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PLATTENBÖRSEN


LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 03.01.2022

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Bildquelle: LP Magazin, Ausgabe 2/2022

Genre: Rock

Cheap Trick – In Another World

Ein bisschen spät dran sind wir mit dem Album „In Another World“ von Cheap Trick. Die Platte kam (zwar schon leicht verspätet im Juni statt wie anvisiert) im April 2021 auf den Markt, doch aus logistischen Gründen erst jetzt ins Heft – denn vorenthalten möchte ich Ihnen dieses fantastische Spaßalbum wirklich nicht. Cheap Trick sind sicherlich eine der wichtigsten Bands ihrer Generation und verzeichnen mehrere Gold- und Platinalben, 20 Millionen verkaufte Tonträger sowie seit 2016 die längst überfällige Aufnahme in die „Rock’n’Roll Hall of Fame“ – alles in einer Karriere, die über 50 Jahre umspannt. Schon der Opener „The Summer Looks Good On You“ ist eine quasi perfekte Power- Pop-Rock-Hymne, und das folgende, schmissige „Quit Waking Me Up“ sowie der ruhige, „Alles-wird-gut-Titeltrack“ assoziieren ein ums andere Mal die Beatles zu ihren Hochzeiten. Überhaupt ...

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... lebt „In Another World“ vom Dialog hymnisch-treibender Tracks wie „Light Up The Fire“ (mein Favorit, weil heavy und mit einem tollen Refrain) oder „Boys & Girls Rock’n’Roll“ und den eher reflektierenden Songs wie „I’ll See You Again“ und dem Titeltrack. Zehn der dreizehn Songs stammen aus den Federn der vierköpfigen Band und ihrem „fünften Mitglied“, Songwriter und Produzent Julian Raymond, drei covern John Lennon, Linda Perry beziehungsweise Kristian Bush. Sie bilden sicherlich eine der eklektischsten Kompositionssammlungen in der Bandgeschichte von nun immerhin 17 Studioalben – und eines der besten Rock-Alben des Jahres. Gute Pressung, klarer, druckvoller Klang. (mb)

Fazit: Abwechslungsreiches, qualitativ enorm hochwertiges Rock-Album, dem man das Alter seiner Protagonisten nicht anhört.

■ Label: BMG

■ Bestellnummer/Katalognummer: 538650311

Genre: Blues Rock

Chris Jagger – Mixing Up The Medicine

Für alle, die sich diese Frage stellen: Ja, Chris Jagger ist der jüngere Bruder von Rolling-Stone-Sänger Mick Jagger, der auch im Opener „Anyone Seen My Herat“ für die Backing Vocals verantwortlich zeichnet. Musikalisch wandelt Chris Jagger jedoch wie gehabt auch auf seinem neuen Soloalbum eher auf bluesigen Spuren. Das Album besteht aus Eigenkompositionen der Herren Chris Jagger und Charlie Hart (Piano), die während der Lockdown- Phasen auf den britischen Inseln auf Jaggers Bauernhof in Lewisham aufgenommen wurden. Beteiligt sind auch diverse nicht gerade unbekannte Namen: Gitarrist Neil Hubbard spielte bereits mit Joe Cocker und Bryan Ferry, und Produzent John Porter hat sich mit seiner Arbeit für The Smiths, Roxy Music, BB King und Elvis Costello einen Namen gemacht. Dass hier Profis mit viel Erfahrung und Leidenschaft am Werk sind, hört man auch sofort. Okay, man könnte den Stil despektierlich „Alter-weißer-Männer-Blues-Rock“ nennen, und das würde es auch recht gut treffen. Doch das Album macht einfach Spaß – hier ist nichts verkopft oder verstellt, Jagger & Co. bluesen einfach drauf los. Besonders deutlich hört man diesen Spaßfaktor in „Happy as a Lamb“. Leider ist die Produktion zwar sehr sauber und klar – die Pressung ist ebenfalls makellos – aber auch dynamisch ein wenig eingeebnet und könnte für meinen Geschmack ein bisschen mehr „knallen“. (mb)

Fazit: Blues mit Spaßfaktor für Erwachsene.

■ Label: Warner Music / BMG

■ Bestellnummer/Katalognummer: 538679231

Genre: Progressive Metal

Dream Theater –A View from the Top of the World

Zugegeben: In den letzten Jahren habe ich die Prog-Götter aus den USA ein wenig aus den Augen verloren. Die letzte – von mir subjektiv so empfundene – Großtat der Band um die verbliebenen Gründungsmitglieder John Petrucci an der Gitarre und John Myung am Bass sowie Sänger James LaBrie war die EP „A Change of Seasons“. Das dürfte sich mit dem neuen Opus „A View from Top of the World” nachhaltig ändern. Schon das erste Hören macht aufmerksam: So heavy hab ich den Fünfer schon lange nicht mehr gehört. Jede weitere Rotation offenbart dann, wie in sich geschlossen das Album agiert. Die Songs bewegen sich kompositorisch auf allerhöchstem Niveau und haben – meines Erachtens – mehr zündende Momente zu bieten als die letzten Studioalben zusammen. Sogar James LaBrie liefert eine echt reife Leistung ab und bewegt sich endlich hauptsächlich in den Gefilden, die seiner Stimme zusagen. Der Opener „Alien“ holt die Headbanging-Fraktion ebenso ab wie die Handy-Licht-Hochhalter. Das anschließende „Answering the Call“ überzeugt Frickelfreunde, und der abschließende Titeltrack ist ein wahres Epos mit 20-minütiger Spanndauer, das Freunde der gesammelten „Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Serie zufriedenstellen dürfte. Also nicht weil Dream Theater hier zu Blind Guardian mutiert wären, doch die Reise vor dem inneren Auge ist nicht minder spannend – nur der Refrain selbst ist ein bisserl beliebig“. So fehlt dem Track „A View from the Top of the World” nur eine Nasenlänge zum veritablen Nachfolger von „A Change of Seasons“. Dennoch: Top! (mb)

Fazit: Bestes Dream-Theater-Album seit Mitte der 1990er.

■ Label: Inside Out Music

■ Bestellnummer/Katalognummer; IOMLP 602

■ Label: City Slang

■ Bestellnummer/Katalognummer: SLANG50366

Genre: Electro-Indie-Pop

Efterklang – Windflowers

„Jedes Jahr, wenn der Frühling kommt, blüht ein Meer von winzigen Blumen auf dem dänischen Waldboden. Sie sind eine Farbexplosion, ein Symbol der Hoffnung und des Wandels. Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind, und zeigen den ständigen Kreislauf der Natur. Sie werden umgangssprachlich als Windblumen bezeichnet.“ Das dürfte den Albumtitel des neuen Efterklang-Albums nur oberflächlich erklären – tiefer dahinter steckt das Bedürfnis empathischer, sensibler Menschen, in diesen instabilen Zeiten Stabilität durch den intimen Kontakt mit der Natur zu erlangen. Ein hehres Ziel, das angesichts unseres Umgangs mit unserer Lebensgrundlage durchaus infrage gestellt werden muss. „Windflowers“ ist das sechste Album des dänischen Trios und das erste, das die Wahl-Berliner Mads Brauer, Rasmus Stolberg und Casper Clausen auf dem Berliner City-Slang-Label veröffentlichen. Dort hat Clausen bereits als Liima meines Erachtens recht herausragende 1980er-Jahre-Electropop-Mucke publiziert. Efterklang beleuchten eine fragilere, nachdenklichere, gleichzeitig hoffnungsvolle Perspektive, wirken trotz massiven Elektronik- Einsatzes ganz passend zum inhaltlichen Ansinnen organischer und natürlicher, nachdenklicher als Liima. Hoffnung im Angesicht der konstanten Veränderung der Welt – so wie es die namensgebende Flora evoziert. Man merkt, dass Efterklang seit vielen Jahren zusammen und miteinander Musik machen, sich musikalisch und inhaltlich verstehen. Das am Real Farm Studio aufgenommene Album klingt sauber und differenziert. Das Artwork ist geradezu bezaubernd schön – wie die Musik. (mb)

Fazit: Schöner, zum Innehalten animierender und dennoch unterhaltsamer Electro-Indie-Pop mit starkem Singer/Songwriter-Einschlag.

