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PORTRÄT: Ein Leben für den Modellflug: Giulio de Bernardi und seine L-60 Brigadyr


FMT Flugmodell und Technik - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 28.11.2019

Ich möchte Ihnen heute, stellvertretend für alle in den Vereinen engagierten Menschen, eine Person vorstellen, die sich seit ihrer Kindheit für den Modellflug engagiert. Zunächst als Bewunderer verschiedenster Militärflugzeuge, dann als aktiver Modellflugpilot. Er hat elf Jahre Vorstandsarbeit geleistet, war mehrere Jahre Vereinsvorsitzender, wirkte als Konstrukteur, Berichterstatter in namhaften Modellzeitschriften und ist außerdem ein hervorragender Pilot. Gemeint ist Giulio de Bernardi, ein echter Bad Homburger (Frankfurt) mit italienischen Wurzeln.


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Bildquelle: FMT Flugmodell und Technik, Ausgabe 12/2019

Zu Besuch in Gulio de Bernardis Werkstatt. ...

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Gulio de Bernardi ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Mit seinen Modellen und vielen Detail-Konstruktionen hat er zum Erfolg des Flugmodellbaus beigetragen und sein jahrzehntelanges Engagement ist Anlass für diesen Artikel. Als Bauingenieur bringt er eine ganz hervorragende Grundlage für das Hobby mit.

Gulio war in der Fliegergruppe Hochtaunus aktiv, unter anderem schreibt er am 3.11.1989 in seinem Grußwort als Vorsitzender des Vereins: „Die Gründung und der Erhalt eines Modellflugsportvereines ist keine einfache Aufgabe. Schwierige Aufgaben schmieden aber bekanntlich Menschen zu einer besonders festen Gemeinschaft und Kameradschaft zusammen…“

Giulio de Bernardi ist Jahrgang 1936, heute also 83 Jahre jung, und kennt aufgrund des Berufes seines Vaters fast jeden Flugplatz in Italien. Sein Vater war ebenfalls Bauingenieur. Als Kind hatte sich Gulio allerdings nicht so sehr für die Gebäude der italienischen Luftwaffe interessiert, sondern vielmehr für die in den Hallen untergebrachten Flugzeuge. In den Hangars malte er die Flugzeuge und spielte später im Alter von 15 Jahren mit den Militär-Piloten Lassogeier. Damit war der Fesselflug gemeint. Nach seinem Militärdienst führte ihn die Liebe im April 1960 nach Frankfurt.

Jugenderinnerungen: Begeistert von den Originalen und Modellen, begann Gulio als Kind mit dem Fesselflug.


Die Pläne des Twin Astir hat Julio bis heute aufbewahrt.


Auch die ersten Entwürfe der L-60 finden sich noch in Gulios Werkstatt.


Die Zlin Z-137T Agro Turbo war Julios erste CAD-Konstruktion.


Die L-60 Brigadyr – ein seltenes Modell auf den Modellfluplätzen – trägt die Gene des Fieseler Storchs.


Während damals im Graupner-Katalog eher kleine Flugzeuge angeboten wurden, ließ Gulio de Bernardi aufgrund der familiären Geschichte der Gedanke nicht los, die in den Hangars gesehenen Flugzeuge maßstabsgetreu in die Modellfliegerei zu übertragen. Mit den damaligen Mitteln, ohne Internet und PC, konstruierte und zeichnete er selbst, berechnete die RE-Zahlen (Reynoldszahl) und verewigte die großen Konstruktionen mit einem Pantograph auf Papier. Seine Twin Astir bereitete mit anderen Flugzeugen den Weg zur heutigen Großmodellfliegerei.

In diesem Zusammenhang ist auch die Nennung zweier uns allen bekannten Konstrukteuren, Fliegern und Freunden erforderlich, die dazu beigetragen haben, dass die Twin Astir ein Erfolg wurde. Die Twin Astir entstand zur Zeit der Verbreitung der ersten Großsegler in Deutschland. Derjenige, der Gulio bei der Fertigung und Vermarktung des GFK Rumpfes half, war der uns allen bekannte Harry Rosenthal. Die ersten Flächen hingegen stammten nach Gulios Profilangaben aus der Tragflächenschmiede des Flieger-Kameraden Hans Müller/Steinau. Die von Gulio konstruierte Twin Astir konnte später bei der Firma Gewalt gekauft werden.

Gulios Modelle sind vorbildgetreu bis ins Cockpit-


Detail am Tragflächenaufbau: das Torsionsrohr zur Vorflügelanlenkung.


Gulio bei der Arbeit am Vorflügel der L-60.


