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POP NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 03.08.2022

CD DES MONATS

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 9/2022

Experimental

Musik ★★★★

Klang ★★★★

LP SACD

Robert Fripp Washington Square Church DGM (CD/DVD)

Man sieht den King-Crimson-Gitarristen auf einem Stuhl sitzend, gewandet in weißem Hemd, Anzug und Slippern, umringt von Elektronikracks, Fußpedalen, Tonbandmaschine, Mischpult und einem Fender-Amp. Das Foto könnte aus den Fünfzigern stammen, aber es wurde 1981 gemacht, als sich Robert Fripp über mehrere Wochen hinweg in der Washington Square United Methodist Church in New York aufhielt. Dort nahm er diese „Live Frippertronics“ auf – elf Stücke, bei denen er zunächst Loops auf Bandmaschinen aufnahm, um dann darüber zu solieren und seine schnellen Läufe ineinander zu verzahnen, mit den für ihn charakteristisch weiten Tonsprüngen und dem nasal verzerrten, sehr sustainreichen Sound seiner Les Paul.

Live mitgeschnitten (und nicht beschriftet!) wurde anscheinend nur das Solo-Gitarrensignal, doch die ...

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... analogen Band-Loops lagerten all die Jahre in den Archiven des Crimson-Lables DGM. Da laut Covertext diese Loops noch ganz leise über die Gitarren-Pick-ups hörbar waren, konnten Alex Bundy und David Singleton die Aufnahmen nun – 40 Jahre nach deren Entstehung! – korrekt zusammenfügen und so ein spannendes Zeitdokument veröffentlichen.

Fripp mochte diese Solokonzerte, denn sie ermöglichten ihm eine Verbindung zum Publikum, die er mit der Band nicht erlebte.

Seine Instrumentals besetzen das Terrain zwischen Meditation und Aggression, sprich, sie beruhigen und fordern zugleich. Und: Sie faszinieren – immer noch. Neben der CD steckt auch eine Bonus-DVD im Schuber, welche die Audiospuren in HiRes-Stereo- und DTS-Surround-Sound enthält.

Peter Bickel

Honkytonk/Nashville

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Kelsey Waldon No Regular Dog Oh Boy

Wenn man nicht gerade zu den gut bezahlten Stars der Szene gehört, dann kann das Musikerdasein ein ziemlich hartes Brot sein. Davon singt Kelsey Waldon schonungslos offen auf der vierten Veröffentlichung im Langformat. Das Nachfolgewerk von „White Noise/

White Lines“ (2019), ebenfalls auf dem von John Prine mitgegründeten Label Oh Boy Records erschienen, handelt in grundehrlichen Countrytiteln vom steinigen Weg zu Ruhm und Glück.

Waldon, in Kentucky geboren und aufgewachsen, heute in Tennessee zu Hause, nimmt in autobiografisch geprägten Songs über ihren Lebenstraum kein Blatt vor den Mund. Von den zu erbringenden Opfern auf der Ochsentour durch die Clubs („No Regular Dog“) und den Selbstzweifeln in Phasen, da man vom Pfad abkommt und das Ziel in weite Ferne rückt („Sweet Little Girl“), berichtet sie genauso eindrucksvoll wie vom erforderlichen Durchhaltewillen und der Befriedigung in Erfolgsmomenten („Tall And Mighty“).

Die reguläre Band der US-Amerikanerin und Aushilfen wie (Dobro-)Gitarrist Doug Pettibone (Keith Richards) und Fiddle-Spielerin Aubrey Richmond (Mark Chesnutt, Dwight Yoakam) haben für diese Schilderungen stets die richtigen Stilmittel gefunden. Mit Honkytonk-Sounds, Anleihen beim Seventies-Outlaw-Genre, wimmernden Pedal-Steel-Gitarren und Gospelchören illustrieren sie Waldons Selbstreflexion ganz wunderbar. Produzent Shooter Jennings, der schon bei Meisterwerken von Brandi Carlile, Tanya Tucker oder Avi Kaplan sein Gespür für authentische Künstler eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, irrt auch bei Kelsey Waldon nicht.

