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POP NEUES AUS DER MUSIKWELT


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Stereo - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

CD DES MONATS

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Bildquelle: Stereo, Ausgabe 12/2022

Björk Fossora One Little Independent

Mit konventionellen Maßstäben lässt sich dieses Album, Björks zehntes, kaum in den Griff bekommen. „Fossora“ – eine eigene Wortschöpfung, die sich mit „die Grabende“ übersetzen ließe – entzieht sich auf eine faszinierende, wenngleich fordernde Weise den üblichen Hörgewohnheiten. Man muss sich also einlassen auf die Klang- und Kompositionswelt der Isländerin, und selbstverständlich rufen diese intensiven Stücke nach einer ebensolchen Auseinandersetzung damit.

Eine verlässliche Konstante ist Björks Stimme, und man fühlt sich sogleich in diesem Album quasi geborgen, wenn Björk bei einem Begriff wie „internal erosion“ im Auftaktstück „Atopos“ so herrlich das R rollt. Aber wer strukturierte Popsongs von der Sorte erhofft hat, mit der die heute 56-Jährige Mitte der Neunziger nach der Trennung von ihrer Rockband The Sugarcubes auf „Debut“ oder „Post“ ...

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... brilliert hat, kann auf „Fossora“ ewig buddeln und wird nicht fündig.

Andererseits ist das mittlerweile ein Vierteljahrhundert her und Björk längst eine Avantgarde-Künstlerin, die in ihrer eigenen Liga spielt. So kommen auf „Fossora“ unter anderem ein Klarinettensextett, ein Chor und das indonesische Techno-Duo Gabber Modus Operandi zum Einsatz. Nicht immer verbinden sich all die Elemente symbiotisch, und manchmal scheint sich die schiere Masse an Ideen gar etwas auf die Füße zu treten. Aber wer Björk zusammen mit Tochter Isadora (19) und Sohn Sindri (36) in den relativ kargen Stücken „Sorrowful Soil“ und „Ancestress“ beim Gedenken an ihre 2018 verstorbene Mutter lauscht, der kann gar nicht anders, als tief gerührt zu sein.

Steffen Rüth

Bill Callahan Reality Drag City

Als er noch unter dem Band-Nome de plume Smog auftrat, beschwor er auf dem Meisterwerk „Dongs Of Sevotion“ seinen eigenen Tod und sang: „Dress sexy at my funeral my good wife / For the first time in your life“.

Mit „Dream River“, „Shepherd In A Sheepskin Vest“ und nach einer Schreibblockade „Gold Record“ lieferte Callahan, inzwischen glücklich verheiratet und Vater geworden, große Platten ab. Familiäre Idylle beschwört er mehrfach in den neuen Songs, bei „Lily“ mit den Versen „I wanted to put on your favorite song / Iguess I still see you thirty years on“, zu Beginn bei dem vom Leben als Traum erzählenden „First Bird“ mit den Reimen „Shadow of my boy coming down the hall / And little sister’s hand is deep in his palm / And her feet don’t ever touch the ground / Because everybody wants to carry her around”.

In den surrealen Szenerien, die er hier öfter einmal entwirft, nehmen sich solche Momente nicht einmal besonders kitschig aus. Das mit der Realität als Anagramm im Albumtitel darf man wohl so deuten, dass die in Lockdown-Zeiten der Pandemie geschriebenen Songs weniger von der Wirklichkeit handeln als vielmehr Träume beschwören, an die er sich noch erinnert.

In „Drainface“ singt Callahan beispielsweise über eine Frau „with eyes like retired hotel bedspreads / Done”. Das muss ein Albtraum gewesen sein, in dem ihm eine Frau mit Augen wie (pensionierte!) Tagesdecken erschien. Bei „Natural Information“ klingt noch einmal der fröhliche Nihilismus der frühen Smog-Jahre an, zum Beispiel in den Versen „Using natural information / Two million years of data / Humans still live more beta“.

