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Plattenrezensionen


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LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 31.08.2022
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Bildquelle: LP Magazin, Ausgabe 6/2022

■ Label: No Quarter / Virgin

■ Bestellnummer/Katalognummer: 4537633

Genre: Synthwave

Carpenter Brut – Leather Terror

„Leather Terror“ ist der zweite von drei angedachten „Original Motion Picture Soundtracks“ einer fiktiven Film-Trilogie des französischen Synthwave-Genies Franck Hueso, alias Carpenter Brut. Die Story: Der junge Wissenschaftler Bret Halford ist unglücklich verliebt. Die Frau seiner Träume ist mit einem richtigen Vollidioten und Bully zusammen. Um sie zu beeindrucken, verkleidet er sich als Rockstar namens „Leather Teeth“ wird aber in einen schweren Unfall verwickelt, bei dem er entstellende Verbrennungen davonträgt. Zur gleichen Zeit treibt ein mysteriöser Mörder, der „Midwich Boogeyman“, sein Unwesen. Es geht also um verschmähte Liebe, Mord, Kannibalismus und Gewalt – und nun, im zweiten Teil, vor allem um Rache. Soviel zum Hintergrund; viel drängender sind die Fragen, die sich die ...

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... meisten unbedarften Hörer beim ersten Hören des Albums stellen dürften: „Das soll Synthwave sein?“ Und: „Ist das wirklich keine Gitarren-Metal-Musik???“ In der Tat sind alle Instrumente auf „Leather Terror“ synthetisch, bis auf Huesos Stimme, versteht sich. Der Effekt ist enorm: Mit kaum zu übertreffender Brutalität schlägt der erste „richtige“ Track („Straight Outta Hell“) direkt ins Lustzentrum geneigter Hörer ein. Ganz so fantastisch geht’s zwar nicht weiter, doch auch die folgenden Songs sind innovativ, neuartig und spannend. Die Gäste auf dem Album (Gunship, Greg Puciato …) fügen dem ledernen Terror ihren eigenen Flavor hinzu; sie hatten völlige kreative Freiheit, und das ist gut so. „Leather Terror“ ist kein Metal, und doch ist es Metal – auf jeden Fall macht das Album verdammt viel Spaß – Franck Hueso weiß ganz genau, was er tut.

mb

Fazit: Ein synthetischer Metal-Kracher der überraschenden Art. Großartig!

Genre: Hard Rock

Def Leppard – Diamond Star Halos

So was macht heute keiner mehr! Melodisch-treibender Glam-Hard Rock ohne Schnörkel und Ballast, das liefern die Jungs um die beiden einzigen verblieben Original-Def-Leppard-Mitglieder, den Lead-Sänger Joe Elliott und den Bassisten Rick Savage. Nein, hier gibt’s aber mal so was von null Anbiederung an den Zeitgeist, nur geradlinige Riffs, hymnische Melodien und gute Laune. Nun bin ich zwar nur ein Jahr vor der Gründung der Band im Jahr 1977 geboren, doch der Sound der 1980er-Jahre ist mir noch verdammt gut im Ohr geblieben – und kein Album der zurückliegenden Dekade versetzt mich so zuverlässig zurück in meine Kindheit und frühe Jugend wie „Diamond Star Halos“, das (erst) zwölfte Studioalbum in der nun 45-jährigen Bandgeschichte der Engländer aus Sheffield, die im Jahr 2019 in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Ein wenig beliebiger, wenn man das so nennen will, wird’s nach dem famos rockenden Auftakt mit der ziemlich schmusigen Ballade „This Guitar“ mit Gastsängerin Alison Krauss, die einen insgesamt countryfizierten Mittelteil des Albums eröffnet – das sicherlich Geschmacksache ist. Wie dem auch sei, der Rest des Albums und dabei vor allem der Opener „Take What You Want“, die dritte Single-Auskopplung „Fire It Up“ und das abschließende „From Here to Eternity“ lassen mich locker darüber hinwegsehen. Frisch, energiegeladen und ohne Scheu vor Haarspray klingen die Engländer so mitreißend wie seit den frühen 90ern nicht mehr. Für Leppard-Fans ein Muss, für alle anderen Hard-Rock-Freunde (nicht nur im besten Bierbauch-Alter) eine unbedingte Empfehlung.

mb

Fazit: Erfrischend old-schoolig auf höchstem Niveau.

■ Label: UMC

■ Bestellnummer/Katalognummer: 3894518

■ Label: Napalm Records

■ Bestellnummer/Katalognummer: NPR1001VINYL

Genre: Metal

Jinjer – Wallflowers

Nein, „Wallflowers“ ist nicht wirklich ein neues Album. Doch aus gegebenem Anlass möchte ich die Gelegenheit nutzen, so viele Leser wie möglich auf das Schaffen dieser ukrainischen Band aufmerksam zu machen. Nicht nur, dass es nur wenige Bands aus dem Osten Europas gibt, die im harten Metal derart viel Erfolg haben – über 250 Millionen Streams und Downloads sprechen für sich – auch die Qualität der Musik um Frontfrau Tatiana Shmayluk passt. Abgesehen vom geradezu unmenschlichen Organ der Frau Shmayluk (die aber auch elfengleich singen kann!) liefern Jinjer alles andere als neumetallische Massenware ab. Klar steckt hier und da etwas Gojira drin, Meshuggah lassen auch ab und an grüßen – doch Jinjer verquicken beides zu einer eigenen Melange, die fernab von eher klischeehaft-repetitiver Mucke à la Arch Enemy (der „anderen Band mit Frontgrunzerin“) bleibt. Sorry, wenn ich damit Fans des fleischgewordenen Metallertraums Alissa White-Gluz vor den Kopf stoßen sollte. Doch Jinjer spielen einfach auf einer anderen Ebene. Sie bedienen weniger die Erwartungshaltung ihrer Fans als den eigenen Wunsch nach Kreativität und künstlerischem Wachstum, und schaffen das mit Tracks, die sich durchaus beim ersten Hörfen einem allzu leichten Zugang entziehen. Beispielhaft wird „Vortex“ seinem Namen gerecht und zieht den Hörer in einen reißenden, mahlenden Strudel vertrackter Rhythmen und Riffs hinein, um ihn am Ende ausgelaugt und begeistert zurückzulassen. Das folgende „Disclosure!“ ist dagegen ein richtiger Gassenhauer mit fast schon hip-hoppigem Dance-Appeal. Irre. Irre gut. Kein Wunder, dass Jinjer als offizielle musikalische Botschafter ihres von einem sinnlosen Krieg gebeutelten Landes in diesem Sommer unterwegs waren. Man kann nur hoffen, dass sie das Ihre dazutun können, die internationale Solidarität aufrechtzuerhalten.

mb

Fazit: Wer Jinjer noch nicht kennt, hat jetzt allen Grund, sie kennenzulernen.

■ Label: Frontiers Music SRL

■ Bestellnummer/Katalognummer: FR LP 1237

Genre: Classic Stadion Rock

Journey – Freedom

Man sollte bei Journeys fünfzehntem Album unbedingt zwischen Sentiment und Qualität unterscheiden. Denn egal wie aus der Zeit gefallen Journeys neues Studioalbum auch klingen mag – die Umsetzung im Rahmen der Vorgaben (Journey soll Journey bleiben) gelingt fast perfekt. Kompositorisch lässt sich wenig dran herum kritteln, und spielerisch-technisch liefern die Jungs um Sänger Arnel Pineda, der sich auf seinem zweiten Einsatz für die Amis nochmals steigern kann, eine absolut reife Leistung ab. Doch wie schon gesagt: Modern oder auch nur zeitgemäß klingt’s höchsten in Sachen Produktion, die Toningenieur Jim Reitzel und Mixer Bob Clearmountain bombastisch und klar geraten ist, allerdings ein wenig an Druck und Dynamik missen lässt. Das passt bestens zu mobilen Smartspeakern mit Acht-Zentimeter-Bassmembranen, fürs Vinyl hätte man die Drums ein wenig knackiger belassen können. In einigen Tracks wird’s mitunter aufgrund der hymnischen Vielfalt von Instrumenten und übereinander liegenden Klang-Schichten ein bisschen „voll“ und der Mix lässt Klarheit vermissen. Wie dem auch sei, wer sich musikalischemotional in der rockenden Sphäre der Neunzehnachtziger verortet fühlt, wird mit dem ersten Journey-Studioalbum seit elf Jahren Spaß haben. Und wer weiß; wenn die Netflix-Serie „Stranger Things“ der Jugend von heute so effektiv ins Gedächtnis rufen kann, wie großartig die Musik dieser Dekade war (siehe Kate Bush!) kommt „Freedom“ mit seinem aus der Zeit gefallenen Sentiment vielleicht sogar doch zur genau richtigen Zeit …

mb

Fazit: Ob zeitgemäß oder nicht: Fans des Genres müssen zugreifen.