Harald Kepler

Rock/Gospel-Blues

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Tedeschi Trucks Band I Am The Moon (I bis IV) Universal

An Ehrgeiz mangelt es den Eheleuten, die mit ihrer Big Band letzthin Claptons „Layla“-Album konzertant (ein)spielten, definitiv nicht.

Mit knapp zwei Dutzend Songs legen sie auf gleich vier aufeinanderfolgenden CDs ein eigenes Opus magnum vor. Als literarische Inspiration diente auch allen Kompositionen beisteuernden Bandmitgliedern „Layla and Majnun“, ein 1192 veröffentlichtes episches (90-Seiten-)Poem eines persischen Dichters über einen arabischen Dichter des 7. Jahrhunderts und seine Geliebte.

Die Liebe mit all ihren Unwägbarkeiten sowie auch die Suche nach Spiritualität und Transzendenz bilden neben weiteren den lockeren Themenzyklus, der auf Teil 1 („Crescent“) beginnt mit „Here My Dear“, das wohl Anspielung auf Marvin Gayes Soulklassiker. Teil 2 („Ascension“) thematisiert in sieben Songs auch den Schmerz als Erfahrung, die Liebe bedeuten kann. Die folgenden Teile („The Fall“ und „Farewell“) variieren das Thema sehr locker.

Es gibt nicht den einen Autor bzw. Songwriter, der in den Kompositionen Reflexionen über die Liebe oder das zugrunde liegende Gedicht erzählerisch oder poetisch schlüssig entwickelt hätte.

Verbindungen zum inspirierenden, berühmten Poem zu finden, das fällt bisweilen recht schwer.

Musikalisch ist das Gesamtwerk ein Mix aus jubilierendem Gospelgesang und Soulelementen, Blues und Psychedelic-Exkursionen, Rock und ausufernder Jamsession, aus kollektivem Musizieren und zwischendurch virtuos abhebenden Soloeinlagen. Ein kurzes Delta-Blues-Intermezzo wie „So Long Savior“ kann man mitunter musikalisch aufregender finden als die oft ziemlich ungebremste Lust an Improvisation.

Franz Schöler

Progressive-Rock

Musik ★★

Klang ★★★★

HD LP SACD

Alan Parsons From The New World Frontiers Music

Vor 50 Jahren war Alan Parsons ein wegweisender Toningenieur/Produzent mit innovativen Einfällen. Inzwischen kopiert er sich meistens nur noch selbst. Schwache Songs wie „You Are The Light“ und „Halos“ wiederholen altbekannte Parsons-Muster, das Remake des Ronettes-Hits „Be My Baby“ kann dem Original nichts Neues hinzufügen, und die schwülstige Umsetzung des Largo-Satzes aus Dvořáks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ ist kaum zu ertragen. Zu den wenigen Lichtblicken zählen die hübschen Balladen „Don’t Fade Now“ und „Obstacles“ sowie die erfrischenden Gastparts von Gitarrengroßmeister Joe Bonamassa.

Harald Kepler

Indie-Pop

Musik ★★★

Klang ★★★

LP

Asger Techau Levels Crocodile Tears

Hin und wieder sind Drummer die besten Songwriter, siehe Don Henley von den Eagles. Asger Techau war Schlagzeuger der hochgeschätzten dänischen Postrock-Truppe Kashmir, und mit „Levels“ ist er beim mittlerweile dritten Soloalbum angelangt. Dass ihm der Beat wichtig ist, betont er zwar mit stark nach vorn gemixten Drums, krummen Taktarten und wirbelnden Fills; dennoch steht das melancholische Songwriting im Vordergrund.

Mit Piano, Synthies, Gitarren und Streichern gelingt ihm flirrender, sehr melodischer und atmosphärischer Indie-Pop. Sein Gesang, obwohl mitunter etwas farblos, geht absolut okay.