Bei der Recherche zu diesem Artikel fand ich auch eine Zeichnung für das gefederte Fahrwerk der PZL-104 Wilga, das bis heute an der von Alex Frisch produzierten Wilga Verwendung findet. Gulio wirkte also auf verschiedensten Ebenen.

Mit 64 Jahren, im Jahr 2000, hat Gulio nochmal ein neues Kapitel aufgeschlagen und sich mit der computergesteuerten CADKonstruktion auseinandergesetzt. Diese Art der Konstruktion hat die Modellfliegerei revolutioniert, so Gulio de Bernardi. Mit viel Engagement entstand über eine ausgefeilte CAD-Konstruktion seine Zlin 137 Agro. Dies ist seine erste Maschine, die komplett mit CAD gerechnet und geplant wurde und sie zeigt Gulios Vorliebe für den Seglerschlepp – ein Teamsport, der die Gemeinschaft fördert.

De Bernardi hat mit seinen Fliegerkameraden in Wehrheim den Seglerschlepp-Betrieb eingeführt. Zwischenzeitlich war er auch im Aeroclub Nieder-Eschbach Mitglied. Dort gibt es traditionell sehr viel Wissen in der Großfliegerei und Gulio fand dort engagierte und kompetente Mitstreiter.

Details der Vorflügel- und Landeklappenausführung. Die Anlenkung ist gekoppelt.


Die funktionsfähigen und vorbildgetreuen Vorflügel und Spaltklappen sind der Garant für außergewöhnliche Langsamflugeigenschaften.


Die L-60 Brigadyr

Sein größter fliegerisch-konstruktiver Erfolg, der auch heutigen Maßstäben standhält, ist sicher die L-60 Brigadyr, die in zwei Größen entstand. Mein Flügelmann Marcel Bautz schleppt mit der „kleinen“ Brigadyr im Maßstab von 1:3 unermüdlich. Manchmal bis zu 40 Schlepps am Tag – und das seit Jahren.

Auf die L-60 Brigadyr möchte ich ausführlicher eingehen. Auf die Frage nach den Motiven für den Bau der L-60 antwortet Gulio: „Mir waren folgende Anforderungen wichtig: Das Modell sollte als Schleppmaschine vorbildgetreu in den Modellbau übertragen werden. Und zudem sollte es gutmütige Flugeigenschaften haben. Aufgrund des Interesses am Akro-Segelkunstflug sollte die Maschine einen großen Geschwindigkeitsbereich haben, mit Landeklappen und Vorflügel ausgestattet sein und das Zweibein-Fahrwerk sollte gefedert sein. Alles in allem wollte ich ein sehr alltagstaugliches Modell konstruieren.“

Das gefederte Zweibein-Fahrwerk funktioniert jetzt seit 16 Jahren tadellos! Ein Beweis für die gelungene Auslegung.


Hans-Jürgen Fischer hat zu Beginn der 90er Jahre die L-60 erstmals gezeichnet und beschrieben. Gulio verwendete diese Scale-Dokumentation als Grundlage und überarbeitete sie mit sehr viel Detailarbeit. Ich konnte während meines Interview-Besuchs in Gulios Wohnung die unglaublich vielen Zeichnungen einsehen. So wurde insbesondere der Leitwerksbereich grundlegend überarbeitet und gewichtsoptimiert konstruiert. Bei den Tragflächen entschied sich Gulio für die klassische Rippenbauweise.

Die Brigadyr sind auch mit einer vorbildgetreuen Oberfläche und zahlreichen Scale-Details ausgestattet.


Gulio hat die Aero L-60 Brigadyr in zwei Größen gebaut. Das Original wurde in den frühen 50er Jahren in der Tschechoslowakei entwickelt und hauptsächlich als Agrarflugzeug eingesetzt. Bis heute sind L-60 als Schleppmaschinen im Einsatz.


Die Besonderheit an diesem Flugzeug liegt im funktionalen Vorflügel der Tragflächen. Dieser ist 8 cm breit und jeweils 150 cm lang. Um einen Vorflügel richtig zu konstruieren, bedarf es einiger Kenntnisse bezüglich der Aerodynamik. Diese Vorflügel sorgen – wie beim Original auch – für zusätzlichen Auftrieb. Durch den entstehenden Luftkanal am Vorflügel und den Landeklappen wird die Strömung positiv beeinflusst und die Tiefe der Tragflächen um einiges größer. Sind die beiden Luftkanäle richtig konstruiert, ist der Auftrieb so stark, dass sich sehr gute Langsamflugeigenschaften ergeben.