Genre: Death Metal

Misery Index – Complete Control

Seit gut zwanzig Jahren spielen Misery Index ihren kompromisslosen Death Metal mit unterschwelligen Punkund dominanteren Hardcore-Einflüssen. Trotz einer ordentlichen und treu ergebenen Fanbase haben sie dabei nie den Bekanntheitsgrad und die Beachtung erhalten, die Genre-Kollegen wie Napalm Death zuteil geworden ist – Schade eigentlich. Denn wie die Briten versprühen die Jungs aus Maryland, USA, eine weitestgehend vom anbiederndem Kommerz befreite Freude am anarchistischen Vorwärts-in-die-Fresse-Sound, der dabei punktgenau die Lustzentren geneigter Hörer trifft – auch wenn im Titelsong so was wie Gitarren- und Gesangsmelodien zu hören sind. In Sachen Tempo variieren Misery Index zwischen mal stampfendem, mal hymnischem und in Teilen von Maschinengewehr-Doublebass unterlegtem Midtempo in „Complete Control“ und Blastbeats zu Beginn von „The Eaters and the Eaten“ oder in „Necessary Suffering“. Der teilweise doppel“stimmige“ Schrei- und Grunzgesang der Herren Jason Netherton (Bass und Vocals) und Mark Kloeppel (Gitarre und Gesang) verleiht den Tracks eine bedrohlich-gehetzt-aggressive Note, die das Album zur intensiven emotionalen Erfahrung macht. Nach den eher Death-Metal-lastigen letzten Alben scheinen mir die Wurzeln im Punk und Hardcore auf „Complete Control“ wieder etwas stärker in den Vordergrund zu treten – und das ist gut so.

mb

Fazit: Ein intensives, aggressives Geschoss von einem Death-Metal-Album.

■ Label: Century Media

■ Bestellnummer/Katalognummer: 19439955681

■ Label: Music For Nations / Sony Music

■ Bestellnummer/Katalognummer: 19439956901

Genre: Progressive Alternative

Porcupine Tree – Closure / Continuation

Der Titel des neuen Porcupine-Tree-Albums, „Closure / Continuation“, könnte nicht treffender sein. Schließlich handelt es sich beim elften Studio-Opus der Band um das erste Lebenszeichen seit dreizehn Jahren, und es ist keinesfalls klar, ob hier ein (später) Abschluss eines Kapitels vorliegt, oder ob das 2022er Album ein neuer Anfang (beziehungsweise die Fortsetzung) des Porcupine-Tree-Kapitels ist. Das wird sicherlich die Zeit zeigen – für den Moment wollen wir uns auf das konzentrieren, was „Closure / Continuation“ zu bieten hat. Und das ist zuallererst mal ein verdammt geiler Klang. Spritzig und impulsiv, druckvoll, transparent und differenziert – die sehr gute Pressung der (in meinem Fall) drei 45er Platten aus dem limitierten und teuren Box-Set ist zudem sehr erfreulich. Und was ist musikalisch drauf? Na, durchaus Porcupine Tree, wie wir sie kennen und lieben. Dass trotz einigen bösen Bluts nach der einseitig verkündeten, plötzlichen Auflösung der Band im Jahr 2010 die damaligen Mitglieder Richard Barbieri an den Synthies und der ehemalige King-Crimson-Drumer Gavin Harrison wieder dabei sind, hilft dabei ungemein. Wir finden viel der Heavyness wieder, welche die Alben aus der Mitte der 2000er-Jahre kennzeichnet, inklusive einiger unvermeidbarer Opeth-Einflüsse. Aber: Porcupine Tree bleiben nicht gänzlich bei ihrer Formel stehen, sondern erweitern sie kontinuierlich um einen dystopisch-schizophrenen Charakter, der den Hörer selten einfach nur entspannt zum Genuss zurücksinken lässt, und eine Proggyness, die Wilson solo letztlich vermissen ließ. Versetzte Rhythmen, anspruchsvolle Gesangslinien, heavy Riffs und catchy Melodien – PT fahren alles auf, was sie ausmacht. Ein Fest – ganz besonders das abschließende „Chimera’s Wreck“!

mb

Fazit: Man kann nur auf eine „Continuation“ hoffen – auch wenn dieses Album eine würdige „Closure“ wäre.

■ Label: InsideOut Music

Genre: Prog Rock

Ryo Okumoto – The Myth of the Mostrophus

Aus Ryo Okumotos erstem Solo-Album seit nunmehr 20 Jahren lassen sich zwei Lehren ziehen. Erstens: 20 Jahre waren einfach zu viel. Und zweitens füllt diese Platte mehr als locker die Leere, die aus der Studio-Abstinenz von Okumotos Hauptband Spock‘s Beard entstanden ist. Der Opener könnte auch von den bärtigen Vulkaniern sein – nicht ganz sinnbefreit heißt der Track dann auch „Mirror, Mirror“ – wie die Star-Trek-Episode, in der Mister Spock aus der „Mirror World“ einen Bart trug. Das folgende „Turning Point“ erinnert mich dann zumindest phasenweise an Ayreon, ohne ganz so süßlich zu werden, „The Watchmaker“ rockt uns schnurgerade und schnörkellos mit einem fantastischen Bass-Riff im Refrain zurück in die 1970er, und ein weiterer Rocker („Maximum Velocity“) und eine wunderschöne Ballade („Chrysalis“) führen zum 22-minütigen Abschluss und Titelsong, der wiederum den Kreis zu Spock‘s Beard schließt. „The Myth of the Mostrophus“ ist eine abwechslungsreiche und qualitativ immer hochwertige, niemals langweilige musikalische Reise, die sich zu unternehmen auszahlt. Das liegt auch am Cast des Albums, der beweist dass Ryo Okumoto sich den inoffziellen Titel „Geschäfstführer des Prog“ mehr als verdient hat. Huer ein kurzer Auszug aus der Liste der „Angestellten“: Nicht ganz überraschend ist Neal Morse von Spock’s Beard an der Gitarre dabei, Steve Hackett (Ex-Genesis) lässt ebenfalls die sechs Saiten schwingen, Michael Whiteman (I Am The Manic Whale) singt und hilft beim Komponieren, und so geht’s weiter und weiter – zu viele, um sie hier alle aufzulisten, doch scheint hier so gut wie jeder, der im Prog-Rock/Metal Rang und Namen hat, mitzumischen.