Genre: Singer/Songwriter & Fado

Rodrigo Leão –A Estranha Beleza da Vida

Musikgeschmack ist so eine Sache. Er bleibt nicht wirklich ein ganzes Leben lang gleich – zumindest dann nicht, wenn man offen ist gegenüber Neuem. Denn selbst kleinste neue Aspekte, die in bestimmten Stücken positiv auffallen, verändern, erweitern den Horizont. Vor nicht allzu langer Zeit zum Beispiel hätte ich beim Stichwort „Fado“ und iberischer Musik allgemein dankend abgelehnt. Zu theatralisch, oft geradezu weinerlich mutete meinem kalten germanischen Herz diese mit emotionaler Glut geladene Musik damals an. Aber so manche Scheibe mit entsprechenden Anklängen fand doch den Weg in mein Herz – und dann kommt dieses Album daher und überrascht mich glatt auf dem falschen – oder richtigen? – Fuß. Nicht nur, dass die Aufnahme an sich ein kleines audiophiles Kunstwerk ist, auch die Kompositionen im Spannungsfeld von Pop, Singer/Songwriter, Fado und Modern Classic sind bewegend, berührend, teils zum Weinen schön. Egal, ob dabei eine Stimme die Emotion trägt – Kurt Wagner von Lambchop gibt sich in „Who Can Resist“ die Ehre, und in „Voz de Sal“ bringt die spanische Sängerin Martirio alles Leid der Welt vokal zum Tragen – oder instrumental wie auf der kompletten B-Seite: Nichts wirkt aufgesetzt, effekthaschend, künstlich. Alles, was der Portugiese Rodrigo Leão hier komponiert und abgeliefert hat, birgt echte Passion, tiefe Einsicht in musikalische Zusammenhänge und Wirkungen, holt den Hörer auf allen Ebenen ab. Zudem ist die Pressung 1A, der Klang wie bereits gesagt eine Wucht. (mb)

Fazit: Fantastisches Album mit emotionalem Tiefgang und grandiosem Klang.

■ Label: BMG / Modern Recordings

■ Bestellnummer/Katalognummer: 538701551

Genre: (Hard) Rock

The Tea Party – Blood Moon Rising

Seit 2014 war es eher still um The Tea Party. Die sieben Jahre, die seit „The Ocean at the End” vergangen sind, wirken selbst angesichts einer nicht gerade hyperfleißigen Ausbeute von neun Studioalben in dreißig Jahren doch eher lange. Doch was soll’s, denn The Tea Party zelebrieren auf dem ominös betitelten „Blood Moon Rising“ weiterhin groovigen, mitreißenden und bisweilen bluesigen Rock mit verdammt eingängigen Refrains und richtig geilen Hooks. Keine Revolution, sondern behutsame Evolution. Hier ist kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen, alles wirkt konzentriert und auf den Punkt gebracht. In „Sunshower“ überrascht ein ziemlich geiler Refrain, und mein Lieblingstrack ist „Way Way Down“, doch auch das eröffnende Riffing von „So Careless“ und seine supereingängigen Gesangsmelodie und dem schönen Keyboard-Thema hauen mich geradezu aus den Socken. Nicht weniger als das mit breiten Streichern unterlegte „Our Love“. Und so geht das weiter, inklusive der Coverversionen Das will was heißen, denn eigentlich sehe ich mich nicht als Fan von „Alte-weiße-Männer-Rock“, wenn man es böse ausdrücken will. Doch „Blood Moon Rising“ ist zusammen mit Cheap Tricks „In Another World“ schon das zweite Album aus diesem Rock-Umfeld, das mir echt und nachhaltig mit sonniger Offenheit und geradezu jugendlichem Elan Freude bereitet. Ganz abgesehen von der fantastisch warmen Stimme von Sänger Jeff Martin. Kleiner Wermutstropfen: LP- Fans müssen auf das Joy-Division-Cover „Isolation“ und das Morrissey-Cover „Everyday Is Like Sunday“ verzichten, die nur digital verfügbar sind. (mb)

Fazit: Geradliniger Rock mit höchst effizient gesetzten Melodien und Hooks. Sehr gut!

■ Label: InsideOut Music

■ Bestellnummer/Katalognummer: 19439926841

■ Label: LowSwing Records/nordsø records

■ Bestellnummer/Katalognummer: n.a.

Genre: Diverse

V.A. – Framed 2021

Eine Zusammenstellung der besonderen Art liefert uns das Haus LowSwing Records in Kollaboration mit der Galerie/ dem Eventspace FRAMED in Berlin. Dort fand im Winter und Frühjahr des Jahres 2021 eine Reihe von Konzerten und Lesungen im kleinsten Kreise statt – von und für die gebeutelte Künstler-Community und Szene. Das Konzept: Ein Visual Artist und ein Musiker präsentieren ihre Arbeit im Zweiklang der visuellen und auditiven Kunst. Jedes dieser Konzerte hat Guy Sternberg (die Tracks 1 und 3 verantwortet Benedikt Vogt) mit einer minimalistischen Stereomikrofonierung direkt und pur analog auf Mastertape gebannt. Das vorliegende Album beinhaltet acht Tracks unterschiedlicher künstlerischer Ausprägungen und musikalischer Stilrichtungen. Los geht’s mit dem Spoken Word „Down“ von Stimulus, welches gleich einen etwas düsteren, intensiv-einprägsam-rhythmischen Rahmen setzt. Pianist Omer Klein setzt mit „The Thrill Is Gone“ noch eine nachdenkliche Note drauf, Alon Lotringer addiert Wärme und zarte Melancholie, bevor Golnar Shahyar in „Balouchi“ mit intensivem Gesang an der Grenze zur Lautmalerei und hypnotischen Pianoklangkaskaden in eine ätherische, sehnsuchtsvolle Zwischenwelt entführt. Es folgen aufregende Flötenklänge von Kaveh sarvarian, leidenschaftlich gespielte Gitarre und Vocal-Art (tolle Feindynamik!) von Lionel Loueke, Vibrafon und Kontrabass mit Alexej Gerassimez und Haggai Cohen-Milo sowie deutschsprachiges Lied mit Alma Sade und Mark McNeill. Alle Tracks überzeugen trotz (oder wegen) des Minimalismus der Aufnahme und der schwierigen Bedingungen vor Ort mit einem überraschend direkten und klaren Klang. Die Sahnehaube sind die acht Drucke im LP-Cover-Format, die dem limitierten Album beiliegen – schön, beeindruckend, besonders, und jedes einen eigenen Rahmen an der Wand wert. (mb)

Fazit: Ein tolles, liebevoll aufgemachtes Vinyl-Kunst-Paket mit 100% analogem, organischem Klang.

