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Plattenrezensionen


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LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 18.11.2022

Genre: Alternative

… And You Will Know Us By The Trail Of Dead – XI: Bleed Here Now

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Bildquelle: LP Magazin, Ausgabe 1/2023

? Label: Inside Out Records ? Bestellnummer/Katalognummer: 19439973541

Und der Preis für die Band mit dem sperrigsten Namen geht an … And You Will Know Us By The Trail Of Dead! Doch der Name ist nicht das einzige Sperrige, was uns die Texaner auf ihrem laut Albumnamen elften Studioalbum mit dem martialischen Namen „XI: Bleed Here Now“ zumuten. Wobei „zumuten“ nicht das passende Wort ist – außer, man empfindet komplexe, stilistisch weitgehend variierende und vor allem lange musikalische Entdeckungsreisen als Zumutung. Dann würde ich von „XI: Bleed Here Now“ definitv abraten. Denn ATWKUBTTOD (okay, die Abkürzung ist auch nicht viel kürzer) zerren uns hier durch eine Herausforderung der eklektischen Art. Da ist nichts mit nebenbei hören oder Partybeschallung, hier heißt’s Kopfhörer auf – oder zumindest Augen zu – und ...

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... zuhören. Qualitativ übrigens deutlich nahrhafter als der etwas wenig inspirierte Vorgänger, der eine lange Pause im Bandschaffen beendete, wenn auch nicht so überragend wie das Debüt. Doch die 22 Tracks (!!!) haben durchaus künstlerischen Wert und emotionalen Appeal. Der Ritt durch die Genres und Emotionen ist wild; ein Punk bedient die Beatles in der Pop-Disco, während die 1980er-Jahre vorbeischauen, und das alles in 70 Minuten Laufzeit. Da muss man sich schon ohne Erwartungen hingeben wollen – und ich finde, dass es sich lohnt. Wenn der Sturm über einen hinwegzieht, muss man loslassen wie einst Dorothy im Zauberer von Oz, um zu magischen musikalischen Ländern zu gelangen, wenn auch nur für die Dauer des Albums. Ach ja, das Album ist quadrofonisch aufgenommen, falls Sie noch so eine Anlage besitzen.

(mb)

Fazit: Ein musikalischer Wirbelsturm, bei dem man loslassen muss. Quadrofonisch aufgenommen!

Genre: Progressive Rock

Banco del Mutuo Soccorso – Orlando: Le Forme dell‘Amore

Banco del Mutuo Soccorso ist ohne Zweifel eine der drei wichtigsten italienischen Prog-Rock-Bands der 1970er Jahre, zusammen mit Le Orme und Premiata Forneria Marconi. Ihr Erfolg beruhte sicherlich auf der unverwechselbaren Tastenarbeit der Brüder Vittorio und Gianni Nocenzi (letzterer ist bereits 1984 gestorben) sowie der charismatischen Stimme des Ur-Sängers Francesco Di Giacomo. Seit mittlerweile 50 Jahren machen die Jungs quasi ununterbrochen Musik – auch nachdem Francesco bei einem tragischen Autounfall im Jahr 2014 starb. Seit 2016 verantwortet daher Tony d’Alessio das Mikrofon. Womit wir bei der einzigen Schwachstelle des Albums wären: Bei aller Sangeskunst fühlt Tony sich nämlich in den höheren Gesangslagen nicht so richtig wohl. Das kann wehtun, und er wäre meiner bescheidenen Meinung nach gut beraten, sich nicht in Dickinsonsche Höhen hinaufzuschwingen (die Bruce selbst heutzutage nicht mehr erreichen kann, wie er leider auf der 2022er Tournee nicht nur beim abschließenden „Aces High“ unter Beweis stellte). Ansonsten spielen die Italiener um das einzige verbliebene Gründungsmitglied Vittorio Nocenzi einen mehr als abgeklärten Old-School-Prog-Rog der Top-Liga. Im Unterschied zu vielen aktuelleren Bands klingen Banco del Mutuo Soccorso dabei immer authentisch und echt, hier spielt eine Band zusammen und reagiert aufeinander, was eben immer auch eine gewisse Imperfektion – oder, sagen wir, natürliche Variation – beim Timing bedeutet. Das stört aber null, sondern atmet, hat Charme und reißt mit wie ein gutes Live-Konzert. Der Sound ist zudem kernig und transparent, es macht einfach Spaß, den altgedienten Recken dabei zuzuhören, wie sie Spaß haben. Da macht dann auch der Gesang nur noch wenig aus.

(mb)

Fazit: Klasse Old-School-Prog, guter Klang. Der Gesang scheidet die Geister.

? Label: Inside Out Records ? Bestellnummer/Katalognummer: 19658726521

Genre: Melodic Orchestral Speed Metal

Blind Guardian – The God Machine

? Label: Nuclear Blast

Die Könige der Metal-Multispur-Overkill-Aufnahmen sind zurück! Sieben Jahre hat es gedauert, bis das zwölfte Studioalbum der Krefelder seinen Weg in die Regale gefunden hat – etwa ein Jahr länger als ursprünglich geplant. Aber wie das so ist in unseren Zeiten: Zeitpläne sind mehr oder weniger Makulatur. Jedenfalls konnten Hansi Kürsch und Co. ihre Fans zwischenzeitlich mit Live-Veröffentlichungen wie dem tollen „Imaginations From The Other Side (Live)“ bei der Stange halten und legen nun mit „The God Machine“ mächtig nach. Ich muss zugeben: In den 2000er-Jahren hatten mich die Barden ein wneig verloren. In den 128+ Spuren ihrer monumentalen Werke waren zeitweise kaum noch Gitarren zu hören, und bei allem Respekt für die tontechnische Umsetzung war mir das einfach ein bisschen „too much“. Zumal die blinden Gardienen sich von typischen Songstrukturen weitgehend verabschiedeten und fast frei von Wiederholungen in jedem Song eine vom Zuhörer neu zu erlernende Geschichte erzählen. Das scheint mir auf „The God Machine“ etwas anders, zudem wirkt die (immer noch sehr vielspurige) Produktion etwas fokussierter und man hört wieder harte Gitarren zwischen den Vocals, Orchesterpassagen und Drums. BG legen in Sachen Tempo und Heavyness wieder eine Schippe drauf, Stakkatogitarren und ausgedehnte Double-Bass-Gewitter inklusive – gut so. Melodie und Atmosphäre leiden dabei nicht, schon der Opener „Deliver Us From Evil“ besitzt nicht nur einen hymnischen Refrain, sondern auch kurze, mystische Einsprengsel, die das Gewitter ein wenig auflockern. „Secrets of the American Gods“ dürfte die nächste Live-Hymne werden. Auch thematisch bleiben sich Blind Guardian treu – was könnte das Fan-Herz mehr wollen?

