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PORTRÄT: Die Trennung zwischen Kunstort und Alltag einreißen!


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 02.09.2019

Wie Janina Audick zu einer der eigenwilligsten Bühnenbildnerinnen wurde, welche Rolle Schlingensief und Pollesch spielten und was sie bei jungen Theatermachern vermisst. Jetzt entwirft sie das Bühnenbild für Sebastian Baumgartens Inszenierung von Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“ am Theater Basel


Artikelbild für den Artikel "PORTRÄT: Die Trennung zwischen Kunstort und Alltag einreißen!" aus der Ausgabe 9/2019 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 9/2019

Fotoshooting mitten im Leben: Janina Audick in Berlin rund um den Bahnhof Zoo



„Die Bühnenbildnerin Janina Audick hat eine klare Haltung dazu, was politisch richtig und künstlerisch interessant ist. Müde ist sie noch lange nicht.“
Anna Opel


Den Bühnenraum als politisches Statement begreifen und dafür mit ...

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Den Bühnenraum als politisches Statement begreifen und dafür mit beiden Händen in den Fundus der Popkultur greifen: Das ist Janina Audicks Methode geworden. Ihre Hände sind schmal, agieren forsch. Ob sie ein Buch aufschlägt oder eine Stoffprobe befühlt, Handwerk und Denken gehören zusammen auf dem Spielplatz Bühnenbild. Wo es für Janina Audick immer ums Ganze geht. Politik. Und Kunst. Die richtige Haltung zu all dem. Im Gespräch ist Janina Audick offen, erfrischend selbstbewusst. Geboren 1973, hat sie Bildende Kunst, Mode und Bühnendesign in Kassel und an der FH Hamburg studiert. Neben unzähligen Bühnenbildern mit namhaften Regisseuren hat sie zuletzt Raumkonzepte für das Foyer des Hebbel am Ufer und desJungen Schauspielhauses Düsseldorf realisiert.

An einem sonnigen Apriltag erklärt Audick in der Kantine des Theaters Basel, wo die Herausforderung ihres aktuellen Bühnenbildentwurfes liegt: Wie eine Revolution zeigen, die nicht wieder nur Trademark und kommerzieller Hype ist? Sebastian Baumgarten inszeniert Luigi Nonos Revolutionsoper „Al gran sole carico d’amore“ aus dem Jahr 1975. „Das ist das Komplizierte an dieser Arbeit: etwas anderes alsattitude zu finden und ein zukunftsorientiertes Anliegen zu formulieren“, erklärt sie. Und bezieht sich auf Ai Weiwei. „Der hat in Düsseldorf mit seiner Ausstellung gerade gefragt, wo die Revolution eigentlich ist.“ Nono ging es damals um die Dialektik von Aufstand und Repression. Er wollte vergessenen Frauenfiguren aus Geschichte und Literatur eine Stimme geben: Louise Michel, Tanja Bunke, Brechts „Mutter“. So ein Werk kommt Audicks Interessengebieten entgegen. Feminismus und Widerstand gegen Repression: Das sind Themen, mit denen sie von klein auf geimpft worden ist. Lebensthemen, die immer wieder aktuell werden. „Ich freue mich darüber, dass es in der Oper neben all den Kämpfen auch um Liebe geht, um Solidarität und die Schönheit des Lebens.“

Fotos: Tobias Kruse (links), Janina Audick

Inspiration und Bühnenbild: Links das Denkmal der Völkerfreundschaft in Kiew, rechts Janina Audicks Bühnenbildmodell für Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“ am Theater Basel


Die stählerne Repressionsmaschine

Bei ihrer Recherche ist Audick auf die Arbeit des bildenden Künstlers Jürgen Schäfer gestoßen, einen Vertreter der Leipziger Schule. „Das Wesen ohne Körper“ heißt das Bild, das zur Inspiration wurde. Das Gemälde zeigt eine schematisch dargestellte Figur in einer tristen Landschaft. Dimensionen, in denen der Mensch verschwindet. Die Figur wird jetzt in Basel aus Stahl gebaut. „Aus dem Schnürboden gleitet ein Wesen auf die Bühne herab, mit der Aufschrift SIEG. Für mich ist es das wichtigste Bühnenelement, denn es stellt die Repressionsmaschine dar, künstliche Intelligenz, Autorität.“