Peter Bickel

Rock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

David Paich Forgotten Days The Players Club

Er hat’s noch drauf. Selbst nach über 2.000 Tonträgern, an denen er als Sideman mitwirkte, ist die Flamme des Songschöpfers und Sounddesigners in David Paich noch nicht erloschen. Für „Forgotten Days“ hat er Musikskizzen, die er seit Jahren mit sich herumtrug, ausgearbeitet. Und obwohl Songs wie „willibelongtoyou“ und „Spirit Of The Moonrise“ stark vom Mainstream-Rock der Achtziger geprägt sind, kommt nie der Verdacht der Rückständigkeit auf. Mit Gästen wie Michael McDonald, Steve Lukather und Stones-Schlagzeuger Steve Jordan lässt der Toto-Keyboarder alles taufrisch und hochlebendig klingen.

Harald Kepler

Weltmusik

Musik ★★★★★

Klang ★★★

HD LP

Anoushka Shankar Between Us... Leiter

Asien trifft Europa: Auf „Between Us…“ kommt es zur fruchtbaren Begegnung von indischer Hochkultur und westlicher Orchestertradition. Sitarspielerin Anoushka Shankar, ihr Langzeitgefährte Manu Delago am Percussioninstrument Hang und das renommierte Metropole Orkest loten in diesem fabelhaften Live-Mitschnitt von 2018 Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen ihren Welten aus. In Stücken von Shankars Studioalben und dem bislang unveröffentlichten „Jannah“ kommt es zum Dialog auf Augenhöhe, und ein ums andere Mal werden dabei funkensprühend Synergien freigesetzt. Absolut fantastisch!

Harald Kepler

Funk

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Ben Harper Bloodline Maintenance Pias

Eigentlich hat sich Ben Harper als Gitarrist einen Namen gemacht.

Nach dem Tod seines langjährigen Bassisten Juan Nelson entschied sich der Amerikaner aber, viele Stücke am Bass zu komponieren. Das Ergebnis ist beeindruckend. Wenn der Musiker in „We Need To Talk About It“ die Wunden der Sklaverei offenlegt, entfaltet sich ein Rockriff über funkigen Rhythmen. Gospelsängerinnen verstärken den Gesang.

Mit „Problem Child“ reflektiert sich Ben Harper zu bluesigen Klängen selbst, während das Saxofon einen Ausflug in jazzige Gefilde riskiert. Wo nimmt dieser Mann bloß seine endlose Inspiration her?

Dagmar Leischow

Indie-Rock

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Dawes Misadventures Of Doomscroller Rounder

Die Dawes haben sich schon vor längerem auf Pechvögel in Liebe und Leben spezialisiert. Auch die Songfiguren des achten Studioalbums müssen so manches Missgeschick aushalten – und versuchen doch stets, ein Zipfelchen Glück zu erhaschen. Ihren minimalistisch-knappen Ohrwurmrock tauscht die Band überraschend gegen ausgetüftelte, ellenlange Songs mit ausgedehnten Soli, Instrumental-Intermezzi sowie kontrastierenden Einschüben ein. Produzent Jonathan Wilson (Father John Misty, Angel Olsen) hat die vielen Neuerungen zu einem geschlossenen Gesamtklang zusammengefügt.

Harald Kepler

Psychedelic-Rock

Musik ★★★

Klang ★★

LP

Ghost Woman Ghost Woman Full Time Hobby

Die Twang-Gitarre lässt einen mit ihren Tremolo- und Wah-Wah-Klängen sofort an die späten 60er- und frühen 70er-Jahre denken; der stark verhallte Gesang und das Schepperschlagzeug erinnern ebenfalls an diese Ära. Es ist nicht zu überhören, dass Ghost Woman eine Vorliebe für die psychedelische Musik von damals hat. Auf dem gelungenen Debüt eifert das Quartett aus Alberta dem Krautrock von Can und Amon Düül ebenso nach wie dem Jingle-Jangle-Beat der Byrds. Bei allen Parallelen sind Evan Uschenko & Co. freilich selbstständig genug, um dem Vorwurf der Raubkopie jederzeit zu entgehen – ein Heidenspaß.

Harald Kepler

Pop/Brit-Pop

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Gilbert O‘Sullivan Driven Atlantic

Der „Alone Again (Naturally)“-Troubadour schüttelt auf Langspiel-Opus 22 ein paar unzeitgemäße Ohrwürmer aus dem Ärmel.

