts: Als Chris Schalko und Pola Lisa Schulten Anfang und Mitte der 10er-Jahre in Hamburg Zucker durch die Stadt jagten – als ein Duo „zwischen Omnipräsenz und Nichtexistenz“, wie Kollegin Stella Sommer es definierte –, war die Szene der Hafenstadt fasziniert. Doch die Pläne, aus dem Momentum ein Album entstehen zu lassen, landeten in der gut gefüllten Schublade mit den „Platten, aus denen dann doch nichts geworden ist“. Bad Timing. Mittlerweile sind Schalko und Schulten als Solo-Künstlerinnen mit üppigem Portfolio unterwegs, was einen entspannten Blick auf das erlaubt, was man damals mit Zucker aufgenommen hatte. Und man sehe, höre und staune: Der Electro-Punk-Pop mit tollem Punch (Genrebegriff: Electroclash) ist zeitlos, die Texte über„Baby Borderline“oder „Trümmerfrauen“,über Depressionen, die geil machen, oder die Ansage „Neinheißtnein“sind heute viel gegenwärtiger, als sie es damals waren. Good Timing. Zu Beginn des Albums hauen Zucker raus: „Fickdichhart“– das kam bei den Gigs natürlich gut. Stärker sind aber die Momente der zweiten Albumhälfte, wenn die Liebe, die in dieser Musik steckt, den Hass von der Plattform schießt. „ReinesHerz“ist heruntergekühle Selbstliebe zu Minimal-Wave-Beats, „Lovematerial“ein Popsong, der den Lassie-Singers-Style im Electro-Wave verortet, „Schatten“ein intimes Lied, in dem sich deutscher Hochglanzpop, Neo-R’n’B und Deutschrap gegenseitig belauern.

???* André Boße

Klingt wie:Malaria!: EMOTION (1982) / Lassie Singers: DIE LASSIE SINGERS HELFEN DIR (1991) / Miss Kittin: FIRST ALBUM (2001) Story S. 10

Grafi Blüten und Frost

Geistermusik/Lauter Lauter/ The Orchard (VÖ: 25.11.)

Der Berliner Dark-Metal-Rapper buddelt tief im unbeleuchteten Teil des Friedhofs.

Gleich zum Einstieg: die volle Auto-Tune-Packung. So sehr jagt Grafi seine Stimme durch den allseits beliebten Effekt, dass man kaum noch versteht, was der Berliner Rapper auf seinem vierten Album BLÜTEN UND FROST so rappt – und das ist bei Rappern ja nicht ganz unwichtig. Andererseits: Man versteht dann doch noch ganz gut, dass es vor allem um Depressionen, das alltägliche Halloween, Hass, miese Laune, das eigene Ableben(„Mausoleum“)oder noch mehr Depressionen geht. „Ich kann die Menschheit nicht versteh’n, deshalb muss ich geh’n“, rappt Grafi, der da nicht zuletzt eine religiöse Erziehung verarbeitet, aber eher brüllt er es, denn spektakulärer als die Reime ist die Musik. Wu-Tang-Clan und Slipknot gibt Grafi als erste prägende Einflüsse an. Au ja, und deshalb gibt es immer wieder fröhlich auf die Zwölf. Mal ist bedeutungsschwangeres Wallen angesagt, im nächsten Moment dann knarzender Gitarrenlärm, „20Messer“endet in einer atonalen Kakophonie, und in „Skimaske“brüllt Grafi dermaßen über einem stupide bollernden Industrialrhythmus, dass selbst Atari Teenage Riot Angst kriegen könnten. Zwangsläufig erinnert das immer mal wieder schwer an Casper, aber Grafi findet seine eigene Nische – halt eine eher ungemütliche im unbeleuchteten Teil des Friedhofs.

???? Thomas Winkler

Carla Dal Forno Come Around

Kallista/Cargo (VÖ: 11.11.)

Die Avantgarde entlässt ihre Kinder: ein perfektes Minimal-Pop-Album aus Australien.

