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POP NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 07.09.2022

CD DES MONATS

Singer-Songwriter

Artikelbild für den Artikel "POP NEUES AUS DER MUSIKWELT" aus der Ausgabe 10/2022 von Stereo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Stereo, Ausgabe 10/2022

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Madison Cunningham Revealer Verve Forecast

Sängerin mit Gänsehautstimme, fantasievolle Gitarrenvirtuosin, Schöpferin von Ohrwurmmelodien, intelligente Texterin. Madison Cunningham ist gleich mit mehreren Talenten gesegnet, und auf dem großartigen dritten Soloalbum sind sie alle in schönster Pracht erblüht. Stilistisch ist die Kalifornierin nach wie vor schwer zu fassen, denn dazu sind ihre Interessen zu vielfältig.

„Revealer“ (Offenbarer) klingt trotzdem wie aus einem Guss, denn Cunningham versteht es hervorragend, Westcoast-Folkrock, Rock mit Breitseiten-Gitarrenfeuer („Hospital“), Jazz mit vertrackten Harmonien und ungeraden Metren, Beatleskes („Sara And The Silent Crowd“), Experimentelles à la Robert Fripp („Your Hate Could Power A Train“) und arabisch Anmutendes („Collider Particles“) mit ihrer Künstlerstatur zusammenzuhalten. Kräftige ...

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... Unterstützung erfuhr die 26-Jährige bei alledem von ihrem langjährigen Vertrauten Tyler Chester sowie den Produzenten Mike Elizondo (Carrie Underwood, Fiona Apple) und Tucker Martine (Neko Case).

Im Verlauf des Songschreibens durchlebte Cunningham eine schwere persönliche Krise, es ging ihr seelisch richtig schlecht, sie hatte den Überblick übers eigene Leben verloren. In den hemmungslos offenen Lyrics versucht sie, sich darüber im Klaren zu werden, wo ihr Platz in der Welt ist. In einem harten Prozess findet sie letztendlich aus ihren inneren Widersprüchen und der erlittenen Verzweiflung heraus. „Revealer“ ist das beeindruckende Dokument dieser eigenen Neuverortung und nicht zuletzt wegen des dabei gezeigten Mutes schon jetzt eines der vielleicht besten Alben des Jahres 2022.

Harald Kepler

New-Orleans-Blues

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Dr. John Things Happen That Way Rounder

Ein Album des New-Orleans-Urgesteins kommt im besten Fall einer Naturgewalt gleich: Oft atmet sein Jazz-Blues-Rock den Voodoo-Zauber seiner Heimatstadt – so auch bei „Things Happen That Way“, das leider sein letztes Studioalbum bleiben wird. 2019 verstarb Dr. John, der mit Kollegen wie Frank Zappa, den Rolling Stones, Phil Spector, Sam Cooke, Aretha Franklin oder Eric Clapton spielte, während der Aufnahmen an einem Herzinfarkt.

Tochter Karla R. Pratt sowie Gitarrist Shane Teriot halfen schließlich, das Album fertigzustellen, mit dem sich Malcolm „Mac“ John Rebennack Jr. aka Dr. John ein paar Grad dem Country zuwendet. So tunkt er etwa Willie Nelsons „Funny How Time Slips Away“ tief in den New-Orleans-Blues, während Nelson himself beim Traditional „Gimme That Old Religion“ mit ans Mikrofon tritt. Nelsons Sohn wiederum, Country-Rocker Lukas Nelson, assistiert samt seiner Band Promise Of The Real, um Rebennacks „I Walk On Guided Splinters“ noch geisterhafter auszugestalten als das 1968er-Original. Auch den Pophit „End Of The Line“ der Travelling Wilburys verlangsamt „Mac“ und überzieht ihn mit einer Gänsehautglasur, zu der Engelsstimme Aaron Neville und Katie Pruitt ihren Teil beitragen.

Eigentlich ist das Album aber eine tiefe Verneigung vor Hank Williams. Aus dessen Feder interpretiert er „Ramblin’ Man“ im Voodoo-Style und „I’m So Lonesome I Could Cry“ in einer Fassung, die Johnny Cashs Version auf die Spitze treibt. Auch seine eigenen Songs fallen grandios aus, etwa der Slow-Funk „Holy Water“. Das Album ist ein würdiges Ausrufezeichen unter ein fast 80-jähriges Leben.