Auf seinem letzten von Ethan Johns vor vier Jahren produzierten Album war das die passend mit melancholischen Streichern arrangierte Pianoballade „I’ll Never Love Again“.

Eine nicht minder gelungene Variation des Themas ist diesmal „If Only Love Had Ears“. Seine ungeniert sentimentale Ballade ist „You And Me Babe“. Mit „Blue Anchor Away“ und dem Finale „Don’t Get Under Each Other’s Skin“ erinnert er an sein immerwährendes Faible für Englands große Music-Hall-Vergangenheit.

Franz Schöler

Bluesrock

Musik ★★★

Klang ★★★

LP

Grant Haua Ora Blues At The Chapel DixieFrog Live Series

… und noch ein Musiker, der im Lockdown neue Einnahmequellen erschließen musste: „Sitting on your arse isn’t going to pay the bills“, merkte Grant Haua aus Neuseeland dazu lapidar an und spielte wegen abgesagter Tourneen eine temperamentvolle Live-Platte in der Dorfkapelle von Tauranga ein.

Vor einem kleinen Kreis Ortsansässiger nahm er 13 seiner Songs in mitreißenden Bühnenfassungen auf. „Balladeer“ von seiner früheren Formation Swamp Thing, der einem verstorbenen Kollegen gewidmete „Song For Speedy“ usw. weisen den Maori einmal mehr als wichtigen Vertreter des sogenannten Kiwi-Blues aus.

Harald Kepler

Nu-Metal

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Grey Daze The Phoenix Loma Vista

Grey Daze war die erste Band des 2017 verstorbenen Linkin-Park-Shouters Chester Bennington, der sie 1998 verließ. Während Linkin Park durch die Decke ging, blieb jene erste Band eher glücklos – wobei er eigentlich vorhatte, sie wiederzubeleben. Bereits 2020 veröffentlichte Grey Daze mit „Amends“ Songs, bei denen alte Gesangstracks mit neu aufgenommenen Tracks kombiniert wurden; „The Phoenix“ setzt dieses Rezept stimmig fort.

Auch wenn die dem Nährboden von Grunge und Nu-Metal entstiegenen Gitarren ein hartes Brett liefern, getragen wird der Sound von Benningtons alten, teils grandiosen Vocals.

Peter Bickel

Pop

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Jack Johnson Meet The Moonlight Universal

Auch wenn sich Jack Johnson mit seinem neuen Album fünf Jahre Zeit gelassen hat, ist der Singer-Songwriter aus Hawaii sich musikalisch absolut treu geblieben:

Mit den entspannten Popsongs des Umweltschützers kann man ganz wunderbar herunterfahren, und sie beschwören automatisch ein Gefühl von Sommer, Sonne, Strand und Meer herauf. Das ist vor allem der akustischen Gitarre geschuldet, die der 47-Jährige zuweilen gegen die Ukulele austauscht. Dezente Keyboardklänge bringen ein bisschen Abwechslung ins Spiel – ohne jegliche Effekthascherei. Bei Jack Johnson gilt nach wie vor: Weniger ist mehr.

Dagmar Leischow

Folk

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Joan Shelley The Spur No Quarter

Das von Leonard Cohens letztem Album inspirierte, demonstrativ optimistisch lebensbejahende „When The Light Is Dying“ ist charakteristisch für die introvertierte Poesie dieses Songzyklus von Joan Shelley. Weithin während ihrer Schwangerschaft komponiert und bei den Aufnahmen daheim von Ehemann Nathan Salsburg an der Gitarre begleitet, bestätigt „The Spur“ ihre Klasse. James Elkington hat das sehr einfühlsam mit Cello, Dobro, Keyboards, Bläsern und Kontrabass postproduziert. „Just admit that you’re lonely / And just hold on to me“ sind die letzten Verse von „Completely“, unendlich zärtlich gesungen.