Die Australierin Carla Dal Forno hat auf bisher zwei Alben und mehreren EPs eine semi-elektronische Anything-goes-Musik zwischen Pop und Avantgarde präsentiert, zuletzt im Jahr 2019 mit dem Album LOOK UP SHARP. Ihre Musik war typisch für den diversifizierten Nicht-Gitarren-Untergrund der 10er-Jahre. Was die Künstlerin jetzt auf COME AROUND macht, hatte sie bereits auf ihrem letzten Album angedeutet: die Hinwendung zu mehr Pop bei gleichzeitiger Reduzierung der Musik. Der Bass ist das Hauptinstrument auf COME AROUND, um ihn herum setzen die anderen Instrumente pointilistische Akzente. Dieser halbdunkle Minimal-Pop lebt von der Weite und dem (Hall-) Raum, hier gibt es keinen Schnickschnack, keinen Überfluss. Auf diese Art ist ein Album entstanden, das von der ersten bis zur letzten Sekunde eine einheitliche Soundästhetik vermittelt, auch in der Coverversion von„TheGardenOfEarthlyDelights“der Experimental-Band The United States Of America. Carla Dal Forno hat in den vergangenen zehn Jahren in London und Berlin gelebt, jetzt ist sie nach Australien zurückgezogen, in den 8 000-Einwohner-Ort Castlemaine. Auch davon erzählt COME AROUND, von Themen wie Heimat, Schlaflosigkeit und persönlichen Verwirrungen, die Carla Dal Forno mit dreampoppig verhallter Stimme verhandelt.

????? Albert Koch

Klingt wie:Young Marble Giants: COLOSSAL YOUTH (1980) / The xx: XX (2009) / Anika: ANIKA (2010)

Marcel Dettmann Fear Of Programming

Dekmantel (VÖ: 25.11.)

Der Berghain-Resident beweist, dass er Techno versteht wie kaum ein anderer.

Dass Marcel Dettmanns neues Album, knapp zehn Jahre nach seiner letzten Solo-LP, nicht auf dem Berghain-Label Ostgut Ton, sondern bei den Holländern von Dekmantel erscheint, darf als Zeichen gewertet werden. Nicht etwa dafür, dass man sich verkracht hätte, sondern dass es um die Zukunft des Berliner Imprints leider nicht gerade rosig bestellt ist. Das wirkt sich auf die Qualität der Musik aber keineswegs aus: Wie so oft bei Dettmann hat man das Gefühl, dass der DJ und Producer Techno in seiner Grundessenz versteht wie kaum ein anderer. Ob sich das in den grollenden Synths, über die sich in„SufficeToPredict“absonderliche Flächen schieben, widerspiegelt, im anmutigen und schlicht schönen Feature mit Ryan Elliott, das auf den Namen „Water“hört, oder im rohen Drum-Workout „x12“,das an Joey Beltrams beste Zeiten erinnert: FEAR OF PROGRAMMING vereint fein produzierte Tracks, die stilistische Varianz genauso auszeichnet wie eine lose, aber bestimmt gesetzte inhaltliche Klammer.

????? Maximilian Fritz

Aoife Nessa Frances Protector

PIAS/Partisan/Rough Trade

Der relaxte Art-Soft-Rock trägt sich wie ein schicker brauner Cord-Anzug von Chanel.

Nein, irgendeine unter den unzähligen Singer/Songwriter*innen ist Aoife Nessa Frances sicher nicht. Schon ihr Name klingt wie ein eigenes Musikgenre, braucht weder Lagerfeuergitarre noch Duftlampe,. Vielmehr stattet sie die Songs ihres zweiten Albums PROTECTOR wie eine geschmackvolle Designerin mit wertvollem Vintage-Interieur

aus. Von ihrer Heimat Dublin zog es sie an die ländliche Westküste Irlands, wo jeder Song ihres Albums die Weite der Landschaft in sich aufsaugen konnte. Sie singt wie Vicky Legrand (Beach House) in Gestalt eines David-Lynch-Waldgeists, dabei thront ihre Stimme auf dem pastoral arrangierten Soundbett wie auf einem mit braunem Cord bezogenem Seventies-Designersofa. Instrumente kann man zahlreiche bewundern: Flöte, Harfe, Geige, Synthesizer, Klarinette und diverse Bläser (gespielt von Villagers‘ Conor O’Brien) tragen zur antiken Aura des Albums bei. Und: PROTECTOR nimmt sich die Zeit, die es braucht, seine erfreulicherweise auf acht Stück reduzierten Songs auszuerzählen. So kann es schon mal passieren, dass die Drums erst nach drei Minuten einsetzen oder die Komposition sich eine mehrminütige Instrumentalpassage gönnt. Ein edles, nostalgisch veranlagtes Album. Nicht wie eine Retrojeans mit reingefrästen Löchern, sondern wie ein eleganter Old-School-Hosenanzug von Chanel. Auch aus braunem Cord.