(mb)

Fazit: Das Beste aus allen Blind-Guardian-Zeiten? Ja, schon irgendwie. Follow the Blind!

Genre: Alternative Rock

King’s X – Three Sides of One

Also, ein Fanboy von King’s X war ich eigentlich nie. Daher muss man es mir nachsehen, dass mir die musikalische Abwesenheit des Trios in den vergangenen vierzehn Jahren gar nicht weiter aufgefallen war. Erst mit dem dreizehnten Album der Texaner komme ich also in den unzweifelhaften Genuss, ein Album besprechen zu dürfen. Und die erste Überraschung folgt sofort: Irgendwie hatte ich King’s X immer in der Prog-Metal-Schublade abgespeichert – doch nun überrascht mich der Opener „Let it Rain“ mit grungendem Alternative, der mich im Refrain ein wenig an die seligen Soundgarden erinnert. Das folgende „Flood, Pt. 1“ rockt so richtig groovy drauf los, bevor dann so was wie eine Erinnerung an harmonische Prog-Konzepte mit Streicheruntermalung aufblitzt. Die Abwechslung kommt mit dem bluesigen „Nothing but the Truth“ und dem balladesken „Take the Time“ ebenfalls nicht zu kurz. Doch im Allgemeinen herrscht eine kompakt-rockige und nur im Detail ans Prog-Genre erinnernde Atmosphäre, die für einen kurzweiligen Hörspaß gut ist. „Three Sides of One“ ist sicherlich keine absolute Großtat und schon gar kein Hit-Album geworden, doch nach einer so langen Pause eines der besseren Alben der eigenen Diskographie zu schaffen, ist ja auch was. Zudem klingt es richtig gut, mit so was wie ansatzweiser Dynamik beim rau und authentisch eingefangenen Schlagzeug (kommt im Rockbereich nicht immer vor) und einer besonders transparenten Produktion von grummeligem Bass und schön dreckig verzerrter Gitarre. Das hat Charakter.

(mb)

Fazit: Die 13 ist eben doch keine Unglückszahl. Kraftvoller, intelligenter Alternative Rock.

? Label: Inside Out Music ? Bestellnummer/Katalognummer: IOM643

Genre: Experimental Singer-Songwriter

Lambchop – The Bible

Lambchop – beziehungsweise die Personifikation der Band in Form von Kurt Wagner – sind immer für eine Überraschung gut. Auf dem 2016er-Album „FLOTUS“ präsentierte er sich gesanglich quasi durchgängig stark verfremdet – ein Weg, den er (meiner Meinung nach zum Glück) auf dem Vorgänger von „The Bible“ größtenteils wieder ad acta gelegt hat. So richtig mag das irgendwie nicht zum schwofigen, intimen Sound der ersten Alben passen. Klar, jede Band, jeder Künstler wächst und verändert sich, und dafür ist er oder sie weder seinen Fans und noch weniger den Kritikern eine Erklärung schuldig. Dennoch: Im Falle von „FLOTUS“ wirkte das ein wenig wie mit der Brechstange erzwungen. Ähnliches gilt in Teilen auch für das neue Album „The Bible“. Der Start mit „His Song Is Sung“ gerät zu Beginn noch eher typisch für Lambchop, so, wie ich sie mit „Nixon“ kennengelernt habe. Doch schon im Laufe dieses Tracks führt die Flugbahn in Richtung Extrem-Auto-Tune & Co. Okay, immerhin stimmt der musikalische Unterbau. Das ändert sich mit dem zweiten Track „Little Black Boxes“. Der Track zündet bei mir – bei allem offensichtlichem Einfallsreichtum der Komposition, nicht, sondern wirkt wie ein routinierter Tanz-Animateur, der seine besten Zeiten hinter sich hat. Doch zum Glück gibt es auch Tracks wie „Every Child Begins the World Again“ oder „A Major Minor Drag“, die mit zum Besten gehören, das Wagner bis dato geschaffen hat. Ein musikalisches Äquivalent zur Bibel ist es also nicht geworden – aber auch kein Malleus Maleficarum. Ein bisschen mehr Stringenz und Homogenität täte „The Bible“ trotzdem gut.

(mb)

Fazit: Stilistisch erratisch und unvorhersehbar – mit einigen Lambchop-typischen Highlights, die Fans überzeugen werden.

? Label: City Slang

? Bestellnummer/Katalognummer: slang50448LP

Genre: Noir Americana / Folk

Lera Lynn – Something More Than Love

? Label: Icons Creating Evil Art / Ruby Range Records

Diese Stimme … wenn ich eine Stimme kenne, die mit Billie Eilish mithalten kann, wen es um nicht ganz so unschuldige Erotika geht, dann würde ich gerade die von Lera Lynn nennen. Letztgenannte kommt dabei einen Hauch distanzierter, erwachsener daher. Musikalisch entführt uns Frau Lynn ins Halbdunkel der Realität des amerikanischen Traums vom Leben und einfühlsam erzählter persönlicher Erfahrungen, ganz besonders intensiv vorgetragen, wenn es um ihre Erfahrungen mit Schwangerschaft und Mutterschaft in Zeiten der Pandemie geht – inklusive postnataler Depression. Keine einfachen Themen also, und so ist „Something More Than Love“ auch kein sommerlich beschwingtes Album geworden, auch wenn der Indie-Garage-Rock-Titel „I’m Your Kamikaze“ zum Tanzen in den späten 1990er-Jahren auffordert. Insgesamt aber ist „Something More Than Love“ ein Album voller üppiger, zarter und schwelgerischer Klanglandschaften im Pop-Noir-Dunstkreis geworden – eine Weiterentwicklung des Folk-Pop ihres Albums „The Avenues“ von 2014 und der Songs, die sie zusammen mit dem Songwriter und Musikproduzenten T-Bone Burnett für die zweite Staffel der HBO-Serie „True Detective“ geschrieben und aufgenommen hat. Lera Lynn verwischt die Grenzen zwischen den Genres und schafft einen ganz eigenen Sound, der von Art-Pop, Indie-Folk und amerikanischer Roots-Musik inspiriert ist – und mich (subjektiv) ein ums andere Mal an Tori Amos erinnert. Aber das mag auch daran liegen, dass ich mich in dieser Sphäre nur unregelmäßig aufhalte. Hm. Vielleicht sollte ich das ändern. Ach, ja: „Something More Than Love“ kommt auf Vinyl mit sehr guter Pressung und sattem, dynamischem und druckvollem Klang.