Franz Schöler

Electric-Blues

Musik ★★★

Klang ★★

HD LP

Hank Williams Jr. Rich White Honkey Blues Easy Eye Sound

Eigentlich kennt man den Sohn des legendären Hank Williams als Countrymusiker. Williams Jr., dessen Leben von Schicksalsschlägen gekennzeichnet ist und der sich stets vom übermächtigen Schatten des Vaters zu befreien suchte, hat sich nun ganz dem Country-Blues verschrieben. Er bezieht sich auf Robert Johnson oder Big Joe Turner, aber auch auf Blues-Nachfolger wie R. L. Burnside, T-Model Ford oder Junior Kimbrough – deren Musiker wiederum in Williams’ Band spielen. Das tönt widerborstig und roh – in seiner musikalischen Attitüde und ruppigen Spielweise ebenso wie im „rustikalen“ Klangbild.

Peter Bickel

Rock

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Jeff Beck/Johnny Depp 18 Warner

Für dieses Album haben sich Gitarrenlegende Jeff Beck und Hollywoodstar Johnny Depp zusammengetan. Der Schauspieler spielt normalerweise bei den Hollywood Vampires Gitarre. Wenn er an der Seite von Jeff Beck primär Coversongs singt, kristallisiert sich rasch heraus, dass er nicht die größte Stimme hat. Bei „Death And Resurrection Show“, im Original von Killing Joke, kann sie sich nicht so recht gegen die aufgepeitschten Gitarrenriffs behaupten. Besser entfaltet sich Depps Gesang in seiner Eigenkomposition „This Is A Song For Miss Hedy Lamarr“, zu der Beck sphärische Gitarrenklänge beisteuert.

Dagmar Leischow

Weltmusik

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD

Jochen Roß Tides Housemaster

Die Vielfalt von „Tides“ ist schwer zu fassen und noch schwerer auf einen Nenner zu bringen. Stilistisch springt das Werk zwischen Weltmusik, Barock, heutiger Klassik, Modern-Jazz und Rockigem munter hin und her; Akustisches steht einträchtig neben Stromverstärktem, Handgemachtes passt ausgezeichnet zu programmierter Elektronik. Bravourös zusammengehalten wird all dies von der Entdeckerlust und dem Virtuosentum des Jochen Roß. Unbefangen und stets neugierig erkundet der Mandolinist aus Hamburg Werke von J. S. Bach und Arvo Pärt, Traditionals und Eigenes. Macht Spaß, ihn dabei zu begleiten!

Harald Kepler

Folk-Rock/Soul

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Jonathan Jeremiah Horsepower For The Streets Pias

Auch auf Longplayer Numero fünf funktioniert Jonathan Jeremiahs patentierter Personalstil wieder einmal bestens. Dieser besteht immer noch aus handgemachtem Seventies-Folkrock, souligem Gesang und Streichersätzen in der Nachfolge von Filmkomponist Lalo Schifrin. Letztere wurden von der Amsterdam Sinfonietta eingespielt, die unlängst ja auch bereits Rufus Wainwright begleitete. Dazu singt der Londoner engagiert von den turbulenten Zeiten, durch die wir alle gerade gehen (im Titellied), und den kleinen Freuden, die uns immerhin für einige Momente der Dunkelheit entreißen („Small Mercies“).

Harald Kepler

Art-Folk/Indie-Pop

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Katy J Pearson Sound Of The Morning Heavenly

Man kann diese Stimme, von der Londoner „Times“ für ihre „arresting quality of Kate Bush-meets-Dolly Parton vocal delivery“ gelobt, auch als gewöhnungsbedürftig empfinden. Wie soll man ihr nicht glauben, wenn und wie sie in „Howl“ in den oberen Registern ihres Soprans singt: „Cus you make me howl / Like wolves on the moor“? Unter den vielen in der ersten Person vorgetragenen Bekenntnissen – Spagat zwischen Art-Folk, Elektronik-Pop und Indie-Poprock – ist „Alligator“ mit den Versen „Alligator snapped me up again / Giant tarantula crawling down my leg“ eine Ausnahme, Abstecher in Fantasie und Traum.