Franz Schöler

Jake Blount The New Faith Smithsonian Folkways Recordings

Auf dem großartigen neuen Album erzählt Jake Blount die Geschichte einer Zukunft, in der Klimawandel, Kriege sowie der Kollaps der Zivilisation unsere Welt zerstört haben. Erst dann sind die Menschen endlich zur Umkehr, zur Aufgabe ihres (selbst-)zerstörerischen Tuns bereit.

Diese Story breitet der US-Künstler am Beispiel von 30 Überlebenden aus, die sich auf die Suche nach einer sicheren neuen Heimat begeben. Rat finden die unterwegs bei den Weisheiten ihrer gottesgläubigen Ahnen, das dort angetroffene Versprechen einer Errettung lässt sie durchhalten…

Soweit der Plot von „The New Faith“. Sänger und Multiinstrumentalist Blount illustriert den musikalisch mit einer wegweisenden Mischung aus Spirituals und Sklavenliedern samt Fußstampfen und In-die-Hände-Klatschen, Zydeco und Rapreimen, Blues und Afrikanischem.

Dabei nimmt er immer wieder Songs, die er in der Smithsonian-Sammlung von Musikethnologe Alan Lomax gefunden hat, zum Ausgangspunkt seiner Stücke. Traditionals und uralte Songs von Mahalia Jackson und Sister Rosetta Tharpe („Didn’t It Rain“), Skip James („They Are Waiting For Me“) oder auch Blind Willie McTell („Just As Well To Get Ready, You Got To Die“) betrachtet der Visionär aus einer neuartigen Perspektive. Seine radikalen Neufassungen werden von einer sehr ungewöhnlichen Besetzung gespielt, Banjo und Fiddle stehen bei Blount einträchtig neben Synthesizer und E-Gitarre. Wie der Amerikaner mit dem Feuereifer eines Missionars seine spirituelle Musik von heute erschafft, das ist schlicht ganz große Klasse!

Harald Kepler

Alex Williams Waging Peace Lightning Rod/New West

Er stehe schon mit einem Bein im Grab, singt Alex Williams in „Old Before My Time“. Bei so munter und mit sonorem Bariton vorgetragenem Honky-Tonk-Bekenntnis fragt man sich doch, was wahre Empfindung und was Pose ist. Die Stimme weckt nostalgische Erinnerungen an die Hochblüte der Outlaw-Country-Ära. Aber die Songs des Albums zeichnen sich nicht durch die Authentizität und schiere Klasse aus, mit der Jamey Johnson und Chris Stapleton das Genre letzthin komplett glaubwürdig wiederaufleben ließen. „The Best Thing“ und ein paar andere sind Waylon-Jennings-Ohrwürmern schon sehr „nachempfunden“.

Franz Schöler

Buddy Guy The Blues Don‘t Lie RCA Records

Er zählt 86 Jahre und ist doch produktiv wie eh und je. Selbst im hohen Alter spielt Buddy Guy noch 150 Shows pro Jahr und veröffentlicht Spitzenplatten wie „The Blues Don’t Lie“ – wie wahr der Titel der Songkollektion doch ist! In autobiografischen Erinnerungen an sein bewegtes Musikerleben („I Let My Guitar Do The Talking“) und meinungsstarken Ansichten („Follow The Money“) bleibt der Grandseigneur des Chicago-Blues allzeit aufrichtig. Viele Gäste, darunter Jason Isbell (in der ersten Single „Gunsmoke Blues“), Elvis Costello, Mavis Staples und Bobby Rush, teilen seine Offenheit gern.

