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PORTRÄT: Britische Landebahn im Mittelmeer


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 60/2020 vom 15.05.2020

GIBRALTAR INTERNATIONAL AIRPORT Für das britische Territorium ganz im Süden der iberischen Halbinsel ist der Flughafen überlebenswichtig. Im Schatten des berühmten Felsens von Gibraltar gelegen, birgt er einige Besonderheiten


Artikelbild für den Artikel "PORTRÄT: Britische Landebahn im Mittelmeer" aus der Ausgabe 60/2020 von Aero International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Aero International, Ausgabe 60/2020

Vom 426 Meter hohen Kalksteinmonolith kann man über den Flughafen hinweg bis zu 200 Kilometer ins spanische Festland schauen. Gut zu erkennen: Die Hauptstraße in die Enklave führt quer über die Piste des Airports


Mehr als 300 Jahre zurück liegen die Gründe dafür, dass es im Süden Spaniens immer noch ein Stück Großbritannien gibt: 1704 wurde Gibraltar von den Briten erobert und 1713 ...

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... durch den Utrecht-Vertrag englisches Territorium in Übersee. Die Vereinbarung beinhaltete eine Reihe von Verträgen in englischer und spanischer Sprache. Die Spanier versuchten seitdem mehrfach, die Festung zurückzuerobern. Die britische Zugehörigkeit wurde mit einem Referendum von 1967 bestätigt. Zuletzt gab es noch 2002 einen Versuch, die Souveränität der kleinen Halbinsel zwischen Spanien und dem Vereinigten Königreich zu teilen.

Heute hat Gibraltar 32 000 Einwohner, nicht mitgezählt die Berberaffen auf dem 426 Meter hohen Felsen, der Gibraltar dominiert. Europas einzige wild lebende Affenpopulation haben die Briten im 18. Jahrhundert aus Nordafrika importiert. Solange Affen in Gibraltar leben, bleibe „The Rock“ britisch, heißt es. Im Felsen erstreckt sich ein im Zweiten Weltkrieg entstandenes Tunnelsystem von knapp 55 Kilometern – länger als das Straßennetz der Enklave.

Gibraltar ist der „englischste“ Ort, den man sich vorstellen kann – mit Ausnahme des Linksverkehrs: Wie im spanischen Territorium, das die Landzunge umgibt, wird auf der rechten Straßenseite gefahren. In Gibraltar gibt es wie in jedem Land Schulen, Krankenhäuser, Geschäfte, Banken, öffentliche Dienste und vieles mehr. Für alles andere wäre London nur zwei Flugstunden entfernt.

In diesem Zusammenhang ist der Flughafen von wesentlicher Bedeutung. Der internationale Flughafen Gibraltar „North Front“ (IATA-Kürzel GIB) ist neben dem Hafen einziges unabhängiges Ein- und Ausgangstor des Landes. Der 1939 eröffnete Militärflughafen sollte die Aktivitäten der Royal Air Force unterstützen. 1959 wurde das erste zivile Passagierterminal im Norden eröffnet, vor dem RAF-Luftwaffenstützpunkt „Südfront“.

Versorgung per Luft und See

Im Lauf der Jahre war der Flughafen für das Überleben der Bürger von grundlegender Bedeutung. Der spanische Diktator Francisco Franco, der von 1936 bis 1975 das Königreich beherrschte, schloss sogar am 8. Juni 1969 die Grenze am einzigen Landzugang zwischen Gibraltar und der im Norden angrenzenden spanischen Stadt La Línea de la Concepción. Der Übergang wurde erst am 15. Dezember 1982 für Fußgänger wieder eröffnet, für Fahrzeuge etwa zwei Monate später, am 5. Februar 1985. In der Zwischenzeit war die Verbindung mit England über den Luft- und Seeweg die einzige Möglichkeit der Versorgung für die Menschen am „Rocca“, wie der Felsen auf Spanisch genannt wird.