Franz Schöler

Electro-Pop

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Maggie Rogers Surrender Universal

Als Maggie Rogers 2019 ihr Debütalbum veröffentlichte, wollte sie auf keinen Fall sexualisiert werden. Nun hat die Amerikanerin allerdings keine Scheu mehr, über Sex zu sprechen. In „Want Want“ thematisiert sie hemmungslos ihr Begehren. Ein Trommelwirbel leitet dieses Lied ein, weiter geht es mit verzerrten Beats. Offensichtlich liebt die 28-Jährige immer noch Elektro-Indie-Pop. Bei „I’ve Got A Friend“ drosselt sie dennoch das Tempo und packt als Singer-Songwriterin die akustische Gitarre aus. Egal, welche Richtung Maggie Rogers einschlägt, sie hält die Qualität ihrer Musik unverändert hoch.

Dagmar Leischow

Classic-Rock

Musik ★★★

Klang ★★

LP

Journey Freedom Frontiers

Elf Jahre hat sich Journey seit „Eclipse“ Zeit gelassen. Umso erfreuter werden die Fans „Freedom“ aufnehmen, zumal das Spätwerk alle Markenzeichen der Arena-Rock-Veteranen versammelt.

Wer auf Songspektakel im monumentalen Maßstab und gigantische Klangtürme, auf Mitsingmelodien und Balladen von epischer Größe steht, wird zuvorkommend bedient.

Bei Journey darf immer noch alles ein paar Nummern größer sein.

Kehrseite: Musikdetails sind beim besten Willen nicht auszumachen, sie versinken ein ums andere Mal ungehört im Bombast der verwaschenen Kathedralenproduktion.

Harald Kepler

Tribute

Musik ★★★

Klang ★★★★

Lars Duppler/Robert Summerfield Joni Herzog

Eine zauberhafte Hommage an Joni Mitchell! Robert Summerfield und Partner Lars Duppler ehren die Kanadierin in liebevollen Jazzpop-Bearbeitungen von Klassikern wie „Blue“, „Both Sides Now“, „Amelia“ und „A Case Of You“.

Die bieten der studierte Jazzsänger und sein Klavierbegleiter im betont leisen, reduzierten, intimen Sound dar. Sie geben den Songs Raum, lassen ihnen Zeit, ihre tiefsinnige Schönheit zu entfalten, und dringen so zum Kern vor. In drei Titeln umrankt Denis Gäbel (hr-Bigband, Hannah Köpf) das Duo mit auflockernden Improvisationen am Sopransaxofon.

Harald Kepler

Brit-Pop

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Martin Courtney Magic Sign Domino

Der ziemlich komplett aus der Zeit gefallene Gitarren-Poprock der Soloplatten von Martin Courtney erinnert immer wieder mal an berühmte Vorbilder von The Association und Emitt Rhodes bis Big Star. Mit sich selber öfter im Duett und Terzett aufgenommen, schwelgt er gern in gefälligen Melodien, die Stimmen öfter verhallt und nicht so prononciert aufgenommen wie die der immer durchschimmernden Vokalensembles der 1960er-Jahre.

Manchmal geht er auch auf seinen eigenen Dreampop-Trip, aber auch dabei kaum psychedelisch ausschweifend. Das jederzeit im Mix dominante Schlagzeug bürgt für Bodenständigkeit.

Franz Schöler

Rock

Musik ★★

Klang ★★★

Neil Young & Crazy Horse Toast Reprise

Diese sieben nach „Silver And Gold“ in den Toast-Studios in San Francisco aufgenommenen Songs wanderten umgehend ins Archiv.

Vier tauchten auf dem mediokren „Are You Passionate?“ auf. Mit diesen vier hier ebenfalls erstmals im Original veröffentlicht, ist das epische „Gateway Of Love“ („I’m just a dusty soul with nothing much to say“) von Bootlegs bekannt, das Gitarrenintro zu „Standing In The Light Of Love“ ein Déjà-vu-Erlebnis für Deep-Purple-Fans und der generische Midtempo-Rocker „Timberline“ absolut nicht in derselben Klasse wie Emmylou Harris’ wunderbarer Countrysong des selben Titels.