Peter Bickel

Singer-Songwriter

Musik ★★★★

Klang ★★★★

Loudon Wainwright III Lifetime Achievement Proper

Rückblick auf sein Leben war nicht erst vor zehn Jahren „Older Than My Old Man Now“. Als solchen betrachtete Loudon Wainwright sein Werk schon seit der ersten LP und dem ersten Song „School Days“ mit den Versen „In Delaware when I was younger / Iwould live the life obscene“! Das mit dem „obszön“ nimmt niemand ernst, der seine mehr als zwei Dutzend Langspielplatten seither kennt. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung mischen sich in den neuen Songs wider wie in der gleichnamigen Komödie von Christian Dietrich Grabbe. Einmal mehr stellt sich die Frage, ob er dessen Nihilismus teilt oder sich hinter der Fassade ein Humanist (und manchmal auch sentimentaler Hund) verbirgt.

Sentimental bekennt Wainwright im Titelsong, als größte Errungenschaft betrachte er, die Liebe seiner Angebeteten „gewonnen“ zu haben. In „One Wish“ listet er a capella alle Wünsche auf, die man im Leben frei haben sollte. In „Fam Vac“ mag er sich nicht verkneifen, zur Unterstützung seiner These Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ mit dem Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ zu zitieren – ganz konträr zur Utopie „Island“, die er als das Hohelied auf die Familie vorträgt.

Ziemlich frivol reimt er in „I Been“ das Geständnis „I’m fussin’ and frettin’“ mit dem Bekenntnis „I’m underpants wettin’“. Völlig ironiefrei sinniert er in „How Old Is 75?“ auch darüber, dass man mit Gott keine Verträge abschließen kann, sich danach in „Fun & Free“ in der Illusion wiegend, er mähe seinen Rasen noch genauso wie mit 14 Jahren. Betörendstes Stück überhaupt ist das Liebeslied „It Takes 2“ mit seinem hinreißend begleitenden Akkordeon.

Franz Schöler

★★★★★ herausragend | ★★★★ sehr gut | ★★★ solide | ★★ zwiespältig | ★ schlecht

Indie-Rock

Musik ★★★

Klang ★★

LP

A. A. Williams As The Moon Rests Bella Union

Wie schon beim Debüt „Forever Blue“ (2020) kämpft A. A. Williams auch auf dem aufreibenden Nachfolger wieder mit den Dämonen in ihrem Inneren. Voller Selbstzweifel wirft sie in Songdramen der düsteren Art existenzielle Fragen nach der eigenen Identität, dem richtigen Lebensweg und einem schonenderen Umgang mit sich selbst auf. Die Musik der Londonerin ist gekennzeichnet vom Kontrast zwischen sanften Streichern und widerborstigen Fuzzgitarren. Immer wieder springt sie aus Momenten der Stille abrupt in Klangeruptionen – eine echte Herausforderung für den Zuhörer, dieses Wechselbad derGefühle.

Harald Kepler

Folk

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Arny Margret They Only Talk About The Weather One Little Independent Rec.

Dass jemand, der in den abgelegenen, dünn besiedelten Westfjorden auf Island aufwächst, ein Grundgefühl der Isolation entwickelt, ist leicht zu verstehen. Es verwundert auch nicht, dass Arny Margret zu Songs über Einsamkeit und die Sehnsucht nach menschlicher Nähe neigt. Zum intimen Neo-Folk ihrer Akustikgitarre singt die 20-jährige Newcomerin oft vom Wetter und den Landschaften der Heimat – was bei ihr zur Metapher für seelische Zustände wird. All das bietet sie mit ihrer wundervollen Stimme so ehrlich dar, dass man von dem Prachtdebüt einfach nicht genug bekommen kann.