Genre: Progressive Deathcore

Vildjharta – Måsstaden Under Vatten

Nein, als XYZ-core-Fan kann ich mich wirklich nicht bezeichnen. Meistens finde ich die hysterischen Shouter extrem nervig – oder weinerlich beim cleanen Gesang. Doch Vildhjarta, der schwedische Nur-Noch-Vierer (früher war man zu siebt) mit dem für deutsche Zungen unaussprechlichen Bandnamen, beweist mit seinem erst zweiten Longplayer nach den Debüt „Måssatden“ in zehn Jahren, dass man durchaus „corige“, stark djentige Elemente nahtlos und sinnvoll mit richtig gutem, progressiven Death Metal verbinden kann, ohne allzu viel Abrieb aufs Nervenkostüm zu geben. Klar, „Måsstaden Under Vatten“ (zu deutsch: Die Möwenstadt unter Wasser) ist nicht gerade Karnevalsgeschunkel für Heinz und Lieselotte. Man muss sich schon Zeit (und zwar mindestens 80 Minuten), eine relaxte Ausgangsstimmung und Willen zur Konzentration nehmen, um die unglaublich komplexen Arrangements und Strukturen des über weite Teile erstaunlich pompösen und melodischen Werks zu durchdringen, dann irgendwann zu überblicken und einen Sinnbogen über das im ersten Durchlauf – vor allem in der hinteren Hälfte des Albums – recht chaotisch anmutende Geschehen zu spannen. Das Album gleich mehr einem überlangen akustischen Kinofilm als einer Sammlung von einzelnen, mal so zwischendrin goutierbaren Videoclips. Zwar können die einzelnen Songs problemlos auch für sich alleine stehen, doch auch wenn die häppchenweise Beschäftigung mit „Måsstaden Under Vatten“ ordentlich satt machen kann, so befriedigt sie lange nicht so sehr wie das komplette Menü. Zudem ist das Doppelalbum auf sauberem 180-Gramm-Vinyl gepresst und kommt mit einem der meines Erachtens schönsten Cover des Jahres und einem tollen Poster um die Ecke. (mb)

Fazit: Ein Brecher von einem Album. Abwechslungsreich, herausfordernd, klasse transparenter Sound.

■ Label: Century Media

■ Bestellnummer/Katalognummer: 19439914491

■ Label: Sargent House SH255

Genre: Folk

Emma Ruth Rundle – Engine Of Hell

Motor? Hölle? Sie vermuten schwergewichtige Vollgasattacken aufs Gehör? Mitnichten. Das fünfte Soloalbum der Singer-/Sonwriterin aus Los Angeles ist reduziert, überwiegend leise und besteht im Wesentlichen aus Frau plus akustischer Gitarre oder Frau am Klavier. Oder beides. Auf den ersten Blick kein beliebig originelles Konzept, aber Frau Rundle schafft es souverän, achtmal den mit „Gänsehaut“ beschrifteten Knopf zu drücken. Dass das bei Emma Ruth Rundle nicht immer so sein muss, wissen Kenner ihres Tuns definitiv: Sie unterhält gleich drei Bandprojekte, bei denen es durchaus schon mal ruppig zur Sache gehen darf, was sie auch schon bei ihrer gemeinsamen Tournee mit Chelsea Wolfe unter Beweis stellte. Das, was sie hier abliefert, das allerdings hat ein bisschen was von Tori Amos von vor 30 Jahren. Oder vom jungen Ryan Adams, als man den noch gutfinden durfte. „Body“, eine hoch melancholischer Schmachtfetzen ist so ein Ding, dass dem ewigen „neuen Bob Dylan“ gut zu Gesicht gestanden hätte. „Razor‘s Edge“, Nummer zwei auf Seite B, lässt einmalig so etwas wie Andeutungen von Fröhlichkeit erkennen. Alle Songs auf diesem Album funktionieren wegen ihrer kompositorischen Klasse. Sie sind im genau richtigen Maße sperrig und weit von jeder Trivialität entfernt. Die Reduktion bekommt dem Album auch klanglich. Es tönt klar, präzise und bestens gestaffelt. Laute Ausbrüche gibt‘s schlicht nicht, deshalb findet Kompression auch kaum statt. Ich hätte mich über etwas weniger Rauschen in den leisen Passagen gefreut, aber das ist schon ein Luxusproblem. Ansonsten ist die schwarze Platte in Ordnung, die steckt in einem einfachen bedruckten Innencover, dazu gibt‘s Texte und einen Download-Code. hb

Fazit: Eine zerbrechliches, raues Meisterstück

Genre: Verschiedene

VA –A Tribute To A Legend

Vor Samplern darf man in der Regel Angst haben – vor diesem hier muss man nicht. Thorens-Boss Gunter Kürten kuratierte höchst selbst die Auswahl von 13 Titeln, die er seinem Top-Plattenspieler TD 124 DD gewidmet hat, aber die analog Musikwiedergabe an sich zelebrieren sollen. Das ist ihm mit einer gleichzeitig audiophilen und erfreulich frischen Musikauswahl gelungen. Der einleitende „Jazzrausch“ zum Beispiel: ein extrem druckvoller und hervorragend produzierterTitel im Grenzbereich zwischen Pop und Jazz, mit satten synthetichen Bässen,kernigen Bläsersätzen und einer klasse Gesangsstimme. Im Anschluss gint‘s Fela Kuti, der das Tempo mindetsens ebenso hoch hält und den Zeiger auf funkigen Soul dreht. Mit Bläsern und Synthie-Bässen geht‘s auf Seite zwei weiter, deutlich gesetzter, aber nicht weniger gelungen. Es folgt der unverwüstliche Chuck Mangione, zum Glük mal nicht mit „Children Of Sanchez“, sondern dem extrem gefühlvollen „Leonardo‘s Lady“. Die abschließende „Feelings“-Adaption des Monty Alexander Trios ist zwar ein bisschen „cheesy“, aber trotzdem gelungen. Das Bild setzt sich auf Platte zwei fort. Seite drei gehört weitgehend singenden Damen, Seite vier klassischen Jazz-Besetzungen. Mal mehr mal weniger bekannte Künstler präsentieren einen abwechslungsreichen Mix von Titel der leichten Muse. Das funktioniert ausgezeichnet und hält sich weitgehend auf der „unkitschegen“, aber sehr wohlkingenden Seite. Das Album tönt warm, voluminös, die Aufnahmen sind bei aller Unterschiedlichkeit hochwertig und transparent. Die zwei schweren Platten sind zudem makellos gefertigt und stecken in gefütterten Innenhüllen im Gatefold. hb

Fazit: Das perfekte Weihnachtspräsent für den audiophilen Musikhörer

■ Label: inakustik INAK 78121 2LP

Genre: Space Rock

The Spacelords – Unknown Species

Mit „Unknown Species“ erscheint dieser Tage die fünfte Veröffentlichung der schwäbischen Drei-Mann-Acts beim Krefelder Label Tonzonen Records. In Anbetracht des Gebotenen wage ich zu behaupten, dass sich die bestellten 1500 Vinyl-Kopein locker unters Volk bringen lassen werde. Der Sound hat sich minimal gewandelt, die Gitarre dominiert immer noch, erfährt aber in zunehmendem Maße elektronische Unterstützung. Typisch: Es gibt wenige, aber dafür lange Tracks. Hier sind‘s genau drei. Dem Opener „F.K.B.D.F.“ ist mit gut acht Minuten der kürzeste davon. Es ist eine verhältnismäßig schnelle, energiegeladene Nummer, man merkt der Band hier ganz besonders an, dass sie endlich wieder raus auf die Bühne will. Auch das folgende Titelstück verfügt über ein etwas höheres als das typische Spacelords-Tempo, die knapp viertelstündige Reise startet zwar relativ verhalten und entspannt, gewinnt jedoch zusehends an Drive. Die zweite Seite des Albums gehört dem 22-Minuteb-Epos „Time Tunnel“. Es beginnt überaus friedlich mit zwei akustischen Gitarren, sanftem Wellengeplätscher, aber das bleibt natürlich nicht so. Bass und Schlagzeug übernehmen das Ruder, die Gitarren werden elektrisch, die Atmosphäre wird dichter und hitziger. In der Mitte gibt‘s eine kleine Ruhepause, bevor die Crew wieder auf Reisegeschwindigkeit beschleunigt, um den Reigen mit einem hitzigen Finale zu beenden. Klasse – so muss das. Das Album klingt groß und voluminös, nicht besonders dynamisch, aber das geht in Ordnung. Die Platte ist eine Show in violett und gelb, Es gibt eine gefütterte Innenhülle, ein witziges Poster der Band im Comic-Style und einen Bandcamp-Gutschein für den Download. hb

