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Plötzlich scheint alles möglich


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 52/2022 vom 24.12.2022

Der große abgeschlossene

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Sie steckte in einem schlechten Traum. Und wollte nur eins – endlich aufwachen. Dieses Gefühl hatte Lisa während der letzten Wochen nicht losgelassen.

Selbst jetzt, als sie im Auto saß, ihr bisheriges Leben in zwei Koffern auf der Rückbank, fühlte es sich so an. Und die Fragen zogen hartnäckig ihre Kreise: Hatte sie sich etwas vorgemacht, oder war es einfach einer dieser Wechselfälle des Schicksals, dass sie den Laufpass bekam, als sie eigentlich einen Heiratsantrag erwartete?

Es war eigentlich fast zum Lachen. Und dann wieder zum Heulen. Irgendwo dazwischen hatte sie sich seither hin- und herbewegt.

Er hätte da jemanden kennengelernt, müsste sich über ein paar Dinge klar werden – kurz vor ihrem Jahrestag war Timo damit herausgerückt und auch gleich von der Bildfläche verschwunden.

Zu der anderen Frau? Lisa wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie über Nacht ...

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... fremd im eigenen Leben geworden war. Diese Stellenausschreibung ihres Unternehmens für das Werk in Bamberg war ihr dabei fast beiläufig untergekommen. Ebenso beiläufig und ohne groß darüber nachzudenken hatte sie per Videokonferenz ein Vorstellungsgespräch absolviert und prompt den Job erhalten. Und ob sie wohl so schnell wie möglich anfangen könne? So war sie nun auf dem Weg ins Fränkische.

Den letzten Teil der Fahrt legte Lisa im zähen Regen zurück. Sie verzichtete deshalb auch auf eine erste Erkundungsrunde durch Bamberg und folgte stattdessen ihrem Navi in das Örtchen, wo sie ihre Unterkunft gefunden hatte. Litzendorf. Ein Fliegenschiss auf der Landkarte, hätte ihr Opa gesagt. Tatsächlich wirkte es so provinziell und grau, dass Lisa Ernüchterung befiel. Doch für Zweifel war es jetzt zu spät. Denn sie war da, an einem schmucklosen einstöckigen Haus in einem 60er-Jahre-Wohnviertel. ‚Pension Anni‘ verriet ein Schild am hölzernen Gartenzaun.

Lisa parkte ihren Wagen davor, als auch schon eine kleine rundliche Frau in die Tür trat und ihr freundlich zuwinkte. „Grüß Gott, Grüß Gott. Sie sind bestimmt die Frau Werner!“, schallte es ihr in breitem Fränkisch entgegen.

Lisa nickte. „Ja, die bin ich. Und Sie sind Frau Glaser?“

„Anni Glaser, ganz genau.“ Die Frau kam durch den kleinen Vorgarten heran und schüttelte Lisa herzhaft die Hand. Sie mochte an die 60 sein, mit einer praktischen Kurzhaarfrisur und lebhaft blitzenden Augen. „Kommen Sie erst mal rein“, sagte sie fürsorglich. „Hier wird man ja ganz nass. Kein schönes Wetter zum Empfang, gell?“ Und während sie voran ins Haus ging, plauderte sie munter weiter.

Lisa folgte ihr und sah sich dabei um. Im Erdgeschoss schien die Vermieterin selbst zu wohnen, im Obergeschoss lagen offenbar die Gästezimmer. Anni Glaser öffnete eine Tür und ließ Lisa eintreten. Ein großer Raum, Kochnische, daneben ein kleines Badezimmer. Die Einrichtung schlicht und funktionell, aber freundlich.

„Sie können gerne auch die große Küche unten bei mir benutzen“, erklärte Anni. „Ich hab im Augenblick keine anderen Gäste. Mögen Sie vielleicht einen Kaffee?“

Lisa mochte. Und bei Kaffee und Lebkuchen – echte Nürnberger, wie Anni versicherte – ließ sie dann in der gemütlichen Wohnküche Annis Geplauder vorbeiziehen und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren.

Sie hatte all das weder geplant noch gewollt. Aber jetzt schien es vernünftig, das Beste daraus zu machen. Sich in ihren neuen Job reinzuhängen, in ihr neues Leben – verlassen statt verheiratet …

„Frau Werner? Sie sind bestimmt müde von der Fahrt“, lenkte Anni ein und musterte sie prüfend.

