Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

POLITIK-INTERVIEW: Was ist für Sie typisch ostdeutsch, Frau Schwesig?


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 07.03.2019

Mecklenburg- VorpommernsMinisterpräsidentin Manuela Schwesig, 44, war noch Jugendliche, als 1989 die Mauer fiel. Beim SUPERillu-Stadtgespräch erzählte sie von ihrer Bilanz der 30 Jahre, die seither vergangen sind


Artikelbild für den Artikel "POLITIK-INTERVIEW: Was ist für Sie typisch ostdeutsch, Frau Schwesig?" aus der Ausgabe 11/2019 von SUPERillu. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 11/2019

SPD-Politikerin Manuela Schwesig vor dem Schweriner Schloss, Sitz des Landesparlaments


STADTGESPRÄCH Schwesig beim SUPERillu-Stadtgespräch mit Gregor Gysi und SUPERillu-Chefredakteur Stefan Kobus am 19. Februar in Schwerin


Frau Schwesig, Sie waren 15 Jahre alt und wohnten noch bei Ihren Eltern in der märkischen Kleinstadt Seelow, als die Mauer fiel. Wie haben Sie das damals erlebt?
Wir lebten ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von SUPERillu. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2019 von Geht es dem Wolf an den Kragen?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geht es dem Wolf an den Kragen?
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von HEIMAT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HEIMAT
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von INTERNATIONALER FRAUENTAG: Die starken Geschichten der selbstbewussten Ostfrauen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERNATIONALER FRAUENTAG: Die starken Geschichten der selbstbewussten Ostfrauen
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von FAKTEN EINER AFFÄRE: Gorch Fock: Vom Stolz der Marine zum SCHIFF DER SCHANDE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FAKTEN EINER AFFÄRE: Gorch Fock: Vom Stolz der Marine zum SCHIFF DER SCHANDE
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von RADIOMACHER: „Ich habe immer an Schlager geglaubt“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
RADIOMACHER: „Ich habe immer an Schlager geglaubt“
Titelbild der Ausgabe 11/2019 von KULTURGUT: Der Kunstschatz hinter der Wand. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KULTURGUT: Der Kunstschatz hinter der Wand
Vorheriger Artikel
INTERNATIONALER FRAUENTAG: Die starken Geschichten der selbstbewu…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel FAKTEN EINER AFFÄRE: Gorch Fock: Vom Stolz der Marine zum SC…
aus dieser Ausgabe

Frau Schwesig, Sie waren 15 Jahre alt und wohnten noch bei Ihren Eltern in der märkischen Kleinstadt Seelow, als die Mauer fiel. Wie haben Sie das damals erlebt?
Wir lebten in Seelow weit weg von den großen Schauplätzen der friedlichen Revolution. Für mich war der 9. November 1989 zunächst ein ganz normaler Tag. Ich war in der Schule und nachmittags mit Freunden unterwegs. Im Fernsehen sahen wir abends die Bilder. Es fiel mir schwer zu realisieren, was sie für unser Leben bedeuten würden, und es dauerte Tage, bis uns wirklich bewusst wurde, dass man jetzt einfach nach drüben fahren konnte. Ich erinnere mich sehr gut, als ich dann einige Zeit später tatsächlich zum ersten Mal im Westen war, in Westberlin. Vom Begrüßungsgeld kaufte ich mir für 99 Mark einen Motorradhelm, ich fuhr damals ja schon ein Moped. Das war eine große Freude.