In den Werkstätten des Theaters begutachtet Janina Audick den Stand der Vorarbeiten, spricht mit dem Produktionsleiter, mit dem Chef des Malersaals. In dieser Phase ist die Arbeit handwerklich, manchmal kleinteilig. Das Modell für das Bühnenbild zeigt eine weiße steinerne Mauer. Davor eine riesige umgestürzte Statue im klassizistischen Stil. Ist das aufblasbare Maschinengewehr schon da? Ideen, zunächst im Puppenhausformat entworfen, hier werden sie umgesetzt. Im Bühnenbildatelier liegt in einer Pappschachtel neben Audicks Modell ein Sammelsurium an Bauteilen, die in den verschiedenen Bildern der Oper zum Einsatz kommen sollen. Der steinerne Kopf der Frauenskulptur, Brüste, die als Sitzelemente dienen werden. Audick bespricht mit dem Produktionsleiter, ob die Metallskulptur es aushält, wenn Teile des Chors darauf stehen? Alle Elemente müssen in den nächsten Wochen konstruiert und gebaut werden, damit bis zur Bauprobe alles fertig ist.

Zwei Wochen später zeigt Janina Audick in ihrem Berliner Atelier auf die Bücher, die sich auf dem Boden stapeln. Feministische Kapitalismuskritik, Soziologie, Kunstbücher. An diesem Nachmittag trägt sie bunte Plüschpuschen und einen violetten Wollpulli zur schwarzen Hose. Es gibt schwarzen Kaffee, und wir sprechen über die Rolle des Bühnenbilds im Theater. „Der Bühnenbildner ist der erste Autor im Theater“, sagt Janina Audick bestimmt. Er legt vor. René Pollesch und Christoph Schlingensief, die Regisseure, mit denen Audick Ende der 1990er-Jahre anfing, als Bühnenbildnerin zu arbeiten, hatten und haben aus Prinzip zu dem Zeitpunkt kein fertiges Konzept, an dem die Theater ihre Bauprobe ansetzen. Gebaut werden muss aber. Also entwirft und baut Audick frei und lange vor Probenbeginn. Manchmal nach einem flapsigen Telefonat, ohne genau zu wissen, was gespielt wird. „Bühnenbild und Regie inspirieren sich gegenseitig“, sagt sie, „mal legt der eine vor und mal die andere, so ist das eben.“

Janina Audick ist als prägende Kraft dabei gewesen, als im Berlin der Nullerjahre die Uhren plötzlich schneller gingen und das Theater von der Performance her gekapert wurde. Da sie Kind von 68er-Eltern ist – ihr Vater war Lehrer, ihre Mutter technische Zeichnerin –, ist Politik immer Teil ihres Alltags, ihres Denkens gewesen. Skepsis gegenüber Institutionen war normal. Nach der Wende ging sie nach Berlin, wo die Zeiten wild waren. Die Stadt war eine Spielwiese für Kunst und Politik.

Das Theater zur Popkultur öffnen

Janina Audick hat nicht irgendwo klein angefangen, sondern mit dem Newcomer René Pollesch im Jahr 2000 fürwww-slums das Rangfoyer des Hamburger Schauspielhauses als Raumbühne gestaltet. Sie hatte eine Arbeit von ihm im Berliner Podewil gesehen und sich vom Unfertigen und Neuen seiner Arbeitsweise angesprochen gefühlt. „Ich kann hier was beitragen, hab ich damals gedacht. Wir haben uns getroffen, und ab da ging es los.“ Einfach machen war die Devise. Oft hieß das selber machen. Kostümteile besticken, bauen, malern. Über Jahre hat Audick mit Pollesch und Schlingensief zusammengearbeitet. Gemeinsam haben sie die ausgetretenen Pfade der Repräsentation verlassen. Die kategorische Trennlinie zwischen Kunstort und Alltag galt es einzureißen, das Medium zu modernisieren, es zur Popkultur hin zu öffnen.

Schauen, was noch kommen kann

Inzwischen ist sie eine arrivierte Künstlerin. Was sie an neueren Handschriften sieht, misst sie an dem, was sie auf ihrem Weg an künstlerischen Wagnissen erlebt hat. Bei vielen jungen Theaterleuten vermisst Audick das Vertrauen in die eigenen Ideen. Räume und Budgets sind enger geworden – schwierige Bedingungen für Newcomer. „Ich fürchte auch, es gibt neuerdings so viele Bühnenbildnerinnen, weil hier kein Geld mehr zu verdienen ist.“ Im vergangenen Jahr hat die Künstlerin Janina Audick „Talent“ herausgegeben, einen Rückblick auf zwanzig Jahre Arbeit in Buchform. Mit entwaffnender Freimütigkeit gibt sie Einblick in ihre Werkstatt. In der Zusammenschau und auch in der lockeren Dramaturgie des Buches werden Audicks Originalität und Witz greifbar. „Ich habe mit den prägenden Figuren zusammengearbeitet, die Veränderungen angestoßen haben. Und ich war selbst prägend in diesem Prozess. Das wollte ich bewahren. Deshalb war es auch ein feministischer Akt, dieses Buch zu machen und meinen Beitrag öffentlich zu machen.“