Die Wohnsituation erwies sich für Lisa als unerwartet nett

Erst jetzt fiel Lisa auf, dass sie ganz in ihre Gedanken abgetaucht war. Rasch setzte sie ein Lächeln auf. „Ja. Es war ein langer Tag. Ich werde mich jetzt besser zurückziehen.“ Und unter Annis mitfühlenden Blicken verschwand sie nach oben in ihr Zimmer.

Der Sonntag zog vorbei, ohne dass Lisa sich zu irgendwas aufraffen konnte. Das Wetter tat ein Übriges. Regnerisch und grau den ganzen Tag, war es nicht dazu angetan, ihre Stimmung zu heben.

Zum Glück brachte die neue Woche Ablenkung. Das Werk in Bamberg war groß und modern, und würden die Kollegen nicht alle dieses breite weiche Fränkisch sprechen, wäre es gar nicht so anders als zu Hause. Zudem war die Arbeit vertrautes Terrain, selbst zwischen all den neuen Gesichtern.

Daneben unternahm sie erste Touren durch die Stadt, entdeckte Supermärkte und andere Läden und gab sich Mühe, diese Überdosis an Beschaulichkeit und Fachwerk hier romantisch zu finden.

Als unerwartet nett erwies sich indes ihre Wohnsituation. Den Ort selbst hatte Lisa zwar ohne einen zweiten Blick als tiefste Pampa abgehakt, doch Annis offene und warmherzige Art tat wirklich gut. Sie war immer da, freundlich und interessiert, und bisweilen vergaß Lisa, dass sie sich letzte Woche noch gar nicht gekannt hatten. Oft erwartete Anni sie abends mit einem breiten Lächeln, fragte nach ihrem Tag und lud sie ein, mit ihr zu essen. Lisa hatte zwar keinen Familienanschluss gesucht, doch so zwanglos wie er sich ergeben hatte, war es ihr ganz recht.

Als sie eines Abends von der Arbeit kam, ging Anni eben aus dem Haus, grinste breit, nickte ihr geschäftig zu. „Na, Feierabend? Ich muss nur eben auf einen Sprung bei meiner Cousine vorbeischauen. Aber wenn Sie mögen, koche ich uns später etwas, und Sie erzählen mir von Ihrem Tag.“

Lisa lächelte erfreut. „Ja. Sehr gerne.“ Dann sah sie ihr nach, wie sie die Straße entlangging, heiter irgendwie und ganz mit sich im Reinen. Annis Verwandtschaft war groß, so viel hatte Lisa schon verstanden. Und mit wem man nicht verwandt war, den kannte man von Kindesbeinen an. So war das wohl auf dem Dorf. Für eine Städterin wie sie eine befremdliche Vorstellung. Anni aber war hier zu Hause mit Leib und Seele und anscheinend rundherum zufrieden.

Nachdem Lisa sich etwas frisch gemacht und umgezogen hatte, ging sie ins Wohnzimmer. Sie dürfe gerne auch die Räume unten nutzen, hatte Anni in ihrer freimütigen Art angeboten, wovon Lisa oft Gebrauch machte. Eben als sie sich gemütlich aufs Sofa gefläzt hatte, klingelte ihr Handy. Tanja! Liebe, beste Freundin, mit der sie wunderbar quatschen konnte. „Na, wie ist es in der Fremde?“, hörte sie schon die vertraute Stimme.

Lisa lachte, seufzte zugleich und sah die Freundin vor sich, so deutlich, als stünde sie neben ihr. „Ach Tanja, du fehlst mir“, bekannte sie. „Aber sonst passt das schon.“

Dann erzählte sie ausführlich und etwas sprunghaft von Job und Kollegen, ersten Eindrücken rundherum, ihrem Quartier hier und Annis liebenswerter Herzlichkeit. Nur über die Gegend ließ sie sich weniger freundlich aus.

„Bamberg ist ja noch irgendwie charmant in seiner Gestrigkeit. Aber dieses Kaff, in dem ich wohne ist völlig gesichtslos – allertiefste Provinz“, lästerte sie.

Sie wollte noch ein paar markige Beschreibungen dazusetzen, die ihr jedoch im Hals stecken blieben, als sie den frostigen Blick des Mannes traf, der plötzlich in der Tür stand. Wie lange schon? Und wo war der plötzlich hergekommen?

„Tanja, äh, wir plaudern später weiter“, murmelte Lisa und beendete das Gespräch. Dann setzte sie sich gerade hin und sah den Mann herausfordernd an. „Schleichen Sie sich immer so an?“

„Und sind Sie immer so überheblich?“, schoss er zurück.