Harald Kepler

Experimental

Musik ★★★

Klang ★★★

HD LP

Black Midi H ellfireRough Trade

Das britische Trio widersetzt sich standhaft einer Einordnung in ein bestimmtes Genre. Das kakofonische „Höllenfeuer“ ihres dritten Albums erinnert an King Crimson, Scott Walker, Frank Zappa, Frank Sinatra, Captain Beefheart und das Mahavishnu Orchestra – und zwar gleichzeitig! Ihr hochkomplexer Progrock-meets-Fusion-Free-Jazzmeets-Musical-meets-Math-Metal (bitte selbst ergänzen) zeugt von furioser Fantasie und einer fast schon absurden Lust an musikalischen Extremen. Man braucht zwar keinen Hochschulabschluss für diese Musik, aber einen wachen Geist ohne Scheu vor verschlungensten Wegen. Peter Bickel

Pop

Musik ★★★

Klang ★★★

HD LP

Alphaville Eternally Yours Neue Meister (2 CDs)

Die Band gehört zu den großen deutschen (Synth-)Pop-Exporten, ohne die die Achtzigerjahre musikalisch kaum vorstellbar sind. Songs wie „Forever Young“ oder „Big In Japan“ hat jeder im Ohr (ob er will oder nicht). Jetzt hat die Band um Frontmann Marian Gold 23 ihrer größten Songs aus 40 Jahren mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg neu eingespielt. Dabei ist das Kunststück gelungen, den Songs sowohl neue Qualitäten abzugewinnen als auch das bekannte Klangbild entstehen zu lassen. „Eternally Yours“ ist ein Experiment voller Überraschungen, das sicher nicht neuartig, aber durchaus reizvoll ist.

Ingo Baron

Dance

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Beyoncé Renaissance Sony

Nicht ohne Grund imitiert Beyoncé auf dem Albumcover Bianca Jagger, die einst durchs „Studio 54“ geritten ist. Ein Song wie „Virgos Groove“ hätte sich mit seinen Discorhythmen in diesem legendären New Yorker Club ganz hervorragend gemacht. Diesmal verschreibt sich Queen B. nämlich mit Leib und Seele der Dance-Musik. Bei „Cuff It“ regiert P-Funk. „Move“ saugt karibische Einflüsse auf. „Church Girl“ bringt Gospelanleihen mit Bounce-Elementen in Einklang. All das lehnt sich musikalisch eng an den Mainstream an – ohne dabei aber seine Klasse zu verlieren. Beyoncé versteht eben ihr Handwerk. Hut ab!

Dagmar Leischow

Bluesrock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Bywater Call Remain Gypsy Soul

Auch das zweite Album des kanadischen Bluesrock-Septetts gibt Vollgas. Schmirgelnde Slide-Gitarren reiben sich an der schnurrenden Hammond-Orgel, während Meghan Parnell kreischt, faucht und jubiliert, dass das Southern-Rock-Herz gleich mehrere Hüpfer macht. Bywater Call fühlt sich wohl in der Rock-Blues-Soul-Nachbarschaft von Marcus King, Free/Bad Company, der Allman Brothers und der Tedeschi Trucks Band. Soli bleiben die Ausnahme, und wenn, dann sind sie nur kurz und geprägt von Understatement. Das gesamte Treiben ist darauf ausgerichtet, dass Parnells Stimme leuchten kann – und das tut sie!

Peter Bickel

Alle Alben sind als CD und Download erhältlich. Weitere Medien kennzeichnen wir wie folgt: LP Vinyl HD HD-Download SACD SACD

Weltmusik

Musik ★★★

Klang ★★★

Cantodiscanto Pandemusica Visage Music

Im Mittelpunkt ihrer Klangwelt steht immer noch die Folklore Italiens, vor allem Volkslieder aus Neapel, wo Cantodiscanto 1983 gegründet wurde, haben tiefe Spuren hinterlassen. Daneben streckt die Gruppe auf der vielfarbigen Platte „Pandemusica“ ihre Fühler jedoch auch in den gesamten Mittelmeerraum und sogar bis nach Lateinamerika aus. Die Einflüsse reichen von arabischem Oud-Saitenspiel („Dahiya“) über portugiesischen Fado („Transeuntes Eternos“) bis zu Rhythmen aus Brasilien („Malutiempo“). Gäste, die im Corona-Lockdown nicht anreisen konnten, trugen ihre Studioparts aus der Ferne bei.