Um im Schlepp alle Arten von Segelflugzeugen sicher und originalgetreu schleppen zu können, muss das Schleppmodell ein breites Geschwindigkeitsspektrum haben. Über die Steuerung der Vorflügel und Landeklappen kann die L-60 ihre Fluggeschwindigkeit perfekt den Erfordernissen des geschleppten Seglers anpassen. Die Brigadyr kann nicht nur sehr langsam geflogen werden, sie nimmt auch schnell Fahrt auf, wenn die Vorflügel eingefahren werden. Es ist die perfekte modellbautechnische Umsetzung, mit der sowohl langsam fliegende Oldtimer als auch Kunstflugsegler wie zum Beispiel Fox oder Swift, die eher schnell fliegen möchten, sicher und stressfrei geschleppt werden können.

Die Flugeigenschaften der L-60-Modelle sind tadellos – perfekt für den Alltags-Schleppbetrieb.


Um dieses Ergebnis zu erreichen, wurden mehrere Varianten getestet – ein Luftkanal stand ja damals nicht zur Verfügung. Letztlich wurde die Anlenkung der Vorflügel mechanisch mit den Landeklappen kombiniert, so dass der Pilot an das Ausfahren der Vorflügel nicht mehr denken muss. Programmierarbeit war somit nicht erforderlich. Der Pilot hat beim Setzen der Landeklappen durch das gleichzeitige Ausfahren der Vorflügel erheblich mehr Auftrieb und bessere Flugeigenschaften. Bei seinen Versuchen, hat Gulio das optimale Verhältnis zur Verjüngung des Luftspalts am Vorflügel nach oben mit 2:3 ermittelt. Dass diese Vorflügel jetzt seit 16 Jahren einwandfrei funktionieren, ist eine technische Meisterleistung.

Marcel Bautz aus dem Aeroclub Nieder-Eschbach hat vor etwa drei Jahren die „kleine“ Brigadyr (Maßstab 1:3) übernommen und schleppt sehr viel damit. Er sagt zum Modell: „Die L-60 ist ein reines Arbeitspferd. Sowohl mit Oldtimern also auch mit Kunstflugseglern macht mein Pferdchen eine gute Figur. Die Brigadyr kann absolut scale geflogen werden und ist ein wirklich zuverlässiger Partner. Es gibt keinen Schlepptag, den ich aufgrund eines Mangels absagen musste.“

Ohne Einsatz und Ehrenamt kein Vereinsleben

Dieser Bericht zeigt, welchen bleibenden Beitrag Gulio de Bernardi neben seinem ehrenamtlichen Engagement auch mit seinen Modell-Konstruktionen für den Flugmodellsport geleistet hat. Ein solches Engagement ist essentiell für ein funktionierendes Vereinsleben. Ich denke, jeder sollte – entsprechend seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten – auch heute einen kleinen Teil zum Erhalt unserer Vereine beitragen, damit wir auch weiterhin dieses tolle Hobby betreiben können.

Gulio de Bernardi hat mir im August diesen Jahres am Flugtag in Wehrheim, einen Tag nach seinem 83. Geburtstag, während eines Gespräches mitgeteilt, dass er die Modellfliegerei einstellen werde. Nach einem Absturz seiner geliebten ASW-15b hat er beschlossen, dass es Zeit ist. Er wolle niemand gefährden. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass seine Fliegerei noch immer absolut souverän aussah. Und deshalb verdient seine Entscheidung höchsten Respekt!

Giulio de Bernardis konstruktives und fliegerisches Wirken im zeitlichen Abriss

1974: Entwicklung des Twin-Astir, Maßstab 1:4, Spannweite 4,46 m, als gemeinsames Projekt mit Gewalt und Müller Tragflächenbau
1980: Fauvel AV.36, Maßstab 1:4, 4 m Spannweite, nach Originalbauplänen
1981: Caproni Ca.18, Maßstab 1:4, 1,80 m Spannweite, nach Originalbauplänen
1982: Grunau 9, Maßstab 1:4, 4 m Spannweite, nach Originalbauplänen
1984: PZL-104 Wilga von Alex Frisch, Maßstab 1:3, Konstruktion des gefederten Fahrwerkes
1984: Erste Fotoflüge mit einem Modell und Agfa-Kamera
1985: de Havilland DHC-2 Beaver, Schleppmaschine mit modifiziertem Kettensägen-Motor
1989: North American T-6, in Zusammenarbeit mit Rainer Treder
1990: Fournier RF-4, nach Originalbauplänen
1995: Tony-Clark-Piper, Maßstab 1:4, Umbau zur L4 Grasshopper, nach Originalplänen
2000: Aero L-60 Brigadyr, Maßstab 1:4, Motor 3W 106, mit aktiven Vorflügeln
2001: Zlin Z-137T Agro Turbo, erste CAD-Konstruktion
2016: Aero L-60 Brigadyr, M 1:3,5, CAD-Konstruk-tion, mit aktiven Vorflügeln