Edel, nostalgisch – und mit sehr viel Zeit.

???? Michael Prenner

Klingt wie:Aldous Harding: DESIGNER (2019) / Cate Le Bon: POMPEII (2022) / Weyes Blood: TITANIC RISING (2019)

Pole Tempus

Mute/Rough Trade (VÖ: 18.11.)

Der Berliner Produzent Stefan Betke entwickelt eine elektronische Kunstmusik mit nahezu symphonischer Dichte.

Die ersten drei – durchnummerierten – Alben von Stefan Betke alias Pole von Ende der 90er/Anfang der Nullerjahre sind Zeugen einer Ära, in der sich die elektronische Musik zu einer Kunstform entwickelt hat. Der Berliner Produzent nutzte die Möglichkeiten eines defekten Effektgeräts, des Waldorf 4-Pole-Filters, für seine eigene Form eines ultrareduzierten Glitch-Dub-Technos. Dass für ihn die Zeit nicht in den 90ern stehengeblieben ist, zeigte Pole zuletzt 2020 mit dem Album FADING. Auf TEMPUS, seinem siebten Album, entwickelt er eine elektronische Kunstmusik, die manchmal eine fast symphonische Dichte besitzt. Die dubbigen Verschleppungen und komplexen Abstraktionen sind immer noch da, aber sie sind lediglich der Mutterboden für Soundlandschaften, in denen sich Berge und Täler abwechseln mit saftigen Wiesen und verdorrten Feldern.„Firmament“und vor allem „Alp“wirken wie Dekonstruktionen von Jazz, dem Pole Tempo und überambitionierte Allüren ausgetrieben hat. Dass sich sein Verhältnis zu defekten Musikinstrumenten nicht verändert hat, zeigt sich im Track „Stechmück“,der wirklich so heißt – ohne „e“. Da ist über einem maschinell-dubbigen Backing ein leierndes Heulen zu hören. Es ist der Sound eines Minimoogs, der kurz davor ist, seinen Geist aufzugeben.

???? Albert Koch

Christina Vantzou No. 5

Kranky (VÖ: 11.11.)

Die Musik der Ambient-Künstlerin bleibt herausfordernd, aber war noch nie so präsent.Andere machen Musik, Christina Vantzou lässt sie verschwinden. Seit ihrem Solo-Debüt vor über zehn Jahren hat die Komponistin einen Ambient-Ansatz verfolgt, der die verschiedenen Sounds dermaßen konsequent miteinander integriert, dass sie sich aufzulösen scheinen. Anders auf NO. 5, für das sie zahlreiche Aufnahmen – darunter Beiträge vieler anderer Musiker*innen – während eines Aufenthalts auf einer griechischen Insel im Alleingang zu einem Album collagierte. Auf dem zeichnen sich die Konturen der einzelnen Klänge, angefangen mit Field Recordings hin zu Gesang, Streichern, Bläsern, Synthies und dem sehr präsenten Klavier, stärker ab als je zuvor. Auch in atmosphärischer Hinsicht ist es ein Album der Kontraste. Mit „Distance“findet sich darauf ein fröhliches, von munteren Gesprächen konterkariertes Pianostück, das jedoch abrupt abbricht und den Weg für die spannungsgeladenen Drones und kosmische Synthie-Sounds von „RecliningFigures“freigibt. Ein stimmungsvolles Kippbild also, das wortlos von der (Selbst-)Isolation und der verbindenden Kraft der Musik zugleich erzählt. Präsenter klang Vantzous Musik nie.