Harald Kepler

Jean-Michel Jarre Oxymore Sony

Jean-Michel Jarre liebt „musique concrète“ – so weit, so gut. Schließlich war jener Mann sein Mentor, der diese Musikrichtung aus der Taufe hob: Pierre Schaeffer. Ein anderer Pionier, der gern mit Alltagsgeräuschen experimentierte, hieß Pierre Henry. Seine Witwe überließ Jarre musikalische Fragmente, die den Franzosen zu seinem neuen Album inspirierten und teilweise sogar in die Musik einflossen. „Brutalism“ darf harten Techno voll einbringen. „Synthy Sisters“ besteht aus weicheren Klängen. So holt der 74-Jährige mit Finesse die Vierziger- und Fünfzigerjahre musikalisch in die Gegenwart.

Dagmar Leischow

Arctic Monkeys The Car Domino

Um es gleich vorwegzunehmen: Ein Rockalbum haben die Arctic Monkeys wieder nicht gemacht, dabei wollten sie in ihren Songs ursprünglich ihre Live-Energie einfangen. Ihre neue Platte knüpft musikalisch an den Vorgänger „Tranquility Base Hotel & Casino“ an und streckt ihre Fühler eher in Richtung Lounge-Pop aus. Funk schmuggelt sich zwischendurch ebenso ein wie ein gewisses James-Bond-Feeling. Bei „Body Paint“ haben die Streicher ihren großen Moment, gepaart mit anschwellenden Gitarren. Alex Turners Gesang ist ein Pluspunkt, er lehnt sich entspannt an Frank Sinatra an.

Himmlisch! Dagmar Leischow

Del Amitri Fatal Mistakes: Outtakes & B-Sides Cooking Vinyl

Für die Studiosessions zu „Fatal Mistakes“ hatten Del Amitri mehr Material angesammelt, als schließlich aufs Album passte. Im Winter 2021 spielten die Schotten diese Überbleibsel noch ein. Befreit vom Erwartungsdruck eines offiziellen Albums und dem Hineinreden eines Produzenten tobten sich Justin Currie & Co. einmal richtig aus und probierten weniger kommerzielle Einfälle. So verzichtet etwa „At The End Of The Lightning“ auf den üblichen Mitreiß-Beat. Insgesamt tönt der Gitarrenrock der Glaswegians nicht ganz so eingängig, schlechter ist er deshalb aber noch lange nicht.

Harald Kepler

Joanne Shaw Taylor Nobody‘s Fool KTBA

Vor allem ihre schmeichelnde Stimme und die fast im Pop einzuordnenden Songs heben Joanne Shaw Taylor von vielen anderen Blues-Ladys ab. Das hatten auch Joe Bonamassa und Dave Stewart erkannt, die sie bei je einem Song unterstützen – Stewart gar bei der alten Eurythmics-Nummer „Missionary Man“. Obwohl selbst eine veritable Gitarristin, hat die Britin Saitenprofis an ihrer Seite, zum Beispiel den Country- und Bluesfachmann Josh Smith oder Carmen Vanderberg, sonst tätig in Jeff Becks Band. Ihr achtes Bluesalbum wirkt ehrlich wie ein alter Kumpel, mit dem zusammen man gern ein Bier trinkt.

Peter Bickel

Kill Strings Limbo MNRK

Die Hamburger Band besteht nur aus Gitarrist und Sänger Lee sowie Drummer David, doch die machen mehr Lärm als die meisten „richtigen“ Bands. Ihr Debüt „Limbo“ speist sich aus Grunge, Alternative und Breitwand-Power-Pop. Hauptsache wuchtig. Das scheint allerdings auf Kosten des Klangs zu gehen, der komprimiert und wenig transparent daherkommt. Jedenfalls: Die ein oder andere Hymne, angefüttert mit viel Dynamik und Drama(turgie), ist auch mit dabei und erinnert an die Alternative-Kollegen Muse. Nur: Wie viele zusätzliche Musiker brauchen die Jungs wohl, um das auf die Bühne zu bringen?