(mb)

Fazit: Neuer, emotionaler Stoff für Fans von Tori Amos & Co. – bezaubernd!

Genre: Death Metal

Necrophobic – The Nocturnal Silence

? Label: Century Media ? Bestellnummer/Katalognummer: 19439995681

Im Jahr 1993 war die Death-Metal-Welle auf ihrem gefühlten Höhepunkt, auch wenn einige der frühen Protagonisten, insbesondere aus dem skandinavischen Raum sich bereits in andere Richtungen orientierten; sei es groovender Death’n’Roll oder Black Metal. Auch Necrophobic aus Schweden zeigen auf ihrem Debut „The Nocturnal Silence“ vor allem thematisch bereits erste Schritte ins Schwarzmetallische hinein. Musikalisch jedoch herrscht hier das pure Todesblei – und das nicht minder hochwertig als bei den Kollegen von Unleashed, Dismember oder Entombed in den Jahren zuvor. Allerdings geht es hier teilweise harmonischer und hymnischer zu, immer wieder mal tauchen Sakral anmutende Keyboards und schmissig-melodische Soli auf, die dann wider von stampfenden Upper-Midtempo-Passagen und Double-Bass-gewittern abgelöst werden – atmosphärisch sind wir an der Schnittmenge von Dismember und Edge of Sanity. Das Ganze findet auf spielerisch hohem Niveau statt und ist mit dem unvergleichlichen, satten und kraftvollen Sunlight-Studio-Sound von Tomas Skogsberg ausgestattet. Übrigens findet sich das Album nicht auf den gängigen und mir zugänglichen Streaming-Plattformen, was dieses Reissue umso wertvoller macht. Zwar gab es bereits vor einigen Jahren Neuveröffentlichungen auf kleineren Labels – der Unterschied hier ist, dass der Großmeister Dan Swanö (Mitbegründer und der Kopf hinter den früheren Edge of Sanity) beim Remaster Hand angelegt hat und dem ersten und meines Erachtens bis dato besten Longplayer von Necrophobic einen nochmals differenzierteren, klareren und moderneren Sound verpasst hat – ohne den Oldschool-Charakter zu zerstören. Anspieltipps? Da braucht es keine, Füller gibt es nicht – einzig der Titeltrack selbst ragt vielleicht ein wenig heraus.

(mb)

Fazit: Von Dan Swanö neu gemastert und hochwertig gepresst. Gehört in jede Death-Metal-Sammlung!

Genre: Weltmusik-Prog

Ragawerk – Ragawerk

Hach ja, die Prog-Szene hält eben immer (und in diesem Fall sehr angenehme) Überraschungen parat. So zum Beispiel die Multi-Kulti-Kapelle Ragawerk. Die mixt unverschämt lässig und entspannt die unterschiedlichsten Stile miteinander und verpasst der immer interessanten Melange einen indischen Touch. Allerdings kreieren die aus aller Welt zusammengewürfelten Jungs (und auf dem Track „Grace“ auch zwei Mädels) um Max Clouth und Martin Standke mit Basis in Frankfurt kein original indisches Curry, das europäische Gaumen ja durchaus ab und an überfordern kann, sondern balancieren die Zutaten und Gewürze bestens aus. Da spielt die Sitar friedlich und harmonisch neben dem puckernden Synthie, jazzt der Bass neben den groovy Drums (die zeitweise mit einem Modular-Synthesizer gekoppelt sind), improvisiert die Orgel mit kecken Krautrock-Klangfacetten, tummeln sich 7/4-Rhythmen in „Das Modul“, und über allem liegt der Vibe von (erlernt-assoziativer) Spiritualität im Hare-Dunstkreis. Das vorweggenommene Fazit lautet also: Wer was mit Jazz, Raga, Krautrock und darin verwobener Elektronik anfangen kann, muss hier unbedingt ein Ohr riskieren. Auch des Klangs wegen, der außerordentlich facettiert, fein, warm und unaufgeregt daherkommt. Ganz passend zur Musik eben. Nicht ganz überraschend wurde „Ragawerk“ in den Bauer Studios in Ludwigsburg aufgenommen und gemixt, einer der absoluten Topadressen für analogen Klang.

(mb)

Fazit: Klanglich hervorragendes, musikalisch hypnotisches Album.

? Label: L+R Records ? Bestellnummer/Katalognummer: LR 584013

Genre: Avantgarde Metal

Sigh – Shiki

Sigh sind eine der am wenigsten kompromissbehafteten Metal-Bands, die es überhaupt gibt. Das macht ihre Musik nicht gerade leicht zugänglich, sondern oft zu einer Herausforderung für die Ohren der Hörer. Oder sollte ich die Vergangenheitsform „machte“ benutzen? Denn mit ? (Kuroi Inori) fängt das neue Album „Shiki“, was so viel bedeutet wie „Leichendämon“ eher versöhnlich-melodisch im Midtempo an. Doch das legt sich nach ein paar Minuten, und das Berserkertum im Spannungsfeld zwischen Thrash und Black Metal nimmt seinen Lauf. Ein ums andere Mal fühle ich mich an alte Kreator erinnert, nur um dann einen Stimmungsumschwung zu von Tiamat im Jahr 1995 adoptierten Dimmu Borgir zu erleben. Doch auch das ist nur von kurzer Dauer, es folgen Therion und Mr. Bungle und Cradle of Filth als Paten – ohne abzukupfern. Das ganze Album ist trotz seiner abwechslungsreichen Charakteristik und der unvermeidlichen experimentellen Ausflüge, auch mit Elektronikunterstützung, in sich kohärent genug geraten, um die Fans nicht verwirrt zurückzulassen, und eigenständig genug, um sich keine Plagiatsvorwürfe gefallen lassen zu müssen. Auf eine Einzelheit will ich noch gesondert hinweisen, und zwar die unglaubliche Arbeit von Drummer Mike Heller, der ein wahnwitziges Feuerwerk insbesondere auf den kleinen Toms abliefert, das sich zwar manchmal etwas in den Vordergrund drängt, aber dabei nie undienlich für den Song auswirkt. Ebenfalls unglaublich ist die saubere und klanglich extrem feindynamische Pressung, so was ist selten. Insbesondere der Drum-Sound ist genial geraten. Ich freue mich auf die nächsten Alben – Shiki ist der Auftakt eines Zyklus aus derer vier.