????* Kristoffer Cornils

Klingt wie:Vangelis: BLADE RUNNER (1982) / Grouper: GRID OF POINTS (2018) / Julianna Barwick: HEALING IS A MIRACLE (2020)

Mutter Ich könnte du sein, aber du niemals ich

Die eigene Gesellschaft /Hanseplatte

Unangehm, aber wahr: Der sperrige Indie-Rock setzt Lakonie gegen die grassierende Pseudolyrik.

Was Max Müller, Mastermind, Sänger und genialer Texter bei Mutter zu sagen hat, ist seit Bestehen dieser vielleicht wichtigsten Band deutscher Zunge, unangenehm und wahr zugleich. Seit 1986 erscheinen in unregelmäßigen Abständen und in wechselnder Besetzung Alben, die sich in Handschrift und musikalischer Textur zwar unterscheiden, aber nie Dringlichkeit und Aggression aus dem Blick verlieren. Das ist kein reines Hörvergnügen und soll es auch nicht sein. In sofern konterkariert die Band immer schon alles, was das Indie-Publikum an Feelgood so erwartet und wenn etwas in dieser Richtung zufälligerweise funktioniert, wie bei HAUPTSACHE MUSIK von 1994, wird das nächste Album zur Abrissbirne. Max Müller filtert nicht. Er lässt durchlaufen. Er wühlt textlich in sich selbst und in den Seelenwelten anderer herum, bis die Schmerzgrenze überschritten ist. Absolute, unverstellte Klarheit ist das Ziel. Auf dem neuen Album ICH KÖNNTE DU SEIN, ABER DU NIEMALS ICH stellt die Band erneut unter Beweis, dass sie sich weder um lupenreine Soundqualität noch um regelkonformes Abrocken kümmert, sondern um Direktheit und Sinn. Die neuen Stücke überraschen mit Effekten aus der Popmusik (Vocoder) und discoartigen Elementen und werfen diese in andere Zusammenhänge hinein. Das irritiert und rüttelt durch. In„Fliegensterben“singt Müller etwa: „Das alte Glück kommt nicht mehr zurück, vielleicht ist das das neue Glück“. Und in „DieSonnescheintumsonst“:„Wo die Bilder nicht mehr stören, da bin ich zu Haus“. Klarheit und Lakonik statt öliger Pseudolyrik, dazu zerdrischt Florian Koerner von Gustorf, einziges Urmitglied neben Müller, sein Schlagzeug in gewohnter Manier. Es ist anstrengend, diese Musik zu umarmen, aber es lohnt sich!

Ein Hörvergnügen? Soll es nicht sein.

????? Rebecca Spilker

The Cool Greenhouse Sod’s Toastie

Melodic (VÖ: 11.11.)

Eine Quasi-Barock-Platte von den britischen und bösartigen Postpunk-Minimalisten.

Es soll sich ja dem Vernehmen nach um eine Halbwahrheit handeln, wenn Tom Greenhouse im eröffnenden Track„Musicians“erzählt, wie er sich in der Stadt herumgetrieben habe, um Mitglieder für seine Band zu rekrutieren. Am Ende dieser fünfeinhalb Minuten treten Bongos, Saxofone, Samba-Pfeifen und Gitarren in den Mix, die einen Afrobeat-Einfluss verraten. Das kommt geradezu einer Revolution gleich für eine Band, die sich in einem sehr intensiven, sehr britischen Postpunk-Minimalismus (Referenz: The Fall) eingerichtet hatte. Hier nun die Wendung zum Barock. Von Frontman Greenhouse erfahren wir noch, dass das nicht geklappt hat mit der Vergrößerung der Band. Wäre auch nicht nötig gewesen, auf SOD’S TOASTIE nehmen die Greenhouse-Musiker gekonnt einen Abstecher zum frühen Belle&Sebastian-Pop, ziehen denkmalschutzwürdige Orgel-Bögen in die Songs ein oder arbeiten mit Hingabe an ihrer Art von Drone. Tom Greenhouse gibt dazu den immer etwas bösen Erzähler, der statt zu singen Auskunft gibt, etwa darüber, wie extraterrestrische Besucher das Leben seines Songhelden beeinflussen, oder was man von „TheNeopreneRavine“zu erwarten habe, einer Alien-Version von The Velvet Underground. Ein großer Spaß ist das, ein Spaß, der diesmal auf mehr als drei Akkorden tanzt.

????* Frank Sawatzki