mb

Fazit: Ein definitives, wenn nicht DAS Prog-Highlight des Jahres 2022

Genre: Swing Jazz

Sandro Roy – Discovery

Dass die Platte aufgemacht ist wie die eines der mannigfaltig präsenten Neoklassik-„Stars“, ist zumindest irreführend, unter Umständen aber auch eine vertane Chance: Denn auf „Discovery“ gibt es keinen seichten Pop, der einem jungen Publikum als intellektuell anspruchsvolle klassische Musik verkauft wird, sondern lupenreinen Swing-Jazz mit oft starken Gypsy-Elementen. Neben Cover-Versionen von so diversen Künstlern wie Django Reinhardt, John Williams und Stevie Wonder, sondern auch mehrere Eigenkompositionen. Die stechen zwar nicht unbedingt qualitativ heraus, fallen aber auch nicht merklich gegen die stark interpretierten Fremdgewächse ab – und das ist schon ein hohes Lob. Sandro Roy spielt seine Violine nicht nur technisch so versiert wie 30 Jahre ältere Haudegen, sondern auch maximal hinreißend leidenschaftlich, präzise in der Intonation und eindeutig im Ausdruck. Das verwundert kaum, hat der junge Violinist sich doch bereits nach seinen Auftritten und den beiden ersten Alben mit höchstem Lob überschüttet gefunden und sogar ein renommiertes Jazz-Stipendium einstreichen können. Von Roy dürfen wir sicherlich noch einiges erwarten – übrigens wahrscheinlich auch in der Klassikwelt, denn dorthin wandert Sandro Roy auch ab und an, zum Beispiel mit dem Concertgebouw Orchestra. Von daher ist das Cover des Albums vielleicht doch nicht ganz soweit hergeholt … Der Klang der Vinylausgabe ist leider ein wenig matt, hier hätte ein wenig mehr Brillanz und räumliche Breite gutgetan. Andererseits klingt’s so passend zur Musik ziemlich oldschoolig nach der „guten alten Zeit“.

mb

Fazit: Nicht vom Popsternchen-Cover abschrecken lassen: Der Inhalt ist nicht banal, sondern spannend!

■ Label: Skip Records

■ Bestellnummer/Katalognummer: LP SKL 9158-1

■ Label: Inside Out Music

■ Bestellnummer/Katalognummer: IOM634 / IOM635

Genre: Progressive Rock

The Flower Kings – Back in the World of Adventures / Retropolis (Reissue/Remaster)

Inside Out Music veröffentlichen den Back-Katalog der Flower Kings neu – remastered und auf Vinyl. Den Anfang machen die beiden ersten Alben – das ist schon mal ein Grund zum Feiern für alle Prog-Rockfans, sind doch gerade die frühen Outputs der Band um Mastermind Roine Stolt leichte, freudebringende und enthusiastisch eingespielte Beispiele für positive musikalische Vibes mit Verstand und Abseits von seichter Schunkelfröhlichkeit. Roine Stolt sieht die Welt ganz ähnlich positiv wie der Yes-Frontmann Jon Andersson, mit dem er auch schon zusammengearbeitet hat: Schönheit rules! Stolt ist auch schon ähnlich lange dabei – bereits in den späten 1960er-Jahren spielte er erst Bass, dann Gitarre in seiner Heimatstadt Uppsala in Schweden, bevor er mit der Band Kaipa zwei Alben herausbrachte, die immer noch als Maßstäbe des skandinavischen progressive-Rock gelten. Nun können Künstler wie Roine Stolt nach solchen kreativen Höhen zwei Wege gehen: kreativ Ausbrennen oder andere Gipfel finden. Gut, dass es Stolt mit den Flower Kings gelungen ist, den zweiten Pfad zu begehen. Schon „Back in the World of Adventures” ist ein Musterbeispiel für kreativen, unterhaltsamen, progressiven Rock. Schon der über 13 Minuten lange Opener ist echtes musikalisches Theater par excellence, und langweilig wird es auch im Folgenden nie – auch wenn der Geruch der 70er über dem ganzen Album liegt. Das folgende Album „Retropolis“ behält diesen Stallgeruch bei und intensiviert ihn sogar noch mit mehr Bombast, symphonischen Versatzstücken und viel Mellotron – King Crimson und Yes lassen grüßen. Die Pressqualität ist sehr gut, das Remaster klanglich gelungen.

mb

Fazit: Wer diese Scheiben noch nicht auf Vinyl hat, kann bedenkenlos zugreifen.

■ Label: Kscope

■ Bestellnummer/Katalognummer: KSCOPE1172

Genre: Progressive Alternative

The Pineapple Thief – Give it Back

„Give It Back“ ist streng genommen kein wirklich neues Album, sondern enthält zwölf Neuinterpretationen früherer Werke des Band-Projekts aus UK. The Pineapple Thief haben dafür Songs aus den Alben „Little Man“, „All The Wars“ und „Tightly Unwound“ herausgesucht, komplett neu aufgenommen und mit brandneuen Schlagzeugparts und Songarrangements von Gavin Harrison ergänzt. Die Frage ist natürlich: Warum? Das beantwortet der umtriebige Kopf des Projekts, Bruce Soord, so: „Gavin ging den gesamten TPT-Backkatalog durch und suchte sich einige Songs heraus, die wir seiner Meinung nach wieder aufgreifen könnten. Sobald ich hörte, was Gavin machte, inspirierte mich das dazu, die Songs ebenfalls komplett zu überarbeiten. Gavin schlug vor, neue Teile hinzuzufügen, Dinge anders zu arrangieren und zusätzliche Strophen einzubauen, und ich war für all das völlig offen. Außerdem habe ich bei vielen Liedern, die – meiner Meinung nach – ein zu offenes Ende hatten, die Geschichte textlich abgeschlossen.“ Und braucht man das? Die Antwort ist: Ja, wenn man sich für die Entwicklung der Band und das Thema „musikalisches Wachstum“ im Allgemeinen interessiert und begeistern kann. „Give it Back“ steht natürlich auch als eigenes, in sich geschlossenes Werk gut da und zeigt eine Band, die sich ebenso geschickt aus den musikalischen Schubladen der Prog-Rock-Vergangenheit bedient wie sie eigene Ideen und Beiträge zur alternativen Musikkultur der Gegenwart liefert – insbesondere für Fans von Steven Wilson. „Give it Back“ ist vielleicht nicht hochinnovativ, aber immer unterhaltsam und erzählt musikalische Stories, die nicht so schnell langweilig werden. Dazu kommt ein druckvoller, glasklarer Sound. Schön!

mb

Fazit: Interessantes Experiment, das als Entwicklungsgeschichte ebenso gut dasteht wie als eigenes Album.

Genre: Alternative Folk

Robert Coyne – The Hiss Of Life

Robert Coyne ist ein Ende der Sechziger in England geborener Singer-/Songwriter und Multiinstrumentalist, dessen Schaffen schon lange vom Kölner Spezialistenlabel Meyer Records produziert wird. „The Hiss Of Life“ ist das erste Lebenszeichen des Künstlers sein 2018 – wir wissen alle zu Genüge, was die Welt in der Zwischenzeit durchgemacht hat und wie sehr besonders die Kulturschaffenden von der pandemiebedingten Isolation gebeutelt wurden. Und so überrascht es nicht, das auch Robert Coyne auf seinem neuen Werk Eindrücke aus den vergangenen Jahren verarbeitet. Erfreulicherweise ist dabei keine misantropische Schwermut herausgekommen, sondern eine federnde, leichtfüßige Platte. Coyne gibt sich auf diesem Album sparsam. Stimmlich nimmt er sich sehr zurück, auch sein akustisches Gitarrenspiel ist sehr reduziert. Die Begleitmannschaft ergänzt das Ganze zu einem angenehm fluffigen Treiben, das munter und gefällig fließt. A propos Begleitmusiker: Das elegante und quirlige Schlagzeugspiel von Werner Steinhauser weiß ebenso zu gefallen wie das Wirken der Cellistin Aglaja Camphausen, die vor geraumer Zeit an dieser Stelle ja schon mit stimmlichen Großtaten auf sich aufmerksam machte. Der Sound der zwölf Titel passt perfekt zur Musik. Werner Steinhauser zeichnete auch für die Produktion verantwortlich und kleidete das Werk in ein feingliedriges, zartes Äußeres. Es gibt ungeheuer viele Details auf dieser Platte zu entdecken, die vorbildliche Transparenz lädt auch genau dazu ein. Die Pressqualiltät der klassisch schwarzen Scheibe ist makellos, vor dem Abspielen Waschen hilft dem durchaus audiophilen Klangbild trotzdem auf die Sprünge. Zubehör? Texte auf dem Innencover.