Peter Bickel

King‘s X Three Sides Of One InsideOut

Ihr erstes Studio-Album seit 14 Jahren zeigt eindrücklich, warum dieses Trio seit mehr als vier Jahrzehnten die Referenz setzt für Crossover aus Hardrock, Alternative, Metal, Progressive und Soul. Ty Tabors wuchtig-tiefe Powerchords, die beatlesken Chöre und Doug Pinnicks raue Soulstimme erzeugen jede Menge Druck – und Wut, denn diese CD scheint den Frust der letzten Jahre über die Menschheit aufzuarbeiten: „Is this the end of the world or a new beginning / So let it rain, to wash the fear away / Iused to say that all we needed was love, now I’m thinking that, what we need is a flood.“

Peter Bickel

Klangwelt Here And Why Spheric Music

Auf Lambert Ringlages Label „Spheric Music“ ist das Album gut aufgehoben, denn die Instrumentaltitel darauf lassen den Zuhörer ein ums andere Mal in einen scheinbar schwerelosen Klangkosmos abheben. Melodische Synthiesounds, „Gesang“ aus dem Sampler, Analogbass Marke „fett“, tuckernde Computerbeats, Sprachschnipsel und Umweltgeräusche: Fertig ist die Sphärenmusik von Gerald Arend. Mit Opus fünf führt der Traditionalist die Elektronikschule von Vangelis, Jean-Michel Jarre und Tangerine Dream schlüssig fort. Für die kristallklare Produktion zeichnet er ebenfalls selbst verantwortlich.

Harald Kepler

Kroke Loud Silence Oriente Musik

Seit nunmehr 30 Jahren musizieren die akademisch ausgebildeten Herren aus Kroke (Krakau) an Geige, Akkordeon und Stehbass eine virtuose und zugleich spielfreudige Instrumentalmusik. Von ihrem Klezmer-Instrumentarium lassen sich die Polen stilistisch schon lange nicht mehr einengen. Auch auf „Loud Silence“ gucken sie wieder neugierig in Nachbars Garten und leihen die dort sprießenden Klanggewächse aus. Ohne Scheuklappen nehmen sie Melodiemotive vom Balkan, Jazz, Rembetiko und arabisch anmutende Tonfolgen in ihren Sound auf. So international, so stiloffen muss Klezmer heutzutage klingen!

Harald Kepler

Laufey Everything I Know About Love Laufey

Das kommt also heraus, wenn eine chinesische Geigerin und ein Jazzfan aus Island Kinder in die Welt setzen: Tochter Laufey vereint auf ihrem famosen Debüt die Musikgeschmäcker der Eltern. Jazzharmonien („I’ve Never Been In Love Before“), federnden Bossa („Fragile“) und träumerischen Gesang im Stil von Filmmusicals („Hi“) paart die 23-Jährige zauberhaft mit Orchesterarrangements der Klassik. Ihre Flüsterstimme ist durchgehend schwärmerisch timbriert, Songs übers Erwachsenwerden und junge Liebe singt die Romantikerin einfach entzückend – Easy-Listening ohne Reue.

Harald Kepler

Loyle Carner Hugo Universal

Auf Loyle Carners drittem Album passiert so viel, dass einem davon richtig der Kopf schwirrt – im besten Sinne. In seinen Songs treibt den Briten die Frage um, was es eigentlich bedeutet, schwarz zu sein. Der Rapper seziert seine eigene Herkunft und seine Beziehung zu seinem Vater, er lässt seinen Ängsten, seiner Wut, seiner Unsicherheit freien Lauf. Seine Texte sind poetisch-nachdenklich, seine Beats sanft. Hemmungslos bricht er Hip-Hop- und R 'n' B-Hörgewohnheiten auf – mit jazzigen Elementen oder mit einem Gospelchor. Sein Sound ist kreativ, das Album ein starkes Statement, das ins Ohr geht.