Fazit: Gediegener Space Rock in bewährter Qualität

■ Label: Tonzonen TON 116

■ Label: Meyer Records no. 240

Genre: Akustik pur

Aglaja Camphausen / Thomas Falke – Underwater Calling

Das hier ist mit das Extremste, das ich seit langer Zeit auf dem Plattenteller liegen hatte. Es gibt eine Gesangsstimme, einen Kontrabass und ein Cello – sonst nichts. Extrem reduziert eingefangen in Werner Meyers berühmter Küche, ist hier ein nicht nur klanglich außergewöhnliches Projekt entstanden. Die klassisch ausgebildete Sängerin intoniert Songs von Willie Nelson bis Tom Waits, verleiht jedem Titel aber eine ganz eigene Note. Hier singt ein Profi, das steht völlig außer Frage. In Verbindung mit der ähnlich hochwertigen tieffrequenten Saitenbegleitung ergibt sich eine energiegeladene und spannende Atmosphäre, die so nahe am Live-Erlebnis ist, wie ich es lange nicht erlebt habe. Die zehn Titel variieren zwischen Pop, Jazz und Folk, werden in dieser Interpretation aber zu einer ganz eigenen Kunstform. Ganz besonders hübsch: „Four Strong Winds“ am Ende des Albums mit einem traumhaft schönen Cello-Solo. Klanglich ist das Ganze nicht weniger als eine kleine Sensation. So direkt, unverstellt und effektfrei gibt‘s Musik selten zu hören. Die „Küchenakustik“ wirkt absolut natürlich, ist Bestandteil des Geschehens und wirkt nicht im Geringsten limitierend. Was eindeutig für eine sehr gelungene Mikrofonierung spricht. Das Resultat ist eine umwerfend transparente und hochdynamische Angelegenheit, bei der man wirklich mit in der Küche sitzt. Wer noch ein klangliches Argument für das Medium Schallplatte sucht – hier ist es. Das Album ist auch in leisen Passagen unfassbar rausch- und störungsarm. Hier zahlt sich auch das DMM-Mastering bei Pauler Acoustics aus. Das Album kommt als schlichte schwarze Platte in einem gefütterten Innencover und beschränkt sich aufs Wesentliche. Sprich: kein Zubehör. hb

Fazit: Klanglich überragendes Akustikalbum zweier hochtalentierter Künstler

Genre: Familien-Jazz

Alexandra Lehmler / Matthias Debus – Tandem

Nach fast 20 Jahren gemeinsamer Arbeit und Partnerschaft liegt erstmals ein Duo- Album des Paares vor und ist nach drei Kindern gleichsam das vierte Baby aus dem Hause Lehmler/Debus. Das elf Stücke umfassende Werk klingt trotz aller Intimität, die die Eigenkompositionen ausstrahlen, nicht wie ein Duo-Album, denn Alexandra Lehmler spielt neben Sopran-, Alt- und Bariton-Saxofon auch Klarinette, Bass- Klarinette und Flöte, stets untermalt von Matthias Debus am gezupften Kontrabass. Wie wirkungsvoll die Klänge der zwei studierten Musiker funktionieren, kann man beispielhaft am Stück „Im Hamsterrad“ erleben. Der glasklar akzentuierte Bass bereitet den Boden, auf dem die Klarinette ihre Wirkung in voller Schönheit entfaltet. Voraussetzung dafür ist eine Aufnahmetechnik, die das Gespielte in seiner ganzen Natürlichkeit konserviert. Dafür ist Philipp Heck seit Jahren ein fester Garant, der Aufnahmen aus den Bauer-Studios zu audiophilen Perlen des Genres erhoben hat. Das tadellos verarbeitete Vinyl gibt die Aufnahme ohne jegliches Rauschen von sich und macht damit den Weg frei für absoluten Klang-Genuss. Die drei Intermezzi „Schräge Vögel“ lockern das sich aus vielen musikalischen Einflüssen speisende Werk weiter auf. Auf den Stücken „Flieg, kleiner Vogel“ und „Ikarus“ erklingen durch den Einsatz von Loop- Technik und Mehrspurverfahren gleichzeitig mehrere Blasinstrumente und weichen vom eingeschlagenen Weg ab, um damit neue Horizonte zu entdecken. Den Abschluss bildet das seelenvolle „Am seidenen Faden“, auf dem eine zu Herzen gehende Melodie auf dem Saxofon durch technisch brillante Bassbegleitung den Käufer mit dem guten Gefühl zurücklässt, eine künstlerisch und aufnahmetechnisch hervorragende Aufnahme erworben zu haben. rh

■ Label: Neuklang

■ Bestellnummer: NLP4255

Fazit: Symbiose aus Wohlklang, intimer Atmosphäre und anspruchsvoller Musik.

Genre: Avantgarde

Amara – Amara

Ganz neu am Start – zumindest was die Veröffentlichung dieser LP angeht - ist die Formation Amara aus Schottland. Es gibt die vierköpfige Band schon länger und es ist zu lesen, dass sie tausende von Stunden miteinander verbracht haben, um an Aufnahmen zu arbeiten, die jedoch nie das Licht der Welt erblickt haben. Dann kam man wieder einmal zusammen, kramte alte Ideen hervor und nahm an einem einzigen Tag dieses Album auf. Die Formation besteht aus Daniel Ashton an Flöte und Gitarre, Finn Rosenbaum am Schlagzeug, Joe Pimenta-Benn an Piano und Trompete und Norman Villeroux am Bass. Laut eigener Aussage besteht die Musik zum überwiegenden Teil aus Improvisation und nur aus einem kleinen Teil Komposition. Die Inspiration schöpften sie aus der Stadt Glasgow, deren Stimmungen sie an kalten und dunklen Tagen in Herbst und Winter aufgesogen haben, um daraus Musik zu formen. Diese ist in ihrer Grundstimmung durchaus melancholisch, lässt aber auch emotionale Ausbrüche zu, wie sie zum Beispiel auf dem 10 Minuten-Stück „Spirits“ zu erleben ist. Während die Musik zu Beginn des Albums noch deutlich im Jazz verhaftet ist, driftet sie zunehmend ab in Richtung elektronischer Sound-Experimente. Die Rhythmik löst sich nach und nach auf bevor sie sich ganz verliert, nur um beim nächsten Stück umso deutlicher zurückzukehren. Mit jedem Stück wird die Musik atmosphärischer und ist trotz oder gerade wegen ihrer Andersartigkeit sehr fesselnd. Dem letzten Stück nehme ich allerdings nicht ab, dass es improvisiert wurde, dafür hat es einfach zu viel Struktur und steht damit in starkem Kontrast zum Rest des Albums. Die Aufnahmequalität ist hervorragend und „Amara“ kann jedem empfohlen werden, der mal wieder über den Tellerrand schauen möchte, denn auch in der Avantgarde kann man sehr zugängliche Musik entdecken. rh

■ Label: Sola Terra

■ Bestellnummer: STR005

Fazit: Spannender Avantgarde-Jazz zum Abheben.