hb

Fazit: Sehr schön flüssiges, unaufgeregtes Album einer echten Könnerriege

■ Meyer Records No. 246

■ Label: Tonzonen Records TON126

Genre: Post Rock

Noorvik – Harmatia

Huch – was ist denn hier passiert? Fielen die beiden ersten Alben der Kölner Band noch durch ihren leicht kühlen und atmosphärisch dichten Sound auf, geht‘s auf dem dritten Longplayer „Harmatia“ mitunter deutlich hitziger zur Sache. Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass es einige personelle Veränderungen in der Band gegeben und sich die musikalische Stoßrichtung damit verändert hat. Thematisch geht‘s beim neuen Album einmal mehr um den drohenden Untergang der Menschheit, die Bildsprache lehnt sich an die alten Griechen an und zitiert gar Philosophisches des großen Aristoteles. Was sich nicht ohne Weiteres erschließt, denn „Harmatia“ ist ein reines Instrumentalalbum. Der Aufbau der acht Titel ist ohne Zweifel komplexer und vielschichtiger als bei den beiden ersten Veröffentlichungen, mitunter haben auch ein paar so noch nicht von Noorvik zu hörende Metal-Einflüsse Einzug gehalten. Das Ganze hat zweifellos an Schwere gewonnen, was der Sache durchaus gut tut. In aller Regel nimmt das Geschehen langsam Fahrt auf, bevor sich ein paar kräftige Gitarren- und Schlagzeuggewitter entladen. Jene sind aber gewittertypisch kurz und dann geht‘s auch meist warm und freundlich weiter. Auch vom klanglichen Standpunkt aus ist das Album eine gelungene Angelegenheit. Der Sound hat Wärme und Biss, die eruptiven Momente haben durchaus ein gewisses Maß an Dynamik, der Klangteppich verteilt sich schön über die gesamte Breite der Bühne. Das Album verteilt sich über vier Seiten zweier schwerer Platten, die in meinem Fall schwarz-gelb marmoriert sind. Das Gatefold suggeriert auch optisch Endzeitstimmung, im Inneren stecken ein Beiblatt und ein Download-Code für die Digitalversion.

hb

Fazit: Schweres, ernstes Epos mit reichlich Endzeitstimmung

Genre: Vocal Pop-Jazz

Al Jarreau – Breakin’ Away

■ Label: Music On Vinyl

■ Bestellnummer: MOVLP1351

Freunde des Corporate Designs werden an der auf 1500 Exemplare limitierten Veröffentlichung aus dem Hause Music On Vinyl ihre helle Freude haben. Das zarte Rosa, das sowohl das T-Shirt Al Jarreaus als auch das Cover und dessen Beilage ziert, setzt sich in der Farbgebung der makellos klingenden LP fort. Somit ist die erste Genussstufe erreicht, der eine weitere folgt, wenn man sich durch das aus neun Stücken bestehende Programm vorarbeitet. Zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 1981 hatte Al Jarreau bereits einige Höhepunkte erlebt, zu denen zwei Grammys gehörten, denen er durch dieses Album zwei weitere hinzufügte. Er ist der einzige Sänger, der Grammys sowohl im Jazz und in den Kategorien Pop und R&B gewann. „Breakin’ Away“ ist sein populärstes Werk und hat Platin-Status erreicht, was angesichts der fluffig leichten Songs voll positiver Ausstrahlung keine Überraschung ist. Seine Mitstreiter gehörten zum Zeitpunkt der Aufnahme zu den Aushängeschildern des Westküsten-Pop und R&B-Sounds, um mit David Foster und Jay Graydon (Airplay) nur die wichtigsten Vertreter zu nennen. Die vertrackte Dave Brubeck-Komposition „(Round, Round, Round) Blue Rondo a La Turk“ weicht mit seiner starken Jazz-Verwurzelung vom Rest des Songangebots ab und weist Al Jarreau nicht nur als Sänger aus, der in sämtlichen Stimmlagen zuhause ist, sondern auch als „sprachliches Maschinengewehr“, der die Silben in atemberaubendem Tempo, dabei aber trotzdem verständlich ins Mikro hechelt. Auf dem nachfolgenden und die Aufnahme beendenden „Teach Me Tonight“, einer Komposition aus den 1950er Jahren, wandelt Al Jarreau stilistisch auf den Spuren Frank Sinatras. Wer, wie ich, in den 1980er Jahren seine „Sturm-und-Drang-Zeit“ hatte, kann mit „Breakin’ Away“ die besten Erinnerungen jener Zeit wieder hervorholen.

rh

Fazit: Al Jarreaus Standardwerk in wunderschöner Aufmachung – absolut 80er - absolut Top!

Genre: Mystic Jazz

Anne Paceo – S.H.A.M.A.N.E.S.

■ Label: Jusqu’à La Nuit

■ Bestellnummer: JLNLP02

Die französische Singer/Songwriterin hat sich mit ihren Kompositionen und ihrer Art, diese am Schlagzeug sitzend mit ihren musikalischen Mitstreitern ins Werk zu setzen, seit ihrer Debüt-Aufnahme im Jahr 2008 einen guten Ruf in der Fachwelt und ein treues Publikum erarbeitet. Ihrem eigenen Stil folgend benutzt sie ihre Fertigkeiten, um sich vom Schamanismus verschiedenster Kulturen inspirieren zu lassen, taucht dabei ab in balinesischen Exorzismus, haitianische Voodoo-Zeremonien und mystische Rituale aus Brasilien und Sibirien. Aus diesen Grundlagen schöpft sie für ihre eigenen Kompositionen, reichert sie mit einer großen Portion Rhythmik und modernen Jazz-Elementen an und lässt sie durch teilweise einzigartige Instrumente in emotionale Musik umsetzen. Neben den beiden Sängerinnen Isabel Sörling und Marion Ranpal lässt besonders das selbst gebaute Metallofon von Benjamin Flament aufhorchen, das mit seinem speziellen Klang besondere Akzente setzt. Wer im Netz nach Videos von Anne Paceo sucht, kann sich auch einen optischen Eindruck dieses besonderen Instruments verschaffen. Weitere Mitspieler sind Christophe Panzani an Saxofon und Klarinette sowie Tony Paeleman an Keyboard und Bass. Die in der Elfenbeinküste aufgewachsene Künstlerin Anne Paceo nutzt mit der westafrikanischen Ngoni, einer Spießlaute, ein weiteres Instrument, um die mystische Wirkung ihrer Musik zu unterstützen. All diese Zutaten führen im Ergebnis zu einer fesselnden Aufnahme von sehr hohem künstlerischen Wert, die sowohl für Freunde der Weltmusik interessant ist, aber auch für Menschen, die übersinnlichen Phänomenen gegenüber aufgeschlossen sind, als eine musikalische Untermalung für spirituelle Sitzungen dienen kann. Je länger das Album läuft, umso schwerer fällt es, sie wieder ziehen zu lassen.

rh

Fazit: Schamanische Klänge großartig in Musik für die breite Masse umgesetzt.

