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PORSCHE TAYCAN: GIB SCHUB, RAKETE!


Walter Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 03.07.2020

Endlich gibt es wieder einen Porsche, von dem Väter und Söhne gemeinsam träumen. So wie es früher einmal war, bevor der 911 zu viel Speck ansetzte, oder ein Macan zum meistverkauften Auto in Zuffenhausen wurde. Der Taycan läutet eine neue Zeitrechnung ein und soll ganz nebenbei beweisen, dass die besten Autos der Welt weiterhin aus Deutschland kommen werden. Da heißt es: Her mit der vollen Ladung Ökostrom und ab in die berühmtesten Kurven der Welt.


Artikelbild für den Artikel "PORSCHE TAYCAN: GIB SCHUB, RAKETE!" aus der Ausgabe 3/2020 von Walter Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Walter Magazin, Ausgabe 3/2020

0 AUF 100 IN 2.8: ABER DER TAYCAN KANN NOCH VIEL MEHR

Da steht er also. Deutschlands Antwort auf das Tesla Model S. Das Auto, auf das wir alle so sehnsüchtig ...

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... gewartet haben. Lange hat es gebraucht, doch der Aufschlag ist dafür umso gewaltiger. Knapp fünf Meter geballte Ingenieurskunst betteln förmlich darum, endlich zeigen zu dürfen, was sich die Erbauer in den letzten vier Jahren ausgedacht haben.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn er ist prächtig geworden, der Porsche Taycan. Flach, breit, aggressiv. So etwas ist man bislang von einem Elektroauto nicht gewöhnt. Die bauen in der Regel etwas höher, weil die große Batterie im Wagenboden verstaut wird. Und noch etwas ist anders: der Taycan besitzt eine 800 Volt Systemspannung, doppelt so viel wie sonst üblich. Das mend wie sich nach Zündung (sagt man das eigentlich noch?) die ganzen Grafiken in den Bildschirmen aufbauen. Während der Trend in Kalifornien ja eher zu einem großen iPad in der Mitte geht, fühlt man sich im Taycan wie in einem Kommandomodul. Vor einem der große Bogen, daneben ein Bildschirm, darunter noch einer und oben drauf eine Anzeige für den Beifahrer (wozu auch immer der eine braucht). Wer die Tatschen auf seinem Handy kennt, der ahnt, dass es im Taycan viel zu putzen geben wird.

Aber nun: ‚Energie‘ für die beiden permanent-erregten Motoren und endlich raus auf die Strecke. Dazu den kleinen niedlichen Kippschalter auf ‚D‘ und mutiger Druck auf das Pedal. Was dann passiert, lässt sich weiterhin nur schwer beschreiben. Dieses Unerwartete. Dieses Abartige. Dieses Aaarrhhhhh! Zarte 560 kW (761 PS) und 1.050 Nm im Overboost falten deinen Körper fachgerecht zusammen und beamen den 2,4 Tonner in 2,8 Sekunden auf Tempo 100. Einfach so. Schnipp. Schnapp. Erledigt. Länger als das Lesen dieser drei Worte hat es nicht gedauert. Was früher nur dem Könner vorbehalten war, als dieser mit großer Kunst Kupplung, Gasfuß und leich- spart nicht nur Gewicht, sondern ermöglicht auch eine hohe Dauerleistung und verkürzt die Ladedauer. Doch dazu später mehr. Noch zeigt die 93,4 kWh große Batterie unseres Turbo S volle Ladung an und die gilt es zu nutzen. Auf uns warten schließlich die schönsten Kurvenkombinationen der Welt.

Direkt vor dem Werk in Leipzig hat sich Porsche eine Strecke zaubern lassen, in der sich elf weltberühmte Abschnitte aus der Motorsportwelt wiederfinden. Corkscrew, Loews, Parabolica, oder das Nürburgring-Karussell. Alles da. Alles für uns freigeräumt. So lässt sich arbeiten.