(mb)

Fazit: Sigh wie wir sie kennen, und doch wieder ganz anders. Super!

? Label: Peaceville

? Bestellnummer/Katalognummer: VILELP948

Genre: Symphonic Power Metal

Stratovarious – Survive

Ich hatte in der Mitte der Neunziger Jahre trotz meiner Hingabe zum harten Death Metal durchaus auch ein Herz für Power Metal: Blind Guardian, Iced Earth, Symphony X und Konsorten drehten sich regelmäßig in CD-Player und Walkman. Nicht auf dem Plattenteller, der war zu der Zeit maximal aus der Mode gekommen. Stratovarius hingegen standen so gut wie nie auf irgendeiner Playlist, weder privat noch in den einschlägigen Verlustierungstempeln meiner Jugend wie dem Flash in St. Wendel am Freitag und einer Death-Metal-Kneipe in Neunkirchen an der Saar, deren Namen mir entfallen ist, samstags. Mannomann, das waren noch Zeiten … Egal, nun sind die Finnen, unter denen übrigens kein einziges Gründungsmitglied der Band verblieben ist, mit ihrem vierzehnten Album am Start, und dem ersten seit geschlagenen sieben Jahren. Und mein lieber Herr Gesangsverein, was die Jungs hier auffahren, gehört sicherlich zum Besten, was das Genre in der vergangenen Dekade hervorgebracht hat. Hart und melodisch, straight und doch verspielt, immer mit der für die Klassifizierung nötigen Portion Schmalz, die aber nicht so fett aufliegt, dass die metallische Basis aus flirrenden Licks, mitreißenden Riffs und ultrapräzisem Drumming nicht zugepampt wird. Stratovarius – ein Portmanteau-Wort aus „Stratocaster“ und „Stradivarius“ finden gekonnt die perfekte Balance der Ingredienzen, die ein hervorragendes Album von einem „nur guten“ Album absetzt. Die Pressung ist zudem absolut sauber, der Mix druckvoll und ausgewogen. Anspieltipps sind das melodische Mitsingstück „Firefly“, das Titelstück „Survive“ – ein richtig klasse Rocker – und das epische „Voice of Thunder“.

(mb)

? Label: Ear Music ? Bestellnummer/Katalognummer: 0212809EMU

Fazit: Power Metal auf der Höhe der Zeit – so lasse ich mir das gefallen!

Genre: Indie Rock

Interpol – The Other Side Of Make Believe

„The Other Side Of Make Believe“ ist das siebte Studioalbum der US-Rockband Interpol. Es ist eines dieser vielen Alben, das unter Pandiemiebedingungen entstanden ist, will sagen: Die Musiker waren während großer Teile der Produktion an verschiedenen Orten auf der Welt und kommunizierten praktisch nur elektronisch. Zum Ende hin gab‘s zum Glück auch wieder persönliche Kontakte, was dem Ergebnis sicherlich zugute gekommen ist. Interpol gelten ein bisschen als die Retter des Post-Punk, auf ihrem jüngsten Werk ist das jedoch nur in geringem Maße zu spüren. Klar, es gibt diesen latent lärmigen Gitarrenteppich, der immer ein bisschen gegen den Strich gebürstet wirkt, im Großen und Ganzen jedoch bestimmt eine harmonische Gangart das Geschehen. Melodisch gibt‘s zweifellos Achtzigeranleihen, aber dezent: Die neuen Songs wirken jederzeit frisch und zeitgemäß, die zugrundeliegende Stimmung ist immer eine leicht melancholische. Über die erste Seite gewinnt das Geschehen langsam an Biss, bei „Mr. Credit“ ist langsam der Punkt erreicht, wo man von „richtiger“ Rockmusik ? Label: Matador Records sprechen kann. „Something Changed“ beschließt Seite eins und besticht mit gelungener Pianomelodieführung. Ein kerniges Schlagzeug, mal mehr, mal weniger hintergründig-vertrackte Gitarren, stets dominiert von harmonischen Gesangslinien – so zieht sich das durch alle elf Titel. Und doch variiert die Band das Strickmuster in jedem Titel, was das Ergebnis zu einem stimmigen und unterhaltsamen Ganzen macht. In Sachen Sound geht die Platte in Ordnung. Die Stimme steht schön frei, die Gitarren sind schön separiert, das Schlagzeug hat mal mehr, mal weniger Drive. Die Pressqualität ist ebenfalls okay, von einem leichten Höhenschlag abgesehen. Es gibt ein Karton-Innencover mit Texten, sonst findet sich keinerlei Zubehör.

hb

Fazit: Stimmiges, atmosphärisch dichtes Album der New Yorker.