Genre: Kammer-Jazz

Antonia Hausmann – Teleidoscope

■ Label: nWog Records

■ Bestellnummer: 045

Es ist davon auszugehen, dass Antonia Hausmann über einen starken Willen verfügt, denn selbst ein Schicksalsschlag, der viele andere zur Aufgabe ihrer Träume gebracht hätte, konnte sie nicht stoppen. Sie verfolgte in jungen Jahren akribisch eine Karriere, die sie als Klarinettistin in ein Orchester führen sollte. Als Teenager geriet ihre rechte Hand jedoch bei Waldarbeiten in einen Holzspalter und beendete jäh den eingeschlagenen Weg. Musikerin wollte sie dennoch werden und suchte sich die Posaune aus, bei der die Bewegungsfähigkeit der rechten Hand nicht von so großer Bedeutung ist. Schnell erreichte sie damit großartige Fertigkeiten und wurde eine gefragte Musikerin auf Alben unterschiedlichster Genres, von Klassik über Indie Pop bis hin zu elektronischer Musik. Auch dem Jazz war sie nicht abgeneigt und legt jetzt mit „Teleidoscope“ ihr Debüt-Werk vor, das man als sehr gewagt bezeichnen darf, denn einen für Jazz-Alben typischen Bass sucht man in ihrem Quartett vergebens, der ist nur auf zwei Stücken vom Gastmusiker Carl Wittig zu vernehmen. Damian Dalla Torre an Bassklarinette und Saxofon, Johannes Bigge am Piano und Philipp Scholz an Schlagzeug und Vibrafon unterstützen Antonia Hausmanns neun Kompositionen, die in ihrem Aufbau etwas Erzählendes haben, was für jede Menge Bilder vor dem geistigen Auge sorgt. Die kammermusikalische Stimmung des gesamten Albums führt dazu, dass man ganz automatisch tief in das Album hineingezogen und somit Teil der Aufnahme wird. Studiert hat Antonia Hausmann unter anderem bei Nils Wogram, der mit seiner Posaune auf drei Stücken vertreten ist und auf dessen eigenem Label nWog Records das Album erschienen ist. Sowohl die Spielweise Antonia Hausmanns als auch die Art, ihre Kompositionen anzulegen, sind eine große Bereicherung für das Genre.

rh

Fazit: Ein gewagtes und gelungenes Erstwerk einer Musikerin, die nichts aufhalten kann.

Genre: Jazz-Rock

Billy Cobham – Total Eclipse

■ Label: Atlantic / Speakers Corner

■ Bestellnummer: SD 18121

Billy Cobham gilt unter den Schlagzeugern als einer der führenden Köpfe und ist einer der wenigen Instrumentalisten seines Fachs, die auch außerhalb des Genres einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Dafür dürfte seine Eigenart beigetragen haben, ab und zu auch mal publikumswirksam mit vier Drumsticks gleichzeitig zu spielen. Neben seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten am Schlagzeug ist er aber auch ein bemerkenswerter Komponist, der seine Alben mit mehrteiligen Suiten anreichert, in denen sich die beteiligten Musiker exzessiv ausleben können. So auch auf Billy Cobhams drittem Solo-Album aus dem Jahr 1974, die mit der fünfteiligen Suite „Solarization“ startet, auf der John Abercrombie an der Gitarre und der bulgarische Pianist Milcho Leviev große Momente haben. Auf dem nachfolgenden „Lunarputians“ sind es die Brecker Brothers, die das Stück maßgeblich gestalten, immer untermalt durch ein wuchtiges, dabei technisch höchst anspruchsvoll gespieltes Schlagzeug. Seine Leistungen als Instrumentalist und Komponist machten Billy Cobham zur treibenden Kraft in der Entwicklung des Fusion-Jazz und des Jazz-Rock. Das Album enthält mit „Moon Germs“ auch einen Funk-Kracher, der sich über die Jahre zu einem Klassiker des Cobham-Repertoires entwickelt hat. John Abercrombie zeigt hier sein ganzes Können, das erste Gitarren-Solo wird jedoch vom Gastmusiker Cornell Dupree gestaltet, der ihm in nichts nachsteht. Auf den Titeln „The Moon Ain’t Made of Green Cheese“ und „Last Frontier“ sitzt Billy Cobham erstmals auch am Klavier, auf letzterem beendet er damit das nur aus einem herrlichen Schlagzeugsolo bestehende Stück.

rh

Fazit: Klangtechnisch hervorragende Neuauflage eines der wichtigsten Cobham-Alben.

Genre: Vocal-Jazz

Blossom Dearie – The Hits

■ Label: New Continent

■ Bestellnummer: 101031

Das Cover enthält eine essentielle Information, aus der man viel von dem herauslesen kann, was einem nach dem Auflegen der LP erwartet. Die Pianistin und Sängerin Blossom Dearie wird dort mit Diana Krall verglichen, die in den gleichen Disziplinen zuhause ist. Während Diana Krall einen Song zunächst nach dessen Text beurteilt, hat Blossom Dearie ihr Augenmerk stets auf die Melodie gelegt und sich trotz eines guten Textes geweigert, einen Song zu spielen, dessen Musik ihr nicht gefällt. Da sie offensichtlich einen sehr guten Geschmack hatte und melodiöse Musik bevorzugte, die auch ein breites Publikum anspricht, enthält die LP 18 Stücke, denen man mit zunehmender Hingabe lauschen kann, während das Rotweinglas langsam zur Neige geht. Die Aufnahmen sind in den Jahren zwischen 1956 und 1960 unter Mitwirkung unterschiedlicher Musiker entstanden, unter denen sich auch große Namen wie Herb Ellis, Kenny Burrell, Ray Brown, Jo Jones und Ed Thigpen befinden. Dies ist allerdings nicht von großer Bedeutung, denn es sind alles Stücke, in denen das Klavier und vor allem die mädchenhafte Stimme Blossom Dearies im Vordergrund stehen und die beteiligten Musiker sich - mit wenigen Ausnahmen - dezent im Hintergrund aufhalten. Neben der herrlichen, manchmal nostalgischen Stimmung, die das Album verbreitet, erfreuen auch die eingestreuten, französisch gesungenen Songs. Die Sprache hat sich Blossom Dearie durch einen Aufenthalt in Paris zwischen 1952-1956 angeeignet. Für Vocal-Jazz-Liebhaber ist diese Zusammenstellung auf jeden Fall ein Grund zu feiern und sollte Anlass sein, sich mit der umfangreichen Diskographie der Künstlerin eingehender zu beschäftigen! Kleiner Fun-Fact am Rande: die für die Liner Notes zuständige Alice Night verlegt die Stadt Oslo (Herkunftsort Blossom Dearies Mutter) nach Schweden!

rh

Fazit: Vor dem Abhören unbedingt die Weinvorräte aufstocken!

Genre: Jazz-Funk

Bobby Sparks II – Paranoia

■ Label: Leopard

■ Bestellnummer: D 78088

Wer im Plattenladen seines Vertrauens die aktuellen Scheiben durchblättert, der wird bei „Paranoia“ schon aufgrund dessen Haptik genauer hinschauen. Ein Triple-Gatefold-Cover beherbergt drei jeweils 180 Gramm wiegende Vinylscheiben, die ihrerseits durch Papphüllen geschützt werden. Was zunächst nur gut in der Hand liegt, entpuppt sich beim Abhören um eine weit über zwei Stunden andauernde Aneinanderreihung höchst abwechslungsreicher Songs, die überwiegend im Funk beheimatet und dermaßen mitreißend sind, dass es eine Weile dauern wird, bevor man dafür einen Platz im Regal sucht. Dem Keyboarder Bobby Sparks, der sein Großwerk auch produziert, arrangiert und überwiegend komponiert hat, gelingt es mühelos, verschiedenste Einflüsse und Stimmungen zu einem fesselnden Gesamtwerk zu formen, wie es sie in dieser geballten Form nur sehr selten gibt. Eröffnet wird das Album mit dem Stück „Musical Diarrhea“, dessen Betitelung schon viel von dem vorwegnimmt, was man zu hören bekommt (O-Ton Bobby Sparks: „Männermusik - voller Testosteron“). Zwischen der geballten Funk-Power, die ohne Unterlass aus den Lautsprechern quillt, streut er auch zartschmelzende Balladen wie „Sometimes It Snows In April“ ein, der er indisch anmutendes Liedgut folgen lässt, das sich am Ende aber auch wieder in handfesten Funk verwandelt; auf zwei Stücken geht er zu seinen Gospel-Wurzeln zurück. Von großer Klasse sind auch seine Interpretationen von „Love Dance“ (Ivan Lins) und „Goodbye Yellow Brick Road“ (Elton John). Stellenweise ist das mit einer illustren Gästeliste aufwartende „Paranoia“ eines der energiegeladensten Alben, die das Genre hervorgebracht hat. Bobby Sparks II hat angekündigt, dass das Nachfolgealbum noch wilder werden soll als „Paranoia“ - da können wir uns auf was gefasst machen!

rh

Fazit: Selbst Prince würde sich vor diesem „Opus Magnum in Funk“ verneigen.