Dagmar Leischow

Larkin Poe Blood Harmony Tricki Woo

Mehr als einmal inspirierten Tyler Bryants Produktion des neuen Albums weniger die Platten der Wilson-Schwestern (alias Heart) als vielmehr direkt Led-Zeppelin-Klassiker, etwa wenn das als Delta-Blues beginnende „Deep Stays Down“ die Dynamik von „When The Levee Breaks“ entwickelt. Es gab keinen Grund, an dem bei „Self Made Man“ vor zwei Jahren erfolgreichen Stilmix aus Blues und (Hard-)Rock viel zu ändern. „Kick Your Blues“ zitiert nicht nur „Shake Your Moneymaker“, sondern auch Carl Perkins’ „Blue Suede Shoes“. Zum Faible für Bluesrock bekennen sie sich mitreißend bei „Summertime Sunset“.

Franz Schöler

Laura Jean Amateurs Chapter Music

Die Scheidung der Eltern offenbar immer noch schmerzhaft in Erinnerung, „destilliert“ Laura Jean ihre Gefühle in der akustisch instrumentierten Folkrock-Erzählung von „Teenage Again“. Die romantische, wunderbar mit Streichern verzierte Geschichte von „Market On The Sand“ beschwört die Vergangenheit so prosaisch wie poetisch. Manchmal kammermusikalisch und gelegentlich symphonisch arrangiert, beeindrucken die Momente in ihren die Autobiografie reflektierenden Folksongs (wie der über die Erinnerung an „Rock 'n' Roll Holiday“) nicht zuletzt durch ambitionierte Produktion und Klangqualität.

Franz Schöler

Mama‘s Broke Narrow Line Free Dirt

Die zweite Platte von Mama’s Broke tönt so authentisch, so pur, als säßen Lisa Maria und Amy Lou Keeler auf der Veranda vor einem Holzhaus und gäben zum Sonnenuntergang für die Nachbarn ein paar archaische Weisen zum Besten. Das kanadische Frauenduo gräbt tief in der Folkgeschichte von Irland, den USA und der eigenen Heimat. Vom dort Gefundenen, von Keltischem, Americana und dem Oldtime-Folk ihrer Vorfahren lassen sich die zwei zu eigenen Songs anregen. Dabei bevorzugen sie eine düstere Variante in Moll. Letztendlich enthalten ihre Klagelieder aber fast immer ein Fünkchen Hoffnung.

Harald Kepler

Moka Efti Orchestra Telegramm Motor Entertainment

Wie bereits in ihrer „Erstausgabe“ treten die großartigen Künstler vom MEO (man achte auf die Bläsersektion!) auch mit dem Nachfolger eine kurzweilige Zeitreise von den wilden 1920er-Jahren in die Gegenwart an. Unterwegs wird die Musik von damals (früher Jazz, Chansons à la Brecht/Weill) einmal mehr reizvoll mit Klängen von heute gebrochen. Neu sind bei der aus der TV-Serie „Babylon Berlin“ hervorgegangenen Großband diesmal Songs mit Latinrhythmen. Im Gästebereich haben Clemens Rehbein, Sänger von Milky Chance, und Karsten Troyke, Fachmann für jiddisches Liedgut, Platz genommen.

Harald Kepler

Neil Young With Crazy Horse World Record Warner

Wer von Altmeister Young und seinem „verrückten“ Gespann einen ausschließlich elektronisch bis zum Bersten verzerrten, krachenden Brecher erwartet hat, der wird hier Ohren machen: Auf „World Record“ geht’s nämlich oft oldschoolig und ganz akustisch zu – freilich eine Reminiszenz an Youngs frühe Alben. Selbstredend fehlt die knarzende Gibson nicht komplett (zum Beispiel in „Break The Chain“ oder „Chevrolet“). Produziert hat Young mit dem legendären Rick Rubin zusammen, in dessen Studio auch aufgenommen wurde. Trotz personeller Topausstattung hinterlässt das Album einen etwas unrunden Eindruck.