Beim Blick vom Gibraltarfelsen wird erkennbar, dass die spanische Stadt La Línea de la Concepción direkt hinter dem Terminal beginnt


Beim Start auf der 1777 Meter langen Bahn wird am Ostende Sand aufgewirbelt


In der Geschichte der Beziehungen zwischen Spanien und Großbritannien gibt es zahlreiche Versuche, den Flughafen für beide Nationen zu nutzen. Eine erste Vereinbarung von 1987 wurde von Gibraltar im Folgejahr blockiert. Der nächste Vertrag wurde unter Spaniens sozialistischer Regierung 2006 unterzeichnet. Das „Cordoba-Abkommen“ sah den Bau eines neuen Terminals in Gibraltar mit einem Zugang von der spanischen Seite aus vor. Im Jahr 2011 kam mit der neuen Regierungsführung durch die Volkspartei Spaniens alles zum Stillstand. Das neue Terminal verblieb auf der Seite Gibraltars, nur wenige Meter von der Grenzlinie entfernt.

Dieses 2011 eröffnete neue Flughafenterminal unter dem Affenfelsen kann bis zu eine Million Passagiere pro Jahr abfertigen. Der Gebäudeteil für Ankünfte wurde am 26. November 2011 eingeweiht, der Teil für die Abflüge folgte erst knapp ein Jahr später. Ein Flügel des Terminal könnte nach wie vor sehr einfach in Richtung Spanien geöffnet werden. Momentan gibt es aber keine Pläne, diese Möglichkeit zu nutzen.

Aus der Vergangenheit des Gibraltar Airport wird ersichtlich, dass er aus der Not heraus gebaut wurde. Selbst heute muss, wer von hier aus irgendwohin will, erst nach Großbritannien fliegen.

Vor dem Entstehen der Landebahn für Flugzeuge gab es am gleichen Platz eine von Zuschauern gut besuchte Pferderennbahn. Heute kann der Flughafen, der fünf Maschinen Platz vor dem Terminal bietet, Flugzeuge bis zum Airbus A320 oder der Boeing 737 abfertigen. Die A321 hat wegen ihrer Größe bereits Schwierigkeiten, in Gibraltar zu landen und zu starten.

Die Landebahn von Gibraltar wird von der Winston Churchill Avenue überquert, die von der Grenzstation und dem Terminal in die Innenstadt führt. Jedes Mal, wenn ein Flugzeug landet oder abfliegt, wird der Durchgang und die Überfahrt für etwa zehn Minuten geschlossen. Die Schranken senken sich, wenn die Flugzeuge zehn Meilen von Gibraltar entfernt sind. Eine grandiose Show für Besucher – aber unbequem für diejenigen, die diese Barriere auf dem Weg zur Arbeit und zurück jeden Tag mehrfach überwinden müssen. Sobald die Schranke angehoben wird, überqueren Personen und Autos die Strecke in beiden Richtungen in geordneten Reihen.

Der Aufwand dafür, dass bei diesem ungewöhnlichen Vorgehen das an einem Flughafen übliche Sicherheitsniveau gewährt bleibt, ist hier sehr hoch. Viele Experten trainieren kontinuierlich, um das zu gewährleisten. Der Übergang wird an beiden Seiten kontrolliert und regelmäßig gereinigt. Eine weitere Überprüfung des Wegs wird nach Absenkung der Schranken vor Starts und Landungen durchgeführt. Es sollen keine Fremdkörper auf der Bahn liegen bleiben, die ein Flugzeug beschädigen könnten. Ein Servicewagen, der den gesamten Flugplatzbereich kontrolliert, informiert per Lautsprecher, wenn sich ein Flugzeug nähert. Nur einmal seit dem Zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren, ereignete sich ein Unfall: ein Fahrradfahrer kreuzte die Bahn und kollidierte mit einem Flugzeug, das gerade gelandet war.