Der Kontakt zu Christoph Schlingensief, dem allseits geliebten politischen Theatermann, wurde 2003 von der Dramaturgin Stefanie Carp hergestellt. Schlingensief beauftragte Janina Audick, für die Reihe „Attabambi-Pornoland“ eine eigene künstlerische Version für die Drehbühne des Schauspielhauses Zürich zu entwickeln. „Ich bin mit einem Koffer voller Bücher hingegangen, die ich mir zur Inspiration ausgeliehen hatte. Eine Skizze hatte ich schon, und so bin ich in den vierten Stock zu ihm in die Wohnung gestiefelt.“ Ab da haben Audick und Schlingensief immer wieder zusammengearbeitet, sich gegenseitig inspiriert.

Bilanz ziehen, schauen, was noch kommen kann. Das steht im Moment auf der Agenda. Janina Audicks Ansatz, Theaterräume von ihren Auftrittsmöglichkeiten her zu denken, ist inzwischen beinahe klassisch geworden. Kein Wunder also, dass sie als Bühnenbildprofessorin an die Universität der Künste berufen wurde. Sie lehrt dort ab Oktober. Angesichts der restaurativen Züge der Gegenwart wird die Universität in ihren Augen zum „Möglichkeitsraum, von dem aus das Theater neue Impulse bekommen kann“.

AmHebbel am Ufer hat Audick jüngst in einem Regiekollektiv eine Hommage an Einar Schleef inszeniert. „Tarzan rettet Berlin“ war ein bunter Abend mit einem genderdiversen Chor, der den Großmeister nicht einfach feiern, sondern seine Arbeit von heute aus reflektieren wollte. Janina Audick sorgte mit rotem Teppich und grünem Steg für die glamourösen Auftritte des Chors.

Weiter Regie führen? Ja, das sei auch eine Option, sie könne sich einiges vorstellen, sagt Janina Audick verschmitzt. Auch wenn es nach ihrem Geschmack aktuell vielerorts zu brav daherkommt, Janina Audick steht hinter dem Theater als Medium. „Wenn draußen alles gefilmt und inszeniert wird, wird das Theater wieder zum Handlungsraum.“ Und sie liest eine Stelle aus ihrem Buch vor. Die Bühnenbildnerin Janina Audick hat eine klare Haltung dazu, was politisch richtig und künstlerisch interessant ist. Müde ist sie noch lange nicht. Die eigene Stimme finden, den eigenen Ideen vertrauen und sie in die Welt setzen, kompromisslos. „Daran erkennt man das Talent. Das ist das, was Talent ausmacht.“

Janina Audick
Janina Audick arbeitete als Kostüm- und Bühnenbildnerin eng mit René Pollesch und Christoph Schlingensief zusammen. Für die Saisoneröffnung an der Oper Basel mit Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“ schafft sie das Bühnenbild.
» Geboren 1973 in Berlin)
» 1992 bis 1997 Studium Bildende Kunst, Mode- und Bühnendesign in Kassel, in Berlin und an der FH Hamburg
» Lebt seit 1991 hauptsächlich in Berlin
» Seit 1998 Tätigkeit als freie Kostüm- und Bühnenbildnerin
» Seit 2000 Zusammenarbeit mit René Pollesch
» Seit 2003 Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief
» Arbeiten für Herbert Fritsch, Karin Henkel, Meg Stuart, „Studio Braun“, Sebastian Baumgarten, Dieter Giesing
» Ausstattung für Filme von Christoph Schlingensief, Christine Groß, Tatjana Turanskyj, Irene von Alberti und Emily Atef
» Raumkonzeptionen für das Theater „Hebbel am Ufer“ in Berlin (2014) und das „Junge Schauspielhaus Düsseldorf“ (2016)

Luigi Nono:
„Al gran sole carico d’amore“
» Premiere: 14. 9. Theater Basel
» Musikalische Leitung: Jonathan Stockhammer
» Inszenierung: Sebastian Baumgarten
» Bühne: Janina Audick
» Kostüme: Christina Schmitt
» Choreographie: Beate Vollack
» Video: Chris Kondek