Man nimmt Platz auf wunderbaren Sportsitzen und greift routiniert nach links neben das Lenkrad. Dort versteckt sich jedoch nicht wie gewohnt ein Zündschlüssel, sondern ein schnöder Knopf. I/O. Wie an jedem Fernseher. Aber mit ihm wird der Taycan zum Leben erweckt und eins muss man sagen: Die Bits und Bytes im Tesla-Universum mögen vielleicht einen Tick geschliffener sein, aber in Sachen Haptik und Anmutung spielt der Porsche in seiner eigenen Liga. Fast schon herzerwärtem Schlupf zu einer optimalen Schnittmenge zusammenfügte, so schreitet der Taycan eiskalt zur Tat. Bis 260 anliegen.

Wir wischen uns die Tränen der Ergriffenheit aus den Ohren, rücken mühsam das Raum-Zeit-Kontinuum wieder zurecht und rumms wird die Gehirnmasse direkt an die andere Seite der Schädeldecke gepresst. Der Taycan schiebt nämlich nicht nur gewaltig nach vorn, er staucht auch bei Bedarf elendig zusammen. Schließlich wollen die tellergroßen Keramikbremsen am Ende der Start-und-Ziel-Geraden zeigen, weshalb sie in den gewaltigen 21 Zöllern stecken und warum das heute kein Kindergeburtstag ist.

Es folgt ein mutiges Einlenken in die Parabolica. Eine 180-Grad-Rechts, die nie zu enden scheint. Der Taycan zieht stoisch seine Bahn. ‚Ich kann noch mehr, trau Dich endlich‘, scheint er mit leichtem Unterton aus seinen Burmester-Lautsprechern zu säuseln. Damit der Taycan nicht nur ein Längs-, sondern auch ein Querdynamiker ist, haben sie bei Porsche alle Register gezogen: Alu-Radaufhängungen mit Doppeldreiecksquerlenkern vorn, Multilenker hinten, Dreikammerluftfederung, Allradantrieb mit Torque Vectoring hinten, Allradlenkung und elektromechanischer Wankstabilisierung. Nimm das, Elon!

Und wer gedacht hat, Elektroautos seien leise, kennt vielleicht nur die Welt von i3, Zoe & Co. Der Porsche ist es nicht. Weder außen, noch innen.


Die lange Start- und Zielgerade der Porsche Rennstrecke in Leipzig frühstückt der Taycan in Nullkommanix


Über den Sinn oder Unsinn der aktuellen Elektromobilität dürfen heute andere philosophieren, wir pressen lieber im Leipziger Nordschleifen-Karussell die Karosse in die Federn und peilen quer die nächste Kurve an. Ein herrlicher Tag


Aufgabe des Tages: Quer über die Kuppe von Corkscrew. Perfekt gemeistert von Fahrzeug und Fahrer, leicht unangenehm für die 305er Pirellis auf der Hinterachse


DAS HERZ RAST: DER TAYCAN FRAGT: „WAR WAS?“

Natürlich ist der spacige Sound völlig anders als das, was man bisher von Porsche kennt, aber es passt perfekt zu diesem Auto. Gratulation ans Marketing, denn dort wird ja künftig entschieden, wie sich unsere Elektro-Autos anhören sollen.

Wir sind längst mit einem kurzen Rucken am Lenkrad durch die Mobil 1 S Schikane gepfeilt, haben in der Lesmo das Heck schwingen lassen und steuern nun auf das Karussell zu. Auch der berühmteste Steilwand-Kreisel mit 33 Grad Neigung ringt dem Taycan maximal ein müdes Lächeln ab. Eintauchen, treiben lassen und wieder raus. Da wird es Zeit für das nächste Level: Corkscrew. Laguna Seca. Dem Kenner stellen sich vor Entzückung die Nackenhaare auf. Rechts-Links-Rechts über eine Anhöhe mit zwölf Prozent Steigung, vor einem nur der blaue Himmel von Leipzig. Den richtigen Einlenkpunkt muss man erahnen - Spreu und Weizen, Sie verstehen? Der bereits oberhalb der Norm liegende Adrenalinspiegel bekommt noch einen Extra-Kick und dann geht es auf der anderen Seite wieder steil nach unten. Lenkrad schnell herumreissen und wieder fest durchbeschleunigen. Das Herz rast, der Puls pocht, der Taycan fragt: war was?