Genre: Stoner Rock

Colour Haze – Sacred

? Label: Elektrohasch EH013

Puh – Glück gehabt. Sie haben‘s weder verlernt noch sich vom Personalwechsel am Bass (Mario Oberpucher heißt der neue Tieftöner) allzu sehr vom Kurs abbringen lassen. Colour Haze zementieren mit „Sacred“ ihren Ausnahmestatus in der Stoner-Rock-Szene, seit den seligen Kyuss schafft es keine Band, so abgrundtief schwere Brocken vor sich herzutreiben. Die ersten beiden Titel des neuen Werks dokumentieren das exemplarisch. „Turquoiase“ startet friedlich und gemächlich, erste sehr typische Stefan-Koglek-Riffs brechen die Ruhe, das kantige und wuchtige Schlagzeug setzt ein, von betulichen E-Piano-Licks begleitet – sehr schön und rein instrumetal, was ich zur Einstimmung sehr gelungen finde. Nach der Hälfte gewinnt die Sache an Fahrt und Gewicht, bleibt aber freundlich und eingängig. „Goldmine“ schiebt da schon deutlich mehr, das Ding ist ein sehr typischer wuchtiger Colour-Haze-Kracher. „Ideologigi“ wird vom Spiel zwischen Gitarre und Keyboard dominiert, klingt aber erfreulich wenig nach Blackmore / Lord. Neun Minuten instrumentaler Ekstase. Spätestens bei „Avatar“ ist klar: Der neue Basser ist ein Guter. Der Mann bereichert den Sound der Band mit merklich mehr Druck und Energie, was den psychedelischen Songskulpturen des Münchener Vierers definitiv gut tut. Auch auf Album Nummer 14 dem hauseigenen Sound immer noch neue Spielarten abgewinnen zu können ist eine reife Leistung, und das tun Colour Haze hier definitiv. Das Album ist sogar ein Fall für Klang-Fans: Es wurde live im Clouds-Hill-Studio in Hamburg eingespielt und analog aufgezeichnet. Und das hört man: Hier gibt‘s Energie, Timing und Dichte, es tönt überaus kräftig, warm und roh. Die makellose Platte bringt das perfekt rüber, Das entschuldigt auch das Fehlen jeglichen Zubehörs.

hb

Fazit: Bewährt Hocklassiges von den schon fast 30 Jahre aktiven Stoner-Rock-Helden

Genre: Progressive Rock

Crippled Black Phoenix – Banefyre

Meine Güte – was hat er denn da wieder für ein Monster kreiert? Die Rede ist von Justin Greaves, dem unbestrittenen Chef der britischen-schwedischen Ausnahmeformation Crippled Black Phoenix. Bis in die erste Reihe hat‘s die seit 2006 existierende Formation um den Ex-Electric-Wizzard-Drummer nie geschafft, zu einer überaus treuen Fangemeinde jedoch durchaus. Für die ganz großen Häuser taugen die epischen, vielschichtigen und mitunter vertrackten Erzählungen rund um Tragik, Verlust und Erlösung nur bedingt. Mit abermals umgruppierten Personal präsentiert Greaves nunmehr einen neuen Sänger (Joel Segerstedt) ein 13 Titel und rund 100 Minuten langes Ungetüm, bei dem es thematisch um die Ausgegrenzten und Verfolgten geht,um Hexen, aber auch Tierschutz ist ein Thema. Die vorherrschende Stimmung ist relativ schwer, öfter mal hymnisch, wofür in erster Line das Gesangsduo Sgerstedt / Belinda Kordic sorgen, die bestens miteinander harmonieren. Es gibt immer wieder keltisch anmutende Einsprengsel, was sich gut ins Geschehen einfügt. Ein wenig nach Post Rock in bester Mogwai-Manier klingt der Fünfzehnminüter „Rose Of Jericho“, ein unfassbar großformatiges Epos mit ganz viel Gefühl, Chor und sogar Bläsern. Jawohl, das funktioniert. Und zwar auch klanglich. Die auf drei Platten verteilte Produktion klingt betont sauber und differenziert, hat Tiefe und Wucht, hier wurde erheblicher Aufwand getrieben. Die Platten brauchen die übliche initiale Wäsche, sind aber ansonsten ausgezeichnet gefertigt. Leider gibt‘s im wickelgefalzten Cover außer Texten auf den Innenhüllen sonst keinerlei Extras – die hätte ein Werk dieser Größe zweifellos verdient gehabt.

hb

Fazit: Faszinierend vielschichtiges Epos zwischen Post Rock, Pink Floyd und Heavy Folk

? Label: Season Of Mist – SOM646LP

Genre: Post Rock

Long Distance Calling – Eraser

? Label: ear Music 0217924EMU

Man ist nicht glücklich in Münster. Zumindest die vier Herren nicht, die unter dem Namen Long Dictance Calling Musik machen. Das tun sie schon seit rund 16 Jahren und wenn es jemand versteht, Zorn in weitgehend instrumentaler Rockmusik zu verpacken, dann ist es dieses so gar nicht nach westfälischer Provinz klingende Flaggschiff einheimischer Rockmusikherrlichkeit. Eraser ist das zweite während der Pandemie entstandene Album der Band. Touren war nach dem Vorgänger „How Do We Want To Live?“ schlicht unmöglich, also haben die Jungs einfach weiterproduziert. Das Ergebnis ist unzweifelhaft ein echter Kracher, der es völlig zurecht zwischenzeitlich auf Platz fünf der deutschen Albumcharts geschafft hat. Thematisch sind die neun Titel dem aus Umweltzerstörung und Klimawandel resultierenden Artensterben gewidmet, jeder Titel eine anderen gefährdeten Spezies. Der Einstieg „Enter: Deatsh Box“ verweilt nur einen kurzen Moment in scheinbarer Piano-Harmonie, bevor Verzerrungen und aufkommender Schwere von der Ernsthaftigkeit der Situation künden. Danach geht‘s in gewohnt üppiger LDC-Gangart mit genau dosiertem Groll weiter. Jeder Titel ist eine wortlose Anklage, ein Stampfen und Protestieren. Immer schwermütig, aber grundsätzlich mit einer eigentümlichen Schönheit gesegnet. „500 Years“ zu Beginn der zweiten Seite ist vielleicht der schwerste Abräumer auf dem Album, aber auch er bleibt bei aller monotonen Brachialität ein wehmütiges Statement. Das folgende „Sloth“ („Faultier“) eröffnet mit einem getragenen Saxofon, auch danach geht‘s mit der Spezies angemessenem Tempo weiter – sehr schön. Bei der Produktion gefällt der treibende und knackige Schlagzeugsound, auch der Rest der Instrumentierung wurde hochwertig in Szene gesetzt – das Album klingt wirklich gut. Über etwas mehr Ausstattung als ein paar karge Liner Notes auf den Innenhüllen hätten wir uns gefreut, aber sonst ist alles in bester Ornung.

hb

Fazit: Die große wortlose Anklage, sehr überzeugend rockmusikalisch in Szene gesetzt

Genre: Hammond-Jazz

Barbara Dennerlein – Take Off!