Ingo Baron

Terry Lee Hale The Gristle & Bone Affair Glitterhouse

Wegen des Lockdowns wurden alle Instrumentalparts auf „The Gristle & Bone Affair“ einzeln an verschiedenen Studioorten eingespielt. Das hört man aber nicht, zumal Terry Lee Hale sein sonst recht prominentes Fingerpicking auf der Gitarre zugunsten eines ausgewogenen Bandsounds zurücknimmt. Produziert hat einmal mehr sein langjähriger Freund, der Walkabouts-Chef Chris Eckman. Er besorgte einen luftig schwebenden Americana-Klang, der Hales poetischen, auf eigenen Erfahrungen beruhenden Songerzählungen vorzüglich steht. Gäste wie Chris Cacavas (Giant Sand) fügen sich bestens ins Gesamtbild ein.

Harald Kepler

Nadine Khouri Another Life Talitres

Die Musikmittel aufs Allernotwendigste reduziert, die Tempi betont langsam dahinschleichend, mitunter kurz vorm Stillstand, der Gesang extrem sparsam: Wie schon bei der Plattenpremiere „The Salted Air“ (2017) hat es Produzent John Parish erneut verstanden, die spartanischen Songs von Nadine Khouri so fesselnd in Szene zu setzen, dass trotzdem nichts fehlt. Zur nachtdunklen Schönheit seines Sounds singt die britisch-libanesische Künstlerin von den Dingen, die im eigenen Leben verloren gegangen sind, seien es verstorbene Mitmenschen, frühere Lebensorte oder ihr soziales Umfeld vor Facebook & Co.

Harald Kepler

Seth Avett Sings Greg Brown Ramseur

Greg Brown aus Iowa, Jahrgang 1949, aktiv seit den frühen 1970er-Jahren und verheiratet mit der wunderbaren Iris DeMent, ist ein Singer-Songwriter mit außergewöhnlichen Storyteller-Qualitäten und dazu bisweilen auch ein talentierter Komiker mit Gespür für die absurderen Aspekte der menschlichen Existenz. In der kleinen Nachlese von zehn Songs, die Avett-Bruder Seth traf, fehlen einige der besten wie „Just A Bum“, „My New Book“ und „I Slept All Night With My Lover“ nicht, andere mit Preisen ausgezeichnete sehr wohl. Etliche findet man auf den beiden „Essential Recordings“-Sets von Red House Records!

Franz Schöler

The Afghan Whigs How Do You Burn? Royal Cream

Die 1986 gegründete Band, die dem Sub-Pop-Grunge-Label entsprang und gern Soulelemente und Celli in ihren expressiven Rock webt, pflegt eine On-off-Beziehung. Ihr neuntes Album „How Do You Burn?“ erscheint zunächst sperrig, aber ihr psychedelisch anmutender Space-Rock entwickelt eine beachtliche Sogkraft. Jede Menge Spuren an Beatles-Chören, schmirgelnden Gitarren, Percussion, Keyboards und Streichern ergeben eine pulsierend-wabernde Wall-of-Sound, die den Hörer langsam, aber unaufhaltsam umgarnt. Dass die Band das Album pandemiebedingt weitgehend getrennt aufnahm, hört man ihm nicht an.

Peter Bickel

The Commoners Find A Better Way Gypsy Heart

Sie kommen aus Kanada, bevorzugen aber einen Southern-Rock klassischer Prägung, wie man ihn eher in den Südstaaten der USA findet. Mit „Find A Better Way“ bringen The Commoners den Rustikalsound von Lynyrd Skynyrd, der Allman Brothers Band und The Black Crowes zurück in die Musikwelt von heute: Knackige Gitarrenriffs, knüppeldicke Drumrhythmen und Männergesänge in robust gesetzter Mehrstimmigkeit bestimmen das Klangbild. Hier entstammt alles eher dem Bauch als dem Kopf – auch die Songtexte. Sie handeln direkt und bildhaft von der Bodenständigkeit im Alltag des Durchschnittsbürgers.