Harald Kepler

Electronica

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Carl Cox Electronic Generations BMG Rights Management (2 CDs)

Selbst nach 30 Jahren im Plattengeschäft hat Carl Cox von seiner Hingabe, der Neugier auf neue Trends sowie der eigenen Innovationskraft nichts eingebüßt. Auf dem fast zweistündigen Doppelalbum „Electronic Generations“ begeistert der „beste DJ der Welt“ (DJ Mag) mit topmodernen, tanzanregenden Sounds zwischen Acid, House und Techno. Scheinbar endlos wiederholte Beats entfalten bei ihm eine hypnotische Sogwirkung, und Monotonie schlägt in Trance um. Als Anspieltipp empfehlen sich „Speed Trials On Acid“ mit Fatboy Slim und das mit DJane Nicole Moudaber gefertigte „How It Makes You Feel“.

Harald Kepler

Neue Volksmusik

Musik ★★★★

Klang ★★★

Cathrin Pfeifer Quantuum Mobilé Cathrin Pfeifer

Lange hing dem Akkordeon der Ruf der Angestaubtheit an. Als „Quetschkommode“ und „Schifferklavier“ wurde es mit Matrosen, Clochards und Alleinunterhaltern auf Dorffesten assoziiert. Cathrin Pfeifer gehört zur jungen Musikergeneration, die das Handzuginstrument vom Negativimage befreien will. Auf dem neuen Album gelingt ihr das mit der Eroberung neuer Klangwelten einmal mehr vorzüglich: In ihren Stimmungsbildern, die Jazziges, globale Folklore, Ambient, Klassik, Minimal Music und so manches mehr einbinden, wird das 200 Jahre alte Akkordeon rehabilitiert. Bei ihr tönt es frisch und modern.

Harald Kepler

New Age

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Daniel Lanois Player, Piano BMG

Wer die neue Platte von Daniel Lanois hört, kommt erst mal ins Staunen: Ein Klavieralbum ist schließlich nicht unbedingt das, was man von dem kanadischen Starproduzenten erwartet hätte. Mit seinen Chillout-Tracks, die zeitweilig in Richtung Ambient abdriften, ließe sich ganz formidabel eine Reise durchs Weltall in einem Planetarium untermalen. In „Puebla“ zollt Daniel Lanois der mexikanischen Stadt mit puristischen Klängen Tribut. Bei „Eau“ glaubt man das Wasser plätschern zu hören. Dabei wird auf jeden Fall ein Kopfkino in Gang gesetzt. Das ist Musik zum Wegträumen in eine schöne, heile Welt.

Dagmar Leischow

Psychedelia

Musik ★★★

Klang ★★★

Jeff Cotton The Fantasy Of Reality Madfish/Snapper

Nach dem Ausstieg von Ry Cooder bis 1970 Gitarrist in der ersten Magic Band von Captain Beefheart unter dem Künstler-Nom-de-plume Antennae Jimmy Semens, zelebriert Jeffrey Ralph Cotton nach fünf Jahrzehnten sein Comeback als professioneller Musiker. Musikalisch ist das ein Spagat zwischen der Neo-Artfolk-Schule der neuen Generation junger Gitarrenvirtuosen und der Blues-Psychedelia seiner Jugend. Auch eine spirituelle Suche nach dem Schlüssel zur Ewigkeit, den um das Schicksal des Planeten bangenden Hippie und den altersweise gewordenen religiösen Prediger mag er nicht verleugnen.

Franz Schöler

Singer-Songwriter

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Lissie Carving Canyons Lionboy Records

Große Songs entstehen oft aus sehr schmerzhaften Erfahrungen. Im Fall der amerikanischen Singer-Songwriterin Lissie war es nicht nur die Pandemie, sondern auch eine persönliche Trennung. All diese Einschnitte hat sie in die zwölf intensiven Songs von „Carving Canyons“ gegossen. Dazu kommt eine unabhängige Produktion über ihr eigenes Label, die den Songs ihren sehr subjektiven Duktus auch erlaubt. Sie schreibe nur, wenn sie kreativ aus allen Nähten platze, sagt Lissie – und das glaubt man ihr mit diesem emotional faszinierenden Album zwischen Alternative-Pop und Folk nur allzu gerne.