Einen Moment funkelten sie sich wild an. Lisa suchte nach etwas Verbindlichem zu sagen, um diese unangenehme Situation aufzulösen, doch unter seinem Blick stoben die Worte auseinander.

Der spöttische Ton des Unbekannten fuchste Lisa mächtig

Das ärgerte sie, weil sie sonst nicht auf den Mund gefallen war. Und dass sie fühlte, wie sie rot wurde, ärgerte sie noch mehr. So schwieg sie demonstrativ.

„Ich wäre jedenfalls etwas zurückhaltender“, meinte er trocken. „In so gestrigen Provinzkaffs wie hier wird man für vorlaute Äußerungen womöglich öffentlich an den Pranger gekettet. Und Bamberg hat eine unrühmliche Tradition der Hexenverbrennung.“

Das spöttische Glitzern in seinen Augen bei diesen Worten fuchste Lisa erst recht. Sie setzte schon zu einer Erwiderung an, als das Geräusch des Hausschlüssels in der Tür zu hören war. Gleich darauf trat Anni ins Zimmer.

„Ah, Mathis“, sagte sie erfreut. „Hallo. Na, habt ihr euch schon bekannt gemacht?“ Und als sie keine Antwort erhielt, fuhr sie fort: „Der Mathis ist mein Lieblingsneffe. Und die Frau Werner wohnt für eine Weile hier. Bis sie eine Wohnung gefunden hat, gell?“

Mathis sagte nichts. Auch Lisa schwieg unbehaglich. Anni schien davon nichts zu merken. „Möchtest du zum Essen bleiben?“, wandte sie sich an Mathis. „Ich mach nachher ein paar blaue Zipfel.“

Lisas fragender Blick entlockte ihm ein Grinsen. „Wenn das der Dame mal nicht zu provinziell ist“, raunte er ihr zu. Und lauter an seine Tante gewandt: „Nein danke, heut nicht. Ich hab nur dein Buch zurückgebracht. Also dann. Ade.“ Damit war er draußen.

Anni nickte ihm hinterher und strahlte in Lisas Richtung. „Der Mathis ist ein ganz Netter“, erklärte sie, und Lisa verbiss sich jeden Kommentar auf diese Bemerkung.

Dass blaue Zipfel Würste waren, die man in Essigsud kochte, klärte sich bald. Dass sie überraschend lecker schmeckten, auch. So kehrte auch Lisas gute Laune zurück, während sie aßen und plauderten.

Anni erzählte so dies und das. Besonders von Mathis fing sie immer wieder an. So erfuhr Lisa, dass seine Familie eine alteingesessene Brauerei hier betrieb und er das beste Rauchbier weit und breit machte. Außerdem engagierte er sich im Ort für den Kulturverein und in der Denkmalpflege. Ohne Leute wie ihn wären viele Traditionen und Bräuche schon in Vergessenheit geraten, versicherte sie.

Aber modern wäre er auch und mit der ganzen neuen Technik vertraut. „Diese Internetseite über meine Pension hat er gemacht“, erzählte sie stolz. „Das war ein Kinderspiel für ihn. Überhaupt gibt es fast nichts, was er nicht kann.“

Lisa musste lachen. „Das klingt ja fast so als wollten Sie ihn verkaufen“, scherzte sie.

Anni schmunzelte. „Nein, nein“, wiegelte sie ab. „Ich tu ja wirklich viel für ihn. Aber seine Frau muss er sich schon selbst suchen.“

Diese Unterhaltung kam Lisa nun bisweilen in den Sinn, wenn sie durch Bamberg fuhr. Hexenverbrennung. Gruselig. Hatte Mathis das ernst gemeint? Sie dachte aber auch an Annis Worte über sein Engagement in der Denkmalpflege und ertappte sich dabei, manches mit anderen Augen zu sehen. Das trutzige Bamberger Rathaus mitten im Fluss war hübsch. Auch der Dom und die neue Residenz hatten Charme. Und mit etwas gutem Willen konnte man sogar der Kirche in Litzendorf einen gewissen Reiz zusprechen. Schon möglich, dass ihre Worte Mathis respektlos erschienen waren. Aber bei der Erinnerung an seinen abschätzigen Blick und das spöttische Lächeln stieg gleich wieder ihr Ärger hoch.