Die Freude wich damals bei vielen Ostdeutschen einer Verunsicherung darüber, was kommen mag …
Das war in unserer Familie genauso. Diese Umbruchzeit war von einer enormen Geschwindigkeit geprägt, jeden Tag veränderte sich etwas. Es gab viele neue Möglichkeiten, aber gleichzeitig wurde das Leben auch recht unsicher. Mein Vater verlor bald nach der Wende seine Arbeit, weil der Baubetrieb, bei dem er als Schlosser beschäftigt war, pleiteging. Einige meiner Freundinnen gingen weg in den Westen, weil es bei uns kaum Lehrstellen gab. Ob Lehrer, Eltern oder Freunde – es gab keinen in meinem Umfeld, der mir hätte sagen können, wie es weitergeht. Ich selbst wollte damals Erzieherin werden. Ich hatte zwar tatsächlich einen der wenigen noch vorhandenenAusbildungsplätze ergattert, im für uns fernen Gotha. Doch plötzlich hieß es, dass unklar sei, ob ich dort noch antreten könne. Deswegen musste ich mich umorientieren und bewarb mich beim Finanzamt, weil es hieß, die brauchen viele Leute. Ich war in einem der ersten Jahrgänge, die von Anfang an das neue Steuerrecht lernten und kam als Mitarbeiterin zur Steuerfahndung. Das war nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Glücksfall, denn bei einem Lehrgang für Steuerfahnder lernte ich meinen Mann kennen. Dem ging es beruflich ähnlich wie mir: Eigentlich wäre er lieber Lehrer geworden, aber auch da war vieles im Umbruch und so kam auch er zur Steuerfahndung. Ich habe mich damals nicht nur in meinen Mann, sondern auch in seine Heimat Mecklenburg-Vorpommern verliebt. Deswegen zogen wir sehr bald nach Schwerin.

Und wie kamen Sie in die Politik?
Ich bin zunächst beruflich noch nach Brandenburg gependelt. Als das vorbei war und ich auch beruflich nach Mecklenburg-Vorpommern wechseln konnte, beschloss ich, mich in meiner neuen Heimat sozial zu engagieren. So kam ich zur SPD, die mir schon bald anbot, für das Stadtparlament zu kandidieren. Das machte mir auch deshalb viel Freude, weil ich mich dort für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsetzen konnte –also genau das, was ich ursprünglich beruflich machen wollte. Ein politisches Vorbild für mich war Regine Hildebrandt. Weil man bei ihr das Gefühl hatte, dass sie meint, was sie sagt. Und weil sie an alle appellierte, sich vor einer Entscheidung immer in die Lage der anderen zu versetzen und die Dinge fair von verschiedenen Seiten zu betrachten.


„Es hätte sehr wohl Dinge gegeben, die man aus dem Osten für ganz Deutschland hätte übernehmen können …“
Manuela Schwesig


Die Wiedervereinigung verlief nicht unbedingt reibungslos – auch menschlich. Auf was führen Sie das zurück?
Hauptproblem war, dass es kein Zusammenwachsen auf Augenhöhe war – sondern dass der Westen einfach nur erwartete, dass alles so weitergeht wie in der alten Bundesrepublik. Dabei hätte es sehr wohl Dinge gegeben, die man aus dem Osten für ganz Deutschland hätte übernehmen können. Ich bin damit aufgewachsen, dass nahezu alle Frauen berufstätig sind und es für alle Kinder Kitaplätze gibt. Und ich dachte, das wäre eine Selbstverständlichkeit. Dass das nicht so ist, wurde mir erst lange nach der Wende bewusst, als mir eine Freundin, die nach Bayern gezogen war, erzählte, wie schwer es dort war, einen Kitaplatz zu bekommen. Wir Ostdeutschen können stolz darauf sein, dass wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie selbstverständlich leben. Ich bin mir sicher: Ohne die Wiedervereinigung gäbe es in Deutschland immer noch keinen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz.

Wie sieht das denn bei Ihnen privat aus? Sie sind Ministerpräsidentin und haben zwei kleine Kinder.
Ich wäre mir nicht sicher, ob ich ohne diese Sozialisierung im Osten heute mein Familienleben und mein Amt so vereinbaren könnte. Es ist für uns selbstverständlich, dass mein Mann und ich beide berufstätig sind. Meine Tochter geht in eine Ganztagskita, mein Sohn zur Schule. Und es ist auch in unserem Umfeld selbstverständlich, sodass mir keiner Vorwürfe macht, ich hätte deswegen zu wenig Zeit für meine Kinder. Natürlich ist Familie und Beruf immer ein Spagat. Deshalb ist es wichtig, dass das nicht jeden Tag infrage gestellt wird.