Ingo Baron

Singer-Songwriter

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD

Gretchen Peters The Show – Live From The UK Proper (2 CDs)

Nach ihrem phänomenalen Tribute-Album „The Night You Wrote That Song: The Songs Of Mickey Newbury“ ist der schon im Jahr zuvor mitgeschnittene Auftritt eine 18-Song-Retrospektive ihrer Karriere, angefangen von „The Secret of Life“ vom gleichnamigem Debüt bis zu neueren brillanten Kompositionen wie „Say Grace“ von „Dancing With The Beast“. Begleitet von einem „all-female Scottish string quartet“ und drei Kollegen an Piano, E-Gitarre und Kontrabass, konnte sie Dom Monks, eine Koryphäe im Tonmeistergewerbe, für Abmischung und Sounddesign gewinnen. So klingt’s auch!

Franz Schöler

Folk-Rock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

John Moreland Birds In The Ceiling Old Omens

Auf „Birds In The Ceiling“ erneuert John Moreland die Folkrock-Tradition mit topmodernen Klangideen aus dem Indie-Pop- und Elektronikbereich. Ohne Scheu bringt er mit programmierten Drumrhythmen, Sampling und Elektronikeffekten frischen Wind in das Genre. In herrlichen Titeln wie „Lion’s Den“ oder auch „Dim Little Light“ denkt der Musiker aus Tulsa über Entfremdung, fehlende menschliche Bindungen und unsere Verlorenheit im Universum nach. Befriedigende Antworten auf die uns umgebenden Rätsel hat Moreland keine, er stellt in Song-Selbstgesprächen aber kluge Fragen. Das ist schon viel.

Harald Kepler

Soul

Musik ★★★★

Klang ★★★

HD LP

Lizzo Special Warner

Melissa Jeffersons alias Lizzo hat eine beeindruckende Soulstimme. Die weiß die Amerikanerin auch auf ihrem neuen Album gewinnbringend einzusetzen – besonders beim melancholischen „Break Up Twice“, das mit Bläsern veredelt wird. Obwohl Lizzo mit Stücken wie „Special“ immer noch Body-Positivity hochhält, nähert sie sich musikalisch deutlich dem Mainstream an – mit Disconummern und teils eher konventionellen R 'n' B-und Hip-Hop-Beats. Gerade eine Ballade wie „Naked“, die ins Epische abdriftet, ist trotzdem unwiderstehlich. Da verzeiht man Lizzo sogar, dass sie das Wort „bitch“ inflationär nutzt.

Dagmar Leischow

Singer-Songwriter

Musik ★★★

Klang ★★★

HD LP

Marina Allen Centrifics Fire Records

Marina Allen lebt in Los Angeles und schreibt überaus reizvolle, träumerische Songs, die ein wenig an Joni Mitchell, noch mehr jedoch an Joanna Newsom (ohne Harfe) erinnern mögen. Dennoch macht Allen auf ihrem Debüt eine ganz eigene Sache daraus, was insbesondere an der schattierungsreichen, intensiven Stimme liegt. Dazu kommen sich dezent zurückhaltende, feine Instrumentierungen, die aus den Songmuscheln glänzende Perlen herausholen. „Centrifics“ gehört ohne Zweifel zu den Alben in diesem Genre, die zu entdecken sich lohnt, und Marina Allen ist ein Name, den man sich merken sollte.

Ingo Baron

Americana

Musik ★★★

Klang ★★★

Miraculous Mule Old Bones, New Fire Juke Joint 500 Records

Obwohl sie in London zu Hause sind und sich selbst „abtrünnige Katholiken, Agnostiker und Ungläubige“ nennen, lässt Miraculous Mule die tiefreligiöse und archaische Musiktradition der US-Südstaaten nicht los. Auch beim neuen Longplayer sind die Inspirationsquellen von Michael J. Sheehy und Co. im „Bible Belt“ zu finden. Aus dem Erbe bibelfester Gospelsongs, den Klageliedern der Feldarbeiter, Blues vom Mississippi-Delta, der Urform des Rock 'n' Roll und dem Field-Holler aneinandergeketteter Knastbrüder braut das Quartett seine eigene Musik: kraftvoll, spirituell und in jedem Ton glaubwürdig.