Genre: Big Band-Jazz

Andrea Motis – Colors & Shadows

Die WDR Big Band aus Köln entwickelt sich immer mehr zu einem gefragten Ensemble, um gestandenen oder aufstrebenden Jazz-Künstlern ein voluminöses und hochkompetentes Sound-Fundament zu bieten. Mit Andrea Motis hat sich eine junge katalanische Musikerin eines der Aushängeschilder der europäischen Jazz-Elite gesichert, um damit ein geradezu unfehlbares Album aufzunehmen. Die Doppel-LP enthält nämlich Zutaten, die auch beim Publikum, das dem Jazz ansonsten den Rücken zuwendet, auf positive Resonanz stoßen. Hier wird ordentlich geswingt und vom Latino-Flair gibt es dermaßen reichlich, dass Andrea Motis auf vielen Playlists der jüngeren Generation zu finden sein wird. Nicht umsonst wird die junge Dame von vielen Labeln hofiert, erhofft man sich mit ihr doch einen ähnlichen Schub der Verkaufszahlen, wie ihn vor zwanzig Jahren Norah Jones für Blue Note auslöste. Andrea Motis ist nicht nur eine bemerkenswert gute Trompeterin und Sängerin - deren Stimme sich altersbedingt in den letzten Jahren massiv entwickelt hat -, auch ihre Fähigkeiten im Bereich Komposition sind sensationell, wovon man sich auf sechs der zehn Stück des Albums überzeugen kann. Dankenswerterweise werden für jedes Stück die Solisten der WDR Big Band benannt, die mit ihrer individuellen Klasse dafür sorgen, dass man sich an den Moment zurückerinnern wird, als man diese herrliche Aufnahme das erste Mal gehört hat. Das Orchester steht unter der Leitung von Michael Mossmann, der auch als Trompeter aktiv ist und eine Komposition beisteuert. Leider klingt das Vinyl im direkten Vergleich zu einer digitalen Quelle so, als würde vor dem Orchester ein schwerer Vorhang hängen, somit rate ich unbedingt zum Kauf des Albums, jedoch besser in Form einer CD oder eines hochaufgelösten Downloads. rh

■ Label: Jazzline

■ Bestellnummer: D 78099

Fazit: Gehört garantiert nicht nur bei mir zu den Top Ten des Jahres!

Genre: Hard Bop

Grant Green – Idle Moments

Eigentlich sollte man sich bei einer Rezension auf die Musik konzentrieren, hier muss man aber zunächst über die Qualität der Pressung berichten, und dass leider aus keinem guten Grund. Optisch einwandfrei gibt die LP (Pressung von 2021 / Blue Note Classic Vinyl Series) merkwürdige Geräusche von sich und ab und zu nimmt die Nadel eine Abkürzung zur Plattenmitte, so dass ich trotz des ordentlichen Klangs nur dringend dazu raten kann, diese Pressung nicht privat sondern nur von einem Händler zu kaufen, bei dem man ein Rückgaberecht hat. Nachforschungen im Netz ergeben da leider ein eindeutiges Bild. Berichte von glücklichen Besitzern halten sich die Waage mit Käufern, die schon zweimal die LP getauscht haben und immer noch fassungslos vor ihrer Anlage sitzen. Das ist gerade bei diesem Album sehr ärgerlich, zählt es doch zu den besten der gewaltigen Diskographie Grant Greens. Aufgenommen wurde es Ende 1953 aber erst zwei Jahre später veröffentlicht. Seine Mitspieler sind Joe Henderson am Tenorsaxofon, Bobby Hutcherson am Vibrafon, Duke Pearson am Piano - von ihm stammen auch zwei der vier Stücke des Albums -, Bob Cranshaw am Bass und Al Harewood am Schlagzeug. Trotz der kleinen Songauswahl wird ein breites Spektrum an Stimmungen geboten. Während das 15 Minuten lange Titelstück als träumerische Ballade mit wahnsinnig relaxten Soli daherkommt, nimmt das Album beim nachfolgenden „Jean De Fleur“, von Green komponiert, richtig Fahrt auf und veranschaulicht seine außergewöhnlichen Fähigkeiten an der Gitarre. Cool geht es auf „Django“ zu, einem der Signature-Songs des Modern Jazz Quartet, komponiert von dessen Pianisten John Lewis. Auf dem finalen „Nomad“ geht es abermals temporeich voran und (fast) jeder Musiker hat die Gelegenheit, mit einem Solo nachhaltig zu beeindrucken. rh

■ Label: Blue Note

■ Bestellnummer: ST-84154

Fazit: Tolles Album, aber bei der Pressung ist höchste Vorsicht geboten!

Genre: Latin-Fusion-Jazz

Hans Dulfer and Ritmo-Natural – Candy Clouds

Höchst ungewöhnliche Klänge werden dem tief blau schimmernden Vinyl entlockt. Das sollte allerdings nicht weiter überraschen, denn Hans Dulfer ist bis heute dafür bekannt, sämtliche Stile jenseits der Klassik mindestens einmal ausprobiert zu haben. Im Jahr 1970 hat er mit seiner Formation Ritmo-Natural ein Mischung aus Latin, Funk und jeder Menge Free Jazz zu einen Werk zusammengeführt, das bis heute eine große Faszination auf jeden ausübt, der sich ihm hingibt. Früher im gleichen Jahr hat er mit leicht veränderter Besetzung, darunter Gitarren-Legende Jan Akkermann, das Album „The Morning After the Third“ aufgenommen. Beide sind nun von Music On Vinyl in gelben und blauem Vinyl erneut veröffentlicht worden, genau wie Hans Dulfers erstes Solo-Werk „El Saxofón“, das mit Musikern von Ritmo-Natural aufgenommen wurde und von manchen als drittes Album der Formation angesehen wird.; dieses ist in grünem Vinyl erschienen. Verarbeitet ist die LP tadellos, jedoch ist der Klang im Vergleich zu einer digitalen Quelle sehr schwach auf der Brust und die Anschaffung der sehr schön anzusehenden Neuauflagen kann deshalb nur unter Einschränkungen empfohlen werden. Die Musik jedoch kann, eine gewisse Offenheit vorausgesetzt, neue Horizonte eröffnen (was für alle drei genannten Alben gilt). Der Vater der auch hierzulande sehr bekannten Saxofonistin Candy Dulfer kombiniert mexikanisches Flair mit Hard Bop und macht daraus Musik, wie sie vermutlich auf nur wenigen anderen Alben zu hören ist. Die Gitarren-Eröffnung von Dave Duba auf „King Size Davy“ ist ganz großes Kino, ebenso wie das wilde Schlagzeugsolo von Martin van Duynhoven gegen Ende des Stücks, dazwischen bearbeitet Hans Dulfer sein Tenorsaxofon. Im weiteren Verlauf verändert sich die Musik von Free zu überraschend radiotauglichem Jazz. rh

■ Label: Music On Vinyl

■ Bestellnummer: MOVLP2854

Fazit: Musikalisch eine der heißesten Neuauflagen der letzten Zeit, klanglich leider etwas flach.

Genre: History-Jazz

Hans Koller / Oscar Pettiford-Quartett – Black Forest Echoes

Nur 500 Jazz-Liebhaber werden sich an dieser Musik erfreuen können, die es ausschließlich auf LP zu kaufen gibt. Wenn Ihre Neugier nun geweckt ist, wird es sie sicher erfreuen, dass der Untertitel des Albums lautet: „Unreleased Tapes from 1959“. Somit haben wir es mit einer der ersten Aufnahmen aus dem Hause des legendären Tonmeisters Hans Georg Brunner-Schwer zu tun. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass das Hans Koller / Oscar Pettiford-Quartett zum Zeitpunkt der Aufnahme zu den angesagtesten Formationen zählte, die der europäische Jazz zu bieten hatte. Hans Koller hätte 2021 seinen 100. Geburtstag feiern können, Grund genug also, eine besondere Rarität aus den Archiven zu holen. Neben Hans Koller am Tenorsaxofon und Oscar Pettiford am Bass sind Attila Zoller an der Gitarre und Jimmy Pratt am Schlagzeug Gäste im Wohnzimmer des Musikproduzenten. Es ging an den zwei Aufnahmetagen anscheinend sehr entspannt zu, denn die sechs Aufnahmen sind dermaßen relaxt, dass man sich eine Szenerie vorstellen könnte, bei der sich ein paar Besucher in den Sesseln fläzen und die Weinvorräte des Hausherrn signifikant dezimieren. Obwohl erst vier Jahre später die Musikproduktion aufgenommen wurde, ist die Aufnahmetechnik hier schon bemerkenswert und die Musik hat diesen ganz speziellen Schwarzwald-Klang, der das Label - neben seiner herausragenden Künstler und deren Werke - so populär machte. Bevor die Session mit einer schwungvollen Interpretation von „All of Me“ endet, erzählt Hans Koller „Wiener Geschichten“, natürlich im breitesten österreichischem Dialekt. Dieses ungewöhnliche Zwischenspiel würde auf anderen LPs deplatziert wirken, hier rundet es die Aufnahme vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte ab. Das schön gestaltete Gatefold-Cover ist mit einer Prägung versehen. rh

■ Label: HGBS

■ Bestellnummer: HGBSBlue20207

Fazit: Um dieses limitierte Album wird man jeden Besitzer bald beneiden!