Tunnel statt Übergang

Das Spektakel der Landebahnüberquerung wird allerdings bald enden: Auf der gegenüberliegenden Seite unter der Schwelle zur 27 ist ein Tunnel im Bau. Er wird den Fahrzeugfluss über die Grenze nach Spanien radikal verändern. Das seit vielen Jahren erwartete Projekt soll noch in diesem Jahr mit zwei Fahrspuren in jede Richtung und einem separaten Fußgängertunnel eröffnet werden. Nach aktuellen Angaben folgt daraus die die vollständige Schließung der Winston Churchill Avenue über die Piste. Diesem Vorhaben gegenüber stehen allerdings Anfragen, die Querung zumindest für Fußgänger offen zu lassen.

Auf der Westseite ist die Landebahn weit ins Meer gebaut und wird von Schiffen auf Reede umlagert


»Wir sind eine gute Anlaufstelle auf dem Weg nach Spanien und Marokko«
Terence Lopez, CEO Gibraltar Airport


Derzeit sind drei Airlines am Flughafen Gibraltar aktiv: British Airways, Easyjet und Royal Air Maroc (RAM Express). Das Netzwerk erstreckt sich ausschließlich nach Großbritannien – mit Ausnahme des Flugs nach Tanger, einem der kürzesten Interkontinentalflüge weltweit. Von Tanger geht es weiter zum Hub in Casablanca. Die anderen Airlines flogen von Gibraltar aus vor der Corona-Krise fünfmal täglich von und nach Gatwick, Heathrow, Luton, Manchester und Bristol. Am 31. März sollte Easyjet die Strecke zwischen Gibraltar und Edinburgh eröffnen.In der Vergangenheit war auch die inzwischen nicht mehr existente Monarch Airlines mit mehreren Flügen nach London und Birmingham dabei, die bis zu 40 Prozent des Flugverkehrs ausmachten; 2011 kam BMI Baby aus East Midlands dazu.

Seit Dezember 2006 begannen dank einer Vereinbarungen von Cordoba Iberia und GB Airways (GB Airways für British Airways) Flüge von Gibraltar nach Madrid. Die Verbindung wurde von GB Airways am 1. Oktober 2007 und von Iberia im September 2008 aufgrund zu niedriger Auslastung und geringem Interesse abgesagt. Im Jahr 2009 bot Andalus Lineas Aereas Flüge in Richtung Madrid und auch Barcelona an. Selbst dieses Experiment erwies sich als Fehlschlag, der Betrieb wurde 2010 eingestellt.

Während unseres Besuchs am Flughafen hatten wir das Glück, dank zusätzlicher Charterflüge von Easyjet und British Airways ab London, aber auch von Atlantic Airways ab Vagar und Flügen ab Guernsey und Jersey mehr Verkehr als die üblichen Linienflüge sehen zu können. Zu der Zeit war Gibraltar Austragungsort der „Natwest International Island Games XVIII 2019“ – eine Art Olympische Spiele mit 14 verschiedenen Sportaktivitäten, bei denen 24 Teams mit 2000 Athleten von Inseln wie den Färöern, der Isle of Man und der Isle of Wight, den Shetlands, Bermuda sowie den Falklandinseln und St. Helena gegeneinander spielen.

Für alle Passagiere am Gibraltar Airport findet das Boarding über Treppen statt, Fluggastbrücken gibt es nicht. Das moderne und funktionale Terminal bietet 16 Registrierungsschalter und drei Tore.

Dank der niedrigen Steuern ist Gibraltar sehr günstig beim Kauf von Zigaretten und Spirituosen. Allerdings gibt es Kontrollen für diejenigen, die sich vor der Rückkehr eindecken.