Franz Schöler

Pop/Avantgarde

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Perfume Genius Ugly Season Matador

Wie schon „Set My Heart On Fire“ inspiriert von der Arbeit mit Ballett-Choreografin Kate Wallis, sind auch diese zehn für das Bühnenstück „The Sun Stills Burns Here“ geschriebenen Kompositionen weniger Songs denn noch mehr experimentelles, Stimmungen evozierendes Mash-up aus Synthie-, Psychedelic-, Dream- und Art-Pop-Elementen. Auch „Pop Song“ ist nicht das, was man gewöhnlich unter einem solchen versteht, die Pianoimprovisation „Scherzo“ formal nicht, was man unter dem Begriff kennt. Aber mitsamt seinen Avantgarde-Ambitionen ohne Bühnenbezug sogar Easy-Listening pur!

Franz Schöler

Reggae

Musik ★★★

Klang ★★★

HD LP

UB40 feat. Ali Campbell & Astro Unprecedented Universal

Die britische Mainstream-Reggae-Band um Sänger Ali Campbell stammt aus einer Zeit, als man sich nach heißen Sommern sehnte und Bacardi ein angesagtes Getränk war. Obwohl ihre erfolgreichste Phase so lange zurückliegt, veröffentlicht die Combo kontinuierlich Alben: „Unprecedented“ widmet sie dem 2021 verstorbenen Gründungsmitglied Terence „Astro“ Wilson und beweist eindrucksvoll, dass sie karibische Reggae-Vibes immer noch verführerisch mit Popmelodien kombinieren kann. Ein Chartbreaker findet sich nicht, außer vielleicht das Cover von Bill Withers’ „Lean On Me“.

Peter Bickel

Pop/Progressive-Pop

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Paolo Nutini Last Night In The Bittersweet Atlantic

Mit „Caustic Love“ hatte der schottische Troubadour den Meister in Sachen Soul gemacht. Das Patricia-Arquette-Sample „You’re so cool“ aus dem Film „True Romance“ bei „Afterneath“ signalisiert diesmal:

Hier outet er sich nicht nur in den Balladen als heilloser Romantiker.

Manchmal schwelgt er förmlich in der eigenen Verliebtheit („Petrified In Love“), in „Children Of The Stars“ die Liebste anhimmelnd: „In your opium apparition / You’re a muse, goddess, you’re a beacon divine“. In diesen Songs ist Liebe auch Aufruhr, Chaos und Verzweiflung – im finalen „Writer“ nur mehr Erinnerung.

Franz Schöler

Rock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

LP

The Sadies Colder Streams Yep Roc

Als Gitarrist Dallas Frazier kurz nach der Veröffentlichung von „Northern Passages“ (2017) mit gerade mal 48 starb, war das eine harte Zäsur. Thematisiert wird das ausdrücklich in „Stop And Start“, dem ersten Song von „Colder Streams“. In die Texte ihrer höchst melodischen, auch mal an Byrds, Country und Psychedelic-Rock der 60er- und 70er-Jahre erinnernden Songs schmuggeln sie auch mal unverblümte Kritik an aktuellem Zeitgeist ein („In this day and age, rage has become all the rage“). Mit „Better Yet“ und „Ginger Moon“ dokumentiert man ohne Reue notorisches Faible für gepflegten Garagenrock.

Franz Schöler

Bluesrock

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Walter Trout Ride Provogue

Während des Corona-Lockdowns muss sich Walter Trout wie ein wilder Hengst vorgekommen sein, den man zu lange im Stall einsperrt: 16

Monate war er zum Nichtstun verurteilt. „Ride“ ist nun „ein Schnappschuss davon, wie ich mich während der Pandemie gefühlt habe“ (O-Ton). Auf dem 30. Album kann der US-Gitarrist der angestauten Energie endlich freie Bahn lassen, und wie entfesselt lässt er trotz gebrochenen kleinen Fingers die Saiten knarzen und aufheulen und schreit sich dazu in Songs über die Tiefpunkte seines Lebens die Seele aus dem Leib. Der 71-jährige Power-Bluesrocker noch einmal in Topform.

Harald Kepler