Genre: Folk-Jazz

Jan Johansson – Jazz På Svenska

Selten hat man die Ehre, solch ein Album zur Rezension vorgelegt zu bekommen, handelt es sich doch bei „Jazz På Svenska“ um die wichtigste und erfolgreichste Jazz-LP, die jemals in Schweden aufgenommen wurde und vom Rolling Stone auf der Liste der 100 besten Jazz-Alben auf Platz 57 geführt wird. Keine Jazz-LP wurde in Schweden häufiger verkauft als dieses Album, das der Pianist Jan Johansson in den Jahren 1962 bis 1964 aufnahm. Begleitet wird er nur von Georg Riedel am Bass, der mit zurückhaltendem aber wirkungsvollem Spiel eine kammermusikalische Atmosphäre erzeugt. Zwölf schwedische Volkslieder überführte Jan Johansson behutsam in den Jazz und entwickelte dabei praktisch die Grundlagen, aus der der skandinavische Jazz hervorging und von dem er bis heute zehrt. Das Album hat in der ganzen Welt Anhänger gefunden und wurde folglich vielfach neu aufgelegt. Die vorliegende Pressung stammt aus dem Jahr 2013 und ist derzeit die aktuellste am Markt verfügbare. Grundlage der Pressung sind die im Jahr 2005 für die erste CD-Fassung überarbeiteten Masterbänder. Der Klang ist klar und rein und damit ideal, um die wunderbaren Melodien in ruhiger Stimmung wiederzugeben. Der Erfolg und die Klasse von „Jazz På Svenska“ blieben unerreicht, sehr nahe kommt noch sein Album „Jazz På Ryska“ aus dem Jahr 1967, bei dem allerdings neben Georg Riedel am Bass drei Bläser und ein Schlagzeuger mitwirken und ein Vergleich trotz des ähnlichen Titels etwas schwer fällt. 1968 bereitete ein Autounfall dem Leben von Jan Johansson ein jähes Ende, mit „Jazz På Svenska“ kann man aber auch heute noch ein Stück Jazz-Geschichte erwerben, das an diesen großen Pianisten erinnert. Die LP steckt in einem Klappcover, das ein paar interessante Hintergrundinformationen zur den jeweiligen Stücken bereithält. rh

■ Label: Heptagon Records

■ Bestellnummer: HELP-030

Fazit: Nach fast 60 Jahren hat das Album kein bisschen von seiner Faszination eingebüßt.

Genre: Trio-Jazz

Marcin Wasilewski Trio – En attendant

Rezensionen des Marcin Wasilewski Trios kommen immer darauf zu sprechen, wie sich das Trio in den vielen Jahren ihres gemeinsamen Wirkens zu einer musikalischen Einheit geformt hat, das anscheinend über geheime Kommunikationskanäle verfügt, über die die Mitglieder unmerklich Botschaften austauschen. Marcin Wasilewski am Piano, Slawomir Kurkiewicz am Kontrabass und Michal Miskiewicz am Schlagzeug werden mit ihrer lyrisch-poetischen Spieltechnik jedoch überdeutlich als Einheit wahrgenommen, sodass dieser Aspekt zu Recht zur Sprache kommt. Auf ihrem aktuellen Werk präsentieren sie ihr dreiteiliges Werk „In Motion“, die die Aufnahme eröffnet, teilt und mit der sie endet. Dazwischen tragen sie die Variation 25 der Goldberg-Variationen vor, der sie eine tiefgründige Interpretation von Carla Bleys Komposition „Vashkar“ folgen lassen. Wem es bis hier noch nicht anspruchsvoll genug war, kommt mit dem zweiten Teil von „In Motion“ voll auf seine Kosten. Hier zeigt das Trio seine ganze Klasse als Baumeister von aufeinander geschichteten musikalischen Strukturen, die trotz ihrer Ruhe fesseln und faszinieren. Die B- Seite startet mit der Ballade „Glimmer of Hope“, die veranschaulicht, das Marcin Wasilewski auch im träumerischen Fach eine Klasse für sich ist. In der Vergangenheit hat das Trio auch gerne Coverversionen bekannter Pop- bzw. Rock-Songs in die Titelliste eingestreut. Dieser Tradition bleiben sie auch auf „En attendant“ treu und interpretieren „Riders on the Storm“ von den Doors, und das in einer Art und Weise, die einerseits das Original würdigt, aber auch ganz eigenständig ein Werk von herausragender Klasse ist. Der dritte Teil von „In Motion“ lässt etwas Dramatik und Düsternis aufziehen und beendet damit ein Album von extrem hohem künstlerischem Wert. rh

■ Label: ECM

■ Bestellnummer: ECM 2677

Fazit: Allein die Coverversion von „Riders on the Storm“ rechtfertigt den Kauf dieser wunderbaren LP.

Genre: Healing-Jazz

Martin Wind / Ack van Rooyen / Philip Catherine – White Noise

Nach einem überaus erfüllten Musikerleben ist der niederländische Flügelhornist Ack van Rooyen im November 2021 im Alter von fast 92 Jahren gestorben - Grund genug einen vertieften Blick auf eine seiner letzten Aufnahmen zu werfen. „White Noise“ entstand Anfang 2020 mit dem Bassisten Martin Wind und dem Gitarristen Philip Catherine. Es treffen hier drei Musiker zusammen, deren Können zum Besten gehört, was in der Welt am jeweiligen Instrument zu finden ist. Der aus Flensburg stammende Martin Wind hat einen festen Platz in der New Yorker Jazz-Szene und spielt seit 2013 mit dem britisch-belgischen Gitarristen Philip Catherine, unter anderem auf „New Folks“, das 2014 bei ACT erschienen ist. Dieser gilt seit den 1970er-Jahren zu den führenden Protagonisten an seinem Instrument. Ack van Rooyen komplettiert das Trio mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Trompeter und Flügelhornist. Er war für seinen weichen Ton bekannt, mit dem er auch dieser Aufnahme viel Wärme und Ausstrahlung verleiht. Im Trio erblühen die jeweiligen Fähigkeiten und machen „White Noise“ zu einer besonderen Aufnahme, die zu gleichen Teilen aus Standards und Eigenkompositionen besteht. Der kraftvoll und voluminös klingende Bass bildet ein stabiles Fundament, auf dem die gefühlvoll gespielte Gitarre sich traumwandlerisch mit dem sehnsuchtsvollen Ton des Flügelhorns verbindet. Martin Wind will mit seinem Album einen akustischen Gegenpol setzen in einer hektischen Welt, in der Ruhe inzwischen ein seltener Luxus geworden ist. Mit den acht angebotenen Stücken kann man diese Ruhe finden und genießt dabei anspruchsvolle Musik in einer Qualität, wie sie nur schwer zu finden ist. rh

■ Label: 6 Spices

■ Bestellnummer: 6S 229011

Fazit: Anspruch, Ruhe und Harmonie verbinden sich auf „White Noise“ wie selten zuvor!