Genre: Jazz

Gerald Clayton – Bells on Sand

■ Label: Blue Note

■ Bestellnummer: 00602445277278

In der Clayton-Famile sind die musikalischen Gene sehr großzügig verteilt. Der Vater des Pianisten Gerald Clayton ist der bekannte Bassist John Clayton, der auf den ersten drei der insgesamt zehn Stücken auch als Gast auftritt, sein Onkel Jeff war ein nicht minder erfolgreicher Saxofonist, mit dessen Komposition „There is Music Where You’re Going My Friends“ die Aufnahme endet. Mit „Bells on Sand“ legt Gerald Clayton sein Studio-Debüt auf Blue Note vor, nachdem er zwei Jahre zuvor ein Live-Album für das Label eingespielt hat. Bereits auf seinen früheren Aufnahmen ist sein lyrisches und poetisches Spiel zu bewundern gewesen, das er auf seinem aktuellen Werk zu neuen Höhen treibt. Großen Anteil am Gelingen der Aufnahme hat die Auswahl der beteiligten Musiker und deren abwechslungsreicher Einsatz. Mal ist es John Clayton am gestrichenen Bass, der allein oder gemeinsam mit dem Schlagzeuger Justin Brown das Piano ergänzt, die auf einem Stück noch durch die portugiesische Sängerin Maro unterstützt werden. Diese sorgt auf dem Piano/Vocal-Duett „Just a Dream“ für besondere Gänsehautmomente. Von großer Intensität ist auch sein Duett mit dem Saxofonisten Charles Lloyd auf „Peace Invocation“. Auf „That Roy“ wechselt Gerald Clayton vom Piano zu den Rhodes und durchbricht damit für ein Stück die Stimmung des Albums. Hochspannend sind auch seine beiden unterschiedlichen Interpretationen des Stückes „My Ideal“ von Richard Whiting sowie die beiden Klassik-Stücke aus der Feder des katalanischen Meister-Komponisten Frederic Mompou. All diese Zutaten machen aus „Bells on Sand“ ein zwar eher stilles Album, das aber umso heller strahlt, je öfter man es hört und dessen Details sich erst bei voller Konzentration auf das Werk entfalten.

rh

Fazit: Ein großartiges Album, das bei jedem Hören noch besser wird.

Genre: Jazz

Geri Allen Trio – Twenty One

■ Label: Blue Note

■ Bestellnummer: 3876188

Im Jazz ist es nicht viel anders als im Frauenfußball! Trotz hervorragender Leistungen stehen sie im Schatten der Männer. Welch Unrecht ihnen damit angetan wird, ist am Beispiel der Pianistin Geri Allen zu erkennen, deren Klasse der breiteren Öffentlichkeit erst gewahr wurde, als diese aufgrund einer Krebserkrankung mit nur 60 Jahren im Jahr 2017 verstorben ist. Von welchem Kaliber Geri Allen war, kann man nun erstmals auf einer Vinyl-Version ihres Albums „Twenty One“ bestaunen, das ursprünglich 1994 veröffentlicht wurde und nun mit geändertem Cover als Doppel-LP erschienen ist. Die gemeinsam in einem Standardcover steckenden Scheiben sind perfekt produziert und entlassen einen höchst dynamischen Klang, der in seiner Abmischung aber analoges Feeling etwas vermissen lässt. Der von Ron Carter gespielte Bass steht sehr präsent im Vordergrund und die Becken des von Tony Williams bedienten Schlagzeugs scheppern für meinen Geschmack etwas zu penetrant, dieser Umstand schmilzt in Anbetracht der Klasse der Musik jedoch zu einer Nichtigkeit zusammen. Die zwölf Songs sind zur Hälfte von Geri Allen selbst komponiert und im Falle des eröffnenden „RTG“ oder dem Stück „Feed the Fire“ voller Power und Dynamik, im Falle von „In The Morning“ voller Sehnsucht und balladesker Erhabenheit. Sie deckt als Komponistin also das gesamte Spektrum an Stimmungen ab und ist als Interpretin in der Lage, diese durch ihr Spiel in die Tat umzusetzen. Auch die Interpretationen von Titeln aus fremder Feder, wie zum Beispiel „Tea for Two“, bestechen durch ihre Spielfreude und -technik. Im Trio mit Ron Carter und Tony Williams - insbesondere aber auf dem finalen Solo „In The Middle“ - erblühen Geri Allens pianistische Fähigkeiten in ihrer ganzen Pracht und machen deutlich, das sie zu Lebzeiten sträflich übersehen wurde.

rh

Fazit: Es ist nie zu spät, großartige Musik zu entdecken – mit dieser Doppel-LP ist es möglich!

Genre: Hard Bop

Jackie McLean – Tippin’ the Scales

■ Label: Blue Note (Tone Poet Series)

■ Bestellnummer: BST 84427

Das Schicksal mancher Aufnahme geht in seltenen Fällen eigene Wege, was auch für die 1962 eingespielte Session „Tippin’ The Scales“ gilt. Sie wurde ins Archiv eingelagert, weil die davor und danach aufgenommenen Alben „Let Freedom Ring“ und „One Step Beyond“ stilistisch von diesem abwichen und Jackie McLean sich in ebendiese progressivere Richtung entwickelte. Eine Veröffentlichung dieses geradlinigeren Stils hätte in dieser Phase möglicherweise für Verwirrung gesorgt. Erst im Jahr 1979 wurde das Album ausschließlich in Japan veröffentlicht und es dauerte weitere fünf Jahre, bevor die erste Version in den USA in den Regalen stand. In der hochwertigen Tone Poet Series hat man dieses Album nun ausgewählt, um es klangtechnisch aufzuarbeiten und in einer schicken Version im Klappcover - mit von damals abweichender Front - aufzulegen. Auf den sechs Stücken sind neben Jackie McLean am Altsaxofon auch Sonny Clark am Piano, Butch Warren am Bass und Art Taylor am Schlagzeug mit von der Partie (somit wurden die drei genannten Alben in kurzer Folge mit jeweils komplett anderen Mitspielern aufgenommen). Sonny Clark, der mit seinem kühlen Spiel in starkem Kontrast zum leidenschaftlichen Ton Jackie McLeans steht, hat drei Kompositionen beigesteuert, die gemütlich vor sich hin swingen. Das Titelstück und der „Rainy Blues“ stammen vom Leader selbst und sind anspruchsvoller gestaltet. Interessant ist besonders das letzte Stück „Cabin in the Sky“, denn hier entlockt Jackie McLean seinem Altsaxofon viel wärmere Töne, als man es auf dem Rest des Albums und auch generell von ihm zu hören bekommt. Es schließt ein Album ab, über dessen Veröffentlichung viele Jahre nach der Entstehung man nur froh sein kann, umso mehr es jetzt in einer gelungenen Neuauflage erhältlich ist.

rh

Fazit: Phantastisch klingende Neuauflage eines Albums, das fast in den Archiven verstaubt wäre.