Passend zum Titel des Albums aus dem Jahr 1995 hob auch ihre internationale Karriere ab und so war es lange überfällig, diesen Meilenstein ihrer Diskographie endlich auch in einer Vinyl-Version zu veröffentlichen. Diese hätte gerne etwas wertiger ausfallen dürfen, denn die beiden LPs stecken gemeinsam in einer Standardhülle und hatten diese beim Rezensionsexemplar bereits an einer Seite durchbohrt. Der Klang hingegen ist tadellos und präsentiert die mitreißenden Aufnahmen in unverfälschter Frische. Stehen üblicherweise (und völlig zurecht) Barbara Dennerleins unvergleichliche Fähigkeiten am Instrument im Vordergrund, so trifft dies auch auf ihre Kompositionen zu, von denen auf „Take Off!“ gleich neun Stück zu erleben sind. Diese lassen das Herz eines jeden Jazz-Funk-Fans ein wenig schneller als sonst schlagen, was auch für ihr Arrangement des Tadd Dameron-Klassikers „Hot House“ gilt, der einzigen Nummer des Albums, die nicht von ihr stammt. Das dem Stück folgende „Purple“ dürfte für viele Hörer zu den schönsten Balladen zählen, die jemals auf einer Hammond-Orgel eingespielt wurden. Daran beteiligt sind aber auch ihre starken Mitstreiter aus der US-Jazz-Szene wie der Gitarrist Mitch Watkins, der auf dem über acht Minuten währenden Stück ein wichtiges Solo beisteuert. Weitere wesentliche Stimmen sind Roy Hargrove an Trompete und Flügelhorn sowie Mike Sim, der vier unterschiedliche Saxofone spielt und damit die stilistische Bandbreite des Albums erweitert. Besonders sticht das Stück „Fata Morgana“ heraus, auf dem Barbara Dennerlein die klassische Stilistik arabischer Tonkunst perfekt in den Jazz einarbeitet und damit etwas weltmusikalisches Flair einziehen lässt. „Take Off!“ ist ein zeitloser Klassiker des Genres und für jeden Hammond B3-Fan ein Album, das man besitzen sollte.

rh

? Label: Universal Music / Verve ? Bestellnummer: 4559801

Fazit: Ein weiterer Beleg dafür, welch sensationelle Musikerin Barbara Dennerlein ist!

Genre: Kammer-Jazz

Christian Muthspiel & Steve Swallow – Simple Songs

Schicksalsschläge können manchmal der Ausgangspunkt sein, um einen neuen Weg einzuschlagen oder einzigartige Projekte in Angriff zu nehmen, die ansonsten niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Das Album „Simple Songs“ ist solch ein Album, das aus einer Begebenheit geboren wurde, die eine Neuorientierung erforderlich gemacht hat. Der Posaunist und Pianist Christian Muthspiel erlitt einen heftigen Hörsturz, der ihm monatelang schwer zu schaffen machte. Was das Ende einer Musikerkarriere bedeuten kann, war für ihn der Startpunkt einer Reise, an dessen Ende das vorliegende Album stand. Veröffentlicht wurde es im Jahr 2014 und ist nun erstmals auf Vinyl erhältlich, limitiert auf 999 Exemplare, die einzeln nummeriert und von Christian Muthspiel signiert sind, folgerichtig ist es Bestandteil der Limited Audiophile Signature Edition aus dem Hause IN+OUT Records. Diese trägt die Bezeichnung „Audiophile“ völlig zurecht, denn Klang und Pressqualität sind wahrlich hervorragend. Während die CD elf Titel enthält, muss die LP leider mit neun Stücken auskommen, auf denen Christian Muthspiel an Posaune, Klavier, E-Piano und Flöte zu hören ist. Der Ausnahme-Bassist Steve Swallow, mit dem Christian Muthspiel zuvor bereits in anderen Formationen musiziert hat, ist genialer Gegenpart, der sein Spiel mit einem herrlich singenden Bass zu unterstützen weiß und so aus den Miniaturen Stücke von großer Aussagekraft formt. Christian Muthspiel hat während seines Gehörtrainings aus kleinen Bausteinen einfache Melodien erschaffen, die im Zusammenspiel mit dem Bass zu großer lyrischer Form auflaufen. Dieses kammermusikalische Kunstwerk erweist sich in seiner Schlichtheit und bestechenden Aufnahmequalität als eine die Sinne schärfende Schöpfung, mit der der Künstler aus einer tiefen Krise den Weg zurück gefunden hat.

rh

? Label: IN+OUT Records ? Bestellnummer: IOR LP 77120-1

Fazit: Trotz aller Schlichtheit ein Werk voller Spannung und Erhabenheit.

Genre: Surprise-Jazz

Garn – To The Sun

Die in der LP 3/2021 rezensierte „Umelieder-Kollektion“ aus dem Hause Rabbit Hill Records hat gezeigt, dass man in der Schweiz etwas von avantgardistischem Jazz versteht. Mit „To The Sun“ der Band Garn untermauert man diese Feststellung und zeigt mit der Cover- und Vinyl-Gestaltung, dass man auch im Bereich Design gerne abseits ausgetretener Pfade unterwegs ist. Die transparente Scheibe enthält fünf Stücke und damit leider eins weniger als die CD. Wieder ist der Bassist Claude Meier einer der beteiligten Musiker, der diesmal auch für die Kompositionen zuständig ist und sich bei der Namensgebung der Band etwas gedacht hat. Einerseits mag er Mode, da Garn aber auch ein Gebilde ist, das aus mehreren Fasern besteht, die alle eine gleiche Wertigkeit haben, hat er seine Formation aus Marc Stucki an Tenor- und Sopransaxofon, Urs Müller an der Gitarre, Fabian M. Müller am Piano und Fender Rhodes sowie Christoph Steiner am Schlagzeug mit diesem Namen geschmückt. Folgerichtig heißt das erste und mit über 16 Minuten beeindruckend lange Stück „Amirul Haque Amin“, was der Name des Vorsitzenden der Textilgewerkschaft von Bangladesch ist. Dieses wartet mit allen Qualitäten auf, die auf den weiteren Stücken im Einzelnen weiter vertieft werden. Ruhige Passagen verwandeln sich schlagartig in kraftvolle Klanggebilde, die Rhythmik ist mal fließend, kann aber, wie auf „Don’t Be Silly“, auch extrem schwergängig sein, als wenn man den Schlagzeuger bei Ausübung seiner Tätigkeit in Ketten legen würde. Das Titelstück bildet mit seinem spannungsgeladenen Aufbau die qualitative Speerspitze des Albums, obwohl es auch in jedem anderen Stück für Avantgardisten und solche, die es werden wollen, viel Interessantes zu entdecken gibt. Das kleine Label Rabbit Hill Records und die Band Garn sollte man weiterhin intensiv beobachten!