Das Ganze beginnt von vorne. Und dann gleich noch einmal. Keine Ermüdungserscheinung beim Auto erkennist, haben die Elektro-Experten von nextmove beim angenehmen Autobahntempo von 150 km/h immerhin 314 km abgespult - und das bei kühlen Temperaturen, die bekanntermaßen gerne auf die Reichweite drücken. Da macht sich auch das neuartige Zwei- Gang-Getriebe an der Hinterachse durchaus bemerkbar, mit dem Porsche zum einen die wahnwitzige schnelle Beschleunigung schafft und nach dem Ampelstart an der Effizienz arbeitet.

Wir bringen den Taycan wieder brav zurück in die Box. Dort hat ein paar Tage vor uns RB-Trainer Julian Nagelsmann seinen roten Turbo abgeholt und standesgemäß auf der Rennstrecke eingefahren. Ob er ebenso viel Spaß wie wir hatte? Allein die Frage.

Viel spannender ist doch die Überlegung, wie Elon Musk auf den Taycan reagieren wird. Die Bezeichnung „Turbo“ für ein Elektroauto hatte er direkt süffisant kommentiert und anschließend ein stark modifiziertes Mo- bar. Aber beim Fahrer. Also Zeit für eine Pause. Während da draußen das E-tron-Navi (Update machen!) den armen Herrn Senn an die nächste Schmalhans-Ladesäule schickt, rollen wir zum größten Schnellladepark von Europa - direkt neben der Strecke. Durch das dicke Kabel zieht sich der Taycan den Strom nur so rein und füllt seine 396 Batteriezellen innerhalb von 25 Minuten wieder auf 80 Prozent. Da muss selbst der Tesla-Besitzer anerkennend nicken, der nebenan sein Model 3 kostenlos aufladen durfte. Ja, so großzügig sind sie bei Porsche.

Können sie auch, denn der Taycan wird die Kasse ordentlich füllen. Grundpreis für den Turbo S? 185.460 Euro. Richtig gelesen! Und wenn die Kundschaft der Kategorie ‚alle Kreuze‘ den schnellen Weg durch die lange Aufpreisliste hinter sich gebracht hat, landet sie zügig jenseits der 220.000-Schallmauer. Man sollte jetzt aber nicht zu kleinlich sein, schließlich muss bei Porsche der Gewinn von vier Milliarden (2019) irgendwo her kommen. Abschrecken tut es eh keinen. Wie man hörte, sind die Auftragsbücher voll.

Auf die Frage haben schon einige gewartet: wie weit schafft man es denn nun mit dem Taycan im normalen Leben? Weiter als gedacht! Obwohl das Auto auf Leistung getrimmt del S auf die Nordschleife geschickt. Dort fuhr zuvor Porsche mit einem Vorserienmodell die inoffizielle Bestzeit von 7:42 Minuten. Beim Schattenboxen der beiden Marken soll die Musk-Truppe in ihrer ersten Runde 7:20 erreicht haben. Nebenbei verkündete man, 7:05 seien durchaus drin. PR-Genie Musk hatte mal wieder erreicht, was er wollte. Seine Fanboys jubelten und Billig-Klick-Medien titelten „Tesla blamiert Porsche“. In Zuffenhausen blieb man auffällig gelassen und wir erinnern uns: Vorserienmodell (Porsche) gegen Prototypen (Tesla) mit drei Motoren, speziellen Reifen und ausgeräumten Innenraum. Elon schießt zwar mittlerweile Menschen ins Weltall und seine Autos werden immer besser, aber aktuell ist der Taycan vorn. Deutschland, du kannst es noch! Danke, Porsche.

PS: Ein Dankeschön an Porsche-Instruktor Felipe Laser, der den Taycan immer so platzierte, wie es unser Fotograf haben wollte.


FOTOS Patrice Marker