Genre: Jazz

Joey Alexander – Origin

■ Label: Mack Avenue

■ Bestellnummer: MAC1198LP

Farbiges Vinyl scheint derzeit stark im Trend zu liegen. Das aktuelle Album des Wunderpianisten Joey Alexander kommt in einer besonders schönen Farbe daher, die sich „Sea Glass“ nennt. Da die Pressung, ausgeführt als Doppel-LP im Klappcover, auch über einen tadellos offenen Klang verfügt, sind die Grundlagen für großen Genuss vorhanden und man kann sich positiv gestimmt der Musik hingeben. Wer sich „Origin“ zulegt, wird sicher wissen, dass es sich mit Joey Alexander um das vermutlich weltweit größte Talent handelt, das die Jazzwelt nicht nur aktuell in Erstaunen versetzt, sondern wohl zu den größten Könnern gehört, die das Genre jemals hervorgebracht hat. Er ist jetzt gerade 19 Jahre alt geworden und legt nach drei Grammy-Nominierungen mit „Origin“ sein bereits sechstes Album vor. Auf diesem wird er, wie zuvor auf „Warna“, von Larry Grenadier am Bass und Kendrick Scott am Schlagzeug begleitet. Als Gäste auf drei der zehn Stücke wirken Gilad Hekselman an der Gitarre und Chris Potter am Saxofon mit. Joey Alexander ist ein Freund der leiseren Töne und möchte eher mit den durch sein Spiel erzeugten Emotionen wirken, als mit halsbrecherischen Piano-Läufen. Die Kompositionen stammen erstmals komplett aus eigener Feder und lassen somit auch einen Blick auf die Persönlichkeit des Musikers zu, dessen Reife selbst in Kenntnis seiner vorherigen Alben nach wie vor beeindruckt. Dabei spielt er sich nicht in den Vordergrund sondern gibt allen beteiligten Musikern großen Entfaltungsspielraum. Auf den Stücken „Winter Blues“ und „Summer Rising“ ist Joey Alexander erstmals auch an den Fender Rhodes zu erleben. Seine weitere Karriere gilt es unbedingt im Auge zu behalten, denn bei seiner Klasse sind Alben zu erwarten, die zum Standardrepertoire jeder Jazz-Sammlung gehören werden.

rh

Fazit: „Origin“ ist ein weiterer Meilenstein in der bemerkenswerten Karriere Joey Alexanders.

Genre: Jazz-Rock

John McLaughlin – The Montreux Years

■ Label: BMG

■ Bestellnummer: BMGCAT555DLP

Im vergangenen Jahr startete die Reihe „The Montreux Years“, die Konzertausschnitte von ausgewählten Künstlern präsentiert, die bisher nur in Teilen bzw. auf seltenen Sondereditionen oder noch gar nicht veröffentlicht wurden. Nach Etta James, Nina Simone, Marianne Faithfull und Muddy Waters ist es nun der britische Gitarrist John McLaughlin, der auf zwei LPs ein selbst zusammengestelltes Programm aus acht Stücken vorstellt, die er mit unterschiedlichen Formationen in den Jahren zwischen 1978 bis 2016 auf dem legendären Montreux Jazz Festival eingespielt hat. Die Aufnahmequalität von Konzerten im Rahmen des Festivals gehörten von jeher zum Besten, was technisch möglich war, was sich in einem einheitlichen Klang über einen Aufnahmezeitraum von fast 40 Jahren widerspiegelt. Enthalten sind (in chronologischer Reihenfolge, auf dem Album sind die Aufnahmen gemischt) die Stücke „Friendship“ mit der „The One Truth Band“ von 1978, „Radio Activity“ und „Nostalgia“ mit dem „The Mahavishnu Orchestra“ von 1984, „David“ und „Florianapolis“ mit Paco de Lucia von 1987, „Sing Me Softly of the Blues“ mit „The Free Spirits“ von 1995, „Acid Jazz“ mit „The Heart of Things“ von 1998 und „El Hombre Que Sabià“ mit „The 4th Dimension“ von 2016. Zwangsläufig weichen die beiden Stücke mit Paco de Lucia stilistisch vom Rest der Aufnahme ab. Während hier mit zwei Gitarren der Flamenco auf allerhöchstem Niveau zelebriert wird, darunter ein hochemotionaler Call and Response-Abschnitt auf „David“, bestehen die restlichen Stücke aus unterschiedlichen Formen des Jazz-Rock, mal begleitet durch Geige oder durch Joey DeFrancescos Orgel. Diese Bandbreite veranschaulicht die Vielseitigkeit, mit der John McLaughlin seit über 50 Jahren sein Publikum begeistert.

rh

Fazit: Gelungener Zusammenschnitt von John McLaughlins Montreux-Performance.

Genre: Smooth Jazz

Kenny G – New Standards

■ Label: Concord Records

 ■ Bestellnummer: 00888072404267

Der Sopransaxofonist Kenny G spielt definitiv in seiner eigenen Liga, und das, obwohl er von den allermeisten Jazz-Fans und auch Jazz-Künstlern verachtet wird. Es ist jedoch eine unumstößliche Tatsache, dass seine Verkaufszahlen in etwa so hoch sind, wie die all jener, die ihn nicht zum Jazz zählen wollen, zusammen. Sein Stil hat das Saxofon im Mainstream populär gemacht und zum Beispiel 1986 den Hit „Songbird“ hervorgebracht. Mit „New Standards“ wagt er sich weit wie nie zuvor in seiner bereits über 40 Jahre andauernden, höchst erfolgreichen Karriere in das Revier seiner Kritiker und bringt elf selbstkomponierte Stücke zu Gehör, die von Jazz-Balladen der 1950er und 60er Jahre inspiriert sind. Auch wenn die Verfechter der reinen Jazz-Lehre deshalb ihre Meinung über Kenny Gorelick nicht ändern werden, so darf „New Standards“ als gelungenes Album bezeichnet werden, mit dem er einerseits seinen Fans neues Material bietet, anderseits aber auch echte Jazzer mit einem breiten Blick auf die Dinge in sein Lager ziehen dürfte. Besonders reizvoll ist dabei das Stück „Legacy“, auf dem er ein imaginäres Duett mit Stan Getz spielt. Tenor- und Sopransaxofon vereinen sich hier in großer Harmonie und spielen dabei auch auf der Gefühlsklaviatur. Dieses Merkmal ist auch anderen Stücken zu eigen, „Anthem“ zum Beispiel ist ein herrliches Duett aus Saxofon und Cello. Auf „Two of a Kind“ fällt er am stärksten in gewohntes Terrain zurück, trotzdem - oder gerade deswegen - zählt es zu den Highlights des Albums, das sich über drei LP-Seiten erstreckt, die vierte Seite ziert eine eingeätzte Silhouette von Kenny G. Die Herstellungsqualität von Vinyl und Klappcover sind tadellos, der Klang ist hervorragend. Damit dürfte er in der exklusiven Liste von Interpreten mit den meisten verkauften Tonträgern weiter nach oben klettern.

rh

Fazit: Kenny G ist und bleibt eine Klasse für sich, umso mehr nach diesem Album!

Genre: Avantgarde Jazz

Mary Halvorson – Amaryllis & Belladonna

■ Label: Nonesuch

■ Bestellnummer: 075597912708

Mary Halvorson wird schon seit langer Zeit zu den interessantesten Gitarristinnen gezählt, die man im Jazz antreffen kann, und jede ihrer Veröffentlichungen scheint diese Zuschreibung zu bestätigen. Sie verfügt dabei über eine sehr vielschichtige, zugleich eigenständige Klangästhetik, mit der sie Freunden des Creativ Jazz hochwertiges Futter für deren Musikgenuss gibt, was sich im Falle dieser Doppel-LP auch ausdrücklich auf den sehr guten Klang der Aufnahme und deren Vinyl-Wiedergabe bezieht. Die auf zwei getrennten CDs veröffentlichten Aufnahmen „Amaryllis“ und „Belladonna“ sind auf Vinyl ohne Kürzung zusammengefasst und erlauben somit eine Reise durch den komplexen Kosmos der Künstlerin. Während sie ihre Gitarre auf den ersten drei Titeln mit einem Quintett aus Trompete, Posaune, Vibrafon, Bass und Schlagzeug ergänzt, kommt auf den darauf folgenden drei Stücken ein Streichquartett hinzu, die auf den letzten fünf Songs die ausschließliche Begleitung bilden - diese sind Bestandteil des Albums „Belladonna“. Die Musik ist eine Mischung aus Komposition und Improvisation, die sich jeder Kategorisierung entzieht und ziemlich einzigartig klingt. Während die ersten sechs Stücke, die unter Beteiligung der Bläser-/Rhytmus-Gruppe entstanden sind, mit einer gewissen Urgewalt daherkommen, sind die letzten fünf Stücke aus komponierten Streichern und improvisierter Gitarre etwas zurückgenommener und lassen auch deutliche Anleihen aus der Klassik erkennen. Selbst die Musikfans, die schon unüberschaubar viele Alben gehört haben, dürften in Mary Halvorsons neuen Werken Dinge entdecken, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht haben vorstellen können. Um sich davon einen Eindruck zu verschaffen genügt das Anspielen des Stückes „Moonburn“, das man getrost auch einfach als „Neue Musik“ bezeichnen könnte.

rh

Fazit: Auf die Spitze getriebene Kreativität für Avantgardisten.