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? Label: Rabbit Hill Records ? Bestellnummer: RHR 004

Fazit: Claude Meier zeigt mit seiner Band Garn, dass die Schweiz auch im Jazz vorne mitspielt

Genre: Electric-Fusion

High Pulp – Pursuit of Ends

Der noch relativ jungen Formation aus Seattle muss man eine tiefe Liebe zum Vinyl bescheinigen, denn alle bisherigen Veröffentlichungen sind auf diesem Medium, dazu meist noch in verschiedenen Farben, erschienen. So kreativ wie die jeweilige Farbgestaltung ist auch die Musik des vielköpfigen Ensembles, die mit zahlreichen elektronischen Instrumenten aufwartet. Diese werden mit einer noch größeren Anzahl von Blasinstrumenten zu einer hochinteressanten Mischung kombiniert und bringen damit einen Sound hervor, der einerseits an die besten Momente von Weather Report erinnert, aber auch eine eigene Sprache spricht. Damit unternehmen sie anscheinend den Versuch, cineastische Klänge mit Funk, traditionellem und aktuellem Jazz, Rock und New Wave zu einer Melange zu verbinden, von der man ziemlich heftig angefixt und nach mehr verlangen wird. Damit stehen sie beispielgebend für eine Band der neuen Generation, die stilistische Barrieren mühelos überspringt und für Fan-Nachschub im Jazz-Lager sorgt. „Window of a Shimering World“ ist eines der Stücke, mit denen man sich einen Eindruck davon verschaffen kann, mit welchem Sound der Schlagzeuger und Bandleader Bobby Granfelt sich neue Hörerschichten erschließt. Auch das finale „You’ve Got To Pull It Up From The Ground“, das mit einem fulminanten Schlagzeugsolo startet, bevor es über eine Sweet-Soul-Passage in einer kollektiven Gruppenimprovisation mündet, zeigt die große Kreativität auf, mit der High Pulp sein Publikum in Erstaunen versetzt. Ein kleiner Dämpfer ist die nicht sehr ausgeprägte Dynamik des Vinyls, der man mit einem beherzten Dreh am Lautstärkeregler Beine machen muss. Das ist jedoch kein Problem, denn diese Art von Musik möchte ohnehin bei einem hohen Pegel genossen werden, damit sie ihre gesamte Power auf den Hörer übertragen kann!

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? Label: Anti- ? Bestellnummer: 7865-1

Fazit: High Pulp entwickelt sich zum neuen Stern am Fusion-Himmel.

Genre: Jazz

Mark Turner – Return from the Stars

Der Tenorsaxofonist Mark Turner ist mit seiner intellektuellen Herangehensweise bei ECM denkbar gut aufgehoben und war dort bereits als Leader bzw. Sideman an wichtigen Alben beteiligt. Im November 2019 hat er gemeinsam mit dem Trompeter Jason Palmer, dem Kontrabassisten Joe Martin und dem Schlagzeuger Jonathan Pinson das aktuell erschienene Album „Return from the Stars“ eingespielt, das nach dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Stanis?aw Lem aus dem Jahr 1961 benannt ist. Dort kehrt ein Astronaut nach zehnjährigem Aufenthalt im Weltraum auf die Erde zurück, auf der inzwischen aber 127 Jahre vergangen sind. Ganz so alt sind die Anklänge, die in der Musik zu finden sind, zwar nicht, aber es sind durchaus Parallelen zu Ornette Coleman oder Miles Davis zu finden, die sich aber in eine moderne Sprache entwickelt haben. Frappierend ist das gemeinsame Spiel zwischen Mark Turner und Jason Palmer, das sie auf allen acht Titeln, alle von Turner komponiert, zelebrieren. Dieses steht auf dem Stück „Waste Land“ besonders im Fokus, weil sie hier auf weiten Strecken ganz ohne oder nur mit zurückhaltend eingesetzten Begleitinstrumenten sich mal voneinander fort-, dann wieder aufeinander zubewegen. Auch auf anderen Stücken gibt es viel zu entdecken, insbesondere auf „Unacceptable“, auf dem Mark Turner ein von Bass und insbesondere Schlagzeug angetriebenes Solo erster Güte hinlegt. Die gewisse Gleichartigkeit der Stücke resultiert aus der stetigen Suche Turners und Palmers nach einem gemeinsamen Ausdruck, der die Musik stark intellektualisiert und damit für den geduldigen und mehrfachen Hörer einen eigenen Kosmos erschließt. Der Klang der Doppel-LP, die in einem schön gestalteten Klappcover angeboten wird, ist ECM-typisch auf allerhöchstem Niveau.

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? Label: ECM ? Bestellnummer: ECM 2684

Fazit: Wirkt nicht sofort beim ersten Hören, aber danach umso mehr.