Genre: Funky-Jazz

Nils Landgren Funk Unit – Funk is my Religion

Wie so vieles wäre auch die Aufnahmesession zu diesem Album fast ein Opfer der Corona-Pandemie geworden. Die geplanten Aufnahmeorte auf Mallorca und in Deutschland konnten nicht aufgesucht werden, in Schweden war es immerhin möglich, sich mit maximal acht Personen im Studio aufzuhalten. Die sechs Mitglieder der Nils Landgren Funk Unit zuzüglich Aufnahme-Techniker blieben unter dieser Grenze und arbeiteten an fünf Tagen unter Hochdruck an „Funk is my Religion“, bevor weitere Verschärfungen der Lage der Session möglicherweise ein jähes Ende bereitet hätten. Der Aufnahme sind diese Umstände allerdings nicht anzumerken. In typischer NLFU-Manier groovt und funkt es ohne Ende und versetzt den Empfänger damit automatisch in nicht nachlassende Bewegung. Inspiration hat sich das Sextett unter anderem auf der anderen Seite des Atlantiks geholt, wo der Funk herkommt, wo aber auch starke Frauen die Zukunft maßgeblich mitgestalten. Das eröffnende „Amanda“ ist der Poetin Amanda Gorman gewidmet, die während der Inauguration von Joe Biden nach vier verstörenden Jahren einen fast vergessenen Glanz der USA zum Vorschein gebracht hat. Ein weiteres Stück gilt der Vize-Präsidentin Kamala Harris, die für viele Menschen einen hoffnungsvollen Aufbruch in die Zukunft symbolisiert. Etwas zurückgenommener geht es auf „ES in Memoriam“ zu, das an Esbjörn Svensson erinnert, der früher selbst Mitglied der Funk Unit war. Alle zehn Stücke stammen von Musikern der Band, die dabei ihr jeweiliges Instrument etwas in den Vordergrund schieben dürfen, was dem Abwechslungsreichtum des Albums sehr zugute kommt. Das Album endet mit dem Highlight-Song „NLFU Will Never Stop“, digital sind weitere fünf Stücke erhältlich, die die Qualität der Songs auf dem gut verarbeiteten Vinyl nahtlos fortsetzen. rh

■ Label: ACT

■ Bestellnummer: 9925-1

Fazit: Nach wie vor gilt: Aus dem kalten Schweden kommt heißer Funk!

Genre: Free Jazz

Ornette Coleman – Free Jazz

Alben von Ornette Coleman dienen Jazz- Gegnern stets als Alibi dafür, warum sie dieser Musikrichtung nichts abgewinnen können. Melodien sucht man vergebens, Struktur auch, letztendlich nur totales Chaos. Zugegeben, auch viele Jazz-Fans tun sich schwer mit dieser besonderen Ausdrucksform, die auf dem vorliegenden Album aus dem Jahr 1961 ihren ersten Höhepunkt hatte. Hier wurde ganz großes Besteck aufgefahren, denn neben Ornette Coleman am Altsaxofon sind Eric Dolphy an der Bass-Klarinette, Don Cherry und Freddie Hubbard an der Trompete, Charlie Haden und Scott LaFaro am Bass sowie Billy Higgins und Ed Blackwell am Schlagzeug mit dabei. Gemeinsam legen sie eine 37-minütige Session hin, die unter der Hauptüberschrift „Improvisation“ abgehalten wird. Befreit von Konventionen und musikalischen Themen finden sich die Bläser spontan zusammen und treten nacheinander als Solist in den Vordergrund, um kurz darauf wieder mit dem Kollektiv zu verschmelzen. Man spürt jedoch jederzeit, wie die Protagonisten aufeinander achten und sofort Reaktionen zeigen, wenn es die Situation erfordert. Man muss wohl selbst Musiker sein, um dies nachfühlen zu können. Zum Zeitpunkt der Aufnahme stand der Free Jazz noch am Anfang und war sicherlich ein Schock selbst für jene, die bei Dave Brubecks rhythmischen Experimenten keine Schnappatmung bekamen. Aber wie fast jede Musikrichtung fand auch der Free Jazz viele Anhänger, und die feiern das Album bis heute und freuen sich über die hochwertige Neuauflage aus dem Hause Speakers Corner. Sie kommt wie das Original im Die-Cut-Klappcover daher, das von außen einen ausschnitthaften Blick auf das Bild „White Light“ von Jackson Pollock zulässt, das nach dem aufklappen in voller Pracht erscheint. Wenn man nur ein Free Jazz-Album in seiner Sammlung haben will, dann sollte man dieses nehmen. rh

■ Label: Atlantic / Speakers Corner

■ Bestellnummer: SD 1364

Fazit: Ein Meilenstein!

Genre: Klassik-Jazz

Paul Lay – Full Solo

In seiner noch jungen Karriere hat der französische Pianist Paul Lay bereits mehr Preise eingeheimst, als er Alben veröffentlicht hat, und wird von namhaften Kritikern als das größte Talent seiner Generation bezeichnet. Den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens nahm er zum Anlass, um ein Album aufzunehmen, das sowohl aus komplett neu arrangierten Jazz-Piano-Versionen bekannter Beethoven-Stücke als auch eigener Kompositionen besteht, die von Beethoven inspiriert sind. Sowohl die Mischung dieser beiden Zutaten als auch die Interpretation selbst machen „Full Solo“ zu einem besonderen Vergnügen. Hier sind die Käufer der Doppel-LP sogar noch im Vorteil, erhalten sie doch mit „In Vienna - Tard dans la nuit“ ein Stück, das weder auf CD noch per Download erhältlich ist und die Fraktion der Vinyl-Liebhaber damit eine besondere Ehre zuteil werden lässt. Die große Kunst des Pianisten zeigt sich zum Beispiel auf seiner Interpretation der „Mondscheinsonate“, deren Intimität er trotz Überführung in die Jazz-Welt komplett zu erhalten vermag. Auch „Für Elise“ oder die „Symphonie No. 9“ erfahren eine Behandlung, bei der man nur Staunen kann. Es sind aber vor allem die Eigenkompositionen Paul Lays, die sich in die Beethoven- Umgebung wie selbstverständlich einfügen, was sowohl für seinen fünfteiligen Zyklus „In Vienna“ gilt, als auch für das Stück „Des sourires et des ombres“. Hier verbindet sich balladeske Stimmung mit einer Spur Dramatik zu pianistischer Oppulenz, die auf breiter Front für Anerkennung sorgen wird. Passend zur hochwertigen Musik ist auch die Aufnahmetechnik, die den Klang des Klaviers in seiner ganzen Fülle auch im Hörzimmer reproduziert. Ich bin sicher, das „Full Solo“ dereinst als ein wichtiger Meilenstein in der Karriere von Paul Lay gesehen werden wird. rh

■ Label: Gazebo

■ Bestellnummer: GAZ 207V

Fazit: Hier kommen Jazz- und Klassik-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten.

Genre: Jazz

Peter Materna – The Kiss

Peter Materna ist in vielen musikalischen Konstellationen anzutreffen. Seit vielen Jahren steht er einem gleichnamigen Quartett vor, mit dem er auch mehrere CDs veröffentlicht hat, das gleiche gilt für ein Trio. Neben seinen solistischen Aktivitäten spielt er mit den Pianist:innen Florian Weber, Ramón Valle, Olivia Trummer und Marc Copeland oder mit Christopher Dell am Vibraphon und Lisa Wulff am Bass. Letztgenannte ist auch auf seinem aktuellen Album „The Kiss“ an Bord, gemeinsam mit dem Schlagzeuger Silvan Strauß; beide sind Gewinner des Hamburger Jazzpreises. Die Anwesenheit von Musikern einer anderen Generation hat Peter Materna offensichtlich beflügelt, seine neun Kompositionen mit Dichte und Energie auszustatten, die von seinen Mitspielern als Herausforderung angenommen werden. Beispiele dafür sind die Stücke „Hymne“ und „Oxygen 1“ sowie „Oxygene 2“, wo die Latte für alle Beteiligten etwas höher aufliegt, als bei den restlichen Titeln. Sehr spannend ist auch das Stück „Place To Be“, wo das Saxofon kaskadenförmig über einem Rock-Rhythmus flaniert, der mit zunehmender Dauer immer weiter ausgeschmückt wird. Dem Rezensionsexemplar liegt eine Information des Plattenlabels bei, demzufolge Peter Materna - Gründer und künstlerischer Leiter des seit 2010 stattfindenden Jazzfest Bonn - die frühen Morgenstunden bevorzugt, um sich seinen Kompositionen zu widmen. Weitere Details lassen erahnen, dass diese offensichtlich bis ins kleinste Detail vor der Aufnahme zu Papier gebracht werden. Die sich daraus möglicherweise ergebende Sterilität ist dem Endprodukt nicht anzumerken. Es klingt beschwingt und frei, die Kompositionen und deren Umsetzung haben Tiefe und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, was auch am guten Klang liegt, mit dem die LP aufwarten kann. rh

■ Label: Jazzline

■ Bestellnummer: D 78104

Fazit: Drei Musiker aus zwei Generationen mit einer gemeinsamen Vision: zeitloser Jazz!