Genre: Vocal Jazz

Natalie Cole – Unforgettable

■ Label: Craft Recordings

■ Bestellnummer: 00888072092785

Diese Pressung ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass hervorragendes Remastering und tadellose Herstellung sich nicht zwangsläufig in einem überbordenden Preis niederschlagen müssen. Das mit sieben Grammys ausgezeichnete Album „Unforgettable“ ist außerdem eine sehr gute Wahl, um es solch einer Behandlung zu unterziehen und das 30. Jubiläum der Aufnahme zu feiern. Im Jahr 1991 verließ Natalie Cole ihren bis dahin überaus erfolgreich beschrittenen Weg der Soul-, Pop- und R&B-Diva und widmete sich den Aufnahmen ihres Vaters Nat „King“ Cole. Diese wurden unter maßgeblicher Federführung der unfehlbaren Produzenten Tommy LiPuma und David Foster, einer großen Schar der führenden Instrumentalisten und einem großen Orchester in ein Jazz-Gewand gekleidet, das gefühlsbetonten Menschen bei jedem Abhören die Tränen in die Augen treibt. Dabei wird die gesamte Skala von Stimmungen zwischen getragener Ballade und schwungvollem Swing in guter Mischung präsentiert, was sehr zur Kurzweiligkeit beiträgt. Den Höhepunkt der Aufnahme bildet der Titelsong am Ende des Albums. Hier singt Natalie Cole ein imaginäres Duett mit ihrem 1965 verstorbenen Vater, was damals noch ziemlich kontrovers diskutiert, inzwischen aber zu einem gängigen Stilmittel geworden ist. Auf den beiden LPs, die gemeinsam in einem Standardcover stecken, befinden sich insgesamt 22 Stücke, die allesamt von sehr großer Qualität geprägt sind. Trotzdem gibt es einige Songs, die noch ein klein wenig herausragender sind als der Rest, um mit der von Michel Legrand arrangierten Nummer „Nature Boy“ und der heftig mit Streichern untermalten Ballade „Darling, Je Vous Aime Beaucoup“ nur zwei zu nennen. Das ist zeitloser Jazz, der auch noch der nächsten Generation gefallen wird.

rh

Fazit: Traumhafte Neuauflage eines wunderbaren Albums.

Genre: Jazz

Simon Oslender – Peace of Mind

■ Label: Leopard

■ Bestellnummer: D 78110

Informiert man sich im Netz über das neue Werk des deutschen Pianisten Simon Oslender, so ist an allen Ecken von dessen musikalischer Reife die Rede und man könnte vermuten, dass da einer vom anderen abgeschrieben hat. Hört man aber dann seine Musik, fällt einem ebendiese musikalische Reife, die der 1998 geborene Aachener an den Tag legt, unmittelbar auf. Bereits sein Erstwerk „About Time“, das in der LP 4/2020 sehr positiv besprochen wurde, glänzte mit diesen Qualitäten, die auf „Peace of Mind“ noch deutlich zugenommen hat. Man muss befürchten, dass Simon Oslender im Zeitraffer altert, so wie sich seine Entwicklung vollzieht, beispielhaft zu erkennen an der intimen Trio-Performance „I Will be There“ mit dem amerikanischen Bassisten Will Lee und Wolfgang Haffner am Schlagzeug. Das strahlt eine Ruhe, Wärme und abgeklärte Gelassenheit aus, die nicht häufig zu finden ist. „Peace of Mind“ ist insgesamt etwas zurückhaltender als seine Debüt-Aufnahme, was aber immer wieder durch schwungvolle Kompositionen aufgebrochen wird, die z. B. im Falle von „When She Speaks“ an die positiv lebendige Musik der isländischen Formation Mezzoforte erinnern; „Better Times“ klingt, als würde es vom renommierten amerikanischen Pianisten David Benoit stammen. Die unterschiedlichen akustischen und elektronischen Tasteninstrumente, kombiniert mit einer großen stilistischen Bandbreite der zwölf Songs, machen das Doppel-Album zu einer geeigneten Beschallung für Anlässe, bei denen man allein oder in kleiner Runde hochwertig unterhalten werden will. Wenn die musikalischen Entwicklung Simon Oslenders weiterhin in diesem Tempo verläuft, darf man auf zukünftige Alben mehr als gespannt sein. Klang, Ausstattung und Pressqualität von Vinyl und Klappcover geben keinen Anlass zur Klage.

rh

Fazit: Simon Oslender kann auch mit dem zweiten Album auf ganzer Linie überzeugen.

Genre: Jazz

Tigran Hamasyan – StandArt

■ Label: Nonesuch 

■ Bestellnummer: 075597911466

Ein Musiker, der auf seinem Instrument eine eigene Sprache sprechen kann, mit der er schnell zu identifizieren ist, hebt ihn deutlich aus der Masse heraus. Der armenische Ausnahmepianist Tigran Hamasyan gehört zu dieser illustren Gruppe, die allein durch ihren Anschlag und mehr noch durch ihre Interpretation einen fingerabdruckartigen Wiedererkennungswert haben. Mit dieser außergewöhnlichen Begabung hat er nicht nur zahlreiche Solo-Alben eingespielt, sondern sich auch als wichtiger Mitspieler auf vielen Werken seiner Kollegen hervorgetan. Erstmals nutzt er seine Fähigkeiten, um sich damit acht amerikanischer Jazz-Standards anzunehmen, die zwischen 1920 und 1950 entstanden sind. Bis auf zwei Ausnahmen hat er dabei den Bassisten Matt Brewer und den Schlagzeuger Justin Brown an seiner Seite, die stellenweise durch Mark Turner bzw. Joshua Redman am Tenorsaxofon oder Ambrose Akinmusire an der Trompete ergänzt bzw. ersetzt werden. Mit letzterem hat er das Standardrepertoire um die gemeinsame Komposition „Invasion During an Operetta“ erweitert, die sich stilistisch als Original zu erkennen gibt. Mit seinem kraftvoll dynamischen Anschlag hat Tigran Hamasyan ein energiegeladenes Meisterwerk erschaffen, das einem einerseits verhilft, einen neuen Blick auf die Klassiker des Genres zu gewinnen, andererseits aber auch die Erkenntnis vor Augen führt, dass der armenische Wunderpianist auf bestem Wege ist, sich auf die gleiche Ebene wie Chick Corea, Bill Evans oder Monty Alexander vorzuarbeiten. Die Aufnahme wurde zudem hervorragend eingefangen und in die Rille transportiert , sodass einem ungetrübten Musikvergnügen mit dem Kauf dieser traumhaften LP nichts im Wege steht. Das Standardcover enthält ein mehrseitiges Booklet, das durch den armenischen Künstler Gaguik Martirosyan gestaltet wurde.

Fazit: Bei der Klasse dieses Albums gehen einem die Superlative aus!