Ansonsten war Mathis in den nächsten Tagen kein Thema mehr. Sie sah ihn nicht, und auch Anni brachte das Gespräch nicht auf ihn.

Ohnehin hatte Lisa ganz andere Dinge im Kopf. Ihre Arbeit, in der sie noch nicht ganz Rhythmus und Routine gefunden hatte. Sich in ihrem Alltag zu installieren und vielleicht mal ein paar Ecken der Gegend zu erkunden.

Als sie eines Abends nach Hause kam, hörte sie aus der Küche neben Annis auch eine Männerstimme. Unwillkürlich wappnete Lisa sich gegen Mathis’ spöttischen Blick, als ein fremder Mann mit Metzgerschürze aus der Küche kam, im Vorbeigehen freundlich grüßte und das Haus verließ.

Anni lud Lisa zum Martinsgans-Essen mit der Familie ein

Hinter ihm trat Anni breit grinsend in die Küchentür. „Ein Prachtstück!“, rief sie und winkte Lisa heran. „Wollen Sie mal sehen?“

Lisa trat in die Küche. Da auf der Anrichte lag ein riesiger Vogel, gerupft und ohne Kopf und Füße.

Sie sah Anni fragend an. „Heute früh ist sie noch herumgelaufen“, erklärte die fröhlich. „Und morgen kommt sie mit Kraut und Klößen.

Die Martinsgans“, setzte sie hinzu. „Zu Sankt Martin am 11. November. Feiern Sie das da oben nicht?“

„Ich, also, keine Ahnung“, erwiderte Lisa überrumpelt und starrte die Gans an. Für gewöhnlich kaufte sie ihr Fleisch so abgepackt, dass man das Tier dahinter nicht mehr erkennen konnte.

Anni schien ihre Gedanken zu erraten und schmunzelte. „Keine Sorge, morgen ist sie kross gebraten. Abends trifft sich dann die Familie zum Feiern. Sie haben doch noch nichts anderes vor?“

Am nächsten Tag empfing Lisa beim Heimkommen schon ein verführerischer Duft, der das ganze Haus durchzog. Im Ofen schmurgelte die Gans, und auf dem Herd dampften mehrere große Töpfe.

Anni wuselte geschäftig umher, hatte einen zweiten Tisch in die Küche geschoben und deckte gerade für mindestens 20 Leute. Lisa hatte zwei Flaschen Wein besorgt, was ihr angesichts der riesigen Tafel peinlich wenig erschien.

Anni lachte nur. „Danke. Stellen Sie die da drüben ab. Jetzt müssten auch bald die ersten Gäste kommen.“ Wie auf Kommando klingelte es an der Tür, und Anni ging mit froher Miene öffnen.

Lisas Bedenken, ob sie sich in diesem Familienkreis nicht als Fremdkörper fühlen würde, erwiesen sich als unbegründet. Sie wurde herzlich und unkompliziert in der Runde aufgenommen, so dass ihre Befangenheit rasch wich.

Beim Essen dann ging es sehr lebhaft zu. Das Rauchbier floss reichlich, und bald wetteiferte die Familie darum, ihr fränkische Begriffe beizubringen, und alle lachten sich krumm, wenn sie an der richtigen Aussprache oder dem rollenden R scheiterte. Nur Mathis’ Lachen blieb seltsam schmal.

Er saß ihr schräg gegenüber, und immer wenn er meinte, sie merkte es nicht, starrte er komisch bohrend zu ihr herüber. Wenn sie dann den Kopf hob, sah er meistens weg, bevor ihre Blicke sich trafen. Irgendwann versuchte Lisa ihn zu ignorieren, war aber doch irritiert über sein Verhalten. Das war jedoch der einzige Störfaktor in dem ansonsten sehr netten Abend.

Als die Ersten gingen, löste die Runde sich rasch auf. Lisa nutzte die Zeit, ein wenig Ordnung in der Küche zu schaffen. Draußen ebbte der allgemeine Aufbruch ab, die Tür ging ein paarmal, dann war alles ruhig. Sie wollte eben das restliche Geschirr abräumen, drehte sich um – und erschrak richtig, als Mathis plötzlich hinter ihr stand. „Anschleichen ist wohl Ihre Passion“, sagte sie spitz.

„Ich bin auf der Suche nach Anni“, gab er unbewegt zurück.