Harald Kepler

The Young Gods Play Terry Riley In C Two Gentlemen

Zunächst denkt man an einen digitalen Codierfehler. Doch aus dem Knacksen entsteht ein Beat, elektronische Drums und Retro-Keyboardflächen gesellen sich dazu und erinnern an Elektropioniere wie Kraftwerk oder Pyrolator. In den folgenden Teilen dominieren wuchtige Drums und schnarrende Synthiesounds, die in minimalen Verschiebungen die Motive transformieren. „In C“ lässt den Aufführenden trotz Vorschriften z. B. zur Gruppengröße oder Tonart viele Freiheiten. Die schweizerische Industrial-Band erweckt Terry Rileys Minimal-Meilenstein von 1964 zu neuem Leben: respektvoll und mit viel Forschergeist.

Peter Bickel

Vök Vök Nettwerk

Lässige Musik muss nicht unbedingt aus London, New York oder Berlin kommen. Auch das isländische Trio Vök weiß, wie man unwiderstehlichen Elektropop zaubert. Bei „Headlights“ wippt der Fuß automatisch mit. In „No Coffee At The Funeral“ verliebt man sich beim ersten Hören. Während der Synthesizer hier prominent auftrumpft, scheint Margrét Rán Magnúsdóttirs lieblicher Gesang bei „Skin“ in den Äther aufzusteigen. Diese Platte ist wirklich aus einem Guss – ohne Extravaganzen oder Brüche. „Illuminating“ hätte durchaus das Potenzial für einen Radiohit und könnte auch den Mainstream erreichen.

Dagmar Leischow

The Unthanks Sorrows Away Rabble Rouser

Sich in „Me too“-Zeiten zur Liebe zu einem Grobian zu bekennen, ist politisch unkorrekt. Den epischen „Sandgate Dandling Song“, das Lamento einer vom angetrauten Bootsmann übel misshandelten Frau, interpretiert Rachel Unthank trotzdem sehr innig. Wie beim Meisterwerk „Mount The Air“ vor sieben Jahren harmoniert sie mit Schwester Becky unübertrefflich nicht nur beim Folksong „The Great Selkie Of Sule Skerry“. Das Liebeslied „The Isabella Colliery Coke Ovens“, eine von zwei neuen Kompositionen, klingt kaum unterscheidbar wie einer der acht Genreklassiker, die das Duo für dies Album auswählte.

Franz Schöler

Various Artists Live Forever: A Tribute to Billy Joe Shaver New West

2020 im Alter von 81 Jahren gestorben, hat der Outlaw-Country-Pionier Fans wie Johnny Cash überlebt. Berühmtere Stars als er singen ein Dutzend seiner Ohrwürmer, Rodney Crowell „Old Five and Dimers Like Me“, Amanda Shires/Jason Isbell „Honky Tonk Heroes“, Willie Nelson/Lucinda Williams „Live Forever“. Zu großer Form läuft George Strait noch einmal bei „Willy The Wandering Gypsy And Me“ auf. Auch dank der Aufnahmen von Margo Price und Ryan Bingham, Miranda Lambert, Steve Earle und Edie Brickell wurde das Album eines der raren Tribute-Projekte von Ausnahmerang.

Franz Schöler

Wilhelmine Wind Warner

Von Wilhelmines Musik kann man sich leicht auf eine falsche Fährte locken lassen: Scheinbar harmlos kommt ihr Pop daher, eingängig, oft mit ausgelassenen Rhythmen. Inhaltlich geht die Berlinerin aber gern tiefer. Mit ihrer ersten EP verhandelte sie ihre Homosexualität, Diskriminierung oder Alkoholismus in ihrem nahen Umfeld. Auf ihrem Debütalbum gibt sie ihrem Beziehungsaus mit Songs wie „Schwarzer Renault“ oder „Ich gehör wieder mir“ Raum. Das treibende „An die Freude“ ist ein Mutmachlied. „Schritt für Schritt“ handelt vom Verlorensein. So kommt Wilhelmine als Großstadtpoetin mit Herz daher.

Dagmar Leischow