Genre: Mythologie-Jazz

Quadro Nuevo – Odyssee-A Journey Into The Light

Quadro Nuevo gehören seit nunmehr über 25 Jahren zu den besten und kreativsten Formationen der heimischen Musikszene. Auf ihren Alben haben sie oft nicht nur persönlich sondern auch musikalisch verschiedenste Winkel der Erde besucht und großen Aufwand betrieben, ihrer Inspiration auf die Sprünge zu helfen. Für ihr aktuelles Album haben Quadro Nuevo besonders tief gegraben und die Zeit der Pandemie genutzt, um musikalisch neue Wege gehen zu können. Ihnen war bewusst, dass man nach dieser einschneidenden Zeit nicht mehr die gleiche Musik spielen könne wie vorher. So begeben sie sich thematisch in die mystische Welt der Äolischen Inseln nördlich von Sizilien und klingen anders als auf ihren vorherigen zahlreichen Alben, dabei mindestens genauso gut. Der Tango ist zurückgewichen und hat den Raum freigegeben für Songs voller Kraft und bildhafter Sprache, die die Phantasie beflügelt. Das Stück „Waiting“ aus der Feder des Saxofonisten und Quadro Nuevo-Masterminds Mulo Francel steht dabei als Beispiel dieser großartigen Kompositionen, die den Hörer mit ihrer Atmosphäre gefangen nehmen, obwohl es eines der ruhigsten Stücke des Albums ist. Am anderen Ende des breiten Spektrums steht zum Beispiel „Poseidon’s Revenge“, das der Pianist Chris Gall komponiert hat. Die CD enthält 14 Stücke, von denen sich zehn auf der LP wiederfinden. Es soll noch eine weitere LP mit dem Titel „Odyssee-Divine Encounters“ erscheinen, auf der vermutlich die vier Stücke zu finden sein werden, die hier aus Platzgründen leider entfallen mussten, darüberhinaus bestimmt weiteres Material, das den Vinyl-Käufern vorbehalten bleiben wird - wir werden sehen. Passend zur außergewöhnlichen Musik ist auch noch ein prächtiges und reich bebildertes Buch erschienen. Zum Erwerb dieser LP kann nur dringend geraten werden!

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? Label: GLM Music ? Bestellnummer: FM-323-1

Fazit: Quadro Nuevos Bandbreite ist außergewöhnlich.

Genre: Jazzrock

Robben Ford & Bill Evans – Common Ground

Bei „Common Ground“ handelt es sich um die Fortsetzung des Albums „The Sun Room“, das Robben Ford und Bill Evans kurz zuvor ebenfalls für das Edel-Label aufgenommen haben. Der Schlagzeuger Keith Carlock ist an beiden Aufnahmen beteiligt, der Bass wurde von James Genus an Darryl Jones weitergereicht. Grundlage der Zusammenarbeit ist die Tatsache, dass Robben Ford und Bill Evans die gleichen Musikstile lieben, die sich in der ein oder anderen Form auch in ihrer Art, den Jazzrock zu interpretieren, wiederfinden lassen. Da ist zuerst der Soul zu nennen, durch den auf dem Titelstück knietief gewatet wird, nicht zuletzt durch Max Mutzke, der aus der einzigen Vokal-Nummer des Albums eines der vielen Highlights macht, die unter den neun Stücken zu finden sind. Vom Blues gibt es auch reichlich auf die Ohren, beispielsweise auf dem Stück „Passaic“. Hier sind vier Instrumentalisten am Werk, die das Album zu einer dringenden Kaufempfehlung machen: Robben Fords Gitarrenspiel ist straff und fordernd, das Saxofon von Bill Evans paart Kraft mit Gefühl, der Bass von Darryl Jones ist leichtfüßig unterwegs und bindet alle Musiker zusammen, wie auf „Dennis the Menace“ besonders gut zu beobachten ist. Keith Carlock am Schlagzeug empfiehlt sich mit seinen Einsätzen, wie sie zum Beispiel auf „Hearts of Havana“ zu hören sind, als bedeutender Mitspieler. Auf einigen Titeln wird das Tempo auch mal etwas gedrosselt, was viel zur Abwechslung und zur Aufrechterhaltung des Spannungsbogens beiträgt, der mit „The Little Boxer“ einen würdigen Abschluss findet. Die Klasse und Vielfältigkeit der Kompositionen ist mindestens auf Augenhöhe mit der Performance der Akteure, dazu passen Klangqualität und Ausstattung der Doppel-LP im Klappcover.

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? Label: MPS ? Bestellnummer: 0217885MS1

Fazit: Grandioser und vielfältiger Jazzrock der Extraklasse!

Genre: Literatur-Jazz

Sebastian Gahler – Two Moons

Der Düsseldorfer Pianist und Komponist Sebastian Gahler ist seit vielen Jahren ein großer Anhänger des bedeutenden japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Er nahm die Liebe zu dessen literarischen Werken zum Anlass, ein Jazz-Album aufzunehmen, auf dem er sich durch Romanfiguren oder Handlungssträngen aus Haruki Murakamis Büchern beeinflussen lässt und gleichsam einen Soundtrack komponiert hat, der die Romane akustisch erweitert. Somit geht Sebastian Gahler den umgekehrten Weg, den der japanische Literat bereits gegangen ist, denn dieser führte einstmals in Tokio eine Jazzbar. Anzumerken ist, dass man die Romane Haruki Murakamis nicht kennen muss, um sehr viel Gefallen an der hervorragenden Aufnahme zu finden, wenngleich der Genuss des Albums dann vielleicht noch ein wenig größer wäre. Sebastian Gahler sitzt am Klavier und den Fender Rhodes, Denis Gäbel (jüngerer Bruder des Sängers Tom Gäbel) bedient das Tenor- sowie Sopransaxofon, Matthias Akeo Nowak spielt den Bass und Ralf Gessler das Schlagzeug. Ryan Carniaux ist auf zwei Stücken an der Trompete zu hören. Zu der auf 300 Stück limitierten Vinyl-Fassung ist anzumerken, dass zumindest das Rezensionsexemplar über bemerkenswert viele Produktionsrückstände verfügte, die sich auf dem Vinyl und in der gefütterten Innenhülle verteilt und selbst nach sorgfältiger Entfernung nachhaltige Spuren auf den Rillen hinterlassen haben, die Wiedergabe jedoch nicht beeinträchtigten. Die Aufnahme besteht aus zehn Stücken, von denen aus Platzgründen leider drei der Schere zum Opfer fallen mussten. Genießt man diese über eine Streaming-Plattform wird man das als großen Verlust empfinden. „Two Moons“ weißt Sebastian Gahler als einen der führenden heimischen Musiker aus, der sich mit hochkompetenten Mitstreitern zu umgeben versteht.

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? Label: JazzSick Records ? Bestellnummer: 5155JS-LP

Fazit: Literarisch beeinflusster Jazz von beeindruckender Klasse!