„Die offensichtlich nicht hier ist“, erwiderte Lisa. Es klang patzig, sie hörte es selbst. Irgendetwas an Mathis reizte sie zu solchen Reaktionen. Er sah sie ausdruckslos an, und Lisa spürte, wie ihr der Ärger, der sich den ganzen Abend aufgebaut hatte, hoch in die Kehle stieg. „Haben Sie eigentlich ein Problem?“, hörte sie sich sagen.

„Ich? Wohl kaum“, kam es kühl zurück. „Und Sie?“

„Ganz sicher nicht“, erwiderte sie hitzig. „Ich starre aber auch Leuten keine Löcher ins Gesicht als wären sie vom anderen Stern.“

Einen Moment blitzten sie sich wütend an. Dann war die Tür zu hören, gleich darauf trat Anni in die Küche, und Lisa ließ die beiden allein. Sie wollte nicht unhöflich erscheinen. Aber dieser Lieblingsneffe ging ihr gehörig gegen den Strich. Zum Glück musste sie nichts weiter mit ihm zu tun haben.

Sie würde sich in Zukunft einfach von ihm fernhalten. Und das funktionierte eine ganze Weile lang erstaunlich gut. Lisa fand sich immer besser in ihrem Job zurecht und begann nebenher schon mal den Wohnungsmarkt zu sondieren.

Hilflos und verwirrt am Boden liegend fand Lisa ihre Wirtin

In der Küche duftete es jetzt regelmäßig nach Lebkuchen und Plätzchen, und Anni dachte eifrig über Weihnachtsgeschenke für die große Verwandtschaft nach. Lisa selbst hatte noch keinen genauen Plan für die Feiertage. Wahrscheinlich ihre Eltern besuchen. Und hoffen, dass sie die Erinnerung an Timo und ihr altes Leben nicht allzu sehr runterziehen würde.

Es war einer jener Tage, an denen es gar nicht richtig hell werden wollte. Kurz vor Feierabend setzte dann auch noch ungemütlicher Schneeregen ein, so dass Lisa alle Einkaufspläne vertagte und direkt nach Hause fuhr. Das Haus lag dunkel, Anni war offensichtlich nicht da. Dachte sie. Und spürte im nächsten Moment heißen Schrecken in alle Glieder fahren, als sie die Wirtin reglos auf dem Boden mitten im Flur liegend fand.

„Anni! Frau Glaser! Mein Gott!“ Lisa stürzte an ihre Seite, berührte vorsichtig die Schulter. Da schlug Anni die Augen auf, blinzelte verwirrt. „Was? Maria, bist du das?“

„Nein. Ich bin es, Lisa. Haben Sie sich verletzt, Anni?“

„Es gibt bald Frühstück“, murmelte Anni vor sich hin, schloss die Augen wieder und stöhnte leise.

Lisas Herz raste. „Ganz ruhig“, sagte sie beschwörend. Zu Anni, aber auch zu sich selbst. Ihr Blick fiel auf das Telefon auf dem Dielenschrank. Sollte sie gleich den Notarzt rufen? Da entdeckte sie den Zettel, der halb darunter hervor lugte. Mathis Handy neu, stand groß darauf. Und ohne nachzudenken wählte sie die Nummer.

Keine zehn Minuten später war er da. Lisa kniete bei Anni auf dem Boden, sah jetzt hoch in sein erschrockenes Gesicht. „Was ist mit ihr passiert?“, stieß er hervor.

„Gestürzt wahrscheinlich“, gab Lisa zurück. „Sie scheint verwirrt.“

Mathis presste die Lippen fest aufeinander. „Ich bringe sie ins Krankenhaus“, entschied er.

„Ich komme mit“, sagte Lisa spontan, und er protestierte nicht.

Eine Polizeistreife hätte sie auf dieser Fahrt nicht erwischen dürfen. Mathis raste wie ein Irrer, und in wenigen Minuten erreichten sie das Klinikum in Bamberg. Lisa hatte das Gefühl, sie sei keine große Hilfe. Zwar blieb sie bei Anni und redete beruhigend mit ihr, doch sie war dabei so aufgeregt, dass sie gar nicht gewusst hätte, wohin sie sich wenden müsste.

Mathis hingegen schien alles unter Kontrolle zu haben. Er sprach beherrscht und zugleich sehr nachdrücklich an der Notaufnahme vor, schilderte sachlich und präzise dem Arzt den Sachverhalt.

So souverän hatte sie ihn noch nie erlebt, und Lisa registrierte überrascht, dass seine Nähe ihr ein sicheres Gefühl gab. Nur der angespannte Zug um seinen Mund verriet seine Sorge.