Harald Kepler

Rock

Musik ★★★

Klang ★★

HD LP

Neil Young + Promise of the Real Noise & Flowers Reprise

Die vielen Songs, die Neil Young mit Lukas Nelsons Band im Lauf der Europa-Tournee 2019 spielte, hätten eine Doppel-CD gefüllt. Für diesen mit 14 Mitschnitten die Spieldauer einer CD nicht sprengenden „digest“ wählte er nur wenige seltener musizierte Raritäten wie „On The Beach“ aus. Das akustische Intermezzo („Human Highway“, „Long May You Run“) fehlt komplett, das einst sehnsüchtig vorgetragene Liebeslied „I’ve Been Waiting For You“ ist jetzt nur mehr Hardrock. Zu seinen legendären Live-Dokumenten gehört dieser Mitschnitt mit der gehobenen Bootleg-Tonqualität eher nicht.

Franz Schöler

Tribute

Musik ★★★

Klang ★★★

Matthis Pascaud & Hugh Coltman Night Trippin‘ Sony Masterworks

Bei einem nächtlichen Zechgelage in Paris kam Matthis Pascaud (Square One) und Hugh Coltman (The Hoax) die Idee, ihrem Idol Dr. John eine Gedenkplatte zu widmen. Gedacht, getan. In einer live-ähnlichen Aufnahmesituation haben der Gitarrist und der Sänger schon bald darauf ohne großen Studioluxus zehn Songs der 2019 gestorbenen Legende gecovert. In schön schmutzigen und rohen Einspielungen von „Mama Roux“, „Barefoot Lady“ und anderen Sixties-Klassikern beschränken sich die zwei dabei auf die Frühphase des „Night Trippers“. Dem hätte deren Rock-Jazz-Blues-Voodoo-Gemisch bestimmt gefallen.

Harald Kepler

Pop

Musik ★★★

Klang ★★★

Misty Boyce Genesis Make My Day Rec.

Als Keyboarderin und Backgroundvokalistin steht Misty Boyce regelmäßig mit Größen wie Sting, Sara Bareilles und BØRNS auf der Bühne, ihre Solokarriere dagegen schien zuletzt etwas eingeschlafen zu sein. Vielleicht wird die ja vom jüngsten Album aufgeweckt, immerhin die Hälfte der Songs darauf hat das Zeug dafür. Zum eigenwilligen Indie-Pop singt die Amerikanerin engagiert von Ungerechtigkeiten im Verhältnis der Geschlechter. So bemängelt sie etwa in „Bros“ die herrschende Dominanz von Männern, und in „Genesis (N)One“ stellt sie ernüchtert fest, dass sich daran weiterhin kaum etwas ändert.

Harald Kepler

Hardrock

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Ozzy Osbourne Patient Number 9 Warner Music

Eine Nacken-OP, Parkinson und andere Gebrechen halten das Heavy-Metal-Urgestein nicht von der Arbeit ab. So hat der 73-Jährige zwei Jahre nach seinem Comeback mit „Ordinary Man“ erneut ein packendes, dichtes und dynamisches Album aufgenommen. Wieder arbeitete der Ex-Black-Sabbath-Frontmann mit Produzent Andrew Watt zusammen, dieses Mal kommen zudem Weggefährten wie Jeff Beck, Zakk Wylde, Eric Clapton oder Tony Iommi dazu. Hört man „Immortal“, „No Escape From Now“ oder „A Thousand Shades“, fühlt man sich fast an frühe Sabbath erinnert – mit moderner Studiotechnologie.