Was ist für Sie „typisch ostdeutsch“?
Wir haben nach der Wende fast alle die Erfahrung gemacht, dass man sich verändern musste und dass dabei auch mancher Traum auf der Strecke blieb. Viele kamen ganz unverschuldet in Arbeitslosigkeit, mussten oft noch einmal ganz neu anfangen. Die meisten von uns haben angepackt und sich eine Zukunft aufgebaut. Heute liegt die Zahl der Arbeitslosen in Mecklenburg-Vorpommern auf dem niedrigsten Stand seit der deutschen Einheit. Darauf können wir stolz sein. Es wird in der Öffentlichkeit viel über die Dinge geredet, die nicht geklappt haben. Ich weiß auch, wie schwer der Weg in die Einheit für viele Menschen war. Aber ich bin sehr glücklich, dass wir in Zeiten von Frieden und Freiheit leben. Und dass ich einen Teil davon mitgestalten darf. Dafür bin ich sehr dankbar.

Anders als Ihre Generation mussten die zur Wende schon Älteren oft weit größere berufliche Nachteile in Kauf nehmen – die sich heute auch auf die Rente auswirken …
Deshalb unterstütze ich den Vorschlag von Bundesarbeitsminister Heil, eine Grundrente einzuführen: Wir wollen mit der Grundrente auch das, was die Generation meiner Eltern nach der Wende geleistet hat, leider oft zu sehr niedrigen Löhnen, stärker würdigen. Das ist eine Frage der Anerkennung von Lebensleistungen und muss jetzt endlich kommen. Wer ein Leben lang hart gearbeitet hat, muss eine Rente erhalten, die oberhalb der Grundsicherung liegt. Wir müssen aber auch den Grund dafür beseitigen, warum heute viele trotz lebenslanger Arbeit nur geringe Renten zu erwarten haben – zu niedrige Löhne in manchen Berufsgruppen.

Das bleibt ein wichtiges Thema für die kommenden Jahre. 30 Jahre nach der deutschen Einheit ist sicher noch nicht alles so, wie es sein sollte. Aber dass sich alles so gut entwickelt hat, bei uns in Mecklenburg-Vorpommern und in den anderen Ost-Ländern, darauf können die Menschen wirklich stolz sein.

WENDEKIND

Manuela Schwesig, geboren 1974 in Frankfurt/Oder, wuchs als Tochter eines Schlossers und einer Verwaltungsangestellten in Seelow auf. Als die Mauer fiel, war sie 15 Jahre alt

KINDER UND KARRIERE

Mit Ehemann Stefan hat sie Sohn Julian (geb. 2007) und Tochter Julia (geb. 2016). 2017 wurde sie als Nachfolgerin von Erwin Sellering Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern (r.)

Der Migrationsstreit zeigt, dass auch 30 Jahre danach politische Differenzen zwischen Ost und West bleiben – sichtbar z. B. daran, dass die AfD im Osten doppelt so stark ist wie im Westen …
Der Ton der politischen Debatte ist insgesamt rauer geworden, die Gesellschaft gespaltener, in Ost wie West. Die AfD heizt das an, indem sie den Menschen vormacht, man dürfe über bestimmte Themen nicht reden. Und dass es nur um ein Thema ginge, Flüchtlinge und Migration. Ich möchte, dass wir respektvoll miteinander umgehen und dass die Generation meiner Kinder nicht mit der Art von Hass und Hetze aufwächst, die die AfD verbreitet. Als Ministerpräsidentin habe ich reagiert, indem ich mehr Bürgerforen anbiete, in denen wir selbstverständlich über alles reden können. Ich stelle bei diesen Treffen gar keine Politikverdrossenheit fest. Im Gegenteil: Es gibt viel Diskussionsbedarf. Und ich fühle mich auch bestätigt, dass die Menschen noch ganz andere Themen bewegen. Nämlich zum Beispiel eine gerechte Rente, soziale Sicherheit, Kinderbetreuung oder Ausbildung. Es ist wichtig, dass diese wichtigen Themen wieder mehr in den Mittelpunkt rücken.

STADTGESPRÄCH: Demnächst in Magdeburg

DDR-RekordnationalspielerJoachim Streich zieht am 12. März mitGregor Gysi undStefan Kobus seine Mauerfall- Bilanz. Seien Sie in der Magdeburger Johanniskirche bei diesem sportlichen Stadtgespräch dabei.

Tickets für 15 Euro (zzgl. VVK-Gebühr) auf superillu.online-ticket.de

FOTOS: Johannes Arlt, SURERillu/Uwe Toelle

FOTOS: Privat (2), SUPERillu/Yorck Maecke (2)