Als Anni zur Untersuchung weggebracht wurde, atmete Mathis ein paarmal tief durch. Dann wandte er sich an sie. „Vielen Dank. Sie waren mir eine große Hilfe.“

Lisa suchte nach Ironie in seinem Blick, doch vergeblich. Zum ersten Mal überhaupt sah er sie offen und normal an. Und dann lächelte er sogar, was ihn unvermutet sympathisch machte.

„Ich habe doch gar nichts getan“, wiegelte sie ab.

„Oh doch. Ihre Begleitung und Ihr Mitgefühl haben meiner Tante sehr geholfen“, gab er zurück. Einen langen Moment sah er sie noch stumm an, dann lächelte er wieder und wies auf eine Sitzgruppe. Lisa folgte ihm, eigentümlich berührt. Er konnte ja richtig nett sein!

Irgendwann stieß Annis Sohn zu ihnen, den Mathis informiert hatte, und bald gab es auch erste Ergebnisse der Untersuchungen.

Anni hatte sich eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen zugezogen, keine Frakturen zum Glück. Die Erleichterung war fast mit Händen zu greifen. Annis Sohn wollte sich um alles Weitere kümmern, und Mathis warf Lisa wieder so einen Blick zu, warm und so ganz anders, als sie das bisher von ihm kannte.

„Kommen Sie“, sagte er und berührte leicht ihren Arm. „Ich bringe Sie jetzt wieder nach Hause.“

Lisa staunte – der neue Mathis konnte ja richtig nett sein!

Auf der Rückfahrt hing in einvernehmlichem Schweigen jeder seinen Gedanken nach. Bis vor Annis Haus, wo Mathis ihr noch einmal zulächelte. „Danke noch mal“, sagte er. „Und gute Nacht.“

„Gute Nacht“, erwiderte Lisa. Und als er nichts weiter sagte, stieg sie aus und ging durch den Vorgarten. An der Tür drehte sie sich noch einmal um, und da saß er unverändert lächelnd im Wagen und schaute zu ihr herüber.

Wenn sie in den nächsten Tagen die Ereignisse jener Stunden vorbeiziehen ließ, war es immer dieses Bild, das als erstes in ihr hochstieg: Mathis mit einem Lächeln, das sie eigentümlich tief berührte.

Nach zwei Tagen kam Anni nach Hause zurück, guter Dinge und wieder ganz die Alte. Auch Mathis schaute vorbei. Und wieder war er so angenehm anders, freundlich, aufgeschlossen und zugänglich.

Als das Gespräch auf seinen Beruf und die Brauerei kam, lud er Lisa spontan zu einer Besichtigung ein. Ebenso spontan sagte sie zu. Dieser neue Mathis wäre bestimmt angenehme Gesellschaft.

Sie verbrachten dann auch einen sehr anregenden Nachmittag. Erst bei dem Rundgang durch die Brauerei, bei dem Mathis so viel rund um das Thema zu erzählen wusste, dass Lisa bald der Kopf schwirrte. Anschließend führte er sie in eine rustikale Wirtschaft in Bamberg, wo er sie unterschiedliche Biersorten verkosten ließ und nachsichtig schmunzelte, dass sie als Nicht-Biertrinkerin gar keine großen Unterschiede feststellen konnte.

„Wenn Sie sich hier erst richtig eingelebt haben, werden Sie die Feinheiten schon noch entdecken“, sagte er beiläufig. Und Lisa wurde zum ersten Mal bewusst, dass sie sich noch gar nicht auf diese Gegend hier eingelassen hatte.

Der Bruch mit ihrem alten Leben, die Trennung von Timo, der Umzug, all das war so überstürzt passiert, dass sie kaum zum Nachdenken gekommen war. Inzwischen hatten sich die Wogen geglättet. War es jetzt Zeit, einen ganz neuen Anfang zu machen?

Erst jedenfalls war es Zeit für einen Abstecher in eben dieses alte Leben. Sie wollte über Weihnachten ihre Eltern besuchen, ein paar

Freundinnen treffen, ein paar alte Lieblingsplätze sehen. Das wäre auch ein guter Test für ihre Gefühle. Ob sie mit all dem wirklich abgeschlossen hatte und innerlich bereit war für einen Neuanfang.