Steffen Rüth

Singer-Songwriter

Musik ★★★

Klang ★★★

Philipp Eisenblätter Das Jahr, das sich um eins verschiebt Edition Eisprung

Die Szene, auch international, ist groß – Werke, die herausstechen, sind eher selten. Das Debütalbum des Duisburgers Philipp Eisenblätter ist jedoch ein solches: Es sind vor allem die intensive Atmosphäre und die Mischung aus akustischen/elektrischen Gitarren und Soundscapes, welche die neun deutschsprachigen Songs und die eine Coverversion von „The Times They Are A-Changin’“ auszeichnen und so faszinierend machen. Dazu kommen die rauchige, oft auch leicht brüchige Stimme sowie die poetisch-direkten Texte. Ein Album, für das man sich gerne Zeit nimmt.

Ingo Baron

Gospel/Blues/Country

Musik ★★★★

Klang ★★★★

LP

Shemekia Copeland Done Come Too Far Alligator

Die Kettensträflingshymne „Gullah Geechee“ hätte perfekt zum Soundtrack von „O Brother, Where Art Thou?“ gepasst – die Gospelballade „Why Why Why“ auch. Der Abstecher nach Louisiana ist das Zydeco-Stück „Fried Fish And Bibles“, wie der Titelsong und das southern-rockige „The Talk“ einer von acht Will Kimbrough/John Hahn-Songs des Albums. Auch mit dem countryrockigen „Fell In Love With A Honky“ versuchte das Team offenbar, für die Sangeskunst von Ms. Copeland neue Bewunderer und Fans zu erschließen. Chicago-Blues pur im Andenken an Willie Dixon und Muddy Waters ist nur das finale „Nobody But You“.

Franz Schöler

Brit-Pop

Musik ★★★★

Klang ★★★

LP

Suede Autofiction BMG

Nachdem Suede zusammen mit Oasis und Blur die Speerspitze des Britpop bildete und nach der Auflösung 2003 dann 2010 erneut zusammenfand, bemüht sich die Band, bewährte Wege zu verlassen. „Autofiction“ soll eine Art „back to basics“ sein: Man vermied Studiotüfteleien oder Clicktracks. Es sollten Fehler erlaubt sein, pure Energie sollte fließen. Das gelang, und das Resultat klingt roh und rumpelnd, dank pointierter Songs auch so rauschhaft und adrenalingeladen wie eine mächtige Rocklawine. So weit wie Sänger Brett Anderson muss man allerdings nicht gehen, der die CD als „unsere Punkplatte“ wertet.

Peter Bickel

Pop

Musik ★★★

Klang ★★★★

HD LP

Robbie Williams XXV Sony Music

Ein Vierteljahrhundert nach Beginn seiner Solokarriere mit dem Welthit „Angels“ hält das einstige Mitglied der britischen Boyband Take That die eigene Laufbahn mit einer weiteren Auf-Nummer-sicher-Veröffentlichung am Köcheln. Zusammen mit dem niederländischen Metropole Orkest hat sich Williams seine alten Hits wie „No Regrets“, „Love Supreme“, „Feel“ und einige andere vorgeknöpft und sie in ein orchestrales Gewand gesteckt. Wahnsinnig originell ist das nicht, und die wenigen neuen Songs wie „Lost“ zünden auch nur bedingt. Für Fans sind die handwerklich perfekt klingenden Versionen aber natürlich ein Fest.

Steffen Rüth

British-Blues

Musik ★★★

Klang ★★

HD LP

Snowy White Driving On The 44 Snowy White

Hört man Musik auf Autobahnfahrten, sollte nichts passieren, das einen vom Verkehr ablenkt. Trotz Entspannung darf man nicht wegdösen, möchte aber diese besondere Stimmung kreieren. Dazu ist das Album des englischen Gitarristen Snowy White perfekt geeignet. Ganz zurückgelehnt cruist er durch die Lager von britischem Blues und Soul (allein das Schlagzeug von Thomas White ist etwas holzig). Das alles erinnert an das späte Werk von Whites langjährigem Freund Peter Green, auch an seine ehemaligen Arbeitgeber von Pink Floyd. Das Album wird im Verlauf immer besser – der Klang nicht unbedingt.