Genre: Hard Bop

Sonny Clark – Sonny’s Crib

Nur wenige Jazz-Musiker haben mit so wenigen Solo-LPs solch nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie der Pianist Sonny Clark. Bis heute hoch geachtet und noch Jahrzehnte nach seinem frühen Tod im Jahr 1963 mit Erinnerungsprojekten geehrt, liegt mit „Sonny’s Crib“ die Neuauflage eines Albums vor, das 1957 aufgenommen und ein Jahr später veröffentlicht wurde, und damit noch vor seinen großen Erfolgsalben „Cool Struttin’“ und „Leapin’ and Lopin’“. Die Liste seiner Mitspieler liest sich wie das Who is Who der Szene: Donald Byrd an der Trompete, Curtis Fuller an der Posaune, John Coltrane am Tenorsaxofon, Paul Chambers am Bass und Art Taylor am Schlagzeug. In dieser traumhaften Besetzung werden fünf Stücke aufgeführt, die musikalisch und spieltechnisch auf ganzer Linie überzeugen. Es beginnt mit „With a Song in my Heart“ vom Komponisten Duo Rodgers-Hart, bei dem Trompete und Tenorsaxofon die führende Rolle spielen, genau wie auf dem nachfolgenden „Speak Low“. „Come Rain or Come Shine“ aus dem Hause Arlen/Mercer stellt dann die Posaune in den Mittelpunkt, verzichtet aber nicht auf Beiträge der beiden weiteren Bläser. Die B-Seite enthält zwei Eigenkompositionen von Sonny Clark. Es beginnt mit dem titelgebenden Stück „Sonny’s Crib“, das in seiner über 13-minütigen Laufzeit allen Beteiligten Raum gibt. Auch Sonny Clark selbst ist hier so prominent vertreten, wie man es von einem Session- Leader erwarten kann. Auf den anderen Stücken wirkt er mehr wie ein Begleitmusiker, als der er in der Szene vielfach gefragt war, was ihm aber von namhaften Kritikern auf seinen Solo-Alben nachteilig ausgelegt wurde. Auch das finale „News for Lulu“ glänzt mit wunderbaren Soli, die einem die ganze Klasse der Clark-Kompositionen deutlich vor Ohren führen. Günstiger ist an gute Musik kaum heranzukommen, der Klang ist auch in Ordnung. rh

■ Label: Rat Pack Records

■ Bestellnummer: BLP 1576

Fazit: Großartiges Werk eines Klavier-Genies, das leider viel zu früh gehen musste.

Genre: Funk

The Next Movement – The Next Movement

Die Formation The Next Movement kommt aus der Schweiz und dürfte zu den heißesten Vertretern ihrer Zunft gehören. Seit 2017 sind sie einer der ersten Ansprechpartner, wenn es darum geht, ein Publikum zum toben zu bringen. Die drei Mitglieder entstammen Musikhochschulen, die für viele Musiker von Weltgeltung ebenfalls Startpunkte ihres Siegeszuges waren und haben schon eine beachtliche Anzahl von Auszeichnungen erhalten. J. J. Flueck an Drums und Samples, Sam Siegenthaler an Gitarre und FX sowie Pascal „P“ Kaeser an Bass und Synthesizern, alle zusammen auch an den Vocals, kennen sich schon seit fast zwanzig Jahren, in denen sie in unterschiedlichen Funktionen bei anderen Bands und Künstlern ihre gemeinsame Liebe für Funk, R&B, Blues und Jazz entdeckt haben. Mit der selbstbetitelten Doppel-LP hauen sie der Hörerschaft ein Album um die Ohren, dass es nur so scheppert. Auf 19 Stücken, darunter sieben kurze Zwischenspiele, zelebrieren sie knallharten Funk, bei denen James Brown und selbst Godfather Prince anerkennende Schulterklopfer verteilt hätten. Auch die intimsten Kenner der Funk-Szene hätten den Entstehungsort der Aufnahme vermutlich in Minneapolis verortet. „See No Limits“ ist ein Opener, bei dem der Körper augenblicklich in Bewegungsdrang gerät, weitere Highlights sind zum Beispiel „The Glorious Return of the Funk“, der an die besten Zeiten des Genres in den 1970er-Jahren erinnert und die Interpretation des Beatles-Stückes „Come Together“ als Funk-Kracher mit schleppend-schwerem Beat. Die vierte LP-Seite dürfte eines der kuriosesten Musikstücke enthalten, die es je auf Vinyl geschafft haben. Es besteht aus einem einzigen Schlag auf einer Snare Drum und dessen künstlich verlängerten Nachhall, der sich über 15 Minuten erstreckt, bevor er verklingt. Mit dieser Doppel-LP zieht die gute Laune bei Ihnen ein!

■ Label: Leopard

■ Bestellnummer: D 78095

Fazit: Schade, dass Prince das nicht mehr erleben darf!

Genre: Big Band-Jazz

UMO Helsinki Jazz Orchestra – Last Dance

Eine besondere LP wird von den Neuklang Records veröffentlicht, handelt es sich dabei doch um das aktuelle Werk einer altbekannten musikalischen Institution unter neuem Namen und neuer Leitung. Das 1975 gegründete UMO Jazz Orchestra hat seitdem über 60 Alben veröffentlicht und tausende Konzerte rund um den Globus gespielt. Seit 1984 wird es finanziert vom Finnischen Rundfunk, dem finnischen Kulturministerium und der Stadt Helsinki. Seit einer Neubelebung der Zusammenarbeit mit der Stadt hat sich das Orchester im November 2018 in UMO Helsinki Jazz Orchestra umbenannt und im Frühling 2019 mit Ed Partyka einen neuen künstlerischen Direktor und Chefdirigenten eingestellt. „Last Dance“ ist die erste Veröffentlichung seit dieser Umstellung. UMO steht für Uuden Musiikin Orkesteri, was mit „Orchester Neuer Musik“ übersetzt wird. Der USamerikanische Jazzmusiker Ed Partyka ist nicht nur Dirigent und Arrangeur, er hat auch zwei der vier Stücke komponiert. Dank des aus einem Dutzend Bläsern bestehenden Orchesters, ergänzt durch ein Rhythmus Trio, klingt es üppig und warm, es bleibt dabei aber auch immer Raum für solistische Ausflüge sowohl für Bläser als auch für Piano oder Schlagzeug. Neben den beiden Partyka-Kompositionen „G. G.’s Last Dance“ und „Do as I Say (Not as I Do)“ spielt der famose Klangkörper „Para Nada“ der brasilianischen Pianistin Eliane Elias und die vermutlich erstmalige Big Band-Version des Stückes „Dienda“ von Kenny Kirkland. Das letzte Stück des Albums wurde vor coronabedingt kleinem Publikum im Savoy Theater in Helsinki aufgenommen und ist Beweis für die große Dynamik und Spielfreude des Orchesters, das sich ansonsten lange Zeit nur im Studio für Streaming-Konzerte beweisen konnte. Die lange Tradition des Orchesters setzt sich mit „Last Dance“ erfolgreich fort. rh

■ Label: Neuklang

■ Bestellnummer: NLP4251

Fazit: Neuer Name, neue Leitung, neues Programm, altbekannte Klasse.