Und da war natürlich noch Timo! An ihn hatte sie in diesen Wochen so wenig wie möglich gedacht. Anfangs, weil es noch zu schmerzlich war. Später dann machte es sie eher wütend. Auf sich selbst, auf ihn, auf die andere Frau … von einem gelassenen Umgang mit dem Thema war sie noch weit entfernt. Mal sehen, wie es jetzt wäre, wieder in der gleichen Stadt zu sein.

Und dann ergab es sich, dass sie an ihrem letzten Abend noch einmal mit Mathis zusammensaß. Er schaute bei Anni vorbei, eben als sie von der Arbeit kam, und irgendwie kam das Gespräch auf den Weihnachtsmarkt in Bamberg. Als Lisa gestand, noch nicht dort gewesen zu sein, drängte Anni, das jetzt nachzuholen. Sogleich bot Mathis seine Begleitung an.

So bummelten sie erst zwischen den zahlreichen Ständen auf dem festlich geschmückten Maximiliansplatz und kehrten dann in ein kleines Lokal in einem der historischen Gebäude in der Altstadt ein.

Dort erlebte Lisa einmal mehr einen ganz anderen, angenehmen Menschen. Mathis plauderte locker dahin, war interessiert und wollte viel über sie und ihren Job wissen. Dabei war er so freundlich und ungezwungen, dass Lisa nicht sicher war, ob sie sich sein früheres ruppiges Verhalten und den bohrenden Blick nicht nur eingebildet hatte.

Jetzt fühlte sie sich in seiner Gesellschaft richtig wohl. Und eigentlich war er auch sehr attraktiv …

„Ist irgendwas?“, fragte Mathis.

Lisa wurde bewusst, dass sie ihn wohl schon eine ganze Weile anstarrte. Da sprach sie einfach aus, was ihr spontan in den Sinn kam. „Sie sind jetzt so anders. Gar nicht mehr der rüpelhafte Klotz, den ich anfangs kennengelernt habe.“

Kuddelmuddel der Gefühle – das dachte Lisa auf der Fahrt

Er stutzte, lachte dann leise. „Ein rüpelhafter Klotz. So, so.“

Auch Lisa musste grinsen. „Ja. Wie Sie mich angeschnauzt haben. Und mit Blicken aufgespießt. Als hätte ich das Tafelsilber geklaut.“

Er schwieg eine Weile, blickte nachdenklich vor sich hin. Dann sah er hoch, das Lächeln schuldbewusst. „Unsere Begegnung stand tatsächlich unter keinem guten Stern“, räumte er ein. „Aber das lag nicht an Ihnen. Also, nicht eigentlich. Sie sehen bloß jemandem sehr ähnlich, an den ich lieber nicht erinnert werden wollte. Da ist bei mir wohl das automatische Abwehrprogramm angelaufen.“

Hinter diesen saloppen Worten schwang ein Ernst, der Lisa berührte. Sie musste an Timo und ihr eigenes Gefühlskuddelmuddel denken. Schließlich nickte sie. „Schwamm drüber“, meinte sie großzügig und erntete dafür einen Blick, der ihr eine seltsame Leichtigkeit in den Bauch zauberte.

Daran musste sie noch ein paar Mal denken. Während der Fahrt hoch ins Ruhrgebiet am nächsten Tag. In der ersten Nacht in ihrem alten Mädchenzimmer im Haus ihrer Eltern. Bei einem Bummel durch die weihnachtlich erleuchteten Einkaufsstraßen. Und jedes Mal breitete sich dabei ein wohlig warmes Gefühl in ihrer Brust aus, für das sie keinen Namen hatte, das aber rundherum guttat.

Es waren harmonische Tage, die Lisa bei ihrer Familie verbrachte. Sie genoss die Zeit und die vertrauten Gesichter und die Fürsorge ihrer Mutter. Nur manchmal überfiel sie eine seltsame Unrast. Als wäre das hier alles zu schön und zu glatt, als müsste noch irgendein dickes Ende kommen.

Es kam tatsächlich. In Gestalt ihres Ex-Freundes nämlich.

Drei Tage nach Weihnachten stand Timo unvermittelt vor der Tür. Er hätte ihren Wagen gesehen, wollte mal Hallo sagen …

Lisa war völlig überrumpelt. Vor allem als sich herausstellte, dass Timo beileibe nicht nur Hallo sagen wollte. Er textete sie zu, dass diese andere Sache schon vorbei wäre, dass er erkannt hätte, wie viel sie ihm bedeutete, und ob sie es nicht doch noch einmal miteinander versuchen wollten …

Es war fast surreal. Vor ein paar Wochen hätte sie sich nichts mehr gewünscht als diese Frage. Und jetzt? Darüber dachte Lisa lange nach. Was wollte sie eigentlich?