Ingo Baron

Rockabilly/Country

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Tami Neilson Kingmaker Outside Music

„Kingmaker“ ist vom ersten bis zum letzten Ton ein Statement weiblicher Stärke. Voller Selbstbewusstsein bricht Tami Neilson eine Lanze für ihre Geschlechtsgenossinnen. Mit mächtiger Stimme singt sie vom Ausbruch aus Rollenklischees („Baby, You’re A Gun“) und dem Pochen auf gleiche Rechte (im Titellied), von Sexismus („Green Peaches“) und dem Patriarchat in der Familie („Mama’s Talkin“). Ihre beißende Kritik an der Vorherrschaft der Männer kleidet Neilson passend in Outlaw-Countrymusik à la Marty Robbins, Spaghetti-Western-Gitarren und rebellischen Rockabilly. Das ist Feminismus nach Noten.

Harald Kepler

Pop-Standards

Musik ★★

Klang ★★★★

HD LP

The Brother Brothers Cover To Cover Compass

An der Aufgabe, bei den Sessions für Opus 3 ansprechende und überzeugende Deutungen für etliche der anspruchsvolleren populären Songs des letzten Jahrhunderts von Beatles bis Richard Thompson und Tom Waits zu finden, scheitern die Brüder Adam und David Moss krachend und auch mal kläglich. Die emotionale Messlatte für Vorlagen wie Judee Sills’ „There’s A Rugged Road“ und Jackson Brownes „These Days“ reißen sie routiniert, beim James-Taylor-Evergreen trotz Mithilfe von Sarah Jarosz! Der Hoagy-Carmichael-Standard „I Get Along Without You Very Well“ in so süßlichem Vortrag ist schwer erträglich.

Franz Schöler

Cajun/Swamp-Pop

Musik ★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Tommy McLain I Ran Down Every Dream Yep Roc

„Lost all my money, I blew every dime / And my girl don’t love me, she can’t find the time“, klagt McLain zu den Klängen von Twang-Gitarre, Cajun-Ziehharmonika, Kontrabass und Glockenspiel, mit 82 Veteran des Swamp-Pop. In Erinnerungen schwelgt er beim Titelsong im Duett mit Elvis Costello. „Somebody“ klingt wie ein Outtake aus Sir Douglas Quintet-Sessions. Mit den von Van Dyke Parks wunderbar arrangierten Streichern ist „California“ die Ballade über eine Schönheit mit „million dollar smile“, die ihm das Herz brach – wie das à la Phil Spector produzierte „Hidden Heart“ ganz großes Popkino!

Franz Schöler

Rock

Musik ★★★

Klang ★★★

HD LP

The Dead Daisies Radiance SPV

Schon gleich mit dem Opener dieses Albums gibt’s mächtigst etwas auf die Ohren. Die Supergroup um Frontmann Glenn Hughes (b/vox) und die beiden Gitarristen Doug Aldrich und David Lowy schießen gemeinsam mit Drummer Brian Tichy kräftigen Oldschool-Rock mit Hooks erster Güteklasse durch die Membrane der Lautsprecher. Das alles ist freilich nie eine Neuerfindung, nie ganz ohne Klischee, aber eben immer eine kraftvolle Mischung, die reichlich Sprengkraft in sich birgt und überdies auch noch angenehm abwechslungsreich ist. Die Herren wissen offenkundig, was sie zu tun haben – und tun’s auch.

Ingo Baron

Folk/Bluegrass

Musik ★★★★★

Klang ★★★★

HD LP

Watkins Family Hour Vol. II Family Hour Records

Bereits zum dritten Mal unterbrachen Sara und Sean Watkins die Band-Arbeit von Nickel Creek und ihre Soloaktivitäten, um mit einem gemeinsamen Album die Familienbande zu stärken. Wobei die Geschwister den Begriff „Familie“ nicht so eng nehmen, gehören bei ihnen doch auch Freunde wie Fiona Apple, Jackson Browne, Benmont Tench und Lucius dazu. Mit denen haben sie in nur drei Studiotagen fantastische Coversongs im Country-Folk-Sound eingespielt. Vorlagen von Ernest Tubb, Patti Page, Dean Martin oder den Zombies werden bei ihnen zu Ohrwürmern, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.Traumhaft!

Harald Kepler