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PORTFOLIO: SCHOELLERS SCHRECKSCHUSS


fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 30/2020 vom 07.02.2020

Martin Schoeller zählt mit seinen Close-Ups zu den besten Portraitisten der Gegenwart. Jetzt bekommt der in New York lebende Deutsche eine große Retrospektive im NRW-Forum Düsseldorf.


Artikelbild für den Artikel "PORTFOLIO: SCHOELLERS SCHRECKSCHUSS" aus der Ausgabe 30/2020 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: fotoMAGAZIN, Ausgabe 30/2020

Die Schauspielerin Julia Roberts, 2010 Mit Bildern wie diesem ist Martin Schoeller berühmt geworden. Seine Close-Ups von Prominenten zeigen die Stars der internationalen Musik- und Filmindustrie sowie Prominente aus Wirtschaft und Politik hautnah und ohne Pose. Selbst Leinwand-Stars wie Julia Roberts bekommen so wenig Möglichkeit, ihren Ausdruck auf Posen oder Gesten zu verlegen.


Acid Betty, 2019, aus der Serie „Drag ...

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... Queens“ Eine von Schoellers jüngeren Aufnahmen aus dem vergangenen Jahr zeigt die Drag Queen Acid Betty. Wie bei all seinen Portrait-Serien hat Martin Schoeller auch diesmal das Bildfeld eng begrenzt. Anders als bei frühen Arbeiten aber setzt der einstige Assistent von Annie Leibovitz hier den gesamten Oberkörper mit ins Bild.


Kristyna Shields, 2016, aus der Serie „Hollywood“ Diese Serie zeigt obdachlose Menschen und ist Teil von Schoellers sozialpolitischer Arbeit. Die im Studio aufgenommenen Portraits zeigen obdachlose Transgenderfrauen, darunter viele Sexarbeiterinnen, die Schoeller in den Straßen von Hollywood getroffen hat.



„ICH VERSUCHE, EINE MENSCHLICHKEIT ZU ZEIGEN, DIE WIR ALLE TEILEN.“
Martin Schoeller


Der Schauspieler George Clooney, 2008 Eine frühe Ikone: Mit Nahaufnahmen wie der von George Clooney ist Schoeller Anfang der 2000er-Jahre berühmt geworden. Seither hat sein Stil viele Nachahmer gefunden. Besonders der britisch-griechische Fotograf Platon hat seine Close Up-Portraits früh an die Anmutung von Martin Schoellers Bildern angelehnt.


Kwame Ajamu, 2019, aus der Serie „Exonerees“ Bei den neuen „Exonerees“-Portraits stehen fälschlich zur Todesstrafe Verurteilte und mittlerweile freigesprochene Ex-Häftlinge im Fokus.


Carmella Cureton, 2007, aus der Serie „Female Bodybuilders“ Die 2003 begonnene Serie „Female Bodybuilders“ zeigt einige der besten Bodybuilderinnen der Welt. Bei einem Wettkampf hatte Schoeller sein erstes Polaroid einer Bodybuilderin gemacht. Er war so beeindruckt von der Komplexität des Bildes, dass er eine ganze Serie begann.


Der Schauspieler Jack Nicholson, 2002 Schoellers Stil ist in den USA längst derart berüchtigt, dass viele Prominente regelrecht Angst haben, wenn sie zu ihm ins Studio müssen. Selten hat ein Fotograf die Star-Fotografie derart egalisiert und vom Sockel geholt, wie der 1968 geborene Münchner. Jedes Bild ist ehrlich und ungeschminkt.


Sarah und Katie Parks, 2011, aus der Serie „Identical“

Für diese Serie hat Martin Schoeller Zwillingspaare portraitiert. Bei seinem Stil der ästhetischen Gleichbehandlung ein besonders interessantes Unterfangen: Was bleibt von der Individualität zweier genetisch gleicher Menschen, wenn man auch noch die äußeren Differenzierungsmittel wegnimmt?

Jedes Gesicht erzählt Geschichten, als träte an der Oberfläche des menschlichen Körpers die Tiefenschicht der Seele zu Tage – die Lebenserfahrung oder die biografischen Krisen, zuweilen auch nur Status, Geschlecht oder soziale Rolle. Aus all diesen Dingen kreiert der 1968 in München als Sohn eines Hörfunkjournalisten geborene People-Fotograf Martin Schoeller einen Look, der längst Geschichte geschrieben hat. Wie einst die Fotografen der Neuen Sachlichkeit oder wie manch ein Absolvent der rheinischen Becher-Schule inszeniert Schoeller die Welt vor seiner Großbildkamera mit den immer gleichen Beimischungen: Da ist das unveränderlich kalte Neonlicht, die stets beibehaltene Kameraposition auf Höhe der Augen und der niemals wechselnde monochrome Bildhintergrund. Wo andere Fotografen mit derart nüchternen Mitteln Fassaden, Strandhütten oder Fördertürme typologisieren, da erforscht Martin Schoeller seine Zeitgenossen: Legenden wie Barack Obama oder Angela Merkel, wie George Clooney oder Jack Nicholson. In den letzten Jahren gesellen sich auch immer öfter Unbekannte unter die Portraitierten: Obdachlose, Sexarbeiterinnen, Zwillingspärchen oder Kriminelle. Stets verewigt Schoeller seine fotografischen Sparringpartner auf großformatigen Portraits, denen er seit seiner ersten, im Jahr 2005 erschienenen Buchpublikation den Namen „Close Ups“ gab. Mit diesen Nahstudien gelang dem seit 1993 in New York lebenden Fotografen der Durchbruch. Sie zeigen, was vom Menschen übrigbleibt, wenn alle Inszenierungen und Maskeraden wegfallen. Mit den „Close Ups“ hat sich Martin Schoeller, der in den 2000er-Jahren für kurze Zeit als Redaktionsfotograf für das legendäre Magazin New Yorker gearbeitet hat, den Ruf eines freundlichen, aber auch knallharten Demaskierers erarbeitet. Es soll Leute geben, die regelrecht Angst vor einer Portraitsitzung bei dem Deutschen haben: „Die Situation ist nicht angenehm und man kann ihr nur schlecht entweichen“, sagt Schoeller selbst über das zuweilen beklemmende Feeling vor seiner Kamera. Doch trotz seiner Schreckschusstechnik: Der Fotograf ist kein Unmensch. Ganz im Gegenteil. In seinen jüngsten Projekten wendet sich Martin Schoeller immer öfter sozialen Themen zu. Er portraitiert jetzt die aus dem amerikanischen Traum zu früh Erwachten: Drag Queens und Prostituierte, psychisch Kranke und Menschen, die auf den kalten Straßen leben. Während der soziale Graben in den westlichen Gesellschaften weiter wächst, gilt vor seiner Kamera das uneingeschränkte Egalitätsversprechen der Menschenrechte: Jeder ist gleich an Würde und wird gleich behandelt.


„DIE MEISTEN PROMIS WURDEN SO OFT FOTOGRAFIERT, DASS SIE ES HASSEN, PORTRAITIERT ZU WERDEN.“
Martin Schoeller


Die Ausstellung

Das Kunstforum NRW in Düsseldorf würdigt Martin Schoellers Portraits noch bis zum 17. Mai mit der bis dato größten Einzelausstellung des Wahl-Amerikaners in Deutschland. Von Schoellers ersten „Close Ups“ bis zu seiner jüngsten Serie über freigesprochene Todeszelleninsassen werden nahezu alle Werkgruppen des Fotografen gezeigt.


ALLE FOTOS: © MARTIN SCHOELLER

ALLE FOTOS: © MARTIN SCHOELLER

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