In einer halbwegs schlaflosen Nacht ließ sie Bilder und Empfindungen vorüberziehen, setzte Erkenntnisse wie Puzzlesteinchen eins ums andere an ihren Platz. Da war Timo, mit dem sich rückblickend so vieles falsch anfühlte. Da war ein anderes Lächeln, noch neu und doch schon vertraut, das sie mit Wärme flutete und ein wohliges Gefühl hinterließ. So richtig.

Und dann diese Nachricht von Mathis auf ihrem Handy: Bist du Silvester zurück? Ich möchte dir etwas ganz Besonderes zeigen …

Lisa war zurück, gut vor Silvester sogar. Und stellte fest, wie sie all das vermisst hatte. Annis Herzlichkeit. Ihren deftigen Eintopf und den Geschmack von Rauchbier auf der Zunge. Und natürlich Mathis.

Er machte es spannend, ließ sich nichts zu seinen Plänen entlocken, so sehr sie ihn auch drängte. Und auch Anni schmunzelte nur wissend und versprach, es würde ein ganz besonderes Erlebnis werden.

Am Silvestertag holte Mathis sie schon nachmittags ab. Sie würden Verwandtschaft in Waischenfeld besuchen, eine halbe Autostunde entfernt, sagte er nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Zuerst fiel Lisa nur auf, wie belebt der kleine Ort war. Unzählige Menschen waren unterwegs, und es lag eine fiebrige Anspannung in der Luft. Lichterfest. Als Lisa diesen Begriff zum ersten Mal aufschnappte, konnte sie sich nicht ausmalen, was sie erwarten würde.

Später bei einer deftigen Brotzeit bei Mathis’ Verwandten wurde das Bild klarer. Aus der alten christlichen Tradition der Lichterprozession war irgendwann ein anderer Brauch entstanden, besonders eindrucksvoll zu erleben im Nachbarort Nankendorf.

Dort im Tal, wo sich zu beiden Seiten des Flüsschens Wiesent steil die felsigen Hänge erheben, würden unzählige Feuer entzündet und die Berge zum Glühen gebracht.

Als Mathis’ Arm um Lisas Schultern glitt, hämmerte ihr Herz!

So schilderten sie es der Fremden, redeten alle wild durcheinander, und Lisa sah von einem zum anderen und versuchte, sich eine Vorstellung davon zu machen.

Mathis lächelte ihr zu. „Es hat eine ganz besondere Magie“, sagte er. „Man muss es gesehen haben.“ Und so war es auch. Tatsächlich konnte die begeistertste Schilderung nicht wiedergeben, welch überwältigender Zauber diesen kleinen Ort erfüllte.

Als die Kirchenglocken ertönten, die Prozession sich unter vielstimmigen, beinahe mystisch anmutenden Gesängen in Bewegung setzte – und dann fast auf einen Schlag die Feuer angingen.

Von ihrem Platz am Fluss aus hatten Lisa und Mathis die Berghänge gut im Blick, wo zahlreiche Helfer nun gleichzeitig Fackeln, Lichter und Holzfeuer entzündeten. Dazwischen leuchteten riesige christliche Symbole und Kreuze auf, und bengalische Feuer verbreiteten ihren märchenhaften Schein. Es war unbeschreiblich. Der ganze Ort schwamm in rotem Licht, die Hänge glühten tatsächlich.

Lisa fühlte sich tief ergriffen. Ein paarmal bemerkte sie, wie Mathis sie von der Seite beobachtete, doch sie konnte gar nichts sagen. Zu überwältigend war all das, dieser Eindruck, seine Nähe.

Als dann irgendwann fast ein wenig schüchtern sein Arm um ihre Schulter glitt, perlte ihr die Gänsehaut über den ganzen Körper.

„Damit du mir nicht verloren gehst“, sagte er halb im Scherz ganz dicht an ihrem Ohr.

Lisa drehte den Kopf und traf seinen Blick, der noch ganz andere Dinge sagte. Die gleichen, von denen auch ihr Herz so heftig hämmerte. Als hätten die beiden sich abgesprochen. Sie lächelte nur, lehnte sich etwas fester gegen ihn und richtete den Blick wieder auf das Feuermeer. Dabei erfüllte sie plötzlich so eine Ahnung, dass sie gar nicht vorhatte, Mathis jemals wieder verloren zu gehen …

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