Sprungbrett nach Spanien

Der größte Verkehr bis/ab Gibraltar findet mit Großbritannien statt. Für 40 Prozent der ankommenen Passagiere ist Gibraltar das endgültige Ziel; 60 Prozent der Reisenden wollen in die spanischen Städte der Region. In Gibraltar sind viele Finanzunternehmen und verschiedene Firmen ansässig. In der Vergangenheit beförderten die Flüge von und nach London hauptsächlich Politiker und Geschäftsleute sowie Verwandte von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs nach Großbritannien evakuiert worden waren. Dank seiner Autonomie konnte Gibraltar bisher auf eine gute Mischung von Passagieren zählen. Touristen besuchen die Festung auf dem Felsen und die rund 300 dort frei lebenden Affen. Verwandtenund Freundschaftsbesuche sind üblich. Studenten aus Gibraltar werden zudem bei ihren Reisen subventioniert, wenn sie Universitäten in Großbritannien besuchen. Es gibt Bürger, die aus medizinischen (42 Prozent) oder aus geschäftlichen (23 Prozent) Gründen nach Großbritannien umziehen. Londoner, die ihre Wochenenden in Gibraltar verbringen sind häufig, ebenso der umgekehrte Fall. 65 Prozent der Passagiere haben die britische Staatsangehörigkeit. Das Durchschnittsalter ist recht hoch.

Schlange stehen für Fahrzeuge und Fußgänger an der Hauptstraße, die quer über die Piste nach Gibraltar führt


Taxi-Dienst per Heli

Ein Teil des Flugverkehrs besteht aus Allgemeiner Luftfahrt: Hier landen Kleinflugzeuge und Businessjets aus fast aller Welt. Dank des Tourismussektors und der vielen finanzstarken Firmen, die hier angesiedelt sind, beträgt dieser Markt zwischen 15 und 20 Prozent des gesamten Flugverkehrs. Ein weiteres Zusatzgeschäft sind Hubschrauber. Der Helikopter-Service wird für touristische Rundflüge um „The Rock“ genutzt. Dank häufiger Präsenz von Kreuzfahrtschiffen und Frachtern befördern Hubschrauber Ärzte, Ersatzteile oder gar Schiffsbesatzungen für Crewwechsel auf die rund um die Enklave liegenden Schiffe. Nach maximal zehn Minuten Wartezeit kann ein Hubschrauber zum Hafen starten oder von dort abfliegen. Ab Mai soll ein EC-130-Hubschrauber der norwegischen Fonnafly eingesetzt werden, um Rundflüge zu Preisen ab 99 Britische Pfund anzubieten. Außerdem gibt es Heli-Taxi-Charter-Dienste von Gibraltar bis Malaga Airport.

Gibraltar ist und bleibt eine Militärbasis der RAF. Der militärische Teil befindet sich an der „Südfront“, gegenüber dem Passagierterminal. Der Tower ist mit militärischen und zivilen Lotsen besetzt. Die Basis dient der Unterstützung verschiedener militärischer Zwecke aller NATO-Mitgliedsländer. Die Station trägt zur Aufrechterhaltung der britischen Souveränität von Gibraltar bei.

In den Tagen unseres Besuchs tauchte zum Beispiel eine Lockheed C130-T Hercules der U.S. Navy auf, es gab kontinuierliche Anund Abflüge von Helikopter des Typs AH-1 Wildcat der Royal Navy, wahrscheinlich aufgrund des Angriffs der britischen Royal Marines auf das iranische Schiff Grace-1, das unter Verstoß gegen die Sanktionen Öl nach Syrien transportierte. Diese Aktion zeigt auch heute noch die aus militärischer Sicht strategische Bedeutung von Gibraltar: Die Straße von Gibraltar ist das Verbindungsglied zwischen zwei Kontinenten und gleichzeitig das Tor vom Atlantik in das Mittelmeer. In beiden Weltkriegen diente Gibraltar so als Sperrposten für feindliche Schiffe.

Momentan ist Gibraltar Airport wie viele andere Flughäfen aufgrund der Corona-Krise meist geschlossen. Es gibt nur noch wenige Flüge, die von British Airways durchgeführt werden.